Annotationen zu den Zeugen Jehovas

Eine "glückliche" Familie?

Ist er nun Zeugenspezifisch oder nicht? Der nachfolgende Bericht den seinerzeit die "Christliche Verantwortung" Nr. 59 (Mai 1974) veröffentlichte? In der Tat schwanke ich bei seiner Bewertung. Das Menschen nicht das notwendige Gleichgewicht bewahren. Dieser nüchterne Fakt ist auch in anderen Bevölkerungsschichten nachweisbar und keineswegs "nur" bei den Zeugen Jehovas. Indes auch dies gilt es zu sehen. Zeugen Jehovas sprechen bei ihren "Neuanwerbungen" ganz gezielt eine bestimmte Klientel an. Das sind dann vielfach die auch im buchstäblichen Sinne "Mühseligen und Beladenen". Ich rede jetzt nicht von den Zeugen Jehovas zweiter und dritter Generation. Sehr wohl aber von denen der ersten, den "Neuangeworbenen". Die Chance für solche in der ZJ-Organisation "Karriere" zu machen, ist durchaus nicht gering. Diese Karriere kostet allerdings ihren Preis. Das scheint mir auch im nachfolgenden Fall so sein. Mag dieser Bericht daher nachstehend für sich selbst sprechen:

Es ist eigentlich nicht leicht für mich, wenn ich mich heute an Euch wende und diesen Brief als eine Erlebnisdarstellung verfasse. Ich möchte eingangs vermerken, daß in diesem Brief alles den Verlauf der Ereignisse widerspiegelt und nichts erfunden ist.

Mein Mann war Versammlungsdiener. Bis zu seinem Tode vor einem halben Jahr hat er sich für die Organisation geschunden. Er war sehr krank, und besonders in den letzten beiden Jahren hat er Raubbau mit seiner Gesundheit geführt. Er kannte einfach keine Ruhe. Wenn er doch einmal zu Hause war und sich entspannen wollte, dann mußten wir damit rechnen, daß es an der Tür klingelte und Brüder meinen Mann besuchten. Nichts gegen Besuche, vor allem nicht von Brüdern. Aber wenn man dann hörte, Du mußt kommen, Du mußt das machen, Du mußt die Literatur holen usw., dann wurde mir das zuviel. Mein Mann hat nie abgelehnt, er ging dann immer mit.

Was war nun, wenn er zu Hause war? Meine Tochter ist sehr sportlich, vielseitig interessiert und gewiß auch hübsch, dazu sehr häuslich und vertrauensvoll gegenüber den Eltern. Ich weiß, daß sie mein Vertrauen jedoch mehr suchte als das ihres Vaters. Ich möchte versuchen, Euch das zu erklären. Mein Mann war - bitte versteht das ganz unvoreingenommen - nicht mit beiden Beinen im Leben. Er war fanatisch. Sein ganzes Streben galt dieser Organisation, dann kam - wie man so sagt - lange, lange nichts. Mehrfach war es so, daß meine Tochter von ihm förmlich zu Hause aufgelauert wurde, als sie vom Training bei einer hiesigen Sportgruppe der Leichtathleten zurückkehrte. Schlage waren sein Empfang für sie.

Anstatt mit väterlicher Liebe zu versuchen, die Tochter zu überzeugen. Nein, er schlug einfach zu, das ist ja auch viel einfacher und erspart das Nachdenken. Dazu kommt, daß er damit die Gewohnheiten anderer Aufseher kopierte und glaubte, auch auf diesem Gebiet ein nachahmenswertes Verhalten zu zeigen. Wer nicht will, wie die Gesellschaft es diktiert, muß eben die Rute spüren.

Wie sah es in der Schule aus? Hier hatte sich mein Mann in ein Labyrinth von Ansichten verstrickt. Einerseits, wenn die Tochter zu Hause gewissenhaft und sorgfältig die Hausaufgaben erledigte, dann sagte er: Mach nicht soviel Zeug um dieses weltliche Geschwätz, leg das Geschreibe in die Ecke, hier hast du einen Wachtturm, und hier ist die Bibel. Kam sie der Aufforderung des Vaters noch, so war für den betreffenden Tag alles bestens. Aber wehe, wenn der Lehrer dann die fehlenden Hausaufgaben mit einer 5 belegte, dann gab es vom Vater wieder Schläge. Versetzt Euch mal in die Lage der Tochter! Sie wußte manchmal nicht aus noch ein. Hier kann nur mit mütterlicher Liebe geholfen werden.

Wie ist es mir ergangen?

Ohne nun Anspruch auf Vollständigkeit zu erheben, möchte ich einige Beispiele, von denen ich glaube, daß sie bezeichnend sind, besonders nennen: Vor ca. vier Jahren hatte ich mir bei einen recht unglücklichen Sturz den Fuß gebrochen. Es war ein komplizierter Bruch und zudem schmerzhaft. Ich konnte nicht auftreten und jede Gehbewegung fiel mir sehr schwer. In dieser Zeit konnte ich für den Haushalt sehr wenig tun. Was meine Tochter irgendwie bewältigen konnte, hat sie getan. Mein Mann hat keinen Finger gerührt. Er hätte ja auch nur und ausschließlich die Organisation im Kopf. Aber wehe er kam nach Hause und das Essen war nicht fertig. Dann mußten wir uns Schimpfworte bieten lassen, die ich hier nicht erwähne, weil sie CV ja doch nicht abdrucken kann.

Mir hat das sehr weh getan. Gewiß, es ist mitunter für einen hungrig nach Hause kommenden Mann eine - nun sagen wir einmal kleine - Enttäuschung, wenn eben das Essen nicht auf dem Tisch steht. Aber sollte man sich da so gehen lassen? Hinzu kommt, daß er selbst eben zu Hause nichts, aber auch gar nichts tat.

Gerade als ich mir das Bein gebrochen hatte, stellte ich fest, daß alle anderen - ob Interessierte oder Geschwister - vorrangig waren. Sie lernten ihn von einer wesentlich besseren Seite kennen. Für andere hat er sich abgerackert, für die Familie blieb keine Zeit. Das Ärgerliche, das noch hinzukommt, ist, daß die anderen Zeugen sich heimlich darüber amüsiert haben, daß sie untereinander boshaft geschwatzt und dazu noch reichlich gemeine Bemerkungen gemacht haben. Die Weltmenschen meiner Arbeitsstelle haben mich besucht und mir geholfen, ja, die taten das!

Eine ältere Schwester war einmal zu einem Kongreß in Hamburg. Das muß so 1968 gewesen sein. Als sie wiederkehrte, erzählte sie meinem Mann, daß dort der Bruder Franke gesagt hatte: 1975 kommt Harmagedon, da ist alles vorbei! Mein Mann strahlte! Daß es eine Freude war, ihn zu sehen! Er ging förmlich in seinem Studium auf. Er erzählte uns von der neuen Welt, von den Vorrechten der Zeugen Jehovas, durchaus im Königreich leben zu können. Doch plötzlich erschien im Wachtturm, so wie er hoffte, nicht das Jahr 1975 als solche Zahl, wie sie von Bruder Franke deklariert war. Er aber stürzte sich weiter auf das Jahr. Sein Streben galt nur noch 1975.

Jeder Zeuge Jehovas hier ist aber genauso. Für sie kann dieses Jahr nicht schnell genug näher kommen: 1975 - ja auch wir hängen an diesen vier Zahlen.

Aber was wird, wenn 1975 ein 1925 wird? Ich kann es mir nicht vorstellen. Ja, es ist so, daß 1975 eine große Wegkreuzung im Leben der Zeugen Jehovas wird. Auch wenn man im Buch der Gesellschaft "Organisation zum Predigen des Königreiches und zum Jüngermachen" immer wieder schreibt: Ausharren, ausharren, ausharren. Ist das nicht der deutliche Fingerzeig auf das Haltlose der WT-Versprechung, durch den Mund von Bruder Franke?

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