Re: Erfahrungsbericht / Pichler und Stonig

geschrieben von:  Drahbeck

Datum: 23. Juni 2009 12:52

Zitat:

Frau von x

Dazu fällt mir nur ein: Der Mohr hat seine Schuldigkeit (Arbeit) getan, der Mohr kann gehen.

Im Rahmen der Aktion Stolperstein-Verlegung, ist jetzt auch einer für den Österreichischen Zeugen Jehovas Johann Pichler verlegt worden.
Pichler einer der ersten Österreichischen Wehrdienstverweigrer, wurde noch auf einem Militärschießplatz Standrechtlich erschossen. Danach zog es das Regime vor, dass alles etwas „lautloser" etwa in Berlin-Plötzensee zu absolvieren.
Der Bericht erwähnt zwar, es gab anläßlich der Beerdigung, (eine von der Gestapo überwachte) noch ein Nachspiel, nennt aber keine Details. So sei denn noch zitiert, was andernorts zu lesen ist:
www.salzburg.at/themen/leben.html?nachrid=43115

„Eine demonstrative Haltung nahm der Bibelforscher Rudolf Stonig an, indem er mit lauter Stimme rief: ,Ihr habt Gott mehr gehorcht als den Menschen.' Gleich verhielt sich der
Bibelforscher Heinrich Harasek, der den Ausruf tat: Jehova lebt!'" Soweit der Bericht der Gestapo, die auch Photos von den Anwesenden machte."
Zitat in:
„Zeugen Jehovas Vergessene Opfer des Nationalsozialismus?
Referate und Berichte der vom Dokumentationsarchiv des österreichischen Widerstandes (DÖW) und dem Institut für Wissenschaft und Kunst (IWK) am 29. Jänner 1998 veranstalteten wissenschaftlichen Tagung.
Wien 1998
Schriftenreihe des Dokumentationsarchivs des österreichischen Widerstandes zur Geschichte der NS-Gewaltverbrechen - 3"

Für Stonig sollte dies bereits fünf Tage später, die Einlieferung in das KZ Sachsenhausen zur Folge haben, dass er auch erst nach dem Ende des Naziregimes wieder verlassen konnte.
War Stonig in direkter Linie mit Pichler verwandt? Wohl kaum. Er war also lediglich Glaubensbruder.

Konnte er erwarten, dass seine Emotionen folgenlos bleiben werden?
Nüchtern betrachtet, hatte er wohl wenig Grund zu solcher Erwartung.
Was also nützte diese Demonstration?

Stonig war bereits früher in den Akten der Nazijustiz verewigt. Dazu sei aus dem Aktenbestand des Bundesarchivs folgendes zitiert: (eingesehen Anfang der 1990er Jahre, wo das vormalige Staatsarchiv der DDR noch in Potsdam (bereits in der Trägerschaft des Bundesarchivs befindlich) war (IIIg 20 So 64/39)

„Staatsanwaltschaft beim Landgericht Salzburg
Salzburg 1. 3. 1939
Bericht
Rudolf Stonig, geb. 18. 12. 1902 in Kleinarl, Bezirk St. Johann; Gau Salzburg, dort zuständig, Hilfsarbeiter, ledig; zuletzt in Kleinarl Nr. 64 derzeit in Untersuchungshaft hier.

Der Beschuldigte wurde zur Anzeige gebracht, weil er wiederholt versucht habe, bei der Bevölkerung von Kleinarl insbesondere aber bei seinen Arbeitskollegen für den Glauben Jehova zu werben und sie vom Militärdienst abzuhalten.

Der Beschuldigte bekennt sich nicht schuldig und gab an, dass er niemand dazu aufgefordert habe, sich der Militärdienstpflicht zu entziehen und habe seine Ansichten über den Glauben Jehovas nur über Befragen geäussert. Er gab weiter an, dass er sich im Falle eines Einberufungsbefehles nicht stellen werde, da er nicht töten dürfe und werde die staatliche Strafe auf sich nehmen.
In allen anderen Dingen stehe er aber voll und ganz dem Volke und Staate zur Verfügung.

Auf Grund der Angaben des Zeugen Martin Nairz, Sofie Strigl, Wolfgang Fritz Wüllner und Franz Striegl, konnte nicht festgestellt werden, daß der Beschuldigte den Glauben Jehovas verkündet und darauf Einfluss genommen hätte, dass die Bevölkerung insbesondere seine Arbeitskameraden den Gestellungsbefehlen keine Folge leisten sollten.
Insbesondere aus der Aussage des Zeugen Nairz geht hervor, daß der Beschuldigte nur über Befragen der Arbeitskameraden über die Belange des Glaubens Jehova sprach und daß sie dies nur als Spass aufgefaßt hatten und daß er ihnen wohl Bücher zum Lesen bringen wollte, dies aber nicht tat und er auch nicht wisse, was dies für Bücher gewesen wären. Nach Angabe dieses Zeugen versuchte der Beschuldigte auch niemals ihn und seine Arbeitskameraden von seinem Glauben zu überzeugen und sei er eigentlich immer nur "gepflanzt" worden.

Bei dieser Sachlage erachtet die Staatsanwaltschaft Salzburg vom Tatbestand eines Verbrechens nach § 65 B.St.G für nicht gegeben, da er weder zum Ungehorsam, noch zur Auflehnung gegen Verfügungen öffentlicher Behörden aufforderte anfeuerte oder zu verleiten suchte.
Aber auch diese Prüfung fiel negativ aus, weil der Beschuldigte auf Grund der Ergebnisse der Untersuchung zur Begründung oder Verbreitung der Irrlehren Jehovas weder Versammlungen veranstaltet noch Vorträge hielt oder veröffentlichte, auch keine Bekenner warb und keine zu
diesem Zweck abzielende Handlung unternommen hat.
Ich habe daher vor: auf Einstellung der Voruntersuchung gegen Rudolf Stonig unter Antrag auf Aberkennung einer Haftentschädigungansprüche anzutragen, wozu ich mir die Genehmigung erbitte.

Der Reichsminister der Justiz, 18. März 1939
an den Generalstaatsanwalt in Innsbruck
Strafsache gegen Rudolf Stonig
Die Bestrebungen der Internationalen Bibelforscher-Vereinigung müssen als ausgesprochen staatsfeindlich und staatsgefährlich bezeichnet werden. Ihre Anhänger, die sich auch Zeugen Jehovas nennen, arbeiten bewußt gegen die Maßnahmen der nationalsozialistischen Staatsführung. Sie versuchen insbesondere die Wehrwilligkeit und Wehrbereitschaft des deutschen Volkes zu zersetzen und fördern die Verweigerung des Wehrdienstes. Bei der Gefährlichkeit ihrer Betätigung muß ich erwarten, daß in jedem einzelnen Fall das Auftreten eines internationalen Bibelforschers die Staatsanwaltschaft mit allem Nachdruck auf die Ermittlung der strafbaren Handlungen und ihre rücksichtslose Bestrafung hinwirkt.

Aus diesem Grunde ersuche ich, die Staatsanwaltschaft bei dem, Landgericht in Salzburg anzuweisen, für eine weitere Aufklärung des Sachverhalts in dem Verfahren gegen Rudolf Stonig Sorge zu tragen. Bei der bekannten Einstellung der internationalen Bibelforscher besteht kaum ein Zweifel, daß auch der Beschuldigte auf Förderung und Verbreitung der Internationalen Bibelforschervereinigung hinzielende Handlungen unternommen hat. Es wird daher vor allem geboten sein, außer dem Zeugen Nairz noch weitere Arbeitskameraden zu vernehmen.
Über das Ergebnis der Verfahrens ersuche ich zu berichten.

Der Oberstaatsanwalt
Salzburg 17. 5. 1939
Bericht
Der Beschuldigte bekennt sich nicht schuldig und gab an, dass er niemanden aufgefordert habe, sich der Militärdienstpflicht zu entziehen und dass er seine Ansichten über den Glauben Jehovas nur über Befragungen dargeboten habe.
Er gab weiter an, dass er sich im Falle eines Einberufungsbefehles nicht stellen werde, da man nicht töten dürfe und werde die hierfür vorgesehene staatliche Strafe auf sich nehmen. In allen anderen Dingen stehe er aber voll und ganz dem Volke und Staate zur Verfügung.
Auf Grund der Angaben seiner Arbeitskameraden kann nicht als erwiesen angenommen werden, dass der Beschuldigte in Verkündigung des Glaubens Jehovas darauf Einfluss genommen hätte, dass seine Arbeitskameraden dem Gestellungsbefehle keine Folge leisten sollten. Insbesondere aus der Aussage des Zeugen Nairz geht hervor, dass sie seine Äusserungen nur als Spass aufgefasst hätten und dass er auch niemals versucht hätte, sie von seinem Glauben zu überzeugen. Es konnte auch nicht festgestellt werden, daß der Beschuldigte verbotene Druckwerke über den Glauben Jehova verbreitet hat.

Wohl aber ergibt sich aus der Zeugenaussage des Alois Oberbichler, daß der Beschuldigte ihn im Frühjahr oder Sommer 1938 zu überreden versuchte, den röm. kath. Glauben zu lassen und so also den Glauben Jehovas anzunehmen. Da Oberbichler hierfür nicht zu haben war, hat ihn der Beschuldigte weiterhin mit solchen Ansinnen in Ruhe gelassen.
Mit Rücksicht aber darauf, daß der Beschuldigte diese Anwerbung des Alois Oberbichler zum Glauben Jehovas spätestens aber im Sommer 1938 vorgenommen hat, und die Anzeige gegen den Beschuldigten erst am 25. November 1938 beim Amtsgericht in St. Johann i. Pg. erstattet wurde, ist Verjährung nach § 532 StG eingetreten, da auf das Vergehen nach § 304 StG nur Arreststrafe von 1 bis 3 Monaten steht, die Verjährungsfrist also 3 Monate beträgt.
Ich habe daher vor, auf Einstellung der Voruntersuchung unter gleichzeitigem Antrag auf Aberkennung eines Haftentschädigungsanspruches nach § 109 StPO. anzutragen und mit Rücksicht darauf, daß der Beschuldigte als unbelehrbarer Bibelforscher in der Folge die Wehrwilligkeit und Wehrbereitschaft des Deutschen Volkes zersetzen könnte, ihn der Geheimen Staatspolizei, Staatspolizeistelle Salzburg unter Mitteilung des Sachverhaltes
überstellen zu lassen.

Wie auch immer man nun vorstehende Zitate auch bewerten mag, scheint es doch so, dass er eine vielleicht geringe Chance hatte, nochmals mit „dem blauen Auge" davon zu kommen.
Und nun sein demonstratives Auftreten bei der Pichler-Beerdigung.
Wo ist das die „Klugheit der Schlangen aber ohne Falsch der Tauben?"

Ich jedenfalls vermag sie nicht zu erkennen.
Offenbar hat er aber wie gesagt, das KZ noch überlebt.
KZ-Schluss war 1945, also vor etwa 64 Jahren.
Hat man in diesen nachfolgenden Jahren mal detaillierteres in der WTG-Literatur über ihn zu lesen bekommen, etwa im Stil der Artikelserie „Mein Lebensziel verfolgend".
Ich wusste nicht wo. Man befrage doch mal die WTG CD-ROM nach ihm, und man wird angesichts des sich dort auftuenden Schweigens, wieder einmal belehrt, wie die WTG ihre Geschichte bewältigt. Vor allem und nicht zuletzt, mittels Schweigen!

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