Bayern geht voran
geschrieben von:  Drahbeck
Datum: 03. Juli 2012 00:16
Im Zeitspiegel
Im "Bayerischen Polizeiblatt" vom 23. 11. 1931 gab es bereits eine Auflistung von WTG-Schriften, zwecks Beschlagnahmung.
Siehe dazu auch Anbiederung
Noch bestand die Weimarer Republik. Insofern erwiesen sich zu der Zeit Versuche, der aggressiven WTG-Verkündigung durch ebenso aggressive Gegenmaßnahmen auf der staatlichen Ebene beizukommen, als „auf dünnem Eis" befindlich. Gleichwohl gab es diese Bestrebungen. Als dann das Naziregime hereingebrochen war, hielt man sich weder in Sachsen noch in Bayern „lange mit der Vorrede auf". Beide Länder waren es, welche die ersten Zeugen Jehovas-Verbote des Jahres 1933 dekretierten.
Das sich anbahnende Ungemach für die WTG konnte man auch einem in der Ausgabe vom 1. 7. 1932 in der „Zeitschrift für Rechtspflege in Bayern" erschienenen Artikel entnehmen, zum Thema Bibelforscher. Als Verfasser zeichnete ein Herr Oberlandesgerichtsrat Dittrich in München.
Im nachstehenden seien einige relevante Passagen aus diesem Zeitdokument einmal näher vorgestellt.
Einleitend wird vermerkt:

„In letzter Zeit macht sich in Bayern wieder eine rege Tätigkeit der Bibelforscher bemerkbar. Sie vollzieht sich in der Regel in der Weise, daß Anhänger dieser Bewegung einzeln oder in Gruppen, meist Leute einfachen Standes, die zahlreichen Flugschriften der Wachtturm- Bibel- und Traktatgesellschaft in Magdeburg von Haus zu Haus verkaufen."

Bewertet werden dann diese Aktionen mit den Sätzen:

„Die Schriften der genannten Gesellschaft greifen nicht selten die anerkannten Religionsgesellschaften und die bestehenden Regierungen und deren Diener und Organe an, indem sie deren Handlungen als im Widerspruch mit den Lehren der Heiligen Schrift stehend erklären, und sind deshalb größtenteils geeignet, bei den Anhängern der verschiedenen Bekenntnisse Ärgernis zu erregen und in den Köpfen einfacher Leute Verwirrung anzurichten."

In Bayern würden „deshalb seitens der Verwaltungsbehörden seit Jahren ein nachdrücklicher Kampf gegen die Tätigkeit der Bibelforscher geführt, in dessen Verlauf sich in der Regel auch die Gerichte und Staatsanwaltschaften mit dieser Tätigkeit zu befassen haben."

Weiter wird rekapituliert: „Die Strafanzeigen gründen sich meist auf wirkliche oder vermeintliche Übertretungen der Bestimmungen der Gewerbeordnung über den Gewerbebetrieb im Umherziehen und verursachen den beteiligten Justizbehörden nicht selten erhebliches Kopfzerbrechen, zumal die Wachtturm Bibel- und Traktatgesellschaft juristisch gut beraten ist, sozusagen „gesetzlich gut eingerichtet" zu sein scheint und ihre der Gefahr der Strafverfolgung ausgesetzten Anhänger in jeder möglichen Weise mit Schriftsätzen, Anträgen und Beschwerden unterstützt."

Dann muss sich jener Herr Oberlandesgerichtsrat mit der Preisgestaltung des zeitgenössischen WTG-Schrifttums auseinandersetzen und kommt dabei zu dem Resultat: „Der Preis der Bücher liegt, wie Sachverständige wiederholt festgestellt haben, oft unter dem Gestehungspreis, übersteigt jedoch nie die Herstellungskosten."

Dadurch entstehende Unterbilanzen würden entweder durch Spenden der WTG-Anhänger, oder (zeitweilig, wohl nicht mehr im Jahre 1932) durch Zuschüsse der US-amerikanischen WTG beglichen.
Weiter entstünden keinerlei relevante Vertriebskosten, da der Vertrieb eben durch die WTG-Anhänger erfolge.
Weiter in dieser Folge: „Mit Rücksicht darauf, daß die Internationale Bibelforschervereinigung weder politische noch gewerbliche oder wirtschaftliche Zwecke verfolgt, sondern rein religiös eingestellt ist, hat der preußische Minister des Innern durch Erlaß vom 19. April 1930 angeordnet, daß von der Einleitung von Strafverfahren, insbesondere wegen Vergehens gegen die Reichsgewerbeordnung oder gegen das Gesetz über die Besteuerung des Gewebebetriebes im Umherziehen abzusehen ist, wenn nicht bestimmte Tatsachen vorliegen, die im Einzelfall eine Abweichung von der allgemeinen Beurteilung erforderlich machen."

Es gäbe weitere Gerichtliche, bzw. Verwaltungsbehördliche Entscheidungen, mit gleichem Tenor. In Bayern indes meint man kommentierend dazu:

„Im Gegensatz zu dieser Stellungnahme maßgebender norddeutscher Stellen und des Reichsfinanzhofs werden die Bibelforscher seitens der bayerischen Verwaltungsstellen nach wie vor mit Entschiedenheit bekämpft."

Auf der Suche nach „geeigneten" Strohhalmen dabei hat man wohl auch die bayerische Plakatverordnung entdeckt. Derart „siegesgewiss" geht es dann weiter mit der Aussage:

„Grober Unfug kann beispielsweise vorliegen, wenn die Bibelforscher, wie es schon vorgekommen sein soll, gleich Kolonnenweise anrücken und eine Ortschaft förmlich mit ihren Schriften überschwemmen, dadurch Beunruhigung und Ärgernis in weite Kreise tragend".

Noch einen „Lichtblick" meint man in Bayern erspäht zu haben:

„Neuerdings sind aber die Verwaltungsbehörden dazu übergegangen, die Schriften der Bibelforscher auf Grund der Notverordnung vom 28. März 1931 ... zu beschlagnahmen und einzuziehen, weil dann hinsichtlich der Frage der Einziehung eine richterliche Tätigkeit entfällt."

Zusammenfassend kann man wohl sagen, es war in Bayern der Zeit vor 1933, ein ausgeprägteres „Katz- Mausspiel" zwischen der WTG und Bayern, als vielleicht andernorts in Deutschand. Die sich da in der Rolle der „Katze" sehenden, werden wohl aufgeatmet haben, dass alsbald das Naziregime hereinbrach, welches sich mit sonderlichen Skrupeln nicht aufhielt. Wäre es so nicht gekommen, bleibt die Frage offen, ob der bayerische Kirchenfilzstaat unter den Rahmenbedingungen der Weimarer Republik, in diesem Duell wirklich „Sieger" geblieben wäre!

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