Detailauszug aus: Dieter Pape "Ich war Zeuge Jehovas" (Teil 3)

Dieter Pape Ich war Zeuge Jehovas (Teil 3)

Dämonismus

Bekanntlich unterdrücken die Zeugenfürsten jeden kritischen Geist, jedes selbständige Nachdenken und Urteilen unter ihren Anhängern mit der Behauptung, von der Wachtturmlinie abzuweichen, bedeute, sich dem Einfluss von Dämonen preiszugeben. So halten sie viele Einfältige tatsächlich in Schach.

Die Wachtturmgesellschaft ist jedoch auch in bezug auf ihre Dämonenpropaganda mit sich selbst im Widerspruch. "Erwachet!" ist sich mit dem "Wachtturm" uneins in der Auffassung über die Dämonen! Da man als vernünftiger Mensch niemanden als verlässlich und glaubwürdig ansehen kann, der mit sich selbst uneins ist, wenn man nicht auch verwirrt werden will, braucht man sich von Brooklyn nicht schrecken zu lassen.

Hier die Dämonenpropaganda des "Wachtturms":

"Die Dämonen verfolgen durch den Spiritismus nicht nur den Zweck, den Glauben an Gottes Wort, die Bibel, zu zerstören, sondern wollen noch mehr, nämlich Besitz von deinem Leib und Sinn erlangen und dich vollständig beherrschen und dich so zur Geistesgestörtheit führen.

Schon im Jahre 1877 schreibt Dr. L. S. Forbes Winslow über geistigen Wahnsinn. Zehntausende Unglücklicher befinden sich zur Zeit in Irrenanstalten, weil sie sich mit dem Übernatürlichen abgegeben haben. ('Daily Mail' vom 23. 1. 1906)

In einer Flugschrift, betitelt 'Die Natur der Geistesgestörtheit, ihre Ursache und Heilung' zeigt Dr. J. Rhymus, dass in vielen Fallen Wahnsinn einfach dämonische Besessenheit ist, und er zitiert aus dem Briefe eines Arztes aus Philadelphia, der vom 12. November 1884 datiert ist, und in dem dieser sagt: 'Richter Edmonds von New York (ein bekannter Spiritist) hat vor kurzem die Ansicht geäußert, dass viele der sogenannten Geistesgestörten in Anstalten ausschließlich unter dem Einfluss von Geistern stehen.' Dr. Edgar Webster, ein Mitglied der Abteilung für Geisteskrankheiten des Amerikanischen Medizinischen Vereins, sagte zu Beginn dieses Jahrhunderts: 'Oft sehe ich die Geister, die bei meinen Patienten Geistesgestörtheit verursachen, und bisweilen höre ich sogar ihre Stimmen Personen, von denen man sagt, sie seien rettungslos geistesgestört, sind häufig einfach verloren, weil sie unter der überwältigenden Macht eines Geistes oder bisweilen einer Menge von Geistern stehen.'» ("The Watch Tower", 1. 8. 1905, S. 229 "Der Wachtturm" vom 1. 5. 1956)

Mit Hilfe der Ansichten von Ärzten aus der Zeit vor einem halben Jahrhundert versuchen die Brooklyner ihre Anhänger zu schrecken, damit sie zur Wachtturmstange halten. Wenn sie von den Wachtturmlehren abfallen, sich also den Einflüssen der Dämonen preisgäben, könnten sie unter Umständen geistesgestört werden! Denn die Dämonen hätten das Ziel, den Verstand der Menschen zu verwirren.

Ebenfalls im Jahre 1956, nur einen Monat später, erscheint «Erwachet!" mit einem Artikel über Geistesgestörtheit. Hier geben die Brooklyner ihren gerade einen Monat alten Wachtturmerklärungen über Geistesgestörtheit den Fußtritt.

Unter dem Thema "Arten und Ursachen von Geisteskrankheiten", den Artikel im "Wachtturm" widerlegend, heißt es:

"Bei Geisteskrankheiten unterscheidet man organische und funktionelle. Die organischen umfassen die ererbten sowie jene, die eine Folge von Unfällen, Krankheiten oder des Alters sind. Die Behandlung dieser Krankheiten ist bisher wenig erfolgreich gewesen. Bei den funktionellen Geisteskrankheiten scheint der 'Geistesapparat' des Menschen in Ordnung zu sein, aber er funktioniert nicht richtig. Zu diesen Krankheiten gehört die Schizophrenie oder Irresein durch Aufspaltung der Persönlichkeit. Ungefähr die Hälfte aller Geisteskranken leidet an Schizophrenie, die sich im misstrauischen, eisigen Schweigen des Kranken äußert. Dementio praecox ist eine Form von Schizophrenie und befällt meist Jugendliche, daher der Name, der 'Jugendirresein' bedeutet. Der Kranke, der an manisch-depressivem Irresein leidet, macht abwechslungsweise eine Phase größter Heiterkeit oder Gereiztheit (Manie oder 'krankhaft erregter Zustand') und darauf eine depressive Phase durch. Paranoia äußert sich in Größen- oder Verfolgungswahn. Kranke, die an lnvolutionsmelancholie leiden, kommen sich völlig wertlos und nutzlos vor. Diese Krankheit befällt oft Frauen in den Wechseljahren.

Viele Geisteskrankheiten sind, wie Genetiker erklären, auf Vererbung zurückzuführen. Im Blutstrom von Geisteskranken wurden gewisse Gifte entdeckt und Viren sowie merkwürdig geformte Organismen. Ob diese die Ursache oder die Folge der Krankheit sind, ist noch immer nicht geklärt Auch Mangel oder Überschuss an Hormonen scheint ein mitwirkender Umstand bei Geisteskrankheiten zu sein. Die Feststellung, dass gewisse Elche in Neuschottland toll wurden, weil sie des veränderten Klimas wegen nicht mehr das gewohnte Futter erhielten, scheint anzudeuten, dass Geisteskrankheit auch durch einen Mangel an gewissen Spurenkörpern verursacht werden kann.

Die Hetze des Großstadtlebens, der scharfe Konkurrenzkampf, die Furcht, die Arbeitsstelle, zu verlieren und der Mangel an schöpferischer Handarbeit sind ohne Zweifel schuld daran, dass im Verhältnis zu der Bevölkerungszahl von der Stadtbevölkerung gerade doppelt soviel Personen in Heil- und Pflegeanstalten untergebracht werden müssen als von der Landbevölkerung. Kein Wunder also, dass es in den Vereinigten Staaten zehnmal mehr Geisteskranke gibt als im afrikanischen 'Veld' (Grassteppe) Als Hauptursache von Schizophrenie wird heute die Unbeständigkeit des Gemüts als Folge eines Mangels an Liebe in der Kinderzeit bezeichnet." ("Erwachet vom 8. 6. 1956)

Wir stellen gegenüber:

"Der Wachtturm» lehrt als Ursache von Geisteskrankheiten Dämonenbesessenheit, gestützt auf Ansichten aus dem vorigen Jahrhundert. "Erwachet!" begründet die Geistesgestörtheit in der Hauptsache durch biologische, erbliche, organische und andere Umweltbedingungen und schaltet so Dämonen aus.

"Der Wachtturm" sagt über die Geistesgestörten, die bisher rettungslos ihrer Krankheit verfallen sind, die stünden unter dem überwältigenden Einfluss von Geistern.

"Erwachet!" sagt über die Geisteskranken, bei denen wenig oder kein Heilerfolg zu erkennen ist, dass es sich hier um ererbte, durch Unfall, Krankheit oder Alter bedingte Störungen handelt.

Welcher Gegensatz, ja Widerspruch zwischen "Erwachet!" und dem "Wachtturm"! Einer widerlegt den anderen! Sie haben sich mit ihren Dämonenvorstellungen in ihren eigenen Widersprüchen gefangen. Darum braucht keiner ihrer Anhänger die Dämonendrohungen Brooklyns ernst zu nehmen, denn sie sind unglaubwürdig und haltlos.

In seinem Buch "Zur seelischen Gesundheit von Zeugen Jehovas"
kommt Jerry R. Bergman auch auf das Thema Dämonismus zu sprechen. Nachstehend der diesbezügliche Auszug:

Die Zeugen und Dämonen

Projektion zeigt sich in der Neigung der Zeugen, Probleme innerhalb der Gemeinschaft äusseren Ursachen zuzuschreiben, besonders solchen Kräften, die sie als ihre Feinde einstufen, z.B. der Katholischen Kirche, der orthodoxen Christenheit und, mehr oder weniger, allen weltlichen Nationen, vor allem aber Satan, dem Teufel, ihrem universellen Sündenbock. Angesichts der Tatsache, dass viele Zeugen sehr unglücklich sind und mit diesem Zustand nicht sinnvoll umgehen können, setzen sie eine Kombination aus Rationalisierung und Projektion ein, die wie folgt aussieht: Satan will jeden Menschen in der Welt gegen Jehova aufbringen (das heisst, ausserhalb der Wachtturm-Organisation halten). Deshalb versucht er alles ihm mögliche, um denen, die innerhalb der Wachtturm-Organisation sind, Unglück zu bereiten, um sie so zu veranlassen, der Organisation den Rücken zu kehren. Ist jemand draussen, verbucht Satan sozusagen einen Erfolg. Da Satan diese fest im Griff hat, macht er sie glücklich, um sie dort - und damit ausserhalb der Organisation Gottes - auch zu halten. So kommt es, dass Satan sich bemüht, alle in der Organisation unglücklich und alle ausserhalb der Organisation glücklich zu machen. Mit Hilfe dieser Gedankenkonstruktion erklären sich einige Zeugen die vielen Probleme innerhalb der Wachtturm-Organisation. Das ist zwar nicht ganz in Übereinstimmung mit ihrer Lehre, wird aber häufig zur Erklärung vorgetragen. In den Zusammenkünften wird immer wieder betont, Satan komme es vor allem darauf an, so viele von "der Wahrheit" Gottes abzubringen, wie er nur kann (siehe Wachtturm 15. März 1970, Seiten 183-186). Sobald jemand sich für "die Wahrheit" interessiert, so meint man, ist er Zielscheibe der Angriffe Satans. Wird das Bibelstudium mit einem Neuinteressierten schwierig und zeigt er Widerstände, so deuten die Zeugen das stets als von Satan kommend, so als ob Menschen nichts weiter sind als Schachbrettfiguren, die von einer höheren Macht hin- und hergeschoben werden. Die Zeugen Jehovas glauben, dass sie als einzige gerettet werden; folglich sind sie die einzigen, die Satan verloren hat. In den letzten Jahren haben die Veröffentlichungen der Wachtturm-Gesellschaft diese Lehre zwar nicht mehr so in den Vordergrund gerückt und sogar gesagt, vielleicht um in der Öffentlichkeit an Ansehen zu gewinnen, dass "möglicherweise" einige Menschen ausserhalb der Organisation gerettet werden könnten (siehe zum Beispiel "Jehovas Zeugen im zwanzigsten Jahrhundert", 1978, Seiten 27, 28; Ausgabe 1979, Seite 29), doch Tatsache ist, dass dies immer noch gelehrt und geglaubt wird. [Anm. d. Übers.: So auch wieder ganz deutlich im Wachtturm vom 1. September 1989, Seite 19: "Nur Jehovas Zeugen … haben … die biblische Hoffnung, das nahe bevorstehende Ende … zu überleben."]

Die Mehrzahl der Zeugen glaubt fest daran, dass Satan und die Dämonen nicht nur existieren, sondern dass sie auch die Macht haben, Menschen zu beeinflussen, sie sogar zu beherrschen. Am meisten besorgt um den Einfluss Satans sind allerdings neurotische, weniger intelligente Zeugen der Unterschicht.

Bemerkenswert ist, dass einzelne Gemeinden, vor allem die wohlhabenderen, den Dämonen weniger Gewicht beimessen. Dort akzeptiert man wohl intellektuell ihre Existenz, lässt sich aber in seiner Lebensweise und seinem Verhalten wenig davon beeinflussen. Da man über sie nicht viel mehr wissen kann, als dass sie existieren, so denkt man in diesen Gemeinden, habe es auch keinen Sinn, sich gross Sorgen über sie zu machen. Solch eine gelassene Haltung ist aber nicht typisch. Zahlreiche Zeugen werden von Gedanken an Satan und die Dämonen regelrecht beherrscht, so dass sie ihnen die Schuld für buchstäblich jedes ungünstige Ereignis zuschreiben. […]

Die Zeugen glauben in ihrer Mehrheit, dass jemand, der den Anweisungen der Wachtturm-Organisation genau folgt, gar nicht geistig und seelisch erkranken kann. Psychische Leiden sind ihrer Ansicht nach die Folge eines geistigen Problems, vor allem "mangelnder Geistiggesinntheit" des betroffenen Zeugen. In Wahrheit werden aber viele Zeugen psychisch krank, die stark im Glauben sind, zumindest im Glauben an die Wachtturm-Organisation. Solche Erkrankungen werden allgemein als Folge der Beeinflussung durch Dämonen erklärt, oft einfach, weil der Erkrankte unwissentlich einen Gegenstand besitzt, der als dämonisch angesehen wird; meist (aber nicht immer) handelt es sich um ein altes, wertvolles Stück. So schreibt Noble (1982):

"Wir dachten immerzu an Dämonen, so dass ich eine schreckliche Furcht vor ihnen entwickelte. Wenn ich krank und nieder- geschlagen war und mich am liebsten umbringen wollte, suchte ich verzweifelt das Haus nach einem Gegenstand ab, der dämonisiert sein könnte. Einmal habe ich ein Bild von einem kleinen Mädchen weggeworfen, das in meinem Gästezimmer hing, weil es so einen durchdringenden Blick hatte. Mein Bad hatte damals indische Fliesen, darunter auch eine Dekorfliese mit einem tanzenden Inder darauf. Ich dachte mir, das müsse irgendeine indische Gottheit sein, und schon war sie weg. Eines nachts wachte ich voll panischem Schrecken auf. In meinem Kopf hatte sich die Idee festgesetzt, dass die vielen Kräuter aus dem Bioladen irgendwelche Drogen waren. Ich habe sie alle weggeworfen, dazu noch Aspirin, Hustensirup und alles mögliche andere Zeug. Mein ganzes Arzneischränkchen landete im Müll.

Mein Vater hat mir bei seinem Tod einen wunderschönen Diamantring hinterlassen. Ich bildete mir ein, dass Vati vielleicht dämonenbesessen war und mir einen dämonisierten Ring vermacht hatte. Ich hatte gehört, dann solle man den Ring am besten in Alufolie einwickeln und in den Gefrierschrank legen. Das habe ich dann auch gleich gemacht. Gott, was war mir schlecht, und welche Angst ich hatte!"

Dämonismus und Schwäche im Glauben geht nach Ansicht der Zeugen Hand in Hand. Als "dämonisiert" gelten dabei vor allem jene, die an schweren psychischen Störungen leiden oder Verhaltensformen zeigen, die so absonderlich sind, dass es schwierig ist, ihre "Ursache" zu begreifen, z.B. Wahnvorstellungen und Halluzinationen. Dagegen sind Depressionen, Kopfschmerzen und nervöse Spannungen häufiger und in ihrer Ätiologie leichter zu verstehen. Als "geistig schwach" gelten daher diejenigen, die an diesen "leichter verständlichen" Formen leiden.

Eine weitere verbreitete Annahme unter den Zeugen ist, dass jemand, der geistig und seelisch krank ist, dem Schöpfer missfallen und sich darum den Zorn Gottes zugezogen hat. Das erinnert an die uralte Auffassung, Krankheit sei entweder ein "Fluch" Gottes zur Bestrafung von Sünde oder das Ergebnis einer List Satans. Die Zeugen drücken ihren Glauben zwar selten in dieser Form aus, doch man hört von ihnen häufig, dass Jehova jemand, der seinem Willen zuwiderhandelt, seinen "heiligen Geist entzieht", was zu seelischer Krankheit führt. Das ist im Endeffekt genau das gleiche, wie wenn man annimmt, Krankheit und Leiden seien Gottes unmittelbare Strafe für Sünde.

Eine Zeugin äusserte, sie könne "ganz deutlich fühlen, wie [ihr] der Geist Jehovas entzogen" sei. Es sei ein Gefühl, wie wenn "Wasser aus ihrem Kopf gesaugt" werde. Sie sagte, sie habe eine "Stimme" gehört, die erst aus ihren Händen und Füssen kam, sich dann in die Arme und Beine verlagerte, darauf in den Rumpf und schliesslich in ihren Kopf. Die "Sünde" übrigens, die zum Zurück- ziehen des heiligen Geistes führte, bestand darin, dass sie eine Gelegenheit zum gelegentlichen Zeugnisgeben nicht genutzt hatte! Dazu Noble (1982):

"Als Zeugen hat man uns immer beigebracht, dass Leute, die sich umbringen, dämonisiert sind und nicht mehr den Geist Gottes haben. Ich kann aus eigener Erfahrung bestätigen, dass Jehovas Zeugen so gut wie überhaupt keine Ahnung von geistigen und seelischen Krankheiten und von Dämonismus haben. Kein einziger Text im Neuen Testament sagt, dass Dämonenbesessene böse sind, immer heisst es, dass sie krank sind. Jesus heilte die von Dämonen Besessenen. Zu ihnen zählte Maria Magdalena, in der sieben Teufel steckten und die doch eine ergebene Nachfolgerin Christi wurde. Für Jesus waren dämonenbesessene Menschen nicht schlecht, sondern krank."

Wer ein Zeuge ist, hat den heiligen Geist Jehovas, und wer etwas tut, das Jehova missfällt, verdient es, dass ihm der Geist entzogen wird. Dieses Konzept hat oft zur Folge, dass psychisch kranke Zeugen Jehovas von ihren Glaubensbrüdern kaum Mitgefühl erfahren. Zeigen sich bei jemand Symptome psychischer oder geistiger Störungen, so wird das oft als Folge eines Fehlverhaltens eingestuft. Solche Menschen sind demzufolge "schlechte Gesellschaft", von der man sich fernzuhalten hat. Weil man glaubt, dass Gott seinen heiligen Geist zurückziehen kann, wenn jemand menschliche Schwächen zeigt, ziehen sich andere von dem Betroffenen zurück und zeigen sich ihm gegenüber reserviert. Das macht es dem Kranken noch schwerer, wieder ins Lot zu kommen.

Zu den mittelalterlichen Vorstellungen über Geisteskrankheit, die es in der Lehre der Zeugen Jehovas reichlich gibt, gehört auch, dass man meint, Zwangsgedanken in Richtung Selbstmord stammten von ausserhalb des Leidenden. Häufig wird im Wachtturm von Menschen berichtet, die Botschaften von bösen Geistwesen erhalten hätten, in denen sie zum Selbstmord oder anderen bösen Taten gedrängt würden. Dabei wird der Eindruck erweckt, als entspräche das den Tatsachen. Zwangsgedanken über Dinge, die dem Patienten völlig fremd zu sein scheinen, treten bei vielen psychisch Kranken auf, und in vielen Fällen haben sie ganz offensichtlich etwas mit ihren Problemen oder Leiden zu tun. Die Zeugen aber sind schnell bei der Hand, diese Möglichkeit auszuschliessen, und geben stattdessen voreilig den Dämonen die Schuld, selbst wenn die Ursachen recht offen zutage liegen. Man beachte folgenden Fall (Noble 1982):

"Als man mich ins Krankenhaus brachte, war ich geistig und seelisch so krank, dass ich dem Arzt nur entgegenrufen konnte, ich sei wahrscheinlich "dämonisiert", und davon war ich ja auch tatsächlich selbst überzeugt. Wenn ich heute darüber nachdenke, erkenne ich, dass ich eine kranke Frau war, aber kein schlechter Mensch. Damals konnte ich meine Gedanken einfach nicht beherrschen. Gegen meinen Willen schossen mir dauernd schmutzige Wörter durch den Kopf. Dann dachte ich plötzlich: "Ich hasse Gott." Davon wurde ich ganz hysterisch. Und dann tauchte der schrecklichste und erschreckendste Gedanke von allen auf: "Was, wenn es in Wirklichkeit gar keinen Gott gibt?" Mich schauderte bei dem Gedanken, dass sich das am Ende meiner Denkprozesse herausstellen könnte. Lieber wollte ich tot sein, als meinen Schöpfer zu beleidigen. Das sagte ich ihm auch. Diese ungewollten schrecklichen Gedanken taten mir so weh, dass ich es kaum noch ertragen konnte.

Mir war, als ob mein Verstand sich wie auf einem Karussell immer im Kreis drehte, ohne dass ich ihn anhalten konnte. Ich weiss nicht, ob Leute, die sich umbringen, von ähnlichen Gedanken heimgesucht werden, möglich ist es aber. Vielleicht werden sie von Scham und Kummer so niedergedrückt, dass sie es nicht wagen, sich jemand anzuvertrauen. Ich erwähne diese äusserst peinlichen und intimen Dinge, die mir widerfahren sind, weil ich hoffe, dass dies anderen eine Hilfe sein kann und ihnen Trost, Einsicht und vor allem Hoffnung auf Heilung gibt. Noch heute ist mir die Erinnerung daran schmerzlich."

Andere Lehren über Dämonen und seelische Gesundheit

Die Naivität der Bücherschreiber der Wachtturm-Gesellschaft ist bisweilen erschreckend. So hiess in Erwachet! vom 22. Dezember 1976 in einem Artikel über die Herrschaft von Dämonen über Frauen auf Seite 17: "Ich weiss, dass die Geister gelegentlich von den Anbetern verlangen, die Kleider abzulegen oder die Brüste zu entblössen und Geschlechtsbeziehungen miteinander zu haben. Ich begann mich zu fragen, ob der Grund dafür sei, dass die Geister ihre perversen Wünsche befriedigen möchten." Mit Fällen, in denen jemand anderen seine eigenen Wünsche und Gefühle unterstellt, haben Psychiater häufig zu tun. Im vorliegenden Beispiel findet eine Projektion auf "böse Geister" statt. In derartigen Fällen spricht man von externaler Kontrollüberzeugung, einem Spezialfall der Projektion, in dem der Patient sinngemäss sagt: "Ich wollte das gar nicht tun, doch der Teufel hat mich dazu gezwungen." Einige der in dem Artikel erwähnten Frauen konnten sogar detailliert beschreiben, zu welchen sexuellen Verrenkungen der Teufel sie angeblich gebracht hat.

Nach der herkömmlichen christlichen Auffassung von Dämonen muss ein Mensch zuerst selbst bereit sein, Einfluss von aussen auf sich wirken zu lassen, bevor eine Gedankenbeherschung möglich ist. Formal vertreten die Zeugen Jehovas zwar eine ähnliche Auffassung, doch in Wirklichkeit verhalten sie sich so, als könnten die Dämonen ganz nach ihrer Lust und Laune "die Herrschaft über den Verstand erlangen". Dass es Dämonen tatsächlich gibt, das glauben viele Christen, doch nur wenige gehen in der Betonung ihrer Einflussmöglichkeiten so weit wie die Zeugen.

In demselben Artikel schrieb der Verfasser: "Ärzte der Psychiatrischen Klinik von Sao Paulo baten einen ehemaligen Exorzisten um Hilfe, der inzwischen Zeuge Jehovas geworden war, um die Geister auszutreiben, und die Patienten konnten aus dem Krankenhaus - allem Anschein nach geheilt - entlassen werden." In dieser Darstellung wird unterstellt, dass der Psychiater allen Ernstes eine Dämonenbesessenheit als Grund für die Geisteskrankheit annahm und dass der erwähnte Exorzist fähig war, die Geister zu auszutreiben und die Patienten auf diese Weise zu heilen. Die Auffassung des Artikelschreibers, eines Zeugen Jehovas, dass Dämonismus in engem Zusammenhang mit psychischen Leiden steht und dass der Psychiater meinte, zur Behandlung sei die Austreibung des Dämonen notwendig, verrät eine unkritische Verarbeitung des Vorfalls und ein nur mangelhaftes Verständnis der Heilmethoden von Therapeuten.

Psychiater greifen sehr oft zu der Methode, dem psychisch kranken Patienten entgegenzukommen. Bringt dieser einem Priester grosses Vertrauen entgegen, so kann es sehr wirkungsvoll sein, ihm durch einen Priester seine Sünden "vergeben" zu lassen. Ist der Patient fest davon überzeugt, von Dämonen beherrscht zu werden, so erscheint es dem Therapeuten eventuell als das Beste, einen Exorzisten zu Rate zu ziehen. Auf diese Weise kann der Patient vielleicht dazu gebracht werden, von seinem Glauben an die Dämonenbesessenheit wegzukommen, wenn auch nicht vom Glauben an die Dämonen. Diese Technik ist häufig wirkungsvoller und wirkt viel schneller, als wenn man versuchen wollte, den Patienten davon zu überzeugen, dass er sich wegen eines geringfügigen Fehlverhaltens nicht als minderwertig zu fühlen braucht. Das Grundproblem bleibt dann allerdings weiter bestehen.

Ähnlich ist folgender Fall gelagert: Ein Zeuge Jehovas, ein Kreisaufseher, sieht in der Praxis eines Arztes ein Buch mit dem Titel Lexikon der Hexerei und des Dämonismus, ein Nachschlagewerk, dessen Verfasser ein Literaturprofessor ist, gemäss Aussage auf dem Buchumschlag "vor allem als Wissenschaftler bekannt". Dem Zeugen Jehovas ist allein schon wegen des Vorhandenseins dieses Buches unwohl, denn es muss sich seiner Meinung nach um ein dämonisiertes Werk handeln (schliesslich beschäftigt es sich mit Dämonen). Auf den Hinweis des Arztes, dass Dr. Robbins, der Buchautor, nicht "an die Existenz von Hexen, Dämonen oder übernatürlichen Erscheinungen glaubt", erwidert der Kreisaufseher: "Das beweist gerade, dass er von Dämonen beherrscht wird!" Statt diese feste Überzeugung ändern zu wollen, wäre es in diesem Fall therapeutisch am besten, das Buch beiseite zu räumen und sich anderem zuzuwenden. Nach Ansicht der Zeugen wirken die Dämonen mittels bestimmter Bücher, besonders solcher, die sich mit den Themen Dämonismus und Hexerei befassen, ganz besonders, wenn sie von einem Geistlichen der Christenheit stammen. Und das trifft auch zu, wenn es sich um Werke gegen den Dämonenglauben handelt. In diesem Fall versuchte der Therapeut also erst gar nicht, mit dem Zeugen darüber zu argumentieren. Werke über Dämonismus von religiöser Seite gelten als besonders verwerflich, weil sie als "doppelt" dämonisch angesehen werden. Sie sind dämonisch, weil sie von einem religiösen Menschen verfasst wurden, und für Jehovas Zeugen stammt jede Religion ausser ihrer eigenen von Satan, und ausserdem noch, weil sie von Dämonen handeln. Ironischerweise sieht man Artikel über Dämonen im Wachtturm nicht als dämonisch an!

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