Depressionen bei Zeugen Jehovas

geschrieben von:  Gerd B.

Datum: 31. Juli 2008 13:39

Per Mail zugesandt:

Depressionen -- und die wechselnden Ansichten der Wachtturm-Gesellschaft

Ende des Jahres 1991 wurde in der Schweiz im Rahmen einer Königreichsdienstschule, veranstaltet vom dortigen Zweigbüro der Wachtturm-Gesellschaft im Auftrag der leitenden Körperschaft von Jehovas Zeugen und durchgeführt für Älteste, vom Leiter des damaligen Zweigkomitees unter anderem ein Vortrag über Depressionen und die Art der Behandlung durch die Ältesten in den Versammlungen gehalten. (In Deutschland gab es damals in den entsprechenden Schulungen andere Themen).

Während zuvor immer eine gewisse Skepsis, wenn nicht sogar Mißtrauen, gegenüber Psychotherapeuten an der Tagesordnung war, hörte man hier plötzlich neue Töne. Man gab zu, daß es unter Jehovas Zeugen zahlreiche an Depressionen leidende Menschen gab; es war bekannt, daß in psychosomatischen Kliniken ständig Patienten zu finden sind, die sich zu Jehovas Zeugen bekennen. Man führte als Grund an, daß die Religion der Zeugen besonders auf Menschen anziehend wirke, die bereits unter Depressionen leiden. Das mag sein; aber es ist nur ein Teil der Realität. Denn man sollte annehmen, daß die am Anfang dargebotene ,Nestwärme' und vor allem das behauptete ,geistige Paradies' zumindest keine Verschlimmerung depressiver Zustände bewirken dürften. Dennoch ist das der Fall; wenn die Nestwärme nach der Taufe durch die Anforderungen der Religion ersetzt oder zumindest verdrängt werden, steigern sich die Depressionen wieder, und es werden auch zahlreiche Menschen depressiv, die es vorher nie waren. Insoweit ist dieses 'geistige Paradies' eine sehr bedenkliche Sache -- wenn man es nicht nur als ein Placebo, als ein Trostpflästerchen für in ihren Erwartungen enttäuschte Gemüter betrachten will.

Doch zurück zu der Schulungsveranstaltung. Es wurde den Ältesten gesagt, daß sie, wenn bei jemand eine Depression länger als 5 Tage anhalten würde, dieser Person dringend nahelegen sollten, zu einem Arzt oder Therapeuten zu gehen. Sie selbst als Älteste seien keine Fachleute, hätten keine fachliche Kompetenz und sollten sich daher von medizinischen oder anderen Behandlungsratschlägen völlig zurückhalten.
Dieser -- vernünftige -- Rat wurde sehr ausführlich begründet und -- wie bei allen Vorträgen üblich, selbst wenn das Gegenteil gesagt worden wäre
-- mit Beifall bedacht. In schriftlicher Form habe ich jedoch diesen Vortrag in keiner Publikation gesehen. Er war eine Weisung an Älteste.

Inzwischen sind 17 Jahre vergangen, und man ist schon lange von der sachlichen und begründeten Ansicht von 1991 abgerückt. Als ich vorige Woche mit einem Ältesten über das Thema sprach, sagte mir dieser, daß die neuen Anweisungen auf Grund schlechter Erfahrungen (Verlassen der Organisation)ganz anders lauten würden. Auf keinen Fall solle man zu einem Besuch bei Ärzten oder Therapeuten ermuntern oder auffordern, auch wenn deren Inanspruchnahme nicht verboten ist. Die Gründe; man habe festgestellt, daß diese Leute sehr häufig die Religion als Ursache für die Depressionen bezeichnen würden. Als ich einwandte, daß es doch auch gläubige Ärzte und Therapeuten gäbe, die ihre Patienten auf christlicher Grundlage berieten, wurde diese Möglichkeit abgelehnt mit der Begründung, daß auch diese in der Religion d e r Z e u g e n die Ursache für die vermehrten Depressionen sähen. Tatsächlich sind auch Fälle bekannt, in denen Menschen nach ihrer Trennung von den Zeugen ihre Depressionen verloren oder davon geheilt wurden.

Ich fragte, was denn die Ältesten im Fall von Depressionen nun tun sollten, denn ihre Inkompetenz sei ja immer noch gegeben. Die Antwort war, daß sie angewiesen seien (oder daß man ,empfohlen' habe), die Erkrankten auf Themen über Depressionen in der Zeitschrift ,Erwachet' hinzuweisen, in denen gute Ratschläge gegeben würden. Da aber auch die Schreiber von diesen Artikeln keine Fachleute sein dürften, sondern ihre Artikel von anderer Seite erhielten oder sie auf Grund anderer Quellen zusammenstellten, ist das eine eigenartige Behandlungsmethode. Eine Art Therapie in Selbstbedienung, eine Art Selbstbehandlung durch kranke Menschen. Die Ergebnisse -- oder Nicht-Ergebnisse -- kann man sich vorstellen. Aber es zeigt wieder einmal, daß die leitende Körperschaft ihre Autorität über die Menschen für wichtiger ansieht als deren fachgerechte Behandlung zu ihrer Gesundung, und daß sie nicht bereit ist, die ursächlichen Quellen für Depressionen in ihrer eigenen Organisation bzw. in ihren den Menschen auferlegten Lasten zu suchen.
Das Rezept ,mehr Studium, mehr Zusammenkunftsbesuch, mehr Predigtdienst' -- also in Wirklichkeit Erhöhung der Lasten -- wird auch hier als Allheilmittel empfohlen. Aber bekanntlich heilt ein Rezept, das für alles gut sein soll, in aller Regel gar nichts; es verschlimmert nur noch. Kein Wunder, wenn dann ein Kreisaufseher anläßlich seines Besuchs meinte, die Zeugen müßten doch die glücklichsten Menschen sein; statt dessen hätten sie alle ,graue, freudlose Gesichter'. Ja, da sind eben viele depressive Menschen, viele, die es auf Grund der neuen Einstellung der Organisation nicht einmal zugeben möchten, daß sie unter Depressionen leiden (wie elegant kann man das alles verpacken in ,vegetative Dystonie'), viel mehr Gejammer als Lust, viele Griesgrämige, Kummervolle, Klagende, Murrende, Undankbare, Freudlose, kein Geisteschristen, sondern Regelchristen, Gesetzeschristen, die sich gegenseitig beobachten und kritisieren. Aber das stört nicht die großen Geister in Brooklyn. Wenn die Tatsachen ihren Theorien nicht entsprechen, um so schlimmer für die Tatsachen!

E.F.

Re: Depressionen bei Zeugen Jehovas

geschrieben von:  Gerd B.

Datum: 01. August 2008 10:15

Auch der Ex-ZJ und Psychologe, Jerry R. Bergman, bestätigt die Abneigung der ZJ gegenüber Psychotherapeuten in seinem Buch: "Zur seelischen Gesundheit von Zeugen Jehovas" in diesen Sätzen ab Seite 13:

Rigidität steht mit dem Auftreten von Selbstmorden und psychischen
Erkrankungen in Verbindung (Wolff 1970:37). Durch eine streng
autoritäre Erziehung werden Jehovas Zeugen seit jeher angehalten,
feindselige Gefühle zu unterdrücken oder zu sublimieren (Sprague
1943). Wer seine Gefühle auslebt, wird üblicherweise streng
zurechtgewiesen und damit gezwungen, die feindseligen Regungen nach
innen zu lenken. Die Folge sind Depressionen oder sogar
verschleierte Aggressionen. Dringen feindselige Triebe ins
Bewußtsein, so ruft das gewöhnlich Schuld hervor. Das wiederum
verstärkt die Feindseligkeit nur und führt, wie leicht vorhersehbar,
zu noch mehr Depressionen.
Die meisten sozialen Gruppen werden mit
solchen feindseligen Gefühlen fertig, indem sie sie in konstruktive
Tätigkeiten ableiten. Den Zeugen aber wird von den meisten gängigen
konstruktiven Betätigungen abgeraten. Wie noch gezeigt werden wird,
wendet man sowohl verbale Kritik wie auch Gruppendruck an, um die
Zeugen von der Beschäftigung mit ausgleichenden Tätigkeiten wie
Fotografie, Modellbau, allen Formen des Sammelns und den meisten
sportlichen Aktivitäten (abgesehen von ganz seltener Ausübung in der
Freizeit) abzuhalten. Die wenigen Ablenkungen, die sich die Zeugen
gestatten, reichen gewöhnlich nicht aus, um die bei manchen über
Jahre hinweg angestaute Feindseligkeit wirkungsvoll zu sublimieren.

Selbst vom Einsatz von Tranquilizern und Anti-Depressiva bei
psychischen Erkrankungen wird abgeraten. Bei den Zeuginnen ist es
der Normalfall, in der Menopause jede Hormonbehandlung abzulehnen.
Eine Zeugin litt an schweren Depressionen und Selbstzweifeln und
hatte hochgradige Probleme im Umgang mit anderen, weil sie eine
Hormonbehandlung ablehnte - bis dann im Erwachet! (vom 22. 8.
Oktober 1975) ein Artikel erschien, der den Zweck von Hormonspritzen
erklärte. Es wurde darin angedeutet, daß es "nicht in jedem Fall
unangebracht" sei, sich dieser Therapieform zu unterziehen. Doch bis
der Wachtturm seine Gutheißung ausgesprochen hatte, befand sie sich
bereits in einem solch schweren Stadium ihrer Depression, daß sie
völlig verzweifelt war. Durch die richtigen Medikamente erholte sie
sich äußerst rasch und war bald vollständig wiederhergestellt. Ihr
Ehemann, ein Ältester, stand der ganzen Entwicklung unbeteiligt
gegenüber und betonte, sie könne tun, was sie wolle.

Dieser Fall veranschaulicht mehrere Dinge zugleich. Als erstes muß
das typische Mißtrauen gegenüber allen Fachleuten, die nicht zur
Wachtturm-Organisation zählen, genannt werden, ganz besonders
gegenüber Medizinern und Psychologen (Salzman 1951; Penton 1985). Im
beschriebenen Fall lehnte die Patientin die von ihrem Arzt
empfohlene Hormonbehandlung ab. Viele Zeugen verlassen sich lieber
auf eine "natürliche" Heilung, worunter sie vor allem gute
Ernährung, Vitamin-oder Mineralienkuren und Ruhe verstehen. Darüber
hinaus besteht eine Neigung, etwas nur dann als akzeptabel
anzusehen, wenn die Wachtturm-Organisation es ausdrücklich gebilligt
hat. Solange sie sich zu einer Behandlungsform oder Tätigkeit noch
nicht geäußert hat, fürchtet man, sie könnte verkehrt sein, und man
meint dann meistens, es sei das beste abzuwarten, bis man sicher sei
(Rogerson 1969).

Darüber hinaus besteht ein generelles Mißtrauen gegenüber allen
Glaubensfremden und damit praktisch gegenüber allen Ärzten
(insbesondere Psychiatern und Nervenärzten) und Psychologen.
Ironischerweise kommt auch Mißtrauen gegenüber Ärzten aus den
eigenen Reihen häufig vor. Für die meisten Zeugen Jehovas zählen die
wenigen Zeugen, die Ärzte sind (etwa ein Arzt pro Bundesstaat in den
USA [in Deutschland etwa ebenso; Anm.d.Üb.]) eher zu den
Außenstehenden. So kommt es, daß ein Zeuge Jehovas mit
Hochschulabschluß, selbst wenn er Ältester ist, bis zu einem
gewissen Grad als "Teil der Welt" angesehen wird.

Re: Depressionen bei Zeugen Jehovas

geschrieben von:  Drahbeck

Datum: 01. August 2008 12:29

Unter der Überschrift: „Sollte ein Christ den Psychiater konsultieren?" meinte „Erwachet!" in seiner Ausgabe vom 22. 5. 1960 noch:

„Diese Frage wurde schon von vielen aufrichtigen Christen gestellt."

Nun, wenn dem so ist, dann ist das doch wohl an sich schon ein Zeitzeichen, oder anders formuliert: Alarmsignal.

Weiter ging es im „Erwachet"-Text mit der Aussage:
„Die Antwort hängt davon ab, wie stark die seelischen Störungen sind und was für einen Psychiater man aufsuchen will. Schwere seelische Leiden (oder ein Nervenzusammenbruch) mögen eine psychiatrische Behandlung als ratsam erscheinen lassen. Man sollte jedoch nur einen Psychiater aufsuchen, der die wichtige Rolle, die die Religion im Leben eines Christen spielt, und die Macht, die sie auf ihn ausübt, respektiert."

Und wem das eben ausgeführte zu verklausuliert erscheint, den belehrt „Erwachet!" weiter:

„In der Regel heißt es jedoch soviel wie Waffenstreckung, wenn ein Christ zu einem weltlichen Psychiater geht; es bedeutet soviel wie, ,nach Ägypten hinabzuziehen um Hilfe'.

Und zu dem Schreckenszenario, dass dann „Erwachet!" zur Abschreckung aufzeichnet, gehört auch die Aussage

„Sie stimmen ziemlich sicher mit Freud, dem bekanntesten Psychiater überein, der behauptete, die Religion sei "die große Illusion" und der Mensch werde ihr eines Tages entwachsen, ferner, Gott sei nur ein Phantasieprodukt des Menschen, die ,Projektion des Vaterbildes', und daß der Sexualtrieb die wichtigste Rolle im Leben des Menschen spiele."

Und weiter „Erwachet!"
Solche "Weisheit dieser Welt ist Torheit bei Gott".
Wenn ein Zeuge Jehovas zum Psychiater geht, kommt es häufig vor, daß der Psychiater ihn davon zu überzeugen sucht, daß seine seelischen Störungen von seiner Religion herrühren.


Das will „Erwachet!" als sein Dogma indes nicht gelten lassen.

Nur soll eben zwischen Dogma und Wirklichkeit manchmal ein Unterschied bestehen. Nicht selten sogar einer der „Kilomerlang" ist

„Erwachet!" meint weiter verkünden zu sollen
„daß die christlichen Zeugen Jehovas die am besten orientierte, glücklichste und zufriedenste Gruppe von Menschen sind."

Wenn dem so sein sollte, wieso treibt einige dennoch die Frage der Psychatrie um, wäre rückzufragen.

Insgesamt lässt jener Artikel den Eindruck des Gesundbetens zurück; auch in Situationen, wo genau eben dieses nicht hilft; ja unterm Strich sogar noch die Probleme verschärft!

Re: Depressionen bei Zeugen Jehovas

geschrieben von:  Gerd B.

Datum: 01. August 2008 14:06

Aus dem Archiv der "Ges. gg. Sekten- und Kultgefahren"; Dagfinn Ulland: Religiöses Sektenwesen und mentale Leiden.

Auszug aus seiner Schlussfolgerung:

Ehemalige Sektenmitglieder beschrieben für sie große Störungen im Gedanken- und Gefühlsleben, die monate- und jahrelang dauerten, nachdem sie die Sekte verlassen hatten.

Die Untersuchung enthüllte Störungen in Bezug auf das Wahrnehmungsvermögen, das Gedächtnis und die Fähigkeit zu anderen Informationsprozessen.

Vierzig Prozent erzählten von Alpträumen. Über dreißig Prozent berichteten über mangelnde Fähigkeit, mentale Aktivitäten wie Singen, Meditation oder Zungenreden abzubrechen. Ein Teil sprach von Gedächtnisverlust und einige von Halluzinationen bis zu acht Jahre nach dem Bruch mit der Sekte (Conway & Siegelman, 1982).

Trotz der Kritik, auf die sie u.a. von seiten des Psychiaters Lee Coleman wegen der Methoden der Untersuchung stießen (Coleman, 1984), wurde meiner Meinung nach eine grundlegende Problematik aufgeworfen, die man nicht vom Tisch fegen kann, nur indem man Methodenkritik übt.

Es sollte sich auch zeigen, daß mehrere Psychologen und Psychiater diese Gedanken in den darauffolgenden Jahren weiter verfolgten. Eine der bekanntesten amerikanischen Forscherinnen, die sich in dieser Problematik engagierte, ist die Psychologin Margaret Singer. Ihre bahnbrechende Arbeit wird u.a. in der Jännernummer 1979 der Zeitschrift Psychology Today vorgestellt. Hier beschreibt sie verschiedene Reaktionen, welche die Mitgliedschaft in autoritären Gruppen oder Sekten herbeiführen kann. (Singer, 1979).

- Depression. Ehemalige Sektenmitglieder haben mit einer Reihe von Einbußen zu kämpfen. Sie bereuen die Sektenmitgliedschaft und sehen ein, daß sie einige ihrer besten Jahre verloren haben. Während der Sektenmitgliedschaft war die Zeit mit Aktivitäten angefüllt. Nun erleben sie das Dasein als leer und sinnlos.

- Einsamkeit. Viele Freunde aus der Sekte bleiben plötzlich weg und man hat Probleme, neue Freunde zu finden. Die vielen Vertrauensbrüche haben dazu geführt, daß man Schwierigkeiten hat, anderen zu vertrauen. Die Furcht, daß man von neuem enttäuscht wird, hindert einen daran, neue Kontakte zu knüpfen.

- Sexuelle Probleme. Während der Sektenmitgliedschaft wurde man oft aufgefordert, seine biologischen Triebe zu unterdrücken. Nach dem Bruch gibt es viele, die das Versäumte nachholen. Sie leben ein ausschweifendes Leben mit darauffolgenden Schuld- und Schamgefühlen. Außerdem bekommen viele Probleme mit einem dauerhaften und verpflichtenden Zusammenleben.

- "Floating". Viele erfahren, besonders in der ersten Zeit nach dem Bruch, daß sie geneigt sind, in das Normensystem und in das Wirklichkeitsverständnis der Sekte zurückzugleiten. Eine solche schwebende mentale Aktivität kann dadurch getriggert werden, daß man Situationen hört oder erlebt, welche an Sektenerlebnisse erinnern. Plötzlich kann man in der Sprechweise und im Gedankengang der Sekte drinnen sein und kann sich fragen: Bin ich wirklich auf dem rechten Weg ? Was ist, wenn ich Gott und sein Werk verrate ?

- Konzentrationsschwierigkeiten. Von ihren vielen Gruppengesprächen mit ehemaligen Sektenmitgliedern berichtet Singer, wie mehrere große Konzentrationsschwierigkeiten hatten.

Sie haben oft Probleme damit, in Bezug auf praktische Bedürfnisse konkret zu sein.

- Unkritische Passivität. Viele ehemalige Sektenmitglieder sind nicht in der Lage, kritisch zu denken. Sie empfinden es als das Einfachste, zuzuhören, zu glauben und gehorsam zu sein.

- Angst vor der Sekte. Eine Sekte zu verlassen hat oft gewisse Drohungen zur Folge. Man fürchtet sich davor, vom Leiter aufgesucht zu werden. Einige erleben, daß man ihnen mit Krankheiten und Unfällen droht, wenn sie nicht zur Sekte zurückkehren. Das bewirkt einen starken psychischen Druck.

- Der "Aquarium-Effekt". Das dauernde Gefühl, von der Familie und den Freunden überwacht und gesehen zu werden, kann für viele aufreibend sein. Es führt auch dazu, daß man übertrieben mißtrauisch werden kann.

- Das Problem, zu erklären und verstanden zu werden. Es ist nicht leicht zu erklären, warum man einer Sekte beigetreten ist. Auch der Einfluß, dem man ausgesetzt war, ist schwierig zu erklären. Aber das Schwierigste ist es vielleicht, zu erklären, warum man nicht früher mit der Sekte gebrochen hat.

- Schuldgefühle. Ehemaligen Sektenmitgliedern zufolge fühlen diese, daß sie an betrügerischen Aktivitäten teilgenommen haben. Das betrifft vor allem das Geldsammeln und das Rekrutieren. Viele fühlen sich schuldig für das, was sie getan oder gesagt haben.

Diese Liste kann als eine Art Symptombeschreibung dienen und eine große Hilfe sein, wenn wir uns ein Bild davon machen wollen, welche Art von Erfahrungen Leute aus dem Sektenmilieu mit sich bringen. Die Gefahr der Verallgemeinerung besteht. Nicht alle reagieren im gleichen Milieu auf gleiche Art. Meiner Meinung nach ist daher bezüglich einer solchen Symptomliste eine gewisse Nüchternheit notwendig. Zugleich gibt uns diese aber eine Beschreibung der schädlichen Auswirkungen, welche religiöses Sektierertum dem Einzelnen zufügen kann...<

ZurIndexseite