Im Bethel

geschrieben von:  . +

Datum: 12. September 2008 23:15

Wenn ich heute mein Leben Resümieren müsste, würde ich nach wie vor zu dem Ergebnis kommen, das meine Zeit im Bethel die schlimmste Zeit meines Lebens war.
In meinem damaligen Tagebuch schrieb ich meinem in der fernen Zukunft liegenden Ich.



Wenn ich jetzt aus meinem Tagebuch zitiere ist dies sicherlich zu meinem Nachteil.
Zum Einen stehen mir dort aus heutiger Sicht zu viele Banalitäten und Irrtümer,
zum Zweiten kann ich diese Dinge nicht Belegen
und zum Dritten lassen gewisse Begebenheiten unweigerlich auf meine Person zurück schließen.
Damit meine ich nicht nur meine Personalien.

„Poems! Everybody. Poems!“



Als ich mich für das Bethel bewarb, war ich bereits schon ein Jahr Pionier und gerade Volljährig.
Auf der Fahrt ins Bethel fuhr ich zum ersten Mal alleine auf der Autobahn.
Auch war es das erste Mal, das ich von den Eltern getrennt war.
Mit 10 hatte ich einmal bei meiner Oma übernachtet sonst war ich nie von meinen Eltern getrennt.

Mein Vater war früher ebenfalls im Bethel gewesen und meine Eltern jahrelang im Sonderdienst.



Im Bethel sind keine Haustiere erlaubt.
Bevor ich als Kind ins Bethel kam hatte ich einen Kanarienvogel.
Einen echten Harzer Roller den wir als ganz junges Zuchttier direkt von einem Züchter abholten.

Der Kanarienvogel bekam von mir einen großen Papageienkäfig in dem er schon von Stange zu Stange fliegen musste.
Dann bekam er ein Häuschen aus Holz in das er sich verstecken konnte.
Darin war neben der Stange ein Fenster durch das er das Zimmer beobachten konnte.
In diesem Häuschen schlief er immer.

Er bekam von mir von seinem ersten Tag an immer eine große Schüssel Vogelfutter und war so intelligent das er immer nur so viel fraß wie nötig (er wurde also nicht Übergewichtig wie Fachbücher behaupten).

Dann war sein Käfig immer offen.
Er konnte rein und raus wann immer er wollte.

Im Zimmer hatte ich mehrere Pflanzen die der Kanarienvogel gerne fraß.
Die Pflanzen wucherten so stark das das bisschen was der Vogel fraß gar nicht ins Gewicht fiel.

Einmal flog er aus dem Zimmer in die Nebenräume, er kam von selber zurück und flog kein zweites Mal in den Flur.
Einmal flog er aus der offenen Balkontür nach draußen!
Er kam von selber zurück und flog auch kein zweites Mal aus dem Fenster.

Ich hatte mit ihm ganz offen gesprochen.
Ich erklärte ihm dass er ein im Käfig geborener Vogel ist und draußen schon wegen den Temperaturen nicht überleben könnte.
Ich bin mir ganz sicher dass er mich verstanden hat.
Wenn ich an die Käfigtür sein großes Papageien-Vogelschwimmbad hängte und er aber raus wollte, klopfte er mit dem Schnabel an die Käfigstangen.

Noch heute reagiere ich wenn ich dieses Geräusch höre.

Weil aber im Bethel keine Haustiere erlaubt sind brachte ich meinen Kanarienvogel zu meiner Oma.
Der Vogel kam in einen normalen kleinen Käfig.
Ihre Wohnung hatte gar keinen Platz für so einen großen Papageienkäfig.
Meine Oma hatte schon zwei Kanarienvögel und ließ diese nie heraus.
Es konnte schon einmal vorkommen wenn diese zu laut sangen dass sie sie anschrie oder mit dem Handtuch auf den Käfig schlug.

Innerhalb weniger Tage ist mein Kanarienvogel dort eingegangen.



In meinem Tagebuch habe ich Begebenheiten notiert die man überall vermuten würde – nur nicht im Bethel.
Wenn man auch im Bethel unter hunderten von Menschen lebt, kann man dort sehr, sehr einsam sein.

Wie gesagt – ich schrieb das Tagebuch an mein in der Zukunft liegendes ich.
Wenn ich heute die Möglichkeit hätte zurück in die damalige Zeit zu Reisen, würde ich, koste es was es wolle, meinem Hilferuf den ich damals an mein heutiges ich sendete, folgen.



Ich habe mir damals geschworen, dass mir das, was im Bethel passierte, nie wieder passieren wird und ich habe mein Versprechen bis heute gehalten.

Re: Im Bethel

geschrieben von:  . +

Datum: 12. September 2008 23:38

Es gibt Menschen die im Bethel sehr gut Aufgehoben und glücklich sind.
Unbenommen.

Ich denke aber es ist nichts überraschend Neues wenn ich jetzt sage dass ich nie ins Bethel passte.

Dies hat aber zuerst mit mir zu tun – und erst in zweiter oder dritter Hinsicht mit Religion.
Ich sage auch nicht dass ich hier noch eine Leiche im Keller habe.
Also das ich hierin noch eine Rechnung offen hätte.
Ich kam Freiwillig und ich ging auch wieder Freiwillig.

Wenn ich in diesem Zusammenhang der Wachtturm Gesellschaft einen Vorwurf mache dann den, das sie auf der Straße Rekrutierte unausgebildete möchtegern Pädagogen auf ihre Mitglieder los lässt.
Diese furwerken dann mit ihren riesigen Sektenschraubenschlüsseln in den Uhrwerken (genannt Leben) ihrer Mitglieder herum.
Da werden dann Schlosser oder Gabelstaplerfahrer auf einmal zu Priestern geweiht und Analphabeten und Metzger werden zu Richtern und Lehrern.
Angeblich wird ihnen durch den Geist eingeflößt wie sie sich Richtig verhalten sollen.

Das schlimmste daran ist aber, das diese den größten Unsinn machen können und die Mitglieder glauben dann allen Ernstes dass sich Gott schon irgendetwas dabei gedacht hat.
Diesen Pseudo-Geistlichen wird dann Suggeriert, dass ihr Verhalten sogar über dem der ausgebildeten Fachleute steht.

Ausgebildeten Fachleuten genügte ein Blick in dem Warteraum des Musterungsbüros des Kreiswehrersatzamtes um zu erkennen dass ich nicht für eine Kaserne geeignet bin.
Zur Bundeswehr wurde ich nämlich Ausgemustert.
Obwohl ich kerngesund bin, musterte mich das Kreiswehrersatzamt aus, weil der Amtsarzt aufgrund seiner Ausbildung und Erfahrung erkannte, das ich nicht in eine Kaserne passe.
Das ich beim Militär eingehen würde wie eine Mehlprimel.

Und das kam so:

Früh Morgens, zu dem Zeitpunkt der Musterung waren in einem Warteraum des Kreiswehrersatzamtes eine nervöse, lärmende Gruppe Wehrpflichtiger meines Jahrgangs.
Sie Rauchten, liefen nervös umher machten zu laute Scherze und hatten große Umschläge mit Röntgenbildern und Attesten dabei, die sie hoffentlich vor ihrer Einmusterung bewahren sollten.
Als der zuständige Arzt morgens bei Dienstbeginn durch den Flur, zu seinem Arbeitsplatz ging, kam er an dem Warteraum vorbei und sah mich wie ich in dem Warzeraum als einziger mit Anzug und Krawatte still auf einem Wartestuhl dasaß.
In dem späteren Gespräch sagte er mir das er vor niemanden seine Entscheidung, warum er jemanden Ausmustert, rechtfertigen muss.
Er meinte aber, dass er, als er morgens an dem Warteraum vorbei ging und mich dort sitzen sah, sofort wusste das ich nicht in die Bundeswehr passe.
Ich war kerngesund, hatte keine Atteste oder anderes dabei.
Der Arzt meinte auf meine Frage ob ich denn nicht verweigern könne, dass es mir freisteht wenn ich darauf bestehe, wenn es aber von ihm abhängt werde ich nie in die Kartei der Armee aufgenommen.
Würde ich verweigern müsste er mich in die Kartei aufnehmen.

Das war´s.

Nur das ich nicht nur nichts in der Bundeswehr verloren hatte, sondern auch nie ins Bethel gehört hätte.

Eine Geistleitung Gottes hätte das sehen müssen.
Wenn die Wachtturm Geistlichkeit von Gottes Geist geleitet wird und Dienstämter von Gottes Geist vergeben werden, warum erkannten sie dann nicht das, was die Pädagogen im Kreiswehrersatzamt mit einem kurzen Blick erkannten?

Für mich persönlich ist das mein klarer Beweis, dass es in der Geistlichkeit des anmaßenden Zeugenklerus keinen Hauch des leitenden Geistes Gottes gibt.
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Die Versammlungszusammenkünfte werden für ältere Brüder auf Kassette aufgenommen.
Ich bekam die Kassettenkopie auf dem meine Verabschiedung aus der Heimatversammlung mitgeschnitten wurde.

Ich notiere im Tagebuch:

Ziehharmonika des älteren Pionierbruders, Gitarre, Geige. (Dazu notierte ich die Namen der Musiker)

Lied 66
„Höchste Zeit Gott treu zu sein,
Siegen wird Gerechtigkeit
Enden wird die Dunkelheit
Bis dahin zu leuchten seit bereit
Warnt die Menschen ehe es zu spät
Flieht aus Babylon solang es geht.
Damit ihr ihrem Schicksal dann entgeht
Jeder sei ein eifriger Prophet
Höchste Zeit jetzt! Jeder ein Prophet!“

Aus dem Gesang der Versammlung hörte ich meine Oma heraus.

Dann ließt mein Freund, mit dem ich viel in den Dienst gegangen bin, zu Beginn der Bekanntmachungen kommentarlos 1.Mose 28:16-19 vor (er erzählte mir das er extra darum bat diese Bekanntmachungen übernehmen zu dürfen):

„Dann erwachte Jakob aus seinem Schlaf und sagte:
„Wahrlich, Jehova ist an diesem Ort, und ich selbst wußte es nicht.“
Und er geriet in Furcht und fügte hinzu:
„Wie furchteinflößend dieser Ort ist!
Das ist nichts anderes als das Haus Gottes,
und das ist das Tor der Himmel.“
Da stand Jakob am Morgen früh auf und nahm den Stein,
der dort als seine Kopfstütze lag,
und er stellte ihn als Säule auf und goß Öl über dessen Spitze.
Ferner gab er jenem Ort den Namen Bethel;“

Man hört auf dem Band ein Baby husten.
Mein Freund ließt die Bekanntmachung vor, dass ich zum Ersten die Versammlung Richtung Bethel verlasse.
Ich notiere in das Tagebuch das ich mich erinnerte dass sich mein Bruder umdrehte und zu mir nach hinten sah.

„Der Segen Jehovas — er macht reich, und keinen Schmerz fügt er ihm hinzu.“
(Sprüche 10:22)
Applaus.

Ich notiere dass es nach Jahren das erste Mal war, das ich normal in den Sitzreihen im Saal saß.
Ich schreibe wörtlich:
„Zum ersten Mal seit 7 Jahren saß ich als Gast im Saal ohne die Anlage zu bedienen.“

Mit etwa 10 Jahren begann ich die Mikrophonanlage zu bedienen.
Ich war einfach immer da.
Ich fuhr zumeist alleine mit dem Fahrrad in die Versammlung, weil ich als erster kam und als letzter ging.
Auch wenn meine Eltern nicht konnten – egal, ich war immer da.
Mit 16/17 musste ich auch schon ein Schlüssel vom Saal gehabt haben.
Ich erinnere mich dass ich als erster den Saal aufsperrte.

Um sich vorzustellen welcher Bruch das Bethel für mich war, möchte ich nachfolgende Terminliste aus dem letzten halben Jahr meiner Pionierzeit hier zeigen.



Dort notierte ich in die Liste wann ich was erledigt hatte.

HB heißt Heimbibelstudium.
Wenn man Nachzählt kommt man auf 16 Heimbibelstudien die ich zuletzt führte.
Dreizehn davon Berichtete ich.
Von zwei Familien weiß ich, dass sie sich während meiner Zeit im Bethel taufen ließen.
Ich habe aber schon sehr bald den Kontakt verloren.

Ich Arbeitete halbtags in der Firma meines Vaters, nachmittags und am Wochenende ging ich in den Dienst.

Der Pionierdienst hatte mir echt spaß gemacht.
Es traf mich jedoch wie ein Schock als ich erleben musste wie wenig der Predigdienst im Bethel galt.
Wie verächtlich man von den Brüdern „draußen“ sprach ( man nannte sie „Weltis“ ).
Ich dachte ich komme in ein besonders heiliges Haus.
Ein Haus der Besinnung, ein Haus des Friedens und des Glaubens.
Von wegen.
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6:15 Uhr Abfahrt von Zuhause.
Mein Vater hatte mit mir noch einmal gebetet.
„Segen Jehovas mit seinem Sohn…“
Meine Eltern standen beide an der Terrasse und winkten.
Als ich diesen Eintrag in das Tagebuch schrieb stand ich auf einem Rastplatz auf der Autobahn
Es war 10:00 Uhr und schon brannte die Sonne auf das Auto.
Ich notiere: 35° im Auto - Hochsommer – blauer Himmel – heute wird es heiß.

Ich telefonierte von dem Rastplatz für 30 Pfennig in die Firma meines Vaters:
Mein Vater: „Oh, Wo ist den dass?“

Ich notiere den Bibeltext:
„Sei mutig und stark, erschrick nicht“

Mein Ganzes Hab und Gut ist neben mir im Auto.
Wörtlich notiere ich:
„Trotzdem wird mir nicht die Sicht genommen“
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21:41 Uhr
Nie wieder, Nie wieder, Nie wieder darf mir so etwas passieren.

Schon der erste Eintrag den ich im Bethel in meiner ersten Nacht in das Tagebuch schrieb lautete:

nie wieder
nie wieder
nie wieder

Während ich das schrieb, lag ich unten in einem Etagenbett.
Das Metalletagenbett hatte einen maschendraht „Latterost“.
Der Bruder der oben schlief war zu schwer für das zierliche Metalletagenbett.
Der Maschendraht hing weit herunter.
Das Bett ächzte unter seinem Gewicht.

Es hatte einen Grund warum der Bruder einen Platz in seinem Zimmer frei hatte.
Niemand wollte aus hygienischen Gründen in seinem Zimmer schlafen.
Es stank bestialisch.

Es war aber nicht nur mangelnde Körper-, Wäsche-, und Raumhygiene.

An dem Tag als ich ins Bethel kam hatte er sich extra freigenommen.
Er setzte sich also in unserem gemeinsamen Bethelzimmer auf seinen Stuhl und sagte: „er wolle mal sehen was ich so mitgebracht habe“ während ich meine paar armseligen Habseligkeiten in den Bethelschrank einräumte.

Später erfuhr ich dass allgemein schon darüber in freudiger Erwartung getuschelt wurde, dass dieser Bethelbruder einen Neuen zugewiesen bekommt.
Man machte sich in gespannter Vorfreude darüber lustig wie der junge Bruder wohl darauf reagieren würde zu „sojemanden“ ins Zimmer gesteckt zu werden.

Ich kann mich an mindestens zwei Brüder erinnern denen ich später geholfen hatte, als sie als Neuzugänge auch wieder zu diesem Bruder ins Zimmer gesteckt wurden.
Ich sagte ihnen dass es mir genauso wie ihnen passiert ist, gab ihnen Tipps wie ich mit der Situation umgegangen bin (z.B. Fenster auf und Matratzenheizung – man schlief quasi im Freien) und zeigte ihnen wie sie umgehend an einen neuen Zimmerpartner kommen konnten.
Aber vor allem redete ich mit ihnen und gab ihnen zu verstehen das solche Probleme nicht an ihrem mangelnden Geistiggesinntsein liegen.

Mit mir hatte niemand geredet – an mir hatte man sich nur Wochenlang ergötzt.
Ich liege also unter dem älteren Bruder im Etagenbett und schreibe:

„Schlaf brauche ich jetzt vor allem
Hunger habe ich
Heiß ist es
Die Ohren dröhnen
Nie wieder; das ist Versprochen.“

Ich erwähne die Telefonate nach Hause, mit meiner Schwester und meinen Eltern.
Offensichtlich sagte ich meiner Mutter dass es mir hier im Bethel nicht gefällt.
Sie fragte mich was mir nicht gefiele.
Ich antwortete dass ich es nicht wisse.

So endete mein erster Tagebuch Eintrag im Bethel wie folgt:

Re: Im Bethel - Ankunft - Irgendwas lief falsch

geschrieben von:  . +

Datum: 13. September 2008 13:37

Irgendwas lief falsch.
Das spürte ich sofort.
Nur was?
Ich schrieb das ich am Abend meines ersten Tages im Bethel mit meiner Mutter und meiner Schwester Telefonierte.

In dem Bethelzimmer gab es ein Telefon mit dem man von außerhalb angerufen werden konnte und intern innerhalb des Geländes selber anrufen konnte.
Ich kann mich nicht mehr erinnern ob es technisch überhaupt möglich war mit dem Zimmer-Telefon nach draußen zu Telefonieren, aber es war zumindest Verboten privat Gespräche von dort zu führen.
In meinem Fall kam jedoch sogar ein Anruf von draußen in das Bethelzimmer nicht in Frage, weil der Zimmerpartner, der mir vom ersten Blick an höchst unsympathisch war, sich in seinen Sessel setzte und bei einem eingehenden Telefonat nicht nur demonstrativ zuhörte, sondern dies auch kommentierte.
Er was extrem einfältig.
Interessanter weise sprach er, wenn er von außerhalb angerufen wurde (was so gut wie nie vorkam), verschwörerisch leise in den Hörer.
Dieser unterschwellige Vorwurf, dass ich seine Telefonate mithören würde, ging mir derart auf die Nerven, dass ich für gewöhnlich das Zimmer verließ, wenn er einen Anruf bekam.

Auch bekam man von dem Moment in dem man die Schranke passierte ein beklemmendes, wenn auch größtenteils unberechtigtes Gefühl des Verfolgungswahns.
Auch wenn es niemanden im Bethel gibt der vor Überwachungsmonitoren sitzt (außer in dem Schrankenhäuschen und im Empfang zur Überwachung der Einfahrtschranke), auch wenn keine private Post geöffnet wird oder Telefonate abgehört werden.
Erstens wusste man das als Neuling nicht.
Zweitens haben die anderen das gegenüber einem Neuling wie mir behauptet, teils aus eigener Vermutung und Teils aus dem Vergnügen das man sich an dem Unbehagen eines Neulings holte
Und Drittens weil es eben doch zutraf.
Nicht von der Geschäftsleitung her sondern von den gelangweilten Bethelmitarbeitern ausgehend.
Einzig bei dem abhören der Telefonate bin ich mir bis heute nicht sicher.
Der Nachtwächter lief mit mir durch einen Raum in dem er das behauptete.
Es könnte aber sein das er sich nur wichtig machen wollte.

Keine Einbildung war das man Taxiert wurde – insbesondere Neulinge mit einer Mischung aus Neugierde und Schadenfreude.
Beim Posteingang, der Haushaltsbruder der die Post zu den Häusern verteilte und zuletzt die Haushaltsschwestern, lasen die Postkarten die man auf sein Zimmer gebracht bekam.
Mehr als einmal hörte man dann von dritten „Neuigkeiten“ über sich von denen man selber noch nichts wusste.
Außerdem war das Gefühl der Gefahr des Abtrünnigen Gedankenverbrechens natürlich allgegenwärtig.
Jeder beäugt den anderen Argwöhnisch ob dieser nicht bereits dabei war die wahre Religion durch Verschwörungen zu unterwandern.
Immerhin befinden wir uns im Krieg.

Auch dass sich mein Zimmerpartner, aufgrund seiner Einfältigkeit, wie vor den Fernseher setzte, wenn für mich ein Telefonat einging, war nicht eingebildet.
Wenn ich kein Geld zum Telefonieren hatte machten wir es so, das ich einen der drei Besprechungsräume, die zwischen dem Empfang und dem Königreichssaal lagen, Reservierte,
mir die dortige Durchwahlnummer notierte,
an dem öffentlichen Telefon beim Empfang anrief das ich jetzt unter dieser Nummer zu erreichen war
und dann in dem kleinen Besprechungsraum ungestört Telefonieren .
Tagsüber sollten die Besprechungsräume für das Bethelbüro und den Einkauf, für den Empfang von Vertretern oder anderen weltlichen Kontakt frei bleiben.
Nach Feierabend, waren die Räume gut durch Bethelbrüder belegt, die vertrauliche Gespräche führen wollten.

Es gab auch in jedem Wohnhaus im Keller je einen öffentlichen Münztelefonapparat.
Weder bei dem öffentlichen Münztelefonen im Empfang noch bei den Münztelefonen in den Wohnhäusern, waren das schalldichte Kabinen in denen man ungestört Telefonieren konnte.
Fast immer standen die jungen Brüder die entweder Heimweh hatten oder Verliebt waren an den Münztelefonen an.
Natürlich hörten dann die gelangweilt Warteten die Gespräche zwangsläufig mit und natürlich konnte man sich dann die für gewöhnlich etwas aufgepeppten Gerüchte über sich selber am nächsten Tag am Arbeitsplatz anhören.
Wie gesagt: … Mehr als einmal hörte man dann von dritten „Neuigkeiten“ über sich von denen man selber noch nichts wusste…

Ein Neuling war in diesem chronisch langweiligen Umfeld derart eine willkommene Unterhaltung, dass sich die Brüder dort kaum einen Zwang antaten ihren Spaß mit ihnen zu treiben.
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Nachdem ich mit dem Auto die Schranke passiert hatte und mein Auto oben auf dem Parkplatz über dem Empfang abstellte ging ich zum Empfang.
Dort wurde einer der drei Aufseher des Verwaltungstraktes gerufen und nahm mich von dort in sein Bethelbüro.
Ich bekam von ihm dort die Zimmernummer, den Namen des Zimmerpartners, den Schlüssel, einen Wäschesack für die schmutzige Wäsche, die Wäschenummer, eine PKW-Stellplatznummer, die Bethelbroschüre, die Nummer des Speisesaaltisches und diverse aktuellere Schreiben über Neuerungen bezüglich der Kasse, der Chemischen Reinigung etc. etc.
Auch fragte er mich ob ich einen PKW hätte und einen bestimmten Wunsch bezüglich der Zuteilung einer Versammlung hätte.
Das war eine gute Nachricht denn ich kam so in eine Versammlung in der ich als Kind mit meinen Eltern war.



Das ist der Zettel den er mir aushändigte mit meinem Namen (BM= Bethelmitarbeiter) der Zimmernummer, der Speisesaaltischnummer und der Notiz das mir ein Schlüssel ausgehändigt wurde.

Er führte mich in den Speisesaal und zeigte mir dort meinen Sitzplatz,
er führte mich in das Stockwerk der Reinigung und zeigte mir den Platz wo ich meine schmutzige Wäsche abgeben könne
und mein Wäschefach aus der ich es dann wieder abholen könne.
Das Wäschefach hatte zwei Nummern und wurde von zwei Brüdern abwechselnd verwendet.
Man solle darauf achten das man termingerecht seine Wäsche abholt, weil sonst für die Wäsche des anderen Bruders kein Platz wäre oder es zu Verwechslungen kommen könne.
Nichtabgeholte Wäsche wird oben auf den Schrank gelegt.
Man bekam einen Wochentag in dem man seine Wäsche abgab und einen Wochentag in dem man sie wieder abholen könne.
Jeder Bethelbruder könne eine reglementierte Menge an Kleidungsstücken auch kostenlos in der chemischen Reinigung abgeben.
Nicht alle Dienste im Bethel waren kostenlos.

Dann führte er mich zu meinem Zimmer.
Er stellte mich meinem neuen Zimmerpartner vor, der extra für dieses Ereignis einen freien Tag genommen hatte.
Sein Händedruck war eine warme fleischige feuchte Hand mit einem taxierenden, unverholen, neugierigen, zähnefletschenden Blick.
Unübertroffen eines meiner abstoßendsten Augenblicke menschlichen Kontaktes, an die ich mich erinnern kann.
(Er sprach später wörtlich davon dass Zimmerpartner ja „wie Ehepartner wären“.)
Der Bethelaufseher zeigte mir meinen Kleiderschrank, mein Bett und meinen Schreibtisch.
Ich könne nun meine privaten Sachen einräumen und solle mich morgen um 8:00 Uhr wieder bei ihm im Büro melden.

Vom zeitlichen Ablauf war es so dass ich wie vereinbart um 13:00 Uhr im Bethel eintraf.
Nach der Mittagspause.
(Aus der Logik eines Hotels – vormittags wird das Zimmer von der Haushaltsschwester hergerichtet)
Das hatte zur Folge dass ich vorher bei der Fahrt zu nervös war etwas zu essen, der Speisesaal bei meiner Ankunft schon abgeräumt wurde und ich nicht wusste wie ich an das Abendbrot kommen könne.

Wenn ich jetzt gerade überlege fällt mir auf, das mein Zimmerpartner problemlos einen zweiten Abendbrotbeutel für mich hätte mitbringen können.
Aber das nur am Rande.
Wenn ich also in der ersten Nacht im Bethel schrieb das ich Hunger hatte, ist das kein Wunder.
Störende Sachzwänge eines Organismusses der zu funktionieren hat.
Mein erstes Essen im Bethel bekam ich am nächsten Morgen zum Frühstück.

Der Bethelaufseher zeigte mir wohin ich mit meinem Auto fahren könne, das ich meine privaten Sachen ausladen könne und verabschiedete sich dann vor der Gebäudetür von mir.

Die Gebäudetür flog hinter ihm ins Schloss und ich wusste weder wo ich mich am Gelände befand noch konnte ich die Informationsflut die auf mich einstürmte verarbeiten.
Nichts von dem was er mir gesagt hatte hätte ich in dem Moment wiederholen können.

So lief ich also von dort auf dem Gelände suchend zufuß zu meinem Auto und versuchte mir den Weg zu merken wie ich wieder zu dem Eingang des Wohnhauses zurück finden könne.

Während ich meine Habseligkeiten einräumte, saß der Zimmerpartner breitbeinig in seinem Sessel und meinte: „Jetzt wollen wir mal so sehen was Du hast“
Ich parkte mein Auto (brütendheiß von der Sonne) auf meinem Stellplatz auf Schotter hinter der Fabrik (denkbar weit weg – Stellplätze (insbesondere Garagenstellplätze bekommt man nach Dienstjahren).

Einräumen, Telefonate und dann das schlimmste was ich mir vorstellen konnte.
Davor hatte ich mich am meisten gefürchtet.
Schlafanzug anziehen im Zimmer mit einer fremden Person und erschwerend kam das Einsteigen in ein beengtes Etagenbett dazu.
Irgendwie wurde es 21:41 Uhr und ich kam zum Schreiben in dem Tagebuch.

In dem Eintrag hielt ich die Frage meiner Mutter fest „was mir den nicht gefiele“.
Irgendwas lief falsch.
Ich wusste nur noch nicht was.


 

Re: Im Bethel - Zweiter Tag - Termine

geschrieben von:  . +

Datum: 14. September 2008 20:00

Ich konnte die ganze Nacht nicht schlafen.
Den ersten Eintrag schrieb ich schon vor dem Wecker und dem Morgengong ins Tagebuch.

Folgenden Tagesablauf notierte ich mir, um für’s gröbste keine Termine zu Verpassen:

6:00 Uhr stellte ich meinen Wecker
6:30 Uhr im Hausflur läutet dreimal ein Gong zum allgemeinen Wecken
6:50 Uhr Hinweis Gong
7:00 Uhr beginnt das Frühstück mit der 15 Minuten Tagestextbesprechung
7:15 Uhr Essen. Während dem Essen gibt es eine Vorlesung aus dem Jahrbuch.
7:35 Uhr Tafelaufheben
7:50 Uhr Hinweis Gong
8:00 Uhr Arbeitsbeginn
11:55 Uhr Mittagspause mit Gong
12:05 Uhr Mittagessen
12:25 Uhr Tafel aufheben
12:50 Uhr Hinweis Gong
13:00 Uhr Arbeitsbeginn
17:10 Uhr Feierabend mit Gong
17:20 Abendbrot

Samstag Gongt es 6:30 Uhr nicht immer
Samstag ist die Arbeitszeit von
8:00 Uhr Arbeitsbeginn
11:55 Uhr Mittagspause mit Gong
12:05 Uhr Mittagessen
12:25 Uhr Tafel aufheben

Regelmäßig wird man zur Schrankenwache eingeteilt.
Hat man Schrankenwache arbeitet man den ganzen Samstag.
Wenn man Pech hat bis 21:00 Uhr





Sonntag gibt es von 7:00 Uhr bis 8:00 Uhr Frühstück
Und von 12:30 Uhr bis 13:30 Uhr Mittagessen
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Den zweiten Eintrag schreibe ich nachts 22:54 Uhr.

Ich traute mich nicht zu schreiben weil die Füllfeder so kratzte und der Zimmerpartner über mir schlafen wollte.

Am zweiten Tag beschrieb ich erstmals in meinem Tagebuch einen eigenartigen Verfolgungswahn.

„…Ein eigenartiger Verfolgungswahn beschleicht mich hier ständig…
…Grundsätzlich fühle ich mich ständig verfolgt…“

Morgens meldete ich mich bei dem Bethelaufseher und wurde von ihm in die Kassettenabteilung begleitet um dort in einem Fensterlosen niedrigen Lagerraum eine stupide mechanische Fließbandarbeit zu verrichten.
Das Arbeiten war ein Segen.
Es lenkte ab.

Die mit mir Arbeiteten fragte einen natürlich neugierig aus.
Woher kommst du? warst du im Vollzeitdienst? welches Dienstamt hattest du? etc.

Der Wäschesack war für mich noch ein ungelöstes Problem.
Ich wusste nicht wie, wo und wann.
Ich werde morgen jemanden Fragen müssen.

Mittags wurde ich ins Bethelbüro gerufen und es wurde mit mir die Bethelbroschüre besprochen.

Ich schrieb gestern das es kein Zufall war, das mein Zimmerpartner frei war.
Es stank in dem Zimmer bestialisch.

Zu diesem Zeitpunkt wusste ich noch nicht wieso aber später fand ich mehrere Gründe.
Zum Ersten lagerte er verderbliche Lebensmittel weit über ihr Verfallsdatum in seinem normalen Kleiderschrank.
Zum Zweiten hatte er starken Fußgeruch und litt nicht unter Waschzwang.
Was er aber machte war, dass er sich im Badwaschbecken seine dicken, synthetischen Socken selber wusch.
Sollte er Seife zum waschen verwendet haben, war dies zumindest vergeblich.
Da er das Paar Socken am nächsten Tag wieder anzog, trocknete er seine Socken auf der Zimmerheizung.
Kam er nicht dazu gebrauchte Socken zu Waschen „lagerte“ er diese in seinem Bett.
Es gäbe noch ein paar Gründe aber belassen wir es dabei.

Ich kam als einer der ersten Morgens in den Speisesaal.
2 Minuten vor Tagestext beginn kam der Rest.
Ich saß zwar schon am richtigen Tisch, aber natürlich am falschen Platz.
Da alle schlag Pünktlich zum Frühstück erscheinen, musste ich mich noch bei Tagestextbeginn auf meinen Platz umsetzen.
Unter dem Speisesaaltisch befindet sich ein Ablagefach.
Dort legt man seine Bibel und seine Tagestextbroschüre.
Es ist auch noch genug Platz für gewisse Gimmicks wie das extra Gewürz, Kaba oder Nutella.
Auch parkt man dort seine Tupperwaren Dosen, um nach dem Tafelaufheben Essen für Abends oder Mittags zu „Geiern“.

„Geiern“ war Umgangssprache und bedeutete Organisieren oder Einsammeln.

Nach 20 Minuten Essenszeit wurde die Tafel aufgehoben.
Alle standen gemeinsam auf, stellten sich hinter den Stuhl und es wurde gebetet.
Man konnte danach zwar weiter essen, es war dann aber sehr unruhig.

Der Tagestextkommentar wurde mit Kamera aufgenommen und konnte im Saal an den Monitoren verfolgt werden.
In dem obigen Bild sieht man an der Wand zwei Fernseher.
Der Vorsitzende sagte ein paar routinierte einleitende Worte, der Leser las den Bibeltext (bei dem obigen Bild muss der Leser extra zum Fotografieren aufgestanden sein man sieht links aber seinen zurückgeschobenen Stuhl).
Vier eingeteilte Brüder lasen ihren vorbereiteten 1 Minuten Kommentar vor ( oft doppelte. Die gleichen von der Literatur kopierten Kommentare… ) und der Vorsitzende referierte dann seinen Text.
Zum Schluss las der Leser den Kommentar aus der Broschüre vor.



Dieses Formular bekam man durch die Hauspost auf sein Zimmer gelegt.
T-Tisch ist der Tagestextkommentartisch mit der Kamera.
...
Zum Frühstück wurde die Anwesenheit erwartet.
Der Vorsitzende des jeweiligen Tisches hatte die Aufgabe für den reibungslosen Ablauf während des Essens zu sorgen, Streit zu moderieren (man saß Jahrelang zusammen) und die Anwesenheit zu überwachen.

Als ich später mit einem Freund in ein Zimmer zusammen zog, habe ich ihm jedoch oft Brötchen für sein Frühstück am Zimmer „Gegeiert“.
Von der Frage, wie man zu seinem Frühstück kommt ohne rechtzeitig zum Tagestext zu erscheinen, habe ich heute noch Albträume.

Man saß zwar mittags auch an seinem reservierten Platz – es war mittags aber keine Anwesenheitspflicht.
Für Geste gab es extra einen freien Tisch.
Zum Abendbrot war freie Platzwahl da für gewöhnlich nur eine Tischreihe besetzt war.

Abendbrot lief zweigleisig.
17:20 Uhr gab es an einer Tischreihe serviertes warmes Essen oder man konnte sich auch anstellen und seinen Abendbrotbeutel selber zusammenzustellen.
Die Abendbrotbeutelausgabe begann immer etwas früher.
Hauptsächlich wegen der Flasche Fruchtsaft.

In dem oberen Speisesaalbild (das mit der Kamera) sieht man links zwei Doppeltüren mit runden Glasfenstern.
Bei der linken kommt man in die Großküche, durch die rechte Doppeltür kommt man in den Spülraum.
Zwischen der Doppeltür der Spüle und dann der Doppeltür mit dem großen rechteckigen Glaseinsätzen (zum Treppenhaus) stand immer der Kühlwagen in dem die Lebensmittel gelegt wurden, die tagsüber bei den Essen übrig blieben.
Brötchen, Jogurtbecher, Obst, Erdbeermilch aber auch Schnitzel und Pommes frites.

Und so beende ich den Eintrag des zweiten Tages mit den Notizen, dass ich morgen zum ersten Mal wieder das Bethelgelände verlasse, weil morgen „zum ersten Mal Versammlung ist“
„Schlafen muss ich“
Ach ja und „einen Abfalleimer brauche ich noch“.

Re: Im Bethel - Zweiter Tag - Termine

geschrieben von:  . +

Datum: 15. September 2008 00:56

Zitat:

Frau von x

Zitat:

.+
Ich bin mir ganz sicher dass er mich verstanden hat.

Die Brüder sind sich auch immer ganz sicher, daß sie persönlich von Jehova beschützt wurden.

Re: Im Bethel - Dritter Tag - alles sträubte sich in mir

geschrieben von:  . +

Datum: 16. September 2008 00:24

Zitat:

Marcilo

Habe eine Frage:
Warum und was wird nach den 20 Minuten Essen gebetet?
Gibt/gab es vor dem Essen kein Gebet?

Es wird vor dem Essen und zum Aufheben der Tafel gebetet.
Erst setzt man sich an seinen Platz und wartet bis sich der Speisesaal füllt.
Dabei behält man die Uhr und den Vorsitzenden immer im Auge.
Wenn der Vorsitzende pünktlich Anstalten macht das Essen mit Gebet zu eröffnen steht man auf, schiebt seinen Stuhl unter den Tisch und betet hinter seinem Stuhl stehend.
Nach dem Amen setzen sich alle hin und die Schüsseln werden von den Kellnern verteilt.
Vier/Fünf Teams mit je einem der den Edelstahl Transport Wagen schiebt und je zwei Kellnern die die Schüsseln verteilen.

Der Tischvorsitzende gibt dann die Richtung an, in welchem Uhrzeigersin die Schüsseln herumgereicht werden.
„Darf ich bitte die Kroketten haben - Danke“
„Reichst Du mir bitte das Fleisch herüber – Danke“
„Könnte ich bitte die Schüssel mit dem Eis bekommen – Danke“

Dabei gilt es immer die Uhr und den Vorsitzenden im Auge zu behalten.
Pünktlich – wenn der Vorsitzende Anstalten macht Aufzustehen – springen alle auf um sich wieder hinter ihren Stuhl zu stellen.

Gäste oder Neue waren dabei immer Anlass zur allgemeinen Erheiterung.

Es war nämlich durchaus Eng in dem Speisesaal.

Vier saßen an der Längsseite des Tisches.
Die beiden äußeren mussten ihren Stuhl nach Außen zur Seite rücken damit die beiden Inneren aufstehen konnten.
Standen die beiden in der Mitte vor ihrem Stuhl, schoben die Äußeren ihren Stuhl unter den Tisch.
Anders funktionierte es nicht.
Kam ein Gast in der Mitte der Tischseite sitzend nicht an seinem Stuhl vorbei und versuchte bei dem Gebet zwischen Tisch und Stuhl zu stehen, hatte er seinen Stuhl in den Kniekehlen und der Bruder hinter ihm, den Stuhl im Kreuz.
Dafür war es einfach zu Eng.

Wer also Gäste mit in den Speisesaal brachte tat gut daran das Tafelaufheben vorher zu erklären.
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Ich weiß nicht ob es jemanden aufgefallen ist.
Auch Sonntag gibt es Schrankenwachendienst.

Und so lernte ich im Bethel das Arbeit wichtiger ist als Versammlungsbesuch.

Am dritten Tag schrieb ich von einer heftig unfreundlichen Mitarbeiterin.

Ich war auch an diesem Tag in der Kassettenabteilung.
Den Farbton des Buches und der Kassetten konnte man schon nach wenigen Stunden nicht mehr sehen.
Fabrikarbeit eben.

Ich schreibe über die Schwester: „sie sucht ständig Streit“

Ich kann mich nicht mehr erinnern wer oder was da war, aber im Bethel überleben einige den Alltag nur dadurch, das sie massiv Streiten.
Es ist ihre Art nicht durchzudrehen.
Durch Eskalation im Streit, halten sie Kontakt zur Realität.

Wieder schreibe ich davon dass ich mich beobachtet fühle.
Ich schreibe die erste Passage in Kyrillisch ins Tagebuch.
Ok, zugegeben ziemlich gewöhnlich aber ich schreibe:



Wer das kyrillische Alphabet kennt könnte das eventuell entziffern.
„Big brother is watching you“
Ich überlegte, ob ich mein Tagebuch wegsperren sollte.
Aber das Kyrillische Transkript erfüllte seinen Zweck.
Immerhin kann ich es heute noch lesen.

Für Samstag habe ich meinen ersten Dienst vereinbart.
Samstag 13:30 Uhr
Die trockene Fabrikluft geht mir jetzt schon auf den Geist.

An diesem Tag hatte ich die erste Zusammenkunft außerhalb des Bethels.
Es war eine meiner Heimatversammlungen aus meiner Kindheit.



Nagelt mich nicht fest aber ich glaube dass ich mit der Begrüßung auch gleich wieder mit meinem Dienstamt vorgestellt wurde.
Ich bin mir jetzt nicht sicher, aber es wurde nicht bis zum nächsten Kreisaufseherbesuch gewartet.

Die halbe Versammlung bestand aus Bethelbrüdern.
Daher kommt der Scherz mit dem überaus Ehrenhaften Amt des „Ersatzmannes des Hilfsverdunklungsdieners“.

Ein Ältesten, den ich aus der damaligen Zeit in der wir in der Versammlung waren kannte, beschrieb ich als „leicht abweisend“
Die Brüder „draußen“ hatten ziemlich unter der arroganten Art der Brüder von „drinnen“ zu leiden.
Mal mag das ja ganz lustig sein, einen Bethelbruder in der Versammlung zu Besuch zu haben.
Aber dauernd deren „wir haben schon den neusten Wachtturm“ zu hören, kann mächtig auf die Nerven gehen.

Ich schrieb:
„…Die Menschen hier (im Bethel) leben eigenartig Weltfremd.
Es tat richtig gut wieder unter normalen Menschen zu sein.
Die griffen mich auch nicht an, im Gegensatz zu den Bethelbrüdern.“

An diesem dritten Tag schreibe ich in mein Tagebuch:
„Die neuen Betten sind da. Gott sei dank“

Es kamen andere Möbel.
Die Haushaltsschwester half mir in ihrem eigenen Interesse, auch bei dem gröbsten Dreck.

Das wacklige Etagenbett mit seinen alten Matratzen wurde entsorgt.
Mit den neuen Einzelbetten bekamen wir auch neue Bethel-Matratzen (Federkern und PU-Schaumstoff).
Der Zimmerparten wurde nach Intension der Haushaltsschwester, vom Betelbüro gebeten seine gebrauchten Socken nicht in seinem Bett zu parken, sie nicht mehr selber im Zimmer zu „waschen“ und sie anschließend auf der Heizung zu trocknen.

Muss ich erwähnen dass er nach ein paar Tagen zu seiner alten Gewohnheit zurückkehrte?

Logisch das damit die Zimmereinrichtung nun neu gestellt werden musste.

So sah das Zimmer dann schematisch aus:


Er richtete das Zimmer so ein das in dem Raum eine unsichtbare Linie entstand über die nur er zu seinem Reich schreiten durfte.

Links war mein Reich.



Rechts war sein Reich.
Hinter seiner Linie war natürlich auch sein Dreisitzersofa mit dem Wohnzimmertisch und dem dazugehörenden Sesseln.



Schön zusehen wie er sich durch die Schränke „Einmauerte“

Ich erinnere mich dass ich kurz bevor ich den Zimmerpartner wechselte mich einmal erdreistete, an dem Wohnzimmertisch etwas zu arbeiteten.
Dies kam einem Staatsstreich gleich, aber zu diesem Zeitpunkt war ich schon eine weile im Bethel.

Im Bad befanden sich gleich mehrere „Hinweisschilder“ aus Kunststoff.



„Lieber Bruder, liebe Schwester,
Reibe bitte mit diesem Handtuch, nach jedem Gebrauch des Wachbeckens, die Wasserflecken nach“
Und eine ellenlange Erklärung das es den Haushaltsschwestern die Arbeit erleichtere und man keine scharfen Reiniger verwenden muss.

„Lieber Bruder, liebe Schwester,
Verwende bitte diese Bürste um die Dusche nach dem Gebrauch zu reinigen“

Ich glaube ein Toilettenbürstenschild gab es auch.
etc. etc.

In meinem nächsten Zimmer schaffte ich als erstes diese „Lieber Bruder, Liebe Schwester Schilder“ ab.
Wenn man das jeden Tag ließt wird man ja Wahnsinnig.

Nun koche ich von je her gerne – auch heute noch.



Die Küche bestand aus zusammengestellten antiquarischen Einzelteilen.
Sie hatte keine durchgehende Küchenarbeitsplatte.

Den Kühlschrank, den ich dort vorfand, war nicht nur undicht sondern auch über und über mit grünem Schimmel überzogen.
Hochgradig vereist und spärlich mit Lebensmitteln gefüllt die allesamt bereits das Stadium der Reinkarnation überschritten hatten.
Wusstet ihr das auch moderne Kühlschränke heutzutage heizen?
Klinkt Paradox ist aber tatsächlich war.
Kühlschränke mit Eisfach besitzen oft nur einen Motor.
Kühlt das Eisfach zu stark schaltet sich die Lampe als Heizung ein.
Kein Witz!
Dieses undichte vorsündflutliche Unikum muss einen unglaublichen Stromverbrauch gehabt haben.
Zuerst reinigte ich den Kühlschrank indem ich die Kunststoffverkleidungen der Tür abschraubte.
Man hätte den Kühlschrank einer Universität vermachen sollen.
Auf ihm hätte man bestimmt noch nie erforschte Lebewesen entdeckt.
Später tauschte ich den Kühlschrank gegen einen Nachkriegsapparat ein.
Den musste ich zwar auch erst einer Grundreinigung unterziehen aber er war wenigstens dicht.

Und dann der Herd!
Er spottete jeder Beschreibung.
Der Spülenschrank verdiente die Bezeichnung nicht.
In ihm gab es auch Töpfe.
Leider verzichtete man bei ihnen schon seid längren trotz nachweisbaren Gebrauch auf einen Reinigungsversuch.

Ich besorgte mir also in einem Laden eine Pfanne, einen Topf und diverse Kochutensilien mehrere Backofensprays und Putzmittel die vor allem eins haben sollten:
große Gefahrenhinweise „Vorsicht Gift!“.
Wenn ich das jetzt so aufschreibe erinnere ich mich noch das die Kassiererin lächelnd so etwas wie sagte wie „Haushaltseinstand“ oder so ähnlich.

Mit dieser Giftküche bewaffnet, die einem Saddam Hussein alle ehre gemacht hätte, rückte ich der Ruine, die sich Küche nannte auf den Leib.
Immer sehr argwöhnisch von dem Zimmerpartner beäugt.

Es war für den Zimmerpartner ein unerträglicher Zustand dass ich zu Kochen anfing.

Ein Beispiel:

Ich hatte einen Zeitschalter in den ich meine (neue) Kaffeemaschine einsteckte.
Mein Wecker war morgens das gluckern der Kaffeemaschine.
Ich bin Teetrinker – ich habe noch nie Kaffee getrunken.
Das funktioniert mit Tee aber ganz genauso.

Erinnert sich noch jemand an das Lied von Peter Cornelius … „Der Kaffee ist fertig…“?

Oben, in der Rekonstruktion des Zimmers, setzte ich eine Kaffeemaschine an den Platz an dem damals mein „Wecker“ stand.
Die Zeitschaltuhr war übrigens ein Überbleibsel meines automatisierten Aquariums…

Den Eintrag vom dritten Tag beende ich mit der Rückfahrt von der Versammlung ins Bethel.
Eines der Dinge die ich eingangs vom Bethelaufseher bekam war ein etwa DIN A5 großer farbiger Pappkarton.
Diesen steckte man oben hinter die Sonnenblende seines Autos oder legte es ins Handschuhfach.

Fuhr man beim Heimweg auf die Bethelschranke zu, hielt man den farbigen Karton hoch, so dass der Bruder der die Schranke bediente, schon von weiten erkennen konnte das ein Bethelbruder eingelassen werden konnte.

Jetzt kam es natürlich immer wieder vor das jemand in einem Auto eines auswärtigen „Weltis“ (Slang Begriff für normalen Verkündiger) saß oder schlicht seinen Karton vergessen hatte.
Dann machten einige ungeduldig eine rechteckbeschreibende Geste.
Ungeduldig, vorwurfsvoll den der Neue in der Schranke solle gefälligst den langjährigen Bethelit auch so erkennen.

So beende ich den Eintrag vom dritten Tag:

„Wie wir von der Versammlung heim fuhren und auf Selters zufuhren sträubte sich in mir alles.
Ich wollte nicht.“

Re: Im Bethel - Bandspülmaschine

geschrieben von:  . +

Datum: 16. September 2008 23:04

Noch ein Wort zum Thema Heiraten.
Wie auch heute wenn man die Schule für Dienstamtlicheweiterbildung besucht, muss man bei der Bewerbung angeben dass man gegenwärtig nicht vorhat zu Heiraten.
Hier das wichtigste Schreiben das ich in diesem Zusammenhang bekam:



…wir freuen uns Dir mitteilen zu können das in der Bethelfamilie jetzt ein Platz für Dich frei ist…

Es handelt sich um ein Formblatt in der der Name und der der Termin mit Schreibmaschine eingetragen wurde, wann ich ins Bethel eingezogen wurde.

Im Text findet man den Hinweis: „nicht Verlobt und gegenwärtig keine Heiratspläne.“

In zahlreichen Fällen traf das aber nicht zu.
Oft wurden Verlobungen verschwiegen und konkrete Hochzeitspläne um ein Jahr hinausgeschoben.
Oft war gerade die Einsamkeit und die Erlebnisse im Bethel der Auslöser für eine Suche nach einem Partner.
Probleme die daraus entstehen konnten sind sicherlich Nachvollziehbar.
Ich war mit dem Eintritt ins Bethel der jüngste dort.
Nicht alle waren jedoch so jung und hatten durchaus schon ernsthafte Absichten.

Am vierten Tag schrieb ich in mein Tagebuch:

„Auch Du kannst das Bethel überleben und in eine neue Welt gelangen.“

( ein Wortspiel: das Buch hieß: Auch Du kannst Harmagedon überleben… )

Das was ich dort am unangenehmsten empfand war die „Gedankeninzucht“.

Man muss sich im Bethel sehr schnell damit abfinden das der Kontakt mit der Außenwelt zu etwas besonderen wird.
Niemand interessiert sich dort auch für den Predigdienst.
Im Gegenteil.

Natürlich müssen alle einen Bericht um die 10 Std. abgeben, aber mit Pionierdienst hat das nichts mehr zu tun.
Die Vorträge hörten sich dann auf einmal ganz anders an.
Es wurde gezeigt dass man nun an der Druckereimaschine, Gott viel mehr dienen kann als von Haus zu Haus.
Die regelmäßigen Aufrufe zum Pionierdienst die man aus den Zusammenkünften gewohnt ist, werden komplett in das Gegenteil umfunktioniert.

Nun hieß es man solle NICHT den Pionierdienst anstreben sondern lieber Arbeiten.

Das war für mich schon in gewisser Weise erschütternd.

Ein Beispiel:

Früher nahm man sich am Tag des Gedächtnismahles frei, um sich für den Abend andächtig mit Bibellesen und Predigdienst einzustimmen.

Im Bethel sah das ganz anders aus.

Es kann durchaus sein, das man für den Gedächtnismahlabend Spüldienst zugeteilt bekommt.
Es machte also keinen Sinn für diesen Tag Arbeitsfrei zu nehmen.



So sah der Zettel aus den man mit der Hauspost auf das Zimmer bekam.
Samstag Spüldienst war wohl das geringste Übel.
Sonntag war Pech.
Tausch mal an einem Sonntag den Spüldienst…

Oft hatte man Spüldienst an Tagen an denen man Zusammenkunft hatte.
Wollte man um 19:00 Uhr zum Gedächtnismahl seiner zugeteilten Versammlung (oft hatte man dort eine zugeteilte Aufgabe) war Hektik angesagt.

17:10 Uhr war Feierabendgong, danach ging man in den Speisesaal essen.
Entweder stellte man sich einen Abendbrot Beutel zusammen oder man aß im Speisesaal.
17:20 Uhr war Essensbeginn.
17:35 Uhr begann der Spüldienst.
Nach dem Tafelaufheben aß der eine und andere noch fertig.
Zu diesem Zeitpunkt lief die Spülmaschine bereits mit Küchenkochgeschirr.

Ich kann mich nicht mehr genau erinnern aber ich glaube eine Abendspüldiensttruppe bestand aus 5 Brüdern und einem Bruder von der Küche oder der festen Speisesaalmanschaft als Aufseher.
Die Essensreste und Abfälle wurden von den Tellern kurzerhand auf die Resopaloberfläche der Tische gekippt.
Damit schockierte man gerne die Bethelbesucher die zum Abendessen blieben…
Mit einem Gummischaber wischte man diese Reste dann in einen Müllsack.

Gleichzeitig beluden zwei Brüder einen Edelstahl Transportwagen mit dem schmutzigen Geschirr, zwei wischten die Tische und stellten anschließend die Stühle hoch.

Derjenige der die Bandspülmaschine am schnellsten beladen konnte (die Geschwindigkeit der Maschine ist von dem, der die Spülmaschine belädt einstellbar) fütterte das Fließband, zwei entluden die Maschine am Ende des Fließbandes und räumten das Geschirr weg.

In dem Spülraum stand eine Bandspülmaschine ähnlich dieser.



Jedoch stand die Bandspülmaschine mitten im Raum.
Man konnte von beiden Seiten an ihr vorbeigehen.
An der rechten Wand waren Arbeitstische, an der Fensterfront und an der linken Wand waren Geschirrschränke und große, tiefe Edelstahl Waschbecken mit Brauseschläuchen, ähnlich denen die man aus der Dusche kennt.
Die Großküche und die Spüle wurden regelmäßig von dem Gesundheitsamt kontrolliert.

Auf dem obigen Foto sieht man im Vordergrund das Ende des Fließbandes.
Hier wurde das saubere Geschirr entladen.
Dort war ein Taster der das Fließband stoppte sobald Geschirr dagegenfuhr.

Derjenige der die Spülmaschine belud konnte einem Moment des Triumphes genießen wenn das Fließband stoppte, weil diejenigen die das saubere Geschirr vom Band holten, nicht mit dem Abladen nachkamen.
Der Triumph schlug aber schnell in Ärger um, wenn die Endlader bei der Arbeit schliefen.
Hier stießen gerne grundsätzlich unterschiedliche Auffassungen bezüglich Arbeitsleistung aufeinander.

Es gab auch Teile die nicht durch die Maschine laufen durften.
Diese wurden per Hand in den großen Edelstahl Waschbecken gespült.

Die Hektik des Spüldienstes war bestens geeignet, um Neuankömmlingen den einen oder anderen Streich zu spielen.
Obwohl nur Brüder zum Spüldienst eingeteilt werden, halfen die Ehefrauen oft mit, damit man rechzeitig in die Zusammenkünfte kam.
Zum Schluss wurde die Spülmaschine selber gereinigt.
Eine Hektik ohne Gleichen, damit man nach Umziehen und Tasche packen, das Bethelgelände rechzeitig verließ, um trotz Fahrtweg das ca. 19:00 Uhr beginnende Gedächtnismahl pünktlich erreichte.

Langer Rede kurzer Sinn:

Ich habe seid dem Bethel nie mehr für ein Gedächtnismahl frei genommen.
Religiöse Feiertage sind nun mal Tage der besonderen Tätigkeit und am besten dient man Gott an seinem Arbeitsplatz.

An vierten Tag schrieb ich über das Bethel:

„…Mir kommt das hier so vor, wie eine alte Frau die sich dagegen wehrt, wenn ihre Wohnung gelüftet werden soll.
Das Bethel ist eine zähflüssige Masse die sich dahin quält.“

Am diesem Tag arbeitete ich vormittags und ging nachmittags zum ersten Mal wieder in den Dienst.
Den hatte ich wirklich vermisst.
Ich ging mit einem Betheliten in den Dienst der vorher kein Pionier war.
Wir waren in einem Studentenwohnheim.
3 Stunden Dienst / 3 Türen.
Es ist so leicht ein Bibelstudium zu beginnen oder mit Menschen über die Bibel zu reden.

Außer man hat dafür keine Zeit.
Und im Bethel wird der Pionierdienst als Gefahr angesehen – es könnte doch sein das ein Bethelbruder wieder zurück in die Welt will um zu Predigen.
Es hatte einen Grund das man scherzhafter Weise die Verkündiger draußen „Weltis“ nannte.

Abends schrieb ich in das Tagebuch und aß aus dem Abendbrotbeutel.
Krabbensalat und Apfelsaft.

Naja und dann hatte ich Heimweh.
„Heute war ich die ganze Zeit am Heulen“
Ich hatte noch am rechten Zeigefinger einen Kratzer von dem Kater meiner Schwester.
Die Katze hieß Puschel.
„Grenzenlose Traurigkeit“
Aber vor allem vermisste ich meinen Vogel.
Ich konnte seinen Gesang perfekt imitieren.
„Grenzenlose Traurigkeit“
Ich malte mir aus was ich wohl machen würde wenn ich jetzt zuhause wäre.
Ich beschrieb meine alte Zimmereinrichtung.
„Grenzenlose Traurigkeit“

Mein Gott ich war jung.
Und so schrieb ich dass ich mich grenzenlos traurig fühlte.

Auch den vierten Tag beendete ich mit einem Versprechen das ich mir gab:

nie wieder

Re: Im Bethel - Wachteln am Balkon

geschrieben von:  . +

Datum: 18. September 2008 00:00

Sonntag 8:40 Uhr
Ich bin um kurz vor 7:00 Uhr in dem Speisesaal erschienen und niemand war da.
So ging ich wieder in mein Zimmer zurück.

Was ich nicht wusste war, dass Sonntag das Frühstück ohne Vorsitz von 7:00 Uhr bis 8:00 Uhr stattfindet.
Auch hier nur an einer Tischreihe wie bei dem Abendbrot.

Ich schreibe dass ich einen nervösen Magen habe.
Ich magerte in den ersten vierzehn Tagen im Bethel stark ab.
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Heute Vormittag in der Versammlung bekam ich mein Gebiet.
Früher war es so, das ich in meinem Gebiet so selbstverständlich war wie der Bürgersteig auf der Straße.
Ich hatte für einen Pionier extrem wenige Wohnungseinheiten.
Bei den Heimbibelstudien kann man sich das ja denken – aber auch vorher als ich noch Dauerhipi war, konzentrierte ich mich auf sehr wenige Straßen.
Übrigens habe ich sehr spät an den Türen zu reden angefangen.
In meiner ersten Stunde als Hipi, an der ersten Tür, redete ich zum ersten Mal.
Ich war sehr schüchtern und ziemlich stur.
So das also vorhergehende Versuche, mich im Dienst zum Reden zu bewegen scheiterten.

Dafür ging ich dann von Anfang an am liebsten allein und war nur mit der Bibel unterwegs.
Das war zu der damaligen Zeit weder üblich noch gern gesehen.
Es wurde von Pionieren erwartet dass sie eine gewisse Anzahl an Literatur abgaben.
Auch nahm ich an den Türen kein Geld.
Da bekam ich echt ärger – denn die anderen Pioniere sorgten sich um ihre Einnahmequelle.
Wenn der eine kein Geld nimmt, wie sieht es dann aus wenn der andere Geld verlangt?
Aber wie gesagt ich war stur und hatte keine Lust als Zeitschriftenverkäufer unterwegs zu sein.

Wieder beschreibe ich die Distanziertheit der normalen Verkündiger gegenüber den Bethelbrüden.
Natürlich waren die meisten Betheliten in meiner Versammlung nett, aber es gab einfach zu viele die vollkommen Weltfremd, ihren Status den anderen gegenüber heraushängen ließen.
„Ich bin Ordensdiener und du hast mich gefälligst zu ermuntern“
„Ich bin Mittellos und du hast mich gefälligst zu unterstützen“

Die Betheliten kamen gar nicht auf die Idee, dass der Vater und Älteste der sich in der freien Wirtschaft behaupten muss, es wesendlich schwerer haben könnte, als die durchgefütterten, arbeitsscheuen Betheliten.

Ich notierte in mein Tagebuch, dass ich mir demnächst in der Stadt die Plätze aus meiner Kindheit (Schulweg und Park) anschauen wollte.

An diesem fünften Tag, stellte ich die Frage ob das wirklich sein muss.
Ich fragte mich was ich wohl im Jahre 2000 tun werde.
Ob ich dann noch im Bethel bin?
Ein Bethelbruder mit dem ich in die Versammlung fuhr, meinte mir sagen zu müssen „dass sie schon über mich reden“.
Später wusste ich natürlich dass es ein Sport im Bethel ist, sich an den Problemen der Neuankömmlinge zu ergötzen.
Alle Neuen haben doch Heimweh und treten von einem Fettnäpfchen in das andere.

Das der Bruder meinte mir erzählen zu müssen „dass sie schon über mich reden“ war nur seine Art sich seine Dosis dieses Unterhaltungsstückes abzuholen.

Es gibt zahllose Fettnäpfchen in denen ein Neuer „auffällig“ wird.
Da gibt es zum Beispiel das „Montag Wachtturm Studium“.
Es ist das Familienstudium der Bethelfamilie.
Es ist nichts anderes als das sterbenslangweilige Wachtturm Studium noch mal durchzuführen.
Der entscheidende Vorteil war jedoch das man sich die Antworten notieren konnte und in der Versammlung dann als besonders erleuchtet glänzen konnte.
Pech nur wenn die Versammlung sowieso aus einem guten Drittel aus Bethelbrüdern bestand.

Für einen Neuankömmling war es eine Todsünde sich in dem Montag-Wachtturm-Studium auf einen „falschen“ Platz zu setzen.
Es gibt im Bethel Gruppen und Klicken.
Ein Bruder Pfitzmann sorgte dafür dass es niemand wagte ihm zu nahe zu kommen.
Von einem Neuling wird erwartet dass man nicht in diese Cliquen eindringt oder die Kreise gewisser elitärer Gruppen stört.
Die meisten in der Bethelfamilie hatten ihren Stammplatz und waren so frei dich unmissverständlich zu bitten sich doch woanders hinzusetzen.
Nun ist es aber auch von einem jungen Bruder keine gute Idee, wenn er sich später immer auf seinen gleichen Stammplatz setzt.
Das dauert zwar eine Weile bis er das merkt, aber wenn er mal soweit ist dass ihm das Montag-Wachtturm-Studium zu Tode langweilt, wird er vermisst und angesprochen, wenn man ihn auf seinem Stammplatz nicht gesehen hat.



Es dauert auch eine ganze Weile bis er weiß, wie man das Montag-Wachtturm-Studium richtig Schwänzt.
Schwänzen will gelernt sein.

Es gibt nämlich einen Sicherheitsdienst der während des Montag-Wachtturm-Studiums auf dem Gelände Patrouilliert.
Dummer Fehler - Wer jetzt am Montag in der Zeit von 18:45 – 19:45 das Licht im Zimmer brennen lässt oder die Balkontür nicht schließt.
Der Wachdienst hat nämlich die Anweisung das Licht im Zimmer zu löschen…;-)

Weil wir gerade bei dem ungebetenen betreten der Bethelzimmer sind:
Zwei Schlüssel sind im Bethel nicht selten.
Der HGS-W (Hauptgesamtschlüssel-Wohnbereich) und der HGS-F (Hauptgesamtschlüssel-Fabrik).
Mit diesen zwei Schlüsseln kam man sozusagen überall hinein.
Es konnte schon passieren, das man sich abends im Stockwerk irrte und das Zimmer des über oder unter einem lag, betrat.

Das war aber am Anfang noch nicht meine Sorge.
Die sah ganz anders aus:

Es war der erste Sonntag und im Bethel kann man sehr, sehr Einsam sein.
Mein Zimmer lag im Erdgeschoss direkt neben einer Eingangstür.
Ich saß mit meinem Tisch direkt neben dem Fenster ohne Vorhang.
Jeder der das Wohngebäude durch diesen Eingang betrat kam direkt auf mein Fenster zu, grüßte und erwartete gegrüßt zu werden.
Und das obwohl mir Hundeelend zumute war und man auch im Zimmer nicht allein war.

Im Bethel kann man sehr, sehr einsam sein.

Ich schreibe: „Pausenlos kämpfe ich gegen die tränen und geht jemand an meinem Fenster Vorbei“



„Im Moment scheint die Abendsonne ins Zimmer.
Das Zimmer beschreiben – wozu. Jetzt nicht, aber ein Foto mache ich davon. Jetzt 18:53“



Das Foto verunglückte ziemlich.
Auf dem Schreibtisch sieht man jedoch das aufgeschlagene Tagebuch.
Vor dem Fenster sieht man einen Sekretär.
Der gehörte dem Zimmerpartner.
Ich kann mich nicht daran erinnern dass er da jemals etwas hinein getan oder herausgeholt hätte.
„Es könnte ja sein das er ihn später mal bräuchte“.
In meinem aus dem Gedächtnis rekonstruierten Zimmer fehlte dieser.
Jetzt erinnere ich mich aber dass auch auf dem Balkon noch Möbel standen.
Durch die Feuchtigkeit natürlich total geschrottet.
Möbel aus den Spendenbasar wohlgemerkt – gehortet aus purer billiger Raffgier (4. Mose 11:33).

Ein Ältester aus der alten Versammlung hat angerufen.

Wörtlich schreibe ich: „was soll ich den ihm erzählen?
Das es mir dreckig geht?
Was versteht der denn davon.
Das kann ich ja nicht einmal meinen Eltern erzählen.“

Ich lernte eine Fremdsprache und stellte fest dass ich vor 10 Tagen das letzte Mal an den Arbeitsblättern arbeitete.
Vor 10 Tagen – eine andere Welt.

18:45 Uhr
Wieder stelle ich mir vor, wo ich gerade wäre wenn ich nicht ins Bethel gegangen wäre.
Jetzt gerade säße ich hinter der Steuerungsanlage in Saal und legte die Nadel des Plattenspielerabtastarmes auf die Königreichschallplatten.

Ich telefonierte mit meinen Eltern und meiner Oma.
Sie erzählte das mein Vogel die ganze Zeit am schimpfen wäre.
Meine Eltern planten zu Besuch zu kommen und würden mir eine vernünftige Matratze mitbringen.
Die Bethelmatratzen sind billigste Schaumstoffmatratzen aus denen man „schwitzt wie auf einer Plastikfolie“.
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Mein Zimmerpartner ist zurückgekommen.
Zwischen drin musste ich aufhören zu schreiben, weil das schreiben mich zu sehr überwältigte und ich nicht wollte das es der Zimmerpartner mitbekäme.

22:15 Uhr – ich schreibe im Bett.

Ich beschrieb das Bethel als etwas großes Schwarzes unheilvolles Angsteinflößendes.

„…Es ist einfach alles zum Kotzen…“

Und wieder schwor ich mir, dass mir das nie wieder passiert.

Was für Tage in meinem Leben.


 

Re: Im Bethel - Der sechste Tag - Ehepaar

geschrieben von:  . +

Datum: 18. September 2008 22:29

7:55 brachte ich die Wäsche im Reparaturbeutel weg.
Den richtigen Wäschebeutel hatte ich noch nicht.

Letzte Woche arbeitete ich die ganze Woche in der Kassettenabteilung.
Mit dieser Woche beginnt meine eigentliche Grundeinführung.

Bei der Grundeinführung arbeitet man jeden Tag in einer anderen Abteilung.
Sinn der Sache ist es, die Abläufe im Haus kennen und verstehen zu lernen.

Vormittags arbeitete ich in der Wäscherei.
Nachmittags in der Spülküche.

So stupide die Arbeit in der Kassettenabteilung war, dort verging die Zeit wenigstens schneller.
Jetzt schreibe ich dass ich nicht immer etwas zu tun hatte.

Montagabend – Mein erstes Montag-Wachtturm-Studium.

Ich schreibe dass die jungen Brüder dort kein guter Umgang sind.
Ich beschreibe die ledigen Schwestern im Bethel als aufdringlich.

Wörtlich schreibe ich „Nie bin ich mit Heiraten so konfrontiert worden wie hier“

Der Bruder der mich von Abteilung zu Abteilung weiterreichte meinte das das Bethel der beste Ort sei an dem ich sein könnte.
In mein Tagebuch schrieb ich das es das für mich nicht ist

Wörtlich heißt es dort:
„Glauben tue ich das nicht.
Das was mich stört ist die aufgezwungene Lebensweise“

Im Haus Gottes hat man gefälligst Glücklich zu sein.
Man gibt absichtlich einem Neuen das Gefühl das er alles Falsch macht.
Schließlich ist man das Haus Gottes.
Und jedem der etwas falsch macht, mangelt es natürlich an Geistiggesinntsein.
Dies ist im Bethel eine seltsame Art sich Vergnügen zu bereiten.

Außerdem kann man einen langjährig Gedienten nicht mit einem Neuankömmling vergleichen.

Ich glaube es war in der zweiten Woche als von mir das Bethelfoto gemacht wurde.
Zu dem Zeitpunkt war ich um etwa 30% vom Normalgewicht abgemagert.

Am sechsten Tag stellte ich mir die Frage warum mir das passieren musste.

Ich schrieb von meinem ersten „Montag-Wachtturm-Studium“ wie folgt:

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„Du siehst immer so traurig aus“
Bin ich auch
„Du siehst immer so traurig aus“
Bin ich auch
Bin ich auch
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Hier gibt es Menschen mit denen ich draußen nie etwas zu tun haben wollte.
Ich saß im Montag-Wachtturm-Studium neben Marta
Schw. Dickert – unsere Familien kennen sich, ich brachte ihr ein Geschenk meiner Großmutter mit.
Sie stellte mir Schw. Franke vor:

>>>>>>>>>>>>>>>>>>>>>>>>>>>>>>>>>>>>>>>>>>>>>>>>>>>>>>>>>>>>>
„Du siehst immer so traurig aus“
Bin ich auch
>>>>>>>>>>>>>>>>>>>>>>>>>>>>>>>>>>>>>>>>>>>>>>>>>>>>>>>>>>>>>>

Ich schrieb von meinem Zimmerpartner.
Ich behaupte jetzt mal plakativ das wir neben „Guten Morgen“ und „Hallo“ keine 10 Worte wechselten.
Wenn meine Frau Recht hat, kann ich sehr, sehr schmerzhaft Schweigsam sein…

Naja – vor ein paar Tagen schnitt ich es schon Mal an, mein Zimmerpartner holte zu einer Rede aus.
Er meinte wir müssten wie ein Ehepaar sein und miteinander reden.
Na Mahlzeit!
Wie ich mich kenne war auch hier meine Antwort sicherlich beinhartes Schweigen.

Mein Kommentar im Tagebuch war: „Zwangszusammenpferchung“

Noch einen Teil den ich hier ungekürzt wiedergeben möchte.
Es musste sich wohl um ein Gespräch aus der Wäscherei während der Vormittag Arbeit gewesen sein.
Denn es wurde mir offensichtlich der Spendenshop-Raum gezeigt, der auch von der Näherei / Wäscherei betreut wird.

Die Wäscherei und die Näherei arbeiten zum Beispiel deswegen zusammen, weil in sämtliche Wäschestücke die persönliche Wäschenummer eingenäht wird.
Noch heute nach Jahrzehnten habe ich noch Handtücher und andere Wäschestücke mit der eingenähten roten Wäschenummer.
Nachfolgend also die Notiz aus der Wäscherei:

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„Du siehst immer so traurig aus“
Bin ich auch

Diese Spende wie sie das nennen, ist meiner Ansicht nach das menschenunwürdigste an der ganzen Angelegenheit.
Sollte ich mal so weit runterkommen verabscheue ich dich zu tiefst.
Sei versichert XXX (mein Name) der du das eines Tages liest, der XXX (mein Name) der das jetzt schreibt verabscheut dich zu tiefst wenn du dich eines Tages aus der Spende einkleidest.

„Du siehst immer so traurig aus“
Bin ich auch
>>>>>>>>>>>>>>>>>>>>>>>>>>>>>>>>>>>>>>>>>>>>>>>>>>>>>>>>>>>>>>>>

Dem muss ich im Nachhinein aus heutiger Sicht widersprechen.

„Spende“ Das ist ein Raum in dem gespendete Kleidung für die Bethelbrüder zur freien Verfügung liegt oder hängt.
Es war immer höchst peinlich jemanden dort zu treffen oder gesehen zu werden.
Aus diesem Spendenshop kommt ein geflügeltes Wort:
„Diese Krawatte würde ich nicht nachts zum auf die Toilette gehen tragen.“
Vieles kam aus Nachlässen von verstorbenen Brüdern.
Das sah man und roch man auch.
Später bekam man schon mit, welche Wege die Kleiderspende durchlief, bevor sie im Spendenshop landete.
Brüder spendeten oft ihren bekannten Bethelbrüdern Sachspenden.
Diese Bethelbrüder nahmen sich daraus natürlich was sie verwenden konnten.
Dann gab man die Sachspenden im Wareneingang, im Bethelbüro oder aber in der zuständigen Abteilung in der Näherei ab.
Was die Näherei Schwestern selber nicht brauchten bekam die Gruppe oder Klicke die sich mit der (älteren) Schwestern der Näherei gut stellte.
Diese suchten sich vorher das heraus was für sie brauchbar erschien.
„Wertvolle Dinge“ landeten im Möbellager.
Was jetzt noch halbwegs brauchbar war wurde in den „gehoberen Dienstgraden“ feilgeboten.
Der Rest landete in Spendenshop.

Ein Wort zu den „wertvolleren Dingen“.
In Lockeren Abständen ungefähr einmal im Jahr gibt es dann im Möbellager eine Art Bazar.
Alle Bethelmitarbeiter haben einen aus ihren Dienstjahren resultierenden Rang.
Derjenige mit dem höchsten Rang geht zuerst durch den Bazar.
Dann kommt der zweite und so weiter.
Jetzt kann man sich vorstellen was man als niederer Rang in dem Bazar noch findet.
Ich brachte zwar schon Dienstzeit als Pionier mit aber…

Diese Dienstjahre-Rang-Regel findet in vielem im Bethel Anwendung.

Beispielsweise in der Zuteilung eines Garagen oder Stellplatzes für den eigenen PKW.

Oder mal angenommen man wohnt in Zimmer XY.
Einmal im Jahr findet eine Art Zimmer-Roulett statt.
Hat man einen niederen Dienstjahresrang muss man sich (ob einem das Zimmer in dem man gerade wohnt gefällt oder nicht) um ein neues Zimmer bewerben.
Tut man das nicht und irgendeinem mit einem Dienstjahr mehr als du fällt ein, sich um dein freies Zimmer zu bewerben findest du dich ehe du dich versiehst in einen der „weniger beliebten“ Zimmer wieder.
Du musst nehmen was die anderen nicht wollten.
Deswegen bewirbt man sich um drei freie noch nicht zugeteilte Zimmer.
Was natürlich zur Folge hat das diejenigen die diese Zimmer bewohnen auch zwangsläufig umziehen werden…usw.

Aber zurück zum Spendenshop.
Am sechsten Tag entsetzte mich die Existenz dieser Lumpenkammer noch.
Second Hand Kleidung von verblichenen 80 jährigen, sollte sehr bald jedoch zu meinen geringsten Sorgen gehören.

So beschrieb ich also die Bethelbrüder im Montag-Wachtturm-Studium wie folgt:

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„Grüne Filz Jacke, gestrickte knallrote Krawatte, Hose braun oder besser „undefinierbar“.
Kein Wunder das diese Menschen unerträglich werden sobald sie auf die Außenwelt treffen.“
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Ich schrieb dass man hier durch das Aufgezwungene Leben förmlich zu einer Heirat getrieben wird.
Dies ist der einzige Ausweg.
Ich schrieb: „In dieser Situation gibt es eigentlich keine andere Wahl.“

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„Du siehst immer so traurig aus“
Bin ich auch
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Re: Im Bethel - Der siebte Tag - das kalte Paradies

geschrieben von:  . +

Datum: 19. September 2008 19:48

Am siebten Tag schrieb ich drei Seiten in dem Tagebuch.
Ich habe das kalte Paradies zu fürchten gelernt.
Nur das es bei mir noch ein paar Jahre dauerte bis ich mein „niemals wieder Versprechen“ in die Tat umsetzte.

Dadurch, dass man als Neuling durch die verschiedenen Abteilungen weitergereicht wird, lernte ich die verschiedenen Aufseher kennen.
Am siebten Tag schrieb ich in mein Tagebuch:

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„Die Aufseher haben ein eigenartiges Verhalten.
Es heißt alle Aufseher sollen einen seelischen Knacks haben.
Nach dem Verhalten kann ich mir das gut vorstellen.
Die Küche hat eine eigenartige Art zusammenzuarbeiten.
Die Spannungen untereinander sind förmlich mit der Hand zu greifen.
Nie kann man sicher sein.
Jeden Moment kann etwas passieren.“
<<<<<<<<<<<<<<<<<<<<<<<<<<<<<<<<<<<<<<<<<<<<<<<<<<<<<<<<<<<


So muss ich also am zweiten Tag meiner Einführungstour in der Küche gearbeitet haben.

Dann schrieb ich auf, was ich mir für die Zukunft vornehme, wenn jemand neu ins Bethel kommt.
Das was ich da schrieb, habe ich tatsächlich auf Dauer umgesetzt.
Nicht nur in meiner späteren Zuteilung sondern auch allgemein.
Auf diese Art habe ich übrigens meine Frau kennen gelernt.

Die Bethelbrüder hatten den Spaß Neue vorzuführen und ich machte mir den Spaß ihnen den Spaß zu verderben.

Ich teilte das in sieben Punkte ein.
Der erste Punkt war das ich einem Neuen zusichern wolle, das ich streng vertraulich mit dem Umgehen werde was er mir sagt.
Ich wolle einen Neuen nach seinen Erfolgen fragen, die er außerhalb des Bethels hatte.
Ich zeigte einem Neuen wo man gefahrlos im Montag-Wachtturm-Studium sitzen konnte, wie man an sein Abendbrot kam ohne sich verächtliche Blicke zuzuziehen und gab ihnen den Tipp zur Schrankenwache eine Krawatte anzuziehen.
Aber vor allen hörte ich zu.

Ich schrieb von meiner Kongressplanung und der Frage wie ich einer aufdringlichen ledigen Schwester ausweichen könnte.
Und das am siebten Tag!
Es gab nur sehr wenige ledige Schwestern im Bethel.
Das diese aber ledig waren hatte seine Gründe…

Erst vertelefonierte ich fünf Mark nachhause, dann meinten meine Eltern sie rufen mich im Zimmer an.
Mein nervöser Magen machte sich bemerkbar.
„Warten kann wehtun. Wirklich schmerzen“ schreibe ich.
Mein Vater meinte er würde mich vermissen.
Er erzählte an Telefon davon, das ein, von uns nicht sonderlich geschätzter Kreisaufseher, es für sich ausschlachtete, das ein junger Bruder aus seinem Kreis ins Bethel gekommen ist.

Ich schrieb von dem Gefühl, ständig beobachtet zu werden.
Beurteilt werden, Klatsch, und erdrückende Neugierde.

<<<<<<<<<<<<<<<<<<<<<<<<<<<<<<<<<<<<<<<<<<<<<<<<<<<<<<<<<<<
„Er ist ein Druck der mich stört.
Der Druck des Big Brothers“
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Zugegeben – etwas gewöhnlich formuliert.
Aber was will ich machen.
So habe ich es damals geschrieben.


Man steckt einen in eine Schublade und kann sich nur in dieser bewegen.
Ständig beobachtet werden.
Das erdrückt einen.
Ich schrieb:

<<<<<<<<<<<<<<<<<<<<<<<<<<<<<<<<<<<<<<<<<<<<<<<<<<<<<<<<<<<
„Selters von draußen betrachtet ist etwas riesiges Schwarzes.
Alles sträubt sich in mir dort hin zu fahren.
Ich will dort nicht hin.
Wenn man erst einmal die Schranke passiert hat, spürt man den Druck sofort.
Beobachtet, beurteilt, abgeschätzt, eintaxiert.
Das eintaxieren ist besonders hart.
Erdrückend“
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Auf diesem Bildmitte sieht man die Oberlichter des Daches (man nannte es die Krone) des Königreichssaales.
Nachts, sah es für mich so aus, als wären es glühende Augen und die Nase die im Unterholz lauerte.

Ich schrieb dass ich zum ersten Mal in der eigenen Bettwäsche geschlafen habe.
Ich konnte diese erst einsetzen nachdem die Näherei die Nummern eingenäht hatte.



Das ist so ein kleines Stück Stoff das von der Näherei in die Wäsche eingenäht wird.
Nur die Nummer habe ich jetzt hier unkenntlich gemacht.

Martha Schenkte mir eine Tagestextbroschürenhülle.
Auch war ich zum ersten Mal bei der „Kasse“.
An der Kasse kann man Bankgeschäfte erledigen und bekommt am Ersten des Monats seine Lohntüte.

23:22 Uhr der Zimmerpartner kommt ins Zimmer

Re: Im Bethel - Der achte Tag - Rechtsabteilung

geschrieben von:  . +

Datum: 21. September 2008 22:49

Am achten Tag fuhr mein Zimmerpartner zum Kongress!
Der Mittwoch war der dritte Tag meiner Grundausbildung.

Heute wurde ich einer Haushaltsschwester zugeteilt.
Jeder Wohnblock bekommt einen Haushaltsbruder der die Flure saugt, die Fenster der Treppenhäuser putzt, die Post verteilt und für alles zwischen den Zimmern zuständig ist.

Etwa 7 Zimmer wenden von je einer Haushaltsschwester geputzt.
Diese hat den HGS-W Schlüssel und kommt in alle Wohnräume.

Eine Haushaltsschwester darf keine Schränke öffnen und macht nicht die Betten bzw. die Küche sauber.
Ihre Aufgabe ist Staubsaugen, Fensterputzen, Badreinigen, Staubwischen.

Es ist den Bewohnern in den Zimmern nicht erlaubt, etwas auf den Boden zu stellen um der Haushaltsschwester nicht das Leben zu erschweren.

So einer Haushaltsschwester bin ich am dritten Tag meiner Einführungsrunde zugeteilt worden.

16:00 Uhr.
Ich sitze der Haushaltsschwester gegenüber.
Sie sitzt in einem ihrer zugeteilten Zimmer (des Fliesenlegers des Hauses).
Sie isst das Müsli vom Frühstückstisch aus einer Tupperwarendose und ich habe einen Block dabei und schrieb sobald sich die Gelegenheit ergibt.
Das Ganze übertrug ich dann abends in das Tagebuch.
Die Balkontür ist offen, draußen ist es Diesig, 20°
„Wir reden über den Knoblauch der heute Mittag im Leberkäse war“

Haushaltstage. Die Zeit zieht sich endlos hin.

Gestern waren es 30°.
Aber wenn man es nicht bewusst darauf anlegt, muss man quasi nie ins Freie.
Alles ist durch Gänge und Brücken miteinander Verbunden.
Ich erwähnte extra dass diese Haushaltsschwester ehrlich freundlich war.
Wörtlich schrieb ich:

„…nicht gekünstelt ehrlich oder aufgesetzt Fromm…“

Zum ersten Mal seit Tagen nehme ich das Essen bewusst war.
Ich esse mechanisch.
Wörtlich schreibe ich:

„Leberkäse mit Spiegelei.
Aber ich muss essen.
Nach diesem Prinzip habe ich die letzten Tage gegessen“

Zum ersten Mal freute ich mich jedoch über etwas beim Essen:
„Erdbeermilch“

Wörtlich schreibe ich:



<<<<<<<<<<<<<<<<<<<<<<<<<<<<<<<<<<<<<<<<<<<<<<<<<<<<<
„Wohl gemerkt, ich freute mich auf die Erdbeermilch.
Das war das erste Mal das ich mich freute.
Tatsache.
Zum ersten Mal fühlte ich eine leichte Heiterkeit.
Ja, der Druck war in diesem Moment nicht da.
Denn es gab Erdbeermilch.
Ich suche nach Gründen zur Freude.“
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„Der Schlüssel zum Überleben ist die Suche nach Freude“

Aber das Beste an dem Ganzen: seit Mittags bin ich alleine.
Der Zimmerpartner fuhr zu seinem Kongress.

Nachmittags muss ich in der Rechtsabteilung gewesen sein.
Der Bruder der Rechtsabteilung (ich erwähne seinen Namen vier Mal wie ein Schimpfwort) fragt mich bezüglich meines Vorstrafenregisters aus.
Wörtlich schreibe ich:
„Ich traue zwar Bruder XXX nicht, doch was will er an der Sache schon ändern“

Es sah ein Problem darin das ich Ausgemustert wurde.

Eingangs beschrieb ich bereits wie ich Ausgemustert wurde.

Die Wachtturm Gesellschaft wollte jedoch, das die Brüder Verweigern, um den Staat, so umfassend wie möglich, vor vollendete Tatsachen zu stellen.
Die Brüder im Vollzeitdienst sollten Vollverweigern und als Geistliche prozessieren.
Ich Verweigerte jedoch nicht, weil ich so erst gar nicht erfasst wurde.
Was geht das ihn an.

Er schärfte mir ein, mit niemanden darüber zu reden.
Da viele Brüder in ihrer Wehrdienstsache prozessierten, wollte die Rechtsabteilung nicht, dass andere junge Brüder von meinem Fall hörten und sich darauf beriefen.
Insbesondere da ich kerngesund bin.

Wörtlich schreibe ich:



„Ich solle mit niemanden darüber reden sagte Br. XXXX.
Dabei habe ich es sowieso nur wenigen erzählt, wer interessiert sich schon dafür“

Ich habe dann bis auf weiteres, auch mit niemanden mehr darüber geredet.

Weiter musste zu dem Rechtsabteilungstermin mein polizeiliches Führungszeugnis angefordert worden sein.
Ich habe gerade in den alten Akten gekramt und prompt den Musterungsbeschluss samt Führungszeugnis mit dem passenden Datum gefunden.



Nicht Wehrdienstfähig, und ich unterliege nicht der Wehrüberwachung.





Ausgemustert.
Kein Eintrag im polizeilichen Führungszeugnis
Kein ausstehender Strafgeldbetrag.
Keine Mahnverfahren.
Keine zur Bewährung ausgesetzte Gefängnishaft.
Aber einen nervösen Magen.

Ich schreibe: „Zeit wird’s das ich eine vernünftige Arbeit bekomme“

Zum Schluss beschreibe ich einen Traum den ich diese Nacht zum zweiten Mal hatte.
Ich arbeitete in der Firma meines Vaters und das Gebäude stürzte ein.
Ich versuchte das Auto meines Vaters vor dem Haus zu erreichen.
Das Gebäude ist jedoch verschlossen und die Fenster vergittert.

Re: Im Bethel - neunter Tag - ...und keinen Schmerz

geschrieben von:  . +

Datum: 23. September 2008 01:03

Zitat:

Frau von X

Hast du danach mit jemandem aus deinem Bekanntenkreis über deine Erfahrungen gesprochen oder vielleicht sogar Eintragungen gezeigt, damit sie sehen, wie du dort empfungen hast und hat dir jemand geglaubt? Die meisten haben doch so ein verklärtes Bild darüber, wie es dort sein soll.

Ich hatte das Tagebuch nicht geschrieben das es jemand liest.
Ich schrieb es an mein in der Zukunft liegendes ich.

Ich legte mein Tagebuch bewusst auf eine ganz bestimmte Weise in den Schrank.
Mehrmals war es nach meiner Rückkehr nicht mehr dort, wo ich es hingelegt hatte.
Mein Zimmerpartner konnte aber wohl nur schwerlich meine Schrift entziffern, teilweise schrieb ich auf Kyrillisch und zu guterletzt war es mir auch egal.

Nur meiner Frau gab ich das Tagebuch VOR unserer Hochzeit.
Vorhin fragte ich sie was sie damals darüber dachte.
Sie antwortete trocken:

„Ich dachte dass du dringend eine Frau brauchst“
Nunja, wo sie Recht hat, hat sie Recht.
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Am neunten Tag war ich erkältet.
Ich arbeitete zwar trotzdem, aber im Haushalt war das kein Problem.
Kein Wunder das der Körper bei diesem psychischen Stress streikt.

Ich erwähnte zwei Namen zum ersten Mal.
Beide waren ebenfalls neu.
Beide durchliefen ebenfalls den Grunddienst.
Ich nenne sie Freunde aber unter Zeugen Jehovas habe ich keine echte Freundschaften geschlossen, mit diesen war ich die folgenden Jahre „befreundeter“.

An diesem Tag bekam ich per Post die Kassettenaufnahme mit der Bekanntmachung, mit der ich aus meiner Heimatversammlung in das Bethel verabschiedet wurde.

Gesang war zu hören.
Dann schlug mein Freund der die Bekanntmachungen hatte, kommentarlos die Bibel auf und er las 1.Mose 28:16b-19a vor.

„Ein Baby hustet.
Meine Oma putzt sich die Nase.
Mein (leiblicher) Bruder schaute sich um…“

Ich schreibe im Tagebuch:
„Was wusstet ihr davon was das bedeutet“

Ich lauschte auf die Geräusche um mich herum im Zimmer.
Die Zeitschaltuhr drehte sich.
Kinder lärmten draußen.
Eine Träne trocknet auf meiner Wange.
Meine Ohren rauschten von der Erkältung.

„Was wusstet ihr davon was das bedeutet“
„Was wusste ich davon was das bedeutet“

Ich zitiere einen Wachtturm Artikel, in dem es heißt das Gott uns schult, in dem er Situationen zuläßt mit denen wir bis an unsere Grenzen der Lauterkeit erprobt werden.
Wörtlich schreibe ich dazu:
„Aber bei aller Liebe!“

Ich bin allein im Zimmer.
„Leider bin ich Krank.
Hoffentlich kuriere ich das bis morgen aus“

Heute war im Haushalt nichts zu tun.
Sozialistische Planwirtschaft.

Das Summen der Zeitschalter erinnert mich an mein Aquarium.

Wer neu ins Bethel kommt sollte innerhalb eines Jahres die Bibel komplett durchlesen.
Ein Jahr - Wenn mich „Krieg und Frieden“ nicht interessiert schaffe ich es auch nicht, in einem Jahr zu lesen.
Ich war jetzt am 9ten Tag bereits bei Sprüche 10:22 „Der Segen Jehovas – er macht Reich und keinen Schmerz fügt er hinzu“

„Ach. Warum muss dieser Zeitabschnitt in meinem Leben so tiefe Wunden zurücklassen?
Warum schlägt er so tief ein?“

Dann vergleiche ich dies mit einem Erlebnis während meinem Pionierdienst.
Ich stand einmal in einem Altbau in einem Treppenhaus.
Vier Stockwerke mit je zwei Wohnungsparteien.
Knarrende Holztreppe, es roch nach Bohnerwachs und Heizöl, große eierschalenfarbene Spione (Guckloch in der Eingangstür).
Ich war alleine unterwegs, machte NH`s (ich klingelte in einem Mehrfamilienhaus nie mehr als zweimal).
Wörtlich schreibe ich:

„Wie ich an der Tür stand fragte ich mich wieso so etwas überhaupt zugelassen werden kann.
Wissen die überhaupt was sie tun, wenn sie junge Leute losschicken?“

Später hat mir der Dienst spaß gemacht.
Ich hoffte das mir das Bethel eines Tages auch so gefallen würde.

Jetzt bin ich nicht nur mit dem Bericht ins Bodenlose gefallen.
Aber in diesem und nächsten Monat will ich wenigstens 10 Stunden erreichen.
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Zwei Jahre später schrieb ich folgenden Tagebucheintrag:

„Es gibt Gründe warum das Bethel nie mein Zuhause wird.

X.) Unbeständigkeit des Arbeitsplatzes

Zitat:

Anmerkung:

Man wurde immer wieder darauf hingewiesen das man jederzeit an einen anderen Arbeitsplatz versetzt werden kann.
Man solle die Einstellung entwickeln „Hier bin ich sende mich“

X.) Verletzte Persönlichkeitssphäre
Durch einen Zimmerpartner und anderes eindringen in die Privatsphäre.

Zitat:

Anmerkung:
Ständig wechselten die Zimmerpartner, Haushaltsschwestern, Arbeitskollegen.
Ständig wechselte man das Zimmer in dem man wohnte.

X.) Man steht jederzeit in der Gefahr Arbeits-, Obdach- und Mittellos zu werden.

Zitat:

Anmerkung:
Man erlebte fortlaufend Fälle in denen Betheliten Knall auf Fall das Bethel verlassen mussten.

X.) Andere vereinnahmen mein Leben. Sie machen Rechte geltend die ihnen nicht zustehen.

Diesen Tagebuch Eintrag schrieb ich an einem Montag.
Ein Bruder (ich nenne seinen Namen) verlässt heute am Montag das Bethel und fuhr „nach Hause“.
„Ich bekomme ganz warme Finger bei dem Gedanken“
Bei mir war der Zimmerpartner „Zuhause“ in unserem Zimmer.
Wir waren befreundet und er bat mich ob ich nicht ausnahmsweise das „Montag Wachtturmstudium“ besuchen könne, weil er in Ruhe seine Fremdsprache lernen wollte.
Ok.
Für ihn tat ich mir das an.
Ich notierte das Langweilerthema des Wachtturmstudiums und kommentierte das Ganze mit:



„Es war nicht mein Zuhause.
Da es mir dort nicht möglich gewesen ist das zu tun, was ich natürlicherweise getan hätte.
Trotz.
Eigensinn.
Schön und gut – aber deswegen fehlt trotzdem einfach der Punkt an dem man sagt „es ist mein Zuhause“.

„Was soll das das sich andere herausnehmen, dass man sich ihnen gegenüber rechtfertigen soll.
(Ich nenne drei Namen)
Was geht das die an.“

Heute meinte der Aufseher zu mir „Du wirst dich noch wundern, es wird sich einiges ändern“
Er war einfach ein Depp.
Auch die Jahre danach hat sich nichts geändert, aber er wollte es einfach heraushängen lassen das er als Aufseher einen besseren Draht nach „oben“ hat.
Er bekam in Wirklichkeit eins auf den Deckel weil er meine Abteilung in der Arbeit behinderte, um sich wichtig zu machen.

Egal wie – das war nicht mein Zuhause.

Heute habe ich ernsthaft darüber nachgedacht mich Selbstständig zu machen und mich zum 1.Oktober in der Schule einzuschreiben.

Ich notierte folgendes in das Tagebuch:

3 ½ Monate Kündigungsfrist will ich ihnen zugestehen.
Um zum 1.Oktober mit meiner (Weltlichen-) Weiterbildung beginnen zu können muss ich am 15 Juni kündigen.
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Auch wenn es noch eine Weile dauern sollte.
Es war das Ziel dieser Ausbildung, die mir half das Bethel zu verlassen.
Ich dachte es wäre meine Frau gewesen.
Aber nein – zu der Zeit kannte ich sie noch nicht.
Ich habe später mit 3 ½ Monaten Kündigungsfrist gekündigt und die Ausbildung wie geplant durchgezogen.

Re: Im Bethel - zehnter Tag - Fieber

geschrieben von:  . +

Datum: 23. September 2008 23:19

Am zehnten Tag hatte ich Fieber.

Am Abend trank ich zwei Tassen heißen Tee.
Ich war froh dass der Zimmerpartner nicht da war.
An diesem Freitag arbeitete ich mit dem Haushalt-Verwaltung-Team.
Fensterputzen, Abstauben von Marmorfensterbrettern in den endlosen Bürogängen, Toilettenreinigen, Spiegel polieren.

Morgen am Samstag sollte ich in der Gartenabteilung arbeiten.

Der Eintrag vom 10 Tag war kurz – ich ging nach dem heißen Tee schlafen.

Re: Im Bethel - Samstag 11 Tag - Unkraut

geschrieben von:  . +

Datum: 24. September 2008 22:59

Der Tee und das frühe schlafen gehen von gestern hatte geholfen.
Jetzt will ich das Wochenende nutzen um mich auszukurieren.
12:54 Uhr.
Heute arbeitete ich mit anderen Ferienarbeitern im Garten.
„Eine willkommene Abwechslung mit Brüdern und Schwestern von draußen zu arbeiten“
Wir jäteten Unkraut um den See herum.



Ich beschreibe das gezwungene Bethellächeln.
Man wird gezwungen das Haus Gottes durch Freude zu verkörpern.
Geht es einem nicht gut ist man ein schlechter Mensch.
Dann fehlt einem das lebensnotwendige Geistiggesindsein.
Die Brüder die mit den Bussen zur Wochenendarbeit hierher gekarrt werden, wollen doch gar nicht hören dass es hier Probleme gibt.

Sie bilden sich die paradiesische heile Welt ein und wollen die Wirklichkeit hier nicht sehen.
Am Abend steigen sie wieder in ihre Busse und erzählen dann zuhause, was für ein sauberer und paradiesischer Ort das Bethel doch wäre.

Ausdrücklich erwähne ich eine Schwester die tatsächlich wissen wollte wie es einem geht.

„das tat gut“



Das gezwungene Bethel Lächeln.
Das ist es was so kaputt macht.

Wörtlich schreibe ich:
„Man stelle sich jemanden vor der Kritik übt oder offensichtlich Probleme hat oder dem es einfach nicht gut geht. Undenkbar“

„Ich will nicht gewaltsam ruhig gestellt werden“.
„Hier entferne ich mich eher von Jehova als das ich mich nähere“

Dann schreibe ich dass ich noch nie so wenig gebetet habe wie hier im Bethel.



„Sie Beten für dich, sie denken für dich, sie sorgen für dich, sie halten dich mit Gewalt ruhig.“

Dann mussten meine Eltern angerufen haben.
Ich schreibe das mein Vater meinte, dass ich hier für später geschult werde.
Ich erzählte von den jungen Menschen hier.
Von denen die ich als keinen guten Umgang bezeichnete.
Aber auch von denen die einsam sind und Heimweh haben.
Von den Aufsehern die alle einen seelischen Knacks weg haben.

Meine Mutter meinte man müsse trotz Sturm seinen Blick auf Jesus gerichtet halten, dann könne man auf dem Wasser gehen.
Auch meinte sie ich solle während der Arbeit bethen.

Es gab einen Vorfall im Bethel.
An den Tagen vorher lass ich schon immer wieder davon im Tagebuch.
Ich schrieb dass mich ein Bruder aus der Dienstabteilung ansprach, weil irgendetwas vorgefallen war, über das ich mit niemanden sprechen sollte.
Ich schrieb die Notiz auf Kyrillisch und kann sie leider nicht mehr ganz entziffern.

Jetzt, am 11 Tag, erwähnte ich die Namen der beiden.
Zwei leibliche Brüder und Pionierpartner von mir, aus der Nachbarversammlung, mussten unvermittelt das Bethel verlassen.
Einer der Brüder hatte eine Zeitlang mit mir zusammen, bei meinem Vater in der Firma gearbeitet.
Er nachmittags, ich vormittags.

Ich erinnere mich dass er es hasste, wenn ich damals die katholische Kirche als „unsere Konkurrenz“ bezeichnete.

Ich weiß nicht mehr was passiert ist, aber ich schreibe, dass sie es nicht aushielten, nicht mehr in den Dienst zu gehen.
Diesen Freiheitsentzug hielten die beiden echten Naturburschen nicht aus.
Ich notierte schon am 8 Tag den Namen des Bruders aus der Dienstabteilung, der mich befragte mit dem Kommentar:
„Wenn sie denn alles unbedingt negativ sehen müssen…“
Ganz kann ich das Kyrillisch geschriebene nicht mehr entziffern, aber es heißt ungefähr, dass ich sie nicht verraten will oder nichts weiß.
Ich erwähne das Wort „Dienstetage“.

Was vorgefallen ist weiß ich nicht mehr.
Später vergaß ich sogar dass die Beiden schon vor mir im Bethel waren.
Nur durch das Tagebuch kam ich wieder darauf.
Wäre interessant was aus ihnen geworden ist.

Sie waren wie gesagt leibliche Geschwister.
Einer von beiden musste sofort das Bethel verlassen.
Der andere hatte ein Monat Kündigungsfrist.
Die beiden Brüder wohnten im Bethel in dem selben Zimmer und Hausten dort unbeschreiblich.
Sie hatten keine Betten in ihrem Zimmer und schliefen auf dem Balkon mit der Bethelmatratze auf dem blanken Boden und ließen auch Tagsüber ihre Matratzen draußen.
Man macht sich ja keine Vorstellungen.

Wie gesagt, ich weiß es nicht mehr, aber das sie vorher auf einem Bauernhof gelebt hatten, könnte der Grund gewesen sein, warum sie rausgeworfen wurden.
Es ist zu lange her und ich habe mir keine konkreten Anklagen notiert, auch weil mein Zimmerpartner mein Tagebuch in die Hand nahm.

Andererseits versuchte der von mir Namentlich erwähnte Bruder der Dienstabteilung, bei mir Anklagen gegen die beiden zu finden.
Es kann also nicht nur der unorthodoxe Wohnstil gewesen sein.

Ich erwähne später noch im Tagebuch das ich den anderen der beiden Brüder, bei meiner ersten Heimfahrt im Auto mitnahm.

Ich schreibe das „Brillentypen“ meinten, das es nicht von Vorteil ist, mit den beiden zusammen gesehen zu werden.
Ich glaube nicht dass ich mit einen der beiden früher in den Dienst gegangen bin.
Es waren wirklich urwüchsige Typen mit denen man seine Wohnungsinhaber erschrecken konnte.
Aber zu Landwirten fanden sie sofort einen Draht – da hätte ich mich wiederum auf den Kopf stellen können und nichts erreicht.

Was man ihnen auch vorwarf – es waren kreuzbrave herzensgute Typen.
Wenn auch eher Landwirte als frischluftscheue Bürohengste.

Johannes der Täufer hätte es im Bethel jedenfalls nicht lange ausgehalten.

Re: Im Bethel - Sonntag 12 Tag - Gesalbt

geschrieben von:  . +

Datum: 25. September 2008 23:48

Weil ich krank war, ging ich nicht in die Versammlung.

Am 12 Tag beschreibe ich die Kontaktarmut im Bethel.
Ich erwähne die Fassade der Vertrauensseeligkeit eines Bruders.

Mittags ging ich etwas spazieren um den Kreislauf in gang zu bringen.

Ich erzähle meiner Oma am Telefon, nicht von den Problemen.
Sie sagt „lass den Kopf nicht hängen“.
Ich hasse Telefonieren weil man nicht schweigen kann.
Sie meinte eine liebe ältere Schwester lässt mir einen nicht unerheblichen Geldbetrag zukommen.
Ich soll mich bei ihr bedanken.

Ich schreibe in das Tagebuch:
„Um Gottes Willen was soll ich ihr sagen?
Bethellächeln was sonst“

„Hier ist man allein“

Ich erwähne einen Bruder mit Namen der glaubt einem zeigen zu müssen das er einem nicht traut.
Von einem anderen Ältesten schreibe ich das er einen „beobachtet“.

Wörtlich schreibe ich:

„Total unnötig. Was soll’s. Hier ist man nicht nur alleine sondern mit anderen zusammengesperrt.“

Weiter schreibe ich dass ich mich noch nie so seelisch „dreckig“ gefühlt habe.
Ich schreibe davon eine neuen „Bewertungseinstellung“ anzunehmen.
Aus der heutigen Sicht würde ich sagen dass hier zum ersten Mal mein Wachtturm zu bröckeln anfing.

Mit der lieben älteren Schwester habe ich telefoniert.
Ich setzte kein Bethellächeln auf.

Sie will mich mit meinen Eltern im Bethel besuchen.

Die ältere Schwester arbeitete auch bei meinem Vater in der Firma.
Sie erzählte, dass ein Strohballen von einer Ladefläche fiel und in der Firma ein Fensterladen und eine Fensterscheibe zerschlug.
Nun hatten sie aber eine Katze in Obhut genommen, die durch das zerschlagene Fenster flüchten wollte.
Während mein Vater die Katze fangen wollte, hatte die ältere Schwester unbedacht die Ladentür geöffnet, um die Fensterläden von außen zu schließen.
Die Katze entwischte prompt durch die Tür.
Nun redete mein Vater nicht mehr mit der älteren Schwester.

Leute ist das Leben nicht herrlich.
Wie beneidete ich die beiden um ihre Probleme.

Nach einer Stunde kam die Katze übrigens von selber wieder.
Die ältere Schwester meinte mein Vater würde nicht verkraften das ich nicht mehr da bin.
Sie ist ein echtes Original.

Dann erzählte sie von einem Streit in der Versammlung.
Ein Pionier stellt seinen Handwagen für sein Musikinstrument im Abstellraum des Königreichsaales ab.
Sie hat sich schon bei meinem Vater und einem anderen Ältesten beschwert.
Der Kreisaufseher soll das klären.
Aber jetzt versucht sie es bei mir…
Wie gesagt – sie ist ein echtes Original.

Eine Gesalbte (wir spielten zu dritt Mensch ärgere Dich nicht) war Tod traurig, weil der Kreisaufseher und ein Ältester aus der Versammlung ihr, bei einem Hirtenbesuch gesagt hatten, sie wäre schmutzig.

Die ältere Schwester verwendete einen derben Ausdruck den ich in meinem Tagebuch nicht notierte.
Ich schrieb nur das sie sich direkter Ausdrückte…

Die Gesalbte Schwester wollte halt unbedingt nicht in ein Altenheim.
Es stimmt schon, das sie nur noch schwer für sich sorgen konnte.
Ich kaufte für sie ein und erledigte ein paar Arbeiten im Haushalt.
Die ältere Schwester sorgte sich auch um sie.
Der Hirtenbesuch ging der Gesalbten buchstäblich ans Herz.
Jetzt schlägt ihr Herz langsamer und der Arzt war schon 2x bei ihr.

Ich schrieb in mein Tagebuch ausdrücklich, das es gut getan hat, mit der älteren Schwester ehrlich zu reden.

Mein Gott was hatte ich nur verbrochen, das ich in dieser Hölle auf Erden gelandet bin?

Folgendes schreibe ich:

>>>>>>>>>>>>>>>>>>>>>>>>>>>>>>>>>>>>>>>>>>>>>>>>>>>>>>>>>>>>
Die Zeitschaltuhr summt, der Springbrunnen draußen rauscht, Lachen, jemand klopft Wäsche aus, ein kleines Sportflugzeug fliegt über uns hinweg.
Ohrenrauschen.
Allein.
>>>>>>>>>>>>>>>>>>>>>>>>>>>>>>>>>>>>>>>>>>>>>>>>>>>>>>>>>>>>

Ich wollte mein Zimmer beschreiben aber alles sträubt sich in mir dagegen.
Es ist der 12 Tag und ich notiere dass man hier das Gefühl bekommt draußen nicht mehr überleben zu können.

Meine Eltern riefen an und sagten dass sie nächsten Samstag mich besuchen wollen!
„Das Haus ist so leer ohne Dich“

In der Nähe des Schwimmbads war eine Waage und dort stellte ich schon Freitag fest dass ich stark abgenommen hatte.
Das war aber erst der Anfang.

21:44 Uhr. Morgen bekomme ich meine Arbeitszuteilung.

Der 12 Tag endet mit dem Satz:

„Nichts ist mehr so wie früher“

Re: Im Bethel - Montag - 13 Tage Hölle

geschrieben von:  . +

Datum: 26. September 2008 21:22

Am Montag, meinem 13 Tag im Bethel, bekam ich meine neue Zuteilung.
Haushalt Verwaltung.

Endlich eine vernünftige Arbeit bei der man wenigstens für kurze Zeit das Drumherum vergessen kann.

Haushalt Verwaltung schließt alles zwischen den Wohnblöcken und den Fabrikgebäuden ein.
In der Hauptsache aber den Verwaltungstrakt einschließlich Königreichssaal, Empfang, den zentralen Toilettenanlagen in den jeweiligen Etagen des Hauptgebäudes von der obersten Dienstetage bis in das Untergeschoss, Bücherei, Saunaanlagen und dem Schwimmbad.
Aber auch die Papierkörbe in der Außenanlage.



Wir hatten in dem Treppenhaus bei Haus 4 im obersten Stockwerk ein „Treffpunkt“.
Ein schmaler Raum – kaum breit genug, um aneinander vorbei zu gehen.
Dort war an der Wand ein Plan, mit den zu erledigenden Arbeiten und Terminen.

Morgens um 8:00 Uhr trafen sich die 10 Brüder der Haushalt-Verwaltung-Truppe.
Es gab zwei Arten von Brüdern die in Haushalt Verwaltung arbeiteten.
Diejenigen die vorübergehend eingesetzt werden um sie in ihrem Arbeitsverhalten zu beobachten und die Strafversetzten.
Entsprechend unterschiedlich war die Auffassung über die Art wie man seine Arbeiten erledigt.

Einer der Strafversetzten war „Ernst“.
Er hieß nicht Ernst aber es ist der typische Name für einen Bruder mit scharfen rechten Seitenscheitel und 110% korrekter Einstellung.
Allseits unbeliebt, wurde er mit der Haushaltsarbeit trotz seiner vieler Dienstjahre gedemütigt.
Eine vertrocknete, gescheiterte Existenz die alles weiß und alles kritisiert.

Mit mir fingen an diesem Montag in Haushalt Verwaltung mehrere Brüder ihren Betheldienst an.
Generell kann man dort nicht viel falsch machen.
Zum Beispiel bekommt man einen Staubsauger in die Hand gedrückt und saugt zu zweit die Bibliothek.



Oder man bekam eine so genannte Scheuersaugmaschine.
Eine Wetrok.
Ähnlich dieser – wenn auch nicht so Modern:



Damit wurde der Marmorbereich im Empfang, der Marmorbereich vor dem Speisesaal und die Fliesenbereiche in den Gängen zum Fabrikgebäude gereinigt.

Mit der Wetrok zu Fahren war cool.
Schon allein deswegen weil man damit in der „Frühschicht“ arbeitete – vor dem 7:00 Uhr Gong sollte alles fertig sein (Rutschgefahr).
Etwa 5:00 Uhr fing man zu zweit an und hatte dafür auch 2 Stunden früher Feierabend.
Einer fuhr die Maschine einer räumte die Möbel beiseite und sorgte für den Frischwassernachschub und das Schmutzwasser entsorgen.

Ich beginne mir Standartfloskeln anzugewöhnen.
Zu dem Assimilieren gehört nichts sagend unverbindlich zu Reden.

Wörtlich schreibe ich:
„Man schaut hier in nichts sagende Augen“

Am 13 Tag beschloss ich einen Monat Hilfspionier zu machen.
Mir ging der Dienst wirklich ab.
Ich notierte einen denkbaren Zeitplan und das ich davon aber vorher nicht reden will.
Ich wollte keine dummen Sprüche machen.

Nur kam es dabei aber am selben Abend noch genau in dieser Sache zu einer Art Eklat.
Nach dem Montag-Wachtturm-Studium trafen wir uns mit einer Gruppe Betheliten, die zu der gleichen Außenversammlung gehörten, noch bei einem Ältesten in seinem Zimmer des Hauses 2.
Ich erwähnte diesen Ältesten bereits mehrmals als „Beobachter“.

Die Häuser 1 – 3 waren alte Bausubstanz mit der Adresse „Am Steinfels 1 – 3“.



Diese Häuser wurden renoviert und hatten in jeder Etage neben der Haushaltsschwesterkammer, fünf große 2 ½ Zimmer Wohnungen und eine große Einzimmer Wohnung.
Die Zweieinhalb Zimmer Wohnungen hatten im Eingangsbereich eine kleine Küche sowie Wohnzimmer und Schlafzimmer.
Die Einzimmer Wohnungen in den Neubauten waren dagegen wesendlich kleiner.
Logisch das diese Wohnungen in den Häusern 1 bis 3 jeweils die Brüder mit hohen Dienstjahren bekamen.



Dieser Älteste wohnte in einen der Häuser 1 bis 3.
Bei diese Einladung störte mich, das man mich in dieses „junge Leute Klischee“ presste.

Wir trafen uns wie gesagt nach dem Montag-Wachtturm-Studium bei dem Ältesten.
Jetzt war da aber eine Schwester, die sagte dass sie Hippi machen möchte.
Dies brachte den Ältesten auf 180.

„niemand erwartet von einem Sonderpionier dass er zusätzlich Hippi macht“ sagte er.

Dieser Älteste war möglicherweise selber nie Pionier.
Er vermutete hinter dem Ansinnen der Schwester, einen Drang der Unabhängigkeit.

Man muss an dieser Stelle vielleicht erklärend anfügen, dass durchaus nicht alle Bethelbrüder vorher Pioniere waren.
Manche kamen über die Bautruppen ins Bethel.
Es ist auch ein Phänomen, das gerade Pionieren unter Jehovas Zeugen, schnell Mal ein schlechter Beweggrund unterstellt wird.

Wie dem auch sei.
Folgendes notierte ich im mein Tagebuch:

„Warum erwartet man dass dann von einem Verkündiger?
Nein hier hört’s auf.“

Einige im Bethel machen regelmäßig Hippi.
Aber es ist schon sehr bemerkenswert, wie im Haus Gottes mit diesem Thema Verkünden umgegangen wird.
Wie unwichtig und uneffizient man den Predigdienst bezeichnet.

Dabei ist es in der freien Wirtschaft weit schwieriger Hilfspionier zu sein, als in dem, bis ins Kleinste geregelten Lebensablauf eines Betheliten.

Gesundheitlich ging es mir schon wieder besser, aber der Älteste hatte auch für mich einen Seitenhieb auf Lager.
Schließlich war ich Sonntag nicht in der Versammlung…!
„Ja, Ich habe das sehr wohl gemerkt“ sagte er.
Nur war ich damals wirklich krank.

Als ich abends ins Zimmer kam, fand ich einen Zettel vom Notdienst vor:

„Lieber Bruder liebe Schwester!
Wir mussten heute deine Balkontür schließen.“

An diese Zettel muss man sich im Bethel gewöhnen.
Aber noch, war ich ja brav im Montag Wachtturm Studium…

22:46 Uhr.
Ich versuche mich zu erinnern wie man sich gut fühlt.

Ich beschreibe, dass ich die Rollladen herunter gelassen hatte, weil ich mich beobachtet fühlte.
Ich schieb:
„Eingesperrt, Verbarrikadiert, Verängstigt, Verunsichert, ohne Halt, ohne Grund zur Freude, ohne Grund auf etwas stolz zu sein.
So schlecht wie jetzt ging es mir noch nie“

„Nichts wird mehr sein wie früher“

Das eigene Auto auf dem Gelände war für mich so etwas wie das einzige Stück Heimat.
Auch wenn ich in den dreizehn Tagen keinen Meter mehr damit gefahren bin.
Ich fuhr immer mit anderen Brüdern mit in die Versammlung.

Dann schrieb ich wörtlich:

„Br. Pfitzmann benimmt sich ganz eigenartig.
Wie um Gottes willen soll ich mich ihm gegenüber den benehmen?“

Auch notierte ich mir die Namen derer, die zum Kongress von mir die neusten Zeitschriften mitgebracht bekommen.

Wieder beschreibe ich meine Situation als „Big Brother“.
Eingesperrt, kontrolliert, aufgezwungen, leer, „beglotzt“, negativ beurteilt, allein, unheilvoll mit drohendem Unterton.
Ich beschreibe die Situation wie ein schlag auf die Nase.

„Ja, Ich habe das sehr wohl gemerkt“ (die Aussage des Ältesten, siehe oben)
und dabei kam er sich noch so gut vor.

„nie wieder!“

Unglaublich das dass erst 13 Tage sein sollen.



13 Tage Hölle.
Ich schreibe in die Mitte einer Tagebuchseite folgenden Bibeltext…

„Habe ich dir nicht geboten? Sei mutig und stark.
Entsetz dich nicht, und erschrick nicht, denn Jehova,
dein Gott, ist mit dir, wohin du auch gehst.“
(Josua 1:9)

…und kommentiere den Betheleintritt als den schwärzesten Tag in meinem Leben:


Fortsetzung unter:
Mysnip.14025

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