Siehe ich bin das Licht der Welt - I - Mythen

geschrieben von:  . +

Datum: 13. August 2008 20:51

Noch einmal: Ich sage nicht, dass die Menschen des
Altertums wahre Geschichten erzählt haben und wir
heutzutage klug genug sind, sie symbolisch zu verstehen.
Nein, ich sage, sie haben sie symbolisch erzählt und wir
sind heute dumm genug, sie wörtlich zu nehmen.

John Dominic Crossan, Der historische Jesus

Was wäre eigentlich daran so tragisch wenn es sich bei den biblischen Erzählungen um Mythen handelt?

Schließt es gleichzeitig mit ein dass man seinen Glauben an Gott verleugnet, wenn man die biblischen Berichte als Mythen einordnet?

Ich finde das genau das Gegenteil der Fall ist.

Versteht man, wie die biblischen Mythen zustande gekommen sind, versteht man auch dessen glaubenstärkende Kraft.
Gerade weil es Mythen sind.

Heute sagen wir abwertend:
„Das ist bloß ein Mythos“

Dabei täte man einem Mythos Gewalt an wenn man versucht ihn in reale historische Begebenheiten zu zwängen.

In der Bibel sind zahllose Gleichnisse als solche klar definiert.
Sie wurde in einer Kultur verfasst, die es gewohnt war in Gleichnissen und Mythen zu denken.

Ein Zeugen-Ehepaar leistete sich vor ein paar Jahren, die Reise ihres Lebens und Reiste in einer Reisegruppe nach Jerusalem.
Ein einheimischer Reiseführer zeigte der Reisegruppe die Stelle an der der barmherzige Samariter dem Überfallenen geholfen haben soll.

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Dies erzählt das Ehepaar immer wieder amüsiert, wenn sie von ihrer Reise nach Jerusalem berichten.

Die meisten von uns Wissen natürlich sofort, das die Geschichte um den Samariter nur ein Gleichnis war.
Es gab keinen barmherzigen Samariter der jemand am Straßenrand aufhalf.

Verliert der Lehrpunkt jedoch an Wert, wenn der Samariter keine reale historische Person war?
Oder andersherum gefragt:
Warum würde der Lehrpunkt wertvoller, wenn es den barmherzigen Samariter tatsächlich als reale Person gegeben hätte?

Die damaligen Schreiber der Bibel waren keine Geschichtsschreiber.
Sie kamen aus einer Kultur die es gewohnt war mit Mythen zu Leben und zu denken.
Noch heute ist die Sprache in diesen Gebieten eine Sprache durchzogen von Metaphern und bildlichen Beschreibungen.
Die Bibel erhebt nicht den Anspruch ein historisches Geschichtswerk zu sein, sondern ist zuerst eine einzige große Sammlung wunderbarer Mythen und Metaphern.

Die historischen Genauigkeiten in der Bibel sind höchstens Zufall.
Den Autoren hat nicht das Geringste daran gelegen, etwas Konkretes zu dokumentieren.
Vielmehr wollten sie eine Geschichte erzählen, die sich nur in Mythen und Metaphern ausdrücken lässt: also eher eine Vision als eine Dokumentation.

Erkennt man jedoch die Größe hinter den Mythen der Bibel eröffnet dies klare Glaubenshorizonte.

Der Versuch die Mythen der Bibel dogmatisch in das Licht der historischen Realität zu Rücken führt zu Unduldsamkeit.
Es führt zu Religionskriegen, dem Ausschließen Andersgläubiger.
Es führt dazu dass man Kritiker bekämpft.

Dies möchte ich in einer siebenteiligen Serie Beweisen.
Ich will Beweisen das die Anwendung der Bibel unter dem Blickwinkel der Metaphern ein Gewinn sein kann.
Dass das Abschaffen von Weihnachten nur ein halbherziger Schritt der Wachtturm Gesellschaft war.
Anstelle eines Glaubensgewinnes war es nur der Versuch noch gegenständlicher die Mythen der Bibel zu entzaubern.

Es ist ein verhängnisvoller Fehler wenn Kirchen und allen voran die Wachtturm Gesellschaft, versuchen die erhabenen Wahrheiten der Bibel auf eine »literalistische« (buchstabengetreue), popularisierte, historische Weise auszulegen - entweder um die weithin ungebildeten Massen in möglichst großer Zahl der Konkurrenz abzujagen oder weil sie zu Recht und bewusst die wahre innere Bedeutung der spirituellen Weisheiten als geschäftsschädigend fürchtet.

Die Religionsorganisationen verfälschen den Bibelbericht zu einem langweiligen Tatsachenbericht.
Die transzendente Bedeutung wunderbarer Mythen und Symbole wird auf ein Potpourri merkwürdiger, irrelevanter oder ziemlich unglaublicher »Ereignisse« reduziert.

Jesus – der größte Mensch der je lebte.

Ich trete den Beweis an das unsere westliche Kultur zu einem großen Teil auf einer »Geschichte« beruht, die sich nie zugetragen hat, und die christliche Religion auf Wunder gründet, die in dieser Form nie vollbracht wurden.

Dies führt aber zu einem frischen und doch Uralten Universalverständnis des Jesus-Themas dass auch Türen zu anderen Glaubensrichtungen öffnet, die zu durchschreiten mit einem Wachtturmstudium nie möglich wäre.

Aber das ist noch nicht alles.

Allgemein gehen wir davon aus, dass das traditionelle Christentum mehr oder weniger immer so gewesen ist, wie wir es heute kennen.
Seine Überlegenheit gegenüber anderen Religionen wird, nicht nur von Zeugen Jehovas, so gut wie nie ernsthaft in Frage gestellt.

Doch ein Mythos besitzt einen viel größeren Ewigkeitsgehalt als jede noch so heroische historische Geschichte.
Mit der Aufgabe den Mythos der Bibel zu erfassen, wird der Glaube nicht nur vertieft, sondern führt zu einem Glaubenssystem, das frischer, intellektuell stimmiger und mehr auf das Universum als solches orientiert ist, als der Versuch dies mit historischen Begebenheiten zu verbiegen.

Nur allzu oft wird vergessen, dass man Zeuge konkreter historischer Ereignisse sein kann und die tiefer liegende Bedeutung dessen, was man erlebt, trotzdem komplett übersehen kann.
Was der Geschichte entgeht, bringt aber der Mythos in aller Deutlichkeit zum Ausdruck.

Der Mythos an sich ist fiktiv, nicht aber die zeitlose Wahrheit, die er zum Ausdruck bringt.

»Der Mythos ist das, was nie war, doch immer ist.«
Campbell

Nehmen wir zum Beispiel die bekanntesten griechischen Mythen.
Sie enthalten alle eine tiefe Wahrheit über die menschliche Natur, die zeitlos gültig bleibt, auch wenn sich nichts von dem, was sie erzählen, wirklich ereignet hat.

Denken Sie nur an Narziss, der sich in sein eigenes Spiegelbild verliebte…

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…oder an Ikarus, der sich von Leichtsinn und Hybris dazu verleiten ließ, mit seinen Wachsflügeln der Sonne zu nahe zu kommen.

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Mythen gehören wie selbstverständlich zu unserem täglichen Gemeingut.

z.B. Nicole
„…flieg nicht zu hoch mein kleiner Freund, die Sonne brennt dort oben heiß. Wer zu hoch hinaus will der ist in Gefahr…“


Keiner käme auf die Idee den Lehrpunkt aus dem Ikarusmythos zu verwerfen nur weil es sich bei Ikarus nicht um eine real historisch belegte Person handelt.

Wenn es nicht im Jahre soundso einen Menschen gegeben hat der mit Wachsflügeln zu nah an die Sonne flog.

Dieser Mythos ist nur dann eine Lebenshilfe in seiner klaren und tiefen Fülle, wenn wir ihn dort lassen wo er hingehört.

Jedenfalls nicht in die Ecke des „Der größte Bruchpilot der je lebte“.

Wir alle kennen die Einsichten, die Freud aus der Ödipussage gewann.

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Und ob wir an den verlorenen Sohn oder an den eingangs erwähnten guten Samariter denken - die Wahrheit und Bedeutung dieser Erzählungen hat überhaupt nichts damit zu tun, ob die Ereignisse tatsächlich stattgefunden haben oder nicht.

Die Mythologie ist Quell der ältesten Wissenschaft, die der Mensch kennt.

Das Göttliche, Geheimnisvolle, Unsagbare, das Wirken des Geistes im menschlichen Herzen beziehungsweise im gesamten Kosmos lässt sich nur angemessen durch Mythen, Allegorien, Bilder, Parabeln und Metaphern zum Ausdruck bringen.

Die buchstabengetreue Interpretation des Erzählten führt unweigerlich zu Götzenanbetung oder absolutem Blödsinn.

Somit sind Mythen keine Ausschmückungen oder beliebige Zusätze zu einem „wahren“ Glauben, sondern sein eigentliches Wesen.

Man nehme sie weg und es bleibt nur wenig, was von Wert ist.

Unser Auge des Glaubens sollten wir also nicht »endmythologisieren«, sondern vielmehr »remythologisieren«.

Kommen wir zu dieser Überzeugung stellen wir mit Überraschen fest das die alten Mysterienreligionen dieselben Glaubensvorstellungen, Lehren, Rituale und Riten praktizierten wie wir sie heute im Christentum kennen.

Man nehme nur als Beispiel die Jungfrauengeburt aus dem Dionysos-Mythos.

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Der einzige - allerdings ziemlich radikale — Unterschied zwischen der Jesus-Geschichte des Neuen Testaments und den vielen alten Mythen, bei denen eine identische Verbindung von Auffassungen und Merkmalen vorliegt, besteht darin, dass die Christenheit heute dahinter eine historische Realität sucht.

Das war jedoch nicht immer so.
Vor der Formierung einer starken christlichen Bewegung wäre kein Mensch auf die Idee gekommen zu glauben, die Ereignisse aus ihren Dramen hätten in irgendeiner Form historische Realität sein können.

Das Einzige, was zählte, waren die tiefen, zeitlosen spirituellen Wahrheiten hinter oder jenseits der fiktiven Verpackung.
Aus einem zentralen Urmythos (der zweifellos aus Ägypten stammte) ergab sich alles Übrige.

Im Christentum dagegen wurde der Mythos schließlich beim Wort genommen, literalisiert, und Jesus geriet zu einer historischen Figur.

Das erwies sich jedoch in den darauf folgenden Jahrhunderten als sehr schädlich.

Denn um Göttlichkeit und Wiederauferstehung erfahren zu können, mussten die Gläubigen von nun an allein der Gestalt eines konkreten Menschen vertrauen.
Diese konkrete Menschperson wurde aber angreifbar.
Tiefer Glauben wurde zu seichtem Wissen.

Aus dem einstmals reichhaltigen und üppigen Festmahl der Weisheit wurde ein Einheitsbrei, der für die unwissenden Massen in einigermaßen bekömmliche Dosierungen verpackt wurde.

Das war der Anfang der Christenheit, der Untergang des Urchristentums.

Was daraus entstand, war in mehr als einer Hinsicht ein Kult der Unwissenheit, eine Kultur der Lüge.

Man darf aber nicht davon ausgehen, dass es sich bei den Umschreibern und Bearbeitern der alten Überlieferungen um Fälscher oder Betrüger nach unserem heutigen Verständnis handelte.
Eine literarische Moral im modernen Sinn kannte das Altertum nicht; alle religiösen Schriften entstanden zur damaligen Zeit aus einem inneren Impuls heraus.

Das Mythologisieren der Geschichte, aber auch das Historisieren der Mythologie, war damals halt allgemein üblich gewesen.
Und ein Verständnis dessen wäre heute für den Gottsuchenden ein Gewinn.
Und nur für gewisse amerikanische Religionsorganisationen geschäftsschädigend.

Als nächstes werde ich den Urmessias Vorstellen.
Ich werde zeigen warum Russell in zweierlei Hinsicht Naiv handelte als er sein Christusverständnis mit der Pyramide der Ägypter verknüpfte.

Re: Siehe ich bin das Licht der Welt - I - Mythen

geschrieben von:  Gerd B.

Datum: 14. August 2008 08:11

Zitat:

.+ meint:
Unser Auge des Glaubens sollten wir also nicht »endmythologisieren«, sondern vielmehr »remythologisieren«

Unser Auge sieht oft Tatsachen nicht, weil:

Zitat:

Lukas 24:
15 Und es geschah, während sie sich unterhielten und miteinander überlegten, dass sich Jesus selbst nahte und mit ihnen ging;16 aber ihre Augen wurden gehalten, so dass sie ihn nicht erkannten.

Haltet die Augen offen, das klappt nur wenn sie nicht "gehalten" wurden...

Vielleicht hilft dann: "18 Ich rate euch: Kauft von mir Gold, das im Feuer gereinigt wurde; dann werdet ihr reich! Kauft euch weiße Kleider, damit ihr nicht nackt dasteht und euch schämen müsst! Kauft euch Salbe für eure Augen, damit ihr sehen könnt!"

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