Kommentar zu den eingescannten CV-Ausgaben
CV 64

Diese Ausgabe fragt auch:
"Muß da unsere Verkündigung nicht für jeden Verantwortungsbewußten unannehmbar sein? Sind wir nicht wie eine Opposition ohne glaubwürdige und ernstzunehmende Alternative? Müssen andere das alles nicht so sehen? Was nützt bloßes Predigen? Schieben wir nicht das Ende immer wieder in die Zukunft? Muß man uns nicht als sozialpolitisch verantwortungslose Christen betrachten?"

Bedauerlicherweise verdrängen Jehovas Zeugen diese wesentliche Fragestellung. Grund genug, sie dennoch von Zeit zu Zeit immer wieder mal zu stellen.


CV Christliche Verantwortung

Informationen zu christlichem Wandel und vermehrtem Verständnisvermögen
- 1. Thess. 4:12, 1. Kor. 14:20 -
Begründet 1959 von Willy Müller, GD, Gera/Thür., DDR

DER ZWECK DIESER ZEITSCHRIFT
ist freie, christlich und menschlich verantwortungsbewußte Information zu Verkündigung und Organisation der Zeugen Jehovas und ihrer Leitenden Körperschaft, der Wachtturm-, Bibel- und Traktat-Gesellschaft, (WTG) und WTG-bedingten Konfliktlage der Zeugen Jehovas in der gegenwärtigen gesellschaftlichen Entwicklung. Die Vielseitigkeit der Darlegungen in CV widerspiegelt diese Situation und weist Wege zu ihrer Lösung. -
Wir rufen zur Mitverantwortung und Mitarbeit.

Nr. 64 Gera Oktober 1974

GAR OFT WIRD CV MIT BEIDEN HÄNDEN FESTGEHALTEN
Liebe Leser!
Es besteht ein großes Verlangen noch einer vielseitigen und wahrheitsgemäßen Information in allen Versammlungen über die tatsächliche Lage des Werkes in unserem Lande und natürlich auch darüber hinaus. Gar oft deshalb wird CV mit beiden Händen festgehalten, wo sie hingelangt. Warum ist das so? Was bewegt da gar viele schon? Wer der WTG bisher guten Willens und aufrichtigen Glaubens folgte und ehrlich vor sich selbst und den Mitmenschen sein möchte, denen er verkündigen soll, merkt auf die vielfältigste Weise, daß das langsam aber sicher immer unmöglicher wird. Je mehr man nachdenkt, desto mehr Fragen tauchen auf.

Wie soll man die Endzeit weiter glaubwürdig verkündigen, wenn es nun wieder unbestimmt über 1975 hinausgeht? Was soll man den Kindern sagen, für die die Zukunft entschieden werden muß? Was soll man Sohn oder Tochter sagen, für die es in der Versammlung keinen Lebenspartner gibt? Wie vor den Arbeitskollegen bestehen, die sagen, daß man sich um die sozialen Interessen kümmern muß? Wie kann man noch glaubwürdig sein , wenn Christus nur von einer Generation sprach, man uns aber darauf hinweist, daß die WTG schon die dritte Generation verkündigen läßt? Wie kann man noch ernst genommen werden, wenn 1975 nun schon der 4. oder 5. Endzeittermin ist, der nicht eintrifft? Wie kann man weiter für die WTG lügen und täuschen, wenn man erkennt, daß die alttestamentliche jüdische Kriegslist für Christen verboten ist? Macht man sich und seine Familie, ja die Kinder schon, nicht zum politischen Heuchler, wenn man den WT-Antikommunismus verbreitet. sich aber als politisch neutral ausgibt? Vernichtung von Menschen um ihres anderen Glaubens willen predigen soll bei Gott Gerechtigkeit sein, was unter Menschen furchtbarste Verbrechen sind? Wenn Jesus beliebige Kinder segnete, wie kann er sie da als Christus wie in Treblinka und Majdanek vernichten? Hast Du je die Berge von Kinderschuhen gesehen, in Majdanek bei Lublin, wo von den Faschisten 1 380 000 vorwiegend Juden vernichtet wurden? Unsere Vernichtungspredigt - ist das nicht wie hundertfach Treblinka und Majdanek? Müssen da andere unsere Gesinnung nicht als unmenschlich empfinden? Und was sollten die Hungernden, Frierenden, Armen, Elenden, Ausgebeuteten, Unterdrückten, Arbeitslosen, Obdachlosen und Entrechteten seit 1914 machen? Bis zum nächsten Endzeittermin noch 1975 weiter wie bisher zugrundegehen? Wenn es noch unserer Verkündigung ginge, lägen da nicht schon seit 1914 alle Regierungen am Boden? Zerstören wir nicht tatsächlich das Vertrauen, ohne das es keine demokratische Regierung gibt? Muß da unsere Verkündigung nicht für jeden Verantwortungsbewußten unannehmbar sein? Sind wir nicht wie eine Opposition ohne glaubwürdige und ernstzunehmende Alternative? Müssen andere das alles nicht so sehen? Was nützt bloßes Predigen? Schieben wir nicht das Ende immer wieder in die Zukunft? Muß man uns nicht als sozialpolitisch verantwortungslose Christen betrachten? Verlangt die WTG nicht, Gott (d. h. ihr) zu geben, was der "Obrigkeit" gehört? Begreifen nicht unsere Kinder in der Schule schon die einfache Tatsache, daß die Menschen vor allen Dingen zuerst essen, trinken, wohnen und sich kleiden müssen, ehe sie Politik, Wissenschaft, Kunst und Religion usw. treiben können? Bedeuten Jesu Worte, der Mensch lebt nicht vom Brot allein, nicht, der Mensch lebt zuerst vom Brot? Stellt uns die WTG nicht in vielen Fragen genau auf den Kopf? Ergeben sich unsere Schwierigkeiten in Familie und Ehe, Elternhaus und Schule, Betrieb, Staat und Gesellschaft nicht gerade daraus, weil wir in allen diesen Fragen elementarste Sachverhalte und Bedürfnisse verkennen und mißachten, angefangen bei uns selbst? Wie soll man sich da ein geistiges Paradies einreden? Wo sind wir durch die WTG als Christen hingeraten?

Diese und viele andere Fragen beunruhigen immer mehr Versammlungen. Wer CV aufmerksam liest, findet nun Information und Wegweisung in allen solchen Fragen, ausgehend von echter christlicher Verantwortung angesichts der schöpfungsbedingten sozialen Bedürfnisse und Interessen aller Menschen, von denen selbst der WT zugeben mußte (15. 9. 56, S. 559), daß sie "den Stempel der rechtlichen Anerkennung Gottes tragen". Wir hoffen und wünschen, daß auch diese CV-Ausgabe wieder einem großen Schritt weiter zu vermehrtem Verständnisvermögen dient.
In christlicher Verbundenheit
Der Herausgeber und alle Mitarbeiter
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In dieser Ausgabe
Die Kernfragen des WT für Studium und Verkündigung geprüft. WT 1974 dt. Nr. 13, 14, 15. -
Die WTG-Kongresse 1974 und das Endzeitjahr 1975. -
Neue Untergrundmethoden unchristlicher List. -
Wie die Ältestenschaft früher beseitigt wurde. -
Die neue Ältestenschaft am Scheidewege. -
Sich im Namen Jesu frei versammeln. -
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DIE WTG-KONGRESSE 1974 UND DAS ENDZEITDATUM 1975
WTG-Zweigdiener R. Kelsey und die WTG-Beauftragten G. Zettel und H. Schnell nehmen Stellung
Als auf dem Kongreß 1966 das Buch "Ewiges Leben in .der Freiheit der Söhne Gottes" mit dem. neuen Endzeittermin 1975 erschien, war das ein Höhepunkt für alle: "An allen Stellen, wo das Buch abgegeben wurde, wurde es mit Begeisterung aufgenommen. Die Ausgabebestände wurden von vielen umringt und der Vorrat an Büchern war bald erschöpft. Sofort wurde der Inhalt untersucht. Es dauerte nicht sehr lange, bis man die Tabelle fand, die auf Seite 31 beginnt und die zeigt, daß 6000 Jahre des Daseins des Menschen im Jahre 1975 enden. Erörterungen über dieses Jahr 1975 überschatteten nahezu alles andere." (WT 1. 1. 67 dt. S. 20)

Verständlicherweise fuhren jetzt überaus viele zu den Kongressen 1974, ein Jahr vor 1975, in einer Spannung, die alles übertrifft, was 1966 war. Wir wollen sehen, was von diesem alles überschattenden Jahr 1975 jetzt gesagt wurde.

Zu den Kongressen 1974 gaben WTG-Zweigdiener R. Kelsey und sein Vorgänger K. Franke in einem Filmbericht von Hans S. Lampe im BRD-Fernsehen am 10. August 1974, I. Programm um 17.15 Uhr verschiedene Interviews. Von katholischer Seite war das Informationsbüro für Glaubensgemeinschaften und von evangelischen Seite die Zentralstelle für Weltanschauungsfragen vertreten und beteiligt. Es war völlig überraschend, daß R. Kelsey und K. Franke hier mitwirkten.

Das 1975 Interview mit R. Kelsey:
Sprecher: "Auf dieses Paradies hatten Sie schon einige Male vergeblich gewartet. Ihre Gesellschaft hatte sich genaue Termine ausgerechnet. Doch jedesmal, wenn das große Ereignis dann nicht stattfand, mußte sie die Irrtümer geschickt in Siege verwandeln. 1975 ist doch ein ganz fixes Datum, das Sie aufgestellt haben. Was passiert, wenn dann nichts geschieht?"

R. Kelsey: "Jehovas Zeugen sagen, daß Mitte der siebziger Jahre etwas geschehen wird, und zwar 6000 Jahre der Menschheitsgeschichte werden ablaufen gemäß der Chronologie der Bibel. Wir glauben, daß die Welt oder die Erde auch nicht dann zu Ende geht, sondern bestehen bleibt.
Wir werden als Zeugen Jehovas Gott dienen jetzt vor 1975 und genauso nach 1975."

Was ist das für eine Erkenntnishilfe für die Millionen Zuschauer, dem gestellten Problem geschickt auszuweichen? Eine öffentliche Demonstration unbußfertiger Fehlschlagbemäntelung.

In dem Vortrag "Auf welche Autorität stützt du dich …" setzte sich G. Zettel mit denen auseinander, die auf Grund der "zuverlässigen Bibelchronologie in dem Buch "Ewiges Leben …"S. 30 erwarten, daß die "große Drangsal" im Herbst 1975 hereinbricht: Es sei sehr gefährlich, wenn man sich schlecht vorstellen könne, daß dieser Zeitpunkt überschritten werden könne!

H. Schnell hielt in Frankfurt/M. den Hauptvortag zu 1975: "Warum wir nicht von jenem Tage und jener Stunde in Kenntnis gesetzt worden sind." Eigentlich sagt das Thema schon alles. Wie konnte dann die WTG die ganze Welt von dem Zeitpunkt 1975 in Kenntnis setzen? Sogar auf Frühherbst 1975 genau? Das Staunen wuchs, als H. Schnell auf das engl. Buch "Aid to Bible Understanding", wonach bereits im Herbst des Jahres 1974 das Ende der 6000 Jahre kommen könnte, hinwies! Er schloß mit den Worten, Jehova sei nicht langsam mit seinen Verheißungen. jegliche scheinbare Verzögerung sei nur zum Vorteil aller, er werde sich nicht verspäten. Bekannte Worte, die immer zitiert wurden, wie 1874, 1914, 1925 oder 1945. Das waren die Hauptaussagen anläßlich der Kongresse 1974 zu 1975. Wir verstehen, daß jetzt nicht Begeisterung, sondern bittere Enttäuschung mit Bezug auf 1975 alles überschattete. Die Kongresse 1974 orientierten als Hauptziel nicht auf ein nahes Ende, sondern auf die Verhinderungen aller Endzeitkritik an der WTG durch Intensivierung und Aktivierung aller Zweige der Tätigkeit, egal, wielange alles dauern. mag. G. Zettel sagte es klar und offen: Das Jahr 1975 wird überschritten!

"Sollen wir unseren Bankrott erklären?", waren die letzten Worte eines Aufsehers an den CV-Beauftragten auf dem Kongreß in Frankfurt/Main.
CVN

DER FEIGENBAUM BLÜHT NICHT, DAS WERK DES OLIVENBAUMS IST EIN FEHLSCHLAG
Die Kernfragen des WT für Studium und Verkündigung geprüft
WT Nr. 13 vom 1. Juli 1974
"Bist du wirklich ein Geistesmensch?" -
Die Zeugen können in ihrer Mehrheit gar nicht solche Geistesmenschen sein, wie 1. Kor. 3:1 fordert, da sie durch die WTG seit den dreißiger Jahren zu einer christusfeindlichen "irdischen"' Hoffnung geführt worden sind. Phil. 3:17-19. Wir dürfen auch heute nicht über das hinausgehen, was geschrieben steht. 1. Kor. 4:6. So dürfte z. B. keiner in solcher falschen Hoffnung Ältester sein. Titus 1:9, 2:8, Ga1. 1:8. Damit das nicht zum Bewußtsein kommt, sagt der WT, daß Geistesmenschen letztlich "demütige, hart arbeitende und ergebene Männer" seien (Abs. 5), die folgsam sind und alles ertragen, was über sie kommt, wenn nicht anders, dann als Prüfung durch Gott. Die Wahrheit in dieser Frage würde die meisten Versammlungen augenblicklich sprengen: Denn alle Ältesten, die nicht zum Überrest gehören, müßten augenblicklich zurücktreten!

"Verfolgte Christen, ein 'Schauspiel für die Welt'."
Es wird immer mehr Angriffe auf die WT-Lehren, wo sie haltlos und Bibelmißbrauch sind, geben. Das hat mit Christenverfolgung überhaupt nichts zu tun. Das ist vielmehr christlich. Nimm nur diesen WT-Artikel. Weil fast alle Zeugen "irdisch" hoffen, glauben sie überhaupt nicht das gleiche wie Jesus und die Apostel. Phil. 3:17-19. Oder: Die Zeugen versuchen nicht, die politischen Angelegenheiten in die Hand zu nehmen? (Abs. 23) Das stimmt. Sie machen etwas ganz anderes. Sie schlagen mit ihrer undemokratischen und antikommunistischen Verkündigung jedem, den sie unterweisen, die politischen Angelegenheiten gründlich aus der Hand! Oder: Keine Gefahr für Recht und Ordnung? Für die faschistische "Ordnung" in Chile stimmt das, wenn der WT Priester "biblisch" brandmarkt, die sich gegen diese "Ordnung" wenden (Abs. 15), weil sie die Demokratie vernichtet hat. Oder: Den Zeugen gelinge es, die "Verhältnisse in ihren Reihen herbeizuführen, die jede aufgeklärte Nation für ihre Bürger wünscht"? (Abs. 23) Was für ein Bluff! Der WT verwechselt Nation mit Religionsgemeinschaft! Die Verhältnisse in einer Nation beruhen auf der Bereitschaft ihrer Bürger zur politischen Verantwortung zur Gewährleistung von Recht, Gesetzlichkeit, Ordnung, Sicherheit, Verwaltung, Volkswirtschaft, Bildung, Arbeit und Fürsorge für alle, unabhängig vom religiösen Glauben. Die Zeugen-Versammlungen sind "Muster" hierfür? Was für einen grotesken Unsinn setzt der WT hier in die Welt?
Merkt das wirklich keiner? In der Tat, .was für ein Schauspiel!

"Handelst du noch dem Motto, wer's findet, behält's?" -
Soweit, so gut. Es könnten aber auch Überrest-Sonderpioniere genannt werden, die nur in der Stadt herumlungerten und ihre Quotenerfüllung fälschten und dem kontrollierenden Aufseher erklärten, ihre Nachbesuchskartei in der Stadt verloren zu haben. Nein, Ehrlichkeit zeichnet auch andere Menschen und Gemeinschaften aus. Gute Belehrung darüber auch. Dazu braucht man nicht unbedingt die WTG.

"Kongresse 'Göttlicher Sieg' auf der ganzen Erde ohne Störungen verlaufen." -
Schon diese Überschrift ist eine Unwahrheit. Auf den Kongressen 1973 in der BRD wurden große Spruchbänder gegen die WTG entrollt. Beim Kongreß in München ließ die WTG Polizei gegen WTG-kritische Schriftenverteilung vorgehen. Der Artikel bestätigt die Strategie der WTG sich auf die "dritte Welt" zu orientieren, Neuland, wo sie ohne große Schwierigkeiten eine weitere Generation findet. Interessant ist folgende Bemerkung. Bei den Kongressen 1973 in Afrika "haben Regierungen . . . eng mit den offiziellen Vertretern der Zeugen Jehovas zusammengearbeitet", weil sie sich völlig davon zurückhielten, politische Ziele zu verfolgen oder revolutionäre Bewegungen zu unterstützen" (S. 407). Im Hauptvortrag "Göttlicher Sieg . . ." wurden dann auch gleich einleitend achtzehnmal politische Angriffe gegen den Kommunismus vorgetragen.

Keine politischen Ziele? Antikommunismus ist das reaktionärste politische Ziel, das es gibt. Auch wird hier bewiesen, auf welcher politischen Grundlage die WTG bereit ist, mit politischen Regierungen zusammenzuarbeiten.

"In welchem Tempel ist Gott zu finden?" -
Es sind zwei Hauptlinien zu erkennen. Aufwertung des Überrests und Abwertung anderer Anbetungsstätten oder Kirchen. Die Sache ist jedoch grotesk, weil die WTG den Überrest dazu gebracht hat, nur noch "irdische Gedanken" anzubieten (Phil. 3:17-19), was der WTG seitens der Kirchen biblisch zu recht vorgehalten wird.

WT Nr. 14 vom 15. Juli 1974
"Warum Jehovas Zeugen an dir interessiert sind." -

"In dieser Welt" gibt es "keine Liebe"? Das ist doch einfach unwahr! Milliardenfach gibt es Liebe! Unter Verliebten und Eheleuten, zwischen Eltern. und Kindern, unter Verwandten, in Solidaritätsaktionen, karitativen und diakonischen Werken anderer Christen, Liebe zu Beruf, Kunst, Musik, zu Tieren, zur Natur und vieles andere mehr! Das weiß die WTG ganz genau! Natürlich gibt es nicht nur Liebe. Wer weiß das nicht. Darum ist die WT-Formulierung "keine Liebe" verantwortungslos. Hüte dich, sie zu verbreiten Du kannst sie nicht ehrlich verantworten! 2. Tim. 2:15, 16. Mit der Formulierung, "dieses System" sei "korrupt", ist es genauso. Denn das hieße doch, jeder Volksvertreter, Abgeordnete, Beamte oder Minister, jeder in irgendeiner "obrigkeitlichen" Verantwortung sei korrupt, d. h. bestochen und verkommen, ein Gewissenslump, Gangster oder Gauner. Genau das besagt diese allgemeine WT-Formulierung. Das kann ein Christ nach Titus 3:2 nicht verantworten. Schließlich will der WT dich auch hineinziehen, das "Ende" weiter zu "verschieben", indem du predigen sollst, der "Wechsel innerhalb dieser Generation" würde erst kommen, "wenn es der Mensch bis zum Äußersten getrieben hat". Das wäre der Sanktnimmerleinstag.

"Was tust du jetzt, um dich vorzubereiten?"
"Schwere Zeiten" werden ausgemalt. Dabei wird die Situation und Entwicklung in den sozialistischen Ländern völlig mißachtet. Als ob die ganze Welt, nach den Krisen, Konflikten und Kriegen im Kapitalismus und seinem Einflußbereich zu beurteilen wäre, Das ist die politische Hauptentstellung in diesem Artikel. Dann wird eine drohende Verfolgung an dies Wand gemalt, Der Zweck ist, alle sollen sich um die WTG drängen, und in dieser Spannung soll jedes kritische Nachdenken über die WTG ersticken. Aus ihrem Hort läßt die WTG deshalb eine religiös und politisch besonders antikommunistische, aufreizende Herausforderung noch der anderen los. Eine weithin leuchtende Märtyrerkrone auf dem Kopf der Verkündiger soll helfen, den 1975-Endzeitfehlschlag zu verdrängen. Darum geht es letztlich auch hier.

"Behaltet die Gegenwort des Tages Jehovas im Sinn" -
Es geht um die zunehmende "skeptische Haltung" gegenüber der WTG (Abs. 5). Der wichtigste Gedanke, der dazu eingeschoben wird, ist: " . . . allezeit diese Einstellung haben ohne Rücksicht darauf, w a n n der Tag . . . kommt". Auch dieser Artikel zielt also auf WTG-Folgsamkeit, während alles in eine weitere Generation verschoben wird. Dabei sollst du dir einbilden, alles "klar und deutlich unmittelbar vor dir" zu sehen.

"Die richtige Einstellung ist ein Schutz" -
Nur "einige werden ungeduldig und verlieren den Glauben, weil die Dinge nicht so geschehen, wie sie es erwartet haben und weil sich Gottes Handlungsweise zu verzögern scheint"? Die Worte "irgendeine anscheinende Verzögerung", "eine Weise, die uns langsam erscheint" und "ungeachtet w a n n der Tag kommt" machen es endgültig. Die aller Welt verkündigte Endzeit kommt wieder nicht! Es wird wieder verschoben!

Natürlich schiebt die WTG alles wieder auf Jehova, er verzögere. Wer das nicht mehr mitmachen will, wird demoralisiert, er lasse sich "in die Angelegenheiten der Welt verstricken", er "glaube nicht wirklich", er würde sich "unserer Verantwortung entziehen". Unserer Verantwortung? Die Verkündiger sind unschuldig, die WTG hat das haltlose 1975 festgesetzt! Und wieder wird Hebr. 10:36-39 zitiert: " . . . noch eine ganz kleine Weile", wie immer, wenn wieder verschoben wurde, 1874, 1914, 1925, 1945 und nun wieder 1975.

"Warum ehrlich sein?" -
Gute Gedanken für eine falsche "irdische" Hoffnung, Phil. 3:17-19, die deshalb wieder verschoben wird. Nebenher werden kapitalistische Denkweisen eingeschoben, wie "Arbeitnehmer" und "Arbeitgeber". Ist die WTG selbst ehrlich. wenn sie jetzt wieder verschiebt und sagt, Jehova "verziehe"?

"Priester, die uns helfen können" -
Die Aufwertung des Überrestes wird fortgesetzt. In der Konsequenz geht es jedoch allein um die 11 "Priester" der Körperschaft der WTG in Brooklyn. Niemand anders hat etwas zu sagen und zu entscheiden. Sie wollen nicht isoliert werden. Darum die Fortsetzung dieser Aufwertung aller, was deshalb nur eine Beschäftigungstheorie ist.

"Tausend Jahre der Erleichterung für die Menschheit" -
Eine Irreführung, weil die angesprochene Menschheit diese "Erleichterung" ja gar nicht erleben kann, da sie bis auf die wenigen Zeugen vernichtet werden soll. Das gleiche mit der der ausgemalten Tausendjahrherrschaft, weil sie wieder verschoben wird und 1975 nicht beginnt. Dem liegt übrigens eine unechte Schriftstelle (Off. 20:5) zugrunde laut "Verzeichnis unechter Stellen", WTG 1912 Barmen und Brooklyn.

WT Nr. 15 vom 1. August 1974
"Ist der Gebrauch des Rosenkranzes biblisch?" -
Nein, eine hinzugefügte Tradition. Daß Katholiken wieder einmal allein unter solchen Beispielen dargestellt werden, soll sie weiter verteufeln. Dabei benutzt gar nicht jeder Katholik einen Rosenkranz, weil das nicht das Wesen des Glaubens ist. Man könnte den Rosenkranz als "Splitter" bezeichnen gegenüber dem "Balken" im Auge der WTG, den sie mit dem falschen Namen Jehova herumträgt, aufrechterhalten ebenfalls aus Tradition seit dem 14. Jahrhundert, wie im Vorwort der engl. NW-Übersetzung von 1950. S. 25, eingestanden wird. Und hier geht es um wesentliche Dinge! Matth. 7:1-5,

"Sollte es in einer christlichen Familie einen Generationskonflikt geben?" -
Wieder nur kapitalistische Verhältnisse als Maßstab. Eine New Yorker Sozialwissenschaftlerin, ein britischer Historiker, ein US-Jugendrichter, ein Oberschüler aus. Chicago, ein Starlet aus Hollywood und wie sie es sehen. Warum werden keine führenden Historiker, Soziologen oder Jugendrichter aus sozialistischen Ländern zitiert? Wundere dich also nicht, wenn du durch den WT in politische Konflikte stürzt, nicht wegen deines christlichen Glaubens, sondern wegen solcher politischen Halbwahrheiten. "Eng an die Organisation halten" bei solcher WT-Politik? Kannst du die Lehren über Eltern und Kinder nicht selbst in der Bibel finden?

"Wie du in deiner Familie einen Generationskonflikt vermeiden kannst" -
Wieder nur westliche Experten. Ein Mitglied des Aufsichtsratkomitees der Universität des Staates New York, ein Doktor der Universität von lllinois, amerikanische Schriftsteller und Professoren und auch ein Mitarbeiter des Rauschgiftdezernates und Geheimagent aus Texas. Die Familien- und Jugendpolitik der sozialistischen Länder wird völlig mißachtet. Wird von "allen Nationen" gesprochen, dann ist diese Einseitigkeit verantwortungslos. Das muß zu politischen Konflikten führen, wodurch die WTG die "Konflikte" zusätzlich politisch verschärft. Und zur Sache selbst: Was hilft die Paarung elterlicher Zucht mit Liebe, wenn diese Zucht die Jugendlichen in eine fragwürdige Organisation mit einer haltlosen "irdischen" Hoffnung zwingt? Die z. B. höhere Schulbildung diskriminiert, Berufswege verbaut, Intimitäten selbst unter Brautleuten verteufelt und Umgang, Verkehr und Beziehungen sich nur in diesem haltlosen "irdischen" Kreise dreht? So nehmen die "Konflikte" in Wirklichkeit denn auch kein Ende. Im Gegenteil.

"Ein gerechtes und dennoch barmherziges Gericht" -
Ob das "Ende" jetzt kommt oder nicht, ob man es erlebt oder nicht, soll überhaupt keine Rolle mehr spielen. Da verliert ja alles seinen Endzeitsinn. Nein, die Zeit :st jetzt für die WTG herbeigekommen. Man kann nicht unbehelligt einfach weiter verschieben. Zur Lebzeit dieser Generation seit 1914 wurde aller Welt verkündigt. Daß man jetzt dagegen jedem zu verstehen gibt, er könne durchaus darüber hinsterben, beweist: Es wurde wieder ein Endzeitfehlschlag verkündigt. Im Schwärmen von den "tausend Jahren" soll das verdrängt und vergessen werden.

"Mitfühlend wie unser Gott" -
Mitten in der 1975-Endzeitverschiebung ein Spenden-Aufruf, wie es ihn seit Jahren nicht gegeben hat! Wer 1974 noch spendet, hat die Haltlosigkeit der WT-Endzeitverkündigung noch nicht erkannt, wird also durch seine Spende noch fester mit dieser Verkündigung verbunden. Darauf kommt es an! Es ist zugleich ein Test der noch vorhandenen Verbundenheit. Wenn die WTG den Spendern verspricht, daß sie ihr helfen, "um in jeden Winkel der Erde vorzudringen" (S. 470), so deutet das Pläne an, die ins nächste Jahrtausend zielen, wenn es nicht nur das Geld locker machen soll. Im Appell an das Mitgefühl soll dieses Kalkül verborgen bleiben. Denn es gibt keinen Gottesbeweis für die immer wieder verschobenen Endzeiten der WTG.

"Wie heiraten?" -
Liest man diesen Artikel unter dem Jahrestext 1974, dann fallen folgende Worte auf: " . . . handelt es sich bei den … Trauzeugen . . . um geistige Brüder und Schwestern, Personen also, die e b e n f a 1 1 s hoffen, Jehova e w i g z u d i e n e n". Kein Sterbenswort über ein nahes Ende, an das sie denken sollten. Im Gegenteil, die Hochzeitsstimmung wird mit e w i g d i e n e n verknüpft! So wird auch die Hochzeitsstimmung benutzt, um die vorhandenen jungen Menschen in der Organisation unmerklich für eine weitere lange Zeitperiode einzubinden, 1975 überschreitend. Die zitierten Worte sind. die wichtigste Bemerkung in dem ganzen Artikel.

"Was hindert dich, getauft zu werden?" -
Was zu diesem Artikel gesagt werden muß, offenbart eine unglaubliche Verantwortungslosigkeit vor Gott und Menschen vor allem seitens derer, die da taufen, wobei die Überrestglieder eine Hauptschuld tragen. Es gibt laut 1. Kor. 12:13 und Eph. 4:4, 5 keine andere christliche Taufe als die in der einen Hoffnung, in einem Geiste und als Glied des Leibes Christi. Jesus und die Apostel haben nichts anderes gelehrt. Und sie warnen, darüber hinauszugehen! Lies 1. Kor. 4:6, Gal. 1:8, 9 und Phil. 3:17-19. Die 81 830 Täuflinge der WTG-Kongresse 1973 wurden also falsch getauft! Was würde passieren, wenn das allen Betroffenen zum Bewußtsein kommt?
W. Ko.

NEUE UNTERGRUNDMETHODEN UNCHRISTLICHER LIST
Seit Frühjahr 1974 wird im WTG-Zweigbüro Wiesbaden der WT in neuer Form für antikommunistische Untergrundtätigkeit gedruckt. Ein Tarndruck auf rosa Dünndruckpapier ohne Herkunftsangabe, ohne Impressum, außerhalb der gesetzlichen Normen für die Kennzeichnung von Druckerzeugnissen, offensichtlich in Einvernehmen mit entsprechenden Stellen.

Was verfolgt die WTG mit dieser neuen Methode ihrer "Ostpolitik"? Es zeigt. daß sie in keiner Weise eine schriftgemäße Anerkennung der "obrigkeitlichen Gewalten" in den sozialistischen Ländern vollziehen will. Sie will weiterhin keine schriftgemäße Normalisierung des Verhaltens als christlicher Bürger in der sozialistischen Gesellschaftsordnung. Objektiv zeichnet sich ab, daß solche Kräfte immer noch den Haupteinfluß auf die WTG haben, die in den Zeugen eine antikommunistische religiöse Minderheit als politischen Störfaktor und Informationszuträger im Untergrund erhalten wollen. Von Zeit zu Zeit von der WTG provoziertes "Märtyrertum" soll das immer wieder innerlich und äußerlich zementieren.

Subjektiv spielt dabei eine Rolle, daß die geistige Selbständigkeit in den Versammlungen zunimmt. Die bisherigen Vervielfältigungen ließen die Möglichkeit, selbst etwas mitzuverbreiten, etwas auszulassen oder etwas zu verändern und auf diese Weise dieses oder jenes ans Licht zu bringen oder zu bedenken zu geben. Die neuen Tarndrucke, ausschließlich aus Wiesbaden, sollen das gleich mit verstopfen.

Ein dritter Umstand dabei ist, daß durch den neuen Dünndruck ohne Erweiterung der illegalen Wege das 3-4fache eingeschleust werden soll. Die WTG will erreichen, jeden einzelnen mit diesem neuen Tarnmaterial auszurüsten. Gleichzeitig soll damit die Organisation entlastet werden, die Technik, die eine gefährliche Last an Konspiration oder "List" mit all ihrem Aufwand an Mitteln und Zeit verlangte. Das kann rationeller aus Wiesbaden kommen. Der illegale Apparat soll in erster Linie Tätigkeit und Ausbreitung organisieren und sichern. So ist u. a. schon genug mit den Tonband-Dia-Serien wie "Sebulon" z. B. verbunden. Letztlich lassen sich Opfer leichter für etwas abverlangen, was nach Verkündigung und Predigt aussieht, als für Mittel und Methoden, die an sich der Technik eines Geheimdienstes gleichen.

Wie kommen die neuen Tarnmaterialien an? Schon äußerlich seien sie viel zu auffällig. Normalerweise gäbe es nichts völlig auf rosa oder rotem Papier, so daß das schon von weitem den Blick auf sich lenkt. Einige fragen, ob im Ostbüro in Wiesbaden Dummköpfe sitzen, alles wie ein "rotes Tuch" herumlaufen zu lassen. Oder ist das wohldurchdacht um "Verfolgungsopfer" zu schaffen? Das soll "göttliche Überwaltung" sein? So werden immer mehr nachdenklich. Es erhebt sich dabei immer öfters die Frage noch dem konkreten Beweis für die göttliche Leitung der WTG überhaupt.

Was ist schriftgemäß zu all dem zu sagen? Paulus erklärt unmißverständlich, daß im "Dienst entsprechend der uns erwiesenen Barmherzigkeit" jede Art von Hinterhältigkeit oder sog. Kriegslist verboten ist, daß ein Christ "nicht mit List wandeln" darf. 2. Kot. 4:2 NW. Christen sollen sich stattdessen durch das "Kundmachen der Wahrheit jedem menschlichen Gewissen vor Gott empfehlen" können. Jehovas Zeugen können das unter der gegenwärtigen WTG-Führung in keiner Weise, ohne als solche offenbar zu werden, die in Mißbrauch des Christentums religiös und politisch Haß, Gegnerschaft und antikommunistische Feindschaft verbreiten, fälschlicherweise als politische Neutralität ausgegeben. Nehmen wir gleich den Tarndruck vom 1. Mai 74. Im Nachrichtenteil (S. 263) wird weiter gegen "Katholiken und Kommunisten" als "Prostituierte" und "wildes Tier" Haß und Feindschaft gestiftet, besonders was die "kommunistischen Nationen" betrifft. Das ist verfassungswidriger Glaubens und Völkerhaß.

Was sollten nun alle Verantwortungsbewußten, Älteste und andere tun? Stellt die gesamte WTG-"Kriegslist" mit Hinweis auf 2. Kor. 4:2 NW offen zur Diskussion. Die 1970 im Urania-Verlag veröffentlichte Arbeit "Die Zeugen Jehovas, eine Dokumentation über die Wachtturmgesellschaft" ist in ihrem Dokumententeil vor allem eine gute Hilfe. Sie ist über alle einschlägigen Leihbibliotheken erhältlich. Man kann sich deswegen auch an CV wenden. Erwählt die Brüder, die bahnbrechend vorangehen können. Unterstützt sie in jeder Weise. Das Ziel angesichts des auf der Hand liegenden neuen WTG-Endzeitfehlschlages sollte sein, unter schriftgemäßer Ältestenverantwortlichkeit alle wieder in erster Linie um das Wort Gottes zu sammeln. Die WTG kann mit ihren Hilfsmitteln da nichts länger diktieren und bestimmen. Sie kann sich allenfalls anpassen, wenn sie ihren religiösen und politischen Mißbrauch der Schrift beendet. Selbst wo dann nur zwei oder drei im Namen Jesu versammelt sind, wird er mitten unter ihnen sein. Matth. 18:20.
K. O.

WIE DIE ÄLTESTENSCHAFT FRÜHER BESEITIGT WURDE
Die WTG hat nie überzeugend begründet, warum seit 1971/ 1972 das Ältestenamt wieder eingeführt wurde. Hat das etwas mit 1975 zu tun? Wurde das Werk bis dahin nicht richtig geleitet? Ist das nicht ein unverantwortlicher Kräfteverschleiß angesichts der "Kürze der Zeit"? Was sind die wirklichen Gründe? Generell antwortet die WTG, was sie jetzt in der Frage der Ältesten tue, empfinde sie als Jehovas Willen. Zu kritischen Fragen gäbe es keinen Grund.

So wie man, mitten im Getümmel stehend, schwer erkennen kann, in welche Richtung sich alles bewegt, so muß man auch hier den Blick über die Tagesproblematik hinaus erheben, um den Gang der Dinge zu erkennen, die Strategie, die die WTG in der Ältestenfrage verfolgt. Denn das ist ja gar nicht neu. Älteste gab es ja in der Organisation schon einmal für längere Zeit. Der gegenwärtigen Taktik, wieder Älteste zu schaffen, liegen somit weitreichende, auf die Erfahrung der Vergangenheit reflektierende strategische Überlegungen zugrunde. Und die schon jetzt hundertjährige Geschichte der WTG, beginnend mit 1874, schon drei Generationen überschreitend, beweist es: Die jeweilige auf eine Generation fixierte kurzfristige Endzeitorientierung ist nur Mittel zum Zweck, die WTG folgt viel weitreichenderen Überlegungen und Aufgabenstellungen inmitten der internationalen religiösen und politischen Entwicklung. Die Behandlung der Ältestenfrage durch die WTG ist einer der Faktoren, der uns einen tiefen Blick in die strategischen Überlegungen und langzeitliche Aufgabenstellung der WTG ermöglicht, seit der ursprüngliche Sinn und Zweck des ganzen Werkes mit dem ersten Weltkrieg 1914/18 erledigt war, wie andere Organisationen und Gemeinschaften oder Bewegungen früherer Krisenzeiten, die kamen, sich überlebten und sich wieder vertiefen oder wieder untergingen. Mit der WTG passierte das nicht. Bisher jedenfalls nicht. Wird sie sich am Ende zu einer weiteren bleibenden Religionsgemeinschaft entwickeln? Laßt uns in diesem Zusammenhang auf die Ältestenfrage zurückschauten.

Der neue WTG-Präsident J. F. Rutherford stand 1917/19 vor der Tatsache des Zusammenbruchs von Sinn und Zweck des gesamten nur für "diese Generation" seit 1874 gegründeten WTG-Werkes, als mit dem ersten Weltkrieg kein Harmagedon-Weltende gekommen war. Die WTG kommt nicht umhin, selbst zuzugeben, daß sie damals "wie ein Leichnam auf der Straße lag". Für J. F. Rutherford und die damaligen Förderer der WTG stellte sich jetzt die Frage, ob man eine solche internationale Organisation und Gemeinschaft sich nun im Selbstlauf eventuell verlaufen lassen oder beliebigen anderen Initiativen überlassen soll, oder aber, ob man sie in die Hand nimmt, um sie nunmehr ganz bestimmten neuen Zwecken und Zielen, die die Förderer bestimmen, unter den Christen und in der Öffentlichkeit dienen zu lassen. Es bietet sich dabei immer an, keine radikalen Brüche zu vollziehen, sondern an das Vorhandene anzuknüpfen und nur allmählich zu verändern, sowie den Umstand auszunutzen, daß das Verharren in Vorstellungen, die längst ihre Basis verloren haben, mitunter lange anhält.

Zwei Dinge waren da zu tun. Neue Lehren, ja eine vollkommen verschobene Endzeitschau mußte entwickelt werden. Das andere waren neue Leitungsmethoden, die gewährleisten, daß auch organisatorisch alles zusammenbleibt, wenn die Lehren immer wieder weiter verändert und neuen Situationen angepaßt werden müssen.

Es würde den Rahmen dieser Betrachtung sprengen, die ganze neue Lehrentwicklung darzustellen, die J. F. Rutherford begann. Es entstanden seit dieser Zeit auch Trennungen, um das Erbe des WTG-Gründers C. T. Russell unverfälscht fortzufahren, was das bleibende Glaubensgut betraf, bis heute. Hier nur soviel, J. F. Rutherford entwickelte nach und nach eine antikirchliche und sozialpolitisch passive und vor allem antikommunistische Konzeption, auf Menschen aller Art gerichtet, die mit den bestehenden Verhältnissen unzufrieden waren, sei es religiös oder politisch. Solche sollten "eingesammelt" und wiederaufgerichtet werden durch Orientierung auf die Lösung aller menschlichen und sozialen Probleme in einem künftigen Gottesreich ewigen Lebens und Glücks, nachdem diese "unverbesserliche böse Welt" dann vernichtet sei. Ein "Weltende", das man immer wieder verschieben würde, von 1914 auf 1925, dann auf 1939/45, inzwischen, auf 1975. Auch 1996/97 wird schon genannt. Die Lösung bis dahin sei, heraus aus allen anderen Gemeinschaften und Kirchen und Verneinung aller sozialpolitischen Mitverantwortung oder gar Verbesserung bestehender Verhältnisse, ganz zu schweigen von irgendeiner revolutionären Aktivität. Das Leben sei vielmehr gänzlich der weltweiten Ausbreitung dieser Verhaltensweise zu widmen. Objektiv entstand so eine antikirchliche und sozialpolitisch negative und antikommunistische christliche Minderheit, die jedes Aufbegehren gegen soziale Ungerechtigkeit gründlich mit einer entsprechenden, durch die WTG zu entwickelnden Bibelauslegung, aus den Köpfen fernhält oder wieder entfernt. Welcher politischen Seite eine solche religiöse Bewegung unter den Christen dient, ist leicht zu erkennen.

Die neue geistige Konzeption war das eine. Das andere war eine dauerhafte organisatorisch-leitungsmäßige Absicherung, die durch die erforderlichen laufenden Veränderungen nicht erschüttert wird. Die Leitung unter C . T. Russell war keineswegs straff zentralisiert. Die Versammlungen waren mit ihren nach urchristlichem Muster selbst gewählten Ältesten relativ selbständig und spontan tätig, wobei C. T. Russell von allen als wegweisender Pastor betrachtet wurde, in jeder Versammlung mitgewählt. Eine solche selbständige und freie Ältestenschaft, abhängig von der souveränen Entscheidung der örtlichen Versammlungen und ihren unvorhersehbaren Beschlüssen, war absolut ungeeignet für die Fortführung der Organisation nach dem ersten Weltkrieg so, wie es der Konzeption von J. F. Rutherford und der mitentscheidenden WTG-Gönner und -Förderer entsprach. Erforderlich hierfür war die Abschaffung aller Selbständigkeit und Spontanität in den Versammlungen, an der Basis, und damit die Beseitigung der entsprechenden Leitung oder Ältestenschaft zugunsten einer straffen, zentralisierten, ja befehlshaberischen Leitung von oben. Es dauerte bis ca. 1938, bis dies als "theokratische Ordnung" durchgesetzt war.

Unter der Variante, diese zu beseitigende Ältestenschaft gegen Gott auszuspielen, ging J. F. Rutherford im Rahmen der schrittweise vorgebrachten neuen Lehren rigoros vor. Die entsprechenden Zitate aus dem WTG-Buch "Rechtfertigung" I, II von 1931 charakterisieren das. Sie mögen für sich sprechen:

"Der Wachtturm warnte die Führer der Versammlungen vor einem widerspenstigen Wege . . ." I/31
"Da diese Ältesten selbstsüchtig geworden sind, sind sie der Offenbarung der Wahrheit Gottes gegenüber blind geworden . . . erwartet sie das gleiche Geschick, das Gott für den Teufel bestimmt hat . . ." I/80
"Die Ältesten . . . diese Gott nicht rückhaltlos ergebene Klasse unter Gottes Volk . . ." I/162
"Sie sind seit 1914 in Erscheinung getreten . . . ihre selbstsüchtigen Ansichten..... ihren juckenden Ohren zu kitzeln . . ." I/163
"Die rebellischen und widersetzlichen Ältesten, die sich im Jahre 1917 von der Wachtturm-, Bibel- und Traktatgesellschaft getrennt und in der Gesellschaft Störungen verursacht hatten, wurden 1917 . . . in aller Form gewarnt und ermahnt, ihren Sinn zu ändern . . ." I/165
"Im Jahre 1919 wurden die widerspenstigen Ältesten von Jehovas sichtbarer Organisation gewarnt . . ." I/166
"Jene Ältesten . . . die Träume träumen . . . sie haben 'Charakterentwicklung' zu ihrer Spezialität gemacht . . . daß diese Ältesten Heuchler sind . . ." I/253
"Solche Ältesten haben kein Herzensverlangen, mit dem Lichte der gegenwärtigen Wahrheit, daß Jehova aus seinem Tempel hervorblitzen läßt, in Übereinstimmung zu kommen . . ." I/254
"Diese Handlanger des Teufels…" I/286
"Älteste, die immer noch meinen und lehren, die von dein Apostel (Römer 13:1-4) erwähnten 'höheren Gewalten' wären die Regierungen oder herrschenden Mächte dieser Welt. Durch diese Ansicht und Lehre tun sie ebenfalls dem Worte Gottes und seinem Volke Gewalt an, versprengen Gottes Volk und machen es den tierischen Regierungen der Organisation Satans zur Speise . . ." II/232
"Ein Ältester . . . wie ein stößiger, rücksichtsloser Bock . . . Diese hochnäsigen und riechenden Böcke sind fett geworden . . . haben begehrt . . . alle gute Speise vorn Tisch des Herrn an sich zu nehmen, sie durchzukauen und zu beschmieren, sie darauf noch eigenem Rezept aufzutischen . . . unwillig und faul . . . Diese Egoisten trampeln auf der vom Herrn bereiteten Speise herum, suchen sie mit ihren schmutzigen Füßen zu besudeln …" II/239f
Der treue Überrest "hat sich aber nun vom Einfluß der ,Böcke' abgekehrt . . ." II/241

Bis 1932 hatte es J. F. Rutherford, der alle WTG-Publikationsmittel kontrollierte, erreicht, einen ersten entscheidenden Schritt zu tun, und in den Versammlungen "Dienstleiter" (DL) einzusetzen. Das waren meist junge, unkritische Männer, die bedingungslos begannen, die WTG-Weisungen durchzusetzen, Zu diesen gehörte in Mainz auch der spätere deutsche WTG-Zweigdiener Konrad Franke. "Die endgültige Umstellung zu streng theokratischer Ordnung fand jedoch nicht vor 1938 statt", wann die WTG "den vollen Befehl und die volle Gewalt über die sichtbare Organisation Jehovas" übernehmen, und ihre "Gesellschaft (als) sichtbaren Vertreter des Herrn auf Erden", wie sie es formulierte durchsetzen konnte, befugt, nach ihrem Ermessen Personen einzusetzen und die Tätigkeit zu bestimmen. (Jehovas Zeugen in Gottes Vorhaben, S. 148f)

Das Ältestenamt stand nun auf einer Stufe mit Handlangern Satans und Heuchlern. Im WT "Zum Schlußwerk organisiert", Abs. 32 (1945) wird zu diesen Zweck die Bibel selbst stranguliert: "Der Ausdruck Ältestenamt kommt in der Schrift nicht vor", und Paulus habe, wenn er in Apg. 22:5 von der Ältestenschaft sprach, "von einer jüdischen Pöbelrotte" gesprochen.

Erfüllte die damalige Beseitigung des Ältestenamtes zur Schaffung einer Befehlsstruktur von oben ihren Zweck? Ja, das kann man sagen. Sie ermöglichte es von der organisatorischen Seite her, tatsächlich mit der auf 1939/45 festgesetzten nächsten Weltende-Orientierung ohne große Erschütterungen fertig zu worden und eine weitere Generation einzuplanen (Dein Name werde geheiligt, S. 329, Abs. 14) Der neue WTG-Präsident, N. H. Knorr, triumphierte. Und in politischer Hinsicht konnte die Gemeinschaft zu einer sozial politisch negativen und antikommunistischen Bewegung entwickelt werden, die im Bereich der kleinen Religionsgemeinschaften ihresgleichen sucht. Man nahm den Mund sogar so voll, daß man sich in der Hoch-Zeit des kalten Krieges als "Bollwerk gegen Kommunismus" rühmte (W.Amann von WTG-Zweigbüro in Wiesbaden am 26. Juli 1960 im "Westdeutschen Tageblatt", Dortmund, BRD). Jedes Bewußtsein sozialpolitischer Mitverantwortung als Christen, das unter C. T. Russell durchaus galt, konnte in den Versammlungen ausgeschaltet werden. Alles in allem, die Beseitigung der Ältestenschaft war erfolgreich. Doch nun wird die Weltende-Orientierung haltlos - 1975.
F. F.

DIE NEUE ÄLTESTENSCHAFT AM SCHEIDEWEGE
Wieder ist eine Generation vergangen. Wie die Dinge sich entwickeln, steht die WTG vor einem ähnlichen Zusammenbruch wie 1914/18. Auch die Unglaubwürdigkeit des Endzeitterrmins 1975 wird nun offenbar. Damit muß nicht nur "diese Generation" wieder verschoben werden, sondern auch das zuletzt unter Anpassung an den kalten Krieg entwickelte religiöse und politische endzeitliche Weltbild. Im 1974-Jahrestextkommentar ist gar die Rede von "Zusammenbruch" und "Selbstmord" (WT 15. 3. 74, S. 181, Abs. 17). Wird wieder alles "wie ein Leichnam auf der Straße liegen"? Die Lage ist für die WTG zwar wieder gefährlich ernst. Doch sie wußte, daß es so kommen muß, wenn der nächste Termin abläuft.

Wieder macht sie die zwei bewährten Dinge, eine zwar allmähliche, aber prinzipiell vollkommen neue Lehrentwicklung, deren Tragweite "unten" überhaupt noch nicht begriffen wurde. eben auf Grund des Verharrens in längst Überlebtem. Was dieses eine betrifft, mag hier der Hinweis genügen, und natürlich anregen, daß seit April 1974 der Lehrgrundsatz "Sie werden alle von Jehova gelehrt sein" aus dem WT entfernt ist! Hat die WTG tatsächlich dis Fernziel, eine dauernde Gemeinschaft zu werden? Und da erleben wir auch das andere: Die Änderung der organisatorischen Leitung! Unter dem politisch wohldurchdachten Thema "Die theokratische Organisation inmitten der Demokratien und des Kommunismus", wird auf den Kongressen 1971 das Ältestenamt wieder eingeführt! Das einst verfluchte, verteufelte "unbiblische" Ältestenamt gilt wieder, als hätte es jene Verteufelungen und ihre unschuldigen Opfer nicht gegeben! "Älteste in Amtsstellungen" u. ä. heißt es nun wieder im WT (15. 2. 72 dt.).

Jetzt auch "inmitten des Kommunismus"? Das sind neue Töne! Und - das ist vieldeutig! Bisher war die. WTG eindeutig: "Bollwerke gegen den Kommunismus". Soll noch 1975 eine zeitlich und inhaltlich neue Sicht der Dinge entwickelt werden, die auch die Bedeutung und Existenz des Sozialismus und Kommunismus für die Zukunft berücksichtigt?

Natürlich hat die WTG ihre Begründung für die Wiedereinführung des Ältestenamtes. Wir lesen: "Probleme werden in einer Versammlung entstehen . . . Aber nicht alle werden Christen bleiben . . . Einige werden sogar versuchen, andere im Glauben zu erschüttern . . . Innerhalb der Versammlung Gottes würde es Schwierigkeiten geben . . . So viel Tumult in der Welt . . . Menschen mit verschiedenen Lebensanschauungen fliehen in die theokratische Organisation … Darum ist es nötig, Älteste in der Versammlung zu ernennen . . .". (WT 1. 3. 72, Jahrbuch 1972, S. 22)

Darum? Das ist doch alles haltlos! Diese Probleme hat es doch schon immer gegeben! Das ist doch vollkommen allgemeines, immer zutreffendes Gerede! Wenn das die Gründe wären., dann hätte ja das Ältestenamt nie in der Organisation beseitigt werden dürfen! Aber es wurde beseitigt! Die wahren Gründe sind das also nicht! Man erkennt auch eine geschickte Ablenkung nach außen auf den "Tumult in der Welt". Nein, es muß wieder ein weiterer Weltende-Termin überwunden werden, der seinen Zweck erfüllt hat, 1975, darum geht es!

Ist das neue Ältestenamt da die rettende organisatorische Leitungstmethode? Würde man damit zurückkehren zu dem, was einstmals war, so müßte man die Versammlungen wieder in urchristliche Selbständigkeit oder "Mündigkeit" wieder unter selbstgewählten Ältesten entlassen. Es geschieht vom Inhalt der Sache her jedoch alles andere als das. Dennoch ist die Rückkehr zum Ältestenamt das klügste, was die WTG machen kann. Dieses Amt ist natürlich nie unbiblisch gewesen. Auch die Beseitigung war deswegen immer problematisch geblieben und hat die WTG-Führung nie glücklich werden lassen.

Aber es ist bisher wirklich nur eine Wiedereinführung der Bezeichnung "Ältester" oder "Ältestenamt" bzw. "Ältestenschaft". Die Erweiterung der Verantwortlichkeit daher, daß ein Ältester nun bestimmen kann, welche praktische Arbeit ein Dienstamtsgehilfe machen kann, ist unbedeutend. Die mit der "theokratischen Ordnung" eingeführte gehorsame Unterordnung unter die Kontroll-, Befehls- und Entscheidungsgewalt der WTG ist absolut unverändert geblieben. Nach wie vor darf "unten" nur vorgeschlagen oder empfohlen werden. Die WTG ist daran nicht gebunden. Die entscheidende Ernennung hat sie sich weiter nach ihrem Ermessen vorbehalten: "Eure Versammlung . . . wird von der leitenden Körperschaft ihre Ernennung der Ältesten und Dienstamtgehilfen erhalten" (WTG-Brief an die Versammlungskomitees vom 1. 12. 71). Was ist also in Wirklichkeit Neues geschehen?

Dic WTG hat die Bezeichnungen "Alteste" usw. nur eingeführt, besser wiedereingeführt, um unter dieser vertrauten Bezeichnung die Organisation angesichts des neuen 1975-Endzeitfehlschlages leitungsmäßig noch sicherer in den Griff zu bekommen als das bisher je der Fall war. Wie ist das möglich?

Der springende Punkt ist der mit der Ältestenbezeichnung eingeführte jährliche Wechsel aller Ältesten in den verschiedenen entscheidenden Versammlungsfunktionen. "Verteilte Last"? Das wird nur zur Versüßung gesagt. Alle werden jetzt mit der Hauptlast der Gesamtverantwortung gegenüber der WTG belastet, ob sie geeignet sind oder nicht. Wer widersetzt sich schon, wenn die WTG fordert: "Daher sollte jeder willens sein, wenn er an der Reihe ist, das betreffende Amt zu übernehmen" (WT 15. 2. 72, S. 120) Schon im allgemeinen ist daher dieser ständige Wechsel angesichts der unterschiedlichen Gaben und Fähigkeiten eine Zumutung, ganz zu schweigen von den Bedingungen der Untergrundtätigkeit. Doch kommen wir zur Sache.

Der eingeführte Ältestenwechsel oder "Turnus" ist die bisher durch keine andere Methode erreichte Möglichkeit der Kontrolle der Überwachung und des rechtzeitigen Eingreifens der WTG in den Versammlungen. Durch den ständigen kurzfristigen "Turnus" kann sich niemand mehr eine selbständige Position aufbauen, denn schon nach einem Jahr muß er alles wieder aus der Hand geben. Jegliche Opposition wird schon mit dem nächsten "Turnus" stillschweigend ausschaltbar. Bei der kurzfristigen Übergabe der Funktion an den nächsten tritt eine gegenseitige Beobachtung ein, die jegliche Abweichung erschwert. Jeder muß vor seiner Ablösung aufpassen, jeder muß prüfen, was er übernimmt. Und immer ist die WTG gegenwärtig, weil sie den "Turnus" laufend überwacht, um mit Verweigerung der Ernennung kritische Entwicklungen schon im Keim zu verhindern. Die bisherige "theokratische Ordnung" hatte nämlich einen Kardinalfehler. Die eingesetzten Personen blieben jahrelang in ihren Funktionen und konnten so unter äußerlicher WTG-Loyalität die gefährlichsten kritischen Positionen aufbauen. Der nunmehr ständige kurzfristige "Turnus"-Wirbel soll da nichts mehr heranreifen lassen. Es soll nicht mehr passieren können, daß plötzlich Kreis-, Bezirks- oder gar Zweigaufseher "rebellieren" oder ganze Versammlungen in Opposition gehen. Das alles soll schon im Keim verhindert werden. Niemand soll mehr die Möglichkeit haben, etwas ungestört zu entwickeln. Die mit dem "Turnus" automatisch einsetzende gegenseitige Prüfung, Beobachtung, Kontrolle und Beargwöhnung läßt das nicht mehr zu. Ist das nicht das Prinzip, "teile und herrsche"?

Und was ist die biblische Grundlage für diesen "Turnus" jedes Jahr? Es gibt keine. "Sehr wahrscheinlich" habe es das bei den ersten Christen ebenfalls gegeben. ist das einzige, was der WT vorbringen kann (WT 15. 2. 74, S. 119). Wie sieht es nun hier aus? Die Termine waren, vom 1. Aug. bis 1. Okt. 1972 alle Ernennungen durchzuführen. Inzwischen ist eine Verzögerung von 2 Jahren eingetreten. Neuer Termin ist der 1. Okt. 1974. Es kann gesagt werden, daß damit der "übergeordnete" Ältestenapparat im wesentlichen steht. Alle anderen weitgehend. Die von Brooklyn ernannten Prüfungskomitees sollten nichts als schon in Ordnung annehmen, sondern jede einzelne Person sorgfältig untersuchen. Wenn über irgendeine Person auch nur der geringste Zweifel besteht, sollte sie besser nicht empfohlen werden. Alles soll so gemacht werden, daß diejenigen, die entfernt werden müssen, lieber selbst den Wunsch vorbringen mögen, auszuscheiden, als daß sie gestrichen werden müssen. Sie sollen geschickt veranlaßt werden, sich selbst zurückzuziehen. Auf diese Weise wurden viele "Überörtliche" abgelöst, die sich das gar nicht erklären können. Es wurde kein Wert auf Schnelligkeit gelegt, um alle gründlich durchleuchten zu können.

Für diese "Säuberung" wurden von Wiesbaden viele "private" Besucher geschickt, um unbemerkt zu überprüfen. Gibt es etwa "schuldige" Kinder? Wie ist das Verhältnis zur Frau? Was für Hobbys? Wer ist ein Diktator? Wer steht "unter dem Pantoffel"? Ist die Frau klatschsüchtig? Ist sie zu neugierig? Was bestehen für Verwandtschaftsverhältnisse, Kontakte und Beziehungen? Bestehen Abhängigkeitsverhältnisse? Wo herrscht Günstlingswirtschaft? Warum? Weil einer vom anderen zuviel weiß? Was wird vertuscht? Wer deckt wen? Wer lanciert wen?

Viele wurden auf unerklärliche Weise abgelehnt. Wer war dagegen? Wer hat was aufgedeckt? Warum wurde in gleichen Fällen unterschiedlich entschieden? Wer sind die heimlichen Ankläger? Wer die Zuträger? Wie erfährt man, was wirklich zugrunde liegt? Bei allen Entscheidungen spielte letztlich die persönliche Gunst die entscheidende Rolle, eben weil es keine "Überwaltung" gibt. Besteht ein ungünstiger Eindruck, dann gibt es eben keine Empfehlung. So ziehen sich viele Alte zurück, ja selbst Überrestglieder.

Eine Hauptaufgabe der "privaten" Besucher hier war, zu prüfen, ob "die Loyalität allem anderen vorangestellt" wird. Das heißt, Ausschaltung aller Personen, die auch nur im Geringsten erkennen lassen, daß sie nicht mehr mit dem antikommunistischen, auf Täuschung und List gegründeten Untergrundkurs der WTG einverstanden sind. Das läßt zugleich auch erkennen, wie die WTG auch "inmitten des Kommunismus" verstanden wissen will, bisher jedenfalls. Es sollen nur Älteste bleiben, die auch den antikommunistischen politischen Kollisionskurs weiter mit durchziehen, wie ihn die WTG bestimmt.

Das ist der gegenwärtige Stand der Dinge. Die Wiedereinführung des Ältestenamtes mit seinem "Turnus" bedeutet nicht nur eine "Säuberungsaktion", wie es sie seit der Beseitigung dieses Amtes nicht mehr gegeben hat. Es bedeutet vielmehr die Einführung eines Systems zur ständigen kurzfristigen "Säuberung" oder Ausschaltung aller der WTG jetzt und in Zukunft Unbequemen von nun an, 1975 überschreitend, um die Organisation für eine weitere lange Zeitperiode auch unter veränderten Verhältnissen und Bedingungen weiter sicher im Griff zu haben. So geraten die neuen Ältesten wahrlich an einen Scheideweg, ob sie der WTG weiter bedingungslos folgen wollen. Der eine früher, der andere später. Die Alternative wäre der gute Kampf des Glaubens für die Wiederherstellung des Ältestennamtes so, wie es auf der Grundlage echten Bibelforschens und christlicher Mündigkeit der Versammlungen ursprünglich bestand, wenn sie sich nicht gar anders entscheiden. Schritt für Schritt werden heute die Zusammenhänge um die WTG offenbar, die Zeit ist dafür unwiderruflich herbeigekommen.
F. F.

BIS WIR ALLE ZUR EINHEIT IM GLAUBEN UND IN DER ERKENNTNIS DES SOHNES GOTTES GELANGEN
Sich im Namen Jesu frei versammeln
Es ist eine natürliche Entwicklung, daß Zeit und Erfahrung reif und mündig machen. Sollte das nicht auch in den Versammlungen der Fall sein? Hundert Jahre seit 1874 oder schon die dritte Generation WTG-Geschichte oder Erfahrung mit ihr stehen zur Verfügung. Wie könnte man das übersehen? Wie könnte man sich da weiter in der Organisation lückenlos bevormunden lassen? Das ist der unvermeidliche "Generationskonflikt" der WTG. Das, was passiert, von innen und von außen, dehnt sich immer weiter aus. Schauen wir uns um.

Kritische Bücher über die WTG und Jehovas Zeugen erscheinen in immer weiteren Kreisen in Westeuropa, kürzlich in Italien. Traktate zur kritischen Begegnung erschienen jüngst auch in spanisch, portugiesisch, italienisch, kroatisch, griechisch und in französische bis nach Kongo/Afrika. In der BRD entwickeln die evangelischen und katholischen Zentralstellen für die Begegnung mit Glaubensgemeinschaften eine immer fundiertere Aktivität und Information. In Polen sind es u. ci. die christlichen Zeitschriften "Znaki Czasu" (Zeichen der Zeit) und "Rodzina" (Die Familie), die Fragen der Zeugen Jehovas aufgreifen und ihnen helfen. In der DDR werden durch die Nachrichten und Kommentare der Konfessionskundlichen Forschungsstelle der Evangelischen Kirchen die Pfarrer z. B. laufend auch über Vorgänge und Entwicklungen der WTG und Zeugen Jehovas informiert, als Zurüstung für Begegnung, Gespräch und Hilfe.

Alles dies geschieht, wie man beobachten kann, zunehmend in einem Geist sachlicher Hilfsbereitschaft unter gebührender Berücksichtigung der Identitäten so, wie sie historisch gewachsen sind. Dabei nehmen die grundsätzlichen christlichen Gemeinsamkeiten sowie die allen Christen gemeinsamen fundamentalen sozialen Lebensinteressen immer mehr den ihnen gebührenden Platz ein. Wo Jehovas Zeugen das nicht begreifen trotz der wiederholt unwahren WTG-Endzeiten, müssen sie weiter als "unmündig" in die Isolierung geraten. Denn die WTG hat ihre Endzeitglaubwürdigkeit nun endgültig überschritten.

Der Scheideweg ist wirklich erreicht. Mit dem Überschreiten von l975 beginnt der Wandlungsprozeß aller, die der WTG bisher aufrichtig und gutwillig folgten. Was kann man tun?
Ein nützlicher erster Schritt wäre u. a. die Bildung von Gruppen oder Kreisen zum Studium von CV, um sich einen Überblick über alles zu verschaffen. Schafft mit allen Brüdern und Schwestern eures Vertrauens solche CV-Studienkreise, in denen CV gelesen wird und kursiert. Informiert zu sein ist die erste Voraussetzung für alles andere, was man auch tut.

Ein gutes Beispiel fortan freien und mündigen christlichen Lebens und Wirkens sind in der DDR dann die Versammlungen im Bund freier Christengemeinden, BfC, (Geschäftsstelle: Br. Peter Förster, 825 Meißen, Roter Weg 10), Brüder und Schwestern, die schon früher die Konsequenzen aus den irrigen WTG-Endzeitlehren gezogen haben. Warum sich nicht mit den Ältesten der freien Versammlungen beraten, um die Versammlungen nicht schließlich auch hinzuführen in christliche Freiheit und Mündigkeit in schriftgemäßer Verantwortung vor Gott und Menschen? Die Ältesten der freien Versammlungen oder Gemeinden sind zu jeder schriftgemäßen Hilfe oder Beratung bereit und heißen andererseits jeden herzlich willkommen. Was für eine wunderbare Möglichkeit, sich wieder frei um das Wort Gottes zu versammeln, wieder frei Lieder zum Lobe Gottes zu siegen und den Mitmenschen frei christliche Nächstenliebe zu erweisen. Ort und Zeit der Zusammenkünfte des Bundes freier Christengemeinden in der DDR sind u. a.: Freie Christengemeinde. Dresden 806, Robert-Blum-Str. 6 (Adventgemeinde), Sonntags. Mai/Sept.: 9-10.30 Uhr, Okt./April: 14.30-16.00 Uhr.
Freie Christengemeinde Leipzig 705. Witzgallstraße 10 Jugendzimmer Laurentiuskirche) Sonnabends, 14-16 Uhr
Freie Christengemeinde Karl-Marx-Stadt, Gießerstraße 36 (Jugendzimmer Joseph-Kirche) Sonnabends, 13.30-15.30 Uhr.
Auch die in der Vereinigung freistehender Christen in der DDR (Leitung Br. Martin Domschke, 8023 Dresden, Großenhainer Str. 51) verbundenen Brüder und Schwestern gehen einen ähnlichen von irrigen WTG Lehren nunmehr freien Weg. In Polen ist es u. a. die Vereinigung der Bibelforscher (Leitung Br. Wachlaw Stachowicz, 00-975 Warszawa 12. Skr. 94). Wir können so erkennen, wie allenthalben, ausgehend von natürlich unterschiedlichen Entwicklungen und Gegebenheiten, Erfahrungen und Erkenntnissen, die Bemühungen zur Gemeinsamkeit wachsen, "bis wir alle zur Einheit im Glauben und in der Erkenntnis des Sohnes Gottes gelangen" (Eph. 4:13), das vor allen Christen liegende schriftgemäße Ziel.
P.

Kongresse 1974 weiter im Brennpunkt
ZUM INHALT DIESER AUSGABE
Was gab es auf den Kongressen 1974 für neue Veröffentlichungen? Wie ist der Hauptvortrag "Menschenpläne scheitern - Gottes Vorsatz gelingt" einzuschätzen im letzten Jahr vor 1975? Was ist über das Auftreten von Konrad Franke vom Zweigbüro in Wiesbaden im Fernsehen anläßlich der Kongresse 1974 zu sagen? Wie hat das WTG-Ostbüro Wiesbaden auf den Kongressen gearbeitet? Was gab es für kritische Reaktionen? Das Thema "Die WTG-Kongresse 1974 und das Endzeitdatum 1975" in dieser Ausgabe ist nur der Auftakt zu unseren Berichten über diese Kongresse. Jeder sollte andere Brüder und Schwestern auf diese Berichte in dieser und auch in den nächsten CV-Ausgaben aufmerksam machen. Wo schon CV-Studienkreise bestehen, sind diese Berichte vielleicht als erstes zu empfehlen Schwerpunkt dieser CV-Ausgabe ist vornehmlich das Thema "Älteste". Ist es nicht äußerst wichtig. daß jeder Alteste die vorgebrachten Argumente kennt? Und wenn es nur zur Information ist, um für irgendwo herkommende Fragen gerüstet zu sein? Manchmal kann es die Situation erfordern, nur vertraulich mit den Ältesten über alles zu sprechen. Sicher wissen sie, daß die Hirtentätigkeit große Behutsamkeit erfordert. Ist nicht selbst "der Geringste der Brüder Christi" sehr kostbar vor dem Angesicht Gottes? Und die jetzt eingetretene 1975-WTG-Krise wirft alle Fragen auf! Es hilft nichts, auszuweichen, zu unterdrücken oder den Kopf in den Sand zu stecken. Wer wollte es riskieren, "den glimmenden Docht" ganz auszutreten? Wer die Verantwortung trägt, muß den Tatsachen ins Auge schauen, und vor allen Dingen selbst informiert sein, wenn er nicht am Ende hilflos herumstehen will, nicht in der Lage, Auskunft zu geben. Wir sind ganz gewiß, daß wir auch unseren bedenklichen Lesern - kritisch sollten alle sein - mit dieser CV-Ausgabe wieder darin helfen, wenigstens informiert zu sein. Wir glauben, das schätzen alle, die von Herzen aufrichtig sind.
Eure Brüder - CV-Leitung Gera/Thür.
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"Christliche Verantwortung": Monatsschrift der Studiengruppe Christliche Verantwortung. Herausgeber Wolfgang Daum, DDR 65 Gera, Otto-Dix-Straße 6. Preis: M 0,20. Jahresabonnement M 2,00. Versand auch kostenlos.
Kto.-Nr: 4562-43-8015 bei Kreis- und Stadtsparkasse Gera
A 1287/74 V 7 1 1932

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