Abgeordneten-Wahlen und Ernste Bibelforscher
geschrieben von:  Drahbeck
Datum: 26. März 2014 05:58
Im Zeitspiegel
Auch im Jahre 1924 waren die Bibelforscher wieder Thema für die antisemitische Zeitschrift „Hammer".
Eine Auswahl aus deren eher krude Argumentation wurde bereits vorgestellt in
Frühe Antisemiten zum Thema Bibelforscher
Wieder sind diverse inhaltliche Wiederholungen festzustellen.
Als ein gewisses Highlight ist der Umstand anzusehen, dass man im „Hammer" lesen konnte (Nr. 520; Februar 1924 S. 65f) die Bibelforscher hätten

„sich bemüßigt gesehen, Theodor Fritsch in den „Leipziger neuesten Nachrichten" anzurempeln."

Es wird allerdings keine konkrete Ausgabe dazu genannt, wann das gewesen sein soll. Indes lassen sich dazu sehr wohl Details ermitteln.
Das ganze fing wohl so an, dass die „Leipziger Neuesten Nachrichten" in ihrer Ausgabe vom 28. 1. 1924 einen Leserbrief abdruckten, mit der Überschrift:
„Abgeordneten-Wahlen und "Ernste Bibelforscher"

Selbige Einsendung ist zwar nicht namentlich gezeichnet, da aber der „Hammer" selbst auf diesen Vorgang hinwies, ist unschwer zu erraten, „woher der Wind wehte."
Besagter Leserbrief moniert dann schon mal einleitend:
„Zu den unvermeidlichen Wahlfaulen und Wahlüberdrüssigen ist in den letzten Jahren eine große Armee der "Internationalen Vereinigung ernster Bibelforscher" hinzugetreten."

Weiter unterstellt der Briefschreiber dann, seitens der Bibelforscher liege sehr wohl eine Verquickung von Religion mit Politik vor.
Die „Politik" wähnt dann jener Leserbriefschreiber auch mit dem Satz beschreiben zu sollen, die Bibelforscher würden sagen:
„Der Bolschewismus sei eine von Gott gewollte Einrichtung, vermittels welcher Gott die jetzt noch Herrschenden hinwegfegen und alle Länder der Erde zu einem Einheitsstaat machen wolle."

Und weiter: „Die Menschheit müsse die noch kommenden schrecklichen Zeiten das Weltenchaos durchmachen.
Aus dem Chaos würde dann das verloren gegangene Paradies wieder erstehen."

Allerdings eine Belegstelle, welche diese These stützen würde, benennt er keineswegs. Er artikuliert somit lediglich ein subjektives Unbehagen auf Meinungsebene.
Unterzeichnet mit  „Vereinigung Ernster Bibelforscher, Ortsgruppe Leipzig"   veröffentlichten dann die „Leipziger Neuesten Nachrichten" in der Ausgabe vom 10. 2. 1924 eine Entgegnung darauf. Namentlich bei dem Aspekt der mit erwähnten Wahlabstinenz fühlt sich diese Entgegnung dann doch wohl, auf „dem verkehrten Fuß erwischt". Besagte Wahlabstinenz konnte ja nicht abgestritten werden. Was man aber machen konnte und auch tat, war sich gegen das Stellen in die kommunistische Ecke zu verwahren. So verweist man etwa auf Band 4 der „Schriftstudien" wo dem Kommunismus eine Absage erteilt sei.
Oder weiter verweist man darauf:  „Jedes Kind weiß, daß der Kommunist das Wahlrecht unter allen Umständen ausübt."
Relativ „patzig" auch die Schlusssätze jener Entgegnung. Da werden die Zeitungsleser dann mit dem Votum belehrt:
„Wir schließen unsere Erwiderung mit der Aufforderung:
„Deutsches Volk gib wohl acht auf deine Freunde, aber noch mehr auf deine Feinde."
Dies ist unser letztes Wort. Noch mehr zu sagen, erachten wir als „zuviel Ehre" für die Feinde der Wahrheit und der Menschheit."

Da hatte Fritsch also „sein Fett weg".
Die Redaktion jener Zeitung vermerkte dann noch in einem redaktionellen Nachwort:
„Anmerkung der Schriftleitung. Da beide Parteien zu Wort gekommen sind, schließen wir die Aussprache. Von der moralischen Pflicht jedes Staatsbürgers sein Wahlrecht auszuüben scheinen die ernsten Bibelforscher keinen Begriff zu haben."

Damit dürfte auch klar sein, dass die Redaktion letztendlich ihrerseits nicht unbedingt die Bibelforscher-Position begünstigte.
In seinem „Hammer" wälzt Fritsch dann lang und breit diese Kontroverse nochmals aus.
Erneut meint er den Bibelforschern dabei unterstellen zu sollen: „Sie sind Pioniere der Anarchie und des Bolschewismus."

Wie gehabt ohne stichhaltige Begründung.
Aber als nächstes dann sein antisemitisches Steckenpferd, die Zionismus begünstigenden Aussagen in der frühen WTG-Literatur. Da wurde er in der Tat fündig und schöpft auch aus diesem Fundus.
Dann kommt wie in jenen Jahren als Hochkonjunktur-These vielfach zu beobachten, auch bei ihm die Frage hoch, nach den finanziellen Ressourcen der Bibelforscher. Dazu meint er dann in der März-Ausgabe 1924 des Hammer (das Thema wurde über mehrere Heftausgaben ausgewalzt):
„Die Frage, woher die „E(rnsten) B(ibelforscher" ihre großen Mittel bekommen, bleibt nun immer offen. Ihre Ortsgruppen bestehen zumeist aus armen unwissenden Leuten, die keine Millionen für Massen-Propaganda aufbringen können - ja, die nicht einmal ein Eintrittsgeld für die Vorstellungen zu zahlen vermögen ...
Mit der Fixigkeit eines Jahrmarktbuden-Besitzers haben die „E.B." einen Preis ausgelobt für den Nachweis, daß der jüdische Bankier Hirsch in New York die „E. B." finanziere. Sie wissen ganz genau, daß ein solcher Beweis niemals zu führen ist, weil beide Teile selbstverständlich niemanden in ihre Beziehungen hineingucken lassen.
Zudem ist es nicht meine Sache, diesen Beweis zu führen, da ich jene Behauptung nicht aufgestellt habe. Ich habe meinen Lesern nur empfohlen, darüber nachzudenken, wer ein materielles Interesse daran haben könnte alle Menschen judenzahm zu machen."

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