Kommentar zu den eingescannten CV-Ausgabe
CV 33
Er hat sich nicht näher vorgestellt, jener Herr, der sich "Wolfgang Daum"
nennt, und der ab dieser CV-Ausgabe in Nachfolge des Willy Müller, nunmehr als formaler
Herausgeber jenes Blattes fungierte. Hatte es Müller immerhin geschafft, das Blatt im
Zwei bis Drei-Monatsrythmus herauszubringen, so trat nunmehr erstmal eine größere Pause
ein. Die letzte noch von Müller redigierte Ausgabe datierte vom Mai 1970.
"Daum" hingegen konnte erst im Oktober 1970 seine erste Ausgabe vorlegen. Wenn
man selbst von Kindheitstagen im Sinne der Zeugen Jehovas erzogen wurde, dann bildet man
sich ja auch so seine Meinung über neue Bekanntschaften in diesem Kontext. Als ich den
Herrn "Daum" kennenlernte, blieb bei mir nur ein kopfschüttelndes Staunen
übrig, wieso ausgerechnet der, nunmehr Herausgeber der CV wurde.
Mir hat keiner diese Frage in einer
für mich verstehbaren Form beantwortet. Weder zu DDR-Zeiten, noch in den ersten Jahren
danach. So habe ich denn auch alsbald mit dem Kapitel "Daum" Schluss gemacht,
und Ende 1972 meine bis dato partiell gegebene Mitarbeit an der Geraer CV, offiziell für
beendet erklärt und auch nie wieder aufgenommen; obwohl es danach noch Versuche gab, mich
dazu zu bewegen. Entweder mit Zuckerbrot oder mit der Peitsche.
D. hat vor einiger Zeit, in einer
WTG-nahen Publikation ein paar Hinweise veröffentlicht, die es nun auch mir im Nachhinein
erklärbar machen, weshalb gerade dieser Herr "Daum" CV-Herausgeber wurde.
Danach ist er, der ursprünglich mal Karlheinz Simdorn hieß, zur Infiltration der Zeugen
Jehovas, von der Stasi bei Westberliner Zeugen Jehovas eingeschmuggelt worden. Er ließ
sich dort taufen und galt nunmehr als Zeuge Jehovas. Die Stasi hatte weitergehende Pläne.
Am 20. 12. 1958 erfolgte im Westberliner Büro der Zeugen ein Einbruch, und das dazu
benutzte Werkzeug der Stasi, war besagter Herr Simdorn.
Glaubt man D., war die Beute
dieses Einbruches nicht sonderlich von Gewicht. Vielleicht sah die Stasi das ähnlich,
denn ihren Agenten zog sie nun aus Westberlin zurück und verfrachtete ihn in die DDR nach
Gera. Immerhin bekam er für seine "Verdienste" von der Stasi auch mal einen
Orden verpasst. Hierbei widerspricht sich D. allerdings. Einmal sagt er, dies sei
1964 und zum anderen behauptet er, für den gleichen Fakt, es sei 1968 gewesen.
Wie auch immer. Sonderlich in Sachen
Zeugen Jehovas ist Herr Simdorn in diesen Jahren wohl nicht in Erscheinung getreten. Seine
Stunde diesbezüglich schlug erst wieder, als seine Hintermänner ihn zum Herausgeber der
CV avancierten. Für diesen Rollenwechsel bekam er dann auch noch gleich einen neuen
Namen, als "Wolfgang Daum". Sehe ich mir den Leitartikel in dieser CV-Ausgabe,
der mit Wolfgang Daum gezeichnet ist, näher an, dann finde ich darin auch einen Satz wie
den:
"Bekanntlich gehört es zur
internationalen US-amerikanischen Politik der Globalstrategie, gegen die sozialistische
bzw. kommunistische Staats- und Gesellschaftsordnung soweit wie möglich auch Kirchen bzw.
Religionsgemeinschaften einzuspannen, wie der USA-Bankier und Berater der USA-Regierung J.
P. Warburg in seinem Buch "Deutschland - Brücke oder Schlachtfeld", S. 159
(Stuttgart 1949) offen darlegt."
Damit steht für mich fest, dass Daum
diesen Artikel überhaupt nicht selbst verfasst hat. Genau dass ist doch die primäre
Stasithese, die Pape in deren Auftrag formuliert. Hier haben wir wieder einmal ein
weiteres Beispiel für das Marionettentheater auch in der CV.
Allerdings füge ich hinzu, der
Substanzkern jenes Warburg-Zitates ist real. Nur - er erreicht nicht die
"Antennenlänge", auf der die Zeugen Jehovas zu schweben belieben. Man kann
etwas sachlich richtiges sagen, und trotzdem kommt es nicht an. Weil es die Befindlichkeit
des Ansprechpartners nicht genügend berücksichtigt. Vorgenanntes ist auch ein Beispiel
dafür.
CV Christliche Verantwortung
Informationen der Studiengruppe Christliche Verantwortung
Konto-Nr. 4562-43-80015 bei der Kreis- und Stadtsparkasse Gera
Nr. 33 Gera Oktober 1970
CV - ihr Zweck
Christliche Verantwortung leitet an zu rechtem Forschen in der Heiligen
Schrift und zu verantwortungsbewußtem Verhalten als Christ und Bürger. Übereinstimmend
damit befaßt sich CV mit Verkündigung und Organisation der Wachtturmgesellschaft. CV ist
hier die erste Schrift verantwortungsvoller freier Diskussion für alle Versammlungen der
WTG und ihrer einzelnen Glieder. Ehemalige möchten ihre Erfahrungen in CV kundtun, um zu
helfen.
Was geht im Bethel in Wiesbaden vor?
Ein neuer westdeutscher Zweigdiener
Nach bisher bekanntgewordenen Einzelheiten kann auf die Anfragen über die
Vorgänge im Wiesbadener Zweigbüro der WTG weitere Auskunft gegeben werden. Die
Mitarbeiter von CV sind bemüht, ständig Näheres zu erfahren, was dann veröffentlicht
wird. Gleichzeitig sei Dank ausgesprochen für alle Informationen in dieser Sache.
Wie bereits bekannt ist, hat WTG-Präsident Knorr, USA, den bisherigen
westdeutschen Zweigdiener Konrad Franke, Wiesbaden, ab 1. 10. 1969 seines Dienstamtes
enthoben. Franke hatte sich geweigert, mit Bezug auf 1975 irgendwelche Kompromisse
anzuerkennen, wie sie von Brooklyn ausgehen, etwa 1975 nicht als unumstößlich und
unanfechtbar zu verkündigen. Bekanntlich hatte WTG-Vizepräsident W. F. Franz, Brooklyn,
USA, die Richtlinie ausgegeben, nur zu sagen, "es könnte 1975 sein", aber
"wir sagen das nicht". (WT 1. 1. 1967) Franke hat überall gegen solche
Kompromißreden den Grundsatz vertreten, 1975 sei letztgültig und endgültig, es gäbe da
kein Wenn und Aber, kein Vielleicht und Könnte. Die Zeit mit Bezug auf "diese
Generation" sei dafür zu weit vorangeschritten. Als untergeordnet kommt hinzu, das
Franke offensichtlich für das Hauptbüro in Brooklyn den westdeutschen WTG-Zweig auch
organisatorisch nicht mehr hinreichend in der Gewalt hat, um umsichgreifende
Zersetzungserscheinungen auszumerzen. CV wird demnächst Berichte aus einer westdeutschen
Versammlung über die tiefe Verstrickung Frankes in unlösbare innerorganisatorische
Probleme und Skandale veröffentlichen, die das Hauptbüro ebenfalls alarmiert haben.
Mit der Einstellung zu 1975 war Franke für das Hauptbüro in den USA
jedoch untragbar geworden. Denn eine unwiderrufbare Festlegung auf 1975 würde im
Irrtumsfalle für die WTG eine unabsehbare Katastrophe bedeuten. Die WTG will es nicht
zulassen, daß ihr Hauptbollwerk in Europa, der westdeutsche Zweig, einem solchen Risiko
ausgesetzt wird. Wie mitgeteilt wird, ist nach Frankes Absetzung im Zweigbüro Wiesbaden
eine große Spaltung eingetreten, weswegen ein Mantel des Schweigens ausgebreitet wird.
Der neue Zweigdiener in Wiesbaden ist Bruder Richard E. Kelsey. Bruder
Kelsey ist Amerikaner und schon seit mehr als 15 Jahren als Sonderdiener des Hauptbüros
in Brooklyn, USA, bekannt. Kelsey ist auch durch sein Auftreten auf verschiedenen
Kongressen in Westdeutschland bekannt geworden. Auf dem Hamburger Kongreß 1961 sprach er
am Mittwoch den 19. 7. 1961, zu dem Thema "Gib uns mehr Glauben". Auf der
Bezirksversammlung vom 30. Juli bis 2. August 1964 in Westberlin war er als Kongreßdiener
hauptverantwortlich für die gesamte Kongreßorganisation Am Freitag, dem 31. Juli, hielt
er die Taufansprache "Die Taufe verrät Glauben".
Ein besonderer Programmpunkt dieser Westberliner Bezirksversammlung unter
Regie von Kelsey war die "Theokratische Predigtdienstschule", in der u. a. auch
die Methoden der antikommunistischen psychologischen Kriegsführung auf religiösem Gebiet
im WTG-Bereich gelehrt wurden. In CV Nr. 6 unter dem Thema "Theokratische Kriegslist
oder die WTG-Weisungen, Behörden und Gerichte der DDR zu belügen und zu täuschen",
war nachgewiesen worden, daß diese Methoden unchristlich sind und in krassem Widerspruch
zu 2. Kor. 4:2 NW stehen, wo den Christen jedes Wandeln in List untersagt ist. Der
bisherige Sonderunterweiser in diesen Fragen ist der WTG-Zonendiener für Osteuropa und
nun auch Mitarbeiter des neuen Zweigdiener R. E. Kelsey in Wiesbaden, W. Pohl.
Im Jahrbuch 1964 wird Richard E. Kelsey zusammen mit allen anderen
Sonderdienern zum letztenmal genannt. Mit dem Jahrbuch 1965 hat die WTG die
Sonderdienerlisten aus den Jahrbüchern entfernt, um eine Kontrolle über den WTG-Apparat
seitens der Verkündiger und anderer soweit wie möglich auszuschalten. Unter vielen
Sonderdienern hatte diese Maßnahme zu Unzufriedenheit geführt, weil sich die WTG nur
verdächtig macht, wenn sie sich mehr und mehr jeder Kontrolle entzieht.
Auf Anfragen zur Absetzung von Konrad Franke hat zum Teil direkt auch der
Zweigbüro-Mitarbeiter und WT-Redakteur Günter Künz geantwortet. Allerdings bestehen
seine Antworten meist darin, zu erklären, das er jeden Kommentar verweigert. Es ist die
bekannte Methode der WTG, am besten alles zu verschweigen. Das habe nach Äußerungen
anderer leitender Brüder den Vorteil, daß niemand endgültige und zutreffende
Schlußfolgerungen ziehen könne, da nichts Genaues bekannt sei. Es könnten so keine
sicheren Entscheidungen für oder gegen die WTG getroffen werden. Es muß zugegeben
werden, daß das immerhin doch die beste Methode ist, Entscheidungen gegen die WTG zu
verhindern oder zumindest zu erschweren. Es ist die bekannte Methode, über alles Gras
wachsen zu lassen und auf die Vergeßlichkeit der Menschen zu hoffen.
Über den gegenwärtigen Zweigdienerwechsel sind nur ganz geringe Kreise
höherer Diener informiert. Aber schon wenn nur drei Personen von einer Sache wissen, ist
nicht mehr festzustellen wer derjenige ist, der die Verschwörung des Schweigens nicht
mehr mitmacht.
Die WTG verfolgt mit der Einsetzung des Amerikaners Richard E. Kelsey eine
ganz bestimmte Absicht oder Strategie Es läßt aufmerken, daß erstmalig kein deutscher
Bruder den deutschen bzw. westdeutschen WTG-Zweig mehr leitet. Offensichtlich hat die zur
Zeit im Hauptbüro vorherrschende Gruppe das Vertrauen in deutsche Brüder diesbezüglich
völlig verloren. Es ist z. B. eine Tatsache, daß Zweigdiener Erich Frost (bis 1955) auf
Grund seiner "unelastischen", antikommunistischen Haltung, weit über die vom
Brooklyner Hauptbüro angewandten Methoden der Verbreitung des Antikommunismus hinausging.
Zweigdiener Konrad Franke schießt nun fanatisch mit Bezug auf 1975 über das Brooklyner
Hauptbüro hinaus. Er erkennt allerdings sehr richtig, daß Brooklyn mit Bezug auf 1975
wankelmütig ist und Kompromisse in der Hinterhand hat, damit 1975 nicht alles wie ein
Kartenhaus zusammenfällt, wenn nichts passiert.
Für das Hauptbüro scheint daher offensichtlich zu sein, daß "die
Deutschen" nicht zuverlässig sind, sowohl was die politische als auch was die
religiöse Linie betrifft, die in der Verkündigung, Organisation und Arbeit einzuhalten
sei. Vor allem haben sich "die Deutschen" als völlig unverständig für
amerikanische "Taktik" und "Elastizität" erwiesen. Diese Erkenntnis
scheint in Brooklyn nun endgültig zu sein, was zu dem Entschluß führte, keinen
Deutschen, sondern nun einen Amerikaner als westdeutschen Zweigdiener einzusetzen.
Bekanntlich gehört es zur internationalen US-amerikanischen Politik der
Globalstrategie, gegen die sozialistische bzw. kommunistische Staats- und
Gesellschaftsordnung soweit wie möglich auch Kirchen bzw. Religionsgemeinschaften
einzuspannen, wie der USA-Bankier und Berater der USA-Regierung J. P. Warburg in seinem
Buch "Deutschland - Brücke oder Schlachtfeld", S. 159 (Stuttgart 1949) offen
darlegt.
Es ist jedoch nicht bekannt, daß irgendeine Religionsgemeinschaft einen
derart primitiven und fanatischen antikommunistischen Kurs gefahren ist, wie die WTG
besonders seit 1947 in Deutschland, und zwar in der Tat unter "deutscher
Führung". Zu allem Überfluß mußte der "deutsche" Zweigdiener E. Frost
sich dann im "sicheren" Westberlin hinstellen, und die "Kommunisten"
als "Marionetten, Ungeziefer und Seuche" verhöhnen, die bald ausgerottet
würden. Das läßt sieh alles dokumentarisch belegen. Nun treibt Konrad Franke die Sache
mit 1975 auf die Spitze.
Wie lange will die WTG noch ihre Bibelverfälschungen zur Durchsetzung
ihrer Politik des Antikommunismus beibehalten?
Weil sie ihre Bibelverfälschungen weiterhin aufrechthalten wollen, mußte
jetzt ein grundlegender Wechsel in der Wiesbadener WTG-Führung vollzogen werden.
Mit der Übernahme des Wiesbadener Zweigbüros durch einen Amerikaner,
Richard E. Kelsey, verbindet die WTG das Vorhaben, den westdeutschen Zweig fest in die
Hand zu bekommen und sein religiöses und politisch-antikommunistisches Vorgehen zu
sichern.
Wolfgang Daum
Der Brief des Apostels Paulus an die Römer
Eine biblische Studie
Wir brachten in "Christliche Verantwortung" des öfteren
Erklärungen zum Römerbrief. Hiermit legen wir eine Studie vor, die bezeugt, wie Brüder
und Schwestern in Beachtung der Worte in 2. Tim. 2:7, "suche dir den Sinn meiner
Worte klar zu machen, der Herr wird dir schon Verständnis für alles geben, sich selbst
über die Bibel Gedanken machen, um aus der "Unmündigkeit" herauszukommen, die
ihnen der bedenkenlose WT-Gehorsam bedeutet, -
Eine ungewöhnliche Vorbemerkung:
"Dieser Brief ist das rechte Hauptstück des Neuen Testaments und das
lauterste Evangelium, welches wohl würdig und wert ist, daß ein Christ nicht allein Wort
für Wort auswendig wisse, sondern sich täglich damit befasse als geistiges Brot. Der
Brief kann nie zuviel zum Wohle und zur Aufbauung gelesen werden. Je mehr er behandelt
wird, je köstlicher wird er und je besser schmeckt er."
Mit diesen Worten hat Martin Luther in seiner ersten Ausgabe des von ihm
neu übersetzten Neuen Testaments im Jahre 1552 seine Einleitung zum Römerbrief begonnen.
Darin muß man Luther recht geben: Der Römerbrief ist ein Schicksalsstück
der Christen. Am Verständnis und an der Wertschätzung des Römerbriefes hat sich immer
wieder das Schicksal der Christen entschieden, vor allem, was ihr irdisches Leben
betrifft. In diesem Brief wird etwas ganz Besonderes und Entscheidendes am christlichen
Glauben herausgearbeitet und in konzentrierter und lebhafter Form dargeboten.
Über die römische Christengemeinde, an die Paulus seinen Brief richtet,
wissen wir nicht mehr, als was wir aus dem Römerbrief von Paulus herauslesen können. Die
Christengemeinde ist nicht von Paulus, auch nicht von einem seiner Mitarbeiter, Timotheus,
Silas usw. gegründet worden. Sie bestand bereits seit längerer Zeit und ist vermutlich
dadurch entstanden, daß sich Christen aus verschiedenen Weltteilen in Rom, der damaligen
"Welthauptstadt", zusammenfanden Die Christengemeinde bestand aus Juden und
Nichtjuden. Sie hat durch die Kräftigkeit des Glaubenslebens weiterhin einen guten Namen,
ohne deswegen eine führende Rolle gespielt zu haben. Wie aber kommt Paulus dazu, an sie
einen Brief zu schreiben?
Der Apostel fühlt, daß seine Aufgabe im Osten größtenteils erfüllt
ist. Der Ruf des Herrn weist ihn nach dem Westen. Über Rom will er nach Spanien reisen,
und der Vorbereitung dieses seines ersten Besuches in Rom soll der Brief dienen. Die
römische Gemeinde soll ihm bei seiner Spanienmission Hilfe leisten. Darum muß er ihr
Vertrauen gewinnen und ihr klar machen, um was es bei der Verkündigung des Evangeliums
geht. Daraus erklärt sich wahrscheinlich der lebhafte Charakter des Briefes. Wie in allen
bekannten Paulusbriefen wird auch in diesem leidenschaftlich gerungen.
Er ist unter allen Paulusbriefen der am wenigsten zeitbedingte, der uns am
meisten angeht, am unmittelbarsten, vor allem in irdischen Fragen. Ort und Zeit der
Abfassung können wir zwar innerhalb der Geschichte des Paulus ganz, aber hinsichtlich der
Jahreszahl nur annähernd genau bestimmen. Paulus steht vor seiner letzten Reise nach
Jerusalem, wohin er den Spendenertrag, den er in Griechenland für die Armen der
Urgemeinde gesammelt hatte, bringen will. Seine dritte Missionsreise liegt hinter ihm,
sein Werk im Osten ist abgeschlossen. Das Datum schwankt darum zwischen den Jahren 54 und
58. Die WTG gibt das Datum mit "um 56" an. Der Ort der Abfassung ist sehr
wahrscheinlich Korinth in Griechenland.
Der Aufbau des Briefes ist klar und einfach. Nach einer Einleitung, in der
sich der Apostel vorstellt und mit der Gemeinde Fühlung sucht, geht er sofort zum ersten
Hauptthema über: Die Erlösung durch Christus. Es folgt das zweite Hauptthema: Die
Entfaltung der Erlösungsbotschaft von Jesus Christus. Dann folgen noch andere Teile:
Fragen des damaligen Judenvolkes und Folgerungen für das praktische Leben. Das ist das
Gerippe dieses Briefes. Aber was für ein Leben trägt es! Man erlebt eine ganz andere
Welt als die einer sog. theokratischen Organisation mit ihrem Anspruch, Errettung nur mit
ihr zu erlangen!
Doch man muß das im Geiste von 2. Tim. 2:7 selbst lesen, um es zu
empfinden. Was für eine Macht des Geistes muß in diesem Paulus lebendig gewesen sein,
daß er ein solches Werk in ein paar Nächten zu diskutieren imstande war. Der ganzen
christlichen Lehre, allen christlichen Denken hat Paulus in diesen 16 Kapiteln den Stoff
gegeben und den Weg gewiesen. Von des Menschen Elend und der göttlichen Hilfe, von des
Menschen Laufen nach dem Ziel und von Gottes Weisheit und Erbarmen, von der Gabe Gottes an
alle, die sie empfangen wollen, und von der Aufgabe, die aus dieser Gabe entsteht, ist
hier das Grundlegende gesagt, so wie es vor und nach Paulus kein Apostel mehr gesagt hat.
Und es ist merkwürdig, wenn man das liest, wie weit ist das doch alles entfernt von den
Anforderungen und Leistungen, die die sog. theokratische Organisation als
Erlösungsbedingungen verlangt. Warum nennt Paulus nicht einmal den Begriff
"theokratische Organisation" Sollten wir über Paulus hinausgehen?
Lies dazu seine eigenen Worte in 1. Kor. 4:6.
Wenn man Paulus persönlich würdigen will, so könnte man sagen: Es gibt
wohl kein Dokument religiösen Geistes, wo Leidenschaftlichkeit des Gefühls, Gewalt des
Gedankens und Unerbittlichkeit des Willens so voneinander durchdrungen sind wie in diesem
Brief. Beinahe eine vulkanische Urproduktion, wo alles glühend aus der Tiefe der
Erkenntnis Gottes herausbricht. Man kann ihm nicht folgen, ohne daß das ganze Leben in
Bewegung gerät. Paulus ist Evangelist. Auch dieser urchristliche Begriff ist typisch für
die Abweichung des Geistes der sog. theokratischen Organisation. Sie hat selbst diese
Benennung für ihre Diener ausgemerzt. Man empfindet, wie Paulus Bekehrer und auch
Fürsorgender für viele ist. Er nimmt sich die Zeit in ein paar Nächten für eine
Gemeinde, die er als Stützpunkt von Missionsausdehnungen gebrauchen will, die Summe der
christlichen Lehre so zusammenzufassen, daß seitdem aus diesem nächtlichen Diktat ein
unerschöpfliches Reservoir geworden ist. Aber mit allem ist die Hauptsache noch nicht
gesagt. In diesem Briefe an die Römer liegt das Wort Gottes vor. Nun kommt es darauf an,
ob der Leser, Bruder oder Schwester, darauf hört, direkt, unmittelbar. Und das muß wohl
so und nicht anders sein.
Einleitend stellten wir fest, daß der Brief des Paulus zum Schicksalstück
für Christen geworden ist. Für die sog. theokratische Organisation tun sich da zwei
große Fragen auf, die schicksalhaft sind.
Wir wissen um die Falschauslegung dessen, was Paulus in seinem Brief im 13.
Kapitel für das praktische Leben, für das irdische gesellschaftliche Existieren des
Christen in Verbindung mit der "Obrigkeit von Gott" sagte. Tausenden wurden die
falschen Auslegungen zum Schicksal. Und wir wissen auch, daß der Apostel Paulus selbst
für das gesamte Zeitalter der Evangeliumsverkündigung die "irdische Hoffnung"
schärfstens verurteilte. Philipper 3:17-19. Diese Worte sind zum Schicksal der gesamten
sog. theokratischen Organisation geworden, die die Mehrheit der ihr Folgenden auf das
Irdische richtet, was Paulus hier verurteilt. Die Furchtbarkeit besteht darin, daß sie
das nicht erkennen. Sie hören nicht auf Paulus selbst. Seine Worte sind nicht wirklich
für sie verbindlich und bestimmend, nur scheinbar. Die von Paulus gepredigte Hoffnung
wäre ihnen persönlich ein Ärgernis.
Ist die Kluft zwischen der e i n e n Hoffnung, der himmlischen, die die
Apostel einschließ1ich Paulus als Evangelium oder gute Botschaft lehrten (Epheser 4:1-6),
und der abwegigen irdischen, die Paulus verdammt, die aber die Mehrheit der sog.
theokratischen Organisation hegt, unüberwindbar geworden? Was für ein Schicksal würde
das sein!
Indem Paulus überschaut, wie Gott das Christentum gegründet, seine Gnade
zu allen Nationen ausbreitet, offenbart er uns Gottes Vorhaben. Wir müssen uns da an die
Heilige Schrift halten, an die Hoffnung, die sie enthält, koste es, was es wolle, denn
wir dürfen nicht über das geschriebene Wort Gottes hinausgehen, wie Paulus den
Korinthern schrieb. 1. Kor. 4:6.
Sucht man sich tatsächlich den Sinn der Worte des Apostels klar zu machen,
wie er es selbst fordert, dann muß sich sehr viel ändern. Die Gott in der Tat wahrhaftig
sein lassen, werden diese Änderung vollziehen müssen.
Wir wünschen Euch, liebe Brüder und Schwestern, ein aufbauendes Studium
des Römerbriefes und erwarten Eure Fragen oder auch Hinweise.
E. B. und B. M. und CV-Redaktion
Zwölf Jahre meines Lebens
von Gerhard Peters (7. Teil)
Zum Schluß des 6. Teiles:
Nachdem Gerhard Peters um des Dienstes willen und veranlaßt durch die
vielen Schwierigkeiten in der Familie und in der Organisation seine berufliche
Bergbaulaufbahn aufgegeben hatte, faßte er die Möglichkeit ins Auge, Westdeutschland zu
verlassen, um sich mit seiner Frau in der DDR eine neue Existenz aufzubauen. Er beschloß
dies im Einvernehmen mit seiner Frau. Seinen Urlaub wollte er benutzen, um zu seinen
Eltern in die DDR zu fahren. Dieser Urlaub sollte aber hauptsächlich Klarheit für ihn
bringen, wie für ihn die beruflichen Aussichten in der DDR sind. Ein fester Beschluß war
also noch nicht gefaßt.
Am Abend vor seiner Abreise kommt aber ein Bruder vom Komitee der
Versammlung Hamborn zu ihm und erklärt:
"Ich habe gehört, Du willst in die Ostzone reisen? Ist denn das die
Möglichkeit? Andere Brüder verlassen die Ostzone und kommen zu uns in den Westen und Du
willst dahin? Das kann doch nicht Dein Ernst sein! Das kannst Du doch Deiner Frau nicht
zumuten! Das geht auf keinen Fall, und das kannst Du von Deiner Frau nicht verlangen. Ich
werde zu jeder Zeit befürworten, daß Deine Frau unter diesen Umständen das nicht
mitzumachen braucht!"
Ja, und dann wandte er sich an meine Frau und sagte: "Hannelore, unter
diesen Umständen stimmen wir jeder Zeit zu, wenn Du Deinen Mann für immer
verläßt."
Ich war sprachlos. Der Bruder ging dann, und meine Frau ging gleich mit
ihm. Gegen den Osten ist jedes Mittel recht - eine der folgenschwersten politischen
Verblendungen der Organisation
Scheidung
Ohne sich zu äußern, war meine Frau an jenem Abend mit dem Bruder
gegangen, und so nahm ich an, daß sie gewiß bald zurückkommen würde, denn sie wußte
doch, daß ich bereits am anderen Morgen fahren wollte und sie wußte ja auch, daß dieser
Urlaub nur informatorischen Zwecken dienen sollte. Was ich aber nicht wußte, war, das ich
bereits fest im Netz saß, das man für mich gesponnen hatte.
Meine Frau kam aber weder am selben Abend noch am anderen Morgen wieder
zurück. Trotzdem nahm ich das nicht weiter tragisch und dachte mir: "Jetzt fährst
du erst mal für 10 Tage in Urlaub und wenn du dann zurück kommst, werden sich die Wogen
gewiß wieder geglättet haben. Bernhard Josefowski redet oft viel, wenn der Tag lang ist,
und auch er wird einsehen, daß er das, was er mir gesagt hat, gar nicht verantworten
kann.
Noch nie hatte ich mich so auf einen Urlaub gefreut wie diesmal, denn nach
all den Ereignissen in der letzten Zeit glaubte ich, daß mir ein paar Tage der
Entspannung wirklich gut tun würden.
Zu Hause angekommen in der DDR bei meinen Eltern empfing mich auch gleich
diese wohltuende Atmosphäre, nach der ich mich so sehr gesehnt hatte. Mutterliebe ist nun
mal etwas, was durch nichts in der Welt ersetzt werden kann, und so sagte ich dann eines
Tages zu meiner Mutter: "Mama, weißt Du, am liebsten würde ich für immer
hierbleiben und ganz von vorn beginnen."
Selbstverständlich stimmte mir meine Mutter erfreut zu. Aber im Leben
spielen nun mal andere Dinge oftmals eine größere Rolle als alle persönlichen Wünsche.
Auf keinen Fall wollte ich meine Familie im Stich lassen, und ich wollte auch nichts ohne
die Einwilligung meiner Frau tun. Also schrieb ich noch am selben Tage an meine Frau und
teilte ihr auch gleich mit, das man mir in der der DDR sehr gute berufliche Angebote
gemacht hätte. Ich schrieb ihr aber auch, daß ich diese Angebote jedoch nur mit ihrem
Einverständnis annehmen würde. Wenn nicht, käme ich nach Ablauf meines Urlaubs wieder
zurück.
Nach einigen Tagen antwortete mir dann auch meine Frau, und diese Antwort
bestand aus einem winzigen Zettel, auf dem nur ein Satz geschrieben stand: "Mache was
Du willst, ich habe die Scheidung eingereicht."
Wie vom Donner gerührt konnte ich im ersten Moment nur denken: "Ist
sie denn noch klar bei Verstand? Dieser Schritt kostet sie doch die Gemeinschaft. Ist sie
denn ganz und gar von Gott verlassen, daß sie so etwas macht?"
Zwischen uns war doch weder Ehebruch noch sonst etwas vorgefallen, was eine
Scheidung rechtfertigen könnte.
Es gab für mich damals nur eine Erklärung, und die war, daß meine Frau
vom Glauben abgefalllen war. Etwas anderes konnte ich mir einfach nicht vorstellen, denn
eine Scheidung zwischen gläubigen Partnern war mir einfach unvorstellbar. Wohl spricht
die Bibel von einer Trennung, die im beiderseitigen Einvernehmen vollzogen werden kann.
Sie warnt aber gleichzeitig vor so einer Trennung, weil sie nicht Gottes Willen entspricht
und dadurch beide Partner in große Gefahr bringt (siehe 1, Kor. 7:10-16, Matth. 5:31, 32,
Mark. 10:11, 12, Eph. 5:22-33, 1. Petr. 3:1-7 usw.)
Nach den theokratischen Grundsätzen trieb meine Frau hier Rebellion im
wahrsten Sinne des Wortes, und hier hätte es von seiten der WT-Organisation nur eines
geben können: "Gemeinschaftsentzug."
Aber gerade das wollte ich auf alle Fälle verhindern, denn ich liebte
meine Frau trotz allem noch unsagbar. Ja, sie war mir wirklich Fleisch von meinem Fleisch,
und ich glaubte einfach, nicht mehr ohne sie leben zu können. In unserer Ehe hatte es ja
nicht dauernd Meinungsverschiedenheiten und Streit gegeben, sondern wir hatten doch auch
viele glückliche Stunden gemeinsam verlebt. Kurz und gut gesagt: Ich konnte das alles
damals gar nicht fassen.
Ich habe damals sofort meinen Urlaub abgebrochen und bin zurückgefahren,
um noch zu retten, was zu retten ist.
Gemeinschaftsentzug
In Hamborn angekommen, ging ich zunächst zu meiner Schwester, um mit ihr
den ganzen Sachverhalt zu besprechen Auch sie war völlig schockiert und sagte: "Ja,
ist denn Deine Frau völlig verrückt geworden? Sie kann doch so etwas nicht machen! Da
entziehen sie ihr doch in der Versammlung glatt die Gemeinschaft!"
Ich blieb dann noch bei meiner Schwester zum Abendbrot. Auf einmal klingelt
es, und als meine Schwester die Tür öffnet, stehen da Bruder und Schwester Bretzke und
bitten meine Schwester um Einlaß. (Diese beiden Geschwister kamen zu jener Zeit oft zu
meiner Schwester und führten mit ihr ein Studium durch). Sie kamen also herein, gaben
meinem Schwager die Hand und mir nickten sie nur zu.
Ich dachte mir natürlich gleich: "Nanu, was ist denn hier los?"
Früher waren wir ein Herz und eine Seele - hatten zusammen musiziert, und waren auch
sonst freundschaftlich miteinander verbunden, und nun gaben sie mir nicht einmal die Hand?
Verwundert frug ich sie darum: "Sagt mal meine Lieben, geschah das mit
Absicht, das Ihr mir nicht die Hand gebt, oder war das nur ein Versehen?" Ich merkte
ihnen richtig an, wie peinlich ihnen diese Frage war und nach einigem belanglosen hin und
her sagte dann plötzlich Bruder Bretzke: "Einmal wirst Du es ja doch erfahren: Man
hat Dir am letzten Sonntag die Gemeinschaft entzogen!"
Ich habe in diesem Moment ganz entgeistert dreingeschaut, denn was da
plötzlich gesagt wurde, war so unfaßbar, daß es mir die Stimme verschlug. Man muß sich
das einmal vorstellen, denn was mir da plötzlich gesagt wurde, war doch vergleichbar mit
einem Todesurteil. Genau das, wovor ich meine Frau bewahren wollte, war nun mir zuteil
geworden. Das Schlimmste von allem war aber, daß mir Bruder Bretzke nicht einmal sagen
konnte, warum man mir die Gemeinschaft entzogen hatte, denn eine Begründung war in der
Versammlung gar nicht angegeben worden.
Den einzigen Rat, den mir Bruder Bretzke an jenem Abend geben konnte, war:
"Wir wissen, wer in Deiner Ehe der wirkliche schuldige Teil ist, und wir wissen darum
auch, daß Dir sehr grobes Unrecht zugefügt worden ist. Verliere nun nicht den Kopf,
sondern trage alles mit Demut und setze Dein ganzes Vertrauen auf Jehova, denn nur er
allein kann Dir jetzt noch helfen und Gerechtigkeit widerfahren lassen." Weiterhin
gab mir der Bruder Bretzke noch den Rat, trotz allem, was geschehen war, die Versammlungen
weiterhin zu besuchen.
Um der Gerechtigkeit und der Liebe willen hatte ich mich den Zeugen Jehovas
angeschlossen, und nun traf mich gerade zu dem Zeitpunkt, wo ich am tiefsten von dieser
Lehre durchdrungen und überzeugt war, dieser vernichtende Schlag.
Es folgten nun für mich sehr schwere Stunden und Tage - wohl die
schwersten in meinem bisherigen Leben, denn ich glaubte ja damals noch fest daran, daß
jede Handlung der WT-Gesellschaft von Jehova inspiriert und gutgeheißen wurde. Direkte
Zweifel kamen mir erst viel später, nachdem ich bereits wieder in die Organisation
aufgenommen worden war. Aber davon später
Ich befolgte also den Rat des Bruders Bretzke und besuchte bereits am
folgenden Sonntag das Wachtturmstudium, und noch heute - während ich dies schreibe -
erfaßt mich Zorn und Abscheu, wenn ich an meine damalige Situation zurückdenke, denn
fast jeder Blick von über 100 Augenpaaren traf mich wie ein Peitschenhieb, als ich den
Versammlungsraum betrat, und obwohl niemand etwas sagte, konnte man doch aus allen Blicken
das gleiche lesen: "Ja, schämst Du Dich denn nicht, hier noch herzukommen
?" Am liebsten wäre ich sofort wieder umgekehrt, aber der Wille, durch Demut zu
beweisen, daß ich nicht derjenige bin, für den man mich allgemein hielt, war doch
stärker, und so drückte ich mich dann wie ein geprügelter Hund auf die hinterste
leerstehende Bank.
Nach der Versammlung bin ich dann aufgestanden und bin zu Bruder Kolpatzek,
dem Versammlungsdiener, gegangen Ich frug ihn: "Entschuldige bitte, aber kann ich
Dich vielleicht mal sprechen?"
Zuerst tat er so, als habe er nichts gehört und erst als ich meine Frage
noch einmal stellte, sah er auf und sprach: "Ich glaube kaum, daß Sie und wir noch
etwas miteinander zu besprechen haben!" Ja, und dann drehte er sich einfach um und
ging weg. Ich empfand in diesem Moment weder Zorn noch gekränkten Stolz, sondern, was
mich dazu bewog, einfach stehen zu bleiben, um ihn noch einmal anzusprechen, war weiter
nichts als nackte Verzweiflung.
Als er dann wenig später wieder an mir vorbei ging, sprach ich ihn einfach
noch einmal an: "Wenn Ihr mir schon die Gemeinschaft entzogen habt, dann könnt Ihr
mir doch wenigstens die Gründe nennen, die Euch dazu bewogen haben. Und außerdem ist es
doch nicht in Ordnung, daß Ihr mir die Gemeinschaft während meiner Abwesenheit entzogen
habt. Ihr hättet mich doch wenigstens erst einmal anhören müssen."
Er überging meine Einwände einfach und erklärte mir mit
eiskaltblickenden Augen: "Wir haben es gar nicht nötig, Ihnen noch irgendwelche
Auskünfte und Erklärungen zu geben! Sie können herkommen und die Versammlungen
besuchen, wie das auch jeder andere Weltmensch kann, denn dieses Recht wollen und können
wir Ihnen nicht verwehren, aber ansonsten haben Sie überhaupt keine Rechte mehr
hier." Damit war ich in Gottes Organisation abgefertigt. Ich konnte es nicht fassen.
Erst der Bruder Bretzke hat dann später Erkundigungen für mich
eingezogen, und von ihm erfuhr ich dann auch die Gründe meines Gemeinschaftsentzuges:
"Grobe Vernachlässigung und böswilliges Verlassen der Familie."
Meine Frau hatte meine Abwesenheit ausgenutzt - und der Bruder Josefowski
hatte sie dabei noch kräftig unterstützt - und hatte den Brüdern erklärt, ich sei
einfach in die "Ostzone" gefahren und hätte sie und das Kind sitzen lassen.
Der Bruder Bretzke und auch seine Frau waren damals die einzigen, mit denen
ich mich richtig aussprechen konnte, und denen erzählte ich auch den wahren Sachverhalt
mit meiner Reise in die DDR, und diese Brüder sahen auch ein, daß mir hier sehr großes
Unrecht - von Leid gar nicht zu sprechen - zugefügt worden war.
Die Tatsache, daß ich ja - ohne von meinem Gemeinschaftsentzug zu wissen -
wieder zurückgekommen war, war für sie bereits schon Beweis genug, daß meine Frau und
auch ihre Eltern mal wieder in gröbster Weise gelogen hatten. "Außerdem", so
sagte ich ihnen noch, bin ich nicht von meiner Frau weggegangen, sondern sie hat mich
böswillig verlassen."
Für den Bruder Bretzke bekam nun die Sache natürlich ein ganz anderes
Bild, und jetzt war es so, das er mir riet, nun nicht eher locker zu lassen, bis die volle
Wahrheit an den Tag gekommen ist. An einem der folgenden Sonntage erreichte ich es dann
auch, noch einmal mit dem Bruder Kolpatzek zu sprechen.
Ich sagte: "Werner das stimmt doch alles nicht, was gegen mich
vorgebracht wird. Selbstverständlich war unser Eheverhältnis nicht in Ordnung, aber das
wurde doch schon vor einem halben Jahr offensichtlich, woran das liegt. Du kennst doch die
Sache mit dem Wirtschaftsbuch meiner Frau, wodurch ihre ganzen Lügen gegen mich vor dem
Komitee zusammengebrochen sind. Ich habe nie unordentlich gelebt, sondern ich habe schwer
gearbeitet und mich immer beschieden und auf alles verzichtet. Auch habe ich mich nie
herumgetrieben, und meine Familie hat immer ihren Unterhalt gehabt. Übrigens habt Ihr ja
noch das Wirtschaftsbuch von meiner Frau und könnt Euch zu jeder Zeit erneut davon
informieren, daß in bezug auf die Versorgung meiner Familie von mir keinerlei
Vernachlässigungen begangen wurden."
Bis hierhin ließ mich der Bruder Kolpatzek ruhig sprechen, doch als ich
von dem Wirtschaftsbuch anfing, unterbrach er mich plötzlich und sagte: "Von einem
Wirtschaftsbuch ist mir aber nichts bekannt. Wenn wir solch ein Buch gehabt hätten von
Ihnen, dann wüßten wir das, und dann müßten wir das ja auch haben."
Ich erwiderte: "Das Buch muß doch aber da sein! Frage doch mal den
Bruder Josefowski, der damals mit im Komitee war, als die Aussprache geführt wurde."
Er holte den Bruder Josefowski heran und sagte zu ihm: "Sag mal,
Bernhard, weist Du etwas von einem Wirtschaftsbuch, das damals angeblich von uns
einbehalten wurde?" "Nein", antwortete er, davon ist mir nichts
bekannt."
Ich fand keine Worte mehr. Es ging in diesem "theokratischen"
Komitee wirklich zu wie nach dem weltlichen Sprichwort: "Eine Krähe hackt der
anderen nicht die Augen aus." Hemmungslos verleugneten sie, was sie genau wußten.
Doch damit hatte ich aber jeglichen Beweis verloren, daß ihre Anklage wegen
Vernachlässigung meiner Familie nicht stimmte. Bitter bereute ich nun, damals dieses Buch
nicht wieder zurückgefordert zu haben, und was sollte ich nun gegen die falschen Zeugen
vorbringen. Es war wie eine bösartige Abmachung gegen mich, mir die Gemeinschaft zu
entziehen und meiner Frau eine Rechtfertigung dafür zu verschaffen, mich zu verlassen und
eine Scheidung herbeizuführen.
Es stand alles in krassem Gegensatz zu dem, was uns immer wieder gepredigt
und eingetrichtert wurde, nämlich, daß sich eine Schwester nicht einmal von einem
weltlichen Ehemann scheiden lassen soll, wenn kein Ehebruch vorliegt Nur wenn dieser Mann
es wünscht, dann kann sie ruhig gehen. Ansonsten soll sie das ungleiche Joch als Prüfung
tragen. Bei mir war es aber genau umgekehrt . Ich gab mir doch die größte Mühe, nicht
nur ein guter Christ, sondern auch ein guter Ehemann und Familienvater zu sein. Meine Frau
hatte also keinerlei "theokratisches" Recht auf ihrer Seite. Sie und ihre
Helfershelfer konnten es also nur mit Lügen größten Kalibers schaffen.
Ich stellte mir natürlich damals immer wieder die Frage, wie das alles
möglich ist, und ich unterdrückte sofort jeden Gedanken, daß diese Zustände in der
Hamborner Versammlung ein Maßstab für die ganze Organisation sein könnten, denn ich
kannte ja nur die Praxis des Teiles der Organisation, mit dem ich verbunden war.
Politische Verblendung Hauptursache
In Wahrheit war es ihnen aber ein Dorn im Auge, daß ich den Wunsch
geäußert hatte, in die DDR zu gehen. Das war der ganze Hintergrund dafür, daß das
Komitee und die verantwortlichen Brüder diesen ganzen Lug und Trug gegen mich mitmachten.
Sicher war ihnen ein Mensch - noch dazu ein Bruder - der aus dem Westen in den Osten will,
das Schlimmste, was ihnen passieren konnte. In solchem Fall hielten sie selbst Lügen,
Verdrehungen und Verleumdungen für tragbar, was sie offenbar als das kleinere übel in
solchem Falle sahen. Zu den Kommunisten gehen - in die DDR - wo die Organisation verboten
ist! Ist das nicht irgendwie verdächtig? Kam er nicht aus der DDR? Und nun wieder
zurück? Der ganze Haß gegen den "Osten", wie er in der Organisation herrschte,
fand hier einen Gegenstand zwar unklar, unausgesprochen, nur hintergründig, doch
undurchdringlich und unüberwindlich, so daß kein Weg zu einer Verständigung führte.
Ich hatte gesagt, ich wollte in die DDR - wann und wie war völlig zweitrangig. Ich hatte
den Wunsch geäußert, und das genügte, mich mit jeder brauchbaren Lüge fertig zu machen
und aus der Organisation auszuschließen.
Ich bin überzeugt, daß es nur ihr dumpfes, antikommunistisches Gefühl
war, das hier vorherrschte, denn es gab keine Beweise für solch hintergründiges
Verhalten. Aber in Fragen des "Ostens" sahen sie alle buchstäblich erst einmal
"rot", was jede Sachlichkeit unmöglich machte. Nicht einmal mein Argument hatte
die geringste Wirkung, daß dort auch Brüder sind - daß dort sogar die "Front"
ist, wohingegen es in Westdeutschland ein Leichtes ist, ein Zeuge zu sein. Ihr
Antikommunismus lies sie selbst das nicht begreifen. Lieber sanktionieren sie
"theokratisch" jede Lüge und Verleumdung gegen mich. Es war die Frucht der
Grundtorheit des Antikommunismus, wie er durch die politischen Äußerungen in der
Literatur der Organisation und durch die Leitung der Wachtturmgesellschaft in jener Zeit
besonders hervorgebracht wurde.
Ich wollte in die DDR, und da war jedes Mittel gegen mich recht. Ob man da
einem Menschen Unrecht tut, spielt keine Rolle. Selbst wenn sich später herausstellen
sollte, was für ein Unrecht begangen wurde, den Verantwortlichen, die dieses Unrecht
praktizierten, passierte nichts. Was tut's wenn dabei Unschuldige zugrundegerichtet
werden, wie ich zum Beispiel. Das schlägt Wunden, die zwar vernarben können. Aber im
Vertrauen darauf, daß dies eine Organisation ist, die von Gott geleitet ist, nagt das in
gefährlicher Weise. Es blinkt durch solche Geschehnisse immer wieder ein Licht auf, das
es im Grunde genommen ist, wie in anderen menschlichen Organisationen - ein Menschenwerk -
nichts weiter. Wenn sich solche Beweise häufen, dann fehlt eines Tages nur noch der
besondere Anstoß, und ein Kartenhaus bricht zusammen Aber das ist ein längerer Prozeß.
Noch war das jedoch außerhalb jeder Möglichkeit für mich. Dann kam ein
Tag der Entscheidung: DDR oder nein?
Fortsetzung folgt.
Es kann sich niemand der Verantwortung entziehen
Ein ernstes Wort an alle Diener
Die Entwicklung geht auch an Jehovas Zeugen nicht vorbei Sie leben in einer
sozialistischen Gesellschaft, sie sind auf ihre sozialen Dienste angewiesen. Die
WT-Verkündigung mit ihrer Forderung, jede gesellschaftspolitische Mitverantwortung
abzulehnen, kann deshalb weder persönlich noch öffentlich hingenommen oder gar
angenommen werden.
Dieses Problem kommt in erster Linie auf die Diener zu, auf die Bruder und
Schwestern, die in der Organisation die verschiedenen Dienstämter innehaben. Sie sind die
Hauptverantwortlichen für das Verhalten der Verkündiger Dabei spielt es keine Rolle,
daß sie auf den WT oder die WTG verweisen, wenn es um die Verantwortung dafür geht, wie
und was gepredigt wird. Die Schrift kennt keinen "Wachtturm" und keine
Wachtturmgesellschaft. Sie kennt nur die unmittelbare Verantwortung eines jeden Tun und
Lassen vor Gott. "Wer bist du, daß du ein einen anderen richtest? Er steht und
fällt seinem seinem eigenen Herrn." Römer 14:4 NW. Jeder steht oder fällt somit -
letztlich in eigener Verantwortung. Es sei hier eingefügt, daß Jehovas Zeugen, obwohl
sie vielfach beruflich mitten im sozialistischen Aufbau stehen und ihn praktisch
mitverwirklichen, wohl am wenigsten diese Wirklichkeit durchdrungen oder verstanden haben.
In der Hauptsache deswegen, weil die Leitung der Zeugen Jehovas in Wiesbaden bzw.
Brooklyn, USA, durch die dort entwickelte Verkündigung und Bibelauslegung bewußter
sozialer Mitverantwortung ständig antikommunistisch entgegenwirkt.
Widersprüche erkennen
Auch Jehovas Zeugen brauchen die Gesellschaft, den Staat, in diesem Fall den
sozialistischen Staat, die sozialistische Ordnung. Sie bauen diese Ordnung beruflich sogar
mit auf. Es ergibt sich die Schlußfolgerung, daß sie sich einfach nur der Bedeutung,
Auswirkung, Folgen, Erfordernisse und Notwendigkeiten ihres sozialen Lebens inmitten der
Wirtschafts- und Staatsordnung, ohne die auch sie nicht existieren können, bewußt werden
müssen. Wird ein Zeuge Jehovas krank, geht er zum Arzt oder ins Krankenhaus und läßt
sich behandeln. Er nimmt also die Vorkehrungen, die der Staat getroffen hat, in Anspruch.
Warum wendet er sich nicht um Hilfe an die Wachtturmgesellschaft Braucht er eine Wohnung,
geht er zur Wohnraumbehörde, wird er alt und pflegebedürftig nimmt er staatliche Rente,
Kuraufenthalt oder andere Dienste in Anspruch und er tut gut daran, denn von Hilfe der WTG
für Alte und Gebrechliche hat man noch nie etwas gehört. Wenn es in deinem Haus brennt,
rufst du die Feuerwehr. Bemerkst du, daß ein Dieb nach deinem Eigentum trachtet, wendest
du dich um Hilfe an die Polizei.
Wie können die Zeugen Jehovas angesichts dieses Angewiesenseins auf solche Ordnungen sich
und anderen laufend predigen, jedes bewußte Eintreten hierfür und jede Übernahme von
Verantwortung hierfür, was notwendigerweise Politik ist, abzulehnen?
Wo dieser Widersinn bisher tatsächlich nicht erkannt wurde, sollen diese Zeilen dazu
beitragen, daß sich die Diener und alle Verkündiger ihrer Verantwortung bewußt werden.
Wer sich aber dessen bewußt ist, daß er und alle anderen Bürger die Staats- und
Gesellschaftsordnung brauchen, daß es notwendig ist, deshalb Menschen mit der Schaffung
und Aufrechterhaltung solcher Ordnung zu betrauen, aber dennoch öffentlich predigt, es
sei falsch, solche Verantwortung zu übernehmen, wie es Jehovas Zeugen bei den
DDR-Kommunalwahlen am 22. März 1970 wieder demonstriert haben, spielt ein moralisches und
politsches Doppelspiel.
Es muß aber gesagt werden, daß die einfachen Zeugen Jehovas und die Diener in den
Versammlungen die Wirklichkeit falsch einschätzen. Sie sind sich deshalb ihrer
eigentlichen staatsbürgerlichen Mitverantwortung, herrührend aus ihren sozialen Rechten
und Ansprüchen, nicht recht bewußt. Es ist eine Art Zurückbleiben hinter der
gesellschaftlichen Wirklichkeit, die sie längst praktisch mitgestalten.
Schöpfungsbedingte Rechte und Interessen
Im Prinzip ist die Sache sehr einfach zu bewältigen. Der WT selbst ist einmal den Dingen
sehr nahe gekommen, als er sich gezwungen sah, die Frage "Persönliche Interessen des
Menschen" zu behandeln. (WT 15. 9. 1956, Nr. 18, Wiesbaden). Gewisse Ausführungen
dieses WT können' der Ausgangspunkt sein, die Situation ehrlich und unvoreingenommen
einzuschätzen. Der "Wachtturm" führte mit Bezug auf alle Menschen, unabhängig
von ihrem jetzigen Glauben, aus:
"Die Neigungen zu gewissen fundamentalen Interessengebieten sind jedem Mann und jeder
Frau eingepflanzt, gemäß ihrer menschlichen Natur, die von ihrem Schöpfer entworfen
wurde. Es zeigt sich, daß er (der Mensch), wo er sich auf Erden befinden mag, von Natur
aus die gleichen grundlegenden Interessen hat, weil nämlich alle Menschen von dem
gemeinsamen Ahnen Adam abstammen. Solche ihnen von Gott in ihrer Urform eingepflanzten
Interessen tragen den Stempel der rechtlichen Anerkennung Gottes, und dies als Rechte, die
ihnen von Gott übertragen worden sind." (S. 559, Abs. 2). Dann führt der WT aus,
daß aus diesen grundlegenden Interessen, die Gott einpflanzte, Naturgesetz genannt, die
gesellschaftspolitische Ordnung hervorgeht, die der Mensch schafft. Der WT zeigt das,
indem er sich auf die gesellschaftspolitische Ordnung Englands als Beispiel bezieht und
dazu die "Commentaries on the Laws of England" (Kommentare zu den Gesetzen
Englands) von Wm. Blackstone, Band I, S. 26, und "Bouviers Law Dictionary"
(Bouviers Gesetzwörterbuch) von 1934, S. 671, zitiert. \Der WT zitiert: "Rechte, die
der Mensch auf Grund des Naturgesetzes besitzt".
"Da der Mensch in allem unbedingt von seinem Schöpfer abhängig ist, ist es
notwendig, daß er sich in allen Punkten dem Willen seines Schöpfers anpasse. Dieser
Wille seines Schöpfers wird Naturgesetz genannt. Denn als Gott den Menschen erschuf, und
ihm für sein Verhalten auf allen Gebieten des Lebens den freien Willen ließ, legte er
gewisse unwandelbare Gesetze für die menschliche Natur fest." (S. 560, Abs. 3)
Weiter zitiert der WT: "Dieses Gesetz, daß Gott allen Menschen vorgeschrieben hat,
nicht durch irgendeine formelle öffentliche Bekanntmachung, sondern allein durch das
innere Diktat der Vernunft
(Diese) Gesetze der Natur mögen auf sechs reduziert
werden, nämlich: 1. relativer Scharfsinn oder relative Vernunft, 2. Liebe zum Ich, 3.
gegenseitige Anziehung der Geschlechter, 4. Zärtlichkeit der Eltern gegenüber ihren
Kindern, 5. religiöses Empfinden und 6. Geselligkeitstriebe." (S. 560, Abs. 4)
Gründliches durchdenken
Mögen besonders die Diener durchdenken, was der WT selbst zum 2. und 6. dieser erwähnten
Naturgesetze ausführt, die den Kern oder Sinn der hier erörterten Probleme berühren.
Das zweite Naturgesetz ist das der Liebe zum Ich. Die Bibel bestätigt das Vorhandensein
dieses Grundprinzips in der menschlichen Natur, das Gott in sie gelegt hat. Es steht
geschrieben: Du sollst deinen Mitmenschen lieben wie dich selbst. (3. Mose 19:18, NW).
Dieses starke Recht auf Liebe zu sich selbst drängt jeden Menschen, an die eigene
Bewahrung zu denken, an Schutz vor Schädigung von Leib und Leben, an die Vermeidung all
dessen, was ihn verletzen könnte, und an die Vorsorge für all das, was zu seiner
Weiterexistenz notwendig ist. Diese Interessen für das eigene Ich umfassen ein weites
Gebiet und rufen ihrerseits das menschliche Interesse für viele weitere Gebiete wach.
Eine gesunde Liebe zum Ich oder ein mäßig entwickeltes Interesse an sich selbst ist gut
und richtig.
Wo aber die Liebe zu sich selbst oder die eigenen Interessen dermaßen gepflegt werden,
daß der Nächste oder Mitmensch ausgeschaltet wird, hat man sich auf einen schlechten Weg
begeben. Dies führt zu Schwierigkeiten und Fehlern, für die man sich zu verantworten
hat. Man muß dies in Form von Gegnerschaften bezahlen, in Form von Strafen, die zu einem
unglücklichen Zustand führen. (S. 560 f, Abs. 8, 9)
"Das letzte der sechs Naturprinzipien, die dem Menschen innewohnen und seine
persönlichen menschlichen Interessen berühren, ist jenes der "Geselligkeit".
Das Bedürfnis, das der Mensch hat, in Geselligkeit zu leben, ist eines der Urgesetze der
Natur, von denen sich unsere Pflichten und Rechte herleiten, und die Existenz einer
Gesellschaft hängt von der Bedingung ab, die Rechte aller Menschen zu respektieren. Kein
normaler Mensch wünscht das Leben eines Einsiedlers zu führen und für sich allein in
einer Klause zu leben. Wo solch soziale Interessen auf gesunde Weise gefördert werden,
bringen sie Freude und Zufriedenheit Nur Verbrecher und geistig Unzurechnungsfähige
werden von der Verbindung mit der menschlichen Gesellschaft ausgeschlossen." (S. 562
f, Abs. 15).
Was ergibt sich, wenn man diese WT-Ausführungen etwas gründlicher durchdenkt? Es ergeben
sich für Jehovas Zeugen erstaunliche Schlußfolgerungen! Nämlich: Die Zugrundelegung der
sozialen Interessen aller Menschen ist Naturgesetz und für einen Christen Gottes Wille.
Das nicht zu beachten, muß ins Unglück führen. Diese Interessen wiederum erfordern
gesetzliche menschliche Ordnung in Form von Gesetzgebung, Staat und Verwaltung. Das gilt
für Christen wie für Nichtchristen gleichermaßen.
Die Dinge vom Kopf auf die Füße stellen
Die WT-Verkündigung verneint das Recht aller Menschen, gesellschaftliche Verantwortung zu
übernehmen, um die Existenz von Gesellschaft oder Staatsordnung zu sichern, wie die
Wahlverweigerungslehren und der Antikommunismus der WTG sichtbar machen.
Jehovas Zeugen werden damit angeleitet, die Fundamente der gesellschaftlichen und
staatlichen Ordnung anzugreifen, auf die sie selbst in Gemeinschaft mit ihren
nichtchristlichen oder andersgläubigen Mitmenschen angewiesen sind. Denn, und der WT gibt
das zu, "die Existenz der Gesellschaft hängt von der Bedingung ab, die (sozialen)
Rechte aller Menschen zu respektieren."
Es muß allen Dienern endlich klar werden: Die sozialen Lebensinteressen und ihre
Sicherung sind die Voraussetzung für alles, weil sie der Menschen - Christen wie
Nichtchristen - physische Existenz bedeuten.
Die Diener vor allem müssen sich weiter unerbittlich vor Augen halten: Die Menschen, auch
Jehovas Zeugen, müssen erst essen, trinken, sich kleiden, wohnen, arbeiten, sich bilden,
d. h. sich zuerst eine soziale Lebensgrundlage schaffen, ja eine materielle Grundlage,
bevor sie Philosophie, Wissenschaften, Religion, Gottesanbetung und damit Verkündigung
und ähnliches betrieben können. Ist denn das nicht zu begreifen?
Keine verantwortliche Gesellschaft kann tatenlos zusehen, wenn ihren Bürgern gepredigt
wird, die Dinge auf den Kopf zu stellen, nämlich: Religion und Gottesanbetung zu
betreiben, dabei so wenig wie möglich zu arbeiten und jede soziale d. h. politische
Verantwortung für die Sicherung der physischen Lebensinteressen durch Staat und Ordnung
abzulehnen bzw. zu verneinen.
Es kommt also darauf an, daß sich vor allem die verantwortlichen Diener der Zeugen
Jehovas auf die allgemeine soziale Verantwortung besinnen, die schöpfungsbedingt auf
allen Menschen ruht, unabhängig von ihrem heutigen Glauben. Natürlich steht das im
Widerspruch zur WT-Verkündigung, wonach jede gesellschaftspolitische Mitverantwortung
abzulehnen sei. Aber diese WT-Verkündigung ihrerseits steht im Wiederspruch zu den allen
Menschen von Gott ursprünglich verliehenen natürlichen und sozialen Rechten und
Pflichten!
Wundere sich niemand über die Schärfe des Widerspruchs, den Jehovas Zeugen, ob ihrer
Mißachtung dieser ursprünglich von Gott verliehenen Interessen, erfahren. Von der
Allesbegründeten dieser Gegebenheiten heißt es in der Schrift sie sei "stark wie
der Tod" und ihre Leidenschaft "sei unbezwinglich wie das Totenreich", ihre
Gluten sind Feuersgluten, eine Flamme Jehovas"! (Hohelied 8:6).
Liebe Brüder und Schwestern! Vergleicht bitte die in diesem Artikel enthaltenen Argumente
mit Euren persönlichen Erfahrungen und Erlebnissen. Diese Zeilen sollen Euch helfen, Eure
Verantwortung gegenüber Euren Mitmenschen zu erkennen!
D. J.
Spendenkasten und bescheidene Spende
Die Leitung der Wachtturmgesellschaft bemüht sich immer
hervorzuheben, daß in ihren Versammlungen keine Kollekten eingesammelt werden. Aber ohne
Geld kann auch sie nicht leben. Trotz ihres kolossalen Reichtums ist sie bemüht, diesen
Reichtum weiter zu vermehren, auch trotz der angeblichen Nähe von Harmagedon. Sie kommt
deshalb doch nicht ohne Appell an den Geldbeutel der Brüder und Schwestern aus.
Wie das geschieht, wird im Wachtturm Nr. 15, 1. 8. 1969 beschrieben. Dort heißt es:
"Wenn du mit einer Versammlung der Zeugen Jehovas verbunden bist, die einen
Königreichssaal hat, möchtest du bestimmt irgend etwas zum Unterhalt dieses
vortrefflichen Zentrums der biblischen Belehrung beitragen. Du brauchst nicht dazu
aufgefordert zu werden, denn du siehst, daß dies nötig ist. Außerdem hast du sicher
schon bemerkt, daß in der wahren Christenversammlung kein Klingelbeutel herumgereicht
wird."
Eine Zwischenfrage: Ist das, was der Wachtturm hier schreibt, etwa keine Aufforderung,
Geld zu geben? Wenn ja, ist es dann nicht Unaufrichtigkeit, das zu verneinen?
Der Wachtturm fährt fort: "Es wird nie um Geld gebettelt. Im Königreichssaal ist
ein Spendenkasten aufgestellt, in den alle, die sich Gott dankbar erweisen möchten, weil
er so liebevoll für ihr geistiges Wohl sorgt, ihre bescheidenen Spenden einlegen können.
Die Versammlung mag auch, nachdem sie ihre Unkosten bestritten hat, dem nächstgelegenen
Zweigbüro der Watch Tower Bible and Tract Society eine Spende überweisen. Dadurch würde
sie die Tätigkeit dieser Gesellschaft im ganzen Lande unterstützen Wenn du möchtest,
kannst du deine bescheidene Spende aber auch dem Büro der Watch Tower Bible and Tract
Society in dem Land, in dem du wohnst, zukommen lassen."
Hier an dieser Stelle spricht der Wachtturm so betont und bescheiden von
"bescheidenen Spenden".
An anderer Stelle mahnt er die Glieder der Organisation mit kräftiger Stimme: Davon, daß
der Verkündiger das Werk der theokratischen Organisation "großzügig und
freigebig" unterstützt, hängt es ab, ob auch seine Kinder, (die Neugetauften) eine
solche Einstellung entwickeln."
Hier ist nichts mehr von bescheidener Spende zu hören, sondern von
"großzügiger", je mehr er gibt, um so angesehener ist er. Bei den Kongressen
sind die Spendenkästen mit Waschkörben geleert worden, so viel Geld hatte sich
angesammelt. Die WTG versteht es trotz ihres Reichtums, sich als bedürftig hinzustellen.
Wann werden es die Brüder und Schwestern erkennen? CV gab viele Hinweise und
Aufklärungen darüber.
Folgender Kurzbericht sollte genau geprüft werden:
Durch riesige Geldeingänge, riesiges Anwachsen der Zentrale in Brooklyn
Die Zentrale der Wachtturmgesellschaft mit ihren angeschlossenen Betrieben in Brooklyn und
in vielen Ländern der Erde, ist in 50 Jahren ihres Bestehens zu einem Werk von riesigem
Ausmaß herangewachsen. Dies zeigt ein Rückblick, den Präsident Nathan H. Knorr
anläßlich der Einweihung eines neuen Gebäudes am 2. Mai 1969 gab. (WT Nr. 18, 15. 9.
1969).
Es fing im Jahre 1908 an, als die "Ernsten Bibelforscher" ein altes
vierstöckiges Gebäude - ausgerechnet ein Pfarrhaus - und ein Nachbargebäude in Brooklyn
kauften und als Zentrale für die 30 Mitarbeiter umbauten. 1911 wurde dahinter ein neues
großes Wohngebäude errichtet. 1927 wurden die beiden 1908 erworbenen Altbauten
abgerissen und durch ein neunstöckiges Gebäude mit 120 Zimmern ersetzt. 1949 folgte ein
zwölfstöckiges Haus. Der Mitarbeiterstab war inzwischen auf 450 Personen angewachsen.
Durch einen gewaltigen Großbau, der 1960 vollendet wurde, konnten insgesamt 950
Mitarbeiter untergebracht werden. 1969 kam ein weiteres Gebäude mit sieben Stockwerken
für 107 Personen hinzu. Es umfaßt zugleich eine Bibliothek, zwei Klassenräume und ein
1,20 m tiefes und 5 m mal 8,50 m großes Taufbecken. Alle diese Wohn- und Bürogebäude
sind durch unterirdische Tunnel miteinander verbunden.
Mit dem Druck des "Wachtturms" und anderer Schriften auf eigenen
Rotationsmaschinen begann die Gesellschaft 1920, nachdem sie Fabrikräumlichkeiten mit 280
qm nahe der Zentrale gekauft hatte. Die Druckerei wurde dann in rascher Folge
vergrößert. 1922 Verlegung in ein sechsstöckiges Gebäude. 1927 Errichtung eines
zusätzlichen achtstöckigen Druckereigebäudes, so daß nun 6 500 qm Arbeitsplatz zur
Verfügung standen. 1937 Zuwachs eines vierstöckigen Baues. 1949 Anbau eines
neunstöckigen Druckhauses. 1956 Fertigstellung eines dreizehnstöckigen Gebäudes von der
Größe eines ganzen Häuserblocks. 1958 Erwerbung eines neunstöckigen Gebäudes als
Papierlager. Damit hatte die Druckerei eine Grundfläche von insgesamt 40 500 qm erreicht.
Aber schon bald herrschte wieder Platzmangel. Darum wurde 1966 mit dem Bau des größten
Druckhauses mit elf Stockwerken und 21 000 qm begonnen, das 98 neue Maschinen enthält,
darunter vier Rotationsmaschinen. Resultat: "Auch dieses ist schon bald wieder zu
klein."
Der ganze Betrieb ist sebstverständlich mit modernen technischen Einrichtungen für
Druck, Buchbinderei, Verpackung und Versand ausgerüstet. Druckfarben, Reinigungsmittel,
Klebstoff und Möbel werden selbst hergestellt. In den ersten acht Monaten des laufenden
Produktionsjahres wurden nur in Brooklyn 17 718 518 Bücher und Bibeln und 132 Millionen
Zeitschriften gedruckt. Aber daneben besitzt die WTG noch weitere Druckereien in der
ganzen Welt, die im Vorjahr 96 Millionen Zeitschriften in 40 Sprachen druckten. Die für
die Mitarbeit in Brooklyn benötigten Lebensmittel werden auf eigenen Farmen der WTG mit
insgesamt 850 ha Land erzeugt. Alle Mitarbeiter sind Zeugen Jehovas, andere werden nicht
eingestellt. Sie bekommen keinen Lohn, sondern nur 14 Dollar Taschengeld im Monat. Es ist
alles wohlbedacht, um die WT Literatur möglichst billig zu produzieren. Angesichts dieses
investierten Kapitals taucht die Frage auf: "Woher kam das Kapital, um dieses zu
erwerben oder zu erstellen?" Dazu kommt noch das flüssige Kapital, worüber die
Wachtturmgesellschaft alleiniges freies Verfügungsrecht hat.
Kein Glied in der Organisation der Zeugen Jehovas hat Anspruch auf das Vermögen der
Gesellschaft. (Siehe ergänzend hierzu CV Nr. 17, 18, 19 und 26).
Liebe Brüder und Schwestern, schon aus diesem kurzen Bericht ist ersichtlich, wie die
bescheidenen, freiwilligen Spenden sich zu einem riesigen Kapital verwandeln. Der Gewinn
kommt aber nicht den Spendern zugute, sondern nur dem Direktorium der WTG. Sind Brüder in
Not, hat die Leitung keinen Pfennig für sie übrig, da sie kein Unterstützungsverein
sei, sondern alles Kapital benötige für die Verkündigung. Wenn dies der Fall ist,
weshalb gibt man keinen Bericht über Einnahmen und Ausgaben? Man hüllt sich in
Schweigen, dies Schweigen spricht aber Bände.
Wie ist eure Meinung dazu?
Brd. H. u. M
Der Fall Zweigdiener Konrad Franke, Bethel, Wiesbaden
Antwort aus Bamberg/Bayern an CV
Mit Datum vom 19. 2. 1970 erhielt CV Antwort aus der Versammlung Bamberg in Bayern auf die
Zusendung von CV 29, wo an hervorragender Stelle die Frage gestellt worden war "Was
geht im Bethel in Wiesbaden vor?"
Ungeachtet der Art dieser Antwort sei dem Bruder Dank ausgesprochen. Wir tun dies im
Geiste Christi, wie er uns in Markus 9..39-41 empfohlen ist, was in CV 29 in einem Beitrag
über Duldsamkeit auch zitiert wurde.
Wir wollen anerkennen, daß es dieser Bruder aufrichtig mit seinem Glauben meint, wie er
es zum Schluß sagt. Wir wollen deshalb im Geiste von Markus 9:39-41 zu der Antwort aus
Bamberg Stellung nehmen.
Wir sind der Ansicht, allen Brüdern und Schwestern auch auf diese Weise zu helfen, mehr
über die Vorgänge in Wiesbaden um Zweigdiener Franke zu erfahren.
Bamberg, den 19. 2. 1970
An die
Christliche Verantwortung
"Durch einen Zufall erhielt ich heute Ihr Blatt vom Januar 1970 Nr. 29. Aber beim
Lesen gingen mir die Augen auf. Bloß eine Hetze gegen Jehovas Zeugen. Aber Matthäus 24:9
sagt, um des Namens willen werdet Ihr der Gegenstand des Hasses sein.
Diese Brüder, die sie mal waren, die Ihnen Artikel vom Westen senden, haben nicht
bekannt, warum sie zurückgegangen sind. Wenn der Verlag bloß von diesen Schwätzern die
Artikel veröffentlicht, ist es schlecht bestellt. Wohl stimmt es, daß in diesen Jahren
sehr viele in die Reihen der Zeugen Jehovas gekommen sind. Aber wie sah der Lebenswandel
aus. Galater 5:19-21 sagt uns das Richtige. Jehova Gott will eine saubere Organisation.
Deshalb die vielen Gemeinschaftsentzüge. So begann das Auswechseln der Steine.
Ich weiß nicht, was Sie meinen mit dem Artikel "Was geht im Bethel in Wiesbaden
vor". Sollte nicht jeder vor seiner Tür sauber machen? Sehen wir mal die
Christenheit an, im Voraus gesagt, daß sie die Menschen bewußt in das Chaos geführt
haben, nicht wie Hirten ihre Herde führen sollten. Aber Hesekiel 34:2-10 besonders der
Vers 3 ist zutreffend: Ihr eßt das Fett und Ihr bekleidet Euch mit der Wolle, das fette
Vieh schlachtet Ihr, aber die Herde weidet ihr nicht. Oder wie Jesaja 1:15, wenn Ihr des
Betens viel macht, höre ich nicht, Eure Hände sind voll Blutes, deshalb reinigt Euch.
Aber vergeblich. Das Buch, Rom und die Kirchengeschichte bringt es ans Tageslicht, wie
diese Kirchenfürsten gehaust haben, neuzeitlich, der letzte Krieg, das Segnen der
Vernichtungswaffen. Das ist der Grund, daß so viele die Kirchen verlassen haben und in
anderen Organisationen ihr Heil gesucht haben, ohne vorher das Schlechte abzulegen.
So mußten sie wieder entfernt werden. Das alles hat man erfahren und mit eigenen Augen
gesehen. Die alten Jahrgänge müssen den jungen, geschulten Platz machen, so wird es auch
im Bethel Wiesbaden sein.
Das war mein Bedürfnis, auf diese Schwätzer nicht zu hören, denn sie sind wie das Rohr
im Wind, ohne Halt und voller Ränke und Haß, was sie in die Welt schreiben können,
einmal wird es ein Ende für sie haben.
Es grüßt einer, der es aufrichtig mit seinem Glauben meint."
Soweit die Antwort aus Bamberg, den 19. 2. 1970.
Diese Antwort ist ein Beweis dafür, in was für einer grotesken Unwissenheit die WTG die
Brüder in den Versammlungen hält.
Zweigdiener Franke ist schon seit dem 1. 10. 1969 abgesetzt, und ein viertel Jahr später
wissen die Brüder in der Versammlung Bamberg immer noch nicht, was in der Leitung in
Wiesbaden vor sich gegangen ist und stellen deshalb allerlei abwegige Betrachtungen an.
Soll es eine Ablenkung sein, daß dabei sogleich erst einmal die Kirche angegriffen wird?
Bamberg ist der Sitz des katholischen Erzbischofs Joseph Schneider. Die Brüder in Bamberg
machen da mit ihrer Unwissenheit gerade keine gute Figur.
Wir möchten dem Bruder in Bamberg und allen, die ähnlich urteilen, antworten. CV sucht
keine Ränke, vielmehr ist es die WTG, die die Dinge zu vertuschen sucht. CV versucht
dagegen, so weit und wie es irgend geht aufzuklären Auch diese Antwort in CV ist ein
Beweis dafür.
Zweigdiener Franke ist seit dem 1. Oktober 1969 im Bethel abgesetzt, weil er im
Widerspruch zum Hauptbüro in Brooklyn unnachgiebig auf 1975 beharrt. Das Hauptbüro
dagegen möchte sich nicht endgültig auf Daten festlegen Bekanntlich hatte schon
WTG-Präsident Rutherford erklärt, nach den Fehlschlägen von 1914 und 1925 hätten es
die "Getreuen gelernt, keine Daten mehr festzulegen". (Rechtfertigung I, S. 332,
Magdeburg 1931). Wissen die Brüder in Bamberg wirklich nichts Näheres über die
Absetzung von Franke, ihres obersten Dieners? Das wäre ein vollendetes Ränkespiel des
Bethel, die Dinge so zu verheimlichen Die Antwort aus Bamberg macht nicht den Eindruck der
Heuchelei.
Andererseits macht es sich der Bruder zu einfach, die Absetzung Frankes mit
Gemeinschaftsentzug wegen Unsauberkeit zu vergleichen und eventuell zu rechtfertigen, denn
es geht doch um 1975. Dem Bruder mag einesteils Unkenntnis zugute gehalten werden. Denn in
der Organisation werden Unsauberkeit keineswegs prinzipiell beseitigt.
Nehmen wir die Verunreingung der Verkündigung durch Antikommunismus. CV hat z. B.
ausführlich über den Leiter der Journalistischen Abteilung des Bethel Magdeburg, Willy
Heinicke, berichtet (CV 23, 25, 27), der mit der Leitung des antikommunistischen Kampfes
gegen die staatliche "Obrigkeit" in der DDR beauftragt worden war, dem die
bekannte Falschdeutung von Römer 13 zugrunde lag. Die 1962/63 vollzogene Änderung der
WT-Obrigkeitsauffassung ist nur formell geblieben, denn der
antikommunistisch-staatsfeindliche Kampf der WTG speziell gegen die DDR - Orientierung auf
militärische Vernichtung der DDR verbunden mit antisowjetischer Hetze - geht seither
weiter. Siehe WT vom 15. Februar 1965, Seite 110, Absatz 10, Wiesbaden. Die Tätigkeit und
Verkündigung erfolgt immer noch von dem WT-Standpunkt aus, man könne den Gesetzen von
Staat und Regierung insonderheit der sozialistischen Länder beliebig untreu sein und sie
verletzen, was CV in Übereinstimmung mit Römer 13:1-7, 1. Petrus 2:13 und 1. Petrus
4:15-17 als eine der übelsten politischen Verunreinigungen der Verkündigung nachgewiesen
hat. Die mit diesem WT-Kampf zusammenhängende sog. theokratische Kriegslist steht offen
in Widerspruch zu 2. Kor. 4:2 NW.
Die WTG denkt gar nicht daran, die hier genannten Grundsätze der Apostel Paulus und
Petrus konsequent anzuwenden und sich nach Jakobus 1:27 von ihren antikommunistischen
politischen Befleckungen zu reinigen.
Schließlich urteilt der Bruder aus Bamberg auch oberflächlich über die anderen Kirchen
und Christen. Natürlich wurde und wird da viel gesündigt. Doch sollten Jehovas Zeugen
endlich von der primitiven Methode abkommen, alle unterschiedlos in einen Topf zu werfen,
denn die Dinge entwickeln sich. Dies aber als Denkanstoß. Auch in der Kriegsfrage muß
man mehr sehen. Als Denkanstoß wiederum folgendes: Im Ersten Weltkrieg sind auch die
damaligen Zeugen Jehovas ins Feld gezogen. So wurden z. B. im WT von 1915 Feldpostbriefe
von Brüdern an der Front abgedruckt. Im Zweiten Weltkrieg veröffentlichte das
Zentralbüro der WTG in Europa, Bern/Schweiz, 1943 eine Erklärung, die dazu aufforderte,
Kriegsdienst zu leisten! (Abgedruckt in dem Buche "Ich war Zeuge Jehovas" von G.
Pape, Berlin/Augsburg 1961). Schließlich waren auch die Jünger Jesu eine bewaffnete
Truppe, Lukas 22:35-38, und von Cornelius wurde nicht verlangt, seine Funktion als
römischer Offizier aufzugeben, als er vom Apostel Petrus getauft wurde. Apg. 10:24-48, 1.
Kor. 7:20. Wir möchten hiermit zunächst nur andeuten, daß die Dinge doch etwas
komplizierter sind als allgemein angenommen wird.
Was Zweigdiener Konrad Franke betrifft, so ist es am Ende nicht so, wie der Bruder in
Bamberg sich tröstet, die alten Jahrgänge müßten den jungen, geschulten Platz machen.
Die Absetzung Frankes wegen 1975 ist vielmehr ein Zeichen dafür, das die WTG ihrer
folgenschwersten Daten-Festsetzungskrise entgegengeht, die sie je erlebt hat. Es wäre
besser gewesen, WTG-Präsident Rutherfords Warnung von 1914/25 zu beachten, keine Daten
wieder festzusetzen. Könnte das die WTG?
D. J.
A 6145-70 V 7 1 1789
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