Ein Stimmungsbild aus Bundesdeutschen Gerichtssälen des Jahre 1963
geschrieben von:  Drahbeck
Datum: 26. Dezember 2013 01:11
Im Zeitspiegel
Sind ein Baumaschinist und auch ein Maurer (die handelnden Hauptakteure in einem Bericht) dazu berufen, die staatliche Gesetzgebung umkrempeln zu können? In deren eigener Sichtweise - vielleicht. In der Sichtweise der staatlich Berufenen Gesetzesausleger wohl kaum.
Letztendlich ist auch dieses Beispiel ein Mosaiksteinchen im Gesamtgefüge des WTG-Anspruches Staat im Staate sein zu wollen.
Der fragliche Bericht erzählt; einleitend wird notiert:
„Mit welcher Berechtigung entzog sich ein junger Baumaschinist aus Gribbohm, Familienvater von zwei Kindern, dem zivilen Ersatz-Wehrdienst wegen seiner Uneinsichtigkeit und seiner Unbelehrbarkeit? (Daher) verurteilte das Itzehoer Schöffengericht den jungen Mann zu sechs Monaten Gefängnis ohne Bewährung."

Weiter wird berichtet:
„Der junge Angeklagte war wegen seiner Glaubensüberzeugung - er ist Zeuge Jehovas - als Kriegsdienstverweigerer anerkannt. Als er seine Einberufung zum zivilen Ersatzdienst im Auguste-Viktoria-Stift in Bad Lippspringe erhielt, weigerte er sich. „Und warum?" fragte der Schöffenrichter.

Bis Mai war ich bereit, zivilen Ersatzdienst zu leisten. Aber dann kam die Bundestagsdebatte, wo die Frauendienstpflicht abgelehnt wurde. Warum ist der Pflegedienst den Frauen machen, Kriegsdienst und bei Männern nicht?" wollte der Angeklagte wissen.

Mit sehr viel Geduld machte dem hartnäckigen Ersatzdienstverweigerer das Gericht klar, daß das Gesetz nun einmal bestehe, auch vom höchsten Gericht anerkannt sei und er sich danach zu richten habe, wie wir einem Bericht der „Norddeutschen Rundschau" vom 30. Dezember 1963 entnehmen.

„Bekennen Sie sich zur Gemeinschaft in der Bundesrepublik?" fragte der Vorsitzende und meinte auf die bejahende Antwort:
„Überlegen Sie, Ihre Kameraden setzen sich notfalls mit Leib und Leben ein, um Sie zu schützen und opfern eineinhalb Jahre für die Ausbildung. Dann müssen Sie zu Ihrem pflegerischen Vorbereitungsdienst auch bereit sein."

Gerade seiner Glaubenseinstellung nach müsse er sich doch zum Helfen verpflichtet fühlen.

„Helfen schon, aber keinen organisierten Liebesdienst, der Ersatz für Kriegsdienst ist". „Wehrdienst" berichtigte ihn der Richter.

"Die Organisation muß in einem modernen Staatsgefüge sein" setzte der Richter den Dialog fort und meinte, wer nicht bereit sei, die bestehenden Gesetze zu befolgen, müsse die Konsequenzen ziehen.
„Sie könnten dann aber in ein Land geraten, wo die Organisation viel straffer und die Einschränkung der persönlichen Freiheit Sie viel härter treffen wird!" gab der Vorsitzende zu bedenken.
Er legte dem jungen Mann auch nahe, bloß nicht Märtyrer zu spielen.
„Das bringt nichts ein!"

Als der Richter dann noch auf seinen geleisteten Berufseid hinwies, konterte der Unbelehrbare:

„Auch ich habe meinen Eid geleistet, Jehova treu zu dienen."

Und nochmals baute der Richter Brücken und fragte, ob er sich dem Gesetz beugen und künftig Kranke pflegen zu wolle.

Auch (ein) zweiter Angehörige der Glaubensgemeinschaft der Zeugen Jehovas - ein junger Maurer aus dem Raum Horst, der ob seiner hartnäckigen Einstellung als Gesetzesbrecher zu sechs Monaten Gefängnis verurteilt wurde - blieb dabei, daß er Gott mehr gehorchen müsse als den Menschen.
„Was ist Ihre letzte Erklärung?" fragte der Richter:

„Die Freundschaft mit Gott bringt Feindschaft mit der Welt. Ich werde auch weiterhin nein sagen und keinen Ersatzdienst leisten" war das letzte Wort des Angeklagten, der sich noch mit einem Bibelzitat verteidigte.

Der Staatsanwalt wies in seinem Plädoyer darauf hin, daß es für einen normalen Staatsbürger nicht zu begreifen sei, warum man nicht auch organisiert helfen könne.
Das Gericht habe sich alle erdenkliche Mühe gegeben. Nun bliebe ihm nichts anderes übrig, als eine Gefängnisstrafe von sechs Monaten zu beantragen, die der Angeklagte auch verbüßen müsse.
Das Gericht erkannte entsprechend an.
„Wir achten jede andere Einstellung, aber ein Staat muß auf in Innehaltung seiner Gesetze achten."

Entnommen der Zeitschrift „Konfessionskundliche Berichte für Schleswig-Holstein" Ausgabe Februar 1964
Siehe auch:  Zivildienst  Dort weitere Verlinkungen.

http://www.servat.unibe.ch/dfr/bv019135.html

ZurIndexseite