"Denunziantentum" oder "das Prinzip der sich selbstüberwachenden Gesellschaft"

geschrieben von:  . +

Datum: 25. Oktober 2008 19:17

Erwachet Dezember 2008
Seite 19

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Zitat:


Die Rheinische Landeszeitung meldete am 28. Februar 1945, dass ein 19jähriges Mädchen zu einem Jahr Zuchthaus verurteilt wurde, weil sie den Feindsender gehört und Informationen an einem Ausländer weitergegeben hatte. Dass das Mädchen nicht härter bestraft wurde, begründete das Gericht mit ihrer Jugend.

Seite 21

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Zitat:

Aus dem Befund, dass die Gestapo in der Mehrzahl der Fälle nicht von sich aus tätig wurde, sondern auf Denunziationen der Bürger reagierte, folgert: Die Gestapo hatte der Bürger bedurft, um effektiv arbeiten zu können.
Und: die Mehrheit der Bürger ist dem Regime gegenüber loyal gewesen.
Die Deutung, es handele sich um eine loyale Mehrheit, wird durch die gewählte Begrifflichkeit der sich “selbstüberwachenden” Gesellschaft impliziert.
Und sie wird auch von mehreren Autoren nahe gelegt, - darunter auch Gellately, wenn er schreibt, der hohe Anteil von Denunzianten unter den Gestapo-Fällen spiegele eine “beträchtliche”, “breite” Beteiligung der Bevölkerung an dem Terror-System wider

Vgl. u.a. Robert Gellately, Gestapo, S. 162; Robert Gellately, Backing Hitler, S. 187
Vgl. Robert Gellately, Denunciations in Twentieth Century Germany, S.191.
Ähnlich auch Jens Gieseke, Mielke-Konzern, Stuttgart und München 2001, S 116

Seite 20
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Zitat:

Die Folge des Denunziantentums, das sich in den Jahren der NS-Herrschaft etabliert hatte war, das der Nachbar aus Fanatismus oder egoistischen persönlichen Motiven schnell zum Verräter seines Bekannten wurde.
Dies bedeutete, dass vor allem gegenüber dem Nachbarn oder in öffentliche Einrichtungen wie Luftschutzbunker, beim Einkaufen oder andere Gelegenheiten, keine unbedachten Äußerungen gemacht werden durfte, weil regimetreue Zeitgenossen die Gestapo über solche Fälle schnell informierten.


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Zitat:

Diejenigen, die dem System besonders loyal gegenüber standen, haben die Stabilisierung des Systems unter Umständen primär in anderer Weise begünstigt als durch Denunziationen:
Zum einen durch den informellen Druck, den sie ausübten - auf der Ebene verbaler Missbilligung und Empörung über abweichende politische Positionen. Oder auch durch die bloße Drohung, man werde die zuständigen Stellen informieren. Und zum anderen durch Bekundung von Zustimmung und regimekonsistente, öffentlich vorgetragenen Realitätsdefinitionen.
Das Netz sozialer Kontrolle und Regulierung im Alltagsleben ist subtiler, als es die bloße Betrachtung der formellen Kontrollinstanzen nahe legt.

siehe u.a. Elihu Katz und Paul F. Lazarsfeld, Personal Influence, New York 1964;
siehe auch Karl-Heinz Reuband, Die Bedeutung der Primärumwelten für das Wahlverhalten, in: Kölner Zeitschrift für Soziologie und Sozialpsychologie, 23, 1971, S. 544-567

Seite 19

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Zitat:

So sehr auch die Gestapo personell schwach ausgestattet war, so war sie doch nicht ohnmächtig und bedurfte allein der Bürger, um erfolgreich tätig zu werden.
Zum einen kultivierte sie dadurch den Ruf, allgegenwärtig und unerbittlich zu sein. Und dies mag für das Handeln der Bürger durchaus bedeutsam gewesen sein.
Denn wenn Menschen eine Situation als real definieren, ist sie auch real in ihren Konsequenzen. Zum anderen kompensieren personell schwach besetzte Institutionen oftmals ihre Defizite durch besonders repressive Maßnahmen. Je brutaler der Unterdrückungsapparat von Anfang an eingesetzt und je stärker die Bevölkerung eingeschüchtert wird, desto weniger Personal ist erforderlich.

siehe William I. Thomas, Person und Sozialverhalten, Neuwied 1965, S. 114


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Zitat:

Das System sozialer Kontrolle im Dritten Reich beschränkte sich nicht auf die Gestapo. Neben der Gestapo hatten Blockwarte – oftmals subtile – Kontrollfunktionen inne, die kleinräumig den häuslichen und nachbarschaftlichen Bereich kontrollierten.
Allein die Blockwarte umfassten, alles in allem gesehen, Mitte der 30er Jahre schätzungsweise rund zwei Millionen Personen.
Die von ihnen gesammelten Informationen wurden standardisiert in Haushaltsbögen erfasst mit Fragen u.a. zur Art des im Besitz befindlichen Rundfunkgerätes und zur politischen Zuverlässigkeit.

Vgl. Detlef Schmiechen-Ackermann, Der “Blockwart”, in: Vierteljahreshefte für Zeitgeschichte 48, 2000, S. 575- 602.
Vgl. den Abdruck in: Neuer Vorwärts. Sozialdemokratisches Wochenblatt Nr. 187 vom 10.1.1937, Wiener Library, London, PCI, Reel 11


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Zitat:

Wer auf den Hitlergruß mit dem Tagesgruß antwortet, machte sich bereits verdächtig.

Wenn auch ein großer Teil der von der Gestapo erfassten und über Denunziation ermittelten Personen nicht einer Sanktionierung zugeführt wurden, da die Denunziationen für die Effektivität des Systems nicht strukturell zwingend waren.
Gleichwohl konnten sie eine gewichtige symbolische Funktion in der Herrschaftssicherung haben: Als Abschreckung für diejenigen, die auffällig geworden waren, und als Warnung an diejenigen, die bislang noch nicht mit der Gestapo in Kontakt gekommen waren.

Dirk Rebentisch, Beurteilung, S. 117

Erwachet 22.Mai 1969
Seite 4
Freiwillige oder erzwungene „Gedankenkontrolle“

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Eine sich selbstgettoisierende und selbstüberwachende Gesellschaft, in der Kinder ihre Eltern des Gedankenverbrechens denunzieren - Eltern Denunzieren ihre Kinder, Verwandte, Freunde Geheimnisträger...

Parsimony.20273

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