"Kriminaltango" ...

geschrieben von:  Drahbeck

Datum: 07. Februar 2009 06:11

Ich sagte es schon früher mal.
Für den Wahrheitsgehalt so mancher in der CV abgedruckten Geschichte, kann ich mich nicht in jedem Fall "verbürgen". Ich muss einräumen, es mag "Grenzfälle" geben, wo man in der Tat der Meinung zuneigen kann, dass ist "erfunden".

Aber selbst wenn es "erfunden" sein sollte, verweise ich auf so manchen Roman-Schriftsteller, der ja auch mit "Erfindungen" arbeitet.
Deren Kunst besteht dann aber nicht selten darin, mittels ihrer "Erfindung" doch etwas durchaus bedenkenswertes, dem aufmerksamen Leser "rüberzubringen".

Nun begegnet man in der CV Nr. 240 gleich drei Kurzgeschichten, die man je nachdem von welchem Standpunkt aus man sie werten will, vielleicht der Rubrik Erfindungen zuordnen kann.
Vielleicht werden andere werten. Nichts da mit "Erfindung". Das sei "Tatsachenbeschreibung".

Meine Position bezüglich dieser drei Kurzgeschichten, brachte ich schon zum Ausdruck. Es können in der Tat Erfindungen sein. Dann aber Erfindungen der Art, die dennoch einen bedenkenswerten Kern "rüberzubringen" sich bemühen.

Genug der Vorrede. Nachstehend dann einfach noch kommentarlos zitiert; jene drei Kurzgeschichten aus der CV 240.

Wie der geneigte (oder nicht geneigte) Leser sie dann seinerseits eingeordnet wissen will, mag ihm selbst überlassen sein.

"Vorhang auf", also für die drei Kurzgeschichten.
Die Geschichte Nummer eins trägt den Titel: BEGEGNUNG: AUF DER STRASSE


Trotz des Menschengewimmels sehe ich sie schon von weitem. Eine nicht mehr ganz junge Frau mit ihrer vielleicht sechs Jahre alten Tochter. Beide tragen sie Kleider, dem Alter und der Tageszeit nach zu lang und zu dunkel. Etwas Fremdländisches geht von ihnen aus. Irgendwie passen sie nicht in das Straßenbild. Hand in Hand kommen sie mir entgegen. Nun erkennt mich die Frau. Deutlich beobachte ich ihr Erschrecken. Mit leicht zusammengekniffenen Augen, den Blick geradeaus gerichtet, zieht die Mutter im Vorbeigehen das Mädchen unwillkürlich (oder ist das Absicht?) an sich heran. Hat sie davor Angst, daß ich ihr das Kind entreißen könnte? Ich bleibe stehen und muß mich einfach umblicken. Hastig eilen die beiden weiter, bestrebt, in dem Menschenstrom einer Feierabend-Großstadt unterzutauchen.

Noch immer sehe ich das kleine Mädchen vor mir: blondschöpfig mit seitlich abstehenden Zopfstummeln und einer niedlichen Stupsnase, die von einem pausbäckigen Gesicht umrahmt wird. Nicht vergessen kann ich ihre großen runden, braunen Augen, die - nachdem die Mutter einige Worte an sie gerichtet hatte - mich mit einer Mischung aus Furcht, Neugierde und Mitleid anblickten. -


Die Geschichte Nummer zwei hat den Titel
BEGEGNUNG: MIT "ONKEL HERRMANN"


Ein Sonntagnachmittag im Herbst. Gemeinsam sitzen wir in unserer kleinen Wohnstube im dritten Stock eines alten Mietshauses um den großen, ovalen Tisch. Mutter hat selbstgebackenen Pflaumenkuchen und Malzkaffee serviert. Den Malzkaffee mag ich nicht. Widerwillig schlürfte ich ihn aus meiner emaillierten Blechtasse. Gegen Brause, weiß ich, hätte Vater was gehabt, "Sie sei schädlich für den Magen." Naja, dann muß eben der Pflaumenkuchen dran glauben. Als ich angestrengt am Überlegen war, wie ich ohne Aufsehen zu einem vierten Stück kommen könnte, hörte ich hastige, schwere Schritte auf der steilen und knarrenden Holztreppe. Schon klopft es an der Wohnzimmertür, Ohne auf ein "Herein" zu warten, steht "Onkel Herrmann" in der Stube.

Leider übersieht er diesmal meinen eintrainierten Diener, auf den er sonst solch großen Wert legt. In dem niedrigen Zimmer reicht er fast bis an die Decke. Und einen Schlips trägt er auch, Vater fast nie, Vater und Mutter sagen, daß er ein "geistiger Polizist" sei.

Ich muß in die Küche. "Onkel Herrmann" will es so. Eigentlich ist es mir ganz recht. Jetzt kann er wenigstens keine Fragen stellen, die ich nicht beantworten kann. Beim letzten Mal wollte er wissen, wie die drei Männer im Feuerofen hießen. Ich wußte es nicht. Daraufhin rügte er meine Eltern. "Ein sechsjähriger muß solche einfachen Antworten geben können, ihr belehrt eure Kinder zu wenig."
Danach mußte ich die Namen auswendig lernen: Schadrach, Meschach und Abednego. Vater hat sehr viel Geduld ...

"Onkel Herrmann" scheint heute besonders böse zu sein. Ohne an der Tür zu lauschen, verstehe ich: Vater kann den fälligen Verkündiger-Monatsbericht nicht abgeben. "Ihr habt Jehovas Botschaft nicht verbreitet. Und das in einer Zeit, wo wir täglich mit Harmagedon rechnen müssen. Damit seid ihr nicht wert, Jehovas Zeugen genannt zu werden."
Ich erschrecke. Heißt das nun, daß wir von Jehova vernichtet werden?
Ich möchte doch so gern in dem verheißenen Paradies ewig leben und mit den Löwen und Elefanten spielen, wie dies auf einem Bild in dem Buch "Vom verlorenen Paradies zum wiedererlangten Paradies" zu sehen ist. Was mit der bösen Welt in Harmagedon geschieht, haben mir Vati und Mutti auch gezeigt: Brennende und einstürzende Häuser; Personen, die sich gegenseitig töten; Männer, Frauen, Kinder und Autos, die in eine Erdspalte fallen. Solche Zeichnungen findet man ebenfalls in diesem Buch. Und alles ist gut zu erkennen, "Onkel Herrmann" hat mir erzählt, daß unsere liebe Organisation die schönen Bilder gerade für die Kinder gemalt hätte.

Ein Krachen und Poltern reißt mich aus meinen Gedanken. Nichts kann mich mehr in der Küche halten. Ich renne aus der Wohnung, Im Hausflur sehe ich die Bescherung. "Onkel Herrmann" ist die steile Treppe hinuntergefallen, stöhnend und wimmernd liegt er in der unteren Etage. Krampfhaft umklammert seine Hand eine herausgerissene Treppensprosse. Mutti scheucht mich wieder in die Wohnstube. Ich höre nur noch, wie der Krankenwagen kommt und "Onkel Herrmann" abtransportiert wird. Lange kommen wir nicht zur Ruhe. Aus den Gesprächen meiner Eltern kann ich mir ein Bild vom Unfallhergang machen.

Erbost über das Fehlen des Monatsberichtes hatte "Onkel Herrmann" unsere Wohnung grußlos verlassen. Rückwärts gehend und dabei wild gestikulierend zeigte er Vater, der ihn anstandshalber zur Treppe begleitete, die möglichen Folgen dieses Versäumnisses auf. Dabei verfehlte er den ersten Treppenabsatz. Meinem Vater hatte er keine Chance gelassen, ihn rechtzeitig zu warnen.

Der damalige Versammlungsaufseher, Bruder Herrmann, besuchte uns nie wieder. Zwar war er mit einem Bein- und mehreren Rippenbrüchen noch recht glimpflich davongekommen. Jedenfalls stand er zwei Monate später wieder im Predigtdienst. Bis zu seinem Tode konnte er meinen Eltern nicht verzeihen, daß sie der staatlichen Versicherung wahrheitsgetreu zu Protokoll gegeben hatten: zum Zeitpunkt des Unfallgeschehens war die Treppe durch das einfallende Tageslicht ausreichend beleuchtet.
Somit konnte Bruder Herrmann nicht die erhoffte Versicherungssumme kassieren. Seiner Meinung nach wäre in diesem Fall eine "theokratische Kriegslist" angebracht gewesen ...


Und die Geschichte Nummer drei titelt:
BEGEGNUNG: MIT "SCHWESTER ROSI"


Zusammen mit meinen Eltern schlief ich als Kind in einem kleinen nicht heizbaren Zimmer, welches von der Wohnstube durch den Hausflur getrennt lag. Dicke, prachtvolle Eisblumen blühten im Winter am Fenster, während ich mich eiligst in mein klammes Federbett einwickelte. Ein idealer Lagerraum für Äpfel und Birnen, die wir in unserem Garten im Herbst ernteten.
Vorsichtig in Stiegen verpackt waren sie verführerisch anzusehen und verbreiteten einen aromatischen Geruch. Irgendwie erschien mir die Kälte durch den intensiven Duft des Obstes gemildert.
Zu meinem Kummer waren meine Eltern immer darauf bedacht, zuerst das schadhafte Obst zu verbrauchen. Und so gnatschte ich pfundweise die schrumpligen und ausgeschnittenen Falläpfel.

Aber auch andere hatten ihre Vorliebe für die Früchte unseres Gartens entdeckt. Im Herbst und im Winter konnten wir uns niemals über ausbleibenden Besuch beklagen. Brüder und Schwestern, die sich sonst das ganze Jahr über nicht sehen ließen, erinnerten sich nun wieder an uns. Ich war nicht etwa geizig. Aber es ärgerte mich schon, wenn sie zufrieden mit prallen Beuteln und Netzen voll erstklassiger Äpfel nach Hause gingen. Meine Eltern waren darin unerbittlich: Den Geschwistern könne man nur einwandfreies Obst anbieten, und offensichtlich wußten jene es auch zu schätzen, denn wir konnten uns vor ihren berechnenden Freundlichkeiten kaum noch retten.

Besonders arg trieb es "Schwester Rosi". Zugegeben, sie war schon ein bemitleidenswertes Geschöpf. Von kleinauf zuckerkrank, hatte sie mit ihren knapp dreißig Jahren mehrere schwere Operationen an diversen Organen hinter sich. Ihre Gebrechen konnten sie aber nicht davon abhalten, etwa dreimal wöchentlich mit zwei bis drei ausgesucht großen Taschen bei uns zu erscheinen. Prompt wurden sie dann auch von meinen Eltern zu ihrer Zufriedenheit gefüllt. Noch heute ist es mir ein Rätsel, wie diese kranke und schwächliche Person den jeweils halben Zentner Obst nach Hause transportieren konnte.

Gegen Jahresende wurden zwangsläufig die Äpfel unansehlicher und dann war der Zeitpunkt gekommen, daß Rosi ihre Mutter mitbrachte. Schwester Eleonore war eine kleine und dickliche Frau, der jede Freude im Gesicht fehlte. Dieser Eindruck wurde durch die fast fehlenden Augenbrauen und das am Hinterkopf streng zusammengeknotete spärliche Haar noch verstärkt. Ihre in der Jugend vielleicht noch vorhandene menschliche Wärme hatte ihr herrschsüchtiger Mann - ein gefürchteter Versammlungsaufseher - total abgetötet. Psychisch bestand sie nur noch aus Predigtdienst, Haushalt und Etikette.

Umständlich begann sie alsbald, den mitgebrachten Lohn für die zentnerschweren Apfeltaschen und -beutel auszupacken. Dieser bestand stets aus "Westsachen" wie sie nie vergaß, zu betonen. Und zum Vorschein kamen Röcke, Kleider und Hosen, die, nachdem sie in "Westdeutschland" und danach eine erkleckliche Zeit auch in der "Ostzone" ihrem Zweck gedient hatten, uns beglücken sollten. Eifersüchtig wachte Schwester Eleonore nun darüber, daß von uns jedes Kleidungsstück gebührend bestaunt wurde. Mit hundertfachem Dank und weiteren vier Taschen voller Äpfel ausgestattet, verließen die beiden Schwestern unsere Wohnung. Uns war klar, daß wir sie im Herbst des nächsten Jahres wiedersehen würden ...

Re: "Kriminaltango" ...

geschrieben von: Frau von x

Datum: 07. Februar 2009 12:07

Zitat:

Es können in der Tat Erfindungen sein. Dann aber Erfindungen der Art, die dennoch einen bedenkenswerten Kern "rüberzubringen" sich bemühen.

Alle drei Geschichten enthalten Dinge, die wir entweder gleich oder ähnlich erlebt haben und noch erleben. Oder in denen wir gleich oder ähnlich gehandelt haben. Bei keiner der Geschichten würden wir heute sagen: "Das kann nicht sein." Im Gegenteil, zu jedem der Beispiele sind uns Ähnliche eingefallen, wir brauchten nur die Namen und Ereignisse austauschen.


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