Cedar Point 1922
geschrieben von:  Drahbeck
Datum: 30. September 2012 05:25
Im Zeitspiegel
Also tönte das 1934 erschienene WTG-Buch „Jehova":

„Im Jahre 1922 zeigte der Herr seinem Bundesvolke seinen durch Untätigkeit im Dienste hervorgerufenen unreinen Zustand."

Nun kann kein Zweifel darüber bestehen, dass Rutherford als waschechter Ami, einiges daran setzen würde, besagten „Zustand" zu ändern. Das Instrumentarium auf dem er seinen Hörigen die diesbezüglichen „Flötentöne" beizubringen gedachte war dann ein achttägiges Kongressspektakel in Cedar Point (im US-Staate Ohio) vom 5.-12. 9. 1922.
Herausragend dabei sein in die WTG-Geschichte eingegangener Slogan: Verkündigt! Verkündigt! Verkündigt den König und das Königreich".

William Schnell analysierte dazu zutreffend: „Verkauft Bücher in Millionen!" war unser Schlagwort. Schließlich war ja auch der Hauptzweck des 1922 begonnenen Feldzuges ,,Verkündigt! Verkündigt! Verkündigt den König und das Königreich" der Verkauf von Büchern."

Und dabei wäre hinzuzufügen, nicht „irgendwelcher" Bücher, sondern eben die von Rutherford. Den Anfang machte dann seine 1922 erschienene „Harfe Gottes", der in rascher Folge, weitere Bücher und Broschüren folgten.
Das wiederum beinhaltete, dass Russell's „Schriftstudien" nunmehr zusehends aufs Abstellgleis verschoben wurden. Auch die einstmals für breitere Volksschichten ins Dasein gerufene Traktatserie „Die Volkskanzel" (später noch umbenannt auch in „Der Bibelforscher", bzw. „Der Schriftforscher") die sich in der Hauptsache auf Zitierungen aus dem Russell'schen Schrifttum stützte, wurde nunmehr im Jahre 1922 auch sukzessive eingestellt.
In den USA gab es da ja bereits seit 1919, als Ersatz das als Publikumszeitschrift konzipierte „The Golden Age", dass dann ab Oktober 1922 in der Schweiz (ab April 1923 auch in Deutschland) zum Einsatz kam.
Die Bedeutung jener 1922er Kongress-Veranstaltung definierte etwa Jonsson mal mit den Sätzen:

„In seiner Ansprache "Das Königreich der Himmel ist nahe gekommen" auf dem Kongreß von Cedar Point ... sagte Rutherford, das Königreich Gottes sei tatsächlich 1914 aufgerichtet worden, zwar nicht auf Erden, dafür aber unsichtbar im Himmel! ...
Gleichfalls auf dem Kongreß in Cedar Point 1922 äußerte Rutherford erstmals die Ansicht, "daß im Jahre 1918 oder ungefähr zu der Zeit der Herr zu dem (geistigen) Tempel kam". Früher hatten Russell und seine Anhänger gemeint, die himmlische Auferstehung habe 1878 stattgefunden. Doch 1922 verschob Rutherford sie auf 1918. Und ebenso verschob Rutherford in Mitte der 20er Jahre (Einfügung
Wachtturm „Geburt der Nation", Jonsson redet von den 30er Jahren. Es war aber bereits früher) den Beginn der unsichtbaren Gegenwart Christi von 1874 auf 1914. Damit ersetzte Rutherford nach und nach die unerfüllt gebliebenen Voraussagen durch eine Serie unsichtbarer und geistiger Ereignisse, die alle mit den Jahren 1914 und 1918 in Verbindung standen."

Pape etwa (zitiert nach der DDR-Ausgabe seines „Ich war ...") rekapituliert:

„Besonders kennzeichnend für seinen Größenwahn war eine Resolution, die er am 10. September 1922 in Cedar Point, Ohio. USA, von seinen Anhängern annehmen ließ. Darin maßt er sich an, von den Regierungen der ganzen Welt und von den Geistlichen aller Konfessionen Rechenschaft zu fordern über ihre Bestrebungen, der Menschheit den Frieden zu sichern. Er fordert die Regierungen auf, die von ihm proklamierte "Regierung des Königs Christus Jesus", die jetzt im Himmel sei, als einzige rechtmäßig für die ganze Erde bestehende Regierung anzuerkennen. Alle Regierungen der Erde sollten ihre weltliche Macht niederlegen.
Eine frechere und borniertere Anmaßung einer so kleinen und in fortwährendem Irren wandelnden Gruppe wie Rutherford und seine Mitarbeiter hat es wohl in der Geschichte der Menschheit kaum ein zweites Mal gegeben. Wo war denn die angebliche Regierung Christi? Nach Rutherfords Vorstellungen irgendwo im Himmel.
Man stelle sich einmal vor, alle Staatsmänner hatten Rutherford damals tatsächlich ernst genommen und auf die Vertreter dieser Regierung Christi, Abraham, Isaak, Jakob u. a. gewartet, die nach Rutherfords Prophezeiung 1925 aus den jahrtausendealten Gräbern zum Zwecke der erdenweiten Machtübernahme auferstehen sollten. Rutherfords göttliche "Wahrheiten" von 1925 waren zu einem Fiasko geworden.
Was hätte Rutherford im Falle einer Annahme seiner Cedar-Point-Resolution von 1922 gemacht? Es wäre ihm nichts anderes übriggeblieben, als sich selbst zum Präsidenten der ganzen Welt erwählen zu lassen. Oder hatte er einkalkuliert, dass die Herrscher seine Resolution sowieso nicht annehmen werden? Dann war sein Cedar-Point-Bluff ein doppelter! Der gesunde Menschenverstand hätte also die Cedar-Point-Propaganda als ein Hirngespinst erkennen können. Rutherford aber propagierte sie als heilige Wahrheit."

Wenn Pape in seiner Charakterisierung auch die Vokabel Größenwahn verwendet, hat er in der Tat den Kern getroffen. Und von Größenwahn, ist besagte Organisation noch heute geprägt!

In Rutherford'schen Buch „Licht" (Band I) wird dann nochmals jene famose „Resolution, welche die von Rutherford verblödete blökende „Hammelhorde" da am 10. 9. 1922 „annahm" zitiert. In ihr auch die „markigen" Sätze:

„ 6. daß alle internationalen Konferenzen und alle draus hervorgehenden Verträge und Vereinbarungen, mit Einschluß des Völkerbundes und aller ähnlichen Bündnisse, versagen müssen, weil Gott es so beschloßen hat;
7. daß alle vereinten Anstrengungen der 'Namenkirchen, ihrer Geistlichkeit, ihrer Führer und ihrer Verbündeten, die alte Ordnung der Dinge auf Erden zu retten und wieder zu befestigen und Frieden und Wohlfahrt herbeizuführen, fehlschlagen müssen, weil diese Organisationen keinerlei Teil des Messianischen Königreiches bilden.
10. Wir erklären und bezeugen öffentlich, daß die gegenwärtige Drangsalszeit der Tag der Rache Gottes über Satans sichtbares und unsichtbares Reich ist
11. daß die Wiederaufrichtung der alten Welt ein Ding der Unmöglichkeit ist; denn die Zeit für die Aufrichtung des Königreiches Gottes durch Christus Jesus ist herbeigekommen, und alle Mächte und Organisationen, die sich nicht gutwillig der gerechten Herrschaft des Herrn unterordnen, werden vernichtet werden."

Noch ein charakteristisches Zitat aus jenem Band I von „Licht". Da vernimmt man:

„Gelegentlich einer Hauptversammlung in Deutschland im Jahre 1925 wurde unter der großen Zuhörerschaft eine Stimmenzählung vorgenommen, und daß Ergebnis zeigte, daß mehr als die Hälfte der Anwesenden seit 1922 in die gegenwärtige Wahrheit gekommen war, und fast alle seit 1919. Eine ähnliche Stimmenzählung wurde später bei anderen Hauptversammlungen vorgenommen, die die gleiche allgemeine Tatsache bestätigte."

Ergo haben diese religiösen Narren, die davor liegenden Narrenthesen, etwa 1799 „Beginn der Endzeit"; etwa „1874 Beginn von Christi unsichtbarer Gegenwart" und anderes mehr, ja überhaupt nicht mehr persönlich existenziell miterlebt.
Was sie persönlich existenziell miterlebt hatten, war der Weltkrieg; auch die Folgewirkungen, etwa die Inflation und anderes mehr. Ergo das geeignete Strandgut für den Dummheitsverkauf und offenbar sogar erfolgreich.

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