August Fetz & Co

Ein weiterer antisemitischer Apologet ist August Fetz, der wie sein Pendant Karl Weinländer alias „Lienhardt" auch im Schulwesen tätig war. Fetz hatte es dabei sogar zum Schulrektor in Bremen gebracht. Was dieser „Volkserzieher" da „so auf dem Kasten hatte", macht schon das Vorwort zu seiner Schrift: „Der große Volks - und Weltbetrug durch die 'Ernsten Bibelforscher' deutlich".

Wenn man sich mit dem Fall Fetz näher beschäftigt, dann fühlt man sich unwillkürlich an jenen Typen erinnert, der in der Verfilmung des Remarque-Romanes „Im Westen nichts Neues" auch die Rolle eines Schulrektors spielte (Rede des Lehrers Kantorak).

Bezüglich einer Textzitierung der fraglichen Passage; siehe:

http://www.geschichte-projekte-hannover.de/filmundgeschichte/deutschland_vor_1933/im_westen_nichts_neues/der_film_im_unterricht/erfahrungen-oberstufenkurs/kursmaterialien/rede-kantonek.html

Ein visueller Filmeindruck auch in:

https://www.youtube.com/watch?v=T2ttzdBZLFY

Man ist geneigt auszurufen: In beiden Fällen war es die „Spezialität" jener Schulrektoren, ihre Schüler in die Schützengräben des Ersten Weltkrieges hineinzupredigen! Aber kommen wir zum Vorwort der genannten Fetz-Schrift. Aufschlussreich ist es schon, wenn er darin klagt:

„Diese Katzbalgerei in Kreisen, welche sonst mit gleichem Ernste das gleiche Ziel im Dienste des deutschen Volkes verfolgen, kann nur dem lachenden Dritten in Judas Lager von Nutzen sein. Die Minier- und Wühlarbeit gegen jede sittliche Weltordnung auf der Grundlage einer deutschchristlichen Schule und Kirche erhalten völlige Bewegungsfreiheit. So muß es kommen, dass die völkischen Kreise nicht allein von ihren natürlichen Gegnern, sondern auch von Kreisen verwandter Gesinnung heute zur Staats- und Religionsordnung in dasselbe Verhältnis des Misstrauens und der inneren Kräftelähmung gedrängt werden, wie 1890/1914 die Alldeutschen zu Thron und Volk."

Fetz meint dann die anderen Bibelforschergegner mit den Worten belehren zu müssen: „Es ist für die ganze heutige Auffassung bezeichnend, wenn der großen Gefahr gegenüber, welche die IVEB bildet, selbst Geistliche sagten: 'Die Bewegung muß sich selbst totlaufen!' Es ist richtig, dass eine jede Bewegung sich einmal totläuft, aber es ist nicht gleichgültig, was und wieviel unterdessen totgelaufen wurde, was gerettet werden konnte und musste.

Es ist sicher, dass ohne den Gegensturm der deutschvölkischen Kreise, vielerorts das Land schon von den Bibelforschern wie von einem Heuschreckenschwarm überflutet worden wäre. Und weiter erscheint schon heute sicher, dass die Deutschvölkischen es sein werden und sein müssen, welche trotz allen Anfeindungen oder allen verkannt werden aus nationalen und religiösen Triebkräften heraus die entscheidenden Schlachten schlugen und die sturmfesten Dämme bauen werden gegen den Fanatismus der IVEB, der nichts anderes als ein im religiösen Gewande verkappter Bolschewismus ist."
[194]

Fetz nannte auch ein bedeutsames Stichwort, indem er auf die Alldeutschen Bezug nimmt. Damit wird der geistesgeschichtliche Hintergrund schlaglichtartig erhellt. In der Tat, jene „Alldeutschen" waren es, die sich als treibender Keil deutschnationalistischer Expanisionsgelüste betätigten, die dann im Ersten Weltkrieg ihre Entladung erfuhren. Jene „Alldeutschen" waren es, die nach dem missglückten „Weltgenesungsunternehmen am deutschen Wesen", stur an Maximalforderungen festhielten und einfach nicht zur Kenntnis nehmen wollten, dass Deutschland eben nicht der „Sieger" des Ersten Weltkrieges war.

Jene Alldeutschen sind dann auch voll in das Geschäft der Judenhetze als Buhmann für ihre zerronnenen Illusionen eingestiegen und beteiligten sich zu diesem Zwecke als aktive Gründungsmitglieder des „Deutschvölkischen Schutz- und Trutzbundes", dessen spätere Auflösung lediglich durch ihre geistige Urheberschaft an politischen Morden (Rathenau-Attentat) in der Weimarer Republik möglich wurde. Erbe und Fortsetzer der alldeutschen Politik und des Deutschvölkischen Schutz- und Trutzbundes, wurde dann faktisch der Nationalsozialismus.

Jene Alldeutschen hatten auch ein gebrochenes Verhältnis zum Christentum. Einerseits wagten sie es nicht zum Sturm dagegen aufzurufen; andererseits ließen sie keinen Zweifel darüber aufkommen, dass sie es gerne abgeschafft bzw. in ihrem Sinne deformiert gesehen hätten.

Symptomatisch dafür ist die Schrift von Grimpen mit dem Titel: „Antisemitismus und Christentum", wenn er darin den programmatischen Satz zitiert:
Uns will scheinen, dass die Ablehnung der Religion Jesu vom alldeutschen Standpunkt aus die rechte Konsequenz sei, weil in der Tat eine unüberbrückbare Kluft zwischen alldeutscher und christlich deutscher Denkart gähnt." [195]

Grimpen versteigt sich dann weiter zu dem Ausruf: „Solange die evangelische Kirche sich von dem Wahne nicht zu befreien vermag, dass die 'Wüsten-Chronik' des auserwählten Volkes das wahre Wort Gottes sei, wird sie unfähig sein, an dem umfassenden Regenerationswerke des deutschen Volkes mitzuarbeiten." [196]

Die Alldeutschen waren sich durchaus im klaren darüber, dass die Kirchen einen Machtfaktor darstellten und sie sich zum damaligen Zeitpunkt nicht auf einen offenen Kampf einlassen konnten. [197] Die neu aufgekommene Bibelforscherbewegung bildete für sie daher eine Art „Ersatzschlachtfeld". Hier konnten sie ohne mit den großen Kirchen zu kollidieren, nach Herzenslust den „Sack schlagen um den Esel zu treffen."

Boten die Bibelforscher doch in besonderem Maße all jene Angriffspunkte dar, die den Alldeutschen die Kirchen so suspekt gemacht hatten. Wenn Grimpen beispielsweise das Alte Testament der Bibel als „Wüsten-Chronik" zu bezeichnen beliebte, dann waren gerade die Bibelforscher, ob ihres Philosemitismus, dieser Tendenz besonders verhaftet.

Letztendlich prallten hier Welten aufeinander. In Deutschland hatte das Christentum nach dem Aufkommen der einschlägigen Bibelkritik, wofür der Name David Friedrich Strauß als Synonym dienen mag (und nach ihm noch andere. Etwa Feuerbach und auch Marx). In Deutschland hatte das Christentum, durch das Aufkommen der als Reaktion darauf entstandenen „Liberalen Theologie" (um so der unerwünschten Kritik den Wind aus den Segeln zu nehmen) eine Schwächung erfahren. Nicht unbedingt in organisatorischer Hinsicht. Das Staatskirchentum verhinderte das, aber eben doch - und das ist entscheidend - in geistiger Hinsicht.

In den USA hingegen war die Situation eine andere. Für die USA stellte der Ausgang des Ersten Weltkrieges keine „Existenzbedrohung" dar. Im Gegenteil, sie gingen aus ihm gestärkt hervor. Damit entfiel auch in den USA jener „Gärungsprozess", der in Europa zum Sturze etlicher Monarchien und zum Aufkommen und Erstarken neuer politischer Kräfte führte. Das aus den USA exportierte Christentum (und das Bibelforschertum war solch ein „Exportschlager" nach dem Ersten Weltkrieg), repräsentierte in vielerlei Hinsicht eine Variante des Christentums, die von der europäischen Religionskritik noch relativ unberührt war.

Entscheidend dabei war insbesondere, dass das Bibelforschertum sich in seinem Selbstverständnis als „Rückkehr zum Urchristentum" und Kritik am verweltlichten Christentum der Großkirchen verstand.


Die Alldeutschen hingegen, repräsentierten in besonders pointierter Weise säkulare Kräfte, für die Religion keinerlei existentielle Bedeutung mehr hatte (es sei denn, bestenfalls als mystisch ideologischer Kitt). Für die Alldeutschen stellte sich nicht die Frage nach dem „Urchristentum". Für die Alldeutschen stellte sich lediglich die Frage nach ihrem Machtanspruch (auf Kosten anderer). Der Konflikt war unvermeidlich. Das Bibelforschertum war einer seiner Katalysatoren!

Um auf Fetz zurückzukommen. Er charakterisiert sich weiter mit der diffamierenden Behauptung:
„Wie Bibelforscher, Talmudjude und internationale Freimaurerei den Sturz alles Bestehenden als erstes Ziel kennen, so auch die Sozialdemokratie, wie der Inhalt des Erfurter Programmes, ihres politischen Glaubensbekenntnisses es zeigt. Es dürfte heute allen bekannt sein, dass die Sozialdemokratie nichts anderes als ein politisches jüdisches Warenhaus ist. Inhaber, Geschäftsführer und Abteilungschefs sind die Juden, Verkäufer und Verkäuferinnen die Sozialdemokraten." [198]

Damit sind aus dem Munde von Fetz zugleich die wichtigsten zeitgeschichtlichen Ressentiments gegen das Bibelforschertum zusammengefasst. Die unterschiedlichen Autoren haben individuelle „Musikstücke" dazu geschrieben. Letztendlich jedoch basieren sie alle auf der gleichen „Grundmelodie"!

Fetz ließ sich keine Chance zur tendenziösen Stimmungsmache entgehen. Das die Bibelforscher bezüglich ihrer 1925-These, zu anschließenden Rückzugsgefechten genötigt sein würden, war für jeden Sehenden klar.

Ein Beispiel. Am 9. 2. 1926 publizierte das "Berner Tageblatt" unter der Überschrift "Der unterbliebene Weltuntergang" eine Zuschrift des sogenannten "Pressebureaus der Internationalen Bibelforscher-Vereinigung". Letzteres begehrte eine "Richtigstellung" bezüglich vorangegangener kritischer Äußerungen über die Bibelforscher dortselbst. In dem Geschwafel der vermeintlichen "Richtigstellung" gibt es dann auch die Sätze:

"Die Erwartungen, die an das von der Bibel als bedeutsamer Wendepunkt gekennzeichnete Jahr 1925 geknüpft wurden, beanspruchen keinesfalls, unfehlbare Prophezeiungen zu sein. Mögen diese Hoffnungen sich auch als etwas verfrüht erwiesen haben, so kann dies einerseits nichts an der Richtigkeit des chronologischen Zeitpunktes ändern, noch darf dies anderseits mit der Hauptsache, der Lehre, identifiziert werden. Richter Rutherford, der Präsident der Vereinigung selbst, betonte am 11. Juni 1922 in einem Vortrage in der "Stadthalle" Zürich: "Es gibt kein Datum in der ganzen Heiligen Schrift, das definitiver dasteht, als 1925... Aber in bezug auf das, was 1925 geschehen wird, darüber könnten wir uns irren."

Das war dann die apologetische auf Zeitgewinn orientierende Interpretation "nach Tisch".

In einem Blatt mit dem Titel "Deutscher Volkswart", das laut Impressumsangaben den Herrn Fetz mit zu ihren ständigen Mitarbeitern zählte, meinte dieser in der Ausgabe vom Mai 1926, unter der Überschrift "Bibelforscher und Locaensen" ein ähnliches Beispiel anführen zu können.

Die Verträge von Locarno, quasi eine Fortsetzung des Vertrageswerkes, dass am Kriegsende mit dem Versailler Vertrag begonnen wurde, fanden viele "Nicht-Bejubler" zu denen eben auch Fetz gehörte. Selbiger notiert nun auch, in der Bibelforscher-Agitation habe auch das Thema Locarno Eingang gefunden.

Dazu zitiert nun Fetz in seinem genannten Artikel:

"Am 25. 2. 25 erklärte der Bibelforscher-Redner Klapproth in der Stadthalle zu Bremerhaven, daß die Voraussage Rutherfords sich doch erfüllt habe durch - Locarno!"

Er unterstellt nun, dies sei eine von Rutherford abgesegnete Interpretation. Für diese Behauptung indes, vermag er keinen stichhaltigen Beweis aus dem WTG-Schrifttum zu benennen. Allerdings wäre auf thematische Ausführungen im "Goldenen Zeitalter" in Sachen Locarno hinzuweisen. Insoweit lag Klapproth durchaus auf der WTG-Linie.

In der weiteren Interpretation von Fetz liest man dann:

"Ihre Auffassung ist vielmehr, daß durch Locarno das erste Hervortreten der genannten Vorgänge und Personen allgemein kenntlich sei und damit eine neue Epoche im Sinne ihres „Weltunterganges“ ebenso eingeleitet werde, wie 1878 mit dem Berliner Kongreß durch das Hervortreten der Machtstellung Disraelis."

Ergo eine Art politischer Zeitenwende, wobei Locarno ein Meilenstein sei.

Fetz ist mit Klapproth wohl dergestalt einer Meinung, was denn nun jener Locarno-Vertrag in der Folge bedeutet. Und zwar gemäß Fetz:

Welches ist das Wesentliche des Vertrages? Nun, er bringt den Feindbundmächten die freiwillige Anerkennung des Raubes von Versailles in der Frage der Westgrenze durch Deutschland. Und schiebt Deutschland nach und nach in die fesselnden Schlingen des Völkerbundes, in denen es sich staatlich, militärisch, wirtschaftlich seiner Selbstständigkeit beraubt. Somit glaubt man jetzt, durch die Überlistung der deutschen Staatsmänner in Locarno den Weg für die „Vereinigten Staaten von Europa“ und die „Universal-Republik“ frei zu haben.

Der Dissenz besteht allerdings dahingehend, das Fetz unterstellt, das sei auch Ziel der Bibelforscher, während Klapproth's Motivation darin zu sehen ist, die politische "Großwetterlage" zu beschreiben, als Meilenstein zu deuten, im Sinne der Harmagedon-Theorien.

Man vergleiche auch die Ausführungen zum Thema "Locarno" im "Goldenen Zeitalter", mit zitiert in GZ Zeitreise 25 (Dort mehr zum Textende).

Beachtlich auch der Fall des Adventisten Paul Neef, welcher ebenfalls tendenziös auf dem Thema Locorno mit herumritt. Ergo nicht nur bei den Bibelforschern, auch bei anderen religiösen Narren, war Locorno ein beliebtes Thema, welche sie in ihre Weltsicht mit einbauten!

Exkurs:

Einer wie Kritiker meinen, Gefälligkeits-Rezension in Sachen August Fetz, kann man auch im Jahrgang 1925 der Zeitschrift "Christentum und Wissenschaft" begegnen (S. 442f.). Von seinem Selbstverständnis, wollte ja jenes Blatt einen gewissen Qualitätsstandard bieten. Wenn es jedoch auch eine Schrift wie die von Fetz, mit dem Titel "Weltvernichtung durch Bibelforscher und Juden", der wohlwollenden Besprechung für würdig erachtet, dürfte wohl jener angestrebte "Qualitätsstandard" eher in des Gefilden des Außerweltlichen "Nirwanas" angesiedelt sein. Der dortige Rezensent (M. Ludwig) meint einleitend schon mal, die Fetz-Schrift lese "sich weit angenehmer als viele Erzeugnisse aus antisemitischer Feder."

Und dann geht es gleich weiter mit der Mitteilung Fetz sei "Leiter einer christlichen Schule". Und weiter geht es mit der Einräumung:

"Wohl finden sich auch die bekannten Schlüsse und Übertreibungen z. B. betr. des „auserwählten" Volkes und die angebliche Kluft zwischen A.T und N.T. sowie einseitige bibelwissenschaftliche Hypothesen." Aber im ganzen sei "der Ton des Buches sachlich".

Was letzteres anbelangt, wäre als Gegenkommentar dazu feststellbar, es ist keineswegs immer eine mit "Schaum vorm Maul" daherkommende Agitation vonnöten, um trotzdem ein abwertendes Urteil auszusprechen. Genau solch ein Umstand liegt auch beim Fall Fetz vor.

Aber dem Rezensenten hat es dann schon mal angetan, es mit dem Leiter einer "christlichen Schule" zu tun zu haben. Das entschuldigt für ihn schon mal eine ganze Menge von dem, was auch er nicht schön findet. Ergo könnte man scharf dazu kommentieren. Pack sucht sich und hat sich gefunden. Ergo sei nun der Zustand con "Friede Freude Eierkuchen" gegeben.

Besonders sympathisch ist der Herr Fetz für den Rezensenten auch durch sein, wie er wähnt: "energische Eintreten für protestantische Geistlichkeit unnd der Hinweis auf den antichristlichen Charakter der Bolschewistengreuel."

Seine Kritik an Fetz erschöpft sich dann in der Aussage:

"Es scheint, der Verf. verwirft die Judenmission; und doch ist sie, wenn man die Gefahr in ihrer ganzen Tiefe sieht, die letztlich einzige zielbewußte „Kampfmethode“."

Die salbungsvollen Worte des "gelehrten" Rezensenten bestehen dann weiter in der These:

Der Nachweis des Verfassers daß die sogen. „Ernsten Bibelforscher“ gegen das Kreuz und einseitig „urjüdisch“ stehen, ist das wichtigste an dem Buche. Daß nicht bloß eine zufällige Parallelität zwischen Zionismus (Rutherford spricht von dem „sehr geliebten Herz") und bolschewistischer Christentumsfeindschaft einerseits und den "Bibelforschern" andererseits besteht, wird S.104-110 deutlich; daß die "Bibelforscher" zur groben altjüdischen Apokalyptik zurückkehren (S. 129) und damit in gefährlicher Weise (nämlich in religiöser Verbrbämung) das Terrain für allerhand Möglichkeiten vorbereiten, daß ihr ganzes Gottesbild „atavistisch“ ihre Missionsauffassung „zwiespältig“ ist."

Diese geschraubte Redeweise könnte man auch etwas vereinfachen dergestalt, indem feststellbar ist, dass der Antisemitismus, der schon zu Fetz Zeiten zunehmend in die Gewässer des Rassenantisemitismus einmündete, in der Sicht des Rezensenten doch eine "honorige" Sache sei, lediglich ein paar als "repatabel" eingeschätzte "Schlacken" aufweist, womit letztendlich wieder der Status erreicht ist, das Pack sich gesucht und gefunden hat!

Man darf es wohl auch so einschätzen, wenn die in Braun zitierten "Abwehrblätter" in den Jahren 1925/26 ihrerseits auch das Bibelforscher-Thema kommentierend aufnahmen, und sich dort auf ein anderes Pack-Exemplar namens Bräunlich im besonderen beriefen, dann dürfte wohl (ohne das dies namentlich gesagt wird,) eine Initialzündung in den "Schönwetter-Erguss" von "Christentum und Wissenschaft" zu suchen sein, der da nicht weniger im Sinne hatte, als wie eine Allianz mit den ach so "honorigen" Antisemiten zu schmieden!

Im Zeitspiegel
Die Nornen

Ein größeren Verbreitungsgrad dürfte in der Zeit vor dem ersten Weltkrieg, die antisemitische, in Grüna Sachsen gedruckte Zeitschrift „Die Nornen" wohl weniger gehabt haben. Auch die antisemitische Szene war gesplittet, vielleicht auch in sich zerstritten. Besagte „Nornen" erlangten beim Bibelforscherthema insoweit einen gewissen Relevanzgrad, als da ein antisemitischer Hetzer, den anderen antisemitischen Hetzer zitierte. Relativ oft in solchen Zitaten tauchen dann besagte „Nornen" mit auf.
Namentlich die noch einige Furore machende These, die Bibelforscherbewegung erhalte vom „jüdischen Bankhaus Hirsch in New York" prächtige Finanzspritzen, soll dem Vernehmen nach in jenem Blatte erstmals aufgetaucht sein, und fand dann Wiederkäuer von Wiederkäuern, und diese wiederum waren Wieder-Wieder-Wiederkäuern, von vorangegegangenen Wieder-Wieder-Wieder-Wieder-Wiederkäuern.
Genannt wird da besonders eine Nr. 133 jenes Blattes. Die wiederum ist im wissenschaftlichen Bibliothekswesen meines Wissens nicht mehr auftreibbar, was wiederum ein Indiz dafür ist, dass zeitgenössische Bibliotheken jenes Hetzblatt eher dem Bereich „graue Literatur" zuordneten, um dessen Sammlung und Erhalt man sich auch nicht sonderlich mühte.
Zumindest einiges von diesem Blatt ist doch noch erhalten. So „glänzt" etwa die Nummer vom 18. Oktober 1912 (wohl die erste Ausgabe) mit einem zünftigen Hakenkreuz auf dem Titelblatt. Von besagten Hakenkreuz war bekanntermaßen dann noch eine andere „Bewegung" besonders angetan.
In der Juni-Ausgabe 1913 findet man dann auch eine tendenziöse Miterwähnung des Bibelforscherthema.
Eine Kostprobe aus diesem tendenziösen Gewäsch:

„Jedermanns-Blatt
Organ der Internationalen Vereinigung ernster Bibelforscher.
Ihnen scheint es hauptsächlich aufs alte Testament anzukommen. Das Blatt wird viel auf dem Lande verteilt. Ein Pastor Russell, der als Bedeutendster mitarbeitet, soll nicht einmal ordiniert sein. Das Blatt ist rein jüdisch ...
Das Blatt weiß recht genau, daß und warum die Juden auswandern, daß der Weltkrieg noch kommt, sie nennen ihn die „Schlacht von Harmagedon".
Die kommt aber erst, wenn alle Juden in Palästina sind, die schon tüchtig auswandern, man lese:
„Es sind noch fast zwei Jahre bis zum Ablauf der „Zeiten der Nationen" (Okt. 1914).
Hochfahrende Aktionen des Protestantismus und Katholizismus, die zur Unterdrückung menschlicher Freiheiten Hand in Hand gehen, wirken auf die Belebung der Bilder hin. Es mag dieses bald kommen, aber Harmagedon kann nicht vorangehen, sondern muß nachfolgen - vielleicht ein Jahr nachher, gemäß unserer Ansicht von der Prophetie.
Noch ein weiteres tritt dazwischen: Obschon sich die Juden allmählich in Palästina ansiedeln und das Land Kanaan in Besitz nehmen, und obschon Berichte sagen, daß sich bereits neunzehn Millionäre dort befinden, so muß doch der Prophezeiung gemäß eine entschieden größere Anzahl reicher Hebräer dort sein, bevor die Harmagedon-Krise da sein kann. Unsere Auffassung geht dahin, daß die „Zeit der Drangsal für Jakob" in dem Heiligen Lande gerade am Schluß der Schlacht zu Harmagedon einsetzen wird.
Dann wird das Königreich des Messias anfangen offenbar zu werden. Von da an wird Israel im Lande der Verheißung allmählich sich erhaben aus der Asche der Vergangenheit zu der geweissagten Größe. Durch seine göttlich eingesetzten Fürsten wird das allmächtige, aber unsichtbare Königreich des Messias anfangen, den Fluch hinwegzuschaffen und die Menschheit emporzuheben."

Auch wenn die Textauswahl aus dem zeitgenössischen Bibelforscher-Schrifttum seitens der „Nornen" tendenziös sein mag. So verdeutlicht sie doch.
Namentlich die philosemtischen Narrenthesen der Bibelforscher, wirkten auf diese antisemitischen Kreise, wie das sprichwörtliche rote Tuch auf den Stier.
Hinzu kam, andere Teile der zeitgenössischen Religionsindustrie, bliesen ja in das Philosemitsmushorn, nicht in dem Umfange, wie es die Bibelforscher taten. Die nahmen da in der Tat, eine Vorreiterstellung ein.

ZurIndexseite