Kommentar zu einem Justizfall

geschrieben von:  Drahbeck

Datum: 07. Juni 2009 05:32

Bei der nachfolgenden Meldung, der CV 242 (September 1989) entnommenen Meldung, die sich Ihrerseits als Grundlage dafür, auf einen Bericht der "Bildzeitung" beruft, kann ich nicht verhehlen "ganz hin- und hergerissen" zu sein.

Auf den ersten Blick erscheint ja diese Meldung für die Zeugen Jehovas positiv zu sein.
Da ist also einer mit krimineller Karriere, Zeuge Jehovas geworden, und meint, auch bedingt durch diesen Umstand, einen radikalen Wechsel in seiner Lebensgestaltung vorzunehmen.

Meines Erachtens wäre es durchaus sinnvoll, würde, sagen wie mal nach zehn Jahren, Journalisten sich den Fall nochmals im Detail genau ansehen; sofern das rechtlich zulässig ist. Insbesondere unter dem Gesichtspunkt.
Hat dieser Wechsel in seiner Lebensgestaltung auch das gehalten, was er mal zu versprechen schien?
Eine Organisation (der Fall spielte in Hamburg), die just in Hamburg schon Menschen wegen des "Vergehens des Rauchens"

in den Selbstmord trieb. Es tut mir leid, einer solchen Organisation gegenüber, fällt es mir mehr als schwer, einen Vertrauensvorschuss zu gewähren.
Die Strafe für seine kriminelle Vergangenheit, wird der Täter ja mal abgesessen haben. Dann stellt sich die Frage. Was kommt dann?

Der WTG-Forderungskatalog (Predigtdienst usw.) wird auch um ihn keinen Bogen machen; und sehr schnell jenen Grad erreichen, wo schon andere, mit anderer Vergangenheit, drohen an Überlastung zu zerbrechen.
Der Religionsmarkt ist groß und breit. Im Bereich der sogenannt "kleineren Religionsgemeinschaften", an die dann doch wohl in erster Linie zu denken wäre, gäbe es sicherlich auch noch andere, die ihm da auch so eine Art von "Halt" hätten geben können.
Meines Erachtens ist der Betreffende, eher an die "verkehrte Adresse" geraten.
Das wäre so mein Kommentar zu diesem Bericht der "Bildzeitung". Nun habe ich in der Tat genug kommentiert, und zitiere im folgenden nur noch kommentarlos, via der genannten CV-Ausgabe, was da zu lesen war:


Als Erwin K. (31) von der Kripo zum ersten Verhör geholt wurde, ging es erstmal nur um einen Diebstahl. Dann wurden es immer mehr, schließlich waren es 16 - und das war noch nicht alles ...
In seinem Prozeß gestand der Seemann über 200 Straftaten!
Er hatte in vier Jahren 100 Taschendiebstähle und 100 Einbrüche begangen Tresore geknackt. Die Kripo konnte nicht mal alle Tatorte wiederfinden.
Der Richter verurteilte ihn erstmal zu 18 Monaten, Gefängnis, der Staatsanwalt schrieb eine neue Anklage für die große Serie. Gestern saß der Seriendieb wieder auf der Anklagebank. Mit seltsam entrücktem Lächeln, als wäre er nicht von dieser Welt. Warum hat der Seemann plötzlich Verbrechen gestanden, die ihm die Kripo nie nachgewiesen hätte?
"Ich möchte endlich ehrlich leben können. Ich bin Zeuge Jehovas geworden, will ein neues Leben ohne Straftaten beginnen. Ich glaube an die Bibel. Wenn ich nicht alles offenbart hätte, könnte ich nicht mehr leben" - so begründete der Einbrecher seine Beichte.
Richter Klaus-Ulrich Tempke:
„Ihr Fall ist einmalig in der Hamburger Justizgeschichte. Daß einer aus Religiosität Straftaten zugibt, die man ihm nie hätte nachweisen können ..."
Der Richter wollte das Strafverfahren einstellen, aber der Staatsanwalt war dagegen. Deshalb bildete das Gericht eine Gesamtstrafe von zwei Jahren.
Der Angeklagte nahm das Urteil sofort an. Jürgen Wohldorf, BILD, 14.4.1989

Re: Hört, hört!

geschrieben von:  Drahbeck

Datum: 13. Juni 2009 05:37

(Weiter unten, noch ein weiteres Zitat aus der CV)
Mehr noch als vielleicht in anderen Ländern, besteht in den USA das "Spießbürgermilieu" "Anerkannter" "Spießbürger" kann dort nur der sein, der einer Organisation mit "frommen Augenaufschlag" angehört, und nicht zu vergessen. Tatkräftig mit dazu beiträgt, deren Funktionärsschicht finanziell "durchzufüttern".

Wer denn diesen Spielregeln nicht folgt, läuft ziemlich schnell dort (aber eben nicht nur "dort") Gefahr, sich das Stigma des "Geächteten" einzuhandeln.

Auch ein Raymond Franz musste sich einmal mit dieser Sachlage auseinander setzen.
Und siehe da, im Rahmen seiner Korrespondenz bekam er auch einmal einen Brief, welcher ihn wohl veranlasste, seine Position dazu, einmal zu Papier zu bringen.

Die CV 246 zitiert diesen Brief.
Nachstehend dann mal ein paar Passagen, was der "einsame Rufer" Raymond Franz, glaubte auf die ihm gestellten Fragen antworten zu sollen:

... Du bittest um Adressen anderer Organisationen gewesener Zeugen Jehovas. In verschiedenen Ländern bestehen viele Aktivitäten ehemaliger Zeugen. Unterschiedliche Leute verließen die Wachtturmgesellschaft aus ganz unterschiedlichen Gründen. Manche unter ihnen machten wie ein Pendel eine plötzliche Kehrtwendung in Richtung Orthodoxie, und in einer bedauernswerten Tätigkeit manifestieren sie den gleichen Dogmatismus, welcher typisch ist der Wachtturmgesellschaft. Deshalb gebe ich eher Einzelpersonen Unterstützung als einer Bewegung oder Gruppe.

Einige gewesene Zeugen lassen sich von der Überzeugung leiten, sie müßten irgendwo hingehören, um das Gefühl einer Persönlichkeit zu haben. Von mir selbst redend, kann ich nur bestätigen, daß ich mich jetzt wirklich frei und ungezwungen in meinen Kontakten zu Menschen verschiedener Glaubensbekenntnisse fühle. Wenn ich so das Verhalten gewesener Zeugen beobachte, wie sich versuchen sich wieder an eine von hunderten Religionen zu binden, empfinde ich nicht das Bedürfnis mich auch irgendeinem Religionssystem zu unterwerfen.

Solch ein Unterwerfen schafft, zumindest bis zu einem gewissen Grade, eine Trennlinie zwischen Menschen, weil man von Natur aus geneigt ist, zu Gunsten des eigenen Systems bzw. der Religion zu wirken, zu Ungunsten anderer.
Ich ziehe es vor, frei zu bleiben von solchen Pflichte und ihrer mehr oder weniger versklavenden Folgen. Es scheint mir, daß ich auf diese Art zu allen Menschen eine gute Beziehung haben kann, ohne das Gefühl der Trennung zu empfinden, welches entsteht, wenn man sich mit gegebenen Religionen verbindet, obwohl man deren Folgen möglichst gering halten möchte.

Es kommt mir zu Ohren, daß verschiedene versuchen zu zeigen, daß eine Nichtzugehörigkeit zu irgendeiner Religionsgemeinschaft gleichbedeutend ist, sich außerhalb des Leibes Christi zu stellen. Das ist, meines Erachtens auch gleichbedeutend, sich der Gründe zu bedienen, welche auch die Wachtturmgesellschaft einimpft, daß eine Beziehung zu Gott und Christus nur durch Mitgliedschaft in einem System oder einer Organisation möglich ist. Für mich besteht aber kein Zweifel, daß ein Mensch schon dann ein Teil des Leibes Christi wird und sich mit ihm vereint, wenn er ihn im Glauben an seinen Erlöser annimmt und als sein Haupt anerkennt.

Auf diese Weise fühle ich mich verbrüdert mit allen, die einer Beweis solchen Glaubens ablegen, ich bin sicher, daß in jeder Glaubensgemeinschaft ein bestimmter Prozentsatz solcher Treuen vorzufinden ist. Ein großer Teil solcher existiert auch ohne zur genannten Kategorie zu gehören. Spreu mit Weizen vermengt ist in allen verschiedenen Religionssystemen vorzufinden und leider ist selten die Spreu in der Minderheit. Unsere persönliche Verbrüderung mit bestimmten Leuten - ich muß es zugeben - ist nicht groß, wenn es um die Zahl geht, aber diese geringe Zahl befriedigt uns außerordentlich.

Hier im Gebiet von Atlanta knüpften wir Kontakte mit einer Anzahl von Menschen, welche wir vorher nie gekannt hatten und ich bin beeindruckt von Persönlichkeiten inmitten vieler derer, die die Organisation verlassen haben. Und doch kann man sagen, daß es klar ist, daß ein verlassen der Organisation aus der Erkenntnis heraus, daß sie falsch ist, noch keine Verbesserung bringt,. Entscheidend ist der ausschlaggebende Grund, warum es zum Bruch mit der Organisation kam. So ein Wechsel hat größere Wahrscheinlichkeit des Erfolges, um durch Erfahrung Menschen zu helfen. Es bedeutet nicht nur die negativen Seiten zu sehen wie Fehler, wenig wehrhaft christlichen Geist und übermäßig aufgebauschte grundlegende Glaubenselemente, sondern statt dessen erkennen das, was eher verbindet; es bedeutet bemüht zu sein, sich von der Nähe und der beispielgebenden Menschenliebe und Erbarmen des Sohnes Gottes und seines Umgangs mit Menschen, leiten zu lassen.

Höher zu stellen ist eine Frömmigkeit, die sich spontan aus einem Herzen ergibt, das gelenkt wird durch eine Moral, welche durch die Liebe zum Mitmenschen diktiert wird, als durch unzählige Vorschriften und Regeln. Nach meiner Überzeugung muß eine tiefe Wertschätzung für eine wahrhaft persönliche Beziehung zu Gott und seinem Sohne bestehen, ohne die man in einer Art Leere sich befände und ziellos treiben würde. Wir müssen uns dessen bewußt sein, daß ohne Freiheit des Handelns, gestützt auf Gewissen und Intellekt, niemals eine wahrhaft persönliche Überzeugung vorhanden sein kann.

Ich gebe Dir Adressen von Brüdern in andern Ländern, von denen ich weiß, daß sie sich von einem gesunden ausgeglichenen Geist lenken lassen. Keiner von ihnen gehört einer Organisation an wie auch ich keiner angehöre. Ich gebe die Adressen solcher, mit denen auch ich Briefkontakt habe. ..."

Man vergleiche thematisch auch:
Parsimony.3851
Und auch:
http://forum.mysnip.de/read.php?27094,3877,4536#msg-4535

Exkurs:
Beim Durchsehen meiner Notizen fiel mir jetzt wieder nachfolgendes in die Hände.
Etwa Anfang bis Mitte der 1960er Jahre gab es in Fernsehen einen zweiteiligen Film zum Sektenthema.
Seitens der Evang. Zentralstelle für Weltanschauungsfragen wurde just dazu ein eigener Text „unter die Leute gebracht" (der sich auch in den Bestand der Deutschen Bücherei Leipzig „verirrt" hatte).
In ihm liest man unter anderem die Sätze:

„Auf der Suche nach dem Heil" hieß eine vielbeachtete zweiteilige Sendereihe über die „Sekten in Deutschland" die vom Sender Freies Berlin produziert und im Ersten Programm des Deutschen Fernsehens gesendet wurde. Die beiden Filme haben je 45 Minuten Spieldauer. Sie geben einen guten Überblick über Wesen, Erscheinungsformen und Problematik der Sekten."

Und bezüglich der Zeugen Jehovas des weiteren:
„Aus ihren Statistiken läßt sich ersehen, daß sie, um ein zusätzliches Mitglied zu gewinnen, einen Zeitaufwand brauchen, der zwei vollen Arbeitsjahren entspricht."

Und weiter im Text:
„Auf dieser Lehrgrundlage haben die Zeugen Jehovas eine Diktatur aufgerichtet, die ihresgleichen sucht ... Ich (Kurt Hutten, der damalige EZW-Referent) kann darum nur warnen, wer dieser Sekte beitritt, begibt sich seiner Freiheit und wird zum buchstäblichen Sklaven."

Nun ja, mit dieser Aussage sagt ja Hutten (zumindest unsereins) nichts Neues.

Dann gibt es noch einen Anhang in diesem Text. Und in selbigen erfährt man einiges über den nicht unbekannten Herrn Twisselmann. Etwa auch dieses:

Auf einer Sitzung der Landeskirchlichen Beauftragten für apologetische Fragen am 26. Juni 1965 in Frankfurt/M. berichtet er über sich unter anderem auch dieses.

1959/60 Besuch eines Kirchlichen Seminars.
Danach Anstellung als Prediger in einer „Landeskirchlichen Gemeinschaft".
Nicht im Text steht (dass ist dann meine Definition des Begriffes „Landeskirchliche Gemeinschaft"). Selbige repräsentieren im besonderem Umfange den Sektenflügel innerhalb der vermeintlichen noch „Großkirchen."

1964 beendet er diese Anstellung, um sich mehr hauptamtlich nur den „Sektenfragen" widmen zu können.
Sein Bruderdienst, da zählt er auf, wer ihm denn alles als „Macher" hinter den Kulissen angehören würde.
Ein Pastor der Ev.-luth. Volksmission,
Ein Pastor der Ev.-Freikirchl. Gemeinde
Ein Prediger der Landeskirchl. Gemeinschaft
Ein Prediger der Freie Evang. Gemeinde.

Dieses illustre „Ökumene-Gremium" (fehl wohl fast nur noch die „Catholica") dürfte sich dann wohl in späteren Jahren durchaus noch gewandelt haben.

Symptom dieser Wandlung wäre schon mal, dass Twisselmann in dieser Aufzählung schon mal nicht mehr den Herrn Horst Buttgereit erwähnt (von einer ZJ-Splittergruppe), mit dem er, wie er eben noch kein hauptamtlicher Prediger war, denn auch mal (zeitweilig) zusammengearbeitet hatte.
Da diese Gruppierung ihm aber keine Perspektive als hauptamtlicher Prediger bieten konnte, hat er's dann alsbald wohl wieder sein gelassen.

Dann findet man noch eine Aussage von ihm (Twisselmann), mehr zum Textende, und zwar die:

„Manche nehmen auch nach der Trennung von der Sektenorganisation eine feindselige Haltung zu allem Kirchlichen ein. Die langjährige Sektenschulung (die Kirche = Babylon) wirkt z. T. vielleicht sogar unbewusst nach. Hinzu kommt bei einigen die Angst, aus der Zwangsjacke einer machtlüsternen Organisation in die einer übermächtigen Kircheninstiution zu gelangen. Gebrannte Kinder scheuen das Feuer. Dabei ist noch zu fragen, ob denn jemand, der Jahre oder Jahrzehnte in einer weltabgewandten Sekte seine ganze und alleinige menschliche Gemeinschaft und Geselligkeit fand, mit seinem Ausscheiden jede menschliche Verbindung verlor, in der Kirche die „Nestwärme" findet, die ihm allen Verlust voll ersetzen könnte?"

Wichtig erscheint mir, das Twisselmann diesen Text eben mit einem Fragezeichen ausklingen lässt.
Ich für meine Person hätte nicht nur eins, sondern gleich drei Fragezeichen gesetzt!
Und weiter, das Twisselmann auf seine selbstgestellte Frage, auch keine Antwort zu geben vermag. Dieses beredte Schweigen ist durchaus charakteristisch.

Wer den Traum hat, anderswo doch noch die heile Welt zu finden, für den fürchte ich. Er wird vor allem eines finden.
Den Versuch der Institutionalisierung. Und ist dieser Weg erst mal beschritten, erweist sich die dortige (neue) Funktionärsschicht letztendlich auch nicht als viel „besser".

Offenbar hat sich wie bereits zitiert, letztendlich auch ein Raymond Franz mit dieser Gemengelage einmal auseinandersetzen müssen.
Zu welchem Resultat er denn gelangte, wurde bereits notiert.

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