Johann Hörstgen

geschrieben von:  Drahbeck

Datum: 01. April 2009 04:06

Im Rahmen der Stolperstein-Verlagungsaktion, in Mülheim (Ruhr) jetzt auch einen für Johann Hörstgen:

„Um 13.55 Uhr wird am 2. April an der Liebigstraße 27 ein Stolperstein für Johann Hörstgen verlegt. 1906 geboren, wurde der Elektriker und dreifache Familienvater wegen seines Bekenntnisses als Zeuge Jehovas ab 1936 mehrfach inhaftiert und 1944 wegen „Wehrkraftzersetzung" und „Landesverrat" ermordet" (14. 8. 1944).

www.derwesten.de/nachrichten/staedte/muelheim/2009/3/31/news-115990145/detail.html

Dann kommt man wohl nicht umhin einzuräumen, dass der Fall Hörstgen ein abschreckend-miserables Beispiel der unsensiblen DDR-Propaganda darstellte.
Sowohl im Uraniabuch, als auch in der CV (Nr. 37).
Schon früher hatte ich dazu kommentiert:
„Vorgegeben wurde in dieser Ausgabe auch, dass man in einem relativ umfänglichen Artikel "Leserfragen" beantworten wolle. Also mein Eindruck dazu ist jedoch der, dass es sich da um selbst fabrizierte "Leserfragen" handelte. Erstmals wird in dieser CV-Ausgabe auch auf das DDR-Buch zu den Zeugen Jehovas von 1970/71 hingewiesen.
Scheinheilig behauptet man, ein "Leser" habe angefragt, ob es stimme, daß Johann Hörstgen ein Gnadengesuch an die Nazis gestellt habe.

Abgesehen davon, dass keiner der einfachen Zeugen Jehovas, vor diesem Buch je etwas von Johann Hörstgen gehört hat, meint man nun genüsslich zitieren zu sollen, wie er um sein Leben kämpfte. Dies ist die Information, die diese CV-Ausgabe zum Uraniabuch herüberbrachte.

In der Tat, ich kann heute noch nicht soviel essen, wie ich angesichts dessen kotzen möchte!"

Zitiert wird:
„Johann Hörstgen hat folgendes Gnadengesuch geschrieben:
"An den
Herrn Senatspräsident
des Volksgerichtshof 6. Senat
Gnadengesuch:
Bin am 2. Juni vom 6. Senat des Volksgerichtshofes zum Tode verurteilt worden und bitte den Senats-Präsident, die Todesstrafe in eine angemessene Zuchthausstrafe mildern oder begnadigen zu wollen.
Wenn ich Sie, Herrn Senats-Präsident bitten dürfte, doch bei der Geheimen Staatspolizei in Essen mal nachfragen zu wollen, in wie weit ich mich für den Deutschen Staat eingesetzt habe, wie ich selbst bei der Geheimen Staatspolizei zur Ermittlung weiterer Festnahme von Bibelforscher geholfen habe und wie ich selbst beim Einsatz mit der Gestapo meinen Dienst am deutschen Volk gezeigt habe.
Dieser Bogen wäre zu klein, um alle Einzelheiten aufzuführen, was ich zugunsten des deutschen Volkes getan habe _ Ich bitte ganz gehorsams mein Gnadengesuch genehmigen zu wollen.
Johann Hörstgen"

Dieses Gnadengesuch nützte ihm aber nichts. Der Nazistaat gewährte kein Pardon. Das was sie aus der „Zitrone" Hörstgen an Informationen herauspressen wollten, wurde herausgepresst. Ergo konnte die „Zitrone" anschliessend „entsorgt" werden.
Anders lagen jene Fälle, insbesondere auch der Fall Franz Fritzsche, wo sich das Naziregime erhoffte, ihn als Belastungszeugen für weitere Aufrollungen der WTG-Organisation noch verwenden zu können.

Und wenn es auch dazu nicht mehr kam, weil zwischenzeitlich die Stunde des Naziregimes abgelaufen war, erklärt genau dieser Umstand sein Überleben.
Auch der ZJ Horst Schmidt gibt in seinen Erinnerungen seiner Verwunderung darüber zum Ausdruck, wie er, selbst als zum Tode Verurteilter, erlebte wie einer nach dem anderen seiner Schicksalsgenossen auf die Guillotine wandern musste. Und immer dachte er. Der nächste in dieser Reihe sei er dann wohl selbst. Auch er überlebte, trotz dieser widrigen Umstände.

Dies ist allerdings nicht seinem persönlichen Verhalten zuzuschreiben. Da hatte er mit Sicherheit keinen Einfluss darauf.
Aber die Nazischergen wussten auch, mit Schmidt hatten sie einen Kurier der WTG-Organisation „hochgenommen", der eben durch diese Kuriertätigkeit, die ZJ-Organisation weiter am Leben erhalten hatte.

Und das regionale Neuorganisierungen von ZJ-Kreisen um 1944 zu registrieren waren, hatten mittlerweile die einschlägigen Nazibehörden auch mitbekommen.
Das sie es nicht bei dieser Erkenntnis bewenden liessen, war den Nazis auch klar. Ihr Ziel war eben die weitere Zerschlagung der ZJ-Organisation. Und in dieser Gemengelage konnten sich die verantwortlichen Nazifunktionäre auch vorstellen, vielleicht für den Schmidt als Belastungszeugen, nochmals Verwendung zu haben.

Hätten sie ihn aber umgehend einen Kopf kürzer gemacht, bestände ja diese Option nicht mehr. Das erklärt dann wohl einiges „wundersames Überleben".

Zurückkehrend zu Hörstgen.
Abgesehen von der miesen Vermarktung seines Gnadengesuches, notierte das Uraniabuch in der Sache zu seinem Fall:

„Im Frühjahr 1943 deckte die Gestapo eine WTG-Neuorganisation auf, die sich von Essen im Ruhrgebiet bis auf die Städte Bochum, Oberhausen, Mühlheim, Karlsruhe, Bruchsal, Mannheim, Speyer, Mainz, München, Innsbruck, Freiberg, Zwickau und Dresden ausdehnte. Im anschließenden Prozess am 2. Juni 1944 wurden von den Verhafteten eine ganze Reihe
zum Tode verurteilt. Dazu gehörten Wilhelm Bischoff, Theodor Hölter, Johann Hörstgen, Friedrich Stoffels, Auguste Hetkamp u. a.
Das Hauptwerkzeug der Gestapo war hierbei offensichtlich Johann Hörstgen gewesen."

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