Verklärung mit "Nachgeschmack"

geschrieben von:  Drahbeck

Datum: 04. Oktober 2008 07:16

Geleen in einem Artikel der „Welt"

www.welt.de/welt_print/article2527829/Taschenbuecher-der-Woche-Belletristik.html

„Löbliche Archäologie betreiben der Historiker Lokatis und die Germanistin Sonntag. In ihrer Anthologie über die "Kontrolle und Verbreitung unerlaubter Literatur" ist zu erfahren, auf welch wahrlich abenteuerlichen Wegen vom Regime unerwünschte Schriften in die DDR gelangten. Genauer gesagt: gelangen sollten. Denn nicht immer verfingen die Tricks der missionarisch gestimmten Schmuggler. So wurden in den Achtzigerjahren in den Hohlräumen eines Kleinbusses 44 000 Exemplare des "Wachturm" entdeckt und konfisziert. In einem anderen Fall wurden in einem eigens für diesen Zweck eingerichteten Pkw-Versteck 39 653 kirchliche Bücher und Broschüren sichergestellt.

Besonders findig bei ihren Versuchen, kanonische Texte über die Grenze zu schummeln, waren die Zeugen Jehovas, die Papiere in Backpflaumen stopften und in Kerzen einschmolzen. Auch Transitzugtoiletten waren beliebte Orte eines subversiven Literaturtransfers, der häufiger einem hehren Ziel namens Aufklärung diente als profaner Bereicherung. In diesem fundierten wie amüsanten Sammelband legen frühere Zolloffiziere, Ex-Stasi-Postkontrolleure, Dissidenten und Bücherschmuggler Zeugnis ab über ein kaum glaubliches Kapitel deutsch-deutscher Literaturbeziehungen."

Nun sei vorstehender Bericht so wie zitiert, zur Kenntnis genommen.
Ich habe auch das Zensursystem der vormaligen DDR keineswegs zu „verteidigen". Lernte ich denn selbst seine Schattenseiten kennen. Und ich weis auch aus anderen Berichten, wie es etwa anderen erging. Etwa der Besitz des Buches von George Orwell „1984" der einigen Gefängnisstrafen eintrug, und ähnliches in der Richtung.
Insofern mag man ja die geschilderten Zeugen-Praktiken nachsichtig bewerten.

Dennoch, bleibt ein ungutes Gefühl, zumindest bei mir zurück.
Ob denn diese Schmuggeltätigkeit wirklich ihren Preis wert war, der fallweise dafür zu zahlen war, und worüber die vorstehend zitierten Verklärer wohl nichts berichteten, wäre eine Frage die durchaus der kritischen Reflexion wert wäre.

Zum Weiterlesen

Apropos Zensursystem.
Dann mal noch ein anderes Zitat. Gleichfalls im nachfolgenden Kommentarlos vorgestellt.
Allerdings kann ich mir nicht versagen, anzumerken, dass ich das im nachfolgenden Zitat ausgesagte, auch nicht"gut" finden kann.
Also wer mit dem Finger blos auf Ostdeutschland und Hitlerdeutschland zeigt, was denn Zensurpraktiken anbelangt, ist wohl nicht sonderlich gut informiert.
Nachstehendes Zitat wurde der „Allgemeinen Evangelisch-lutherischen Kirchenzeitung" (Jahrgang 1918 Sp. 765 entnommen):

„Die Dorpater Universitätsbibliothek kann ihre Hundertjahrfeier begehen. Auch eine Abteilung „verbotener Bücher" gab es in einem besonderen Raume, darunter Strauß „Leben Jesu", Marx „Kapital" und Büchners „Kraft und Stoff".

Was den mit genannten David Friedrich Strauß anbelangt. Siehe zu letzterem auch:


Parsimony.25710

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