Vor sechzig Jahren
Reflektionen zum Thema "Politiklosigkeit"
Am Fallbeispiel Kanada veranschaulicht

Noch besteht ein gewisser qualitativer Unterschied zwischen den Zeugen Jehovas und ihrer religiösen Konkurrenz. Noch, wie lange indes, darüber würde ich mir nicht so sicher sein.
Das lässt sich auch am Beispiel des Kirchenfilzstaates Bundesrepublik Deutschland verdeutlichen. Einige ihrer Parteien tragen das "C" im Namen, und in der Praxis sind sie denn auch Lobbyisten kirchlicher Interessen. Selbst die SPD und die Grünen sind da in einem merkwürdigen Konkurrenzkampf eingetreten, wer denn die meisten kirchlich Orientierten in seinen Reihen habe. Selbst die "Linken"/PdS der Postkommunisten hat da eine diesbezügliche Arbeitsgruppe, die aber von den anderen eher der Rubrik Schmuddelkinder zugeordnet wird.

Das allerdings muss man den "C"-Parteien auch zugute halten. Das Christentum das sie vertreten, ist ein "Allerwelts-Christentum". Den lieben Gott einen guten Mann sein lassen; und das war es dann. Über jene faktische Verweltlichung sind indes nicht alle so besonders "glücklich", was sich auch daran zeigt, dass Vereine wie zum Beispiel die "Partei Bibeltreuer Christen", trotz der "C"-Parteien, ihr eigenes Süppchen zu kochen versuchen, wenn auch mit mäßigem Erfolg. Auch das muss man sagen. Das Religionsspektrum ist weit gespannt. Neben theoretischen Politikabstinenzlern, wie den Zeugen Jehovas, und diejenigen, die auf der anderen Seite aktiv in der Politik mitmischen. Nicht immer in gesitteten Formen, wie namentlich das Beispiel Islam auch belegt. Sollte der gar nicht so abwegige Fall eintreten, dass eines Tages auch die Zeugen Jehovas, ihre ohnehin durchlöcherte angebliche Politiklosigkeit auch de jure aufgeben; dann fragt es sich allerdings, wer denn wohl am jeweiligen Wahltage davon tatsächlicher Nutznießer sein würde.
Mit gewissen islamischen Gruppen haben die Zeugen jedenfalls eines gemeinsam. Den Fundamentalismus. Paart sich Fundamentalismus mit bewusst politischem Handeln, wie man es in Bereichen des Islam beobachten kann, kommen da bedenkliche Ergebnisse zustande.

Also um es kurz zusammen zufassen. Nach Abwägung des Für und Wider, gehöre ich zu denen, welche das derzeitige Fernbleiben der Zeugen an den Wahlurnen nicht sonderlich bedauern. Die einzigsten, bei denen ich anerkenne, die haben echten Grund das zu bedauern, wären zum Beispiel die schon genannte PCB und Verwandte.

Im Gegensatz zu den Zeugen Jehovas, haben katholische Kreise schon immer allerkräftigst in der Politik mitgemischt, wo immer das möglich ist. Die Folgen dessen, bekamen auch die Zeugen, beispielsweise im Lande Kanada, in den Jahren nach 1945 zu spüren. Da gab es massive Grabenkämpfe, genauer schon Kriege. Und wo Krieg herrscht, gibt es Verluste, auf beiden Seiten, in der Regel. So auch in Kanada. Auch da wurde die angebliche Politiklosigkeit der Zeugen faktisch durchlöchert. Wer in juristischen Waffen sein Heil sieht und diese Waffe extensiv einsetzt, der hat nämlich den Status der "Politiklosigkeit" bereits verlassen.

Nun war es den Zeugen Jehovas in Kanada des Jahres 1951 möglich, einen für sie wichtigen Etappensieg zu verzeichnen. Das ist denn "Erwachet!" in seiner Ausgabe vom 8. 12. 1951 einen eigenen "Siegesfanfarenartikel" wert, aus dem nachstehend etwas zitiert sei:

"Ein Diktator erhält einen Denkzettel!"

titelt "Erwachet!" Und weiter: "Jehovas Zeugen klären den "kleinen Cäsar" von Quebeck über das Gesetz auf."

Dem sei eine "gesunde Lektion erteilt worden."

weis man weiter markig zu berichten. Und: "Der bestrafte Autokrat ist Maurice Duplessis, der "kleine Cäsar" der Provinz Quebeck. Der Mann, der die Provinz Quebeck unter totalitärer Herrschaft hält und sie daran hindert, derselben Freiheit, die die anderen Provinzen Kanadas geniessen, ebenfalls teilhaftig zu werden, verdankt diese Schmach seinen eigenen Schnitzern."

Und zynisch setzt sich der "Erwachet!"-Kommentar mit den Worten fort:

"Einer dieser "Schnitzer" war auch, dass er vergass die Gerichte in Quebeck vollständig aufzulösen. Ein Diktator sollte nie versäumen, diesbezügliche Vorsichtsmassnahmen zu treffen, oder dann muss er sich vergewissern, dass die Richter hinter ihm stehen wie ein Mann; Duplessis ist wie alle Totalherrscher hervorragend darin, seine Macht fühlen zu lassen und gegen eine scheinbar hilflose Minderheit Sturm zu laufen. Nach dem Zweiten Weltkrieg offenbarte er sein wahres Gesicht, als er sich auf die religiöse Gruppe, Jehovas Zeugen genannt, stützte. Die unwiderstehliche Kraft des für seine Freiheit kämpfenden Christentums erwies sich als etwas anderes als die politischen Weichlinge, an die sich der Premier bisher gewohnt gewesen war. Eine dieser Unannehmlichkeiten, die er sich im Laufe dieser Schlacht eingebrockt hatte, war ein persönlicher Rechtsfall, in den er sich verwickelte, als er die Schliessung des Betriebes eines ehrbaren Geschäftsmannes erwirkte. Es ist nur verständlich, dass der Mann Schadenersatzklage gegen den Premier erhob."

Weiter meint "Erwachet!" bemerken zu können:

"Der Fall hat einen sehr interessanten Hintergrund, der von der Zeitschrift 'Time' unter dem Titel 'Das Gesetz züchtigt' recht gut beleuchtet wurde. Es heisst darin:

"Seit vielen Jahren war Roncarellis Restaurant eines der führenden in Montreal. Der Besitzer, Frank Roncarelli, war auch ein Mitglied der unbeliebten Sekte der Zeugen Jehovas. Kurz nach dem Zweiten Weltkrieg, als die Quebecker Polizei angeblich wegen Störung des Verkehrs und Hausierens ohne Patent alle Zeugen Jehovas verhaftete, die sie erwischen konnte, begann Roncarelli für diese Kautionen zu leisten, um sie vorläufig frei zu bekommen. Im Dezember 1946 trat Premier Maurice Duplessis dazwischen, wies die provinziale Likörkommision an, Roncarelli das Patent 'jetzt und für immer' zu entziehen. Kurz darauf musste Roncarelli den Betrieb schliessen."

Herr Roncarelli erhob denn auch sofort eine Schadenersatzklage gegen Duplessis. Aber die Kühnheit machte sich bezahlt. Am 2. Mai 1951 entschied Richter MacKinnon vom Obergericht, dass sich Duplessis in der Tat "einer strafbaren und unberechtigten Handlung" schuldig gemacht habe. Er setzte den Schaden auf 8123,53 Dollar zuzüglich der Kosten (ungefähr 1500 Dollar) fest. Im Entscheid heisst es: "Der wahre Grund, warum dem Kläger das Patent entzogen wurde, ist ersichtlich der, weil er [für Jehovas Zeugen] Kautionen geleistet hat ; und weil er ein Mitglied jener Sekte war."

Als Duplessis den Entscheid vernahm, lachte er. Doch schon am darauffolgenden Tag liess er erkennen, dass er nur gute Miene zum bösen Spiel gemacht hatte. Wiederum begann er seinem wilden, flammenden Hass Ausdruck zu geben. Der 'Star' von Montreal kündigte in fetten Schlagzeilen an, dass Duplessis Jehovas Zeugen wegen Aufwiegelung anklagen werde. Der Oberste Gerichtshof von Kanada hatte kürzlich entschieden, dass Jehovas Zeugen keine Aufwiegler seien; doch was kümmert den grossen Duplessis schon das Gesetz? In den Ausführungen heisst es:

"Premier Duplessis kündigte an einer am Mittwoch [dem gleichen Tag, an dem das Urteil gegen ihn gefällt wurde] abgehaltenen Pressekonferenz die Absicht der Regierung an, die hängigen Fälle wieder aufzunehmen Er sagte, die Politik, die die Regierung den Zeugen Jehovas gegenüber betreibe, sei in Übereinstimmung mit den 'gesunden Traditionen' der Bevölkerung von Quebeck."

Letztlich kann man vorstehenden Fall auch als Ausdruck des Mitmischens der katholischen Kirche in der Politik werten. Insbesondere die aggressive Verkündigungstätigkeit der Zeugen war und ist dieser ein Dorn im Auge. In Kanada ergaben sich Konstellationen, wo sie mittels "ihres Mannes", Duplessis zurückschlug; allerdings ebenfalls in aggressiver Form und damit Schiffbruch erlitt.

Die Häme in diesem Fall seitens der WTG wird auch daran deutlich, dass sie via "Erwachet!" auch noch die nachfolgenden Details für mitteilenswert hielt:

"Inzwischen hat ein unglückliches Unternehmen Duplessis auf dem Gebiet der Brückenbaukunst seiner öffentlichen und politischen Stellung eine humoristische Note verliehen. Er hatte in seiner Heimatstadt Three Rivers den Bau einer wundervollen Brücke über den St. Maurice-Fluss veranlasst, die 5.000.000 Dollar kostete und stolz "Duplessis-Brücke" genannt wurde. Dann verknüpfte der Premier das Geschick der Brücke mit demjenigen seiner politischen Partei, was er wahrscheinlich als höchsten Vergleich betrachtete, als er sagte: "Diese Brücke ist so dauerhaft wie die Union Nationale (nationale Union)."

Doch siehe da, im Laufe des Jahres 1950, zwei Jahre später, durften die "kommenden Generationen" die Brücke nicht mehr benützen, um den Arbeitern Gelegenheit zu geben, stolz eine Anzahl Risse auszubessern, die sich bemerkbar gemacht hatten! Und kaum war der Schaden ausgebessert, stürzten in einer kalten Januarnacht des Jahres 1951, bei einer Temperatur von -30 C, ebenso stolz vier Pfeiler in den Fluss! Vier Personen fanden dabei in den eiskalten Fluten den Tod.

Von der Tragödie unterrichtet, rief der niedergeschlagene Duplessis sofort aus: "Sabotage!" (nebst "Aufwiegelung" war dies einer seiner beliebtesten Ausdrücke). Doch diesmal ging das Volk mit ihm einig. Man war jedoch allgemein der Ansicht, dass der Premier die Saboteure nur in seinem eigenen Büro zu suchen hatte. Es scheint, dass das Projekt für die Brücke nicht ausgeschrieben, sondern auf privatem Wege Freunden von Duplessis vergeben worden war. Der Führer der Liberalen liess sich die Gelegenheit nicht entgehen, die Bemerkung anzubringen, dass die Schwierigkeiten mit der Brücke darin bestehen, dass "zuviel Schmiere und zu wenig Stahl" verwendet worden sei. "

Und um noch weiter draufzusatteln, kommentiert die WTG dann noch:

"Sogar das Gesetz der Schwerkraft hat sich gegen ihn gewandt und verursachte, dass seine stolze, jedoch nur aus "Ersatz"-Stoffen gebaute Duplessis-Brücke in den Fluss stürzte. Dies sollte ihm einen Vorgeschmack geben von der bitteren Medizin, die der Herr ihm und seinen Mitverschwörern eingeschenkt hat und die sie in Harmagedon werden trinken müssen."

Eines sucht man in diesem "Erwachet!"-Siegesfanfaren-Artikel allerdings vergeblich. Eine nüchterne Analyse von Ursache und Wirkung. Da ist also die aggressive Verkündigungsstrategie auf eine ebenso aggressive Abwehr gestoßen. Beide Seiten waren dabei wohl alles andere als "Engel".

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