Informationen über den Informationsdienst der Zeugen Jehovas

Inhalt


  1. Wie eine religiöse Gemeinschaft versucht ein besseres Image zu bekommen
  2. Was macht der Informationsdienst der Zeugen Jehovas?
    1. - Material sammeln
    2. - Kontakte pflegen
    3. - Journalisten kontaktieren
    4. - Repräsentanten bestimmen
  3. Zielrichtung der PR der Zeugen Jehovas
    1. - Lokale und überregionale Presse, Zeitschriften und Buchverlage
    2. - Rundfunk und Fersehen
    3. - Behörden und Ministerien
    4. - Schulen und Bibliotheken
    5. - Gedenkstätten und Museen
    6. - Politiker (Enquete-Kommission)
  4. Der Umgang mit dem Internet



Der Informationsdienst der Zeugen Jehovas

oder: Wie eine religiöse Gemeinschaft versucht ein besseres Image zu bekommen

In den letzten zwei Jahren hat sich bei den Zeugen Jehovas fast unbemerkt von den Medien ein Wandel im Umgang mit der Öffentlichkeit vollzogen. 1982 wurde die Wachtturmgesellschaft von einem „Time“-Reporter noch als „heimlichtuerisch“ bezeichnet. Es war damals völlig normal, dass Anfragen von Journalisten an die Gesellschaft meist kommentarlos abgewiesen wurden. Diese mussten sich ihre Informationen dann von Aussteigern und Kritikern holen. So entstand eine ablehnende Haltung der Zeugen Jehovas gegenüber der Presse, die nicht nur durch die Lehre und Weltabgewandtheit zu erklären ist.


Auf diesem Hintergrund ist die Aussage zu sehen, die der Wachtturm Bauleiter Westphal vor einer Ältesten-Versammlung in Berlin machte: „Wir dürfen Pressevertretern kein Vertrauen schenken. Sie können nichts für uns tun. Wir brauchen sie nicht. Wir lassen auch Fernsehsendungen platzen, wenn es darauf ankommt, wenn man nicht die Bedingungen erfüllt, die wir stellen.“
Auch im persönlichen Gespräch wurde immer wieder deutlich, wie enttäuscht die Zeugen Jehovas von der meist negativen Berichterstattung in den Medien sind. Es wird sogar von „[...] massiven Falschdarstellungen und Fehlinformationen durch die Medien [...]“ gesprochen. Die Medien allgemein, einzelne Journalisten und vor allem Aussteiger und Kritiker werden als Grund für das schlechte Image der Zeugen Jehovas in Deutschland gesehen. So werden einzelne Kritiker als „Schürer“ bezeichnet, die kriminellen Handlungen gegen die Zeugen Jehovas Vorschub leisten. So sah lange Zeit das Verhältnis zur Öffentlichkeit aus, man empfand sich als verfolgtes Gottesvolk, dass anecken muss, da auch Jesus verfolgt wurde und er Verfolgung für seine Gläubigen angekündigt hatte. Zeugen Jehovas konnten sich als Märtyrer ihres Glaubens verstehen, die von der öffentlichen Meinung missverstanden wurden. Kurz gesagt, das schlechte Image wurde theologisch gedeutet und als Bestätigung für die Wahrheit ihres Glaubens gesehen.
Auch Prof. Christian Link von der Universität Erlangen spricht in seinem Rechtsgutachten über die Zeugen Jehovas von einem gespannten Verhältnis der Gruppe zur Öffentlichkeit. Er schreibt, dass „[...] die Gesellschaft ihr Wirken teils hinter einem Schleier des Geheimnisses verbirgt und dass sie sich im Umgang mit der Wahrheit zur Maxime der ‘theokratischen Kriegslist’ bekennt.“ Dies verdeutlicht ein Zitat aus dem „Wachtturm“: „Die Wahrheit einem Feinde zu verhehlen, der kein Anrecht hat, sie zu wissen, schadet ihm nichts, und das ist besonders dann angebracht, wenn er die Auskunft dazu benutzen würde, Unschuldigen Schaden zuzufügen.“


Eine erstaunliche Wandlung, die Zeugen Jehovas betreiben Öffentlichkeitsarbeit.

Auf diesem Hintergrund fand in den letzten zwei Jahren eine erstaunliche Wandlung und Öffnung der Zeugen Jehovas statt, die vor allem mit dem sog. „Informationsdienst“ verbunden ist. Am 5.1.1996 wurde in Selters eine Kommission gegründet, die das weitere Vorgehen in Richtung einer veränderten Öffentlichkeitsarbeit planen sollte. Als erstes Ergebnis wurde am 13.3.1996 ein Brief an alle Ältestenschaften, den Versammlungsleitern, in Deutschland verschickt, in dem intern der Informationsdienst vorgestellt und um Mithilfe gebeten wurde. Es ist nicht völlig klar, inwieweit Brooklyn für diese Aktivität verantwortlich ist. Dort gibt es ein „public affairs office“ was eigentlich als weltweites Sprachrohr der Zeugen Jehovas gelten kann, so dass keine Notwendigkeit für einen regionalen Informationsdienst bestand. M. J, Leiter des regionalen Informationsdienstes in Sachsen, spricht davon, dass der Informationsdienst Anfang 1996 weltweit gegründet wurde, bevor er sich auf Landesebene organisierte. Von Seiten der Zeugen Jehovas wird gesagt, dass der Anstoss für die neue Art der Öffentlichkeitsarbeit von aussen kam. Angefangen mit der Aufarbeitung der Verfolgung im Dritten Reich, die vom Holocaust Museum in New York und der KZ-Gedenkstätte Neuengamme aufgegriffen wurde und weiter mit dem gestiegenen Interesse der Öffentlichkeit an den Zeugen Jehovas durch Gerichtsurteile zum Körperschaftsrecht. Das sind nun aber beides speziell deutsche Themen, die in der Art und Weise weltweit nicht von Bedeutung sein sollten. Deshalb ist davon auszugehen, dass die Initiative für die Bildung eines Informationsdienstes von Selters ausging.

Der Informationsdienst ist zentralistisch aufgebaut, wie die ganze Wachtturmgesellschaft. Die deutsche Zentrale liegt in Niederselters. Dort arbeiten 18 Leute für den Informationsdienst, davon aber nicht alle mit einer 100%-Stelle. In ganz Deutschland gibt es 22 regionale Stellen, und vor Ort in den einzelnen Versammlungen sind auch noch Zeugen Jehovas aktiv für eine neue Öffentlichkeitsarbeit. Insgesamt sind es 573 Mitarbeiter, die allerdings unterschiedlich verteilt sind, recht dicht in Württemberg und schwächer in Thüringen. Das alles sind Ehrenamtliche, die die Arbeit neben ihren sonstigen Diensten für die Zeugen Jehovas und ihren normalen Berufen machen. Sie sind auch für den finanziellen Aufwand selbst zuständig.


Was macht der Informationsdienst der Zeugen Jehovas?

Die einzelnen Aufgaben sind recht unterschiedlich und zeigen ein breites Spektrum, für das sich der Informationsdienst zuständig fühlt. In dem schon angesprochenen internen Brief vom 13.3.1996 werden diese unterschiedlichen Arbeitsformen angesprochen und die einzelnen Versammlungen vor Ort gebeten, direkt fähige Brüder und Schwestern für diese Jobs zu benennen. Es sind vier Bereiche:


Material sammeln


1. Die Sammlung von Veröffentlichungen über die Zeugen Jehovas wird als erster Punkt genannt und ausführlich beschrieben. „Wir sind daran interessiert, über die in der Medienwelt erscheinenden Nachrichten oder Berichte bezüglich unseres Werkes oder damit in Verbindung stehende Entwicklungen im religiösen Bereich informiert zu werden, um je nach Notwendigkeit entsprechend reagieren zu können.“ Gesucht werden vorbildliche Zeugen Jehovas, die Zeitungen abonniert haben. Sie sollen nach einem vorgegebenen Muster Zeitungsartikel nach Selters einsenden oder auf Radio- und Fernsehberichte aufmerksam machen. In Selters werden diese Zusendungen sorgfältig sortiert und statistisch erfasst. Jeden Tag geht eine dicke Mappe, von schätzungsweise 100 Artikeln ein, die aber nicht alle mit den Zeugen Jehovas direkt zu tun haben. Die Erfassung geschieht nach Kategorien (positive, neutrale, negative Berichterstattung ), nach Stichworten (Standhaft-Video, Königreichssaalbauten, Sektenbeauftragte, Familienbroschüre, etc.) und nach Namen von Kritikern oder Personen des öffentlichen Lebens.

Die Statistiken bieten den Zeugen Jehovas Orientierung und sollen den Erfolg des Informationsdienstes belegen. Das ist ein ganz normaler Vorgang, der sogar bei einer professionellen Öffentlichkeitsarbeit gefordert ist und dort unter das Stichwort „Erfolgskontrolle“ fällt. Solche internen Statistiken waren in den Händen des Autors, wurden aber von Seiten der Zeugen Jehovas wieder zurückgezogen, weil sie falsch ausgelegt werden könnten. Andere Zahlen sind aber an die Öffentlichkeit gelangt und sie scheinen den Erfolg des Informationsdienstes zu belegen. Herr Wolfram Slupina, stellvertretender Leiter des Informationsdienstes, spricht von immensen Steigerungsraten von positiven Artikeln über die Zeugen Jehovas seit es den Informationsdienst gibt. Im Januar 1996 wurden neun, im Februar acht positive Artikel gezählt, ein Jahr später aber schon 255 bzw. 124 positive Artikel. Weitere Zahlen, die vom Informationsdienst dem Autor zur Verfügung gestellt wurden, bestätigen das: 409 negative Artikel im Jahr 1996, 504 ein Jahr später, 565 positive und neutrale Artikel 1996 und 3163 im Jahr 1997. Das ist ganz eindeutig ein Erfolg der Arbeit des Informationsdienstes, darf aber nicht so verstanden werden, dass es nur daran liegt, dass die Zeitungsredaktionen jetzt Pressemeldungen aus Selters abdrucken. Die Steigerung der Zahlen liegt auch sicher daran, dass erst im Laufe des Jahres 1996 überhaupt eine Infrastruktur geschaffen wurde, die es ermöglichte deutschlandweit Artikel zu erfassen.

Vorher erreichten solche Meldungen Selters sicher nur sporadisch, deshalb wird man von wirklichen Erfolgen des Informationsdienstes im Placieren von positiven Meldungen erst nach statistischen Vergleichen in den folgenden Jahren sprechen können.
Die Statistik der einzelnen Themen der Artikel zeigt eindeutig ein Übergewicht bei der Berichterstattung über das „Standhaft-Video“ und daran angeschlossene Ausstellungen. Das ist eindeutig das Werk des Informationsdienstes, der dazu die Materialien an die Redaktionen geliefert hat. Das dürfte bei den Meldungen über die versuchte Erlangung der Körperschaftsrechte nicht der Fall gewesen sein. Dieser Themenkomplex war noch vor den Artikeln über Kongresse der Zeugen Jehovas der zweite wichtige Bereich in den Medien.


Kontakte pflegen
2. Die Kontaktaufnahme mit Personen des öffentlichen Lebens und ein reges Leserbriefschreiben ist ein weiteres Ziel des Informationsdienstes. Gesucht werden Zeugen, die „beruflich oder privat Kontakt mit Personen des öffentlichen Lebens haben und/oder sich schriftlich gewandt ausdrücken können. [...] Wir werden auf diese Personen bei Bedarf zurückkommen.“
Ziel dieser Massnahme ist es, ein dichtes Netz von möglichen Leserbriefschreibern zur Verfügung zu haben, um damit auf missliebige oder falsche Berichte zu reagieren. Es ist auffällig, dass tatsächlich in letzter Zeit vermehrt Leserbriefe, die offensichtlich von Zeugen Jehovas stammen, zu beobachten sind. Argumentation und Uniformität der Äusserungen lassen vermuten, dass sie zentral gesteuert werden, als Reaktion des Informationsdienstes auf unliebsame Berichterstattung über die Zeugen Jehovas. Bestätigt wird das durch die Aussage „[...] durch gezielte Leserbriefe gegen Falschaussagen [...]“ vorzugehen. Darüber hinaus soll es auch zu einem „[...] sofortigen Vorsprechen in den jeweiligen Redaktionen [...] oder einer telephonischen Kontaktaufnahme kommen.
Wie das beispielhaft funktioniert hat die dpa erfahren, als nach einer Meldung sogar „Druck“ aus Brooklyn kam und eine Berichtigung am nächsten Tag erschien. Gegen ein solches Vorgehen ist prinzipiell nichts einzuwenden, wenn aber in der Eigenbeschreibung diese Tätigkeit als „Druck ausüben“ bezeichnet wird, muss nach dem Wahrheitsverständnis und der Stellung zur Meinungsfreiheit dieser Gruppe gefragt werden.


Journalisten kontaktieren


3. Direkt werden Brüder und Schwestern angesprochen, die Kontakt zu Medienleuten haben oder selbst in den Medien arbeiten. Hier ist sicher der Wunsch nach direkten Einflussmöglichkeiten auf Berichterstattung über die Zeugen Jehovas gegeben. Die Zahl dieser Zeugen wird nicht sehr gross sein. Wie ein solcher Fall aussehen kann schildert Klaus-Dieter Pape, der sich mit einem Journalisten einer Tübinger Lokalzeitung auseinandersetzen musste.

Repräsentanten bestinmmen


4. Zuletzt werden auch Vertreter der Ältestenschaft gesucht, die als Repräsentanten der Zeugen Jehovas vor Ort fungieren können, die „...in Zusammenarbeit mit dem Informationsdienst in Selters als Repräsentanten der Gesellschaft gegenüber den Medienvertretern und anderen Vertretern des öffentlichen Lebens dienen. Dabei können auch junge Älteste wertvolle Dienste leisten, da ihre Gesprächspartner in Redaktionen oft in ihrem Alter sind.“ Diese Ältesten sind vor Ort Ansprechpartner für Journalisten und sollen auch zu einer Imageverbesserung beitragen. Die Zeugen Jehovas wollen weg vom Vorurteil der alten Herren Riege mit Schlips und Krawatte.
Insgesamt fällt auf, dass die Arbeit des Informationsdienstes von Ehrenamtlichen getragen wird. Das entspricht der Struktur der Zeugen Jehovas und senkt die Kosten, kann aber auch schnell destruktiv sein. Es bleibt ein Problem, dass die Repräsentanten der einzelnen Versammlungen keine Profis im Mediengeschäft sind, für den Informationsdienst aber mit Journalistinnen und Politikern zusammenarbeiten müssen. Selbst in der Zentrale in Selters kommen die meisten Mitarbeiterinnen des Informationsdienstes aus artfremden Berufen. Ihnen fehlt die Erfahrung in der PR, gerade hier besteht ein grosser Nachholbedarf, dem der Informationsdienst im Moment durch „learning by doing“ nachkommt.



Zielrichtung der PR der Zeugen Jehovas


Die Zielrichtung der Arbeit des Informationsdienstes ist auch recht deutlich und lässt sich in sechs Kategorien einteilen. Das sind die sog. Zielsysteme, die von der PR der Zeugen Jehovas angesprochen werden sollen. Sie sind nicht wahllos bestimmt, sondern in bezug auf einen Nutzen auf dem Weg zum Ziel der Imageverbesserung ausgewählt. Hier zeigt sich ganz deutlich die neue Orientierung der Öffentlichkeitsarbeit der Zeugen Jehovas, die nicht mehr primär missionarisch aktiv ist, sondern Imagearbeit geworden ist.



1. Lokale und überregionale Presse, Zeitschriften und Buchverlage.


Hier liegt der Schwerpunkt der Arbeit des Informationsdienstes. Das liegt daran, dass sich mit dieser Art von Öffentlichkeitsarbeit die Zeugen Jehovas am besten auskennen. Ihre Stärke liegt im Printbereich und deshalb können sie auch am besten mit den Formen des Subsystems Printmedien umgehen. Das belegen die vermehrten Artikel über die Zeugen Jehovas in der Presse.Die meisten Pressemeldungen gehen zentral von Selters aus an die zuständigen Brüder vor Ort. Diese versenden die Meldungen an die nächsten Regional- und Lokalzeitungen, bzw. auch Radio- und Fernsehsender. Aus der Zentrale direkt werden nur wenige überregionale Zeitungen und Fernsehstationen bedient. Das ist eine eigenartige Konstruktion des Informationsdienstes der Zeugen Jehovas. Pressemeldungen von Versammlungen vor Ort, zum Beispiel über lokale Feste, werden immer mit Selters zur Koordination abgestimmt. Dahinter verbirgt sich aber wieder die zentralistische Struktur der Zeugen Jehovas, die eine Kommunikation von unten nach aussen möglichst gering halten möchte. Ähnlich ist das Verhalten der Wachtturmgesellschaft in bezug auf das Internet zu erklären. Man kann es insofern verstehen, als dass der Informationsdienst wirklich einheitlich auftreten will. Dadurch geht aber jegliche Vielfältigkeit unter den Zeugen Jehovas, die es zweifelsohne gibt, verloren. Zu starr und zentralistisch von oben nach unten ist die Gesellschaft und mit ihr der Informationsdienst aufgebaut.

2. Rundfunk und Fernsehen

Hier tun sich die Zeugen Jehovas noch etwas schwer. Das liegt zum einen in ihrer Unerfahrenheit mit diesen Medien, seit den 50er Jahren gibt es keine Radioarbeit mehr, zum anderen aber auch in der Struktur der deutschen Rundfunklandschaft. Eine kleine religiöse Gruppierung hat es nicht leicht ihre Themen im Rundfunk unterzubringen, wenn religiöse Inhalte immer mehr schwinden und verwässern oder nur noch in sensationeller Form auftauchen, z.B. einer Teufelssekte. Auf diesem Hintergrund ist zu verstehen, dass sich die Zeugen Jehovas dafür interessieren nach Erlangung der Körperschaftsrechte Rundfunkräte selbst zu entsenden. Die Zeugen Jehovas nutzen die ihnen gebotenen Möglichkeiten, indem sie die Redaktionen anschreiben oder auch Sendeplätze in Offenen Kanälen belegen. Dort laufen dann die Videos der Wachtturmgesellschaft unzensiert und ohne sonstigen Kommentar.Im Rahmen des 27.1.1997, dem Gedenktag zur Befreiung des KZ Auschwitz, betratet der Informationsdienst Neuland, in der Form, dass erstmals ein vorgefertigten Radiobeitrag an Redaktionen versandt wurde. Der professionell gemachte 2:25-Minuten-Beitrag auf CD gepresst, nicht selbstverständlich für Promomaterial, erreichte die Sender mit umfangreichen Informationen zum Thema und zu den Zeugen Jehovas. Aus dem Bericht geht nicht hervor, dass er von Zeugen Jehovas gemacht wurde und sie werden auch nur beiläufig erwähnt. Lediglich der Abmoderationsvorschlag gibt einen versteckten Hinweis, weil hier auf ein Gewinnspiel hingewiesen wird, bei dem drei Anruferinnen das „Standhaft-Video“ gewinnen können. Im ganzen ein gelungenes Angebot vor allem für kleinere Radiosender, die sich keine grossen Redaktionen leisten können und mit solchem Promomaterial ihren Wortanteil im Programm aufrechterhalten. Nicht zu letzt die Aussicht auf eine Videoverlosung ist wirksam, da das eine kostenlose Hörerbindungsaktion für den Sender bedeutet. Einzuwenden ist allerdings, dass es sicherlich eine grundsätzlich kritische Haltung gegen Material von religiösen Gruppen und erst Recht von den Zeugen Jehovas unter Journalisten vorherrscht. Dieses Projekt ist klar als Versuch zu sehen, einer solchen Voreingenommenheit keine Angriffsfläche zu liefern. Leider gibt es noch keine Meldungen darüber, wie oft diese CD eingesetzt wurde.

3. Behörden und Ministerien

Auch über die Bürokratie soll eine Imageverbesserung durch Information, Aufklärung und ständige Präsenz, in der Art von aktuellen Informationen, erreicht werden. Primäres Ziel sind hier die Bildungs- und Schulministerien. Sicher werden auch Gesundheits- und Justizministerien von den Zeugen Jehovas Informationen bekommen, denn diese müssen neben Krankenhäusern und Ärzten als Ziel einer Kampagne zur Blutfrage gelten. Hierbei geht es um Aufklärung darüber, wie die Zeugen Jehovas zur Bluttransfusion stehen. Inhaltlich kann darauf an dieser Stelle nicht eingegangen werden, es sei nur erwähnt, dass dieses Thema das nächste schwerpunktmässige Arbeitsfeld des Informationsdienstes sein wird.Daran wird aber auch klar, wie der Informationsdienst arbeitet, indem er sich nicht in einer weit verzweigten inhaltlichen Arbeit verzettelt, sondern seine Ressourcen auf wenige Schwerpunktthemen focusiert und diese zu puschen versucht. Die Themen „Verfolgung im Dritten Reich“, „Verfolgung in der DDR“ und „Blutfrage“ können so in der Öffentlichkeit gesetzt und die Diskussion darüber massgeblich von den Zeugen Jehovas bestimmt werden. Diese einzelnen Themenfelder stehen aber nicht ohne Verbindung nebeneinander, die übergeordnete Strategie der Imageverbesserung umfasst sie.

4. Schulen und Bibliotheken

Der Dialog mit dem Bildungssystem wird intensiviert, befindet sich aber noch in seinen Anfängen. Bisher wurden fast nur Anfragen von Lehrern an die Zeugen Jehovas beantwortet. In Zukunft soll aber auch eigenes Unterrichtsmaterial entwickelt werden. Erste Pläne gibt es für eine verkürzte Schulversion des „Standhaft-Videos“ mit begleitenden Materialien, wie sie in Englisch schon erschienen ist. Die Versammlungen wurden im März 1997 aufgefordert im Telefonbuch nach Adressen von Schulen zu forschen, denen man dieses Video dann zuschicken kann. Eine flächendeckende Versorgung ist also geplant, vielleicht sogar mit anonymen Absender. Als positives Beispiel wird das schwedische Bildungsministerium aufgeführt, das eine Broschüre über verfolgte Gruppen im Dritten Reich herausgegeben hat, an dem die Zeugen Jehovas auch mitarbeiten durften. Ziel ist es wie jede andere religiöse Gruppe im Schulunterricht neutral und tolerant behandelt zu werden und nicht als Beispiel für Sekten in Unterrichtsbücher zu erscheinen. Da eine ausgebildete Lehrerin im Informationsdienst arbeitet, ist anzunehmen, dass sich in diesem Bereich noch einiges tun wird.

5. Gedenkstätten und Museen

Hier ist vor allem an Zusammenarbeit im Rahmen der Aufarbeitung der Verfolgung im Dritten Reich und in nächster Zeit auch der Unterdrückung der Zeugen Jehovas in der DDR gedacht. In den verschiedensten Gedenkstätten in Deutschland wurde das „Standhaft-Video“ präsentiert und die dazugehörige Ausstellung gezeigt, die von der Zentrale in Selters erstellt wurde, aber oft mit regionalen Bezügen ergänzt wird, z.B. in Ravensbrück (Premiere) Neuengamme, Bautzen (ehemaliges MfS-Gefängnis). Es kommt aber auch dazu, dass Mitarbeiter des Informationsdienstes Gedenkstätten besuchen, um in Erfahrung zu bringen, ob und wie dort die Verfolgung der Zeugen Jehovas präsentiert wird. Es ist anzunehmen, dass nach solchen Besuchen die Gedenkstätten beeinflusst werden, sich dieses Themas doch vermehrt anzunehmen, natürlich mit Material, das der Informationsdienst zur Verfügung stellt.Zu diesem Tätigkeitsfeld, sind auch zwei grosse Tagungen im Oktober 1997 auf der Wewelsburg bei Paderborn und in Frankfurt zu zählen. Hier wurden unten dem Titel „Geistiger Widerstand aus christlicher Überzeugung“ hochkarätige Historikerinnen und Vertreter der Zeugen Jehovas präsentiert, die über die Rolle der Zeugen im Dritten Reich diskutierten. Die Liste der Referenten liest sich wie das „who is who“ der Dritten Reich-Forschung. Diese Veranstaltungen sind wichtige Mosaiksteine zu einem neuen Image der Zeugen Jehovas. Immer wieder wird betont, dass es eine Reihe von Historikern gibt, die zwar die Lehre der Zeugen Jehovas nicht akzeptieren, aber ihre Rolle im Dritten Reich anerkennend würdigen. Man braucht solche unabhängigen Wissenschaftlerinnen, um das Bild wirklich dauerhaft zu ändern. Sie dienen als positive Belege der von den Zeugen Jehovas gewünschten Imagekorrektur. Ohne grosse Namen aus der Forschung bliebe alles nur bei einem kläglichen Versuch der Geschichtsrevision.

6. Politiker (Enquete-Kommission)

Das politische System ist ein beliebtes Ziel der Öffentlichkeitsarbeit der Zeugen Jehovas. Dieses Interesse ist im Rahmen der Versuche zur Erlangung der Körperschaftsrechte zu sehen, denn ein positives Ansehen der Zeugen Jehovas im politischen System ist dafür entscheidend. Vertreterinnen der Enquete Kommission des Bundestages haben die Zentrale in Selters besucht, und die Zeugen Jehovas erzählen ganz stolz davon, dass der Bürgermeister von Selters berichtet hat, dass die Stadt keinerlei Probleme mit der Gemeinschaft hat. Gerade diese Kommission ist für den Informationsdienst wichtig. Zwei Vertreter der Zeugen Jehovas arbeiten dort als Informanten mit. In diesem Zusammenhang ist interessant, dass die Zeugen Jehovas sich neuerdings als Kirche bezeichnen, speziell als Klassifizierung für die Enquete-Kommission. Dieser Ausdruck ist für die Wachtturmgesellschaft erstaunlich, denn bisher wurde der Begriff Kirche eher abfällig für die Grosskirchen, von denen man sich distanzieren wollte, benutzt. Auch hier ist wieder die Bemühung zu erkennen, ein neues Image zu bekommen, indem einfach die Kategorisierung der Gruppe einen anderen Namen erhält. Es ist der Versuch, sich an gebräuchliche Begriffe und deren verbreitete Bedeutung anzulehnen. Nicht mehr die eigene Wortwahl und die interne Sprache wird benutzt, sondern die Begriffswelt des Zielsystems. Statt die eigene Sprache der Umwelt aufzudrängen, bemühen sich die Zeugen Jehovas nun, in ihrer Öffentlichkeitsarbeit die Wortwahl der Umwelt zu übernehmen, auch wenn sie das intern wohl nicht tun werden.Speziell an eine Öffentlichkeitsarbeit in Richtung des Rechtssytems ist nicht gedacht, auch wenn dort das eigentliche Ziel liegen sollte, wenn es um die Körperschaftsrechte geht. Doch hier sehen die Zeugen Jehovas keine Einflussmöglichkeit.


Der Umgang mit dem Internet:


Ein interessantes Kapitel der Öffentlichkeitsarbeit der Zeugen Jehovas ist das Internet, da es darüber inhaltliche und ethische Bedenken von Seiten der Wachtturmgesellschaft gibt. Schon seit langem nutzen Gegner und Kritiker der Zeugen Jehovas das Internet als Austauschbörse für Informationen und Plattform zur Aufklärung. Einige dieser Seiten sind im Anhang angegeben. Aber auch eine Reihe von technisch versierten Zeugen haben eigene Homepages ins Netz gehängt und geben dort ihre Sichtweisen wieder. Vor allem in den USA und Deutschland machen Zeugen davon Gebrauch. Diese Praxis ist aber der Wachtturmgesellschaft nicht gern gesehen.
Anfangs warnte sie noch vor den Gefahren, die das Internet mit sich bringe, wie Pornographie, Kontakte zu Abtrünnigen oder einfach nur Zeitverschwendung durch ausgiebiges Chatten. „Bei der Nutzung des Internets ist äusserste Vorsicht geboten [...]. Dennoch muss man zugeben, dass im Internet auch etliche äusserst schädliche Einflüsse, wie Pornographie und das Gedankengut Abtrünniger, zu finden sind. [...] Und viele Sites, die nicht unsittlicher oder unlauterer Natur sind, wie zum Beispiel Chat-Foren, sind regelrechte Zeitverschwendung.“ Doch diese Haltung wurde Anfang 1997 relativiert, als die Wachtturmgesellschaft selbst zentral von Brooklyn aus eine Homepage in vielen verschiedenen Sprachen anbot. Im internen „Königreichsdienst“ vom November 1997 wird diese Aktivität offiziell damit begründet, dass der Öffentlichkeit auch auf elektronischem Wege Informationen angeboten werden sollen. Man will damit direkt auf die Angebote der Kritiker reagieren und Alternativinformationen zur Verfügung stellen. Gleichzeitig aber wird es als nicht notwendig erachtet, dass einzelne Zeugen Jehovas eigene Homepages über die Gemeinschaft zusammenstellen. Die Wachtturmgesellschaft will das Informationsmonopol über Zeugen Jehovas auch im Internet behalten. So kam es dazu, dass eine Reihe von privaten Homepages eingestellt oder ungestaltet wurden. Diejenigen, die noch heute ein Angebot aufrecht erhalten betonen ganz stark, dass es keine offizielle Seite der Wachtturmgesellschaft ist.

Das offizielle Angebot der Zeugen Jehovas ist bieder und nutzt bei weitem nicht die Möglichkeiten, die das multimediale Internet bietet. Ganz im Gegensatz dazu sind inoffizielle Seiten aufwendiger und liebevoller gestaltet. So nutzt zum Beispiel der Regionale Informationsdienst in Sachsen das Netz, um Pressemeldungen in ungekürzter Form zu verbreiten. Theologische Fragestellungen oder Publikationen der Wachtturmgesellschaft werden dort nicht veröffentlicht. Ganz fehlt die Möglichkeit aus den Internetseiten der Wachtturmgesellschaft diese direkt anzuschreiben. Statt dessen wird auf die Postanschriften der Zweigbüros verwiesen, um von dort aus persönliche Kontakte zu ermöglichen. Auch hier wird wieder deutlich, wie der Einsatz von moderner Medientechnik im Endeffekt nur dazu dient, eine personale Kommunikation herzustellen.

Gelesen auf der inzwischen wohl erloschenen Webseite: http://pages.whowhere.com/news/utc/jehova.html

ZurIndexseite