Es ist Sonnabends um 7 Uhr in der früh ...
geschrieben von:  Drahbeck
Datum: 20. Juni 2012 00:08
Es war an einem Sonnabend um 7 Uhr in der früh. Ort des Geschehens: Breslau (damaliges Schlesien). Berichterstatter der 1890 geborene Pfarrer Ulrich Bunzel in seiner 1932 erschienenen Schrift "Die Neben- und Gegenkirchliche Bewegung in Schlesien in der Nachkriegszeit." Rund 50 dortige Religionsgemeinschaften und Weltanschauungsgruppen, habe er kontaktiert, teilt der Verfasser weiter mit. Nur vier von ihnen erwiesen sich als äußerst unkooperativ. Vielleicht ahnt man es ja schon; eine dieser vier hörte auf den damaligen Namen "Bibelforscher".

Als Begründung für das Verhalten der anderen meint er, die erkennen halt, dass angesichts des Bolschewismus als gemeinsamen Feind alles Glaubens, das Zurückstellen vorhandener Differenzen angesagt sei.
Nun also bekommt Pfarrer Bunzel doch noch die Möglichkeit, des gesuchten Kontaktes auch zu den Bibelforschern.
Und zwar in seinen Worten so:

"Es ist Sonnabend um 7 Uhr. Es klingelt. Ein junger Mann tritt ein.
"Jehova schickt mich zu Ihnen, Ihnen dies Werk zu überbringen.", und überreicht mir ein Zehnpfennigheft, das ich schon besitze. Ich hatte es von einer Frau auf der Straße gekauft, die es marktschreierisch anpries: "Die letzte Hoffnung der Welt für 10 Pfg."

Auf meine Erklärung, er käme von den Ernsten Bibelforschern, leugnete er zunächst, läßt sich aber an Hand des mir angebotenen Verfassers Rutherford leicht überführen.

Über Zahl und Verbreitung der Sekte befragt, lehnt er jede Auskunft ab, wiederholt nur immer wieder:
"Jehova sendet mich, ihnen die Wahrheit zu verkündigen."

Vielleicht erahnt man es weiter; mit dieser gegebenen Auskunft ist der Pfarrer Bunzel nicht so recht zufrieden. Und so macht er denn nachfolgend aus seinem Herzen auch keine Mördergrube.
Diese lapidare Wendung von „Jehova sendet" macht zugleich das Niveau der ersten Generation der WTG-Hörigen deutlich. Ausgefeilte Wegerklärungs-Schulung a la heutiger „Theokratischer Predigtdienstschule" gab es zu diesem Zeitpunkt ja noch nicht. Ergo ist die Primitivität der WTG-Betörten, in diesem Fall noch deutlicher „mit Händen greifbar."
Das weitere Statement von Bunzel sei dann auch noch zitiert. Im Rückblick hat man allerdings zu konstatieren. Er (und andere) überschätzten (interessegeleitet) die damalige Oppositionsströmung der "Wahrheitsfreunde" des Ewald Vorsteher .
Und noch etwas. Ideologisch war der Vorsteher-Club sicherlich nicht einen Deut besser als die WTG-Religion. Da Gerhart Hauptmann in einer Charakterisierung, die wohl auch diesen Fall zutreffend beschreibt (Quint), schon so frei war, die Vokabel Narren zu verwenden, erlaube ich mir es auch zu tun,

Narrentum auf der einen - Narrentum auf der anderen Seite.
Worüber man allenfalls positiv urteilen könnte wäre, dass der ausgeprägte WTG-Totalitarismus, mangels Masse, bei den Vorsteher-Leuten halt nicht so zum tragen kam. Hätten sie sich indes dauerhaft etabliert. Ob diese Einschränkung dann noch gälte. Dafür würde ich jedenfalls, nicht die Hand ins Feuer legen.

Wie auch immer; Pfarrer Bunzel interessiert ja nicht so sehr diese Oppositionsbestrebungen, oder die WTG-Religion selbst. Ihm geht es ja nur um die Wahrung der eigenen Interessenlage. Das muss man dann ja wohl bei seinem nachfolgend (kommentarlos) weiter zitierten Statement auch klar sehen.
Weiter im Zitat:

Diese kleine Anekdote berichte ich, weil sie mir typisch für die Wirksamkeit der Bibelforscher zu sein scheint.
Fast alle Kirchenkreise berichten ähnlich wie Löwenberg II.

"Sie gehen in ihrer radikal-demagogischen Agitation dann und wann durch die meisten Gemeinden des Kirchenkreises, um durch Flugblätter und Verkaufen und Verschenken von Büchern mit ihren verworrenen Lehren die ungefestigten Gemüter zu verwirren.
In einer Gemeinde gingen sie soweit, am Totensonntag beim Ausgang aus dem Gotteshaus den Kirchgängern die Blätter in die Hand zu drücken."

Scheurlen (4. Aufl. S. 87) hat recht, wenn er sagt:

"An Verhetzung der Massen und Verleumdung der christlichen Kirche leisten die Bibelforscher das Menschenmögliche

Ich (Bunzel) habe in einem besonderen Heft die verschiedenen Irrungen dieser Gemeinschaft nachzugehen versucht. Die Sekte hat zweifellos auch in Schlesien ihren Höhepunkt überschritten, wenn auch die kommunistischen Ziele und die maßlose Verhetzung noch eine gewisse Gefahr bedeuten.

Seit der Spaltung ihrer Gesamtorganisation (1925 warf die Wahrheitsfreundebewegung den Rutherford-Leuten Unwahrheit vor; die "Neue Erde" (Gruppierung des F.L.A. Freytag) trennte sich von den Bibelforschern) hat sie auch in Schlesien wesentlich an Anhängerschaft verloren.

Die neue Namensänderung (in Jehovas Zeugen), die sie auf dem Internationalen Kongreß vom 24. bis 30. März 1931 vorgenommen haben, wird der Bewegung bestimmt mehr hinderlich als förderlich sein.
Auch wenn einzelne Orte, wie z. B. Morschwitz, Ohlau-Land, von aufdringlicher Werbearbeit gerade in jüngster Zeit melden, so darf man doch sagen, daß ihre Zeit in Schlesien vorüber ist.
So heißt es im Referat von Bronitz und Ratibor:

"Anfangs drängte man sich zu den Bibelforschern, jetzt treten sie nur noch sporadisch auf."

Von Leopoldshain bei Görlitz heißt es:

"Sie haben eines Sonntags einen Generalangriff unternommen, aber ohne rechten Erfolg."

Von Tentschel wird berichtet, daß  "ein Wagen, mit bunten Bildern behängt, mit Harmonium durch das Dorf gezogen ist."

Fast allenthalben aber heißt es wie von Rothenburg II:

"Der Höhepunkt lag in der Inflationszeit. Die Bewegung hat immer mehr an Bedeutung verloren. Jetzt finden sich in Muskau nur bedeutungslose Splitter."

Oder von Pombsen heißt es: "Eine Frau mit bewegter Vergangenheit rechnet sich zu den Bibelforscher, ihr Einfluß ist gleich Null";

Aus dem Kreise Grünberg heißt es: "Scheinbar wirkungslos", von Bunzlau: "Sie sind aufgetreten, anscheinend aber wieder verschwunden;

Von Sagan: "Eine Werbeversammlung hatte keinen Erfolg, sie haben nur ganz wenige Anhänger, die in Familien zusammenkommen";

Lübsen berichtet: "1923 fand ein Werbevortrag in Lübsen statt, doch schon der zweite mußte wegen Mangels an Besuch ausfallen";

von Glogau heißt es:  "Die Bibelforscher sind herausgedrängt",

von Löwen bei Brieg: "Sie haben es bald aufgegeben."

Es gibt nur noch ganz wenige Orte mit eigenen Gemeinden oder, was dasselbe heißt, mit mehr als 10 Anhängern. Ich nenne:
1. Breslau, wo sie in der Cäcilienschule (Taschenstraße) unter Leitung ihres Führers Scholz (Paradiesstraße 6) zwar noch regelmäßig zusammen kommen, aber auch nicht mehr viel Anhang haben. Um so mehr haben sie Geld

[meint Bunzel, nicht stichhaltig genug begründet].

Augenblicklich zeigen sie wieder an vier Abenden nacheinander die vier Teile des "Licht- und Filmwerks: Das Schöpfungsdrama", bei vollkommen freiem Eintritt.
Allein die Pacht des Messehofes kostet für vier Abende mehrere tausend Reichsmark. Aber das Geld ist da, der Dollar rollt.
2. Im Schönauer Kreise finden sich heute noch die relativ meisten Bibelforscher, 50 davon in Neukirch und 25 in Janowitz, weil sich dort ein Prediger der "Sekte" befindet. Aber auch da heißt es im Bericht:
"Die einzige 'Sekte', die im Kreise in Frage kommt, ist auch zum Stillstand gekommen."

3. Im Hirschberger Tal, wo vor 10 Jahren die verschiedensten "Sekten" blühten, lebten 1927 selbst 60, eben soviel in Beberröhrsdorf, 25 in Warmbrunn, 20 in Arnsdorf, 15 in Schreibershau, 9 in Stonsdorf und knapp 10 im übrigen Kreise, insgesamt also an 200. Auch dort ist es um die Bibelforscher ganz still geworden.
P. Braun (Boberröhrsdorf) schreibt mir z. B.:

"Die Bewegung hat sich in Bedeutungslosigkeit verlaufen. Die Mitgliederzahl beträgt dort höchstens 10. Doch wird noch bei vielen aus einer gewissen Gleichgültigkeit heraus jeder religiösen Beeinflußung gegenüber das "Goldene Zeitalter" gehalten. Gottesdienste werden von einem dazu ausgebildeten Prediger aus Bebersröhrs dort regelmäßig in dessen Wohnung gehalten."

Im Bolkenhainer Kreis sind von Waldenburg her in Baumgarten 22 Gemeindeglieder zu den Bibelforschern übergetreten. Ihre 18 Mitglieder halten noch heute regelmäßig Versammlungen und Sonntagsschulen ab. Von einem nicht sehr geistlichen, aber erfolgreichen Kampf gegen die Bibelforscher berichtet das Referat von Bolkenhain:

"In Nieder-Baumgarten waren 22 ausgetreten. Ein Einbruch in Ober Baumgarten wurde im Entstehen vereitelt, und zwar auf originelle und drastische Art und Weise.
Der Brandmeister der Feuerwehr setzte eine Feuerwehrübung vor das Werbelokal an und sprengte mit der Feuerwehrspitze die fremden Eindringlinge auseinander."

In Rohnsstock versammeln sich die 6 Mitglieder zu regelmäßigen Zusammenkünften. Das Interesse flaut, heißt es im Referat, seit 1925 merklich ab.
Im Frankensteiner Kirchenkreis fand sich in Lampersdorf vor etwa 7 Jahren ein Zentrum der Bewegung, die viel von sich reden machte. Ich habe auf einem Kreiskirchentag in Frankenstein 1924 bei einem Vortrag über die Bibelforscher sehen können, wie sehr die Gemüter damals von der Bewegung erfaßt wurden. Heute ist in Lampersdorf die Zahl von 35 um 24 auf 11 zurückgegangen, die zur "Beröerklasse", wie sie sich nennen, zusammengeschlossen sind. Es heißt in dem Referat:
"Die Bewegung ist nicht tot, aber auf den Herd abgegrenzt."

Im Kirchenkreis Schweidnetz-Reichenbach wird eifriger Schriftenvertrieb bei geringer Anhängerschaft gemeldet. In Langenbielau sind 12, in Peterswaldau 10, in Wickendorf 2 Bibelforscher, die trotz der geringen Zahl Versammlungen abhalten.
In Grünberg veranstalten die etwa 20 Bibelforscher regelmäßig in der Ressource ihre Versammlungen.
In Liegnitz ist ein besonderer Prediger, der auch die 20 Anhänger von Glogau betreut.
In Görlitz ist ein Viertel aller Arbeitervereinsmitglieder an ein und demselben Tage von den Bibelforschern besucht worden, ein nachahmenswertes Beispiel von Opferbereiter Arbeit für seine religiöse Überzeugung.
In Lauban und Gleiwitz dürften etwa je 30, in Hoyerswerda 25, in Jauer etwa 20 und in der Grafschaft an einzelnen Orten mehrere Bibelforscher zu finden sein.
Insgesamt dürften also heute in Schlesien an 15 Orten noch mehr als 10 Bibelforscher zu finden sein mit einer Gesamtzahl von 450 Anhängern. So opferfreudig die Anhänger sonderlich im Vertrieb ihrer Zeitschriften und Bücher heute noch sind, müssen wir sagen, selten hat eine "Sekte", die mit solchem Kostenaufwand soviel Reklame durchs Land verkündet wurde, innerhalb von weniger als zwei Jahrzehnten so Fiasko gemacht wie die Bibelforscher, obwohl auf dem Titel ihrer Hefte von 93 ½ Millionen Gesamtverbreitungszahl der Rutherforschen Schriften geredet wird, und obwohl heute noch der amerikanische Dollar freigebigst die Bewegung bei uns über Wasser zu halten sucht.

Man wird wohl auch das noch sagen können. Die als Folge des Hitlerismus eingetretenen geographischen Verschiebungen, haben auch eine Verschiebung regionaler Hochburgen der WTG-Anhänger mit sich gebracht. Lediglich Sachsen und angrenzende Gebiete, mag da relativ stabil als Hochburg geblieben sein. Aber für vor 1933 (auf dem damaligen generell niedrigen Niveau), waren Schlesien und Ostpreußen, Pommern auch solche - damaligen - relativen WTG-Hochburgen.

Dann sei an das Fallbeispiel Niedowski erinnert.
"Jehova möge sie erleuchten" sagt da eine WTG-Hörige ihrem Nazirichter ins Gesicht, mit den zu befürchtenden Folgewirkungen.
Und ihr Rechtsanwalt in diesem Verfahren charakterisiert sie wohl nicht unzutreffend.
Höflich formuliert, als einen Menschen von Herzensbildung. Weniger höflich formuliert, als Menschen von geringer weltlicher Bildung.
Das eben in jenen Kreisen, die WTG besonders gut "fischen" kann, ist eine Feststellung nicht unbedingt der neuesten Art.
Und wenn dann in Landstrichen wie den vorgenannten eben auch die "Ostelbischen Junker" zu Hause sind, die eben Gerhart Hauptmann auch zutreffend beschrieb, dann drängt mir sich jedenfalls der Eindruck auf.
Allen Herunterspielenstendenzen des Herr Ulrich Bunzel zum trotz, sah die relative Lebensfähigkeit der WTG-Religion in seinen Regionen etwas anders aus, als wie er sie sehen wollte.
Wäre nicht anschließend der Nazismus in ganz Deutschland hereingebrochen, mit seinem ZJ-Verbot, hätte die tatsächliche Entwicklung, auch in Schlesien die Thesen des Herrn Bunzel widerlegt.

Ergänzend sei auch auf die 1923er Auflage der Schriftenreihe "Kelle und Schwert", Heft 15 mit dem Titel "Verderbliche Irrlehren" verwiesen.
Jenes Heft referierte auch besonders mit, das aufkommen der sogenannten Pfingstbewegung, kurz nach der Jahrhundertwende um 1900.
Und herausgearbeitet wird auch. Jene Strömung ging namentlich zu lasten der sogenannten "Landeskirchlichen Gemeinschaften". "Landeskirchliche Gemeinschaften" ist ja nur eine höfliche Umschreibung für ausgesprochene Sektiererkreise, welche eben noch nicht den völligen Bruch mit den in ihrer Lesart verweltlichten Großkirchen vorgenommen haben.

Über 50 Prozent gingen da namentlich im Osten, zeitweilig zu den Pfingstlern über. Brieg in Schlesien und Mülheim (Ruhr) kristallisierten sich als - damalige - Hochburgen dabei heraus.
Die WTG-Religion auf deutschem Boden, war zu der Zeit noch nicht etabliert genug, um schon damals einen größeren Teil vom "Kuchen" sich abschneiden zu können. Das hat sich mit Sicherheit, in der Zeit nach dem ersten Weltkrieg dann auch noch verändert.

Erinnert sei auch daran, dass der damalige WTG-Funktionär Georg Rabe beispielsweise, diesem pfingstlerischen Milieu entstammte. Nicht zu vergessen auch der Walter Küppers (alias "Johannes Walther"), der ja auch kräftigst auf der Sektenwelle schwamm.
Der genannte Georg Rabe war dann einer der Überläufer, welche die WTG wiederum für sich rekrutieren konnte.
Jenes hochsektiererische Milieu der "Landeskirchlichen Gemeinschaften", bzw. ihrer Mutationen, war eben im besonderen in jenen Ostprovinzen repräsentativ, von denen auch Bunzel in seiner Abhandlung spricht.


Exkurs: Ulrich Bunzel
Kurt Meier notiert in seinem „Der evangelische Kirchenkampf" (Band 3) über Bunzel unter anderem, er habe in den Jahren 1925 bis 1933 über 200 Vortrage gegen den Kommunismus gehalten.

„Der Einsatz seiner Person ging dabei so weit, daß ihm mehrere Jahre vor der nationalen Erhebung die SA riet, keine Vortrage mehr zu halten, weil sie ihn nicht schützen könne. Bunzel hat trotzdem weitere Vorträge gehalten. Er hat auch bereits vor der Machtübernahme, entgegen dem Widerstand vieler Stellen, besondere Gottesdienste für die SA in seiner Kirche durchgesetzt, die stärkstens besucht waren. Für eine dabei gehaltene Predigt, die dem Führer zugeleitet wurde, hat er die besondere Anerkennung Adolf Hitlers erhalten."

Nun kam der Zeitpunkt heran, wo die Nazis, die tatsächliche politische Macht usurpieren konnten.
Und in dieser Geschichtsphase, vernimmt man über ihren Vorkämpfer Bunzel durchaus anders tendenzierte Meldungen.
Etwa jene, welche Gerhard Ehrenforth in seinem Buch „Die schlesische Kirche im Kirchenkampf 1932-1945" wie folgt berichtet. Bunzel habe im März 1933 in seiner Kirche einen Vortrag gehalten, in dem u.a. der Satz vorkam: "Anständige Menschen gibt es auch unter den Juden und Schweinehunde auch in der arischen Rasse".

Bald darauf erhielt er folgendes Schreiben: "Ihre Tätigkeit ist geeignet, die Bevölkerung zu beunruhigen und die öffentliche Sicherheit und Ruhe zu gefährden. Es ergeht an Sie aufgrund der Verordnung vom 28. Februar 1933 (Reichtstagsbrandverordnung) ein Aufenthaltsverbot für Breslau und ein allgemeines Redeverbot für unbestimmte Zeit... Sie haben Breslau unverzüglich zu verlassen."

Das waren keine leeren Drohungen.
Erst im April 1936 konnte er wieder in sein Amt und seine Wohnung zurückkehren.
Er lernte somit das Naziregime noch hautnah aus eigener Anschauung kennen.
Gleichwohl war sowohl für den Antisemiten August Fetz als auch für die Nazikoryphäe Ulrich Fleischhauer (Berner Prozess vom Mai 1935 um die dubiosen gefälschten „Protokolle der Weisen von Zion") Bunzel es wert, in ihrer Anti-Bibelforscher-Agitation auch vor ihren eigenen propagandistischen Karren gespannt zu werden. Beide beriefen sich dabei insbesondere auf Bunzel's Schrift aus dem Jahre 1928, mit dem Titel
„Die Internationale Bibelforscher-Vereinigung" die im folgenden etwas näher vorgestellt sei.
Einleitend meint er werten zu können:

„Es ist die eigenartigste unter allen Sekten; denn sie vereinigt in sich die zurückgebliebensten altväterlichen Anschauungen über das Zustandekomnen der Bibel mit modernsten widerchristlichen materialistischen Gedankengängen. Das macht die Bekämpfung dieser Sekte so schwer, da sie immer können, wie es gerade nötig ist, einem überzeugten Bibelchristen gegenüber geben sie sich als die Fortgeschrittensten und einem Fortgeschrittenem als die bibelgläubigsten Kreise aus. Leute in ihrer Kampfesweise, in ihrer Propaganda so aufdringlich in ihrer Arbeitsart so unchristlich ist."

Im Fahrwasser der Antisemiten segelnd, meint auch er bezüglich der WTG-Propagandatätigkeit werten zu können:

„Wieviel muss diese Sekte an geheimnisvollen Hilfsquellen haben, um dies zu ermöglichen."

Hier unterliegen diese Herrschaften schon mal einem grundsätzlichen Trugschluß. Sie unterstellen, ihre eigenen Gehälter als Maßstab anlegend, dass müsse ja Millionen kosten.
Das jenes WTG-System indes weitgehend ohne kostspielige Personal-Gehälter auskommt, scheint sich noch nicht bis zu ihnen durchgesprochen zu haben.
Dann setzt er sich mit einer der Rutherford'schen Proklamationen auseinander:

„Weiter heißt es im Aufruf an die "Führer der Welt" "Die Geistlichkeit der verschiedenen kirchlichen Benennungen hat sich während des Weltkrieges dem Herrn Christus gegenüber als treulos erwiesen." "Sie haben ihre Kirchengebäude in Rekrutierungsanstalten umgewandelt, haben als Rekrutierungsbeamte gehandelt und sich dafür bezahlen lassen." "Sie haben schmutzigen Gewinn als Schandlohn für ihre Dienstleistungen beim Anwerben junger Männer für den Krieg angenommen."  (S. 7)
Einfügung:
Bemerkenswert auch die Titel seiner Schriften aus dem Jahre 1917.
Etwa den:
"Gedächtnisfeier für unsere gefallenen Krieger"; (schon 1915 gab es einen ähnlichen Titel von ihm), oder auch:
"Begrüßungsfeier für unsere Krieger und deren Personalien" (1919) oder auch:
"Glockenabschiedsfeier" (1917). Ohne letztere selbst gelesen zu haben, unterstelle ich mal, nach dem Motto "Kanonen statt Butter" zum Einschmelzen für kriegerische Zwecke dann bestimmt.
Diese Beispiele sagen dann wohl schon einiges aus..
Weiter in seinem Kommentar:

„Die so reden, sind angeblich keine gottesleugnerischen, materialistischen Christentumsfeinde, sondern eine "Körperschaft gottgeweihter Nachfolger unseres Herrn", wie sich die IVEB selbst bezeichnet. Mit ist trotz ziemlich genauer Kenntnis kirchenfeindlicher Agitation, sozialistischer Hetze und monistischer Kampfesweise niemals eine solche unglaubliche Unverschämtheit und wissentliche Unwahrheit begegnet wie hier bei der "Körperschaft gottgeweihter Nachfolger unseres Herrn". Jedes Wort der Entgegnung wäre hier zwecklos. Hier gibt es nur eines: "Niedriger hängen!"
In einer ganz neuen Verteidigungsschrift mit dem protzenhaften Titel
"Kulturfragen"
wagen die Internationalen zu behaupten, die Flugschrift, die wir eben anführten, sei gar nicht persönlich gehalten (!!), wende sich gar an die deutschen Geistlichen. Wozu wird sie dann in Millionenauflage in Deutschland vertrieben? Eine unwahre und lahmere Entschuldigung läßt sich nicht gut ausdenken."

Unter Berufung auf eine andere kirchliche Koryphäe geht sein Kommentar weiter mit den Worten:

„Wir müssen D. Schneider zustimmen, wenn er in dem schon oben erwähnten Kirchlichen Jahrbuch sagt: "Nicht das angeblich Religiöse, sondern das Herunterreißende lockt. Echter Kommunismus mit christlichen Phrasen verbrämt, wen sollte das nicht locken?"  (S.8).
Seine weitere These, zu der ihm lauthals,Antisemiten vom Schlage eines August Fetz dann auch noch Beifall klatschen lautet:

„Auffallen muß jedem, euch wer kein Judenfeind ist, in welcher Weise Russell in seinen Schriften für das internationale Judentum Partei nimmt.
Ich habe ein Buch gelesen, das legt den Gedanken nahe, die ganze internationale Sekte sei von jüdisch-amerikanischem Geldern finanziertes Unternehmen, um auf raffinierte "Weise Christentum und Kirche zu bekämpfen."
(S. 10)
Weiter in seinem Votum:

„Was soll man aber dazu sagen, das gelegentlich einer Rede auf der Generalversammlung in Leipzig 1922 der Vorsitzende der Gesellschaft, Rutherford erklärt, das Leipziger Völkerschlachtdenkmal sei ins Werk gesetzt durch den Teufel und seine Verbündeten und Helfershelfer, die Dämonen, die Architektur sei satanischen Ursprungs."

Auch bei diesem Aspekt ist er für mein Empfinden zu oberflächlich. Er registriert zwar zutreffend, Rutherford habe ja jene Völkerschlachtdenkmal-These gekippt. Stellt aber seinerseits keinerlei tiefschürfende Überlegungen darüber an, dass jene These auch in Bibelforscherkreisen, vordem, fröhlichsten Urstand feierte.
Er erwähnt dieses Beispiel nur deshalb, um eine Hintergrundfollie zu haben, für seinen eigenen Hauptkritikpunkt, die Bibelforscher seinen ihm nicht Deutschnationalistisch genug. Das formuliert er dann in dem „markigen" Satz:

„Der internationale Pazifismus, den die Sekte vertritt, mußte ja auch die aufrechten Deutschen vor den Kopf stoßen. International schon nach dem Namen, nach der ganzen Arbeitsart, auch den Hilfsquellen, die ihr aus Amerika fließen. Widerlich muß auf den ernst religiösen und in der Bibel bewanderten Christen die versuchte religiöse Verbrämung der Demokratie wirken, wie sie die internationale Vereinigung preist. Russell tut so, als ob das Alte Testament die Demokratie fordere und das Königtum als ungöttlich ablehne."

Mit letzterem Satz lieferte er dann wieder mal ein Zerrbild, welches so wie er es darstellt, allerdings nicht Wirklichkeitsadaquat ist.
Da schon der Antisemit August Fetz den Bunzel belobigt hat, will letzterer auch nicht zurückstehen, und erwidert gemäß dem Motto
Gleiche Brüder - gleiche Kappen, auch seinerseits dieses Lob des Fetz. Bei Bunzel liest sich das dann so:

„Das Buch von
A. Fetz
"Weltvernichtung durch Bibelforscher und Juden" geht einen Schritt weiter und
redet nicht nur wie wir negativ von dem Undeutschen, sondern positiv von jüdisch-bolschewistischen Wesen der Internationalen Vereinigung. Er (Fetz) faßt die Ergebnisse seiner Untersuchung zusammen:

"Die I.V.E.B. ist auch eine politische Organisation, eine neue Internationale. Sie ist keine christliche Lehre, sondern eine vorchristliche jüdische auf heidnischen Unterlagen" (6).

Fetz zitiert unter engerem folgende Stellen aus Russells Schriften als Beleg;

"Der Protestantismus soll von der ganzen Erde verachtet und. verspottet werden  (VII, 419 - Fetz S.31),

"Gott beginnt, seine Gnaden den Juden wieder zuzuwenden, Er zeigt dies dadurch, daß er den echten, vollblütigen Juden d'Israel als englischen Premierminister einsetzt und 1878 durch ilm den Berliner Kongreß als Vorsitzenden leiten ließ  (Millionen ... S. 22, Fetz 109).

Der Begründer des Zionismus wurde von Rutherford. "der geschätzte Herzl"  (24), der "geliebte Herzt" genannt  (Fetz 109).

"Wir können erwarten, im Jahre 1925 Zeugen zu sein von der Rückkehr Abrahams, Isaaks und Jakobs aus dem Zustande des Todes, indem sie auferweckt und zur vollkommenen Menschlichkeit wiederhergestellt sein werden, und zu sichtbaren gesetzlichen Vertretern einer neuen Ordnung der Dinge auf Erden gemacht zu werden"  Millionen ... S.69 Fetz 37).

"Wir dürfen erwarten, das Abraham mit vollkommener Radiofunkstation vom Berge Zion aus die Angelegenheiten der ganzen Erde leiten kann" (Eine wünschenswerte Regierung 1924 S. 35; Fetz S.40).

Das soll offenbar kein Witz sein! Wie der Titel des Buches von Fetz sagt "Weltuntergang durch Bibelforscher und Juden" spricht der Verfasser desweiteren von der furchtbaren Rolle, die das Judentum bei den Christenverfolgungen des Bolschewismus in Rußland gespielt hat und den engen Beziehungen, die zwischen den Bibelforschern und dem Judentum bestehen. Müssen wir nicht diese eben gekennzeichnete undeutsche, amerikanische, jüdische, kommunistische mit christlichen Phrasen verbrämte Sekte auf das entschiedenste von uns weisen?"

Nur eine Detailanmerkung zu jener Argumentation des
Duos Fetz-Bunzel
Noch zu Zeiten der Weimarer Republik erschien ein mehrbändiges „Jüdisches Lexikon".
In dessen vierten Band gibt es auch einen relativ umfänglichen Beitrag über die gegen die Juden gerichteten Pogrome, namentlich und besonders auch im zaristischen Russland. Was da an Details gesagt wird, ist schlichtweg erschütternd. Als gebildeter Mann hätte er sich auch damit mal befassen sollen. Wenn also im politischen Spektrum dann Juden vielfach auch in linksorientierten Strömungen sich wieder fanden, dann wohl weniger weil sie von Haus aus schon „links" wären. Dafür um so mehr weil sie das demagogische agieren ihrer Gegner, sie just in jene Ecke drängten. Zu den Unterstützern der Demagogen gehört dann - zumindest zeitweilig, auch dieser Pfarrer Bunzel. Das muss in aller Deutlichkeit mal so ausgesprochen werden.

Mein abschließender Kommentar:
Der „Frühgeborene" Ulrich Bunzel, wäre, wenn er ein „Spätgeborener" wäre, heutzutage wohl Mitglied der Partei der Frau Merkel. Alternativ durchaus auch vorstellbar: Mitglied der Partei der Frau Nahles.
Denn nach wie vor gilt:
Gleiche Brüder - gleiche Kappen!
Das sind auch bloß „Kulturchristenvereine" die würden sie das Etikett „christlich" eines Tages mal ablegen, sich als Kommentar dazu anzuhören hätten:
Und keiner hat es bemerkt!

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