Himmlers Wehrbauern-Pläne
geschrieben von:  Drahbeck
Datum: 21. Juli 2014 00:06
Im Zeitspiegel
„Erwachet!" vom 22. 4. 1993 stellt unter der Überschrift „Himmlers Pläne für Jehovas Zeugen" mit einigen durchaus als relevant zu bezeichnenden Kürzungen, ein Schreiben Himmlers an den Gestapochef Kaltenbrunner vor.
Zur Quellenlage ist erst mal generell festzustellen.
Die bekannteste Edition liegt in dem 1965 erschienenen Buch von Friedrich Zipfel vor:
„Kirchenkampf in Deutschland 1933 - 1945". Dort auf den Seiten 200, 201.

http://books.google.de/books?id=QFPgIY5We7YC&pg=PA200&lpg=PA200&dq=Bibelforscher+Kosakenfrage&source=bl&ots=mAm-4wdFEe&sig=xZjHrMp3xaG66doSgXbCp9n9Xq4&hl=de&sa=X&ei=t2NuUPSOK4fKswaproCwCA&ved=0CDQQ6AEwAA#v=onepage&q=Bibelforscher%20Kosakenfrage&f=false
 

Auch Zipfel, der zwar den wesentlichen Sachverhalt dort mitteilt, muss sich sagen lassen, nur unvollständig zitiert zu haben.
In einer Fußnote erwähnt aber Zipfel. Zuerst sei jenes Dokument schon in der Zeitschrift „Geschichte in Wissenschaft und Unterricht" Heft 3/1954 von Gerhard Ritter zitiert worden (im Volltext mit einer Einschränkung). Diese Einschränkung bezieht sich darauf, es gibt zwei Fassungen jenes Dokumentes.
Ritter zitiert die erste Fassung; Zipfel hingegen die zweite, überarbeitete Fassung.
Ihr Vergleich offenbart: Im wesentlichen sind stilistische Überarbeitungen zu konstatieren. Die wesentliche Substanz ist in beiden Fassungen ähnlich.
Dann gibt es noch eine dritte erwähnenswerte Quelle.
In Heft 9/1954 des „Deutschen Pfarrerblattes" berichtet auch der Studienrat Pfr. Dr. Schulze über dieses Himmlerdokument.
Was den Bericht von Schulze anbelangt, ist möglicherweise die Angabe seines Wohnortes (Freiburg/Br.) relevant. Just dort wohnte auch der bereits genannte Gerhard Ritter, wobei unterstellt werden kann, Schulze erhielt seine Info offenbar direkt durch Ritter.
Was nun die auszugsweise WTG-Edition anbelangt, so offenbart der Text. WTG-seitig wurde der Text von Zipfel zugrunde gelegt. Nicht jedoch der von Ritter.
Die erste Fassung jenes Himmlerdokumentes ist datiert:
Der Reichsfüher SS
Feldkommandostelle, 21. 7. 44.

Weiter vermerkt Ritter:
„Am 28. 7. erhielten verschiedene Dienststellen einen Durchschlag des hiernach mundierten, aber weiterhin auf 21. 7. datierten Schreibens nebst kurzen Begleitschreiben des Adjutanten „mit der Bitte um Kenntnisnahme."
Das Übersendungsschreiben an Kaltenbrunner enthält den Vermerk:
Eine Abschrift in großer Maschinenschrift ohne den Punkt 6 wurde für den Führer angefertigt."

Insgesamt war jenes Schreiben in der Tat in sechs Punkte aufgegliedert.
Ergänzend kann man den Ausführungen von Schulze entnehmen:
„auch der damalige Reichsminister für Landwirtschaft, Backe, und die SS-Obergruppenführer Greifelt und Berger erhielten Durchschläge „mit der Bitte um Kenntnisnahme."

Es wurde bereits erwähnt, eine Textvariante in großer Schreibmaschienschrift wurde auch für Hitler angefertigt; allerdings ohne den Punkt sechs, den die anderen Empfänger des Schreibens lesen konnten. Ob Hitler jenes Schreiben denn auch tatsächlich gelesen hat, mag dahingestellt sein. Zumindest wurde es wohl an seine Kanzlei weiter geleitet. Wie bei Hochgestellten Personen nicht unüblich dürften fallweise dortige Beamte jenes Schreiben gelesen haben, und mündlich Bericht erstattet haben. Andererseits spricht der Umstand, der extra großen Schreibmaschinenschrift dafür, dass der Absender durchaus wollte, Hitler solle es auch selber lesen.
Was nun den Punkt sechs anbelangt, welcher da nicht für Hitlers Lektüre bestimmt war, sei der erst mal zitiert:
6. ) Aus diesem Grunde wünsche ich, daß die Bibelforscher in unseren Lagern durch Prüfungskommissionen als von uns (als) bekannten Bibelforschern überprüft werden, damit alle diejenigen, die sich erst im Lager oder kurz vor ihrer Verhaftung aus Zweckmäßigkeitsgründen als Bibelforscher bekannt haben, ausgeschieden werden. Dadurch werden alle Fälle von kommunistischer Ausnutzung der Bibelforschereigenschaften oder von faulen sogenannten Bibelforschern, die ich da und dort auf Bauernhöfen erlebt habe, z. B. in Fridolfing (Obb.), nicht mehr vorkommen. Es ist damit auch die Möglichkeit gegeben, die echten Bibelforscher in den Kl in allen Vertrauensstellungen, die einer geldlichen oder sonst materiellen Belastung ausgesetzt sind, zu verwenden oder besonders gut zu behandeln. Damit schaffen wir uns wieder die Ausgangsbasis zum Einsatz dieser Bibelforscher in kommenden Zeiten und haben damit die Emissäre, mit denen das russische Volk durch die Verbreiter der Bibelforscherlehre pazifizieren können.
Heil Hitler
Ihr H. Himmler"

Nun zur Auszugsweisen Zitierung durch die WTG noch.
Letztere zitiert
„Einige Erfahrungen und Erkenntnisse der letzten Zeit haben mich zu Erwägungen und Absichten geführt, die ich Ihnen bekanntgeben will. Es handelt sich um die Bibelforscher [Zeugen Jehovas], . . . wie wollen wir Rußland beherrschen und befrieden, wenn wir . . . große Flächen des russischen Landes wieder erobert haben. . . . Es muß von uns jede Religionsform und Sekte unterstützt werden, die pazifizierend wirkt. . . . [In Betracht kommt] bei allen anderen Völkern dagegen die Lehre der Bibelforscher. Die Bibelforscher haben bekanntlich folgende für uns unerhört positive Eigenschaften: Abgesehen davon, daß sie den Kriegsdienst und die Arbeit für den Krieg . . . verweigern, sind sie . . . unerhört nüchtern, trinken und rauchen nicht, sind von emsigem Fleiß und von großer Ehrlichkeit; sie halten das gegebene Wort. . . . Das sind insgesamt alles ideale Eigenschaften, . . . beneidenswert gute Eigenschaften."

Nicht von der WTG zitiert sind beispielsweise die Sätze:
„Die orthodoxe Kirche zu unterstützen und wieder aufleben zu lassen, wäre falsch, da sie immer wieder die Organisation der nationalen Sammlung sein wird. Die katholische Kirche hereinzulassen, wäre mindestens ebenso falsch ..."

Auch das für die Turkvölker von Himmler der Buddhismus ausgewählt wurde, erwähnt man WTG-seitig nicht.
Das alles mag man noch dem Bereich zulässiger Bewertung zuordnen, was man für eine Zitierung als relevant und weniger relevant einstuft.
Es gibt aber auch eine WTG-Weglassung in ihrer Zitierung, der man das so nicht zubilligen kann.
Himmler schrieb nämlich noch die Worte, und die werden WTG-seitig eben nicht mit zitiert:
„Sind sie schärfstens gegen die Juden und gegen die katholische Kirche und den Papst eingestellt".

Zu diesen von der WTG wegzensierten Passus, wäre auch auf den KZ-Kommandanten Rudolf Höss hinzuweisen, der in seinen Erinnerungen, ähnliches zu Papier brachte.
„Eigenartigerweise waren sie alle davon überzeugt, daß die Juden nun gerechterweise zu leiden und zu sterben hätten, weil ihre Vorväter einst Jehovah verrieten."
19582Hoess

19542Himmlerbrief

Schärfstens gegen die Juden eingestellt, war die offizielle WTG-Organisation (und nur von der ist die Rede) nicht immer. Wohl aber eindeutigerweise zum fraglichen Zeitpunkt.
Zu diesem Aspekt kann man auch vergleichen
Kuhn
(Dortselbst weitere thematische Links.
Etwa auch die markige Aussage der Zeugen Jehovas-Zeitschrift „Das Goldene Zeitalter":
„Wegen dieser schändlichen Handlungsweise des jüdischen Volkes wurde von allen heiligen Propheten Gottes dessen gänzliche Vernichtung vorhergesagt."

Diese Aussage liegt dann auf der Wellenlänge des religiösen Antisemitismus, getätigt von einer Organisation, die vordem ganz andere Töne anschlug, mittlerweile auf dem Level angelangt war, mit den Wölfen zu heulen, und das waren zeitgenössisch die Nazis!
Mysnip.182558

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