Annotationen zu den Zeugen Jehovas

Das Ende einer "Zeugenkarriere"

Wie die "Karriere" eines Zeugen Jehovas, doch manchmal ziemlich abrupt enden kann, und welche Probleme damit verbunden sein können, zeigt meines Erachtens ziemlich deutlich auch der Fall Detlev Möller aus Hamm. Dankenswerterweise war er bereit, seine Erfahrungen auch in einer journalistisch aufbereiteten Form, der Öffentlichkeit zur Verfügung zu stellen. Sein diesbezüglicher Beitrag, auch auf seiner Webseite zugänglich, sei auch an dieser Stelle zitiert.:
Das Ende einer Zeugenkarriere

Am Anfang war alles schön. Erst als D. Moeller und seine Familie die Zeugen Jehovas verlassen wollten, merkten sie, wie sehr sie in den Fängen der Sekte steckten...
Der Anfang ist harmlos: Ende der der 70er Jahre ist D. Moeller ein junger Mann von 18 Jahren. Gestreift vom Gedankengut der 68er und politisch interessiert, will er den Wehrdienst verweigern. Die Zweifel am Sinn einer Armee sind nicht die einzigen, die sein Leben prägen. Was ist der Sinn des irdischen Daseins? Warum gibt es keine Gerechtigkeit unter den Menschen? Gibt es einen Gott, der über uns wacht?
Auf diese Frage kann D. Moeller niemand eine Antwort geben. Dann schellen zwei junge Frauen an seiner Tür. Nett sind sie, seriös und aufgeschlossen . Dass die Zeugen ebenfalls den Kriegsdienst verweigern, erzählen sie. Und dass alle Anstrengungen, auf Erden zu einem besseren Leben zu gelangen, bisher kläglich gescheitert seien. Der junge Mann sieht das genauso und ist beeindruckt. Er erzählt seiner Freundin von seinem Haustür-Erlebnis und lädt die netten jungen Frauen zu sich ein.
Einen wunderbaren Abend lang diskutierten sie mit den Zeugen Jehovas ihre Fragen. Keine bleibt unbeantwortet, und wenn einer der Damen doch einmal ins Stocken gerät, weiß die andere schnell weiter. Dem Treffen folgen weitere; bald trifft man sich zu einem „kostenlosen Bibelstudium". Dann werden sie in den Königreichssaal eingeladen, den Versammlungssaal der Zeugen Jehovas. Mit den langen Haaren und dem Bart kommt D. Moeller daher wie ein Bürgerschreck, doch die neuen Freunde sind nett und frei von Vorurteilen. Die Lehre der Zeugen Jehovas dringen mit der Zeit immer tiefer in das Leben des Paares, und nach einem halben Jahr lassen sie sich im Düsseldorfer Rheinstadion zu Zeugen Jehovas taufen.
Das war der Anfang
1998, 22 Jahre später, steht D. Moeller vor den Trümmer seines Lebens. Der Ausstieg aus der Sekte entpuppt sich als grausamer Akt für die ganze Familie. Sein jüngster Sohn (10) sackt in der Schule bedrohlich ab und braucht dringend therapeutische Hilfe. Dass seine Freunde plötzlich weder mit ihm sprechen noch spielen dürfen, kann das Kind nicht verstehen und verarbeiten. „Geh weg, du bist vom Teufel, und ihr werdet sterben", haben sie zu ihm gesagt. Noch schlimmer hat es den Mittleren (13) erwischt. Er, der schon als Kind fest im Glauben war, soll von heute auf morgen umdenken. Auch er wird von seinen Freunden und Bekannten gemieden und ignoriert,. Wer ihm begegnet, wechselt die Straßenseite. Der sensible Junge stürzt ins Bodenlose. Alles, woran er in seinem Leben geglaubt hat, soll nun falsch sein? Es dauerte nicht lange, und er kommt mit Springerstiefel und kahl geschorenen Kopf nach Hause: ein Rechtsradikaler! Moeller wirft ihn hinaus. Auch der älteste Sohn, 20, und noch aktiver Zeuge Jehovas, wird von den Verantwortlichen der Zeugen Jehovas dringend angehalten, den Kontakt zur Familie abzubrechen.
Was war passiert?
Nach der Aufnahme in den Kreis der Zeugen Jehovas verläuft das Leben zunächst harmonisch. Nach kurzer Zeit legt man D. Moeller nahe, seine Freundin J. zu heiraten, da eine wilde Ehe im Kreis der Religionsgemeinschaft eigentlich nicht üblich sei. 1978 werden sie getraut. Moellers sind sehr beliebt und sehr gläubig. Wie alle Zeugen geht auch er in den „Predigtdienst", bietet Fremden den „Wachtturm" an und versucht, Schäfchen für die Wachtturmgesellschaft zu finden. Schon bald werden ihm Aufgaben innerhalb der Versammlung übertragen. Er darf kleinere, religiöse Ansprachen selbst ausarbeiten und vor Publikum vortragen.
Die Welt außerhalb der Sekte wird immer unwirklicher. Den Mitgliedern wird vom Umgang mit den „Weltmenschen" dringend abgeraten. Die Welt draußen sei böse und schlecht. „das hört sich aus heutiger Sicht unglaublich an, dass wir das alles mitgemacht haben", sagt D. Moeller. „Aber wir haben fest an die Lehren der Zeugen Jehovas geglaubt: an das Paradies auf Erden, an den Gott Jehova der die neue Ordnung schaffen wird, an die Auferstehung. Dafür nimmt man einiges in Kauf.
Wachtturm
 Zum Leben der Moellers gehört damals das Lesen des „Wachtturms", des „Mitteilungsorgans der Sekte. Bei den Versammlungen werden Textstellen aus der Zeitschrift abgefragt; wer nicht vorbereitet ist, erntet böse Blicke. Immer mehr Zeit muss Moeller für dies „Studien" aufwenden. Wer bei den Versammlungen fehlt, muss mit unbequemen Fragen rechnen und einen Besuch von einem der „Ältesten."  Moeller schildert  in eine Situation des religiösen Stresses. „Dass das Ganze Methode hat, dass es Gehirnwäsche ist, ist den meisten gar nicht klar", meint er heute.
M. Küdde, Referent für Öffentlichkeitsarbeit der Zeugen Jehovas in Hamm, dementiert: „Gehirnwäsche hat immer etwas mit Zwang zu tun. Und das gibt es bei uns nicht. Bei uns wir niemand zu etwas gezwungen."
Auch Moeller tut damals alles freiwillig, gutgläubig und eifrig. Den „Predigtdienst", bei dem die Zeugen in Zweiergruppen von Haus zu Haus ziehen und neue Mitglieder werben, erledigt er ebenso, wie die lästige Weitergabe das „Wachtturms" an Freunde und Bekannte -- damit das Magazin wirtschaftlich bleibt, sollen die Zeugen hohe Stückzahlen abnehmen und dann privat verteilen.
Als einer der „Ältesten" ihn dann auffordert, seinen Vollbart abzurasieren, weigert er sich . „In der Bibel gibt es keine Stelle, an der steht, dass man keinen Bart tragen darf. Zeige mir eine, und ich rasiere ihn ab", erwidert er. Zum erstenmal hegt er Argwohn gegen ihn. Doch auch D. Moeller beginnt, einige der Lehren und Anordnungen zu hinterfragen.. Die „Blutfrage" zum Beispiel: Die Zeugen Jehovas verweigern sich kategorisch der Bluttransfusion. Der Gedanke lässt ihn erschaudern.
Auch das Schlagen der Kinder -- bei den Zeugen Jehovas wurde die „körperliche Züchtigung" als Form der Erziehung ausdrücklich empfohlen -- lehnt er ab. „Da gab es so manchen Vater, der sogar während der Versammlungen mit seinem Kind ins Nebenzimmer ging", erinnert er sich.
Probleme sind tabu
Gesprochen wird über solche Dinge allerdings nicht. Jede kritische Anfrage an die eigene Gruppe gilt als Zeichen für Unreife und den Mangel an Glauben. Auch private Dinge sind tabu. „Es hieß immer, bei Problemen sollte man beten oder den Rat der Ältesten einholen. Man selbst redet nicht darüber, weil man in der Gemeinschaft nicht als schwach dastehen wollte".
Zum Bruch kommt es, als D. Moeller seinen Sohn in eine evangelischen Kindergarten schickt. Die christliche Kirche gilt bei den Zeugen als „Babylon, die große Hure". Immer wieder wird er angehalten, sein Kind aus dem Kindergarten zu nehmen--Moeller bleibt stur. Schließlich verhält er sich getreu den Regeln der Zeugen Jehovas, schließt den Jungen sogar von Geburtstags- und Weihnachtsfeiern aus--und sieht daher keine Veranlassung, dem Drängen nachzugeben.
Doch erste Anzeichen deuten darauf hin, dass die Zeugen Jehovas sich von ihrem aufsässigen „Schäfchen" distanzieren: Immer häufiger wird Familie Moeller zu gemeinsamen Feierlichkeiten nicht mehr eingeladen. Auch sonntägliche Freizeitaktivitäten wie Fahrradtouren finden ohne sie statt, und als D. Moeller fragt, warum man sie nicht einbezieht, wird alles geleugnet. „Das hat vor allem unsere Kinder im Herzen verletzt. Und das, obwohl doch ständig Brüderlichkeit und Nächstenliebe gelehrt werden; obwohl ich mir den Hintern für die Gemeinschaft aufgerissen habe!" Der Ausgrenzung reagiert er, wie ein bockiges Kind, bleibt Versammlungen fern und legt es auf eine Konfrontation an--nicht zuletzt in der vagen Hoffnung, es möge alles „wieder gut" werden: „Trotz aller Zweifel habe ich noch immer an die Sache geglaubt."
Leitende Körperschaft
„Die Sache" wird vor allem von der sogenannten „Leitenden Körperschaft", dem etwa 15 Personen starken Führungsgremium Sekte, definiert. Von Brooklyn / New York aus, dem Hauptsitz der Zeugen Jehovas, werden die Lehren dieser „alten Männer" in der Welt verbreitet. Im Sekten-Magazin „Erwachet" stößt D. Moeller eines Tages auf die Meldung, der Zivildienst sei nun doch rechtens. Jahrzehnte hatten sich die Zeugen aus Glaubensgründen geweigert, ihn abzuleisten. „Dafür sind Menschen ins Gefängnis gegangen, im Dritten Reich sogar in den Tod!" ist er empört. Der lakonische Kommentar aus Brooklyn, man „bedaure es, wenn der eine oder andere Bruder die Weisungen der Ältesten zu ernst genommen hat", ist für Moeller „ein Faustschlag ins Gesicht".
... Glaubensgrundsätze, für die Mitglieder der Gemeinschaft noch gestern gestorben waren, werden heute über Bord geworfen--an dem einst treuen Mitglied nagen tiefe Zweifel.
In der Hammer Buchhandlung stolpert D. Moeller über das Buch „Der Gewissenskonflikt" von Raymond Franz,  ein weltweit populäres Werk. Verstohlen um sich blickend wie ein Dieb, immer in Angst vor einem Sektenmitglied erwischt zu werden, beginnt er zu lesen. Das Buch öffnet ihm die Augen über die Organisation, die sein Leben und das seiner Familie in den vergangenen 22 Jahren vollkommen bestimmt hat. Fassungslos verschlingt er Berichte von Aussteigern, erfährt die Wahrheit über die Strukturen dieser scheinbar friedlich-freiheitlichen Organisation. Im Internet recherchiert er weiter, stößt auf immer mehr Menschen, die der Sekte den Rücken kehrten.
Schließlich erklärt er seinen „freiwilligen Austritt". Seine Frau hat große Angst vor diesen Schritt. „Kein Wunder", sagt er, „man ist nach so langer Zeit aus dem normalen Leben völlig raus. Wir hatten kaum noch Bekannte oder  Freunde."
Tag für Tag diskutierten sie über den Ausstieg. Auch am Ende ist J. Moeller entschlossen, die Sekte zu verlassen. „ Der Abtrünnige ist zum Gehilfen Satans" geworden. Er sitzt am Tisch der Dämonen". heißt es in den Grundsätzen der Zeugen Jehovas. „ Wenn jemand mit uns nichts mehr zu tun haben will, bitte. Wir verhalten uns nur so, wie Gottes Wort es will", sagte M. Küdde.
Lautstarke Streitereien
Das größte Problem haben die Kinder. Sohn W. schließt sich einer Gruppe jugendlicher Rechtsradikaler aus Hamm an . „Die Strukturen dort sind ganz ähnlich. In beiden Gruppen gibt es diesen scheinbaren großen Zusammenhalt, beide Gruppen bieten bei Problemen scheinbar passende Lösungen an." Trotz intensiver psychologischer Betreuung und immer neuer Beweise ihrer Zuneigung können die Eltern mit ihrem Sohn nicht mehr reden.
Das Verhältnis wird immer schwieriger. Lautstarke Streitereien sind an der Tagesordnung. D. Moeller entschließt sich zur „harten Tour": Wie bei einem Alkoholiker, der erst dann trocken wird, wenn er keinen Ausweg mehr weiß, verweigerte er seinem Sohn alles, auch den Zutritt zur Wohnung. Der Junge übernachtet auf der Terrasse. Dann droht Moeller ihm mit dem Jugendamt und der Überweisung in ein Heim, Schließlich lenkt Sohn W. ein. „Ich möchte bei euch bleiben, die Familie ist mir mehr wert", sagt er.
F., der älteste Sohn, ist zu diesem Zeitpunkt immer noch ein aktiver Zeuge Jehovas. Als die Ältesten der Versammlung F. raten, den Kontakt zu seinen „abtrünnigen Eltern" auf das Nötigste einzuschränken, ist das auch für ihn zuviel: „Zeig` mir deine Unterlagen, all Deine Informationen", fordert er den Vater auf. „Und ich habe ihm alles gezeigt. Drei Monate lang haben wir geredet, diskutiert und geheult. Dann ist auch er ausgetreten." Ein Dreivierteljahr dauerte die Tortour insgesammt, dann haben die Moellers das Schlimmste überwunden.
Heute sind sie das, was man eine „ganz normale Familie" nennt. Die Wende zum Positiven ist vollzogen. W. und L., die beiden jüngsten Söhne der Familie, haben es mit intensiver Hilfe der Eltern und Therapeuten aus ihrem Tief wieder ins normale Leben geschafft. Sie gehen zur Schule und treibe Sport, genauso wie andere Jungs. Die Moellers feiern Weihnachten und Geburtstage, sie lesen all die „verbotenen Bücher" und an den Wochenenden genießen sie die freie Zeit.
Im Bademantel
D. Moeller sitz in seinem Arbeitszimmer, ein sympathischer, bedächtiger Mann, und freut sich seines Lebens: „ Sie können sich gar nicht vorstellen, wie schön das ist, wenn man den Sonntagmorgen im Bademantel verbringen kann, ein gutes Buch liest oder einfach nur rumgammelt; wenn man sich nicht mehr ständig beobachtet und kontrolliert fühlt; wenn man niemanden Rechenschaft schuldig ist über das, was man getan hat oder auch nicht, wenn man sagen kann, was man denkt. Mensch, wenn ich jetzt über alles rede, denke ich nur: Wie gut, dass ich nicht mehr dabei bin!"

Andreas Tiggemann
Aus "Hamm Live. Das Stadtmagazin des Westfälischen Anzeigers" Nr. 14; September 2001

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