"Haltet den Dieb"
Gespräche und Kommentare der Studiengruppe Christliche Verantwortung (Berlin)
Nr. 9 (1972)

"Haltet den Dieb", so lautet bekanntlich ein geflügeltes Sprichwort das charakterisieren will, wie ein ertappter Dieb oftmals mit großem Geschrei andere beschuldigt um so von seinem eigenen Vergehen abzulenken. Es ist immer wieder bedauerlich festzustellen, dass auch und gerade die Wachtturmgesellschaft, sich dieser unseriösen Praktik bedient.
Ein neuzeitliches Beispiel ist auch die 1975-Verkündigung. Ganz abgesehen davon, dass hierbei eine um 100 Jahre verschobene Neuauflage von C. T. Russells 6000-Jahr-Theorie vorliegt, deren Ende und Beginn der unsichtbaren Gottesherrschaft er für 1874 verkündigte; so offenbart das jetzige lavieren der WTG den gleichen unseriösen Missbrauch der Bibel.
Es ist der WTG durchaus zu glauben das sie sich mit der Festsetzung dieses Datums keineswegs wohl fühlt, dass sie statt dessen lieber gar nichts in dieser Richtung gesagt hätte. Das sie es dennoch mit schlechtem Gewissen tat, offenbart einmal mehr die innere Fragwürdigkeit ihrer geistigen Grundlagen und das sie im Interesse ihrer institutionellen Selbsterhaltung zu einer Aussage in dieser Richtung gezwungen war.

Institutionelle Selbsterhaltung

Hatte sie doch seit ihren ersten Anfängen die Worte Jesu gemäß Matthäus 24:34, die er zu seinen d a m a l i g e n Landsleuten sprach, dass diese Generation keineswegs vergehen werde, bis gemäß seinen vorangegangenen Ausführungen (Matth. 24: 1,2) der Jerusalemische Tempel zerstört sein würde; über Gebühr auf eine unsachliche "gegenbildliche Erfüllung" umgemünzt.
Obwohl dann später behauptet wurde, die Generationstheorie, könne erst ab 1914 gerechnet werden, so zwang die Entwicklung der Zeit sie doch nun 1975 als "äußerste Grenze" zu bezeichnen. Dann würde auch jene Generation ihren Zenit endgültig überschritten haben. Jene Generation also, durch deren rastlosen Einsatz sie ihre institutionelle Ausweitung erreicht hat, auf deren Dienste sie noch angewiesen ist. Demzufolge biss sie 1967 in den sauren Apfel einer Opiat gleichen Illusionsverbreitung, mit allen daraus resultierenden Risiken. Im Bewusstsein ihrer früheren diesbezüglichen Ernüchterungen - man denke "nur" an 1925 - sucht sie nun alles vor ihren Karren zu spannen was ihr irgendwie nützlich erscheint.

Strohhalme

Ein erster Strohhalm den sie gierig ergriff, bildet für sie das Buch "Famine - 1975" (Hunger - 1975) von William und Paul Paddock, zwei Ernährungsexperten der "Foad and Agricultur Organisation" (der Welternährungsorganisation der Vereinigten Nationen, FAO).
Hat die Wachtturmgesellschaft ansonsten auch sehr wenig mit den Vereinten Nationen im Sinn und polemisiert bei allen passenden und unpassenden Gelegenheiten gegen sie, als angeblichen "Greuel der Verwüstung", so war ihr in diesem Fall diese Schützenhilfe doch offensichtlich sehr willkommen.
Was sagen nun die Paddocks? Sie berichten lediglich aus ihrer Sicht, dass in den Entwicklungsländern das Hungerproblem in dem für sie als Wissenschaftler überschaubaren Zeitraum bis 1975, nicht geringer wird, mit den sich daraus ergebenden Folgeerscheinungen. Über deren gesellschaftspolitische Ursachen wird jedoch herzlich wenig gesagt.
Was wäre wohl, wenn diese Wissenschaftler ihre Prognose auf 1980 konzipiert hätten? Die WTG wäre dann wohl um eine vermeintliche Ausrede ärmer. Das man im übrigen die Aussagen der Paddocks nur mit Vorbehalt annehmen sollte, wird auch aus ihrem 1969 in Deutsch erschienenem Buch "Vor uns die mageren Jahre" deutlich.
Danach wollen diese Experten wirtschaftliche "Hilfe" für die Entwicklungsländer nach dem Motto anwenden: "Wem nicht mehr zu helfen ist, der bleibt liegen; ebenso jeder, der ohne ärztliche Hilfe überleben kann. Nur diejenigen, die mit sofortiger medizinischer Hilfe eine Überlebenschance haben, werden versorgt." Zu denen, die "nicht zu retten sind", zählen die Verfasser neben anderen Ländern, Indien und die Vereinigte Arabische Republik, offensichtlich nicht zuletzt auch aus politischen Erwägungen! (Siehe hierzu: "Die Weltbühne" Nr. 11/1970 S. 335).

Politische Verleumdungen

Um jedoch das "Haltet-den-Dieb-Geschrei" auch noch als gezielte Attacke gegen die sozialistischen Länder und im konkreten gegen die Sowjetunion auszuweiten, schreckt die WTG auch nicht vor glatten Verleumdungen zurück. So behauptet sie in ihrer auch als öffentlicher Vortrag auf ihren Kongressen gehaltenen WT-Sonderausgabe, "Wenn alle Nationen frontal mit Gott zusammenstossen" (Nr. 20/1971, S. 622): Es sei "öffentlich bekanntgegeben worden" … "die russischen Führer sagen, sie würden erwarten, bis zum Jahre 1975 die ganze Welt kommunistisch gemacht zu haben."
Nicht nur, dass die Wachtturmgesellschaft jeglichen Quellenbeweis für diese Unterstellung schuldig bleibt, so offenbart diese Proklamation zugleich das ihre Kenntnisse und ihr Wissen über den Marxismus/Leninismus äußerst gering sind. Sie stellen bestenfalls das verzerrte Spiegelbild einschlägiger bösartiger Vorurteile dar. Dennoch fühlt sich die Leitung der Zeugen Jehovas dazu berufen, nicht nur selbst Illusionen zu propagieren, sondern zugleich ihre eigene Unwissenheit als billige politische Propaganda unters Volk zu bringen.

Aggressives Rückzugsgefecht

Angesichts solcher Vermengung von Religion mit Politik muss eindeutig festgestellt werden, dass sich die WTG nach wie vor als religiöse Exponentin einer die Wirklichkeit verkennenden aggressiven Politik gebärdet. Was da in Millionenauflagen von ihr in die Welt posaunt wird - um so von den eigenen Haltlosigkeiten abzulenken - beweist nur das ihre letztlich als aggressives "Rückzugsgefecht" zu bewertende Hetze, einmal mehr ihr eigenes geistiges Klima offenbart.
Sie, die sich als "alleinige Heilbringerin" der Menschheit verstanden wissen will, muss nun wieder einmal, mehr wiederwillig, den eigenen geistigen Bankrott zur Kenntnis nehmen und meint, nur durch geschicktes "Haltet-den-Dieb-Geschrei" davon ablenken zu können. Es ist ihr darauf mit den Worten der Bibel zu antworten:
"Wehe euch, Schriftgelehrte und Pharisäer, Heuchler, weil ihr getünchten Gräbern gleicht, die zwar von außen schön scheinen, innen aber voller Totengebeine sind und allerlei Unreinigkeit. So erscheint auch ihr von außen zwar vor Menschen gerecht, im Innern aber seid ihr voller Heuchelei und Gesetzlosigkeit.
Wehe euch Schriftgelehrte und Pharisäer, Heuchler, weil ihr die Gräber der Propheten baut und die Gedächtnisgrüfte der Gerechten schmückt und ihr sagt: 'Wären wir in den Tagen unserer Vorväter, wir hätten nicht mit ihnen teil an dem Blute der Propheten.' Somit legt ihr gegen euch selbst Zeugnis davon ab, dass ihr die Söhne derer seid, die die Propheten ermordet haben. Nun, so macht denn das Maß eurer Vorväter voll." - Matthäus 23: 27-32.

ZurIndexseite

(Zeitschrift) Christliche Verantwortung

Weitere Artikel Christliche Verantwortung