Re: Pötzinger
geschrieben von: Drahbeck
Datum: 20. März 2008 11:32
Zitat:
X ~ mysnip
Bei Parsimony habe ich nach Stichpunkten wie: "Pötzinger" oder "Wahrheit" gesucht, jedoch nichts gefunden.

Nicht so sehr auf den Bilderaspekt bezogen.
Mehr auf den Umstand, dass Pötzinger es ja bis in die LK brachte, vielleicht noch nachfolgende „Informationsbrocken"

Eine im Bayrischen Hauptstaatsarchiv verwahrte Akte ( MA 106685) notiert unter anderem:

„Der schon seit Jahren in der Sekte der Bibelforscher tätige Reisevertreter PÖTZINGER Martin, geboren am 25.7.1904 in München, wohnh. Schraudolphstr. 10/II, wurde im Westend angetroffen, als er in Briefumschlägen verschlossen solche Werbeschriften verteilte. Er wurde festgenommen und der Geheimen Staatspolizei, Staatspolizeileitstelle München, überstellt. Dieser wurden auch die in allen Stadtteilen sichergestellten Flugzettel übermittelt.
Die Geheime Staatspolizei unternahm nach einigen Tagen eine großzügige Fahndung, verbunden mit Suchungen in den Wohnungen sämtlicher hier wohnhaften bekannten Anhängern dieser Glaubensrichtung."


In etwas anderen Worten „übersetzt". Pötzinger war der einzigste im Münchner Raum, anlässlich der 1936er WTG-Verteilaktion ihrer „Resolution" (die, welche zuerst auf dem Luzerner Kongreß formuliert wurde), welcher dabei „auf frischer Tat" erwischt wurde. Andere Akteure, hatten da einstweilen „mehr Glück".

Nun besteht aber auch der Umstand, dass die Gestapo einerseits überrascht und andererseits erbost war, über diese Verteilaktion. In der Folge unternahm sie intensive Bemühungen, zur Aufklärung, und nachdem sie entsprechendes Wissen sich erarbeitet hatte, auch nachfolgend entsprechende Verhaftungen.

Nun mag sich jeder für sich selbst mal die Frage beantworten. Pötzinger befand sich in der Gestapo-Mangel. Selbige wollte selbstredend einiges von Herrn Pötzinger wissen. Bekam sie das zu hören, was sie hören wollte. Oder nicht?

Noch in einer anderen Akte (Lagebericht) desselben Archivs, wird Herr Pötzinger in einer Kurznotiz mit erwähnt:

„Am 12. und 15. Dez. 1936 haben die Ernsten Bibelforscher in München und an vielen anderen Orten das Flugblatt "Resolution" verbreitet. Es handelt sich dabei um den Abdruck einer Erklärung, die die "Zeugen Jehovas" auf ihrer Tagung in Luzern in der Zeit vom 4. bis 7. Sept. 1936 verfaßten. In dem Flugblatt wird die Verfolgung der "Zeugen Jehovas" u.a. in Deutschland und Österreich beschrieben. Der Reisevertreter Martin PÖTZINGER, geb. 25. Jul. 1904, wird bei der Verbreitung entdeckt, festgenommen und der Gestapo überstellt."

An anderer Stelle in genannten Lageberichten findet sich gleichfalls die Kurznotiz vor:
„Die im Dez. 1936 durchgeführte "Großaktion" gegen die "Ernsten Bibelforscher" verläuft "ziemlich ergebnislos". Es wird "zwar bei verschiedenen ehemaligen Angehörigen dieser Sekte verbotenes Material gefunden", der Nachweis für ein "illegales Fortbestehen der Organisation" kann jedoch "nicht erbracht werden".

Beschränken wir uns auf den Münchner Raum. Über ihn indes weis Marion Detjen in einer einschlägigen Studie zu berichten:

„Die IBV setzte nun im Herbst 1936 als neuen Bezirksdiener für Bayern den aus Sachsen stammenden Karl Siebeneichler ein, der ohne festen Wohnsitz mit äußerstem Einsatz die Münchner Organisation völlig umstrukturierte. Er bestimmte Martin Pötzinger als Gruppendiener für München und die Untergruppendiener für die einzelnen Stadtteile."

Und eben nicht einen unwissenden kleinen Zeugen erwischte die Gestapo auf frischer Tat, sondern eben den durchaus wissenden Martin Pötzinger.
Seinen Part beschreibt Detjen mit den Worten:

„Seine schwierigste Aufgabe war, die Verteilung der "Resolutionen", die reichsweit für den 12. Dezember 1936 festgesetzt war, in München zu leiten und koordinieren."

Detjen will Pötzingers nachfolgende Rolle wie folgt interpretieren:
„Beim Verteilen erwischt wurde allein Martin Pötzinger. Da dieser - obwohl er wahrscheinlich gefoltert wurde - keine anderen Namen preisgab, führte die alarmierte Gestapo bei allen ihr bekannten "Bibelforschern" - etwa 160 Familien - Hausdurchsuchungen durch. Schließlich nahm sie sich wahllos fünf Personen vor, die sich auf andere Weise bereits verdächtig gemacht hatten, und vernahm sie unter "verschärften" Verhörmethoden. Als eine Frau nach mehrstündiger Vernehmung gestand, konnte die Gestapo die Untergruppe rechts der Isar, circa 60 Personen, aufrollen. Auch einige andere Gruppen konnten verhaftet werden."

Also folgt man Detjen blieb der einzig verhaftete Pötzinger „standhaft". Erst Nachfolge-Verhaftungen brachten die Gestapo ans Ziel.

Garbe etwa notiert zum Fall Pötzinger:

„In München wurde davon allerdings der dortige Gruppendiener Martin Pötzinger betroffen, der beim Verbreiten "auf frischer Tat" gestellt wurde. Ein SS-Mann hatte, nachdem ein Umschlag mit der Resolution bei ihm in den Briefkasten eingeworfen worden war, sofort die Verfolgung aufgenommen. Obgleich Pötzinger die Flucht ergriff, konnte er unter Mithilfe eines hinzugerufenen SA-Mannes überwältigt und von den beiden "eifrigen" Parteigenossen um 18.20 Uhr den diensthabenden Beamten der Revierwache l im Polizeibezirk München 9 "zugeführt" werden
In der "Hauptstadt der Bewegung" erging wenig später durch Rundspruch Alarm an alle Polizeidienststellen, daß "in verschiedenen Stadtteilen Flugzettel mit gemeinem Inhalt gegen die Regierung verteilt" würden. Um 0.30 Uhr übermittelte die Geheime Staatspolizei in Würzburg ein Fernschreiben, mit dem die Dienststellen vor der "Flugblattverteilung durch illegale Bibelforscher Überschrift 'Resolution' gewarnt wurden."


Erhard Klein etwa notiert in seiner Studie noch, und dass macht deutlich, dass es sich bei Pötzinger in der Tat um einen WTG-Hörigen handelte:
„Im Herbst 1933 wurde er von der Wachtturm - Gesellschaft nach Bulgarien geschickt, um dort zu missionieren. Nach einem Jahr wurde er von den dortigen Behörden abgeschoben und ließ sich in Ungarn nieder. Nach sechs Monaten musste er nach Bratislava in der Slowakei ausweichen. Hier wurde er unter der falschen Anklage, ein Spion zu sein, drei Tage eingesperrt und dann ausgewiesen. Seine nächste Station war Prag und anschließend Jugoslawien. Dort erkrankte er ernsthaft und musste nach München zurückkehren. In diesem Jahr, 1936, heiratete er Gertrud, die ebenfalls ihre ganze Zeit im Missionsdienst eingesetzt hatte. Beide arbeiteten mit den einigen hundert Zeugen Jehovas in München zusammen, die es Anfang der 30er Jahre hier gab. Die Literaturversorgung klappte sehr gut, da man noch kurz vor dem im April 1933 erfolgten Verbot in der Implerstraße ein geheimes Bücherlager eingerichtet hatte, wo 160 Zentner Druckschriften versteckt wurden.
Nachdem der Gruppenleiter Otto Lehmann im April 1936 und vier Monate später sein Nachfolger Johann KölbI verhaftet worden waren, wurde im Herbst desselben Jahres Martin Pötzinger als Gruppendiener die Verantwortung für die Münchner Zeugen Jehovas übertragen."


Anzumerken wäre noch, dass Herr Wrobel, welcher auch eine Studie über die Münchner Zeugen Jehovas verfasst hat, sich in ihr lediglich als „Papagei" der Thesen von Frau Detjen betätigt (in Sachen Pötzinger), mit welcher ja die WTG komfortabel leben kann.

Das die in der DDR erscheinende „Christliche Verantwortung" etwa in ihrer Nummer 102, sich der Detjen'schen Sicht nicht anschließen mag, sei ohne Bewertung, noch mit erwähnt.


CV 102

Re: Pötzinger "Und ist's auch Wahnsinn, hat es doch Methode"
geschrieben von: X ~ mysnip
Datum: 20. März 2008 13:37
 
Hallo Manfred,

da du die CV erwähnst, daß Manchen ihr Dasein nicht angenehm war und ist, leuchtet ein. Ich frage mich öfters, wie wären meine Empfindungen beim Lesen dieses Materials gewesen, als man der Wachtturm- Literatur noch völlig vertraute? Ich glaube, daß hätte viel Zeit zum Nachdenken erfordert. Die Artikel sind, für meine Begriffe, unbedingt lesenswert.

http://forum.mysnip.de/read.php?27094,1479#msg-1479

Viele Grüße!

PS.
Eine Anmerkung zum Perpetuum mobile in der CV. Man weiß ja nie.

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