Re: Neuapostolische Kirche
geschrieben von:  Drahbeck
Datum: 28. November 2011 05:30
Exkurs
Einer der ersten Buchberichte (in deutscher Sprache) über die Vorläufer der heutigen Neuapostolischen Kirche, war das im Jahre 1839 erschienene Buch des Michael Hohl.

Als angehender Studiosus der Theologie, nutzte Hohl einen zweijährigen Aufenthalt in England dazu, sich mit dem Wirken des sogenannten Irvingianismus, näher bekannt zu machen.
Man kann, was die öffentliche Aufmerksamkeit für den Irvingianismus, zu dem Zeitpunkt, wo Hohl ihm näher trat, in etwa mit der Aufmerksamkeit vergleichen, welche hierzulande auch mal sogenannte "Jugendsekten" (ein äußerst schiefer Begriff) erfuhren (Stichwort nur: Vereinigungskirche des Herrn Moon oder auch Scientology).

Weniger inhaltliche Elemente, dafür um so mehr der "Reiz" des neuen, bisher so nicht dagewesenen, sorgten für entsprechende Aufmerksamkeit. Sowohl im Falle des Hohl'schen Berichtes, als auch in ähnlichen Fällen aus der Neuzeit.

Nach einer gewissen Zeit, ist allerdings der Reiz des Neuen wieder verpflogen, Damals wie heute.
Herr Hohl bediente also jenes Bedürfnis, dem Publikum etwas mitzuteilen, was es vorher nicht kannte. Und da er quasi an Ort und Stelle (eben in England) recherchierte, hat sein Bericht sicherlich einen gewissen Quellenwert.

Vorab ist schon mal festzustellen, wenn es da in der Anfangszeit die Verengung auf den Namen des Eduard (oder in anderer Lesart auch: Edward) Irving gab, so ist das eher ein Zerrbild. Je länger, je mehr, wähnten die Kreise, die sich da von Irving irgendwie beeindruckt fühlten, dieses "Maskottchen" nicht mehr zu bedürfen. Das eigentliche Sagen, hatten in jener Bewegung ohnehin andere. Irving hatte lediglich schon vordem einen gewissen Bekanntheitsgrad als "gefeierter" (zumindest zeitweilig) christlicher Prediger. Der "Glanz" dieses vermeintlichen "Stars" war allerdings sehr schnell "verblüht".
Was der Prediger Irving besonders zu "bieten hatte" macht wohl schon der Titel seines Erstlingswerker deutlich, der da lautete:
"Für die Orakel Gottes: Vier Reden; für das künftige Gericht".
Auf der Suche nach den "Orakeln Gottes", waren schon damals (wieder mal) einige "Ausgeflippte". Da Irving nun ein entsprechendes Elaborat anbot, so ihre Schlussfolgerung: "Ist der unser Mann".
Hohl kommentiert die Resonanz auf jenes Buch mit den Worten:

Wen erreichte Irving mit seiner Verkündigung? Wohl weniger unterprivilegierte Schichten. Dafür um so mehr die "Highsociety". Deshalb habe ich es auch vorgezogen, meinerseits von "Ausgeflippten" zu reden.

Charakteristisch dafür ist wohl auch der nachfolgende Passus im Bericht des Herrn Hohl.

Als nunmehr gefeierter Prediger, brauchte Irving sich über mangelnde Einladungen, vor speziell erlauchtem Publikum zu predigen, sicherlich nicht zu beklagen.
Ein charakteristischer Auszug solch einer Predigt, wie sie uns Hohl als Berichterstatter vorstellt, ist dann wohl auch dieser:

Irving bediente damit faktisch die Ängste jener, welche wähnten, unter bestimmten Konstellationen etwas verlieren zu haben. Und deren Credo deshalb lautete (und noch heute lautet).
"Die Religion müsse dem Volke - vor allem dem Volke - erhalten bleiben."
Weniger den Begüterten, dieweil die ja schon über eine Erstreligion namens Money verfügen, die sie allenfalls mit einer "Zweitreligion" namens "Kulturchristentum" zu ergänzen gewillt sind, weil es bei letzterer "so schon feierlich sei".

Gewisse Details des Berichtes von Hohl, denn man ja im Internet selber lesen kann, machen deutlich, dass in der Phase, wo Irving noch selber ein "Star" in den von ihm inspirierten Kreisen war, zunehmend Elemente zur Wirksamkeit kamen, die man etwa mit pfingstlerisch orientiertem Christentum ("Zungenreden" etwa vergleichen kann). Damit aber begannen sich zugleich zunehmend die Wege zu scheiden.

Namentlich Kreise um einen wohlhabenden Bankier, führten die Ursprungsintentionen des Irving weiter. In diesen Kreisen um den Bankier wurden dann auch die entscheidenden Weichen zur Institutionalisierung gestellt.

Da ohne Money "nicht viel los zu sein pflegt" wurde dann schon frühzeitig der Grundsatz der Zehnten-Zahlung eingeführt. Offenbar kamen da erkleckliche Beträge zusammen. Davon künden auch etliche Kirchengebäude dieser Gruppierung, in ihrer Glanzzeit errichtet, zu deren Erstellung erst mal viel Money vonnöten ist.
Im Zuge einer mehr internationalen Ausdehnung über England hinaus, waren es wiederum in Deutschland, eher wohlhebende Kreise, wo sie auch Fuß fassen konnten.

Als Handicap erwies sich allerdings zunehmend der dogmatische Grundsatz, die "Apostel der Endzeit" die man da Kraft eigener Machtbefugnis kreiert hatte, hätten keine Nachfolger nötig. Eben weil es "Endzeit" sei. In letzter Konsequenz postulierte man damit aber nur das eigene Aussterben.

Da war es einigen, die sich an das kassieren des Zehnten, inzwischen sehr schnell gewöhnt hatten, nicht ganz geheuer. Das kassieren sollte ja weiterlaufen, unter allen Umständen. Das aber konnte nur geschehen, würde das Dogma der keine Nachfolger habenden "Apostel" gekippt.
Damit war dann letztendlich (mehr auf Deutschland zentriert) die Geburtsstunde der Neuapostolen eingeleitet, die diesbezüglich auch keinerlei Skrupel haben.

Was die nun sich verselbstständigende Neuapostolische Kirche anbelangt, mag nur ein charakteristischer Satz aus eine kirchlichen Apologieschrift mit dem Titel "Sieben Sekten des Verderbens" (Auflage 1922) zitiert werden:

"Vater Krebs (Neuapostolen) führte ein ziemlich absolutistisches Regiment. In Lehr- und Verwaltungsfragen verfuhr er vollkommen willkürlich. In Geldangelegenheiten verweigerte er früher jede Auskunft, denn die Kinder haben den Vater nicht zu fragen, was er mit dem Geld macht.
Man sollte es nicht für möglich halten, daß sie in kurzer Zeit schätzungsweise 120 000 Anhänger gefunden hat."

Ein Vertreter der Neuapostolen kann es sich dann auch nicht versagen, in einem Geschichtsbericht, die eigene Gruppierung betreffend, auch diese Sätze mit einfliessen zu lassen:

"Nach vollendeter Drucklegung dieses Buches geht dem Verfasser Ende August 1963 von befreundeter Seite der alten Ordnung aus London die Nachricht zu, daß die prächtige Hauptkirche am Gordon Aquare in London, welche immer als der Mittelpunkt des ganzen kirchlichen Lebens in der katholisch-Apostolischen Kirche gegolten hat, auf 5 Jahre an die Church of England verpachtet worden ist."

"100 Jahre Neuapostolische Kirche 1863 - 1963 Apostelbezirk Hamburg"(S. 287)
Bezüglich weiterer Details die Ausgangsgruppe betreffend, siehe auch:

http://books.google.de/books?id=qA46AAAAcAAJ&pg=PR15&lpg=PR15&dq=Hohl+Bruchst%C3%BCcke&source=bl&ots=LBAoEM5hia&sig=dbAhaTZqHq3nx6Ogr4ZFHNjUxnw&hl=de&ei=Wh6-TtWJCcrIswbOsOyJAw&sa=X&oi=book_result&ct=result&resnum=1&ved=0CCcQ6AEwAA#v=onepage&q&f=false

http://de.wikipedia.org/wiki/Edward_Irving

Die Gummiband-Generation

Namentlich eine Quellschrift jener Gruppierung namens "Testimonium" muss zusätzlich, noch ergänzend, ausdrücklich mit erwähnt werden. Siehe dazu:

http://forum.mysnip.de/read.php?27094,50342,50764#msg-50764
8. April 2010 04:29

Ein meines Erachtens durchaus relevanter Streitpunkt bezüglich der vorskizzierten "Katholisch-apostolischen Kirche" ist die Frage:
Würden von dieser Gruppierung nun auch Endzeitdaten auf den Entenreich gesetzt oder nicht.
Nach 1945 behauptete der Konfessionskundler Kurt Hutten, in seiner Publizistik. Er habe keine Belege dafür gefunden.
Herrn Hutten muss dann wohl entgegnet werden.
Die Anfangsphase jener Gruppierung spielte sich überwiegend in England ab. Daraus folgt, dass jene Endzeitspekulationen nicht unbedingt sich auch im deutschen Schrifttum wiederspiegelten. Letzterer Umstand ist aber nicht zwangsläufig identisch damit, das es sie nicht gegeben hätte.
Einiges Deutschsprachiges Schrifttum zum Thema, im Bestand der Berliner Staatsbibliothek habe ich ja selbst gelesen. Insoweit befinde ich mich in der gleichen Situation wie Hutten, keine konkreten authentischen Belege für Endzeitspekulationen dieser Gruppierung benennen zu können.
Indes der Verdacht, es gab sie tatsächlich, ist damit bei mir keineswegs ausgeräumt.
Als Beleg für diese These verweise ich besonders auf die 1905 erschienene Auflage des von Ernst Kalb herausgegebenen Buches "Kirchen und Sekten der Gegenwart". Kalb quasi ein thematischer Vorgänger von Hutten, erweckt in der Gesamtkonzeption seines Buches, durchaus den Eindruck seriös zu berichten. "Revolverjournalismus" kann man ihm mit Sicherheit nicht unterstellen. Insoweit erscheint mir die Unterstellung, ausgerechnet beim Thema "Katholisch-apostolische Kirche" könnte er sich geirrt haben, mehr als gewagt.
Gleichwohl ist zu registrieren. Kalb berichtet in seinem Buch nur. Ein wissenschaftlichen Apparat, mit nachgewiesenen Belegstellen gibt es in ihm nicht.
Das ist also die Sachlage.
Und nun noch einfach mal (unkommentiert) zitiert, das was Kalb zum Thema in seinem genannten Buche ausführt:

"(Der Bankier) Henry Drummond, der auch für gemeinnützige Werke viel Zeit und Geld opferte, sammelte eine Anzahl von Männern um sich, die aus dem Studium der Offenbarung Johannis und der Propheten die Entwicklung des Gottesreiches und den Zeitpunkt der Wiederkunft Christi berechnen wollten. Einer aus diesem Kreise kam auf den Gedanken, es würde der ganzen Bewegung einen gewaltigen Fortschritt geben, wenn es gelinge, den gefeiertsten Prediger Londons auf diese Seite zu bringen. Und es gelang! Irving nahm diese eschatologischen Gedanken, die ihm ja bei seinen Bußpredigten eine wlllkommene Stütze boten, begierig auf. Schon 1825 wußte er genau die Zeitpunkte anzugeben, in welchen seit 1793 die sechs Zornesschalen ausgegossen waren und stellte das Kommen des Herrn auf das Jahr 1864 in Aussicht.
Die Termine der Wiederkunft Christi, die man nach den Enttäuschungen der 50er Jahr auf das Jahr 1865 und dann auf den 14. Juli 1877 festgesetzt hatte, gingen vorüber, ohne daß sich etwas ereignete, als der vier Tage nach dem 14. Juli 1877 eingetretene Tod des Säulenapostel Cardale. Der letzte Apostel Woodhouse, ist im Februar 1901 als 96jähriger Greis gestorben."

--------------------- Signatur.Text --------------------
Hermann Samuel Reimarus (1694 1768) in:
"Apologie: oder, Schutzschrift für die vernünftigen Verehrer Gottes"

Derselbe Autor:

Wie? Wenn sie (die Apostel) gesagt hätten: es kann noch wohl siebzehn, achtzehn und mehr Jahrhunderte wehren, ehe Jesus zu seinem Reiche aus den Wolken wiederkommt, und die Freude derselben angeht: würde man sich nicht mit solcher Verheissung ausgelacht haben?
Würde wohl ein einziger Mensch sich zur Entäusserung alles Vermögens entschlossen haben, um seine übrige Lebenszeit in Hunger und Kummer zuzubringen, und seine eigene Nothdurft nunmehr andern aus den Händen zu sehen? Ja, würde man nicht die an sich schlecht bewehrte Auferstehung Jesu desto mehr für eine Erfindung gehalten haben, weil die Bestätigung derselben durch die Wiederkunft von Himmel, über 40, 50 Generationen oder Menschenleben, ins unendliche hinausgesetzt würde.

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