Naturalistische "Erfindung"

geschrieben von:  Drahbeck

Datum: 13. Oktober 2008 04:54

Nun höre ich schon im voraus den Einwand: „Alles erlogen und erfunden".
Einräumen muss man weiter. Eine volle Namen- und Adressenangabe eines in der CV 237 abgedruckten Leserbriefes, ist dort nicht angegeben. Insofern kann ich mit denen die da der Meinung sind „erlogen und erfunden", auch nicht weiter streiten. Wenn sie denn absolut der Meinung sind der fragliche Leserbrief sei „erlogen und erfunden", dann mögen sie meinetwegen bei ihrer Meinung bleiben. Ich teile sie zwar nicht, aber ich nehme eben diese gegenteilige Meinung zur Kenntnis.

Dann noch dieses. Der Begriff Romanliteratur dürfte ja wohl geläufig sein. Auch die Verfasser selbiger arbeiten mit dem „erfinden". Selten, dass es ein naturalistischer Bericht wäre.
Trotzdem registriert man in solchen „Erfindungen" nicht selten Beschreibungen, die verdammt nahe an die Wirklichkeit herankommen. Oftmals sogar wesentliche Sachverhalte auf den Punkt bringen.

Nun würde ich dem fraglichen Leserbriefschreiber nicht zubilligen, dass auch er diese Kunst beherrschte. Und wie ich ja schon sagte. Meiner Meinung nach, wäre dieser Leserbrief keine Erfindung. Aber ich hatte ja schon eingeräumt, dass andere eben darauf bestehen. Das könne nur eine „Erfindung" sein.

Da die Frage Erfindung ja oder nein zum unentschiedenen Patt ausufert, muss also mal unterstellt werden es handle sich um eine Romanhafte Erfindung.
Dann wäre noch zu fragen. Bringt dieser „Romanschreiber" wesentliche Sachverhalte „auf den Punkt"? Ich jedenfalls würde meinen: Ja

Aber bilde sich jeder seine eigene Meinung dazu.
In der genannten CV-Ausgabe liest man in der Rubrik „Aus der Welt der Zeugen", das nachfolgende:


Liebe Brüder und Schwestern!
Da es nun dauernd regnet und ich keine Fenster streichen kann, will ich doch den Tag benutzen, um zu einigen Punkten von CV und meinen Erfahrungen mit der Wachtturmgesellschaft Stellung zu nehmen.

Punkt 1. 1975:
Dazu wäre zu sagen, daß dieser Termin in der Gruppe, zu der ich gehörte, keine Euphorie ausgelöst hat. Der Älteste, Bruder Sturm, der gleichzeitig viele Jahre auch mein Chef auf meiner Arbeitsstelle war, sagte mal diesbezüglich; "Nehmt euch bei eurem Felddienst in acht mit dem Datum 1975. Hebt das nicht so hervor, seid vorsichtig damit."

Später, als 1975 nun schon ca. 2 Jahre vorüber war, kam es mal in meiner Gruppe zu einem Gespräch darüber. Und, was mußte ich hören. Schwester Elfriede, die nun nicht mehr zu den Lebenden gehört und die 7 Jahre ihres Lebens für das Eintreten für die „Wahrheit" hinter Gittern verbracht hatte, sagte, das hätten so einige Voreilige aufgebracht, die alles besser wissen wollten. Von einer Fehlinformation durch die WTG war überhaupt keine Rede.

Aber Bruder W. D. sagte darauf, daß er es im Wachtturm Nummer soundso gelesen habe.
Ein anderes Beispiel für krampfhaftes Zurechtbiegenwollen der Falschprophetie der WTG lieferte das Ehepaar Klenke (ebenfalls nach einem lebenslangen Eintreten für die WTG vor Harmagedon verschieden).


[Redaktionelle Einfügung. Nicht in der CV. Möglicherweise identisch mit einem Gottfried Klenke. Selbiger, zusammen (unter anderem) mit dem Werner Liebig, in den 1950er ZJ-Schauprozessen zu lebenslänglichem Zuchthaus verurteilt. Spätestens in den 1960er Jahren wurden die letzten der noch verbliebenen zu Lebenslänglich Verurteilten, einschließlich Liebig, amnestiert. Allerdings sollte es Liebig schon wieder Ende 1965 „erwischen". Das aber in dem Fall aus dem Grunde, dieweil er zu damaliger Zeit, der Ranghöchste WTG-Funktionär in der Untergrund-ZJ-Organisation war. Im Zuge des Gefangenen-Freikaufs, kam Liebig dann aber doch noch nach einiger Zeit, in die alte BRD. Von einer Ausreise des Klenke in die alte BRD hingegen, ist nichts bekannt. Ergo ist davon auszugehen. Er war wieder im Raum Dresden ansässig Ein Bild von Klenke, vermittelt von H.J.Kammer, welcher mit ihm in Verwandtschaftlicher Beziehung stand Ende der redaktionellen Einfügung]

Ja, sagten sie, es gehen massenweise die Zeugen aus der WTG raus. Aber die haben ja nie richtig zu uns gehört.
Die müssen doch einen Grund haben, sagte ich. Da, sagten sie, viele haben große Baukredite aufgenommen, weil sie dachten, daß sie selbige nach 1975 nicht mehr zurückzahlen brauchten.
Das kann ja nicht stimmen, war meine Erwiderung. Ich arbeite in einem Baubetrieb und habe da einen Einblick, so dumm ist der Staat heute nicht mehr. Da kann sich keiner mehr so verrammeln in die Schulden, wie der Schwiegersohn von den Buddenbrocks, Grünling. Da wird ganz genau das Einkommen geprüft und einen Teil des Geldes müssen die Leute selbst aufbringen, wenn sie bauen wollen.

Das akzeptierte man schließlich, aber die Leitung der WTG verteidigte man weiterhin. Und das waren sehr intelligente Geschwister. Sie weilten immer in unserem Dorf als Urlauber. Ich kannte sie von der Beerdigung unserer Verwandten in Dresden, sie kamen oft zu mir, grüßten dann nicht mehr. Und schließlich, als ich sie das letzte Mal vor ihrem Tode im Dorfe traf, grüßten sie freundlich ...
Für heute soll das genügen. Das nächste Mal mehr. ...

Re:Ein "göttliches Wunder" ?

geschrieben von:  Drahbeck

Datum: 20. Oktober 2008 03:10

Im Forumsarchiv A 199 [mehr zum Ende der Textdatei]
wurde der Fall zwar auch schon mal mit angesprochen. Gleichwohl gibt es im Leben manchmal Wiederholungen, was man denn doch nachsichtig berücksichtigen möge.
Die CV zitiert in ihrer Nr. 230 folgendes „göttliche Wunder"

Sommer 1919 - ... Das Werk war beinahe völlig zum Stillstand gekommen. Das Tabernacle in Brooklyn war verkauft worden, das Bethel in Brooklyn war ausgeräumt und sozusagen unmöbliert gelassen, ... und man begann die Möglichkeit zu erwägen, das Hauptbüro der Gesellschaft nach Brooklyn, New York, zurückzuverlegen.

Hier folgt der Bericht über einen interessanten Vorfall, der später von Vizepräsident C. A. Wise erzählt worden ist.
Er wurde von Bruder Rutherford beauftragt, nach Brooklyn zu fahren, um zu ermitteln, was man tun könnte, um Räumlichkeiten zu mieten, in denen man Druckarbeiten in Angriff nehmen könnte, und zu sehen, wie es mit einer Wiedereröffnung des Bethels stünde. Bruder Rutherford sagte:

"Geh und stell fest, ob es der Wille des Herrn ist, daß wir nach Brooklyn zurückkehren!" Bruder Wise erwiderte darauf: "Auf welche Weise soll ich feststellen, ob es der Wille des Herrn ist, daß wir zurückkehren?" Bruder Rutherfords Antwort lautete:

"Im Jahre 1918 wurden wir von Brooklyn nach Pittsburgh zurückgetrieben, weil wir keine Kohlen erhielten. Laß uns also die Probe mittels Kohlen machen. Du gehst hin und bestellst Kohlen."

Da er wußte, daß Kohlen in New York am Kriegsende noch rationiert waren, erwiderte Bruder Wise:
"Wie viele Tonnen, denkst du, soll ich bestellen, um die Probe zu machen?"
"Nun", sprach Bruder Rutherford, "machen wir eine richtige Probe - bestelle fünfhundert Tonnen!"

Bruder Wise, der an die herrschende Kohlenknappheit dachte, ging mit gemischten Gefühlen nach New York. Dort stellte er den Behörden seinen Antrag - und zu seinem Erstaunen erhielt er die Bescheinigung, daß er fünfhundert Tonnen Kohle beziehen könne! Sofort telegrafierte er Bruder Rutherford, daß die Kohlenbestellung genehmigt sei. Damit sollte die Gesellschaft einige Jahre auskommen.

Nun ergab sich "aber die Frage, wo man mit den vielen Kohlen hin sollte. Es wurde nötig, große Teile des Kellergeschosses als Kohlenkeller einzurichten. Das war für die Brüder ein unmißverständlicher Hinweis, daß die Zeit gekommen war, da man nach Brooklyn zurückkehren und das Werk dort wieder in Gang bringen sollte .... (Aus "Jehovas Zeugen in Gottes Vorhaben")


Tja da streiten sich die Auguren. War das nun ein „göttliches Wunder"? Oder hieß das Wunder „politisches Kalkül". Neben den in den USA zu der Zeit bereits reichlich vertretenen Mittelstandsreligionen, auch einer solchen, mit internationaler Ausstrahlung für die ausgesprochenen Unterschichten (zu damaliger Zeit) das Fortbestehen zu ermöglichen.

Mag Herr Bismarck, auch ein deutscher Kanzler gewesen sein. Sein flotter Spruch; dass die Religion vor allem dem Volke erhalten bleiben müsse, wussten offenbar auch die Wallstreet-Macher gebührend zu würdigen! Und im Pluralismus ist ja alles möglich.

Für die Börsianer der Wallstreet das Money. Für die Proleten die Religion. So ist halt jeder „versorgt".


ZurIndexseite