Albert Riedel
geschrieben von:  Drahbeck
Datum: 04. November 2011 00:25
Vor Einhundert Jahren
Albert Riedel
Einen eher beiläufig genannten Namen begegnet man in einem abgedruckten Leserbrief im "Wachtturm" vom November 1911.
Wie bereits in Kommentar zur vorangegangenen WT-Ausgabe (Oktober 1911) festgestellt wurde, ging das von Australien ausgehende Schisma um Henniges doch nicht völlig spurlos an der WTG vorbei, wenn man näher hinsieht.
Und der Leserbriefschreiber diesmal war ein gewisser Albert Riedel.
Der Leserbrief war ja sicherlich "Balsam für die Seele der WTG", war er doch eben auch Pro WTG-orientiert.

Schon im Juni 1906 gab es im "Wachtturm" einen Leserbrief dieses Herr Riedel, dann im Juni 1910 nochmals und jetzt eben im Jahre 1911 erneut.
Anlässlich einer Europatour Russell's, wo er unter anderem auch in Reichenbach (Vogtland, Sachsen) Station machte, war es dann diesem Riedel vorbehalten, im "Wachtturm" vom Oktober 1912, einen jubilierenden Bericht darüber zu veröffentlichen. Laut WT-Schätzung sollen da 5-600 dem Herrn Russell in Reichenbach gelauscht haben. Auch in Dresden (ebenfalls Sachsen), machte ja Herr Russell auch Station. Das eben jenes eher Kleinstädtische Reichenbach dafür mit auserkoren wurde, spricht dafür dass es zu der Zeit dort, schon einige WT-Hörige gab. Laut Wikipedia wird die dortige Einwohnerzahl im Jahre 2009 auf rund 20.000 veranschlagt. Viel mehr dürften es dann wohl zu Zeiten des Russell-Events auch nicht gewesen sein.

Einer Dissertation von Rüdiger Minor über die geschichtliche Entwicklung der Methodistenkirche in Deutschland, ist zu entnehmen, dass auch für diese, jene Reichenbacher Gegend ein besonders fruchtbarer Boden war. Lediglich der Zeitunterschied ist zu beachten, und selbiger war für die Methodisten halt einige Jahrzehnte früher.
Zitat bei Minor:

"Die Gestalt des Methodismus in Sachsen
a) Soziale Herkunft und Struktur der ersten methodistischen Gemeinden
Die ersten Methodisten kamen aus den untersten Schichten der Bevölkerung, zum großen Teil aus der Arbeiterklasse. So waren zum Beispiel die Männer in der Planitzer Gemeinde mit einer Ausnahme alle Bergleute. In der Gegend von Reichenbach, Elsterberg und Werdau herrschten die Textilberufe vor (Weber, Spinner, Tuchmacher), in den anderen Gemeinden der Zwickauer Gegend waren die meisten ebenfalls Bergarbeiter. An anderen Orten waren die Methodisten zum großen Teil Fabrikarbeiter. Es gab unter ihnen nur ganz wenige finanziell besser gestellte Personen."

Das dürfte sich soziologisch betrachtet, im Falle der Bibelforscher dann wiederholt haben.
Jenes Reichenbach ist dann in die WTG-Geschichte noch besonders dadurch eingegangen, dass der "Wachtturm" dann im ersten Weltkrieg mitteilte, der ebenfalls aus Reichenbach stammende Max Nitzsche, sei bei einem Sturmangriff, eingesetzt im Militär in Russland, ums Leben gekommen, was dann wohl so ziemlich der erste diesbezügliche Todesfall gewesen sein kann, welchen der "Wachtturm" namentlich benannte.
Am 15. Juli 1915 kam er ums Leben, aber wie der "Wachtturm" meinte mitteilen zu können:

Wenn uns solche Botschaft dem Fleische nach auch schmerzt, so freuen wir uns doch in der Hoffnung, dass sich 1. Kor. 15: 51.52 an dem Bruder erfüllt hat."

Liest man nun die angegebene Bibelstelle nach, so ergibt sich der Sinn, dass damit suggeriert wurde, das Opfer wäre bei seinem Tode sofort wieder zu "Unvergänglichkeit" "auferweckt" worden!
Auch von Riedel selbst, konnte man im "Wachtturm" des Jahres 1915, in summarischen Aufzählungen von im Felde befindlichen, seinen Namen erneut mit registrieren.
1916 gar (in der Januar-Ausgabe) liest man von ihm einen weiteren Leserbrief (aus dem Felde).
In ihm führt auch er Klage über die widrigen Umstände des Krieges; und damit dürfte er sicherlich nicht allein gestanden haben.

Im heutigen Schrifttum der WTG indes, wird man diesem Namen nicht mehr begegnen.
Er ist für die herrschenden WTG-Kreise "Luft".
Diese Art von WTG-Geschichts"bewältigung" kennt man sicherlich auch an anderen Beispielen. Nun wäre lediglich noch zu registrieren, dass Pape in seinem Buch "Die Wahrheit über Jehovas Zeugen", auch diesen Riedel beiläufig mit erwähnt und zwar mit dem eher als mager zu bezeichnenden Satz:

"Als Rutherfords Kurs "hinweg von Russell" deutlich wurde, protestierten
leitende Bibelforscher in Wort und Schrift. In Deutschland traten u.
a. Kunkel, Bösenberg, Egle, die Gebrüder Sadlack und Riedel auf."

Ende der Durchsage bei Pape. Keine weiteren Erläuterungen.
Wie nun trat besagter Riedel dann in dem von Pape skizierten Umfange in Erscheinung?

Nun, auf den "Spinner vor dem Herrn" mit seinem Endzeitdatum 1926, den Ewald Vorsteher und seinem "Wahrheitsfreund" wurde gelegentlich auch hier schon hingewiesen.
Dessen Verrantheit, namentlich auf sein Datum 1926, wurde allerdings auch anderen allmählich unheimlich.
Und in dieser Phase begann, der auch aus der Frühzeit der WTG-Geschichte bereits bekannte
Samuel Lauper, ein weiteres Zeitschriftenprojekt mit dem Titel.
"Herold des Königreiches Christi".
Selbiges orientierte allerdings in erster Linie auf Übersetzungen der gleichnamigen (heute noch in den USA bestehenden) Zeitschrift.
Dieser lange Atem war allerdings dem deutschen Ableger nicht vergönnt.
Und lehnte Lauper auch die Vorsteher'schen Überspitzungen ab, so bedeutete dass noch lange nicht, dass er nun soviel "besser" gewesen wäre.
Jedenfalls postulierte er in der Ausgabe Mai/Juni 1924 etwa:

"Wie kann 1925/26 der Zeitpunkt sein, von welchem niemand mehr den 1. Tod sterben wird, wenn die größte Drangsal und großes Hinwegraffen von Menschenleben erst einige Jahre nach diesem Datum und die völlige Aufrichtung des Reiches Gottes, erst mit 1933/34 fällig ist?"

Damit wurde dann eine Spinnerei, lediglich durch eine andere ausgetauscht.
Immerhin wird in jener eben zitierten Ausgabe des "Herold" auch der Albert Riedel als eine deutsche Kontaktadresse genannt, denn Lauper selbst, lebte zu der Zeit in der Schweiz.
Man liest in der genannten Ausgabe: "Geschwister und Freunde von Sachsen, können sich nebstdem auch an Bruder Albert Riedel in Reichbach i. Vogtl. Ackerstrasse 15 wenden."

Summa Summarum: Also auch dieser Riedel einer mehr von der "Sorte der zehn kleinen Negerlein", die es auf Dauer eben nicht bei der WTG aushielten!

Exkurs:
Im deutschen "Wachtturm" vom August 1912, wird anlässlich einer geplanten Europareise Russell's, besagter Herr Riedel auch als Organisator vorgestellt. Der entsprechende Passus in genannter WT-Ausgabe lautete:

"Wo es die Zeit erlaubt, wird Bruder Russell auch mit Ansprachen dienen. Näheres über die Zeit und die Stunde kann man von den Ältesten an den verschiedenen Orten erfahren.
Wir nehmen an, daß viele Geschwister nach Reichenbach i. V. kommen werden, und daß eine größere Anzahl mit nach Dresden fahren möchte und von Dresden mit nach Berlin. Damit wir bequeme Fahrt haben, müßten die Plätze vorher reserviert werden. Zu diesem Zweck bitten wir die Geschwister, sich bei Bruder Albert Riedel, Reichenbach i. V., Liebaustr. 20 anzumelden ...."

"Die Aussicht" November 1911
Das "Alternative Kontrastprogramm" (ohne inhaltliche Bewertung)

Pünktlich zum 11. 11. des Jahres 1911 weis die "Freiburger Zeitung" über eine "Pariser Pythia des Jahres 1912" eine Madame de Thebes zu berichteten. Selbige pflegte alljährlich die Welt mit ihren "Prophezeiungen" zu "beglücken".
Kritiker indes würden dazu nur kommentieren:

"Allerweltsprophezeiungen" mit Gummiband vorne und hinten versehen, damit man im nachhinein alles an den rechten Platz zerren kann.
http://az.ub.uni-freiburg.de/show/fz.cgi?cmd=showpic&ausgabe=02&day=11a2&year=1911&month=11&project=3&anzahl=4

Derart schon mal genügend Erfahrungen mit dem unbelichteten Publikum gesammelt, spart sie auch nicht für die kommende Zeit an "Prophezeiungen".
Es wäre wohl zuviel der unverdienten Ehre, die dann noch im Detail zu referieren.

Ein "Event" scheint ihrer Hellseherkunst aber entgangen zu sein. Ein "Event" dass sich noch im Jahre 1911 ereignen sollte, und zwar nur wenige Tage nach jenem Bericht über die "Hell-dunkel-sehende" Dame.

Das dieses Event in ihrer Ankündigungen keinerlei Berücksichtigung fand, kann eigentlich nicht entschuldigt werden. Über dieses "Event" kann man dann am 16. 11. 1910 und auch in den nachfolgenden Tagen, vielerlei in der "Freiburger Zeitung" lesen. Nur eben nicht bei jener ihre eigene Dummheit noch nicht mal hellsehende Dame mit ihren "Prophezeiungen".

Am 17. 11. 1911 (und auch in den nachfolgenden Tagen) muss die "Freiburger Zeitung" über ein Erdbeben berichten, welches die Region erschütterte.
http://az.ub.uni-freiburg.de/show/fz.cgi?cmd=showpic&ausgabe=02&day=17a1&year=1911&month=11&project=3&anzahl=4
Man vergleiche als parallele Meldung aus der Neuzeit dazu auch
Parsimony.11169
und auch
Forumsarchiv A101 wo es dieselbe Meldung, ergänzt mit einigen weiteren thematischen Meldungen, auch noch gibt.

Was kann man nur einen Tag später, nach jenen ersten Erdbeben-Berichten in der "Freiburger Zeitung" registrieren?
Am 18. 11. 1911 ist dort das nachfolgende Inserat lesbar.

http://az.ub.uni-freiburg.de/show/fz.cgi?cmd=showpic&ausgabe=03&day=18a3&year=1911&month=11&project=3&anzahl=4

Jener Herr Robert Voigt, mit seinem Buch, der da angepriesen wird, darf sich getrost mit der Hell-dunkelsehenden Dame, von der bereits die Rede war, identifizieren.
Da witterten also die Unterbelichteten, angesichts des Erdbebens ihre Chance zum Dummheitsverkauf.

Nicht mehr und nicht weniger, als wie, der 21. März 1912 sei das Weltendedatum verkündet dieser Herr Voigt, als Fußstapen-Nachfolger des Herrn Küppers (und der wiederum war ja maßgeblich durch Russell beeinflusst) in seinen Schriften.
Am Tage des 100jährigen Jubiläums jenes ominösen 21. März 1912, komme ich dann sicherlich nochmals darauf zurück.

Im Gegensatz zu den Unterbelichteten, hatten seriöse Wissenschaftler zum Thema Erdbeben eine durchaus andere Meinung.
Sie wurde einige Tage später im gleichen Blatte mit dem Satz zusammengefasst:

"Durch Zusammenstellung aller geschichtlichen Aufzeichnungen über Erderschütterungen in den Gegenden zwischen Basel und Karlsruhe ergeben sich seit dem Jahr 855 n. Chr. bis in die neueste Zeit etwa 700 Beben. Das schwerste davon war ohne Zweifel im Jahr 1356, wobei Basel ebenso schwer wie vor drei Jahren Messina heimgesucht wurde ..."

Eine weitere detaillierte Darstellung zu den Ursachen jenes Erdbebens, gab es dann noch in der "Freiburger Zeitung" vom 16. 2. 1912

http://az.ub.uni-freiburg.de/show/fz.cgi?cmd=showpic&ausgabe=02&day=16a1&year=1912&month=02&project=3&anzahl=4

Noch ein Bericht ist notierenswert.
Am 15. 11. 1911 ist die Berichterstattung der "Freiburger Zeitung" von einem besonderen Thema dominiert. Der Vereidigung von Militär-Rekruten.
Und in diesem Bericht gibt es dann unter anderem auch diese Passage:

"Der katholische Geistliche betrat das Podium und wies in einer ¼ stündigen Ansprache auf die Bedeutung des Eides hin, forderte die jungen Soldaten auf, dem Kaiser und ihrem Landesfürsten sowie überall die im Fahneneide gelobte Treue zu halten. ...
Der evangelische Geistliche forderte seine Zuhörer auf, mit Lust und Liebe ihrem Dienst zu obliegen. Er führte sie im Geiste auf das Schlachtfeld von Wörth, wo ein französisches Kriegerdenkmal die französische Inschrift "Sie werden erwachen!" trage, und knüpfte die Mahnung daran, allzeit des heute abzuleistenden Fahneneides eingedenk zu sein, so daß, wenn Frankreichs Söhne dort unter jenem Denkmal einst wieder erwachen in Gestalt der heutigen Generation, sie uns ebenfalls wach finden werden."

http://az.ub.uni-freiburg.de/show/fz.cgi?cmd=showpic&ausgabe=02&day=15a3&year=1911&month=11&project=3&anzahl=4
 

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