Vier kalte Kriegs-Freiheiten
geschrieben von:  Drahbeck
Datum: 02. September 2012 08:00
Vor sechzig Jahren
Charlotte Müller, eine jener Doppelverfolgten (9 Jahre im Naziregime); danach 1946 – 1950 im Magdeburger WTG-Büro tätig. Nicht direkt bei dessen Auflösung verhaftet; aber doch einige Zeit später, anlässlich von „Literaturschmuggel" für die WTG-Organisation. Besagte Frau Müller trat auch – wie könnte es anders sein – auch auf etlichen WTG-„Standhaft"-Veranstaltungen (über die Videoaufzeichnungen vorliegen), als Zeitzeugin auf (etwa in Karlsruhe am 4. 4. 2000).

In den Interviews mit ihrer Person hinterließ sie doch eher den (subjektiven) Eindruck, hölzern ihre vorbereiteten Texte herunterzurattern. Eines ihrer dabei vorgetragenen Argumente, als Entgegnung an das DDR-Gericht, war auch der Hinweis auf die „vier Freiheiten", die doch jedermann zuständen – so Müller. Offensichtlich hat bei ihrer Verteidigung, ein tief eingeprägter „Wachtturm"-Artikel in desssen Ausgabe vom 1. 9. 1952 nachhaltig gewirkt; was nicht ausschliesst, das diese Thesen schon vordem kursierten (etwa in der frühen WTG-Broschüre nach 1945 „Seid fröhlich Ihr Nationen". Auch in dem WTG-Buch „Die Wahrheit wird euch frei machen"). Dann genau in der genannten WT-Ausgabe begegnet man erneut der These von den „vier Freiheiten".

Man liest dort:

„In den 1940er Jahren erhoben die Politiker der Christenheit den Ruf ‚Kämpfet für die vier Freiheiten', wodurch sie zugaben, dass die Menschen nicht frei waren, und sie zählten dabei diese vier Freiheiten wie folgt auf: Glaubens- und Redefreiheit sowie Freiheit von Furcht und Not. Dann gab es im Jahre 1950 in den westlichen Ländern den Kreuzzug für Freiheit, in welchem Beiträge entgegengenommen wurden, um in Westberlin die ‚Freiheitsglocke' aufzuhängen. Dort, in Berlin, ertönt die sogenannte ‚Freiheitsglocke', um die Menschen daran zu erinnern, dass sie in der Tat und Wahrheit jetzt nicht frei sind."

Laut Wikipedia wurde die These von den vier Freiheiten, im Januar 1941, von USA-Präsident Roosevelt kreiert. Ihr Wert als politischer Münze lag auch darin:

„mit dieser Rede einen Begründungszusammenhang herzustellen, da in den USA kaum Kriegsbereitschaft festzustellen war."

http://de.wikipedia.org/wiki/Four_Freedoms
Man lese auch mal den Wikipedia-Artikel zum Thema Freiheitsglocke.
http://de.wikipedia.org/wiki/Freiheitsglocke_in_Berlin
Unter anderem das Detail, dass jene Glocke als Symbol und Waffe im kalten Krieg zugleich, beim amerikanischen Radiosender RIAS jeden Sonntagnachmittag ihr Läuten gehört werden konnte.
Man muss dabei die Gesamtgemengelage beachten. Fernsehen war zu der Zeit in Deutschland noch nicht sonderlich verbreitet. Seine Funktion nahm damals noch der Rundfunk weitgehend war. Und da tönte also All-Sonntäglich der Begleittext jener „Freiheitsglocke" unter anderem:

„Ich glaube an die Unantastbarkeit und an die Würde jedes einzelnen Menschen. Ich glaube, dass allen Menschen von Gott das gleiche Recht auf Freiheit gegeben wurde. Ich verspreche, jedem Angriff auf die Freiheit und der Tyrannei Widerstand zu leisten, wo auch immer sie auftreten mögen"

Dieses Glockengebimmel war eine offenkundige - ins metaphysiche verklärte Kampfansage gegen den Osten - und wurde von diesem auch so aufgefasst.
Das also führte Frau Müller mit zu ihrer Verteidigung an. Ob sie sich der Tragweite dessen bewusst war? Zweifel bestehen da. Wie könnte denn eine solche Argumentation bei den Richtern ankommen? Doch wohl nur so. Die plappert die Thesen unserer politischen Feinde nach. Auch damit wird deutlich, dass die Zeugen Jehovas-Religion sehr wohl ein Politikum war und ist.

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