Ein Rückblick
geschrieben von:  Drahbeck
Datum: 29. November 2013 06:15
Im Zeitspiegel
Am 6. 12 1963 brachte in Ostdeutschland des Blatt „Neues Deutschland" den nachfolgenden Bericht. Als Überschrift war gewählt worden:

„Kann ein Wissender glauben?"

Und berichtet wurde über eine „Konferenz über „Moderne Naturwissenschaft und Atheismus"

Als Detail gibt es dann die Ausführung:

„Kann ein wissenschaftlich gebildeter Mensch glauben? Gibt es neben der wissenschaftlichen Erkenntnis auch eine religiöse Erkenntnis? Ist ein Mensch mit hoher Moral immer auch ein gläubiger Mensch? Diese Probleme standen am Donnerstag im Mittelpunkt einer internationalen wissenschaftlichen Konferenz über „Moderne Naturwissenschaft und Atheismus", zu der das Institut für Philosophie der Friedrich-Schiller-Universität Jena in- und ausländische Gelehrte eingeladen hatte. Prof. Dr. Georg Mende betonte in seiner kurzen Eröffnungsrede, daß es sich um die erste Konferenz dieser Art in der DDR handele."

Weiter ist dann von einem „neugegründeten „Lehrstuhls für wissenschaftlichen Atheismus" unter Leitung des Professor Klohr an der Philosophischen Fakultät der Friedrich-Schiller-Universität in Jena die Rede, der am 5. 12. 1963 gegründet worden war.
Ein Kernsatz der verschiedenen Referenten dabei auch:

„daß ein Mensch mit einer guten moralischen Haltung nicht unbedingt ein religiöser Mensch sein müsse."

Diesem genannten zeitlichen Kontext ist dann auch zuzuordnen, dass im November 1963, die erste Ausgabe einer damals neuen Zeitschrift mit dem Titel

„Atheistische Forschungen
Mitteilungsblatt des zentralen Arbeitskreises der DDR „Wissenschaftlicher Atheismus"
Hrsg. Institut für Philosophie der Friedrich-Schiller-Universität
Verantwortlich Prof. Dr. Olof Klohr"
 erschien.
Schon mit der Ausgabe Nr. 8 vom Dezember 1965 war dann für jenes Blatt Schluss.
Es gab zwar noch unter dem Titel „Religionssoziologie
Internationale Forschungsberichte" in den Jahren 1966 - 1968 ein Nachfolgeblatt, welches es aber in diesen zwei Jahren gerade mal auf magere fünf Ausgaben brachte. Dann war auch damit Schluss.
Anfänglich erschien eine dichtere Erscheinungsweise durchaus im Bereich des möglichen.
Der November-Ausgabe 1963 folgte die vom Dezember 1963. Dann wurden die Intervalle schon mal größer. Die Nr. 3 ist vom März 1964 datiert.
Im Dezember 1964 war man bei der Nr. 6 angelangt, und für 1965 brachte man es gar mal noch auf zwei Ausgaben.
Bezogen auf das Thema Zeugen Jehovas ist vielleicht die Kurznotiz in der Ausgabe vom Oktober 1964 aufschlußreich. Selbige notierte ein in der Sowjetunion (Russischsprachig) 127 Seiten umfassendes Büchlein von E. Bartoschewitsch und E.
Borrissoglebski, mir dem Titel: „Sie erwarten das Weltende", welches 1963 in Moskau erschien. Allerdings ohne auf seinen Inhalt irgendwie näher einzugehen.
Das ganze Unternehmen ist ohnehin der Rubrik zuzuordnen, der DDR-Staat ermöglichte - zeitweilig - einigen ihre universitäre „Futterkrippe" etwas auszuweiten. Wie sich das Interesse der SED-Apparatschicks an dieser thematischen Ausweitung dann merklich abkühlte, kühlten sich auch die Chancen zum weiteren Ausnutzen der staatlichen Futterkrippe, für deren zeitweilige Nutznießer deutlich ab. Wo es dann nichts mehr sonderlich zu verdienen gab, erlahmte auch das Interesse der Akteure zusehends.
Es ist das alte Lied. Jene Akteure hätten sich ja gerne als Beerber der auch in Ostdeutschland vorhandenen theologischen Fakultäten gesehen. Wie dann die Ost-CDU im Interesse ihrer eigenen Klientel das Ultimatum stellte, entweder die oder wir, und die SED-Apparatschicks auch treu diesem Ultimatum stattgaben, war auch das Ende dieses einst im November 1963 begonnenen Unternehmens in Sicht.
Klohr selber wurde dann als „Parteisoldat" an die Seefahrtsschule in Warnemünde-Wustrow (dann aber klammheimlich, ohne Pressemeldungen) beordert, wo er dann zukünftige Seefahrtsoffiziere „Nachhilfeunterricht" in Sachen Atheismus geben konnte, (sofern diese das nicht ohnehin vordem schon waren). Was denn theoretische Auseinandersetzungen in Sachen Atheismus, für die Klientel der zukünftigen Seefahrtsoffiziere für einen Nutzen haben sollte, ist ohnehin schwer nachvollziehbar, ergo eine typische Verlegenheitslösung.
Immerhin meinte man in der Jenaer „Glanzzeit" noch über 8 hauptamtliche Mitarbeiter an genannten Lehrstuhl verfügt zu haben.
Auch redete man davon:

„Im gegenwärtig bestehenden Arbeitskreis für Atheismus sind ca. 40 Mitarbeiter erfaßt."

Der hätte aber nur dann einen Sinn gehabt, hätte er es erreichen können, die theologischen Fakultäten in Ostdeutschland „abzuwickeln", was jedoch zu keinem Zeitpunkt in dem Bereich des Möglichen lag.
Und so dümpelte man denn so vor sich hin, bis zu dem Zeitpunkt der Schassung von Klohr, auch für die anderen Akteure der Postenwechsel angesagt war. Ganz ließ der Ostdeutsche Staat sie zwar nicht fallen, sie bekamen durchaus neue Posten zugeschanzt. Die jedoch hatten mit den Ursprungsintentionen nur noch wenig zu tun.
Wie dann jenes „Ende mit Schrecken" so noch nicht eingetreten war, also in der Anfangsphase des Unternehmens, konnte man in der ersten Ausgabe vom November 1963 auch dieses lesen:

„Der Arbeitsgruppe „Christliche Sekten in der DDR" gehören zur Zeit 5 Mitglieder an. Bisher liegen zwei Jahresarbeiten von Studenten über die Rolle und den Einfluß der Sekten in den Kreisen Jena und Meiningen vor.
Innerhalb dieser Darlegung wurden insbesondere die Auffassungen der Neuapostolischen Kirche, der größten Sekte in der DDR, ausführlich behandelt. Dabei zeigte sich daß die Auseinandersetzung mit der Ideologie der wichtigsten Sekten in der DDR bisher völlig unterlassen wurde.
Bei der Vielzahl der vorhandenen Sekten muß eine Orientierung auf diejenigen erfolgen, deren Wirksamkeit eine Untersuchung rechtfertigt. Dabei werden folgende Sekten in Betracht gezogen.
1. Neuapostolische Kirche
2. Methodisten
3. Baptisten
4. Evangelisch-Johannische Gemeinde
5. Siebten-Tags-Adventisten
6. Pfingstgemeinschaft
7. Zeugen Jehovas
8. Anthroposophie und spiritistische Gruppen
9. Hirt und Herde
10. Darbysten
11. Mormonen"

Da in dieser Aufzählung auch die Zeugen Jehovas mit vorkamen, wäre noch anzumerken.
Es wäre in der Tat weitaus sinnvoller gewesen, hätte jener skizzierte Kreis, schon damals jenes Thema weiter aufgenommen.
Stattdessen überließ der Ostdeutsche Staat den Mielke'schen Stasi-Mannen die alleinige Federführung beim Zeugen Jehovas-Thema, und stellte Optionen, wie die etwa von Jena aufs Abstellgleis.
In der Dezember-Ausgabe 1963 des genannten Blattes gab es auch eine Auseinandersetzung, die mehr indirekt, auch eine Relevanz beim Zeugen Jehovas-Thema gehabt haben hätte können.
Man las bezüglich des Buches „Obrigkeit" von Otto Dibelius dazu:

„Nach Dibelius rührt das ganze Unglück einer solchen christlichen Staatsauffassung, von Luther her, der den griechischen Urtext dieses Briefes Paulus an die Römer allzu frei mit „genialer Selbstherrlichkeit" übersetzte, indem an Stelle „höherer Gewalten" einfach „Obrigkeit schrieb. Dadurch sei das Luthertum obrigkeitsfromm geworden.
Diese Schrift, die erneut darauf abzielt, den kalten Krieg zu schüren und das Verhältnis der evangelischen Christen gegenüber unserem sozialistischen Staat zu verschlechtern, erhält ihre Kritik nicht nur von marxistischer Seite."

Die Obrigkeits-Schrift des Dibelius hatte ihre indirekten Auswirkungen dann durchaus im Zeugen Jehovas Bereich.
Die WTG seit 1929 der Rutherford'schen Obrigkeitslehre huldigend, sich selbst als „Höhere Obrigkeit" titulierend, wurde das ganze, angesichts der zugespitzten Dibelius-Thesen, der sich gar dazu verstieg zu postulieren. Die Verkehrsvorschriften westlicher Staaten könne er wohl respektieren. Die des Ostdeutschen Staates hingegen nicht. Wenn auch das Dibelius-Beispiel Verkehrsvorschriften für die WTG nicht relevant war, so doch der „Geist" der aus den Dibelius-Ausführungen sprach, der auch für die WTG Relevanz hatte. Indem nun dieser ganze Komplex, via Dibelius im besonderen zeitgenössisch thematisiert wurde, kam auch die WTG nicht länger umhin zu sehen, wie sie denn bei diesem Thema „die Kurve" bekomme.
Siehe zum Thema auch die

1963er Jahresdatei
Da man von der Konzeption her, durchaus fallweise den Blick mit auf Nachbarländer richtete, mag jene die Tschechoslowakei betreffende Referierung in der Ausgabe vom Juni 1965 noch mit (kommentarlos) zitiert werden:
Dort schrieb ein Michal Kolosik aus Bratislava über die Verhältnisse in seinem Land:

„Die modernen religiösen Sekten
Die einzige verfassungsmäßige Forderung besteht darin, daß der Glaube die Menschen nicht daran hindern darf, „die Bürgerpflicht, die ihnen vom Gesetz auferlegt ist, zu erfüllen"
Verfassung der CSSR, Artikel 32, Abs. 2
Nur die Ablehnung dieser Pflichten hat manche Sekten außerhalb des Gesetzes gestellt, z. B. Nazarener, Blaues Kreuz, Zeugen Jehovas, Pfingstbewegung, Wahre Kirche Christi, Freie Christen. Aber auch bei diesen nicht zugelassenen Sekten erfolgt die Ahndung durch das Gesetz nur im Falle der Verletzung der Staatsnormen aber niemals wegen ihres Glaubens oder ihrer Überzeugung."

Ab etwa Mitte der 1970er Jahre gab es dann von diesem Kreis noch eine unter weitgehender Ausschaltung der Öffentlichkeit herausgegebene Schriftenreihe über sogenannten „Wissenschaftlichen Atheismus". Letztere sollte man aber sachgerechter in „Staatsfrommheit Made in DDR" umbenennen. Alles in hochgestochenen Vokabeln formuliert, wie beispielsweise der Begriff „Realer Sozialismus".
Kritiker können es sich nicht versagen, zu diesem Begriff dann noch auf eine Zigarettensorte in Ostdeutschland (ohne Filter) namens „Real" hinzuweisen. Und so manchem drängte sich da der Slogan auf: „Siehst du die Gräber dort im Tal? - Das sind die Raucher von 'Real'"
Praxisbezug konnte man diesem Selbstbelobhudlungsunternehmen, ohnehin weitgehend absprechen.
Der tatsächliche „Praxisbezug" sah dann wohl so aus wie im Falle des in dieser Schriftenreihe mit vertretenen H. Dressler.
Den beförderte dann sein weiterer Weg dahin, angehende Theologiestudenten an den staatlichen Universitäten, Lehrunterricht in „Marxismus-Leninismus" zu erteilen
.

Immerhin zum faktischen Ende der DDR machte jener Kreis nochmals dergestalt von sich reden, dass ein von ihm herausgegebenes „Handbuch" über die religiöse Szene in Ostdeutschland, just an jener Hochschule in Warnemünde/Wustrow als „Verlag" herausgegeben wurde.
Erneut feststellbar: Eine typische Verlegenheitslösung. Denn zum einen hatte die Thematik einer Seefahrtsschule mit Religionsfragen, nur wenig bis keine Beziehung. Zum anderen entsprach die Aufmachung jenes „Handbuches" im Hektographierverfahren, kaum dem, was man auch ansonsten in Ostdeutschen Verlagen, von der Aufmachung her, zu produzieren pflegte. Immerhin wenn man noch Inhalte rüberbringen wollte, dann mag das halbwegs akzeptabel gewesen sein.

Jenes „Handbuch" der Herren Muentz Wachowitz behandelte in der Tat mit das Zeugen Jehovas-Thema, was dann für Ostdeutsche Verhältnisse ein „halber Quantensprung" war.
Betitelt als „Forschungsbericht 31" gab es an jener Seefahrtsschule schon mal im Jahre 1984, innerhalb der Serie des „Wissenschaftlichen Atheismus" eine Ausarbeitung von Wolfgang Kaul, der da quasi der dortige thematische Mann war, sieht man von Klohr dem mehr Aushängeschild nach außen mal ab, eine Ausarbeitung:
„Kirchen und Religionsgemeinschaften in der DDR. Eine Dokumentation".
Die Zeugen Jehovas indes, kommen in jener 1984er Ausarbeitung faktisch nicht mit vor, sieht man von der durch Balzereit mit gegründeten Splittergruppe der „Freistehender Christen" mal ab, die zwar mit erwähnt wird, aber schon mal keine weitere Beschreibung erhält.
Einen „dicken Hals" kann man aus heutiger Sicht bekommen, liest man als vorgebliche „Zweckbestimmung" in dieser Schrift auch, sie solle
„den Lehrkräften des Marxistisch-Leninistischen Grundlagenstudiums Sachinformationen vermitteln."

Als wenn ausgerechnet diese Herrschaften nach solcherlei „Sachinformationen" nachfragen würden. Aber das Thema Verlegenheitslösung wurde ja bereits angesprochen.
Immerhin müht sich Kaul, eine gedrängte Übersicht über die religiöse Szene in Ostdeutschland zu geben. Die andernorts beliebte Sortierung in „Freikirchen" und „Sekten" wird man dort vergeblich suchen, und das ist auch gut so. Generell verwendet er für dieses Segment den Begriff „kleinere Religionsgemeinschaften", welcher in der Tat sachgerechter ist. Etwa 40 an der Zahl soll es von denen in Ostdeutschland gegeben haben.

„Einige von ihnen haben die Zulassung für die gesamte Republik, andere für ausgewählte Bezirke beantragt. Ihre Anzahl verändert sich hin und wieder, weil es sowohl Fusionen als auch Aufspaltungen geben kann. Zu Beginn der achtziger Jahre kann mit etwa 0,2 Mio Gläubigen gerechnet werden, ihre Anzahl ist relativ konstant."
An die Adresse der vermeintlichen „Großkirchen" gibt es die Aussage:
„Kirchliche Verlautbarungen operieren nach wie vor mit Mitgliederzahlen, die nicht den Prozeß der fortschreitenden "Säkularisierung", der Entkirchlichung, des Zerfalls religiöser Denk- und Verhaltensweisen bei der Mehrzahl der Menschen berücksichtigen."

Das wird dann an die Adresse der katholischen Kirche weiter zu dem Vorhalt spezifiziert:

„Die katholische Kirche gibt seit vielen Jahren etwa 1,2 bis 1,3 Mio Katholiken in der DDR an. Das entspricht etwa den Ergebnissen der Volkszählung von 1964. Dabei wird der allgemeine Säkularisierungsprozeß offensichtlich übersehen."

Auch aus heutiger Sicht noch als interessant einzustufen, sind die weiteren Zahlenangaben die Kaul über die religiöse Szene außerhalb der „Großkirchen" benennt. Einige relevante Zahlenangaben, die wie gesagt, nur das Ostdeutsche Territorium beinhalten, seien nachstehend mal aus dieser Studie zitiert.
Größtes Segment ist da vielleicht die „Evangelisch-methodistische Kirche" in Ostdeutschland die mit etwa 37.000 beziffert wird.
Die „Baptisten" („Evangelisch-Freikirchliche Gemeinden") werden mit 22.000 genannt.
Was nun solche Gruppen wie „Altlutheraner" anbelangt, werden für die 11.000 bemüht. Die in Kontext zu diesen auch stehende „Evangelisch-lutherische Freikirche" sollen es auf 4.000 bringen.
Was Gruppen wie „Bund Freier Evangelischer Gemeinden" anbelangt (heutzutage auch durch Webseiten wie „Jesus.de" bekannt), werden die auf
„1.200 Vollmitglieder sowie 2.000 nichtgetaufte Freunde" beziffert.
Die „Altkatholiken" brächten es nach dieser Darstellung auf 1.200.
Die „Herrnhuter Brüdergemeinde" wird mit 1.200, die „Mennoniten" mit 300 und die „Quäker" mit etwa 250 - 300 beziffert, von denen aber nicht alle auch „Vollmitglieder" seien. Also unter Mitzählung des Sympathisanten-Umfelds.
Die heutige „Neuapostolische Kirche" (90.000) ging bekanntlich aus einer „Katholisch-apostolischen Kirche" hervor.

„Sie sollen 5.000 Mitglieder haben, die aber in der Regel einer evangelischen Landeskirche angehören."

Das aus der „Neuapostolischen Kirche" abgesplitterte „Apostelamt Juda" wird mit 1.200 genannt. Eine weitere Absplitterung das „Apostelamt Jesu Christi" mit 14.000.
Und der auch diesem Milieu zuzuordnende „Reformiert-Apostolische Gemeindebund" mit 3.000.
Die „Siebenten-Tags-Adventisten" würden es auf 10.500 bringen, und die „Mormonen" („Kirche Jesu Christ der Heiligen der letzten Tage") auf 4.500.
Mit erwähnt werden die nur regional in Ostdeutschland vertretenen „Lorenzianer" mit 4.500, und die „Christliche Gemeinschaft Hirt und Herde" mit 7.000.
Bei letzterer besonders bemerkenswert, sie war in der Nazizeit auch verboten, konnte es aber erreichen, 1951 vom Ostdeutschen Staat erneut staatlich anerkannt zu werden.
Als zwei weitere Gruppierung seien noch genannt die „Christengemeinschaft" mit 5.000 und die „Evangelisch-Johannische Kirche" (Weißenberger) mit 3.500.
Alle genannten Gruppierungen pflegen ja heutzutage, wenn sie denn mal sie betreffende Zahlen nennen, diese dann auf Gesamt-Deutschland zu beziehen. Will man einen Überblick haben, wie ihr Ostdeutscher Anteil aussieht, dann empfehlen sich in der Tat diese Angaben von Kaul.

Exkurs 1:
Ein Kontrast-Zitat aus demselben Zeitraum, dann aber nicht aus dem Osten, sondern aus Westberlin. In der Zeitschrift „Stimme des Freidenkers", Ausgabe April 1960 (ein Vorläufer des heutigen „Diesseits") konnte man folgende Replik lesen:

„Im Organ der katholischen Lehrerschaft Deutschlands „Der katholische Erzieher" ... schreibt N. Rybucki über den an Westberliner Schulen angelaufenen Lebens- und Religionskunde-Unterricht des Deutschen Freidenker-Verbandes das seien 90.000 DM für konfessionellen Atheismus.
In der Westberliner Schule kann man seit Oktober 1959 an dem Lebens- und Religionskunde-Unterricht des Deutschen Freidenkerverbandes teilnehmen. Dieser Verband trat mit der Behauptung auf, 3.000 Kinder (die Zahl der Kinder in Berlin, die nicht an einem Religionsunterricht teilnehmen) wünschten diesen Unterricht und sicherte sich mit diesem Argument 90.000 DM aus dem Etat.
90.000 DM für konfessionellen Atheismus gegen die 4,15 Millionen, die für die gleiche Zeit beide christliche Kirchen in Westberlin für konfessionellen Theismus erhalten, das ist die Wahrheit. Merkt N. Rybucki denn nicht, daß er infolge seiner Entrüstung über diese geldliche Zuwendung im „Sumpf des Materialismus" steht?"

Diese Kontroverse verdeutlicht auch, wo immer die vermeintlichen „Großkirchen" mit ihren gerade mal 9 % der Deutschen, die wöchentlich ihre Gottesdienstlichen Veranstaltungen noch besuchen (eine Zahl aus dem Jahre 2013). Wo immer dieser auf tönernen Füßen stehende Koloß die Chance wittert, mit „Hauen und Stechen" seinen Alleinvertretungsanspruch durchzuboxen, man auch nicht zimperlich ist, das dann so zu praktizieren.
Jene die den Westberliner „Freidenkern" damals, besagten Lebenskundeunterricht zubilligten, taten es sicherlich nicht um der „Freidenker" willen, sondern um jenen 3.000 Schulkindern, in der Zeit, wo andere in Religion indoktriniert wurden, auch ein Unterrichtsangebot zu machen. Kalkül lieber einen Lebenskundeunterricht, als eine Verwahrlosung in Form schulloser Zeit. Jedenfalls ist der Fakt erstmal gegeben, das 3.000 Westberliner Schulkinder, zu der Zeit durch den traditionellen Religions-Verdummungs-Unterricht, gar nicht mehr erreicht werden konnten!

In einem weiteren Exkurs sei dann noch etwas auf den zum Ende der DDR dort gegründeten Freidenker-Verband eingegangen. Jene „Eintagsfliege" alsbald aufgrund übergeordneter politischer Konstellationen, ihr künstliches Leben wieder aushauchend, bot allerdings dem bereits skizzierten Kreis um Klohr, zeitweilig eine neue Chance zur vermeintlichen Selbstdarstellung.
Ein in der Sache dazu unverfänglicher Kommentar publizierte die Zeitschrift der Westberliner „Freidenker", namens „diesseits" in ihrer Ausgabe Nr. 3/1989.
Schon in Heft 4/1988 dieses Blattes, stellte man einmal ernüchtert aber auch zutreffend fest:

„Der schwindenden Bedeutung christlicher Kirchen geht ein Bedeutungsverlust des organisierten Atheismus einher."

Nun also diese neue Kreation am Ostdeutschen Himmel. Ein neuer „Lichtblick"? Wohl eher weniger.
Der Kommentator Klaus Sühl stellt denn auch schon mal einleitend fest:

„Was ist passiert, daß die SED nach mehr als 42 Jahren ihre Meinung ändert und rechtzeitig zum 40. Geburtstag der DDR-Staatengründung den Aufbau einer Freidenkerorganisation propagiert?"

Und diese frühere SED-Politik beschreibt er zutreffend auch so:
Das Fazit der SED hieß dann auch knapp und unmißverständlich, man sei

„gegen die Gründung von Freidenkerorganisationen, statt die Zeit mit überflüssigem und schädlichen Aktivitäten zu vergeuden, (solle man) sich als SED-Mitglied in den Dienst des Aufbaus unserer Heimat zu stellen."

Ganz so „überflüssig" wie das Beispiel der Zeugen Jehovas dann belegt, waren solcherlei Fragen wohl nicht.
Allein das Ziel des (brüchigen) Burgfriedens mit der Kirche hatte für die SED-Apparatschicks größeres Gewicht. Folglich rangierte das Zeugen Jehovas-Thema unter „ferner liefen". Zudem hatte der SED-Staat ohnehin das Terrorinstrumenarium Staatssicherheit, als die dafür „geeignetere" Variante auserkoren.
Bezüglich der inneren und zunehmenden Widersprüche im SED-Staat stellt Sühl weiter fest:

„Absurderweise hat sich in der DDR die evangelische Kirche, eigentlich nicht gerade ein Hort des Fortschritt und der Veränderung und sicherlich keine besonders Staatskritische Einrichtung, in diesem Zusammenhang zu einem bedeutsamen Faktor entwickelt. Nicht, daß sie sich an die Spitze einer Bewegung gesetzt hätte, die die traditionellen Ideale des Sozialismus oder des demokratischen Humanismus einforderte. Gruppen, die nicht einmal von der Staatssicherheit umstandslos zu „Staatsfeinden" erklärt werden konnten, suchten und fanden - mangels anderer Alternativen - in der Kirche ein Dach, daß ihnen, wenn nicht Schutz und Geborgenheit, so doch zumindest ein vorübergehendes Unterstellen ermöglichte.
Die Kirche nahm sich dieser Schutzsuchenden vorläufig an, mit zunehmenden Bauchschmerzen, wie man hört, denn viele der neuen Schafe suchten nicht die Nähe zu Gott oder zur Christenheit, sondern lediglich einen ungestörten Versammlungs- und Kommunikationsraum."

Dem suchte nun der SED-Staat dergestalt gegenzusteuern:
„Es gilt die Kirchen von der Aufgabe zu entlasten, Oppositionelle jeder Glaubensrichtung zu betreuen und zudem dafür Sorge zu tragen, daß der Kreis der Unzufriedenen zumindest nicht größer wird."

Das Scheitern dieser Scheinaufgabe, bedeutete zugleich auch das „Mitbegrabenwerden" ihrer Akteure.
Siehe auch:
 Parsimony.Thread4764

--------------------- Signatur.Text --------------------
Hermann Samuel Reimarus (1694 – 1768) in:
"Apologie: oder, Schutzschrift für die vernünftigen Verehrer Gottes"

Derselbe Autor:

Wie? Wenn sie (die Apostel) gesagt hätten: es kann noch wohl siebzehn, achtzehn und mehr Jahrhunderte wehren, ehe Jesus zu seinem Reiche aus den Wolken wiederkommt, und die Freude derselben angeht: würde man sich nicht mit solcher Verheissung ausgelacht haben?
Würde wohl ein einziger Mensch sich zur Entäusserung alles Vermögens entschlossen haben, um seine übrige Lebenszeit in Hunger und Kummer zuzubringen, und seine eigene Nothdurft nunmehr andern aus den Händen zu sehen? Ja, würde man nicht die an sich schlecht bewehrte Auferstehung Jesu desto mehr für eine Erfindung gehalten haben, weil die Bestätigung derselben durch die Wiederkunft von Himmel, über 40, 50 Generationen oder Menschenleben, ins unendliche hinausgesetzt würde.

Exkurs 2:

Mögen diejenigen , die in konventioneller Art und Weise dem großen Zampano nachjapsen, der da alles "richten soll". In der Praxis indes nullkomma nichts bis nullnullkommakomma nichts "richtet" mittlerweile eher nicht mehr die vorrangig dominierenden sein.
Mögen statt dessen diejenigen im Aufwind sein, welche der Spruch eines Heinrich Heine weit bedeutungsvoller erscheint.

Ein neues Lied, ein besseres Lied, o Freunde, will ich euch dichten!
Wir wollen hier auf Erden schon das Himmelreich errichten.
Wir wollen auf Erden glücklich sein, und wollen nicht mehr darben.
Verschlemmen soll nicht der faule Bauch, was fleißige Hände erwarben.
Es wächst hienieden Brot genug für alle Menschenkinder, auch Rosen und Myrthen, Schönheit und Lust, und Zuckererbsen nicht minder.
Ja Zuckererbsen für jedermann, sobald die Schoten platzen!
Den Himmel überlassen wir den Engeln und den Spatzen.

Parsimony.3427
So kann dieser grundsätzliche Dissenz über eines nicht hinwegtäuschen.
Letztere These kann man ja durchaus dem historischen Freidenkertum zuordnen.
Unter variierten Namen gibt es selbiges in organisierter Form auch in der Gegenwart.
Wer sich die diesbezügliche "Szene" indes mal näher ansieht, kann auch dort registrieren, wie da "händeringend" nach Mitgliedern gesucht wird, und der "Erfolg", sofern man diese Vokabel überhaupt berechtigt verwenden kann, alles andere als "berauschend" ist.
Es ist keineswegs damit abgetan, dass man feststellt. Die konventionellen Kirchen verlieren Mitglieder. Bei näherem Hinsehen gilt das auch für politische Parteien.
Und auch die Zahl der Nichtwähler an Wahltagen, spricht da wohl Bände.

Allerdings gibt es auch Kreise, welche da wohl keineswegs zu den Nichtwählern gerechnet werden können.
Etwa die Kreise um die NPD, etwa die Kreise um die "Partei Bibeltreuer Christen" und ähnliche Beispiele.
Das wiederum kann man sehr wohl auch mit gemischten Gefühlen sehen.
Wie auch immer, lamentieren mit dem erhobenen Zeigefinger dürfte da nicht sonderlich weiterhelfen.
Was die PBC anbelangt, scheint die zu den diesjährigen Berliner Abgeordnetenhaus-Wahlen schon mal überhaupt nicht anzutreten. Die überwiegende Zahl der Berliner mag das ohnehin nicht als "Verlust" ansehen. Die 5% Klausel tut im übrigen ihren weiteren Teil dazu bei.
Ihre "Resonanz" in Berlin mag den eine Meldung auf ihrer Webseite, Landesverband Berlin verdeutlichen, die unter der Rubrik "Regelmäßige Veranstaltungen" verkündet:

"PBC-Gebet: jeden 3. Montag im Monat in Reinickendorf in privater Wohnung eines PBC-Mitgliedes ...Bitte vorher telefonisch ... melden."

In anderen Bunderländern indes mag es diesbezüglich noch anders aussehen.
Um auf die Freidenkerszene zurückzukommen. Dadurch das diejenigen nun auch nicht mehr viel bis nichts vom "großen Zampano" wissen wollen, bleiben diesen Kreisen keineswegs Konflikte erspart, die sie bei oberflächlicher Betrachtung, gerne den Kreisen des "großen Zampano" "nur" andichten möchten.
Die tatsächliche Wirklichkeit indes spricht eine andere Sprache.
Einige Beispiele nachfolgend.

Ein eher makabres Veranschaulichungsbeispiel, bietet auch der Blick auf die organisierte Freidenker-Szene zu Zeiten der Weimarer Republik.
Schon zu Kaisers Zeiten gab es ja solche Vereine. Die aber waren eher elitär ausgerichtet, etwa wie der Monistenbund (den heute auch kaum noch einer kennt). Vielfach sammelten sich in ihnen von Standesdünkel durchtränkte Persönlichkeiten, die da wähnten "was besseres" zu sein, und auf die sogenannten "Proleten" eher herablassend heruntersahen.
Damit erreichten sie schon mal, das sie "unter sich blieben". Eine Breitenwirkung verbauten sie sich schon mal damit vom Ansatz her.
Es soll nicht bestritten werden, dass auch der Monistenbund so manches "Steinchen" vor die Füße der Religionsindustrie warf, die, gäbe es nicht den flankierenden Schutz des kaiserlichen Staates für die Religionsindustrieen geeignet gewesen wären, zu "Stolpersteine" auszuarten.
Das "stolpern" indes verhinderte der kaiserliche Staat schon mal grundsätzlich, getreu dem Bismarck-Motto:
Die Religion müsse dem Volke erhalten bleiben. Zu allererst dem Volke.
Ein Grundsatz, welcher auch heutigen "Bismarck-Jüngern" noch in Fleisch und Blut übergegangen ist.

Dann kam der erste Weltkrieg, und siehe da, auch diese elitären Kreise fand man vielfach auf Seiten der Alldeutschen wieder. Deren Dogma ja unter anderem.
Für das deutsche Herrenvolk sei nur ein Siegfrieden denkbar. Da waren sie sogar mit breiten kirchlichen Kreisen einer Meinung.
Kirchliche Kreise, unter ihnen ein Herr Dibelius, später noch als Bischof bekannt geworden, pflegten einem im Jahre 1917 in der "Allgemeinen Evangelisch-lutherischen Kirchenzeitung" mit Ach und Krach abgedruckten Aufruf von fünf Berliner Pfarrern, welche für einen Verständigungsfrieden plädierten, auf ihre ganz spezielle Art und Weise zu kommentieren.
Jene Seite in der AELKZ, welchen diesen Aufruf erhielt, der zeilenmäßig mal sehr bescheiden war, ist damit ja noch nicht "ausgefüllt" gewesen. Und da hatte die Redaktion der AELKZ auch gleich die "richtige" Intention, was an Text auf jener Seite noch eingeräumt werden könnte.

Und da befand genannte Redaktion, der Geburtstag des Weltkriegsgenerals Hindenburg müsse doch angemessen gefeiert werden. Nicht nur in jenem Blatt, sondern eben auch in Natura. Letzteres geschehen in einer Kirche in Berlin-Schöneberg.
Und wie das mit Geburtsgskindern so nicht unüblich ist. Äußert das Geburtstagskind einen Wunsch bemüht man sich nach Kräften diesem nachzukommen.
Und siehe da auch Herr Hindenburg war um einen Geburtstagswunsch nicht verlegen.
Er wünschte sich, die Gottesdienstbesucher möchten doch im Anschluss an diese weihevolle Veranstaltung, Geld als Kriegsanleihe zeichnen.
Gesagt getan. Der Bericht der AELKZ kündet auch davon, unmittelbar nach Ende des Gottesdienstes eilten die Pfarrer jener Kirche (unter ihnen eben auch der Herr Dibelius) eilends in die Vorräume und präsentierten dort ihre vorbereiteten Listen zwecks Zeichnung von Kriegsanleihen. Und siehe da, das Gottesdienstbesucher-Publikum, lies sich auch nicht lumpen. Der Bericht redet davon, das da Beiträge zwischen zehn bis zehntausend Mark pro Zeichner, allein bei dieser Veranstaltung, eingetragen wurden.

http://books.google.de/books?ei=oTlNTvCCCYifOqj6wfEG&ct=result&id=HEQaAAAAMAAJ&dq=karl+hammer+kriegstheologie&q=Dibelius#search_anchor

Auch der nachfolgende "salbungsvolle" Erguss des Herrn Dibelius, ist noch dem Jahre 1917 zuortbar.

Da hatten jene anderen Pfarrer im Jahre 1917, welche zaghaft für einen Verständigungsfrieden plädierten, beim lesen der AELKZ, gleich die rechte Einstimmung, wie den die Amtskirche ihren zaghaften Versuch einstufte.
Der Fairness halber sei noch eingeräumt. Einen teilweisen Lernprozess absolvierte dann auch noch Herr Dibelius. Sein "Friede auf Erden" betiteltes Buch, zu Zeiten der Weimarer Republik erschienen, kündet davon.
Selbiges brachte dann noch zu Nazizeiten, den Obernazi Rosenberg dermaßen auf "die Palme", dass er in in einer apologetischen Schrift, wegen dieses Buches, Dibelius noch namentlich angriff. Was Rosenberg besonders ärgerte war der Umstand, dass in jenem Buche zaghaft angedeutet wurde, es könnte ja in einem weiteren Kriege, dann auch noch Wehrdienstverweigerer aus dem Bereich der Evangelischen Kirche geben (vielleicht, wenn Pfingsten, Ostern, Weihnachten auf einen Tag zusammenfallen).
Ergänzend wurde zum Fall Dibelius schon früher mal festgehalten:
"Der vermeintliche "Privatmann" Rosenberg verfügte über eine für die Kirchen bedrohliche Machtfülle. Das musste schon der damalige evangelische Generalsuperintendent Otto Dibelius, spätstens im Jahre 1937 erfahren.
Bereits als Detail-Vorabdruck aus der Rosenberg-Schrift "Protestantische Rompilger" (in der SS-Zeitschrift "Das Schwarze Korps"), fand sich darin Dibelius auch als namentlich Angegriffener wieder.
Der Nazi Rosenberg spießte darin besonders das Dibelius-Buch "Frieden auf Erden" (in Weimarer Republikzeiten erschienen) auf, worin Dibelius den Versuch unternahm, in der Wehrdienstfrage "Wasser nach beiden Seiten zu tragen".
Sowohl künftige Wehrdienstverweigerungen, als auch Militärdienst, hielt er nun für möglich.
Das war immerhin ein "Quantensprung" für seinesgleichen, denn die überwältigende Mehrheit seiner Funktionärskollegen zu Zeiten des ersten Weltkrieges, gehörten eher zu den auch in die "Schützengräben hineinpredigenden".
Das diese Traditionslinie nun durch Dibelius zumindest ansatzweise, zur Diskussion gestellt wurde, war für den Nazi Rosenberg offenbar "zuviel". Und so griff er diesbezüglich auch Dibelius in scharfen Wendungen, in seiner genannten Schrift mit an.
Dibelius seinerseits suchte sich mit einer gleichfalls 1937 erschienenen Schrift "Drei Randbemerkungen zu einem Kapitel Rosenberg" zu verteidigen.
Habe ich anderorts entlehnte Bemerkungen richtig verstanden, geriet diese Schrift dann wohl noch unter Naziverbot.
Gleichwohl erreichte zeitgenössisch, einige Exemplar davon das wissenschaftliche Bibliothekswesen; und auch im Antiquariats- Buchhandel, ist sie noch heute nachweisbar. Sie ist demzufolge nicht "total verschollen".
Da Dibelius ja bereits in seinem "Frieden auf Erden" das Prinzip "Wassertragen nach beiden Seiten" praktiziert hatte, war es ihm auch möglich zu belegen, dass er keinesfalls der Fürsprecher totaler Wehrdienstverweigerung sei, als der ihn Rosenberg hinstellen wollte.
Aber er setzt noch einen anderen Akzent in dieser Verteidigungsschrift.
Rosenberg bezichtigte die Kirchen auch, gegenüber dem "Bolschewismus" versagt zu haben, und der Nazismus sei eben der "Retter vor dem Bolschewismus".
Da verteidigt sich nun Dibelius dergestalt, dass er zwar keine Widerlegungs-Zitate aus "Frieden auf Erden" beibringen konnte. Wohl aber Hinweise darauf, wie auch er auf Kirchentagen etwa, bereits gegen den Bolschewismus Stellung genommen hatte."

Vorstehende Dibelius-Episode von 1917 spielte sich zwar in einer Kirche ab.
Indes kann behauptet werden, das handelnde Personal hätte sich ebenso gut aus dem Monistenbund zusammensetzen können.

Nun wurde das aber nichts mit dem in der Sicht dieser Kreise einzig möglichen "Siegfrieden".
Die Nach-Weltkriegszeit glich daher in vielerlei Hinsicht einem brodelnd revolutionären Kessel.
Eine Folgewirkung, Freidenkertum blieb nicht nur auf elitäre Kreise beschränkt. Auch die verachteten "Proleten" nahmen zusehend diesen Impetus auf.
Ein diesbezüglicher (nunmehr selbstständiger) Freidenkerverband soll 1920 schon 60.000 Mitglieder gehabt haben. Da konnten die elitären Herren vom Monistenbund, angesichts solcher Zahlen, schon mal vor Neid erblassen.

Ein Verband wirft auch Funktionärsposten ab. Darauf waren und sind ja einige Herrschaften sei eh und je besonders scharf.

Aber o weh, dass Missgeschick naht in Deutschland in Form der herannahenden Inflation. Letztere vernichtete ja erhebliche Werte.

Und auch die neuen Verbandsfunktionäre mussten hart mit dieser Sachlage kämpfen.
Da kam ihnen der rettende Einfall.
Ein zweites Standbein müsse her. Gesagt - getan. Ergo wurde aus dem Freidenkerverband nunmehr ein Verband für Freidenker und Feuerbestattung.
Solch einen Feuerbestattungsverein gab es zwar vordem schon, namentlich in Berlin (wohl seit 1905). Der indes dümpelte in der Bedeutngslosigkeit so vor sich hin.
Einen wesentlichen Schub erfuhr die Freidenkerszene durch die Einführung von Kirchensteuern, zum Anfang der Weimarer Republik. Als Aquivalent dass die Kirchen nun keine Staatskirchen mehr sein sollten, wurden ihnen diese Steuern zugebilligt. Das hat dann so manchen aufwachen lassen, der sich dann seine nicht mehr Kirchenfrommen Gedanken zu dieser neuen Steuer machte. Profitieren tat davon ohne Zweifel die Freidenkerszene. Und auch der Feuerbestattungsverein wurde damit vom Nischendasein, zusehends ins Rampenlicht katapultiert.
An unsterblichen Seelen glauben Freidenker ohnehin nicht; ergo haben sie auch keine prinzipiellen Berührungsängste gegenüber der Feuerbestattung.
Wie das so mit dem Ende ist, auch dem eigenen, daran denkt wohl niemand gern. Aber in der Sicht der großen Masse jenes Verbandes, lag die Einlösung diesbezüglicher Policen für den Bedarfsfall, ohnehin in einer späteren Zukunft. Und siehe da, bis dahin kamen erkleckliche Summen, nicht zuletzt via des genannten zweiten Standbeines zusammen.

Zitat aus einer thematischen Studie von Jochen-Christoph Kaiser:

"Der VFF verdankte seine stürmische Entwicklung bis 1930 nicht dem politischen Atheismus, sondern allein der Attraktiviät seiner Konkurrenzlos günstigen Versicherungsbedingungen."

http://books.google.de/books?ei=ditNToLxIPL74QTQ38TIBw&ct=result&id=6HGyAAAAIAAJ&dq=

jochen+christoph+kaiser&q=Konkurrenzlos+g%C3%BCnstigen+Versicherungsbedingungen

Aber wie gesagt, es gab auch die Inflation.Und in rückblickender Betrachtung konstatieren Kahl/Wernig in ihrer Freidenkerstudie. Jene Inflation vernichtete auch die bis dahin angesammelten Geldbeträge der Feuerbestattungskasse. Indes vergleicht man die Vermögenszahlen, welche da für jenen Verband zum Ende der Weimarer Republik genannt werden, hat man sich dann doch wohl finanziell prächtigst wieder erholt.

Die Kirchen konnten sich indirekt auch freuen. Jener Verband war ja so mit seiner Feuerbestattung beschäftigt, dass er für seine Ursprungsanliegen, der Religionskritik, kaum noch Muße und Zeit hatte, und diesbezüglich zum zahnlosen Tiger mutierte.
Namentlich eher kommunistisch orientierte Kreise spielten dieses Spiel dann allerdings, auf Dauer nicht mit. Sie separierten sich deshalb vom VFF. Aber das war schon eher zum Ende der Weimarer Republik, zeitlich eingeordnet.

Da ein Herr Hitler ja lauthals hinausposaunt hat, er vertrete "positives Christentum" das aber bewusst schwammig, so das sowohl ein Rosenberg, als auch die Nazi-"Deutsche Christen", diese Floskel ohne praktischen Wert, vor sich her tragen konnten.
Da also ein Herr Hitler, auch ansonsten als "Aufräumer" in die Geschichte eingegangen, das er von dieser Position aus, mit organisiertem Freidenkertum nichts am Hut haben konnte, lag ja wohl offen zutage. Und so ist es denn auch abgelaufen. Folgerichtig wurden auch die Freidenkerverbände nach 1933 eliminiert. Aufs eliminieren verstanden sich die Nazis ja ohnehin allerprächtigst.
Nur, mit dem VFF hatten sie dann eine Nuss zu knacken, die ihnen wohl auch einige Kopfschmerzen bereitete. Das war eben deren Hauptgeschäftszweig, die Feuerbestattung.

Die Nazis fanden eine salomonische Lösung. Die Berliner Freidenkerzentrale in der Gneisenaustr. blieb weiter bestehen. Allerdings mit der Maßgabe nurmehr für nur noch rein wirtschaftliche Aspekte, sprich die Feuerbestattung, zuständig zu sein. Untersagt war ihnen jedoch jegliche Begünstigung des vorherigen Freidenkertums, mit dem sie einstmals organisatorisch verbunden war.
Und so konnte die Welt das eher seltene Schauspiel bewundern, wie im Nazi-Eliminierungsstaat, ein potentieller Mit-Eliminierungskandidat, als zahnloser Tiger, sein Dasein weiter fristen durfte.

Insbesondere dem Freidenker-Funktionär Max Sievers, gelang es dann zu Beginn der Naziära zu emigrieren. Mehr noch, über beachtliche Vermögenswerte auch in der Emigrationszeit zu verfügen. Darüber waren die Nazis nun alles andere als "erfreut". Seine Emigration hätten sie ja vielleicht zähneknirschend noch hingenommen. Das er ihnen aber auch noch wesentliche Vermögennsbestandteile entzogen hatte, das verziehen sie nicht. Und in späteren Jahren gelang es den Nazis dann auch noch Sievers habhaft zu werden und zu ermorden. Was sie damit aber immer noch nicht erreicht hatten, war der Umstand, jene Vermögenswerte, die Sievers ins Ausland geschafft hatte, auch in ihre Gewalt zu bringen.
Und so nahm die Geschichte noch eine Fortsetzung nach 1945.

1956 verbot der BRD-Staat die KPD. Eine Folge auch, die finanziell staatlich subventionierten Westberliner Freidenker, machten sich organisatorisch selbstständig. Traditionell im SPD-Milieu angesiedelt, wollten sie nunmehr mit den Westdeutschen Freidenkern nichts mehr organisatorisch zu tun haben, da letztere im Geruch standen, KPD-nah zu sein.
Besonders nachdem Sievers Tochter Margarete Krause (geb. Sievers) 1991 verstorben war, gab es dann zwischen den Westberliner und Westdeutschen Verband noch ein Hickhack, wer denn nun der rechtmäßige Erbe sei. Und vor allem, wie man denn nun an diese Gelder "endlich" herankommen könne.
Einige Justizpossen künden dann noch von diesem Hickhack.
Zitat aus einem thematischen Vortrag, der allerdings nur die Oberfläche streift:

"Und bundesdeutsche Gerichte sprachen das von den Nazis enteignete Vermögen des DFV nicht dem wiedergegründeten Verband sondern jener Versicherung zu, die von der Enteignung profitiert hatte. ...
Nach dem Reichstagsbrand in "Schutzhaft" emigriert Sievers sofort nach seiner Freilassung, organisiert von Saarbrücken, nach dem Beitritt des Saarlands zum Reich dann aus Belgien Widerstand gegen das NS-Regime. Dabei hilfreich ist die Tatsache, dass er Teile des Verbandvermögens in weiser Voraussicht bereits vor dem Machtantritt der Nazis ins Ausland geschafft hatte."

www.hvd-berlin.de/aktuelles/max-sievers-großer-unbekannter

"Am 17. März (1933) stürmen SA-Horden die Zentrale des DFV in Berlin-Kreuzberg, Gneisenaustr. 41. Die Verwaltung des geraubten Verbandsvermögens wird unter Nazi-Treuhandschaft gestellt, die Mitarbeiter entlassen. Ab dem 20. Juli wird die Bestattungskasse als "Neue Deutsche Bestattungskasse" weitergeführt. ... Aus dem Saargebiet organisierte Sievers 1933-1935 die Herausgabe des "Freidenker" und dessen illegalen Vertrieb nach Deutschland. Die Herausgabe finanzierte er aus dem, vor den Nazis geretteten Teil des DFV-Verbandsvermögens. Das Verbandsvermögen belief sich 1933 auf ca. 5,5 Millionen RM, das von den Nazis geraubt wurde. Rund 700.000 RM konnten von Sievers gerettet werden und wurden in der Schweiz und den USA angelegt. ...
Die Tochter Margarethe: "1940 ist mein Vater aus dem Exil in den USA noch einmal nach Belgien zurückgekehrt. Seine Schwiegermutter lag im Sterben und seine Frau wollte sie noch einmal sehen. Und dann kamen sie nicht mehr zurück in die USA. Das war sein Schicksal. Dann marschierten die Deutschen in Belgien ein, .... Mein Vater musste nach Nordfrankreich fliehen. ...
Im Exil in Belgien hat meine Mutter Angorakaninchen gezüchtet, aus der Wolle hat sie Sachen gestickt, das haben sie verkauft und davon gelebt in Belgien, denn sie hatten ja kein Geld. An seine Konten konnte er ja nicht 'ran, er hat ja anonym gelebt.

Die beiden hielten sich mit landwirtschaftlichen Gelegenheitsarbeiten und Kaninchenzucht über Wasser. Über einen Verwandten versuchten sie Geld aus der Schweiz zu beschaffen. Doch der Bote wurde verhaftet und gezwungen seine Auftraggeber preiszugeben. So wurde Sievers am 3. Juni 1943 wurde enttarnt und verhaftet. ..."

jestrabek.homepage.t-online.de/sievers.htm

Der von Sievers vorgenommene Geldtransfer erfolgte aber meines Erachtens schon zu Zeiten der Weimarer Republik. Zur eigentlichen Nazizeit wäre er schon mal nicht mehr möglich gewesen.
Nun kann man spekulieren, was für ein "heller Kopf" der Sievers doch war, das er im voraus ahnte, und reagierte, wie das mit dem Naziregime wohl so kommen würde. Dann muss er aber eine bemerkenswerte Ausnahme von der Regel gewesen sein. Andere gaben sich noch der Illusion hin, das Hitlerregime werde ohnehin bald abgewirtschaftet haben, bzw. noch andere, sie könnten jenes Regime, in der Form als Koalitionsregierung, so "zähmen", dass sie die Strippenzieher seien und die Nazis die "Marionetten".
Die Wirklichkeit indes kündete von anderen Konstellationen.

War denn nun jener Geldtransfer zu Weimarer Republikzeiten, im größeren Verbandsrahmen abgesprochen? Das wäre dann die wohlwollende Interpretation.
Die Nicht wohlwollende indes besagt, da hat ein Funktionär in selbstherrlicher Weise Gelder beiseite geschafft. Nicht unbedingt im Einverständnis mit anderen aus seinem Verband, welche auch was zu sagen hatten (sofern sie denn was "zu sagen gehabt haben sollten", was eher dem Bereich des Unwahrscheinlichen zuortbar ist).

Kahl/Wernig meinen in ihrer Freidenkerstudie werten zu können

"Doch dem ersten Vorsitzenden des Verbandes, Max Sievers, gelang es immerhin, nachdem die Gestapo ihn verhaftet und dann nach drei Wochen überraschend wieder auf freien Fuß gesetzt hatte, zusammen mit dem Generalsekretär Hermann Graul, Ende April 1933 ins Ausland zu fliehen; dabei entzogen sie auf Beschluß des Vorstandes einen Teil des greifbaren Vermögens dem Zugriff der Nazis."

Das ordnet sich dann ein in den Kontext der wohlwollenden Interpretation. Belege indes, die jene wohlwollende Interpretation stützen würden, dass die Geldbeträge erst zu Nazizeiten beiseite geschafft wurden, werden nicht geliefert.

Was die einschlägige Szene, außerhalb des elitären Monistenverband anbelangt, fasste sie Heinz Pepperle in seiner Diss. mal wie folgt zusammen:

Es "gab K(onrad) Beißwanger seit 1905 die Zeitschrift "Der Atheist" heraus und (es) war 1908 in Eisenach der Zentralverband proletarischer Freidenker gegründet worden.
Anfangs war dieser Verband, mit vielen Schwächen behaftet, kaum 800 Mitglieder stark. Nach dem Ende des Krieges wuchs jedoch die Bewegung sprunghaft an, nicht zuletzt deshalb, weil nunmehr die Sozialdemokratie alle Prinzipien verraten hatte und durch die Koalitionspolitik mit dem klerikalen Zentrum auch bereits Massen nicht unbedingt kommunistisch eingestellter Arbeiter gegen sich aufbrachte.
1922 hatte "Der Atheist" schon eine Auflage von 40.000 und 1924 von 80.000 erreicht, während die Mitgliederzahl der "Gemeinschaft proletarischer Freidenker" nach dem Anschluß des "Vereins der Freidenker für Feuerbestattung" (dem die konsequenten Freidenker allerdings oft als bloßen "Begräbnisverein" bezeichneten) rund eine halbe Million betrug."

Funktionär besagten "Begräbnisvereins" war halt der Herr Sievers.
Die Vokabel "Begräbnisverein" kann dabei durchaus doppeldeutig interpretiert werden.
Eine "Begräbnisform" dabei auch die, einem "furchterregenden Tiger" sämtliche Zähne zu ziehen.
Aus der im Zeitungsformat seit 1925 erscheinenden Verbandszeitschrift "Der Freidenker" seien denn mal zwei spezielle Meldungen herausgepickt.
In der Ausgabe vom 1. Januar 1930 konnte man lesen:

"Am 19. Januar findet im Rahmen der Veranstaltungen der Berliner Funkstunde erstmalig eine Freidenker-Morgenfeier statt. Weitere Feiern dieser Art werden in gewissen Zeitabständen folgen. Am 30 Januar abends spricht Gen. Max Sievers über das Thema: "Weltanschauliche Betrachtungen eines Freidenkers."

Die Letzte Ausgabe besagten "Freidenkers" die erscheinen konnte (auf Grund der politischen Rahmenbedingungen) war wohl die vom 16. 3. 1933. Immerhin wird sie mit einer Auflagenzahl von 432.000 Exemplaren ausgewiesen.
Und vielleicht nicht ganz unpassend, lässt "Fürst" Sievers noch in der Ausgabe vom 1. 10. 1932 ein Bild von sich abdrucken.
Was nun jene Radiosendungen anbelangt, erinnert man sich. Auch den Bibelforscher/Zeugen Jehovas, gelang es - einmalig - eine Sendung mit ähnlichen Titel ("Eines Bibelforschers Weltanschauung") ausstrahlen zu lassen. Einmal - und danach nie wieder.
Es würde überhaupt nicht verwundern, sollte es im Falle des "Freidenker" ähnlich abgelaufen sein.
Die zweite Meldung in jenem Blatt, die nicht vorenthalten sei, konnte man in der Ausgabe vom 1. 9. 1931 lesen.
Da wurde berichtet:

"Da lebt in San Diego (Kalifornien, USA) ein Richter Joseph Frederick Rutherford, Präsident der Internationalen Bibelforscher-Vereinigung und Wachtturm Bibel- und Traktat-Gesellschaft. Dieser Mann, wohlbemerkt ein Richter, vermachte im März vorigen Jahres sein Haus, zwei Automobile und die Garage . dem König der Juden David und anderen alttestamentlichen Gestalten wie Gideon, Samson usw.
Ich habe absichtlich Palmen- und Olivenbäume um das Haus gepflanzt, damit sich diese Himmelfürsten, wenn sie binnen kurzer Zeit wieder auf der Erde erscheinen, vollkommen zu Hause fühlen sollen", sagte der Richter ..."

http://www.tj-encyclopedie.org/Beth-Sarim
Die Beth-Sarim-Story auf französisch.
Die Google-Übersetzungsvariante:
http://translate.google.de/translate?js=n&prev=_t&hl=de&ie=UTF-8&layout=2&eotf=1&sl=fr&tl=de&u=http%3A%2F%2Fwww.tj-encyclopedie.org%2FBeth-Sarim

Nun ist allerdings nicht überliefert, welche Emotionen, den auch "Fürsten" Sievers, bei der Aufnahme jener Meldung in sein Blatt, bewegt haben. Sollte es Neid gewesen sein, es noch nicht ganz soweit gebracht zu haben ...
Die Frage soll und muss unbeantwortet bleiben.
Ausdrücklich eingeräumt sei auch, dass Sievers im Exil dann die Zeitung "Freies Deutschland" gründete. Nur, wie es dann tatsächlich gekommen ist, war wohl zu Weimarer Republikszeiten, so noch nicht voraussehbar.
Auch SPD-Kreise gründeten in Prag dann den "Neuen Vorwärts", woran wohl mehrere beteiligt waren. Im Falle Sievers war es dann wohl eher ein Einzel-Unternehmen.
Es ist sicherlich wahr, zwischen zeitgenössischen Sozialdemokraten (zu denen auch Sievers zählte) und zeitgenössischen kommunistischen Kreisen, klaffte ein abgrundtiefer Spalt.

Namentlich die kommunistische Demagogie, die Sozialdemokraten als "Sozialfaschisten" zu titulieren ging da zu weit, entschieden zu weit, und war letztendlich äußerst kontraproduktiv.
Es wurde schon angedeutet. Der Verband des Herrn Sievers blieb nicht der einzigste am "Markt". Die kommunistischen Kreise separierten sich. Da wiederum ist es nicht uninteressant mal einen Blick in die Konkurrenzorgane der Freidenker-Szene zu tun, welche unter kommunistischen Einfluss standen.

Eines dieser Organe nannte sich bis Anfang 1930 "Der proletarische Freidenker". Dann, ab März 1930 wurde jenes Blatt in "Proletarische Freidenkerstimme" umbenannt.
Was soll's mag man meinen. Namensveränderungen gibt es halt.
Ein etwas anderes Gesicht bekommt diese Sachlage indes, wenn man die Begründung zur Kenntnis nimmt, die jenes Blatt anführte, weshalb es sich denn nun umbenannt habe.
Und dazu kann man auf der Seite 1 der Märzausgabe 1930, den folgenden Text lesen:

"Beschlagnahmt und verboten
hat die sozialfaschistische Bürokratie des Sievers-Verbandes mit Hilfe der Klassenjustiz durch einstweilige Verfügung den Titel "Der proletarische Freidenker", um uns unseres Sprachrohrs an die Massen der revolutionären Freidenker zu berauben. Die Herren in der Gneisenaustraße schützen vor, daß unser Organ mit dem "Freidenker" sehr leicht zu verwechseln ist. Das ist eine Behauptung, die die Sievers wohl dem Klassengericht, niemals aber den Massen der Leser begreiflich machen können. Uns trennt eine Welt von dem "Freidenker" der Sozialfaschisten."

Noch ein Beispiel
Unter dem Titel:
"Internationale Proletarischer Freidenker. Internationales Bulletin" Hrsg. von der Exekutive der I(nternationale) P(roletarisches) F(reidenker)", kann man in deren 1. Jg. 1931 auf Seite 1 gleich die Sätze lesen:

"Nachdem auf dem IV. Kongreß am 15. November (1930) in Bodenbach aus der Internationale proletarischer Freidenker die Sozialfaschisten Sievers, Hartwig, Ronzal und Lebenhart ausgeschlossen worden sind und die Einheit auf revolutionärer Grundlage wieder hergestellt wurde, ist eine entscheidende Etappe der Entwicklung des IPF zu einem gewissen Abschluß gekommen."

Im gleichen Jahrgang jenes Blattes verbleibend, kann man dann unter anderem auch noch folgende Klage lesen:

"Der antiproletarische Charakter, den die Tätigkeit der IPF in letzter Zeit annahm, fand seinen besonders krassen Ausdruck während des Aufrufes des Papstes zum Kreuzzug gegen die UdSSR ... zieht es die Exekutive der IPF vor, eine abwartende Stellung zu nehmen ... Sonst nichts."

Also genannte Kreise beklagen auch zeitgenössisch die "Zahnlosigkeit" des Sievers-Verbandes. Der ist ja so mit der Kassierung seiner Beiträge für die Feuerbestattung beschäftigt, dass er sich da auch nicht noch um aktuelle Kirchenpolitische Kontroversen, sonderlich kümmern kann.
Genanntes Blatt führte auch in anderer Beziehung eine deutliche Sprache, die nicht nach dem Geschmack des Sievers-Clan war. Das hatte zur Folge, dass schon die März-Ausgabe 1932 dann die letzte Ausgabe war. Die berüchtigten "Notverordnungen" machten es möglich. Also nicht nur die Nazis "bissen" ihre Konkurrenz mit eher unlauteren Mitteln weg. Schon die Zeit davor ist ähnliches nachweisbar.
Und in dieser letzten Ausgabe kommentierte deren Redakteur Hans Meins:

"Hartwig und Sievers wollen keine Loslösung der christlichen Arbeiter vom ideologischen Einfluß der Kirche. Das verbietet ihnen die Koalitionspolitik der 2. Internationale mit den klerikalen Parteien. Sie wollen sich lediglich darauf beschränken, die "räudigen Schafe", die glaubenslosen Kirchenmitglieder, die nur aus Bequemlichkeit- oder Zweckmäßigkeitsgründen der Kirche angehören, zu organisierten Freidenkern zu machen. Sie wollen die Kirche von den "unbequemen Störenfrieden" befreien, wofür sie sogar noch von den Kirchen- und Staatsbehörden Dank erwarten ..."

Diesem Kontext ordnet sich auch ein, dass der "Begräbnisverein" schon zu Weimarer Republikzeiten, am 14. 3. 1928, den Antrag stellte "Körperschaft des öffentlichen Rechtes" analog den Kirchen werden zu wollen. Auch wenn damals daraus nichts wurde, wurde doch der dafür fällige Preis ("dem Tiger sämtliche Zähne zu ziehen") in vorauseilendem Gehorsam, postwendend bezahlt.
Zitat aus einer anderen Diss, (Hans Daute).

"Um die Erfolgschancen zu erhöhen, hatte die Verbandsleitung jede Stellungnahme und Aktion gegen die Konkordatsverhandlungen in den deutschen Ländern verhindert."

Mit vorstehenden Zitaten ist nicht gesagt, dass auch die kommunistische Position nicht kritisch hinterfragbar wäre.
Zu welchen Detailurteil man bei den diesbezüglichen Kontroversen auch immer kommen mag.
Der Sievers-Verband hatte sich in seiner Sicht "etabliert", er schätze ein bequemes "Beamtenleben", wenn es nach ihm ginge bis zum "jüngsten Tag". Das Geld floss ja via Feuerbestattungsbeiträge. Wozu sich da noch mit den Niederungen des Tagespolitik abmühen?!

Indes mit Auflösung bzw. Verbot der Freidenker, war deren Geschichte zu Nazizeiten noch nicht beendet.
Nachdem der Stern der Nazi-"Deutsche Christen" im Sinken begriffen war, gab es allerlei Neugründungen, altbekannter Kreise. Selbige erreichten zwar nie eine durchschlagende Dominanz; aber es gab sie halt, angepasst an den Nazi-Zeitgeist.
Unter ihnen auch die Strömung, welche schon vor der Nazizeit als "Freireligiöse" bekannt waren.
Ein bemerkenswertes Exemplar aus diese Szene, bezeichnete ein Kommentar mal mit dem Begriff:

"einen in der Wolle gefärbten "gemäßigten Nazi".

Nur peinlich genug, diese Wertung beschreibt das agieren des Beschriebenen nach 1945.
Siehe auch:
http://www.ibka.org/artikel/miz91/wurzeln.html

Lese ich in Herrn Bronders Buch "Bevor Hitler" kam, auch die Sätze

" Fest steht aber, daß der oder die Fälscher sehr genial waren: ist es ihnen doch vor weit über 50 Jahren gelungen, genau das zu "prophezeien" was später exakt eingetroffen ist"

wird mir mit Verlaub gesagt schlecht.
Oder auch jener Bronder'sche Verharmlosungssatz:

"Mit der jüdisch-zionistischen Kriegserklärung an Deutschland und nach dem Kriegseintritt der USA wird dann aus bisher nicht aufgehellten Umständen und Gründen heraus jene "Rache" an den Juden vollzogen."

Worin unterscheidet sich derlei Votum von der Aussage eines Hitler, dieweil die "Frankfurter Zeitung" stöhne, die Hetzschrift "Protokolle der Weisen von Zion" sei gefälscht, deshalb, so im Umkehrschluß Hitler seien sie doch echt.

Zum Thema der Hetzschrift "Protokolle ..."

Was wären die Verschwörungstheoretiker wohl ohne ihre Buhmänner? Wohl der sprichwörtliche Fisch ohne Wasser

Nochmals der Detailsatz aus dem IBKA-Kommentar:

"Es liegt auf der Hand, daß Verbände, deren Existenz so stark von öffentlichen Steuermitteln abhängt, schon aus purem Selbsterhaltungstrieb nicht ernsthaft an einer Trennung von Staat und Kirche interessiert sein können."

Eine Feststellung welche sich variiert auch auf andere Bereiche übertragen lässt
Der Disput zwischen denen, welche in straffen Organisationen ihr Heil sehen, und denen, welche (auch als gebrannte Kinder), dem so nicht mehr zu folgen vermögen, ist sicherlich nicht neu.
Schon in seinem weitgespannten Schrifttum (unter anderem auch das 1883 erstmals erschienen Buch "Die Gottespest", danach noch diverse Nachfolge-Ausgaben) formulierte Johann Most auch die Sätze:

"Eine kirchenartige Organisation, wie andere Arbeiterparteien haben die anarchistischen Kommunisten nicht. Sie halten jene Zentralisation mit Exekutive, Beamten, Steuern und sonstigen Imitationen des Staatswesens für verwerflich, weil die Einzelnen lähmend sie im selbstständigen Denken störend und das Ganze der Korruption und Versumpfung zuführend."

(Zitiert nach der erweiterten Nachdruck-Auflage IBDK-Verlag 1991 S. 46)

Ob Most mit dieser Wertung überzogen hat oder nicht, mag jetzt mal dahingestellt bleiben.
Zumindest benennt er einige Schattenseiten, die eintreten können, will man grundsätzlich andere Prioritäten diesbezüglich gesetzt sehen.
Der Vollständigkeithalber sei hinzugefügt.
Most vertrat weiter äußerst radikale Thesen, die so keineswegs übernommen werden können.
Stellvertretend sei als Beleg nur sein Auch-Satz zitiert. Nachdem er detailliert beschreibt, welcherlei Verwendungsformen von Kirchengebäuden er sich so alles noch vorstellen könne, lässt er diese Beschreibung mit dem Satz ausklingen:

"... Hängen die Pfaffen und Nonnen ins Glockenhaus, und können nicht begreifen: wieso es kam, dass nicht schon längst derartig verfahren wurde."

Mit diesem Satz gibt er eine Religionsfeindlichkeit zu Protokoll, die identisch mit der Propagierung des Bürgerkrieges ist. Insoweit muss auf diese Distanzierung, auch ausdrücklich bestanden werden.
Er wurde also nicht zitiert um alles was er denn mal sagte, als "Evangelium" zu erklären. Das ist mit Sicherheit nicht der Fall.
Text der "Gottespest" bei Payer eruierbar
http://www.payer.de/religionskritik/most01.htm

Die Religionsindustrie jubelt
geschrieben von: Drahbeck
Datum: 06. Mai 2012 01:31
Im Zeitspiegel
Über Demokratie konterkarierende „Notverordnungen", des Reichspräsidenten Hindenburg, der noch nie ein sonderlicher Freund der Demokratie war, berichtet die „Freiburger Zeitung" vom 6. Mai 1932.
Sicherlich klatschte die Religionsindustrie Beifall dazu.
Zu den vielleicht etwas verhalteneren Beifallsklatschern, dürfte auch der Feuerbestattungsverein des Herrn Siewert gehört haben, der da hochstaplerisch sich auch das Etikett „Freidenker" anheftete. Nun war ein Konkurrent „weggebissen". Ergo freie Bahn für den weiteren Ausbau der eigenen Geschäftsambitionen, die mit vielem zu tun hatten. Am allerwenigsten jedoch mit „Freidenkertum".
Den Antrag „Körperschaft des öffentlichen Rechtes" werden zu wollen, quasi eine staatlich alimentierte „Atheisten"kirche, hatte jener Feuerbestattungsverein ja bereits gestellt, Er konnte allerdings für dieses Ansinnen, von seiten Hindenburgs, keine Unterstützung erwarten. Das herannahende Naziregime, beendete dann diese Blütenträume ohnehin.
Aber relevant für jenen Feuerbestattungsverein war ohne Zweifel, dass ein Kritiker seiner Geschäftspolitik, nunmehr gewaltsam zum Verstummen gebracht wurde.

http://az.ub.uni-freiburg.de/show/fz.cgi?cmd=showpic&ausgabe=01&day=06a1&year=1932&month=05&project=3&anzahl=4
Der Geschäftszweig Feuerbestattung im Sievers-Verband, nahm quasi die Ersatzrolle für die angestrebte auch staatliche Alimentierung wahr. Die "süßen Trauben" der staatlichen Alimentierung indes hingen weiterhin unerreichbar hoch, auch für den Sievers-Verband.
Nun mag man für eine solche Ersatzrolle ein gewisses Maß an Verständnis aufbringen. Der dafür fällige Preis allerdings war auch die Selbstverurteilung zu einem "zahnlosen Verband."
Ein anderes Veranschaulichungsbeispiel wäre der sogenannte "Monistenbund."
Das kirchlich orientierte Lexikon "Die Religion in Geschichte und Gegenwart" (2. Auflage), muss über ihn einräumen (die Zeit vor dem ersten Weltkrieg betreffend):

"Der Bund, dessen Geist kulturfroher Diesseitigkeit offenbar dem Empfinden jener Vorkriegsjahre besonders entsprach, war daran, eine Macht zu werden."

Aber und jetzt kommt das Aber:

"Da kam der Krieg und zerstörte ebenso die Betätigung nach außen wie die Einheitlichkeit im Inneren. Die weltanschaulichen Grundlagen blieben zwar dieselben, aber der Gegensatz zwischen Nationalisten und Pazifisten im Bunde drohte (ihn) zu sprengen."

Die zeitgenössische Religionsindustrie in ihren etablierten Formen indes, blieb von vorgenanntem Konflikt weitgehend verschont, als in ihr Pazifisten an als Schaltstellen bezeichenbaren Positionen, ohnehin nicht vorhanden waren.
Eine wesentliche Rolle nach dem Kriege, spielte jener Monistenbund nicht mehr. Seine Stafette war nunmehr eher auf das Freidenkertum übergegangen.
Scheiterte der Monistenbund zu Weltkriegszeiten am Gegensatz zwischen Nationalisten und Pazifisten. So ist der Scheiterungsgrund zu Weimarer Republikzeiten, in Sachen Freidenkertum eher in der Gier nach den "Fleischtöpfen" zu sehen, und als Folge dieser Gier die Selbstaufgabe wesentlich kritischer Positionen gegenüber der Religionsindustrie.

Exkurs:
In der Märzausgabe 1932 (S. 17f.) der Zeitschrift „Internationale proletarische Freidenker", das war wohl die letzte erschienene Ausgabe konnte man beispielsweise die Klage lesen:„Hartwig und Sievers wollen keine Loslösung der christlichen Arbeiter vom ideologischen Einfluß der Kirche. Das verbietet ihnen die Koalitionspolitik ... mit den klerikalen Parteien. Sie wollen sich lediglich darauf beschränken, die „räudigen Schafe, die glaubenslosen Kirchenmitglieder, die nur aus Bequemlichkeit - oder Zweckmäßigkeitsgründen der Kirche angehören, zu organisierten Freidenkern zu machen. Sie wollen die Kirche von den „unbequemen Störenfrieden" befreien, wofür sie sogar noch von den Kirchen- und Staatsbehörden Dank erwarten."

Vgl. etwa H. Werdermann: "Ich weiß Bescheid.
Eine Auseinandersetzung mit dem Freidenkertum" 4. Aufl. 1932. S. 16
Am 14. 3. 1928, wurde von dem Beerdigungsverein bereits ein Antrag gestellt "Körperschaft des öffentlichen Rechtes" analog den Kirchen werden zu wollen. In der Folge war zunehmende "Zahnlosigkeit" angesagt. Blos nicht "anecken", immer das KdöR-Ziel vor Augen das Credo der Sievert und Co.
Auch gegenüber kirchlichen Konkordats-Ambitionen das eigene Schweigegebot praktizieren.
Da gilt dann das Motto: Vergessen sind alle hehren Grundsätze. Es geht nur noch darum, auch einen möglichsten komfortablen Platz an der "Futterkrippe" zu ergattern.

Ohne zweifel war die kommunistische Strömung des Freidenkertums radikaler. Eine besondere Blöße, die ihren Gegnern der Vorwand zum Zuschlagen bot, war auch ihre zur Schau gestellte Moskauhörigkeit.
Die wiederum bot die Basis zu Gegenmaßmahmen. Denn in der entschiedenen Ablehnung jener Moskauhörigkeit waren sich breite Kreise (quer durch die politische Landschaft Deutschlands) einig (von der SPD bis zu den Nazis und was dazwischen lag).
Völlig „unerwartet" kam dieses Verbot via Notverordnung nicht. Schon davor gab es einzelne Beschlagnahmungen (etwa das Novemberheft 1931 dieser Zeitschrift, ausweislich bibliothekarischer Anmerkungen der wissenschaftlichen Bibliotheken in den gesammelten Jahrgängen davon).
Was zur Beschlagnahme des Novemberheftes 1931 führte, kann allerdings nur mehr oder weniger erraten werden. Eine nähere Erläuterung in den anderen Heften dieser Zeitschrift gibt es nicht.

Jene Verbotsverfügung auf der Basis einer sogenannten Notverordnung bildete eine Art Stapellauf.
Schon am 20. 7. 1932 sollte es eine Wiederholung, diesmal aber in größerem Ausmaße geben.
Hitlers Steigbügelhalter Franz von Papen, vom Reichspräsidenten v. Hindenburg inzwischen zum Reichskanler erkoren, setzte an jenem Tage Handstreichartig, die gesamte Preussische Regierung ab. Von dem Schlag hat - unterm Strich gesehen - die Opportunistenpartei SPD sich dann in der Tat nicht mehr erholt.

http://einestages.spiegel.de/static/topicalbumbackground/139/wie_der_mythos_preussen_zerschlagen_wurde.html

Exkurs 3

Jaroslawski und Co
geschrieben von: Drahbeck
Datum: 08. Juni 2012 02:54
Ein redaktioneller Vorspann.
In einem Posting andernorts gelesen: Zitat von ...

„sondern von den Menschen in einer kirchlichen Einrichtung, die mir ihre Räume zur Verfügung stellen, um gemeinsam über ZJ aufzuklären"

Wes Brot ich esse, des Lied ich singe... Soll es ausgerechnet in diesem Fall anders sein?
Und waren es nicht eben diese Leute aus kirchlichen Einrichtungen, die neulich eine Hetzerei gegen so manche Andersgläubige, namentlich gegen die neuere nicht-christliche religiöse Bewegungen angezettelt hatten? Natürlich drängen sie sich selbst nicht immer in den Vordergrund, das tun für sie und in ihrem Auftrag "kompetentere" Persönlichkeiten. Sie selbst stellen nur Räumlichkeiten zur Verfügung, gaaaanz uneigennützig, ohne bestimmte Erwartungshaltung...
Brauchst du wirklich diese Leute, um gegen die ZJ aufzuklären??? Kannst du es nicht alleine tun oder zusammen mit Konfessionslosen bzw. Angehörigen anderer Glaubensgemeinschaften?
Da kann man diskutieren wie man will und den Anteil der Kirche auch versuchen herunterzureden.. es ändert nichts.
Bei all deinen hehren Vorsätzen, ... du wirst instrumentalisiert! Die Religionen bekämpfen nicht nur Fortschritt, Menschenrechte und Wissenschaft, sondern obendrein sich noch gegenseitig. Und sie nutzen dafür jedes Mittel. Aufklärungswillige Aussteiger kommen da gerade recht.
Ich würde eher den Saal der ortsansässigen NPD nutzen als den der katholischen Kirche (und in der Hetze ist die evangelische nicht besser). Womit ich meine, das ich ihn GARNICHT nutzen würde."

Also erst mal zu dem „Beispielfall NPD". Da lege ich für meine Person Wert auf die umgekehrte Feststellung. Eher kämen Kirchen als (eingeschränkte, zeitweilige) „Bündnispartner" in Betracht. Die NPD hingegen NIE!
Das erst mal grundsätzlich.

[Fußnoten-Einfügung: Ein „vielleicht" lehrreiches Veranschaulichungsbeispiel, „vielleicht" inhaltlich etwas anders gelagert, „vielleicht" so viel „anders" auch nicht, im nachfolgenden Link:
de.indymedia.org/2012/06/330703.shtml
]
Nun kann ich nicht verhehlen, die angesprochene Problematik hat denn auch schon mal meine Person tangiert (zu früheren Zeiten). Ich habe dann ein einmaliges Referat meinerseits vor kirchlichen Kreisen, im Nachhinein mit dem Satz kommentiert. Das war das erste und zugleich letzte Referat meinerseits vor kirchlichen Kreisen. Das wird sich Zeit meines Lebens, nie mehr wiederholen.
Insofern kann ich mich durchaus in die Befindlichkeit jener hineinversetzen, die auf das kirchliche Interesse der Instrumentalisierung hinweisen und entsprechend warnen.
Siehe auch Wohin geht die Reise?
Der allerneueste Schrei
Bultmann und Küng

Allerdings dass muss auch ich noch sagen. Wie sieht es denn auf der „Gegenseite" aus?.
Eine Reflektion zum Thema der historischen Freidenker etwa in:

Die heutigen Ausführungen über den seinerzeitigen sowjetischen Atheismusfunktionär Jaroslawski schließen sich dem an.
Ergo mag es in der Tat eine Frage der individuellen Bewertung sein, wie weit man da geht oder nicht geht.
Prinzipiell verweise ich in den heutigen Ausführungen über Jaroslawski auch auf den wertenden Satz:

„Namentlich seine Paraphase des wartens „auf den reichen Onkel" kann man noch etwas deutlicher zuspitzen. Es geht den Jaroslawski's und Co vor allem darum von der staatlichen Futterkrippe ausgehalten zu werden. Sollte (wie im Falle Sowjetunion) solcherlei Rahmenbedingungen gegeben sein, dann ist für diese Herrschaften die Welt (relativ) in Ordnung. Wehe aber, diese Rahmenbedingungen sind nicht gegeben, oder brechen wieder weg. Dann kann man in „Raketentempo" beobachten, wie das Interesse nachlässt. Sollte es einen „Ersatz", auch um den Preis der Verleugnung vorheriger Positionen gegeben haben, wird der auch mit „Kusshand" aufgenommen. Sollte es indes jenen Ersatz so nicht geben, kann man wieder mal beobachten, was es mit dem Spruch so auf sich hat, „das Gewäsch von gestern interessiert nicht mehr".

Eine Veranschaulichung jener These gab es kurz vor Toresschluss der seinerzeitigen DDR.
In all den Jahren des Ostdeutschen Regimes wurde organisiertes Freidenkertum - zur Wahrung des brüchigen Burgfriedens - nie zugelassen.
Zum Ende des Ostdeutschen Regimes indes, wurde selbigem die Kirchen ziemlich unbequem. Und in dieser Phase stampfte die SED quasi über Nacht, erstmals wieder einen eigenen Freidenkerverband aus dem Boden. Staatlich subventioniert, versteht sich.
Dann überschlugen sich die Ereignisse. Die Tage des Ostdeutschen Regimes waren abgelaufen. Und als Folgewirkung fiel auch die staatliche Subventionierung für jenen Verband weg. Und damit waren dann auch die Lebenstage dieser „Eintagsfliege" gezählt. Die kümmerlich Reste davon wurden vom Westberliner Freidenkerverband, welcher sich heute „Humanistischer Verband" nennt, „aufgekauft".
Jener Westberliner Verband, vordem - de facto ohnehin nur ein Verband der Lebenskundelehrer, ohne breite Wurzeln in der Westberliner Bevölkerung -, bekam damit eine Art Blutauffrischung. Ohne diese „Blutauffrischung", und ohne das wesentliche Standbein staatlich bezahlten Lebenskundeunterrichtes im Schulwesen, dem dann noch andere Geschäftszweige angegliedert werden konnten, etwa Kindergärten ect. Auch in seiner Trägerschaft (auch die Kirchen machten den großen Reibach, beim Aufkauf des vordem staatlichen Kindergartenwesens in Ostdeutschland, also keineswegs „nur" besagter „Humanistischer Verband"). Ohne diese wesentlichen Stützen würde es sich weitaus deutlicher zeigen, was in Kommentierung des Falles Jaroslawski bereits herausgearbeitet wurde.

Eine Ausnahme von der vorskizzierten Regel mögen die Kreise um die Giordano Bruno Stiftung sein (Schmidt-Salomon usw.). Die würden dann sich sicherlich auch etwa in atheistischen Buskampagnen usw. engagieren. Also partielles Engagement sei diesen Kreisen nicht prinzipiell abgesprochen. Die sind in der Tat aus „anderem Holze" geschnitzt als etwa der „Humanistische Verband".
Dennoch stört mich auch bei denen einiges.
Ein Beispiel nur. Die Catholica feierte kürzlich wieder mal ihren Aberglaubenskult des „heiligen Rockes" in Trier.
Und siehe da, vorgenannte Kreise waren auch nicht untätig, stellten auch Gegenveranstaltungen auf die Beine. Unter anderem die, einer Ausstellungs-Zelebration einer „Heiligen Unterhose von Karl Marx".
Wer mit dem „heiligen Rock-Kult" nichts am Hut hat, mag dass dann ja lustig finden. Und lachen soll in der Tat manchmal befreiend sein. Wer also dazu lachen kann, dem sei dieser Spaß durchaus gegönnt.
Die Frage bleibt aber doch zurück, wer lacht denn nun darüber? Lachen auch die Anhänger des „heiligen Rock-Kultes" darüber? Über letzteres wäre ich mir keineswegs so sicher.
Von seiner Biografie her hatte sich Schmidt-Salomon schon früher mächtig mit der Catholica angelegt. Ohne jetzt seine Chefredakteurszeit bei der MIZ weiter zu bewerten, meine ich darin auch einiges über seinen Clinch mit der Catholica mal gelesen zu haben, die gar ein Theaterstück von ihm zensieren ließ („Das Maria-Syndorm").
Nun war es für die Catholica sicherlich angenehm, das andere (für sie) wieder mal die Drecksarbeit erledigten. Jahrhundertelange Erfahrung hat diesbezüglich dieser Verein damit sicherlich.
Es sei auch eingeräumt, dass solcherlei Erfahrungen sich dem Opfer (in diesem Falle eben Schmidt-Salomon) traumatisch einbrennen.
Wie immer diese Dispute im einzelnen bewertet werden, zurück bleibt das wertfrei gesagt, die besondere Hass-Gegnerschaft zwischen ihm und der Catholica. Damit ist zwar für ihn ausreichend Stoff und Motivation für sein Engagement geliefert, aber doch wohl mehr in eine spezielle Richtung. Diese Fixierung auf eine spezielle Richtung, hat dann auch zur Folge, das er für Problematiken wie Zeugen Jehovas und oder Scientology, keinerlei sonderliche „Antenne" hat.
Weiter stört mich die Vollmundigkeit dieser Kreise beim Thema Evolution.
Ich war weder bei einer Schöpfung noch bei einer Evolution dabei. Ergo muss ich damit leben, es gibt weiter gegensätzliche Meinungen diesbezüglich, die „derzeit" nicht wirklich „hundertprozentig" aufgelöst werden können.
Wenn dem so ist, stellt sich schon die Frage des Stellenwertes der diesen Streitfragen gegeben wird.
Man wäre meines Erachtens klüger, just diesen Streitfragen einen eher hinteren Platz zu geben.
Diese so skizzierte Klugheit, vermisse ich allerdings in diesen Kreisen.
Beispielhaft am Beispiel des Herrn Kutschera (in diesem Verein eine dominante Rolle spielend) auch ablesbar. Sicherlich ist auch Kutschera, der Widerpart des Herrn Lönnig eine streitbare Persönlichkeit. Streitbar hin, streitbar her, ändert dies nichts an dem Umstand, dass mein Votum bei einer seiner Streitbarkeiten in Sachen Evolution, und eben generell in Sachen Evolution, weiterhin lautet (sinngemäß). Auf einem Nebenkriegsschauplatz einen Sieg errungen zu haben, auf dem Hauptkampfplatz indes, sieglos geblieben zu sein.
Siehe etwa:
Parsimony.13712
Die Befindlichkeit dieser sieglosen Herrschaften indes, wird von besagter Giordano Bruno Gesellschaft, im besonderen gehätschelt. Der Totalitarismus der evangelikalen Szene hingegen, zu der im weiteren auch die Zeugen Jehovas gehören, weitaus weniger.

In seiner Rubrik „Wir beobachten die Welt", hält „Erwachet!" vom 8. 6. 1962 auch die nachfolgende Meldung für weitergebenswert. Was den in ihr mit genannten Jaroslawski anbelangt, kann man in der Tat zu der Wertung gelangen:
Der ersetzte die religiöse Vergötterung, durch die Staatsvergötterung.
Siehe etwa auch seine Miterwähnung in der Kommentarserie 1940 (mehr in der zweiten Hälfte der Datei).

Wer sich dieserhalb nun wähnt entspannt zurücklehnen zu können, und zu meinen das Thema Religionskritik wäre damit ja erledigt, denn kann man selbstredend an seiner euphorisierten Siegesgewissheit nicht hindern.
Indes wer die Phase der Euphorisierung verlassen hat, dürfte das vielleicht etwas differenzierter sehen.
Wie auch immer, dieser Streit kann hier und jetzt nicht entschieden werden.
Begnügen wir uns also einfach mit der kommentarlosen Wiedergabe dessen, was „Erwachet" da in seiner genannten Ausgabe mitteilte.

„Namentlich seine Paraphase des wartens „auf den reichen Onkel" kann man noch etwas deutlicher zuspitzen. Es geht den Jaroslawski's und Co vor allem darum von der staatlichen Futterkrippe ausgehalten zu werden. Sollte (wie im Falle Sowjetunion) solcherlei Rahmenbedingungen gegeben sein, dann ist für diese Herrschaften die Welt (relativ) in Ordnung. Wehe aber, diese Rahmenbedingungen sind nicht gegeben, oder brechen wieder weg. Dann kann man in „Raketentempo" beobachten, wie das Interesse nachlässt. Sollte es einen „Ersatz", auch um den Preis der Verleugnung vorheriger Positionen gegeben haben, wird der auch mit „Kusshand" aufgenommen. Sollte es indes jenen Ersatz so nicht geben, kann man wieder mal beobachten, was es mit dem Spruch so auf sich hat, „das Gewäsch von gestern interessiert nicht mehr".

„Für die russischen Atheisten gibt es hauptsächlich drei Standardwerke, die ihnen meist so viel bedeuten wie einem Christen die Bibel.

Emeljan Jaroslawski

gab 1922 als Gründer der Gottlosenbewegung die „Bibel für Gläubige und Ungläubige" heraus, die bis 1938 10 Auflagen erlebte und 1959, nach längerer Unterbrechung, eine Neuauflage von 650.000 Exemplaren erhielt. Der Verfasser übt eine vulgäre Bibelkritik und versucht, die Schilderungen der Bibel fragwürdig erscheinen zu lassen.
Das „Buch über die Bibel" von Josef Kriwelew versucht, die biblischen Ereignisse als religiöse Legenden mit naivem Charakter hinzustellen, die im Gegensatz zur wahren Weltanschauung stünden. Das dritte Standardwerk ist „Der Begleiter des Atheisten". Dieses 600 Seiten starke Nachschlagewerk gibt Auskunft über die Entwicklung der verschiedenen Bekenntnisse religiöser Bücher und Feste. Es spricht von einem unüberbrückbaren Gegensatz zwischen dem Glauben und der Wissenschaft.
Vor nicht langer Zeit veranstaltete die Öffentliche Historische Bibliothek von Leningrad eine Wanderausstellung

atheistischer Bücher

unter dem Motto:
„Die Wahrheit über die Religion".
Darin waren auch Bücher westlicher Schriftsteller, wie
Bertrand Russells Buch „Warum ich kein Christ bin", zu sehen.
Eine ganze Auswahl von
Broschüren befaßte sich mit kleineren religiösen Gruppen. Von Jehovas Zeugen wurde in dieser Literatur erklärt, sie würden ihre antisowjetische Tätigkeit religiös tarnen."

Noch zu Nazizeiten, wurde besagter Herr Jaroslawski (1943 verstorben) als Jude diffamiert, was ja in jenem Regime einer Totschlagvokabel gleichkam.
In Kontext einer Diskussion um einem Rechtsaußen in der CDU, namens Hohmann, dann „passenderweise" gleich mal wiederholt.
Nach 1945 liest man über ihn weiter, solche wenige schmeichelhafte Bewertungen wie etwa
„Kettenhund Stalins".

Einige Auszüge aus dem im Jahre 1929 erschienenen (deutschsprachigem) Buch von Jem. Jaroslawski:
„Wie die Götter geboren werden, leben und sterben"
Schon allein dass er sich Religionskritisch engagierte, zeigt die Verlogenheit der Diffamierung als „Jude". Zudem war die Nazidiffamierung unter Hinweis auf Ahnenabstammungslinien, als „Juden" rassistisch motiviert, um sich selbst als vermeintliche Herrenmenschen zu sonnen, ihren Gegnern eben das Gegenteilige Stigma anzuhängen. Sie sagt indes Nullkommanichts darüber aus, wie denn jene Einzelpersonen es selber mit Religion hielten (egal welcher Strömung). Und wie sie den theoretischen Wert und die praktische Bedeutung einzelner Religionsströmungen einschätzten.
Einleitend behauptet der Verfasser:

„Das Ammenmärchen von der Erschaffung der Welt durch Götter ist schon längst durch den wissenschaftlichen Weltbegriff verdrängt." (S. 10)

womit er schon mal seine Grundsatzposition formuliert hat.
Namentlich da Jehovas Zeugen auch als Ablehner des Weihnachtsfestes bekannt sind, besitzt seine nachfolgende Angabe auch einen gewissen Stellenwert:

„Die Feier der Geburt Jesu wurde nicht mit einem Mal auf den 25. Dezember festgesetzt. Die Kirchenväter stritten darüber fast 400 Jahre. Die älteste Angabe über die Feier des Weihnachtsfestes am 25. Dezember ist in einem römischen Kalender vom Jahre 354 zu finden. Unter dem 25. Dezember heißt es dort:
„Christus wurde in Bethlehem, im jüdischen Lande geboren."
In den apostolischen Bestimmungen, die ungefähr derselben Zeit angehören, heißt es:
„Beobachtet die Feiertage und vor allem den Tag der Geburt des Herrn, begeht ihn am 25. Tage des zehnten Monats."
Ja das neue Jahr damals im März begann, so bedeutet dies den 25. Dezember. Bis dahin wurde in vielen Ländern die Geburt dieser Götter im Januar gefeiert. Die byzantinische Kirche und die ägyptischen Christen waren so sehr gewöhnt, die Geburt ihrer Götter am 6. Januar zu feiern, daß sie 431 Jahre lang Weihnachten am 6. Januar feierten, Die armenische Kirche feiert noch heutzutage die Geburt Jesu an diesem Tage."
(S. 77)

Weiter geht es bei ihm mit der Aussage:

„Epiphanius erklärt diesen Umstand auf folgende Weise:
Die Geburt Christi erfolgte 13 Tage nach dem 25. Dezember; die Zahl 13 bedeutet angeblich die 12 Apostel und Jesu selbst. Die christliche Sekte der Basilianer feierte Weihnachten im 24. und 25. April; wie Klemens von Alexandrien behauptet, feierten andere christliche Sekten Weihnachten am 25. Mai.
Als Hauptfeiertage der Geburt der Götter des Altertums galten meistenteils der 25. Dezember und der 6. Januar. Am 25. Dezember wurde die Geburt der Götter Adonis, Dionysos und Mithra gefeiert.
Das Christentum hat sämtliche Bräuche und Sitten dieser Feiertage beibehalten und nur die Namen und Benennungen geändert.
Auch in den westlichen Ländern, wohin die christlichen Prediger und Missionäre recht spät vordrangen, war die Geburt der Götter mit der Wintersonnenwende, dem 25. Dezember, verbunden. Die Missionare waren höchst erstaunt, in England, Norddeutschland und Skandinavien Bräuche und Feiertage vorzufinden, die den christlichen sehr ähnlich waren. Dies ist durch die große Abhängigkeit der Volksmassen dieser Länder, namentlich der Ackerbauern und Hirten, von der Natur zu erklären."
(S. 78)

Ein für die Zeugen Jehovas relatives Reizthema - die Dreieinigkeit - nimmt er auch auf. Dazu zitiert er ein russischsprachiges theologisches Buch mit den Sätzen:
(So äußert sich über das Dogma der heiligen Dreifaltigkeit der Metropolit Makarios in seiner Schrift „Die orthodoxe dogmatische Theologie", Band I, S. 156.)

„Das Sakrament der christlichen Sakramente ist unstreitig das Dogma von der heiligen Dreifaltigkeit: wie in einem Gotte drei Personen sein können, wie der Vater Gott sein, der Sohn Gott sein, der Heilige Geist Gott sein und es dennoch nicht drei Götter, sondern einen einzigen Gott geben kann, - das übersteigt völlig unsere Auffassungskraft. Und deshalb machte kein einziges Dogma so viele Ketzer stolpern -, die es sich anmaßten, die Wahrheit des Glaubens mit ihrem eigenem Verstande zu erklären, - wie das Sakrament der heiligen Dreifaltigkeit." (S. 81)

Vollmundig wähnt Herr Jaroslawski weiter:

„Die immer größeren Fortschritte der Technik, die ihre Entwicklung vornehmlich dem Wachstum der Produktiv-Kräfte und der Arbeit des Industrieproletariats zu verdanken hat, beseitigen von Tag zu Tag gründlicher und durchgreifender die Notwendigkeit eines Gottes für die Erklärung der verschiedenen Naturerscheinungen. Da nun die Arbeiterbewegung die fortgeschrittenen kapitalistischen Länder immer tiefer erfaßt, so geht gerade in diesen Ländern die Religionskritik oft von einigen Vertretern der weitsichtigeren Bourgeoisie aus.
Innerhalb der Kirche scheidet sich eine mehr zunehmende Schicht der Geistlichen und Theologen heraus, die einen bedeutenden Teil ihrer bisherigen Waffen aufzugeben - und durch neuere feinere Waffen zu ersetzen bereit ist, um nur die Herrschaft über die Massen nicht zu verlieren. Die Kritik der Religion, ihrer Dogmen und Bräuche, die Kritik des Ursprungs Gottes selbst geht recht oft von dieser liberalen Bourgeoisie aus.
So besteht heutzutage eine reichhaltige, von dieser liberalen Bourgeoisie geschaffene Literatur, die die bisherige Harmonie religiöser Theorien und Satzungen über den Haufen wirft. Allein das Proletariat kann nicht an jener Grenze haltmachen, an der diese liberale Kritik es zurückhalten möchte. Es geht in seiner Verneinung des Religiösen um vieles weiter. Es gelangt zur vollständigen Verneinung der Religion - als einer Macht die seine Entwicklung aufhält, den Sinn der gesellschaftlichen Beziehungen verdunkelt und der proletarischen Revolution hinderlich ist. Das Proletariat wird in allen Ländern der Welt, namentlich aber in Rußland, immer ausgesprochen atheistisch gesinnt, und dies gerade deshalb, weil es selbst einen neuen Staat aufbaut, indem zur Begründung der gesellschaftlichen Beziehungen keinerlei Anerkennung oder Autorität der Kirche, noch irgendein Segen von oben nötig sind, - wo die Gesetze nicht im Namen Gottes, sondern im Namen der gegen jede Sklaverei sich auflehnenden Proletariats erlassen werden.
Es zerstört die letzten Überreste des „Mysteriums" der gesellschaftlichen Beziehungen, Überreste, hinter denen sich noch die Religion verborgen hält.
Selbstverständlich kann der Kapitalismus ein solch starkes Machtmittel wie die Religion nicht so leicht aus der Hand geben. Noch ist der Kapitalismus stark genug, um die zahlreichen religiösen Organisationen aufrecht zu erhalten. Je raffinierter und je feiner der Betrug ist, den die herrschenden Klassen organisieren, um so tiefer faßt er Wurzel gerade in den liberalen und aufgeklärtesten Kreisen der Bourgoisie."
(S. 116)

Diesen Gedankengang weiter fortsetzend kommt er dann auf jene Strömungen zu sprechen, die vielfach pauschal mit dem Begriff „Sekten" zusammengefasst werden. Das liest sich dann bei ihm so:

„Irgendwelche „hohe", „heidnische" Methoden verfangen heutzutage nicht mehr. Da tauchen verschiedene Gemeinschaften der Quäker, Baptisten, Evangelikale, Tolstojaner und andere auf, denen die gebildete westeuropäische und amerikanische Bourgeoisie ihre größten Sympathien entgegenbringt. Die Sympathien wären freilich belanglos, wenn sie nicht mit er Organisierung materieller Mittel zu Propagandazwecken verbunden wären. Aus diesem Grunde opfert die Bourgeoisie noch gerne kolossale Summen für die Organisierung religiöser Propaganda, für die Schaffung pfäffischer Lehranstalten, ebenso für die Herausgabe von Evangelien, Bibeln und anderen Büchern der Heiligen Schrift in kolossaler Menge - Sie überschwemmt buchstäblich mit dieser Literatur die Arbeiterviertel und die Dörfer. Sie ist sogar bereit, diese Literatur „umsonst" zu verteilen, da sie schon genügend Gold aus Blut und Schweiß ihrer Lohnsklaven, der Arbeiter in Fabriken, Bergwerken, Erzgruben und Plantagen, herausgepreßt hat. Die Bourgeois hören gerne selbst eine Pfaffenpredigt an und besuchen die Kirche, wo gelehrte Theologen in fein kommentierten Bibelerläuterungen sich ergehen, die stets von guter Musik begleitet werden. Evangelientexte sind allerdings ein vortreffliches Verdauungsmittel für die behäbigen Bourgeois und Kapitalisten." (S. 117)

Zur Frage der kommunistischen Kirchenpolitik übergehend liest man bei ihm:

„Muß unsere Partei Krieg gegen die Religion predigen?
Ja. Sie muß gegen die Religion Krieg führen vermittelst Propaganda, Agitation, Predigt des Atheismus, Aufdeckung des Zusammenhangs der Religion mit den herrschenden Ausbeuterschichten, vermittelst Ersetzung der religiösen Weltanschauung durch die wissenschaftliche materialistische Weltanschauung, durch breite und tiefe naturwissenschaftliche und atheistische Aufklärungstätigkeit.
Muß die Partei Menschen mit religiösen Anschauungen die Aufnahme verweigern?
Als allgemeine Regel - ja, denn religiöse Menschen werden immer schwanken, den Kampf der Arbeiterklasse stören, und idealistischen Firlefanz hineintragen, wo eine klare materialistische Weltanschauung nötig ist."
(S. 142)

In seiner 1931 erschienenen, ebenfalls deutschsprachigem Schrift mit dem Titel: „Kampf gegen Religion und Nationalismus ist Kampf für den Sozialismus" vernimmt man ihn auch mit seiner die eigenen „Bauchschmerzen" beschreibenden Aussage:

„Bei uns fehlt noch hie und da, ich möchte sagen, der richtige militärische Plan in unserem Kampf gegen die Religion. Wir nennen uns zwar kämpfende Gottlose, aber dieser Kampfgeist fehlt uns durchaus. Häufig sehen wir ein mehr oder weniger versöhnlerisches, opportunistisches Verhalten, manchmal sogar ein Anpassen. Wir haben immer darauf hingewiesen, daß wir in unserer antireligiösen Tätigkeit mit der Rückständigkeit, dem Fanatismus der hie und da noch mit religiös gestimmten Massen und mit dem an manchen Orten noch herrschenden großen Einfluß der Geistlichkeit rechnen müssen. ...
Unlängst haben in Baku die Sektanten Flugblätter ausgeteilt. Dieses Flugblatt habe ich zufällig bei einem meiner Berichte in der kommunistischen Akademie zitiert. Das Flugblatt ist scharf geschrieben und, was die Hauptsache ist, hervorragend redigiert. Natürlich wurden sie nicht von der Vereinigung der Staatsverlagsanstalten mit Papier versehen, sondern sie haben sich selbst das Papier verschafft und waren auch selbst imstande, das Flugblatt zu drucken. Wir haben alle Möglichkeiten, eine Presse der Gottlosen zu organisieren, aber wir machen alles schrecklich träge und, ich wiederhole, wir rechnen auf den „reichen Onkel".
(S. 11, 14)

Namentlich seine Paraphase des wartens „auf den reichen Onkel" kann man noch etwas deutlicher zuspitzen. Es geht den Jaroslawski's und Co vor allem darum von der staatlichen Futterkrippe ausgehalten zu werden. Sollte (wie im Falle Sowjetunion) solcherlei Rahmenbedingungen gegeben sein, dann ist für diese Herrschaften die Welt (relativ) in Ordnung. Wehe aber, diese Rahmenbedingungen sind nicht gegeben, oder brechen wieder weg. Dann kann man in „Raketentempo" beobachten, wie das Interesse nachlässt. Sollte es einen „Ersatz", auch um den Preis der Verleugnung vorheriger Positionen gegeben haben, wird der auch mit „Kusshand" aufgenommen. Sollte es indes jenen Ersatz so nicht geben, kann man wieder mal beobachten, was es mit dem Spruch so auf sich hat, „das Gewäsch von gestern interessiert nicht mehr".
Nun ist aber der Umstand zu beobachten, dass anstelle der Jaroslawsik's und Co eher die klassische Religionsindustrie an der staatlichen Futterkrippe sitzt. Und namentlich in letzteren Konstellationen, kann man dann die politische Bedeutungslosigkeit der Jaroslawski's und Co, nahezu „mit Händen greifen."

Jaroslawski's 1937 wieder deutschsprachig erschienene Schrift:
„Die Aufgaben der antireligiösen Propaganda" setzt die Linie seines Klagegesanges fort. Nachdem er in ihr unter anderem die Gewerkschaften, als „tauben Verein" für seine Interessen charakterisiert (also andere, in dem Fall eben die Gewerkschaften) mögen doch bitte schön, für ihn die „Kastanien aus dem Feuer holen" geht es bei ihm weiter mit der Klage:

„Auf der letzten Plenartagung des Zentralkomitees der KPdSU (B) hat Genosse Shdanow äußerst scharf die Tätigkeit des Bundes der streitbaren Gottlosen und überhaupt die Tätigkeit der Freidenker kritisiert. Er hat vollkommen richtig bemerkt, daß viele Freidenker aus streitbaren Gottlosen zu friedlichen Gottlosen geworden sind, und stellte die Frage, ob sie nicht vielleicht eine stille Abmachung mit dem lieben Gott getroffen haben. ....
Leider stirbt die Religion nicht von selbst ab."
(S. 30, 32)

Ähnlich schon auch seine Klage in seinem 1930 erschienen „Der streitbare Atheismus wird zur Massenbewegung"
Darin auch der Satz:

„So hat die Wladiwostoker Kommunalverwaltung der Metallgewerkschaft Räumlichkeiten für Rote Ehen verweigert, dagegen aber diese Räumlichkeiten den Baptisten zur Verfügung gestellt, da die Baptisten dafür gut zahlen." (S. 18)

Ein bemerkenswertes Dokument, aus dem noch etwas zitiert werden soll, ist sicherlich auch das vom Verband der kämpfenden Gottlosen herausgegebene „Antireligiöses Lehrbuch fürs Dorf".
Erschienen (deutschsprachig) 1931 im Zentral-Völker-Verlag, Moskau.
Einleitend wird ausgeführt:

„Das vorliegende „Antireligiöse Lehrbuch für's Dorf" wurde auf Grund des „Antireligiösen Lehrbuches fürs Dorf" von Em. Jaroslawski zusammengestellt. Der größte Teil des Inhalts entstammt dem genannten Lehrbuch, doch wurde es den bestimmten Verhältnissen des deutschen Dorfes entsprechend umgearbeitet und ergänzt." (S. 3)

Grundsätzlich kommt - wie zu erwarten - die Religionsindustrie in ihrer Bewertung, nicht glimpflich davon. Jedoch überschneiden sich etliche Kritikpunkte dabei mit jener Kritik, die es auch andernorts zur Genüge gibt.
Zitierenswert sind eher solche Sätze wie die:

„Nach Auffassung der Gläubigen sendet Gott die Krankheiten als Prüfung für die Menschen oder als Strafe für ihre Sünden. Von den Krankheiten will sich der Gläubige nur dadurch befreien, daß er Gott durch Gebete und Opfer besänftigt und für sich gnädig stimmt. Doch hält sich der Gläubige für nicht stark genug, das selbst zu tun. Er benötigt dazu einen Vermittler - den Priester. Daß die Geistlichen aller Religionen dieses ausnützen, um sich und die Kirche zu festigen, unterlag noch nie einem Zweifel.
Noch heute macht die Kirche ihren Schäflein weis, daß die Ursache mancher Krankheiten - unreine Geister sind. Mit Vorliebe beweist sie diesen Unsinn mit der Bibel, nach welcher Christus aus kranken Menschen die Besessenheit ausjagte. Dieselbe soll dann in Gestalt böser Geister in eine Herde Schweine gefahren sein. Bis heute wird noch von der Kirche anerkannt, daß es Menschen mit übernatürlichen Kräften geben soll. Sie werden noch heute als Zauberer und Hexen bezeichnet. Mit dem Blute ungezählter „Hexen" und „Zauberer" ist die Geschichte der Kirche geschrieben, Tausende unglücklicher Frauen wurden auf Geheiß der Kirche auf dem Scheiterhaufen einem qualvollen Tode überantwortet. Die einzige Anschuldigung war - daß sie mit unreinen Geistern in Verkehr gestanden haben sollten. Es entsprach nicht der Tatsache, daß die Hexenverbrennungen nur im finsteren Mittelalter vor sich gingen. Noch im Jahre 1874 wurde in der Stadt Sant Jouan di Jacobo (Mexiko) eine Frau namens Diega Logo als Hexe auf dem Scheiterhaufen verbrannt. Ihr folgte, auf Veranlassung der Jesuiten, Hyronimo Parres nach.
Die katholische Kirche ist mit allen Kräften bestrebt, ihren Schäflein die Überzeugung beizubringen, daß es wirklich dämonische Krankheiten gibt. In den offiziell katholisch medizinischen Büchern wird ausdrücklich auf die Besessenheit hingewiesen. Diese Bücher sind von Medizinern geschrieben und von kirchlichen Vorgesetzten ausdrücklich gutgeheißen."
(S. 88)

Dieser Gedankengang wird dann mit der Ausführung fortgesetzt:

„Die Kirche hat aber nicht das Monopol auf „Wunderheilungen". Die Sekten machen ihr gewaltig Konkurrenz. In Deutschland ist es besonders ein ehemaliger Maurer Weißenberg, der sich als „Göttlicher Meister und Nachfolger Christi" ausgibt.
Dieser gerissene Betrüger kann zwar nicht den Pomp und Aufwand der Kirche aufbringen, über Zulauf von Gläubigen dürfte er jedoch kaum Klage führen können. Geheilt hat er bis heute noch keine Kranken, sich dafür aber eine Kirche eingerichtet und an die Vergrößerung seines Bankkontos gedacht."
(S. 104)

Auch dieses sei noch zitiert:

„Der Adventismus hat auch unter der russischen Bevölkerung eine gewisse Verbreitung gefunden und zählt in der Sowjetunion ca. 13.000 Anhänger. Sie bilden den sogenannten Adventistenbund der Sowjetunion, der sich dem Weltbund dieser Sekte angeschlossen hat. Die Adventisteninternationale entfaltet in der ganzen Welt eine gewaltige Propaganda. Die amerikanischen Adventistenführer bemühen sich ganz besonders um die Verbreitung des Adventismus in den Kolonialländern. Ihre Arbeit die die religiöse Verdummung und imperialistische Unterjochung der Kolonialvölker zum Ziel hat, wird dem Adventismus von den amerikanischen und europäischen Machthabern und Kapitalisten gut bezahlt.
Kolossal ist die Verlagstätigkeit der Adventisteninternationale. Auch „unsere" Adventistenführer gaben in Moskau bis zur letzten Zeit zwei Journale - eins in deutscher („Der Adventbote") das andere in russischer Sprache heraus."
(S. 233)

Relevant ist sicherlich seine Auseinandersetzung in Sachen Wehrdienst. Theoretisch war zum Anfang der Sowjetunion, dort noch eine religiös begründete Wehrdienstverweigerung zulässig. Das Papier auf dem jenes Recht stand, wurde dann aber alsbald in ein Papier umgetauscht, welches noch nicht mal seinen Papiererwerbungswert wert war. Jedenfalls war auch Jaroslawski bekannt, zum Anfang der Sowjetunion, gab es dort noch eine zulässige religiös begründete Wehrdienstverweigerungsmöglichkeit. Mit letzterer setzt er sich nun wie folgt auseinander:

„Von erheblichem Interesse ist das Verhalten der deutschen Sektanten zu der Roten Armee.
Wie schon berichtet, nahmen die mennonitischen „Spitzen" am konterrevolutionären Kampfe aktiven Anteil. Die adventistischen Führer unterstützten seinerzeit nach Kräften die zaristische Regierung und den Weltkrieg. Der adventistische Häuptling Heinrich Löbsack veröffentlichte während des Krieges patriotische Aufrufe und besang die Heldentaten der Adventisten auf dem Kriegsschauplatz. In Sibirien traten adventistische Jugendliche in konterrevolutionäre Organisationen ein. Ebenso handelten auch die Baptisten und die Vertreter anderer Sekten. Im Jahre 1914 veröffentlichten die baptistischen Zeitschriften kriegshetzerische Aufrufe. Später unterstützten die baptistischen Führer die Provisorische Regierung bei der Durchführung der Losung „Krieg gegen die Deutschen bis zum siegreichen Ende."
Die Ansichten der Sektenführer in bezug auf die Wehrfrage änderten sich jäh nach dem Siege der Roten Armee. Die Prediger der Mennoniten, Adventisten, Baptisten und einiger anderer Sekten, die doch noch kurz vorher zum Kampfe gegen die Sowjetmacht gehetzt hatten, stempelten es jetzt als Sünde „das Gewehr zu nehmen." Der Klassencharakter der sektantischen „Wehrlosigkeit" tritt hier klar zutage.
Die Sowjetmacht kam allen Sektanten, die nicht „das Gewehr nehmen" wollten, entgegen und befreite sie vom aktiven Militärdienst. Die Befreiung eines jeden einzelnen Sektanten von der Dienstpflicht in der Armee wurde vorgenommen, wenn das sowjetische Gericht die religiöse Überzeugung und den religiösen Lebenswandel des betreffenden Sektanten feststellen konnte. Zu den gerichtlichen Verhandlungen wurden die Sektenprediger als Sachverständige herangezogen."
(S. 258)

Aber so weiter:„Diesen Umstand nützten die Prediger aus, um die Rote Armee zu schädigen und den Einfluß der religiösen Gemeinden zu festigen. Die Zeugnisse über einen religiösen Lebenswandel und die Zugehörigkeit zur Gemeinde wurden nämlich jedem Jugendlichen ausgehändigt, der der Militärpflicht ausweichen wollte. Auf diese Weise haben die Sektenprediger überall die Deserteure der Roten Armee in Schutz genommen. Es ist an Hand genau geprüfter Tatsachen festgestellt worden, daß das Wachstum der Sekten während des Bürgerkrieges in erheblichem Maße auf Kosten der Deserteure der Roten Armee zustande kam.
Nach Verlauf einiger Jahre trat jedoch ein Umschwung in den Verhalten der werktätigen sektantischen Jugend zur Wehrpflicht ein. Die Stimmen, die sich gegen die verlogene Wehrlosigkeit erhoben mehrten sich. Die Heuchelei der Sektenprediger, denen das „Gewissen" den bewaffneten Kampf gegen die Sowjets erlaubte, den Dienst in der Roten Armee aber verbot, kam der Klein- und Mittelbauernjugend immer mehr zum Bewußtsein. Von Jahr zu Jahr wuchs die Zahl der Abtrünnigen, die die Lehre von der Wehrlosigkeit und bald darauf auch den ganzen religiösen Kram beiseite schoben. Diese Jugendlichen traten in die Rote Armee auf allgemeiner Grundlage ein und schlugen dadurch in die Front der Sektenprediger eine Bresche.
Die ersten Abtrünnigen wurden von wutschnaubenden Sektenpredigern verflucht und verdammt. Die Prediger setzten alle Mittel in Bewegung, um die „Verräter" entweder zur Umkehr zu bewegen, oder sie aus der „Gesellschaft" auszustoßen. Den Gemeindemitgliedern wurde geboten, jeden Verkehr mit den Abtrünnigen abzubrechen; die religiöse Jugend verstieß sie aus ihren Reihen, die Prediger versagten ihnen die Trauung usw. Diese Maßnahmen der Sektenprediger verfehlten jedoch ihren Zweck vollständig. Die Zahl der Abtrünnigen wuchs von Jahr zu Jahr. Durch ihre Strafmaßnahmen erreichten die Prediger nur, daß die Abtrünnigen den Sekten endgültig den Rücken kehrten.
Angesichts dieser Lage änderte im laufe der letzten Jahre eine Predigergruppe nach der anderen ihre Taktik.
Das „Gewissen" der Prediger „gestattete" nun mit einem Male den Dienst in der Roten Armee. Ebenso wie vor einigen Jahren das Verbot des Dienstes in der Roten Armee mit zahllosen Bibelsprüchen begründet wurde, so hatte man jetzt wieder Bibelsprüche ohne Zahl zur Hand, um die Richtigkeit der neuen Position zu beweisen.
Die adventistischen „Spitzen" faßten auf ihrem Kongreß im Jahre 1925 einen Beschluß, demzufolge den Adventisten der Dienst in der Roten Armee erlaubt ist. Einen ähnlichen Beschluß faßten die Häupter des Baptistenverbandes, in dem die deutschen Baptisten eine Sektion bilden. Indem die Sektenprediger dieses Manöver vollführten, schufen sie zu gleicher Zeit eine spitzfindige Klausel, die eine weitere Schädlingsarbeit gegenüber der Roten Armee ermöglicht. Sie besteht darin, daß die Führern ihren Nachfolgern den Eintritt in die Rote Armee erlauben, es jedoch einem jeden einzelnen Sektanten frei stellen, die Frage des Militärdienstes selbstständig zu entscheiden.
Die Praxis hat denn auch bewiesen, daß die Sektenprediger unter Berufung auf diese Klausel ihre Schädlingsarbeit fortsetzen. Wie ein Sektenführer im engen Kreise anerkannte, stellt die Erklärung des Sektantenkongesses über die Wehrfrage nichts anderes dar, als ein „schlaugedrehtes diplomatisches Dokument." Die Sektenführer wollten mit dieser ihrer Erklärung einerseits die Sowjetregierung betrügen und andererseits den massenhaften Austritt aus ihren Gemeinden verhüten.
Etwas anders handeln die mennonitischen Prediger, von denen noch nicht alle den Dienst in der Roten Armee „erlauben". In jenen Orten, wo der Prozentsatz der Abtrünnigen hoch ist, sind die mennonitischen Prediger schon dem Beispiele der anderen Sektenprediger gefolgt. An anderen Stellen, wo vorderhand erst wenige Mennoniten „das Gewehr nehmen", halten die Prediger noch an der Lehre von der Wehrlosigkeit fest.
Hieraus ist wiederum ersichtlich, daß die Anerkennung des Militärdienstes ein Manöver der Prediger darstellt, darauf berechnet, die werktätige Jugend unter ihrem Einfluß zu behalten.
Die Umtriebe der Prediger gegen die Rote Armee wurden in einer großen Gruppe mennonitischer Jugendlicher aus der Krim im Jahre 1929 entlarvt. In einer Deklaration teilen diese Jugendlichen mit, daß die Prediger auch ihnen Zeugnisse über einen religiösen Lebenswandel und mennonitischer Überzeugung angeboten haben und sie in jeder Weise dazu bewegen wollten, nicht in die Rote Armee einzutreten. Hier tritt es klar zutage, daß die Prediger Schädlinge der Roten Armee sind."
(S. 259)

Tendenziös wird dann im weiteren die Auswanderungswelle religiöser Kreise aus der Sowjetunion (namentlich und besonders Mennoniten) abgehandelt. Was da Ursache und was Wirkung war, darüber kann man wohl mit Sicherheit auch zu einer anderen Meinung gelangen, als wie sie in jenem Buche offeriert wird.
Ein Zitat aus jenem Themenkomplex:

„Als die mundgewaltigen deutschen Nationalisten die „Brüder in Not" in ihrem Lande empfangen konnten und nun praktisch helfen sollten, da wandten sie sich von ihren Gästen ab. Die Emigranten wurden in einige Konzentrationslager eingeschlossen. Dort brachen bald Seuchen aus, durch die an die 100 Menschen dahingerafft wurden. Kein Land erklärte sich bereit, die Emigranten aufzunehmen. Man schmiedete Pläne, die Emigranten nach Afrika abzuschieben. Schließlich erwies sich der südamerikanische Staat Paraguay bereit, die Emigranten aufzunehmen. Das Schicksal, das die Auswanderer hier erwartet, ist überaus traurig. In dem Lande herrscht unter den schon früher angesiedelten deutschen Bauern Hunger und Not. Den Auswanderern sind sumpfige Gebiete angewiesen worden, wo die Ansiedler von verschiedenen Seuchen massenhaft dahingerafft werden. Aus den Briefen der Auswanderer an ihre Verwandten in der Sowjetunion geht hervor, daß in den neuen Ansiedlungen eine furchtbare Verzweiflung herrscht. Zu den schweren Seuchen kommt noch die Unfruchtbarkeit des Bodens hinzu, die eine Weiterarbeit in diesen Gegenden ganz aussichtslos macht. Alles dies hat zur Folge, daß unter den Auswanderern eine große Zahl von Selbstmorden verzeichnet worden ist.
Auch das Los der deutschen Bauern, die in den Jahren 1924 und 1925 auswanderten, ist nicht beneidenswert. Statt der versprochenen Berge Gold erwartete sie in Kanada eine Enttäuschung nach der anderen. Auf die Forderung der Emigrationsgesellschaften hin mußten die Auswanderer, der örtlichen Verhältnisse unkundig, auf die Arbeitsangebote eingehen, die ihnen die Gesellschaften beschafften. Daher fielen die meisten unter ihnen der furchtbarsten Ausbeutung zum Opfer. Nur ein verhältnismäßig kleinerer Teil der Auswanderer (vornehmlich die Bemittelten) gelangte in den Besitz von Farmen. Doch auch als Farmer besitzen sie keine Aussicht, irgend einmal die Schulden an die Banken und die Emigrationsgesellschaften zu begleichen und selbstständig zu werden. Die meisten Auswanderer fristen als Landarbeiter oder als Arbeitslose ein elendes Dasein."
(S. 264)

Zynisch geht der Kommentar jenes Buches weiter mit der Aussage:

„So mancher Auswanderer hegt den Wunsch in sein Heimatdorf in der Sowjetunion zurückzukehren. Diesem Wunsche steht jedoch die Schuld an die Emigrationsgesellschaft hindern im Wege. Auch fehlen die Geldmittel zur Rückreise. Das ist das Los jener leichtgläubigen Bauern, die auf den Betrug der Pfaffen und Prediger hineingefallen sind." (S. 265)

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