Richard Gutfleisch
geschrieben von:  Drahbeck
Datum: 18. Juni 2012 05:22
Im Zeitspiegel

Wohl mit eine der ersten Stellungnahmen - den Fall Schlegel ausklammernd - der in die Richtung katholischer Nazi tendierte.
Mit eine der ersten Stellungnahmen katholischerseits in Deutschland zum Bibelforscherthema, war die 1922 erschienene Schrift eines Richard Gutfleich mit dem Titel:
„Der internationale Verein Ernster Bibelforscher. Eine Kritik"
Stolz konnte sein Verfasser auch vermelden, seine Schrift wurde mit kirchlicher Druckerlaubnis publiziert. An anderer Stelle ist entnehmbar, Herr Gutfleisch war dann wohl auch katholischer Strafanstaltspfarrer. Wohl dann der „recht Mann" um sich auch des Bibelforscherthemas anzunehmen?
Einleitend kritisiert Herr Gutfleisch dann schon mal:

„Ohne besondere Kenntnis der Sprachen des Urtextes, des hebräischen und griechischen, aber mit Hilfe von Bibelwörterbüchern und verschiedenen Bibelübersetzungen, will er Russell den Sinn des hl. Buches erkannt und der Welt als letzter Sendbote Christi im neuen Bunde erschlossen haben." (S. 5)
Nun kennt man ja das vermeintliche „Königsargument" die klassischen Bibelsprachen, deren Erlernung zum Repertoire eine zünftigen Theologenausbildung mit gehören, beherrscht ja der Russell nicht. Das mag dann in den Augen der fraglichen Herrschaften, ihren eigenen Standesdünkel wohlgefällig sein. Indes die Kreise welche Russell mit seiner Verkündigung tatsächlich erreichte, „beeindruckte" ein Argument dieser Güte wohl kaum sonderlich.
Insofern die Wertung dazu: ein typischer Luftschlag.
Weiter meint Herr Gutfleisch:

„Das Russell bei diesem Lehrsystem, das so ziemlich alles, was bisher in der Christenheit, namentlich in der wahren Kirche Christi, gelehrt ward, widerspricht, ein Feind allen Kirchentums und was mit ihm zusammenhängt ist, kann nicht verwundern."  (S. 11)
Und weiter: „Wenn er die neueren Rationalisten ablehnt, hat er recht, aber hätte er eine gesunde katholische Theologie, die reife Frucht aus der Wurzel des Evangelium gekannt, ... dann hätte er niemals so unsäglich törichtes aus der Bibel herauskonstruiert. Ein wahrer Theologe und Gelehrte wird nie die ganze Bibel, höchstens einen mäßigen Bruchteil derselben autorativ zu beherrschen glauben, und auch dies nur mit Einschränkung."  (S. 14)
So ist das also. Nun mag sich Russell mit seinen Haupthesen auf dem Sektor Eschatologie in der Tat „zu weit aus dem Fenster gelehnt" und mehr als anfechtbar sein.
Ob denn aber die vermeintlich „gesunde katholische Theologie" da eine Alternative wäre, läuft wohl auf den Standpunkt aus, den der Beurteiler da einnimmt.
Für die Gutfleisch und Co mag das im zitierten Sinne so sein.
Für diejenigen welche sich tatsächlich von der Russell-Verkündigung angesprochen fühlten, wohl kaum.
Weiter kritisiert Herr Gutfleisch:

„Wie die Adventisten nach ihrem Fiasko anno 1844 einen Ausweg fanden aus ihrer Kalamität, so wussten sich auch die Milleniumsleute zu helfen. Im "Wachtturm" 1918 Nr. 1, S. 36 wird einfach behauptet: Russell bewies durch die Chronologie der Bibel, dass 1914 das Ende der Zeiten der Nationen und damit des großen internationalen Kampfes bezeichnen würde ... , was uns zeigt, dass er himmlische Weisheit besaß. Man lässt also post festum ihn etwas anderes prophezeit haben als er in der Tat prophezeite!"

Mit dieser Feststellung hat Herr Gutfleisch sicherlich recht. Die Frage wäre allenfalls, die der „Originalität" Das konnte sicherlich noch so manch anderer feststellen (wenn er denn wollte), ohne der Würde eines Strafanstaltpfarrers dazu zu bedürfen.
Weiter meint Herr Gutfleisch kritisieren zu müssen:

„Doch sei noch verstattet darauf hinzuweisen, dass diese Glaubenslehre von unheilvollstem Einfluss auf die Moral der Masse sein muss. Wenn mit dem Tode alles aus ist, wenn dann später dem Sünder eine Probezeit gestattet wird, die im schlimmsten Fall mit ewigen Erlöschen enden kann, dann werden die ethisch weniger Feinfühlenden, und sie sind die Majorität, zunächst einmal sich weidlich ausleben und sich einer gar nicht so üblen Zukunft getrösten. Der Russellianismus führt bei den Massen zum Libertinismus, mag sein Stifter noch so ernste sittliche Grundsätze aufstellen."  (S. 22)
Ja ja, das Jenseits; dass Hauptverkaufselement der Religionindustrie! Wer hat da wohl die raffinierteste Variante davon anzubieten?
Die Gutfleisch und Co wähnen, aufgrund ihrer langen Traditionslinie, die ihrige müsse es wohl sein.
Die Russell-Variante stufen sie eher in die Rubrik Geschäftsschädigend ein.
Und weil Herr Gutfleisch sich ja seiner Sache so sicher ist, meinte er dann auch noch prognostizieren zu können:

„Doch wird der "Internationaler Verein Ernster Bibelforscher" jemals eine Massenbewegung werden? Dass er dies wohl schwerlich werden wird, ist ein Trost für jeden Kenner der Volksseele."

Ja ja, so mancher Trost ist dann wirklich nur ein billiger Trost!

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