... daß Fanatismus immer potentiell gewalttätig ist

Zu den von der einschlägigen Historikerzunft um Detlef G. und Nachfolger, weitgehend totgeschwiegenen Studien über Jehovas Zeugen in der NS-Zeit, gehört auch die im Jahre 1985 erschienene Studie von Sylvia Wille in einem von Heuzeroth herausgegebenen Band.

Gerade mal, dass in den Bibliographien der vorgenannten, teilweise mit Ach und Krach diese Studie noch erwähnt wird. Indes inhaltlich wird sie ignoriert. Warum? Nun Frau Wille hat sich was den wertenden Teil ihrer Studie anbelangt, weitgehend an die bahnbrechende Studie von Michael Kater angelehnt, und dieser wiederum auf Zipfel aufbauend.

Mit beiden können die G. und Co nichts sonderliches anfangen, dieweil diese (Zipfel, Kater, Wille) eben nicht das Gloria-Loblied der WTG sangen, sondern auch kritische Rückfragen stellten.

 

Sehr wohl wird in der Studie von Frau Wille auch das Leid der Zeugen Jehovas in der NS-Zeit; sowohl im grundsätzlichen, wie auch auf regional bezogener Ebene detailliert dargestellt. Was sie jedoch von dem späteren G. und Nachfolgern unterscheidet, ist der wertende Bereich. Es mag daher angebracht sein, einige der wertende Urteile durchaus auch hier einmal etwas näher vorzustellen.

 

Als 1933 die Nationalsozialisten die Macht übernahmen zählten die Zeugen Jehovas fast 20.000 Mitglieder in Deutschland. ...

Auf einem Kongreß, den die Zeugen Jehovas am 25. Juni 1933 in Berlin noch durchführen konnten, versuchte man zwar, die unheilvolle Entwicklung zu stoppen: Die Zeugen Jehovas schickten eine Ergebenheitsadresse an alle führenden Repräsentanten der neuen Regierung: Von "Greuelpropaganda" amerikanischer "Geschäftsjuden" war die Rede, die Deutschlands Regierung verleumden würden, mit der man sich "bezüglich der rein religiösen und unpolitischen Ziele in völliger Übereinstimmung" befände. Dennoch hat diese Resolution den Zeugen Jehovas nichts genutzt. ...

 

Die Zeugen Jehovas reagierten auf dieses Verbot folgendermaßen: In einem Aufhebungsantrag, den sie von einem Münchner Rechtsanwalt formulieren ließen, betonten sie mit Nachdruck, sie hätten niemals Beziehungen zur SPD oder KPD unterhalten, niemals Geldmittel von jüdischen Hintermännern bezogen und sich auch nicht im geringsten in abfälliger Weise über das Dritte Reich oder die Regierung Hitler geäußert. Vielmehr sei es ihr Bestreben, den nationalsozialistischen Staat auf christlicher Grundlage zu fördern. Die deutschen Mitglieder der Zeugen Jehovas ständen der Naziregierung freundlich gegenüber und seien bereit, alles zu tun, um dem Wunsch der Regierung zu entsprechen.

 

Diesem Antrag wurde jedoch nicht stattgegeben. Am 15. Juli 1933 teilte das Oberverwaltungsgericht Bremen in einem abschlägigen Bescheid mit, daß hier ein Verwaltungsstreitverfahren nicht möglich sei. ...

 

Dank einer Intervention der amerikanischen Regierung jedoch erhielt die Gesellschaft der Zeugen Jehovas am 7. Oktober 1933 ihr Gebäude in Magdeburg sowie ihr Vermögen wieder zurück; sie hatten nämlich geschickterweise beides als "amerikanisches Eigentum" deklariert. Im Freigabebescheid heißt es, das Besitztum der Gesellschaft stehe dieser wieder zur freien Verfügung, es sei jedoch weiterhin verboten, irgendwelche Tätigkeiten auszuüben, Literatur zu drucken oder Zusammenkünfte abzuhalten. ... Aus Anlaß der Verfolgung ihrer deutschen Glaubensgenossen kamen im Oktober 1934 weltweit Zeugen Jehovas in ihren jeweiligen Ländern zu einem solidarischen internationalen Gebetstreffen zusammen. Sie sandten eine Resolution per Telegramm an die Reichsregierung in Berlin ... Allein in Hamburg wurden einen Tag später 142 Zeugen Jehovas verhaftet ... Ihrer religiösen Überzeugung gemäß legten die Zeugen Jehovas vor Gericht keinen Eid ab, sagten allerdings stets die Wahrheit, womit sie nicht selten ihrer eigenen Untergrundarbeit schweren Schaden zufügten. ...

 

Am 28. August 1936 holte die Gestapo zu ihrem größten Schlag gegen die Zeugen Jehovas aus. Man hatte im ganzen Reichsgebiet den gesamten Polizeiapparat in Bewegung gesetzt, um möglichst vieler Gruppen und Mitglieder habhaft zu werden. Vor allem im Leipziger Raum, aber auch in allen anderen Regionen des Reichsgebietes wurden Tausende von Personen verhaftet, verhört, in Schutzhaft genommen, zu Gefängnis, Zuchthaus oder Geldbußen verurteilt bzw. In Konzentrationslager eingewiesen. Maßgeblich verantwortlich für den Erfolg dieser Großaktion war die ein Jahr zuvor gebildete Sonderkommission der Gestapo, die in der Zwischenzeit emsig Informationen über die Zeugen Jehovas gesammelt hatte. ...

 

Im Zuge der sich verschärfenden Kriegslage wurden zunehmend mehr Zeugen Jehovas wegen Kriegsdienstverweigerung zum Tode verurteilt und hingerichtet.

Ab 1944 kam es zu einer bemerkenswerten Veränderung der Politik der Nationalsozialisten gegenüber den Zeugen Jehovas, die in Konzentrationslagern saßen. Da die Zeugen Jehovas - wie weiter unten noch ausführlich dargestellt werden soll - zu den "diszipliniertesten" KZ-Häftlingen zählten, wurden sie nun auf persönliche Weisung Himmlers auch bei Arbeiten außerhalb der Konzentrationslager eingesetzt....

 

Anfang 1944 änderten die Nationalsozialisten ihr Verhalten den Zeugen Jehovas in den Konzentrationslagern gegenüber wesentlich. Der Reichsführer-SS Heinrich Himmler, dem sämtliche Konzentrationslager unterstanden, hatte sich persönlich dafür ausgesprochen; und das kam so.

 

Himmlers schwedischer Leibarzt und Masseur Kersten hatte Mitleid mit den Juden und Zeugen Jehovas. Er versuchte daher während der Massagen, die er Himmler verabreichte, für die Zeugen Jehovas günstigere Haftbedingungen zu erwirken. So schlug er vor, Zeugen Jehovas als Arbeitskräfte außerhalb der Konzentrationslager einzusetzen. Es böte sich wegen ihrer Ehrlichkeit und Zuverlässigkeit geradezu an, sie ohne Bewachung auf den Höfen und in den Haushalten der NS-Führer arbeiten zu lassen. Außerdem könne man die Frauen in die "Lebensborn"-Einrichtungen vermitteln - dort wurden Kinder aufgezogen, die von SS-Männern zur Hervorbringung einer arischen "Herrenrasse" gezeugt worden waren - wo sie in den Küchen und bei der übrigen Hausverwaltung mitarbeiten könnten. Himmler griff tatsächlich diese Gedankengänge auf und setzte sie in die Tat um. Er beobachtete eine Zeitlang das Verhalten der Zeugen Jehovas auf Arbeitsstellen außerhalb der Konzentrationslager. Seit 1942 wurden nämlich inhaftierte Zeugen Jehovas überwiegend für handwerkliche Arbeiten in Bautrupps, für Renovierungs- und Aufräumarbeiten in Werkstätten sowie für Hausmeisterstellen und Lagerverwaltungstätigkeiten auch außerhalb des KZs eingesetzt - im Zuge des totalen Krieges mußten alle verfügbaren Kräfte mobilisiert werden. Himmler schrieb darauf in einem als geheim deklarierten Brief an die obersten SS-Führer u. a. folgendes über die Zeugen Jehovas:

 

"Es sind unerhört fanatische, opferbereite und willige Menschen. Könnte man ihren Fanatismus nur für Deutschland einsetzen (...)

Natürlich ist die Lehre dadurch, daß sie den Krieg ablehnt, derart schädlich, daß wir sie nicht zulassen können (...)

 

Strafen aber erzielen bei ihnen gar nichts, da sie von jeder Strafe mit Begeisterung erzählen (...) Jede Strafe ist für sie ein Verdienst im Jenseits. Deshalb wird sich jeder ernste Bibelforscher ohne weiteres hinrichten lassen und ohne weiteres sterben. Jeder Dunkelarrest, jeder Hunger, jedes Frieren ist ein Verdienst, jede Strafe, jeder Schlag ist ein Vorzug bei Jehova.

Sollten in den Lagern wieder Schwierigkeiten auftreten mit den ernsten Bibelforschern, so verbiete ich, daß der Lagerkommandant eine Strafe ausspricht. Ich beabsichtige, in einem solchen Fall im Zukunft das Gegenteil zu machen und der betreffenden Person zu sagen: Ich verbiete, daß Sie jetzt arbeiten! Sie sollen ein besseres Essen haben als die anderen und brauchen nichts zu tun!

 

Jehova wird seinen Diener dafür bestrafen und ihm frühere Verdienste abziehen (...)

Nun zu dem Vorschlag: Ich ersuche, den Einsatz der Bibelforscher und Bibelforscherinnen in die Richtung zu lenken, daß sie alle in Arbeiten kommen - in der Landwirtschaft zum Beispiel - bei denen sie mit Krieg und allen ihren Tollpunkten nichts zu tun haben. Hierbei kann man sie bei richtigem Einsatz ohne Aufsicht lassen. Sie werden nie weglaufen. Man kann ihnen selbstständige Aufträge geben, sie werden die besten Verwalter und Arbeiter sein (...)

 

Auch mit sonstigen Vorschlägen, wie Abstellung einzelner Bibelforscherinnen in kinderreiche Haushalte, bin ich sehr einverstanden. Geeignete Bibelforscherinnen, die das Können dafür haben, bitte ich einzeln herauszusuchen und mir zu melden. Ich werde sie auf entsprechende Haushalte kinderreicher Familien persönlich verteilen. In solchem Haushalt dürfen sie dann allerdings keine Sträflingskleider tragen, sondern einen anderen Anzug (...)

Bei all diesen für solche Aufgaben abgestellten Halbfreigelassenen wollen wir schriftliches Absolvieren oder sonstige Unterschriften vermeiden und lediglich die Verpflichtung auf Handschlag vornehmen."

 

Kurze Zeit später wurde bereits ein beachtlicher Teil von Frauen der Zeugen Jehovas in SS-Haushalten, auf Bauernhöfen und in Gärtnereien sowie in Heimen des "Lebensborn" eingesetzt. Die Zeugen Jehovas wußten ihre neue verbesserte Situation für sich zu nutzen. Mit Hilfe der neu gewonnenen Außenkontakte gelang es ihnen, wieder verstärkt religiöse Schriften in die Konzentrationslager einzuschleusen. Im KZ Wewelsburg gingen diese Aktivitäten soweit, daß man auf einer Schreibmaschine Matrizen schrieb und mit Hilfe eines im Lager zusammengebauten primitiven Vervielfältigungsappartes Exemplare des "Wachtturm" herstellte, die im norddeutschen Raum verteilt wurden. Es gelang der Gestapo erst relativ spät, dieses weitverzweigte Netz von Untergrundaktivitäten aufzuspüren und zu zerstören. ...

 

Die Zeugen Jehovas sind von den Nationalsozialisten brutal verfolgt worden, viele von ihnen mußten das zähe Festhalten an ihrem Glauben mit dem Leben bezahlen. Ihr Widerstand gegen die Nationalsozialisten manifestierte sich nicht nur in der Fortsetzung ihrer religiösen Aktivitäten, er zeigte sich vor allem auch in der konsequenten Verweigerung aller direkten und indirekten Maßnahmen, die den Krieg Hitlers unterstützten.

 

Dennoch sollen an dieser Stelle auch einige kritische Anmerkungen zum Verhalten der Zeugen Jehovas nicht unterschlagen werden. So muß es beispielsweise nachdenklich stimmen, wenn ein Mann wie Heinrich Himmler den Fanatismus und die Opferbereitschaft der Zeugen Jehovas ausdrücklich bewundert und dann sehnsüchtig feststellt:

"Könnte man ihren Fanatismus für Deutschland einspannen oder insgesamt für die Nation im Kriege einen derartigen Fantatismus im Volke erzeugen, so wären wir noch stärker als wir heute sind!"

 

Und in der Tat, es gibt bedenkliche Gemeinsamkeiten zwischen Nationalsozialisten und Zeugen Jehovas, die hier erwähnt werden müssen: Beide Organisationen sind streng hierarchisch nach dem Führerprinzip aufgebaut und verlangen von ihren Mitgliedern absoluten Gehorsam, wobei sie weder Widerspruch noch wirkliche Freiheit des Denkens dulden. Wer bei den Zeugen Jehovas Meinungen äußert, die auch nur einen Hauch von der offiziellen Lehrmeinung abweichen, gilt als von Satan inspiriert. Dem Rassenwahn der Nationalsozialisten und ihrer Einschätzung, Repräsentant der Herrenrasse zu sein, steht auf Seiten der Zeugen Jehovas der Glaube an eine besondere Auserwähltheit gegenüber: den Ausdruck "Gottes Volk" reservieren sie nur für ihre eigene Glaubensgemeinschaft, während alle anderen Konfessionen als Satanswerk gelten. Die Nationalsozialisten sprachen von der Endlösung der Judenfrage, während für die Zeugen Jehovas der Endkampf zwischen Gut und Böse unmittelbar bevorsteht. Nach dieser Schlacht von Harmagedon wird Jesus als "größter Feldherr aller Zeiten" ein "tausendjähriges Reich" errichten. Die Verwendung von Redewendungen, die auch fester Bestandteil der Nazipropaganda waren, ist erschreckend.

 

Weitere Widersprüchlichkeiten und Ungereimtheiten ergeben sich bei den Zeugen Jehovas auch in der Frage der Wehrdienstverweigerung. ... Daß die Schweizer "Wachtturm"-Führung im Jahre 1943 ihre Mitglieder dazu aufgerufen hatte, ihre militärischen Pflichten zu erfüllen und dem Staat keine Schwierigkeiten auf diesem Gebiet zu machen.

 

Eine unglaubliche Feststellung, wenn man bedenkt, daß zum gleichen Zeitpunkt in Deutschland ihre Mitbrüder eine totale Verweigerung all dessen, was mit Krieg zu tun hatte, vollzogen und sich am Ende hinrichten ließen. ...

 

Und noch etwas verschweigen die Zeugen Jehovas heute: Zwei Männer wurden nach dem Kriege Führer der deutschen Wachtturm-Gesellschaft, die während der Naziherrschaft ihre Glaubensbrüder an die Gestapo verraten hatten:

Erich Frost gab 1937 bei einem Verhör die Namen der Bezirksleiter preis. Konrad Franke nannte den Namen des Mannes, der die Kontakte zwischen den illegal arbeitenden Gruppen herstellte. Nach Konrad Frankes Tod 1983 würdigte der "Wachtturm" ihn als Mann, der "unter den Verfolgungen des Hitlerregimes ausharrte". Selbst, wenn man bedenkt, unter welchem Druck die beiden Männer damals standen, muten solche Ehrungen heute etwas verfehlt an.

 

Selbstverständlich muß festgehalten werden, daß die Zeugen Jehovas keine Menschen in Konzentrationslager gesteckt und ermordet haben, sich nicht am Krieg beteiligten und nie personale Gewalt ausgeübt haben. Dies darf jedoch nicht den Blick auf die Tatsache verstellen, daß Fanatismus immer potentiell gewalttätig ist; Berichte von ehemaligen Zeugen Jehovas über die zum Teil massive psychische Unterdrückung innerhalb dieser Sekte sprechen hier eine deutliche Sprache.

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