Annotationen zu den Zeugen Jehovas
Liberale Zeugen Jehovas?
Einige
Zeugen Jehovas, aber auch insbesondere auch Ex-ZJ sagen von sich, dass sie sich
zum „liberalen Flügel" zählten. Nun, da sie es zwischenzeitlich vorgezogen
haben, der Wachtturmgesellschaft „Ade" zu sagen, wird zugleich auch ein
Kommentar dazu abgeliefert, wie es um die Durchsetzungsfähigkeit von „liberalen"
Positionen bei den Zeugen Jehovas bestellt ist.
Drohend auch der Ton jener Aussage eines WTG-Funktionärs
anläßlich eines Zeugen Jehovas-Kongresses, der in einer Fernsehsendung
("Kontraste", ARD-Fernsehen, 11. 3. 2004) mit der Aussage präsentiert wird:
"Und sollte es unter den Gliedern der großen Volksmenge
jemanden geben, der einen notorischen Geist eines Nörglers oder Besserwissers
verkörpert, jemand der meint, die theokratische Organisation von unten
umgestalten zu müssen, dann sollte er sich ändern, wenn er weiter ein Gast im
Zelte bleiben möchte."
Wenn es in der
Führungsspitze je Ansätze für Liberalität gegeben haben sollte, dann wurden sie
wie das Beispiel Raymond Franz belegt, früher oder später dort hinaus geekelt.
Jedenfalls eine echte Hausmacht haben die Liberalen dort bis heute nicht.
Jehovas Zeugen sind im
allgemeinen nur auf sich konzentriert. Das was anderswo, außerhalb ihrer Reihen
passierte, nehmen sie bestenfalls beiläufig zur Kenntnis. Insbesondere aber auch
nur dann, wenn es sich irgendwie propagandistisch in ihr Weltbild einfügen
lässt. Was darüber hinaus geht, fällt bei ihnen durchs Raster und landet im
großen Topf des nicht wahrgenommenen.
Es ist sicher kein Zufall,
dass innerhalb der Zeugenorganisation, es keinerlei theologische oder
kirchengeschichtliche Literatur gibt, die mit bestimmten Autorennamen verbunden
ist, wie das anderswo gang und gebe ist. Bei den Zeugen Jehovas gibt es nur den
von oben verordneten anonymen Lehrbrei der WTG-Literatur. Keiner der dortigen
Schreiber tritt mit seinem Namen für das gesagte ein. Keiner stellt sich damit
aber auch der öffentlichen Kritik.
Eine Ausnahme mag vielleicht
darin zu sehen sein, dass im Zusammenhang mit der ZJ-Geschichtsschreibung die
Zeit 33-45 betreffend, nunmehr auch vereinzelte Stellungnahmen nachweisbar sind,
die personenbezogen sind. Aber auch hier gilt: Eine Schwalbe macht noch keinen
Sommer!
Die Frage liberales
Christentum kontra konservatives ist eine Frage, die schon geschichtliche Wellen
geschlagen hat. Im 19. Jahrhundert war beispielsweise die Evangelische Kirche in
ihrer überwiegenden Mehrheit eine konservative. Dann geschah etwas, was die
Situation änderte. Einzelne Kritiker meldeten sich in ihr zu Wort. Bahnbrechend
war in dieser Beziehung beispielsweise David Friedrich Strauß (1806-74).
Insbesondere mit seinem 1835/36 erschienenen zweibändigen „Leben Jesu kritisch
bearbeitet."
Strauß hatte mit seinen
Ausführungen in ein Wespennest gestochen. Er lernte die ohnmächtige Wut jener
noch kennen, denen seine Thesen nicht passten. Heute ist jenes Buch nicht mehr
als Neuauflage erhältlich. Man ist also auf Bibliotheksbestände angewiesen.
Trotzdem zog es seine Kreise. Alle nachfolgenden ernst zu nehmenden
Kirchenhistoriker sahen sich genötigt, sich mit ihm auseinanderzusetzen, und sei
es auch nur in indirekter Form.
Der nächste namhafte, der
das konservative Christentum in eine tiefe Krise hineinstürzte war Ludwig
Feuerbach (1804-72) mit seinem Hauptwerk „Das Wesen des Christentums". Nach
diesen beiden Genannten, war nachher nichts mehr so wie vorher. Die Diskussion
kulminierte dahin, dass die Frage gestellt wurde, beispielsweise von David
Friedrich Strauß: „Sind wir noch Christen?"
Wie von der Tarantel
gestochen, versuchten die Gegenkritiker alles aufzubieten um diese „ungeheure
Provokation" unwirksam zu machen. Nicht mehr Christen zu sein - dass ging ihnen
den doch zu weit. Zumal ja auch ihre materielle Existenz mit dem Christentum
verbunden war und ist. Also Christen wollten sie unter allen Umständen weiter
sein - wenn auch Christen von etwas fragwürdiger Art.
Das ganze lief dann darauf
hinaus, dass man hinter vorgehaltener Hand zugab, dass Strauß und Feuerbach wohl
so unrecht nicht hätten. Misslich daran sei nur, dass man damit keine Gemeinden,
sprich das Fußvolk, motivieren könne. Also wurde der ganze Professionale Apparat
in Aktion gesetzt nur um eine Frage zu bestätigen. Nämlich die, dass man im
eigenen Selbstverständnis weiter Christ sei. Hinter Strauß und Feuerbach, konnte
man ohne Not nicht mehr zurück gehen. Also wurden sie widerwillig rezipiert,
mehr noch verschwiegen. Aber man entdeckte eine neue wesentliche Stütze als
Ersatz dafür.
Nämlich, dass das
herkömmliche Christentum zugleich auch eine Kulturstütze war und ist. Und damit
hatte man den neuen Trostbonbon entdeckt. Wenn man auch nicht mehr Christ der
konservativen Art war und sein konnte, so doch Christ, der fest im Kulturleben
integriert ist. Mehr noch: Man war auch gegenüber politischen Zeitströmungen
nunmehr aufgeschlossen. Ja man mischte selbst kräftig darin mit. War politisch
Nationalismus und auch Antisemitismus angesagt. Kein Problem für die
„Kulturchristen". Man war selbiges auch, ging teilweise diesbezüglich führend
voran.
Fassungslos stand eine
andere politische Kraft, die zur selbigen Zeit etwa aufgekommen war, diesem
Phänomen gegenüber. Und zwar die historische Sozialdemokratie. Die
Fassungslosigkeit der damaligen Sozialdemokratie gegenüber diesen
„Kulturchristen mit politischen Ambitionen", nahm immer mehr die Form der
offenen Gegnerschaft an. So offen, dass einer ihrer Wortführer mal das Bonmot
prägte:
„Der sogenannte gute Kern im
Christentum, den Sie, aber ich nicht darin finde, ist nicht christlich, sondern
allgemein menschlich, und was das Christentum eigentlich bildet, der Lehren- und
Dogmenkram, ist der Menschheit feindlich."
Damit waren die Graben
aufgerissen, wie sie tiefer nicht sein konnten. Die Polarisierung nahm immer
mehr die Formen der politischen Polarisierung an. Einerseits die konservative
Politik, die sich des Christentums als Mäntelchen bediente. Und letztes hatte zu
nichts mehr Kraft, als wie nur noch als politisches Mittel zum Zweck zu sein.
Und auf der anderen Seite jene, die die konservative Politik zutiefst verneinten
und zugleich damit auch das vermeintliche Christentum.
Es gab keine Einigung in
diesem Streit. Es gab nur eine Ende mit Schrecken. Die Koalition konservative
Politik/Christentum setzte sich durch. Sie setzte durch, dass sie für den
vermeintlich zu beanspruchenden „Platz an der Sonne" maßgeblich mit in den
Ersten Weltkrieg eintrat.
Auch danach waren die
vorgenannten Konflikte keineswegs aus der Welt geräumt. Hitler machte sich zum
erneuten Fürsprecher der Konservativen und auch die Christen unter ihnen folgten
ihm. …
Letztlich spiegelt sich
diese Geschichtlichkeit in verbrämter Form auch in den historischen Thesen der
damaligen Ernsten Bibelforscher wieder. Man weiß, dass sie inzwischen auch
einige Wandlungen durchgemacht haben. Die mit am interessantesten zu bewertende
Frage ist dabei auch die, wird es je bei den Zeugen Jehovas, auf der
institutionellen Ebene eine ernst zu nehmende liberale Strömung mit
Gestaltungskraft geben?
Sollte es je dazu kommen,
wird man vielleicht im Rückblick späterer Jahrhunderte doch noch konstatieren
können:
Das allen Unkenrufen zum
Trotz, mit Modifikationen, Geschichte sich doch wiederholt!
Zum mit genannten
David Friedrich Strauss; siehe auch:
http://forum.mysnip.de/read.php?27094,24996,24998#msg-24998
Dort der Eintrag vom 04. April 2009 02:17
(Dortselbst auch Linkhinweise bezüglich (nunmehr) im Internet erreichbare
Volltexte von David Friedrich Strauss.
Exkurs
(zwar nicht direkt zum Thema gehörend, indirekt wohl schon)
Vielleicht terminlich "passend", begegnet man in der "Erwachet!"-Ausgabe
vom 22. 12. 1958, gleich zwei Artikeln zum Thema Weihnachten.
Der eine von ihn bemüht unter anderem den Kirchenschriftsteller Origenes von
Alexandrien, der so jedenfalls "Erwachet!", auch geschrieben haben soll:
daß nach der Heiligen
Schrift nur Sünder, keine Heiligen, ihren Geburtstag feierten. In 1. Mose 40:20
wird berichtet, daß Pharao anläßlich seines Geburtstages seinen Bäcker hängen
ließ. Und der böse König Herodes gab an seinem Geburtstage, über den in Matthäus
14:6 berichtet wird, den Befehl, Johannes den Täufer zu enthaupten."
Ende der Durchsage in Sachen Origenes bei "Erwachet!". Keine
Quellenangabe, kein ausgewiesenes wörtliches Zitat.
Nun mag es ja sein, dass wird ja nicht in Abrede gestellt, dass der inzwischen
schon lange verstorbene Herr Origenes, auch diese Auffassung vertrat. Vertrat er
nur diese Meinung? Oder hatte er noch ein paar andere Meinungen, welche heute
noch die "Steinzeit-Archäologen", die da auf den Namen Theologen zu hören
pflegen, beschäftigen?
Offenbar ja. Das
Biographisch-Bibliographische Kirchenlexikon
etwa, definiert ihn als den bedeutendsten Theologen der Gesamtkirche, vor
Augustinus.
Und noch etwas erfährt man. Er gilt als Begründer des "dreifachen Schriftsinns".
Da ist er ja auch für die WTG interessant, hochinteressant. Denn wo es nichts
mehr auszulegen gibt, wird halt etwas "untergelegt".
Und ohne allegorische Kaffeesatz-Auslegung, wäre wohl auch die WTG-Religion
nicht das, was sie denn ist. Insofern macht die Berufung auf ihn, schon einen
gewissen Sinn.
Allerdings, dürfte sich der Wert des Origenes für die WTG, und wohl nicht nur
für sie, in Grenzen halten.
Dafür steht etwa der Satz in der
Wikipedia
"Origenes wurde zu seinen Lebzeiten nie
verurteilt, seine Theologie war jedoch schon immer umstritten. Bis heute wurde
ihm von den Kirchen kein Status als Kirchenlehrer zuerkannt."
Und in dem grundsätzlichen
Richtungsstreit, welcher der Phase des Urchristentums folgte, findet man
besagten Origenes zunehmend auf der Seite der Gegner des Chiliasmus.
Also übersteigerte Naherwartung "Made in 1975", war wohl mit Herrn Origenes
nicht zu machen. Wohl aber das Schwadronieren über ein mehr allgemein gehaltenes
"Jenseits".
Immerhin Kirchengeschichtlich bedeutsam ist er wohl auch mit seiner
Streitschrift gegen den antiken Christentumskritiker
Celsus, dessen Werke die
siegreiche Kirche zu vernichten pflegte.
Das was man heute noch von und über Celsus weis, basiert in hohem Maße auf Grund
der Überlieferung des Origenes.
Was die Intention des Origenes anbelangt, so ist wohl schon der Titel einer
seiner Schriften (Bibliothek der Kirchenväter) aussagekräftig, der da lautet
"Ermahnung zum Martyrium".
Das muss man sich denn doch mal auf der Zunge zergehen lassen. Kraft seiner
Wassersuppe wähnte er seine Interpretation des Christentums, in dieser
Überschrift, wiedergespiegelt!
In selbiger meint er etwa mit den Worten schwadronieren zu sollen:
"Mit ganzer Seele" aber wird, wie ich (Origenes)
glaube Gott von denjenigen geliebt, die aus dringendem Verlangen nach der
Gemeinschaft mit Gott ihre Seele nicht nur von dem irdischen Körper ... die
sogar ohne Umschweife und Schwankungen den "Leib der Erniedrigung" abzulegen
imstande sind, sobald sich Gelegenheit bietet ..."!
Was er denn mit dieser geschraubten
Schreibweise zum Ausdruck bringen will, macht wohl schon der zitierte Titel
dieser Origenes-Schrift deutlich.
Den chilastischen Narren jubelt er nicht mehr zu, wie bereits festgestellt. Ergo
muss "Ersatz" her (sprich das Jenseits). Und die Hinbeförderung dorthin, kann
ihm wohl offenbar nicht schnell genug gehen!
Charakteristisch ist auch sein Satz in dergleichen Schrift:
"Auch dies ist für die vorliegende Sache
von Nutzen. Indem "Prediger" sagt Salomo: "Ich pries glücklich alle die Toten
mehr als die Lebenden, soviel noch bis jetzt am Leben sind."
Seine Anti-Geburtags-Polemik ordnet
sich letztendlich diesem Kontext ein.
Auch der der sozialistischen Strömung zuzuordnende
August Bebel hatte wohl über
diesen Origenes keine sonderlich gute Meinung. Jedenfalls muss man diesen
Eindruck gewinnen, wenn Bebel ihn mit den Worten in seinem Buch
Die Frau und der Sozialismus
zitiert:
"Origenes erklärt: "Die Ehe ist etwas
Unheiliges und Unreines, Mittel der Sinnenlust", und um der Versuchung zu
entgehen, entmannte er sich."
Nun kann ich wohl nicht sagen, alle
Facetten dieses Origenes zu kennen. Aber einige Bücher der Theologen, habe ich
wohl gelesen. Und in keinem dieser habe ich einen Widerspruch zu der zitierten
Bebel'schen Aussage registriert. Ergo wird selbiger wohl kaum falsch zitiert
haben.
Wer diesbezüglich anderer Meinung sein sollte, wäre Beweispflichtig!
Und Leute die da diesen Origenes als Autorität für sich hinstellen, wissen nicht
wovon sie eigentlich reden!
Exkurs:
Origenes über Celsus
In meiner Sicht handelt es sich bei dem Origenes um den Typus eines (wie ich es
denn formulieren würde), frühen „Kulturchristen".
Von den Chiliasten die ja in seiner Ahnengalerie fest verankert sind, setzt er
sich schon mal ab. Aber in „dezenten" Formen.
Er vermeidet die offensive Konfrontation mit den der Endzeit Zufiebernden,
dieweil er sich (mittlerweile) auf der Basis der Allegorisierung, ihnen
überlegen fühlt. Die einmal gegründete „Firma", solle, müsse (in seiner Sicht)
weiterlaufen.
So meint er sich dem Celsus etwa mit der Aussage überlegen:
„Jeder der von Celsus aufgestellten
Behauptungen, die keinen Gläubigen in seiner Überzeugung wankend machen können."
Der Satz könnte eigentlich auch aus
der Neuzeit stammen.
Weiter wirft er Celsus vor:
„Er zieht zum Vergleiche "Leute heran, die
Bettelpriestern und Zeichendeutern unvernünftig Glauben schenken."
Und dass kann es deshalb sagen, weil
er ja für sich, den Chiliasten schon mal den Laufpass gegeben hat.
Weiter liest man bei Origenes:
„Im folgenden will
Celsus versteckterweise den Bericht des Moses von der Erschaffung der Welt
angreifen, nach welchem "die Welt noch nicht zehntausend Jahre alt sei, sondern
weit dahinter zurückbleibe"; er verhehlt zwar seine Ansicht, doch tritt er denen
bei, die die Welt für "unerschaffen" erklären. Denn seine Bemerkung, "seit
uralter Zeit habe es viele Weltbrände und viele Überflutungen gegeben und die
Überschwemmung unter Deukalion sei jünger und eben erst eingetreten", läßt für
die, welche seine Worte zu verstehen vermögen, deutlich erkennen, dass die Welt
nach seiner Ansicht "unerschaffen" sei. Der Ankläger des Christenglaubens mag
uns nun sagen, durch welche Beweisgründe er zu der Annahme genötigt worden ist,
dass "viele Weltbrände und viele Überschwemmungen" stattgefunden haben, "seine
Worte" für "leere Fabeln" angesehen, "die nicht einmal, allegorische Auslegung
zulassen"; denn dies scheint dem Celsus und den Epikureern richtig zu sein."
Auch diese Aussage liegt ja denn auf der Ebene, dass
Origenes sich für seine Person, schon von den Chiliasten abgenabelt hat. Sein
„Geheimjoker" dabei „allegorische Auslegung".
Celsus polemisiert in hohem Maße noch gegen die Chiliasten. Deshalb meint
Origenes, sich durch seine Argumentation nicht „getroffen" fühlen zu brauchen.
Auch die nachfolgende Aussage existziert wohl nur via der Origenes'schen
Celsus-Rezeption:
Zitat:
"Die Mutter Jesu sei von dem Zimmermann,
mit dem sie verlobt war, verstoßen worden, weil sie des Ehebruchs überführt
worden sei und von einem Soldaten namens Panthera, geboren habe".
Nun wird man solcherlei Thesen, mangels anderer
authentischer Belege, im Nachhinein weder bestätigen noch dementieren können.
Ergo wähnt Origenes:
„Und es war folgerichtig, dass die Leute,
die die wunderbare Geburt Jesu nicht gelten lassen wollten, irgendeine Lüge
ausdachten. Sie verfuhren aber dabei mit wenig Geschick: sie machten nämlich die
Beobachtung, dass nicht von Joseph die Jungfrau Jesus empfangen habe. Darum
mußten alle Leute, welche Erdichtungen zu erkennen und zu widerlegen vermögen,
ihre Lüge bemerken."
Bemerkenswert bei seiner Verteidigung ist auch, dass
eben auch Origenes sich auf die Linie zurückzieht:
„Wer aber tiefer in solche Untersuchungen
eindringt, wird sagen: Es gibt, wie die Schrift sich
ausdrückt, eine gewisse generelle "göttliche Erkenntnis", die nur der Selige "zu
finden" weiß.."
Dann muss man wohl auch noch den soziologischen
Aspekt in die Betrachtung mit einbeziehen. Dem Celsus wirft Origenes auch vor:
„Hierauf sagt Celsus, der nicht einmal die
Zahl der Apostel kennt: " Jesus habe zehn oder elf verrufene Menschen an sich
gefesselt, ganz nichtswürdige Zöllner und Schiffer; mit diesen sei es
dann hierhin und dorthin weggelaufen und habe sich schimpflich und kümmerlich
Lebensunterhalt verschafft"."
Weiter verteidigt sich Origenes mit der Aussage:
„Unwahr ist auch die Behauptung, dass die
Lehrer des göttlichen Wortes "nur einfältige, gemeine und stumpfsinnige
Menschen, und nur Sklaven, Weiber und Kinder überreden wollen". Es ist wahr,
unsere Lehre wendet sich an solche Personen, um sie zu bessern; sie will aber
auch die gewinnen, die von diesen sehr verschieden sind.
Hier offenbart sich eben das wesentliche Kriterium.
Die erste Generation, der vom Christentum Angesprochenen, waren in hohem Maße
sozial Deklassierte.
Der Celsus ist offenbar eher auf der Gegenseite ansiedelbar, den „Etablierten".
Insofern redet man, da man die soziologischen Gegebenheiten, nicht ausführlichst
thematisiert, „allerkräftigst" an einander vorbei.
Bemerkenswert auch die Origenes'sche Wendung:
„so werden wir unsere Hauptlehre von der
Seele zu beweisen haben,"
Da erinnert man sich, selbige pflegten doch Herr
Russell und Nachfolger zu bestreiten. Offenbar sah das aber (schon?) der Herr
Origenes anders, was ja wiederum dergestalt Sinn macht.
Den Chiliasmus hatte er aufs „Altenteil" verabschiedet, und durch die
Jenseitsorientierung ersetzt.
Und für selbige ist sicherlich auch die Seelenlehre brauchbar!
An einer Stelle wirft Origenes dem Celsus dann noch vor:
„Celsus, wie es scheint, aus dem Buche
Henoch anführt, ohne es
verstanden zu haben."
Nun besagt diese Passage isoliert betrachtet, nicht
allzuviel.
Aber indirekt dokumentiert damit auch Origenes, was für Schriften noch zu seiner
Zeit im Umlauf waren, die eben nicht den Eingang in den von der siegreichen
selektierten Bibelkanon heutiger Prägung fanden.
Weiter geht es da bei Origenes noch mit der Aussage:
„Niemand also kann uns "nachweisen", dass
wir "lügen" und uns in solche "Widersprüche" verwickeln: unser Heiland "sei
allein gekommen", und zwar nachdem viele "andere häufig gekommen sind". In ganz
verworrener Weise aber führt Celsus da, wo er die Engel mustert, die zu den
Menschen gekommen sind, übel verstandene Stellen aus dem Buche Henoch an. Er
scheint diese selbst gar nicht gelesen zu haben und auch nicht zu wissen, dass
die dem Henoch beigelegten Schriften in den Gemeinden gar nicht als göttlich
angesehen werden. Aus diesen dürfte er wohl seine Behauptung entnommen haben,
dass "sechzig oder siebenzig auf einmal" herabgestiegen seien, die "böse
geworden wären"
Ein neuralgischer Punkt, wird in den Ausführungen des
Origenes auch noch mit angesprochen, und zwar der Militärdienst. Diesbezüglich
„windet" er sich mit den Worten:
„Ferner könnten wir
den Gegnern unseres Glaubens, die von uns verlangen, daß wir die Waffen für das
allgemeine Beste tragen und Feinde niedermachen sollen, auch diese Antwort
geben:
Eure eigenen Priester, die für gewisse Götterbilder zu sorgen haben, und die
Tempeldiener derjenigen, die ihr für Götter haltet, dürfen der Opfer wegen ihre
Rechte nicht beflecken, damit sie mit reinen Händen, an denen kein Menschenblut
haftet, euren Göttern die herkömmlichen Opfer darbringen können; und wenn ein
Krieg ausbricht, so macht ihr doch wohl nicht auch die Priester zu Soldaten.
Wenn dies nun mit gutem Grunde geschieht, um wieviel mehr wird es dann
vernünftig sein, daß die Christen, während die andern zu Felde ziehen, als
Priester und Diener Gottes an dem Feldzuge teilnehmen, indem sie ihre Hände rein
bewahren und mit ihren an Gott gerichteten Gebeten für die gerechte Sache und
deren Verteidiger und für den rechtmäßigen Herrscher kämpfen, damit alles
vernichtet werde, was sich der guten Sache und ihren Verteidigern feindlich
widersetzt!
Wir vernichten aber mit unseren Gebeten auch alle Dämonen, welche die
kriegerischen Unternehmungen anstiften und Eide brechen und den Frieden stören,
und helfen dadurch den Herrschern mehr als die Personen, welche äußerlich zu
Felde ziehen. "Wir mühen uns" aber für die gemeinsamen Angelegenheiten "ab",
indem wir unserer Gebete, die wir nach Schuldigkeit Gott darbringen, mit Übungen
und Betrachtungen verbinden, die uns lehren, die Vergnügungen zu verachten und
uns von ihnen nicht fortreißen zu lassen. "Wir kämpfen" sogar mehr "für den
Kaiser"; und wenn wir auch nicht "mit ihm ins Feld rücken", "sobald die Not es
fordert", so ziehen wir doch für ihn zu Felde, indem wir ein besonderes
Kriegsheer der Frömmigkeit durch die an die Gottheit gerichteten Fürbitten
zusammenbringen."
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