Re: Ergänzungen zum Bild: Russell, nebst Gefolge, 1910 in Palästina
geschrieben von: Drahbeck
Datum: 20. März 2008 20:34
Einem nicht zu übersehendem „Schwächeanfall", dergestalt, dass der deutsche „Zions Wachtturm" im Jahre 1902 nicht mehr erschien; dieweil Russell's Erwartungen sich nicht erfüllt hatten, und er nahe daran war, selbigen endgültig (die deutsche Ausgabe) einschlafen zu lassen. Vorgenannter „Schwächeanfall" hatte auch zur Folge, das „Jünger des Russell" in der Schweiz beschlossen. Dann geben wir halt unsere eigene Zeitschrift heraus. Dem Gedankengängen Russell's zwar verpflichtet, aber ihn keineswegs als „Papst" anerkennend.
Im Herbst des Jahres 1902 war es soweit. Die erste Ausgabe (der weitere folgten) der „Aussicht" erschien in Thun (Schweiz).

Bezieher selbiger - das muss man deutlich sagen - war durchaus dieselbe Klientel, die schon davor (und in der Regel auch danach), den deutschen „Zions Wachtturm" bezogen hatte.
Im Vorfeld gab es zwar Sondierungen bei Russell, ob es denn erlaubt sein würde, die nun in eigener Regie und auf eigenes wirtschaftliches Risiko herausgebrachte Zeitschrift „Die Aussicht", nicht einfach „Zions Wachtturm" weiter benennen zu dürfen. Dazu stellte Russell allerdings glashart das Ultimatum. In diesem Falle dürfe das Blatt nur Übersetzungen aus dem englischen „Zions Watchtower" bringen, und keine einzige eigenverantwortete Zeile.

Da sagten die „stolzen" Schweizer schlicht und einfach: Nein dazu.
Die nun eingetretene Situation bewirkte als Nebenresultat auch, dass Herr Russell befand. Die Pläne zum „Einschlafen" lassen des deutschen „Zions Wachtturm" wolle er nun endgültig begraben. Und die unbefriedigende Absatz-Situation wolle er dadurch „meistern", das jetzt nicht mehr „gekleckert" sondern „geklotzt" wird. Tageszeitungen wurden nun en gros mit kostenlosen „Zions Wachtturm"-Beilagen „gefüttert" und anderes mehr in der Richtung.

Noch sahen sich beide Blätter als Schwesterblätter an. Da kam eines Tages im Jahre 1909, eine erstaunliche Meldung aus dem weit entfernten Australien, auch zu Schweizer Ohren. Dort gab es ein neues Zeitschriftenprojekt namens „Advocate". Das pikante daran war sein Herausgeber. Herr Russell hatte bekanntlich eine Stieftochter (Rose Ball ihr Name). Wie das so ist. Eines Tages werden die Kinder Flügge. Und auch Herr Russell bekam diesergestalt noch einen Schwiegersohn, eben den Mann der Rose Ball, Henninges mit Namen.

Herr Henninges verdiente sich durchaus für Herrn Russell ein paar Sporen. Zeitweise (kurzzeitig) amtete er sogar als Russells Statthalter in Deutschland. Dann führte in sein Weg - im Auftrage Russells - nach England und schließlich nach Australien.

Eines Tages befand Herr Henninges, er „könne" wohl nicht mehr so recht mit Herrn Russell. Der Streitpunkt - in meiner Sicht (das ist jetzt eine subjektive Meinung) - theologisches Hinterhofkellergezänk, bei dem wahrscheinlich „nur die Götter wissen", wer da im Rechte ist, und die wissen das wohl bis heute selbst immer noch nicht so recht.

Immerhin kam von Pittsburgh in der Sache eine klare Order herüber, und die hieß: Unterwerfung. Totalunterwerfung. Da befand Herr Henniges. Dann aber nicht mit mir. Und gründete eben seinen „Advocate" und sandte den in alle Welt. Unter anderem eben auch in die Schweiz.

Die Macher der „Aussicht", schon seit eh und jeh daran gewöhnt, diverse englischsprachige Artikel für ihr Blatt zu übersetzen und abzudrücken, taten nun selbiges auch mit den Thesen des Herrn Henniges, und befanden die als ausgesprochen „gut". Das wiederum fand Herr Russell nun überhaupt nicht gut.

Und siehe da, er kündigte sein höchstpersönliches Erscheinen in der Schweiz an, um den Schweizern mal so richtig die „Leviten zu verlesen".
Unter der Überschrift
„Enttäuscht. Zum 13. April 1910", berichtete die „Aussicht" dann einiges über die Russell'sche Stippvisite.
Wie die Überschrift schon zum Ausdruck brachte. Es gab keinen Konsens. Herr Russell beliebte nur zu „referieren". Fragen aus dem Publikum wurden nicht zugelassen. Im übrigen sei er in großer Eile, da er nach Palästina weiterreisen werde. Falls die Schweizer mit seinen Ausführungen nicht zufrieden wären. Er lasse einen Herrn aus seinem Gefolge einstweilen in der Schweiz zurück. Und der könne dann ja die Aufmüpfigen bekehren.

Dazu sagten dann die Schweizer dann allerdings „danke". Und seit dem Tage war dann das Tischtuch zwischen der „Aussicht" und den WTG-Hörigen, endgültig zerschnitten.
War die Kritik an den Russell'schen Papstallüren in der „Aussicht" davor eher verhalten, bis zurückhaltend, so änderte sich auch das nun noch.

Wie bereits ausgeführt, beliebte Russell (ob noch Zwischenstationen eingeplant waren, kann ich jetzt nicht aus dem Steggreif beantworten). Jedenfalls beliebte er und sein Gefolge nach Palästina weiter zu reisen. In der Frage der Zionsismus-Begünstigung, war eigentlich der Kreise um die „Aussicht" mit Russell, vordem ähnlicher Meinung. Nun aber begann man je länger, je mehr, verstärkt eigene Akzente zu setzen. Ein Beispiel dazu findet man schon in dem Bericht über Russell's Palästina-Tripp, der im nachfolgenden noch kommentarlos aus der „Aussicht" vom Oktober 1910 vorgestellt sei:

Davor noch ein Zitat aus der Ausgabe vom September 1910. Dort abgedruckt unter der Überschrift:
„An diejenigen, die es interessiert!"


„Seit der reinlichen Scheidung zwischen Wachtturm-Ges. und uns ist schon wiederholt von unsern bisherigen Gegnern der Zeitpunkt als gekommen betrachtet worden, das bisherige Warnen vor uns in ein sanftes Liebeswerben, ungefähr nach der Melodie „komm heim, o du irrende Seele", umzuwandeln. Wir wissen diese Taktik wohl zu „würdigen", halten es aber in Bezug auf die Rückkehr zu den verschiedenen Denominationen ähnlich wie jener Bauer in Emanuel Friedrich Fuchs „Federkampf" vor bald 90 Jahren, als ihm ein katholischer Priester die Frage aufwarf, ob er wisse, daß der Professor v. Haller von Bern römisch-katholisch geworden sei - und ob er nicht glaube, daß das reformierte Landvolk es baldigst auch so machen werde? ... (dann „Danke" sagte).

Jetzt noch der angekündigte Bericht aus der Oktober 1910-Ausgabe der Aussicht
„In ihrer Februar-Nummer brachte die „Aussicht" einen ausführlichen Bericht über die zionistische Bewegung und der Arbeit in Palästina durch zionistische Institute. Sie bezweckte damit lediglich zu zeigen, wie der Zeiger der Weltenuhr rapid dem neuen Zeitalter entgegengehe. Es wurde dies von den meisten unserer Leser auch so verstanden, aber doch gab es einige, welche den betreffenden Abdruck aus dem zionistischen Organ „Die Welt" bemängelt als ein magerer Beweis für die Tatsache der Sammlung des sichtbaren Israels. Das jetzt noch sehr viel Menschliches in der ganzen Bewegung vorhanden ist, wer wollte es leugnen? Aber sie ist dennoch ein Zeichen der Zeit, das wir nicht gering achten sollen. In diesem Punkte scheinen wir übrigens mit dem obersten Vertreter der Wachtturmgesellschaft nahe verwandt zu sein, wenn wir einem Zitat der „Welt" jüngsten Datums Glauben schenken dürfen. Darin wird Russell als „zionistischer Geistlicher" genannt und seine nunmehrige Tätigkeit in dieser Sache wie folgt skizziert:

„Der dritte (erwähnt werden zuerst zwei andere „zionistische „Geistliche") und zugleich der interessanteste im Bunde ist Herr Pastor(!) Russell, Seelsorger der Brooklyner „Tabernacle"-Kirche (!) Dieser Geistliche kehrte jetzt von einer Palästinareise heim und will die Prophezeiung mitgebracht haben, daß „Gottes Königreich" auf Erden nicht mehr fern" sei und daß es ausschließlich an den Juden ist, dieses „goldene Zeitalter" herbeizuführen. Pastor Russell verfügt über eine hohe oratorische Begabung, erfreut sich eines guten Rufes und wird von vielen Zionisten sogar ernst genommen. Er beruft große Massenversammlungen ein, sendet zionistische Zirkulare, niemals ohne Nationalfondsmarken aus und veröffentlicht seine Predigten auch in jüdischen Zeitungen (!)

Ob Pastor Russell Mission treiben will oder es mit dem Zionsmus aufrichtig meint, darüber ist sich keiner vollständig klar. Sehr leicht möglich, daß auch dieser den andern zwei Geistlichen folgen und aus der Kutte springen, dann Bücher mit jüdischem Inhalt ... Herausgeben und mit Juden Privatgeschäfte machen wird. Jedenfalls hat das Land der unbegrenzten Möglichkeiten noch eine Sensation, die es diesen Namens würdig macht."

Wir brachten dieses Zitat vollständig, weil es nebenbei noch allerlei Erwähnung tur, daß unsere werten Geschwister - ohne weitern Kommentar - gewiß bemerkt haben werden."
Re: Ergänzungen zum Bild: Russell, nebst Gefolge, 1910 in Palästina
geschrieben von: . +
Datum: 21. März 2008 06:56

Stark.

Spätestens ab hier hat sich mysnip schon gelohnt.
 
Re: Ergänzungen zum Bild: Russell, nebst Gefolge, 1910 in Palästina
geschrieben von:  . +
Datum: 24. März 2008 01:25
Einen Volltreffer landete vorhin Engels auf Infolink.

Man kann die Behauptung wohl kaum Aufrecht halten, das das Palästinafoto das einzige Foto von Malcom Rutherford wäre.

picture: http://www.manfred-gebhard.de/Rutherford1.jpg

picture: http://www.manfred-gebhard.de/Rutherford2a.jpg

picture: http://www.manfred-gebhard.de/Rutherford3.jpg

picture: http://www.manfred-gebhard.de/Rutherford4.jpg

http://forum.sektenausstieg.net/index.php?topic=13367.msg316619#msg316619
Re: Ergänzungen zum Bild: Russell, nebst Gefolge, 1910 in Palästina
geschrieben von:  Drahbeck
Datum: 24. März 2008 06:46
Sorry
Eine Korrektur.
Henniges, Mann der Rose Ball - Adoptivtochter Russells -, gab ab 1909 eine Englischsprachige Zeitschrift namens "Advocate" heraus, in Australien.
Die "Aussicht" hingegen, war eine Deutschsprachige in der Schweiz erscheinde Zeitschrift von Russell-Jüngern.
Re: "Die Aussicht"
geschrieben von:  Drahbeck
Datum: 24. März 2008 07:46
Zwei Titelblätter aus „Die Aussicht" mal als Repro:
http://www.manfred-gebhard.de/Aussicht1009.jpg
http://www.manfred-gebhard.de/Aussicht1109.jpg

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