In Sachen Freimaurer-These ...

geschrieben von: Drahbeck

Datum: 11. September 2008 10:13

... welche ja seit den Tagen eines Robin de Ruiter, auch hierzulande allerkräftigsten Ursprung feiert, muss ich einige Leute des Ignorantentums bezichtigen.

Im Rahmen der Kommentierung der „Goldenen Zeitalter"-Ausgabe vom 15. 1. 1924 (terminlich geplant Anfang nächsten Jahres), komme ich auf selbige nochmals zurück.

Vorab denn schon mal ein Detailauszug daraus:

Fritz Schlegel, Verfasser zweier Anti-Bibelforscher-Bücher aus den 1920er Jahren, in Personalunion katholischer Konfession.
Bezüglich besagtem Schlegel nehme ich mir die Freiheit, in namentlich als frühen katholischen Gesinnungs-Nazi zu bezeichnen.

Nun mag ja Herr Schlegel formal jener Partei nicht angehört haben. Das aber, ist dann wirklich nur eine Formalie.

Herr Schlegel gab damals auch eine Anti-Bibelforscher-Zeitschrift namens „Abwehr" heraus. Deren Lektüre ist noch heute hervorragend geeignet, um einem „die Haare zu Berge stehen zu lassen", selbst dann wenn diese nur schütter oder gar nicht mehr vorhanden sein sollten.

Aus besagter „Abwehr" vom August 1926 (S. 12f.) sei denn mal nachfolgendes zitiert:


„In meinem Buch ... habe ich (Schlegel) gezeigt, daß die Freimaurerei tatsächlich Satan als ihren Chef und Anführer betrachtet.
Es ist in diesem Zusammenhang interessant, daß die Bibelforscherzeitschrift „Das goldene Zeitalter" vor zwei Jahren den Eintritt in die Freimaurerei empfohlen hat!"


Hier schon muss das Zitat unterbrochen werden. Wie in Nazikreisen ja nicht unüblich, hält man sich nicht mit Belegen auf. Schlegel dito. Er redet also nur nebulös von einer „Goldenen Zeitalter"-Ausgabe vor zwei Jahren (demzufolge wohl 1924???); nennt aber keine konkrete Ausgabe.

Nun bin ich zum Glück nicht auf Herrn Schlegel angewiesen, was das „Goldene Zeitalter" anbelangt. Habe deren Jahrgänge vom ersten bis zum letzten, selbst ausgewertet, und wie ich meine keinesfalls nur oberflächlich. Hätte ich da irgendwo auch nur den leisesten Anhaltspunkt im Sinne der Schlegel'schen Unterstellung gefunden. Er hatte mich garantiert magisch angezogen.
Auch die heutigen Schlegel-Jünger haben ja durchaus noch die Chance, diesen Beweis nachzuliefern. Auf selbigem warte ich allerdings nicht, im klaren Bewusstsein. Diese Schlegel'sche Unterstellung ist nicht beweisbar.
Weiter im Schlegel-Zitat:


„Und nun kommt noch die Tatsache hinzu, daß die Freimaurerei vom Internationalen Judentum geführt wird. So sieht man also, Bibelforscher, Freimaurer und Jude Hand in Hand gehen im Ansturm auf die verhaßte kath. Kirche! Alle drei leugnen die Dreieinigkeit! Alle drei leugnen die unverfälschten katholischen Wahrheiten! Jude und Bibelforscher erwarten beide ein irdisches Paradies! ..."

Nun damit mag denn dieses Zitat sein Ende haben. Das ich zu Schlegel keine gute Meinung habe, brachte ich schon früher deutlich zum Ausdruck
Siehe dazu auch

Vom Katholiken zum Nazi

Aber das muss man ja dann auch wohl sagen. Bei der Lektüre irgendeiner „Goldenen Zeitalter"-Ausgabe muss ja wohl dieser Schlegel in seiner bekannten Einäugigkeit, etwas verquer in seine Kehle bekommen haben (was bei ihm ja nicht mehr verwundert), dass ihm zu der Behauptung veranlasste, Bibelforscher würden zum Eintritt in die Freimaurerei aufgefordert.

Nach Durchsicht aller GZ-Ausgaben kann ich eigentlich nur vermuten, es handele sich um die, welche (wie weiter oben bereits ausgeführt) noch kommentiert wird.

Und da müsste es doch eigentlich für die heutigen auch noch vorhandenen Freimaurerriecher Ehrensache sein, darzulegen, wo denn in diesem Artikel zum Eintritt in die Freimaurerei aufgefordert wird.

Den Beweis werden genannte nicht antreten können. Das kann dem Sachkenner schon vordem klar sein.
Und weil das so ist, bezichtige ich die heutigen Freimaurerriecher in aller Form als in Kontinuität zu den Nazis stehend zu sein.

Wer denn sich in solcher Gesellschaft „wohlfühlt" dem ist dann allerdings nicht mehr zu helfen!

Auch das erscheint noch zitierenswert;
In der Ausgabe der „Abwehr" vom August 1928, zitiert Schlegel auch umfänglich aus einer Anti-Freimaurer-Enzyklika des Papstes Leo XIII.

Besagter Herr Papst meinte darin auch den „obersten Grundsatz der Freimaurerei" den zu bekämpfen er Kraft seiner Wassersuppe sich auserwählt sah, wie folgt beschreiben zu sollen (wörtliches Zitat):


„Wie der Name genugsam andeutet, heißt der Hauptgrundsatz der Naturalisten: Die menschliche Natur und die menschliche Vernunft muß in allem oberste Lehrerin und Führerin sein. Von dieser Voraussetzung ausgehend, kümmern sie sich wenig um die Pflichten gegen Gott oder entstellen dieselben durch irrige und schwankende Meinungen. Sie leugnen nämlich jede göttliche Offenbarung; sie erkennen kein Dogma an in der Religion, keine Wahrheit, die der menschliche Verstand nicht begreift, keinen Lehrer, der Kraft seiner Amtsgewalt das Recht hat, Glauben von uns zu fordern. Da aber der katholische Kirche einzig und allein die Aufgabe zuteil wurde, die geoffenbarte Wahrheiten und das Lehramt mit den übrigen zum Heile notwendigen Gnadenmitteln unverkürzt zu besitzen und unversehrt zu beschützen, so richtet sich demnach gegen sie der ganze Zorn und der Ansturm der Feinde."

Und im weiteren Verlauf seiner Ausführungen, meinte besagter Herr Papst in dieser Enzyklika aus seinem Herzen keine Mördergrube machen zu sollen, wenn er denn den Freimaurern weiter vorwirft:

„In der Tat, seit langem ist sie (die Freimaurerei) unermüdlich bestrebt, den Einfluß des kirchlichen Lehramtes und der katholischen Autorität im Staate zu vernichten; aus diesen Grunde verkündigt und verteidigt sie überall den Satz, Kirche und Staat seien vollständig zu trennen."

Und offenbar fiel es der Catholica auch nicht sonderlich schwer, auch die Bibelforscher in dieses Raster hineinzupressen. Die Sozialisten und Kommunisten, so weis Herr Schlegel weiter zu belehren "hätten ja bereits nach dem Urteil dieses großen Papstes die Freimaurerei zur Mutter." Und in solcher Weltsicht kommt es dann wohl auf einen weiteren Buhmann mehr, namens Bibelforscher, auch nicht mehr an.

Diesen Kontext sollte man auch beachten. Wer sich daher zum heutigen Sprachrohr dieses verblichenen Papstes noch macht, der offenbart eine bemerkenswerte Geschichtslosigkeit. Noch schärfer formuliert.
Er offenbart Dummheit hoch zehn!

Entlarvend ist auch die Schlegelsche Aussage in Nr. 9/1929 (S. 148f.) seiner "Abwehr". In ihr unterstellt er wieder einmal, die Freimaurerei sei "die Mutter der Bibelforscher".
Er lässt es bei dieser aber nicht bewiesenen Unterstellung bewenden, sondern steigert sich zu der Aussage:


"Selbst wenn es gelänge, den Bibelforschern ihr Handwerk zu legen (aber keine Bange: so was ist höchstens in der Schweiz möglich, aber nicht in Deutschland, wo Staatsfeinde bevorzugt, vaterlandslose liebende Männer aber verfolgt werden!); so hat die Mutter, die Freimaurerei, noch viele Kinder, die sie unter anderm Namen auf die Menschheit loslassen kann. Ob sie neben den Baptisten, Adventisten, Methodisten, Sabbatisten u. a. noch einige weitere Duzende von Sektierern aufmarschieren läßt, macht ihr nichts aus."

Das sollten denn doch mal die Freimaurerriecher auch kommentieren, die da in ihrer "heiligen" Einfalt, noch heute diese Alt-katholischen Thesen kolportieren.
Im Stile eines Glaubensbekenntnisses. Und Glaubensbekenntnisse halten sich bekanntlich nicht mit Beweisen auf.

Es wurde schon verschiedentlich registriert, dass es besonders die Antisemiten waren, die in der Frühzeit der deutschen Bibelforscher, auf der Kritikerseite „tonangebend" waren. Sie waren die ersten, die zum großen „Hallerli" aufriefen. Kirchliche Kreise schloßen sich ihnen zwar an, sind jedoch als weitgehend in deren Windschatten stehend, zu bewerten.

Antisemitismus in Deutschland gab es mit Sicherheit nicht „erst" ab 1933, sondern eben auch schon davor. Als eine seiner Wurzeln ist beispielsweise die Inflation (die wiederum Folgewirkung des Weltkrieges) anzusprechen. Orientierungslose Kreise waren dabei für vielerlei Verschwörungstheorien anfällig. Die „marktbeherrschende" dabei wiederum der Antisemitismus.

Sieht man sich heutige evangelikale kirchliche Kreise etwas näher an, begegnet man in ihnen nicht selten, der theologischen Israel-Verklärung. Was heute in genannten Kreisen weitgehend verbreitet ist, war in den 1920er Jahren dort eher die Ausnahmeposition. Nachhaltig wirkte eben. Man war zur Kaiser's Zeiten „Staatskirche". Man war zunehmend „Kulturchristentum", weniger aber „Bibelchristentum".

Dieser Konflikt brach dann noch ganz gravierend etwa mit dem Aufkommen der „Deutschen Christen" auf. Sich politisieren zu lassen, der Schritt war und ist für „Kulturchristen" nur ein äußerst geringer. Auch heute noch. Allenfalls ist dabei lediglich die Frage für „was" man sich politisieren lässt. Man denke nur an eine Partei wie die CDU/CSU und man hat ein plastisches Beispiel der Politisierung von „Kulturchristen".

In ihrem Selbstverständnis waren die dem Urchristentum nachjapsenden Bibelforscher, keine „Kulturchristen" sondern wie sie es schon durch ihre Namenswahl zum Ausdruck brachten, Bibelchristen. Ihr Level der relativen „Weltentrücktheit" beinhaltete eben auch die theologische Israel-Verklärung. Auf diesem Felde leisteten sie damals (auch in Deutschland) relative Schrittmacherdienste. Das die diesbezügliche „Stafette" dann später auf andere überging; kann jetzt im Rahmen dieser Betrachtung nicht weiter bewertet werden.

Jedenfalls steht fest. Die zeitgenössischen „Kulturchristen" hatten so gut wie kein Verständnis für die Positionen der Bibelchristen.
In ihrer Sicht entsprach dieser „USA-Import" einem tatsächlichem „Kulturbruch" und entsprechend machten sie auch Front dagegen.

Wie auch bei anderen Kritikerpositionen (Kritiker ist nicht gleich Kritiker. Auch da gibt es himmelweite Unterschiede). Wie auch bei anderen Kritikerpositionen, nahm die WTG nur relativ selten frontal dazu Stellung. Eine der wenigen Aussagen der zeitgenössischen WTG zu ihren antisemitischen Kritikern, kann man in der Magdeburger Ausgabe des „Goldenen Zeitalters" vom 15. 1. 1924 begegnen (Als Novum zu registrieren. In der Berner GZ-Ausgabe bereits am 1. 2. 1923 gedruckt. In der Frühzeit war es doch die Regel, dass die Magdeburger GZ-Ausgabe die Artikel der Ausgabe Bern, zeitverzögert nachdruckte. Hier aber lag einer der seltenen Ausnahmefälle von dieser Regel vor, zumindest die Frühzeit betreffend). In der Form einer Fragenbeantwortung, wird darauf von WTG-Seite eingegangen. Sonderlich aussagekräftig ist das dort gesagte sicherlich nicht. Das ist unstreitig. Es gilt aber, wie gesagt, auch den Kontext zu beachten, dass von WTG-Seite nur selten (damals und heute), auf Kritikerpositionen direkt eingegangen wird.

Re: In Sachen Freimaurer-These ...

geschrieben von: Conzaliss

Datum: 12. September 2008 14:16

Ich hatte vor über 30 Jahren Kontakte zu den Freimaurern.
Allerdings waren diese sehr kurz, da ich meinen Wehrdienst antreten musste und später die Freimaurer aus dem Auge verlor.

Abgesehen von Berichten und Aussagen, dass die Freimaurer ein gefährlicher Geheimbund seien, fehlt es hier doch eklatant an Beweisen.

Oder ist mir da etwas entgangen?

Re: In Sachen Freimaurer-These ...

geschrieben von: Drahbeck

Datum: 12. September 2008 14:58

Das Problem ist: eben eine typische Weltverschwörungsthese

Für die Nazis wurden „die" Juden zum Weltbuhmann hochstilisiert. Selbst ein Karl Marx blieb nicht davor verschont. Persönlich einen durchaus unreligiösen Lebensstil praktizierend, aber eben auch mal Rabbiner in seiner Familiengeschichte aufweisend.
Ergo betrieben und beitreiben die großen Vereinfacher Sippenhaft.
Ergo wurde auch die eine dezidiert Religionsfeindliche Politik betreibende Sowjetunion, trotz dieses Umstandes als „Judenrepublik" diffamiert.

Nun ist die deutsche Geschichte sicherlich nicht bruchlos verlaufen.
In den 1870er Jahren konnte zwar Bismarck etwa noch Frankreich kriegerisch demütigen. Das hatte für Deutschland noch einen Nebeneffekt der sogenannten Gründerjahre.
Die den Franzosen als Folge ihrer militärischen Niederlage abgetrotzten Kriegstribute, beförderten zeitweise das deutsche Wirtschaftswachstum.
Auf der Gegnerseite beförderte es den Wunsch nach Revanche, zur passenden Zeit.
Sie sollte mit dem ersten Weltkrieg dann eintreten.

Deutsche Propagandathese war. Dieser Krieg könne nur mit einem „Siegfrieden" enden. Er endete aber damit eben nicht.
Wäre nicht inzwischen die Sowjetunion, als politisches Staatengebilde entstanden, die auch anderen Westmächten Angst und Schrecken einjagte, wäre es mit Deutschland garantiert, nach dem Weltkrieg noch weitaus krasser bergab gegangen, als es ging.

Die Deutschland auferlegten Reparationen via Versailler Vertrag, wären gnadenloser praktiziert worden.
Aus Angst vor dem „russischen Gespenst", pfiffen namentlich die USA, Frankreich zurück, das weitaus mehr an Revanche durchsetzen wollte, als es letztendlich konnte.

Aber auch so waren die Folgen des verlorenen Krieges schon schlimm genug. Namentlich auch die Inflation, die breite Bevölkerungsschichten ins Elend trieb.

Und wo es Elend gibt, da schlägt die Stunde der Verschwörungstheoretiker, da schlägt auch die Stunde der Jenseitsverkäufer.

Hauptthese der Nazis, die es verstanden, dieses Elend in politische Münze umzusetzen, war halt eben der Antisemitismus.

Noch andere Kräfte der Weltgeschichte erlebten ihr „Waterloo", wenn auch etwas zeitlich früher. Halb Italien gehörte einstmals dem Kirchenstaat. Selbigem wurde bis zur Neubelebung durch Mussolini dann der politische Garaus gemacht.
Und die Catholica registrierte genau, was für politische Kräfte das waren.
Eben auch namentlich Freimaurer, zu damaligen Zeiten, nicht selten identisch mit der Großbourgeosie.
Und in dieser Gemengelage sparte sie auch nicht an Verfluchungen über sie.

Nach dem Weltkrieg bestand diese These aber weiter, zunehmend sakularisiert. Jetzt war die Motivation der säkularen Kräfte, die sich ihrer annahmen, das suchen und „finden" eines Sündenbockes, dieweil der Weltkrieg eben nicht so geendet hatte, wie die „Siegfrieden-Strategen" sich das mal erträumt hatten.

Einmal auf dem Markt, haben solche Verschwörungstheorien, ein schier unendliches Leben, sie verpuppen sich zwar mal. Aber in der Subtanz sind sie ziemlich identisch.

Und ein besonders aufnahmefähiges Publikum finden sie in der Tat bei den Geschichts-Analphabeten.
Selbige sind zwar nicht Analphabeten im buchstäblichen Sinne,
Die Bibel und auch WTG-Publikationen haben sie denn schon mal gelesen. Vielleicht auch Springer-Presse-Erzeugnisse. Oder ihre Äquivalents, namentlich im Fernsehen, oder auch Verschwörungstheoretische Webseiten usw..

Objektiv betrachtet, sind sie dennoch als Geschichts-Analphabeten zu bezeichnen, auch wenn sie sich denn selbst nicht so sehen.
Und auf ihrem Boden finden halt Verschwörungstheorien einen fruchtbaren Nährboden.
Und das schlimme ist. Es gibt diese Spezies nicht nur in Kreisen mit einer gewissen religiösen Sozialisation.
Es gibt sie auch anderorts wovon beispielsweise die Fangemeinde eines „Jan Helsing", „Jo Conrad", und wie sie denn alle heißen, beredtes Zeugnis ablegt.

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