Kommentar zu den eingescannten CV-Ausgaben
CV 30

Auch diese Ausgabe widmet sich dem Thema "1975". Mittels vermeintlicher theologischer Argumente wird versucht es zu entkräften. Ich kann hier nur für mich sprechen. Diese vermeintlichen theologischen Argumente haben mich nicht sonderlich "beeindruckt". Um zu erkennen, dass mit der 1975-Theorie etliches faul ist, dazu bedarf ich nicht der in dieser CV-Ausgabe offerierten "theologischen Argumente". Immerhin ein "Highlight jener Argumentation sei doch noch zitiert:
"Wenn wir also sehen, daß Israel 430 Jahre in Ägypten gewohnt hat, so bedeutet das, daß in Wirklichkeit die Menschheit schon 215 Jahre älter ist, als in der Chronologie angegeben. Das würde aber bedeuten, wenn die Chronologie Pastor Russels richtig wäre, daß nicht 1874, sondern 1659 die 6000 Jahre um waren."

 


CV Christliche Verantwortung

Informationen der Studiengruppe Christliche Verantwortung
Konto-Nr.: 4564-49-20156 Bank für Handel und Gewerbe 65 Gera Straße des 7. Oktober

Nr. 30 Gera Februar 1970

CV - ihr Zweck
Christliche Verantwortung leitet an zu rechtem Forschen in der Heiligen Schrift und zu verantwortungsbewußtem Verhalten als Christ und Bürger. Übereinstimmend damit befaßt sich CV mit Verkündigung und Organisation der Wachtturmgesellschaft. CV ist hier die erste Schrift verantwortungsvoller freier Diskussion für alle Versammlungen der WTG und ihrer einzelnen Glieder. Ehemalige möchten ihre Erfahrungen kundtun, um zu helfen.

Was ist rechte biblische Autorität?
Liebe Brüder und Schwestern!
Wieder legen wir aus tiefen christlichen Beweggründen eine neue Ausgabe von CV in Eure Hände. Wir tun dies voller Hoffnung. Doch begleitet uns dabei auch eine ständige Sorge. Immer wieder machen wir uns Gedanken darüber, wie wir dem Anliegen von CV in einer rechten Weise gerecht werden können, wie wir in rechter Weise sagen können, was gesagt werden muß, weil es auch die Wahrheit ist. Dabei wissen wir doch, daß es nicht einfach ist, die Dinge zu verstehen.

Viele Unterhaltungen, Zuschriften und Stellungnahmen führten uns immer wieder auf eine Grundfrage zurück. Diesem und jenem, was in CV dargelegt wurde, wird vielfach zugestimmt. Aber bei einer ganz bestimmten Frage tritt immer wieder eine Verhärtung ein. Dies ist dann der Fall, wenn die Probleme die Organisation, die Leitung der WTG selbst betreffen. Selbst wenn die Bibel etwas anderes aussagt, wird der Auslegung oder Erklärung der WTG oder des WT der Vorzug gegeben. Praktisch bedeutet das, dem WT vor der Bibel Vorrang zu geben, dem WT mehr als der Bibel zu glauben. Ihr möget sagen, so etwas gibt es bei Jehovas Zeugen nicht, wir übertreiben oder entstellen die Sachlage. Nun, wir entstellen die Sachlage nicht. Bitte, seht folgendes Beispiel. Im WT vom 15. Jan. 1951 "Untertan den höheren Gewalten" wurde bekanntlich "biblisch" nachgewiesen, daß nicht die politischen Regierungen die laut Römer 13 "von Gott gesetzten Obrigkeiten" seien, sondern einzig und allein Jehova Gott und Christus Jesus in Verbindung mit den Dienern in der sichtbaren Organisation. Der WT stellte in diesem Sinne den Grundsatz auf "Die höheren Obrigkeiten innerhalb der Göttlichen Organisation verlangen unsere richtige Furcht und Ehre". WT 15. 1. 1951, S. 30/12. Im WT vom 15. August 1957, ging die Leitung sogar soweit, von sich zu behaupten: "Es ist höchst wichtig, daß wir diese Tatsache verstehen und den Anweisungen des 'Sklaven' so folgen, wie wir der Stimme Gottes folgen würden, weil es Gottes Vorkehrung ist". WT 15. 8. 1957, Nr. 16, S. 498/7. Wenn ich irgendwelchen Menschen so folge, wie ich Gott folgen würde, mache ich damit diese Menschen nicht gottgleich oder zu einem Gott? Aber wer bedachte dies schon?

Wie setzte die WTG diese ihre Gottgleichheit, so muß man das leider schon bezeichnen, praktisch durch? Folgten ihr alle? Offenbar nicht. Denn es wurde von gar manchem erkannt, daß dies keine Vorkehrung Gottes war. Darum schrieb der WT weiter: "Als sie die theokratische Einrichtung anerkannten, ruhte Jehovas Segen auf ihnen. Aber sobald sie diese von Gott getroffene Vorkehrung von rein menschlichem Standpunkte ansahen, zogen sie sich Schwierigkeiten zu. Diese Erfahrung machte Mirjam. Sie wurde mit dem Aussatz geschlagen, weil sie verfehlt hatte, Jehovas Anordnung respektvoll anzuerkennen. Andere, wie Korah, Dathan, Abiram und die Männer, die bei ihnen waren, wurden vom Leben abgeschnitten, weil sie eigenwillig nach Unabhängigkeit strebten. Auch jene, die mit ihnen sympathisierten, zogen sich Gottes Mißfallen zu, und 14 700 kamen bei einem einzigen Anlaß. ums Leben. - 4. Mose 12:1-10; 16:1-35; 41-50.- (S. 498/6).

Diese WT-Bibelerklärung bedeutete, daß jeder als Rebell gegen Gottes Vorkehrung "geschlagen" und "vom Leben abgeschnitten" wurde, der die WTG-Führung nicht als höhere Obrigkeit in der Organisation anerkannte.

Du magst heute sagen, ja, die WTG hatte sich "gottgleich" gemacht mit ihrer Obrigkeitserklärung, aber diese wurde doch mit den WTs Nr. 1 bis 3 im Jahre 1963 (deutsch) geändert. Leider müssen wir antworten, daß das nur formell stimmt, weil sich in der Praxis nichts verändert hat. Aber das soll jetzt nicht die Frage sein.

Wir wollen vielmehr fragen: Der WT drohte, wer jene angebliche Vorkehrung Gottes "von rein menschlichem Standpunkte aus" ansehe, müsse mit der Todesstrafe rechnen Der Hinweis auf die 14 700 im 4. Mose 17:14 ist deutlich genug. War das nicht ein furchtbarer Mißbrauch der Bibel? Und war der menschliche Standpunkt nicht richtig, der diese Obrigkeitsansprüche der WTG-Leitung nicht anerkannte Natürlich war dieser Standpunkt richtig, wie die Änderung in der Obrigkeitserklärung 1963 beweist. Jehova hat den Menschen nicht als Gott geschaffen, sondern als Menschen. Der Mensch soll nicht menschlich denken Lies, was der Prophet Jesaja dazu sagte: "Meine Gedanken sind nicht eure Gedanken - so lautet der Ausspruch Jehovas, sondern so hoch der Himmel über der Erde ist, soviel höher sind meine Gedanken als eure Gedanken." Jesaja 55:8, 9.

Auch nicht im entferntesten kann sich ein Mensch irgendwie gedanklich Gott gleich machen. Dies hat die WT-Leitung aber getan, wie die WT-Auszüge von 1951 und 1957 zuvor beweisen. Erbarmungslos ist sie über die Opfer hinweggeschritten, die diese falschen Autoritätsansprüche forderten.

Wenn wir also zu Anfang sagten, der WT habe leider, wenn man genau hinschaut, in der Organisation den Vorrang vor der Bibel, so stimmt das. Das Obrigkeitsbeispiel ist eine unwiderlegbare Veranschaulichung hierfür. Von 1929 bis 1963, also über 30 Jahre lang, regierte die WTG in diesem falschen Gewande, mit diesem furchtbaren Bibelmißbrauch Wie erkennbar ist, ist dies keine Nebensache gewesen, sondern es war die Grundfrage der ganzen Organisation. Vielleicht ist es in diesem Zusammenhang bemerkenswert, daß die Brüder und Schwestern von CV zu denen gehören, die diese falschen Autoritätsansprüche der WTG zurückwiesen, indem sie seit 1959 anfingen, aufklärende Schriften unter den Brüdern und Schwestern in der Organisation zu verbreiten.

Du magst nun sagen, gut, in dem Obrigkeitsbeispiel möge CV recht haben, aber das sei doch wohl jetzt überstanden. Die WTG habe das doch eingesehen. Wir antworten, bedingt ist das richtig, wir meinen damit das Verhalten und Lehren in der Organisation. Die WTG verlangt von den Brüdern und Schwestern keine Anerkennung der WTG als Obrigkeit mehr. Aber die Obrigkeitsfrage betrifft ja die politischen Regierungen, die Gesellschaftsordnung, den Staat. Da sieht es allerdings noch anders aus, speziell bezüglich des sozialistischen Staates. Es ist bekannt, daß die WTG gegenüber der sozialistischen bzw. kommunistischen Gesellschaftsordnung die Kampflosung herausgegeben hat "Christentum oder Kommunismus - was wird triumphieren?" (Erwachet vom 8. Juni 1955). Damit setzt die WTG aufs neue das Wort Gottes außer Kraft, das in 1. Petrus 2:13 fordert, aller menschlichen Ordnung um des Herrn willen untertan zu sein. Eine andere Grundfrage der Organisation, ihre äußere Existenzfrage. So steht immer noch auf der Tagesordnung, daß sich die WTG über die klaren Grundlehren der Bibel hinwegsetzt, daß sie ihre Autorität über die der Bibel stellt. Wann wird das Maß der Opfer voll sein, den dieser politische Bibelmißbrauch fordert? Soll das auch noch 30 Jahre dauern? Wir hoffen das nicht. Darum wirken wir ja. Und wir stellen fest, unser Werk trägt Früchte.

Was wollen wir mit diesen Ausführungen über die WTG zeigen? Wir wollen nachweisen, daß die WTG einfach keine biblische Grundlage dafür hat zu fordern, ihr zu folgen, wie man Gott folgt. Es sei bemerkt, daß die WTG diese Forderung mit der Preisgabe ihrer falschen Obrigkeitsansprüche seit 1963 nicht fallen lassen hat. Das kann jeder überprüfen. Er braucht nur zu versuchen, die WTG zu kritisieren. Die WTG müßte auf ein vernünftiges biblisches Maß zurückkehren, eingedenk dessen, daß, auch alle leitenden Diener fehlbare Menschen sind. Es ist bei der WTG-Leitung merkwürdig verwischt: Einesteils gibt sie zu, nicht unfehlbar zu sein. Andererseits aber behauptet sie, sie werde von Gott geleitet und man müsse ihr folgen, wie man Gott folgen würde, wie wir sahen. Wenn ich jemandem folge, wie ich Gott folge, dann folge ich einem Unfehlbaren, denn Gott ist unfehlbar. Wenn jemand von Gott wirklich geleitet wird, dann kann er in diesem Zusammenhang nicht irregehen, dann ist er in dieser Hinsicht unfehlbar, weil Gott ihn nicht anders als unfehlbar leiten kann. Die WTG verwischt hier alle klaren Grenzen. Die WTG könnte also allenfalls organisatorisch leiten. In Fragen des Glaubens und der Lehre hat sie keinerlei Autorität. Da gibt es nur das geschriebene Wort Gottes, die Bibel. Unter ihren Autoritätsansprüchen aber hat die WTG die Fragen des Glaubens, der Lehre und der Organisation unheilvoll miteinander verquickt, indem sie sich als "Organisation Gottes" darstellt und verlangt, dies mit aller Konsequenz anzuerkennen. Allein schon die über 30 Jahre lang erbarmungslos aufrechterhaltenen Autoritätsansprüche als biblische Obrigkeit beweisen, daß die WTG keine Organisation Gottes ist. Die Organisation ist Menschenwerk, nichts weiter. Damit ist der persönliche Gottesglaube jedoch nicht in Frage gestellt, der in Wirklichkeit unabhängig von der Organisation ist. Die WTG dagegen hat ihn scheinbar unlöslich mit ihrer Organisation verbunden. Dabei ist jede Organisation wirklich nur Menschenwerk. Wie grotesk steht die WTG in ihrer "Gottgleichheit" angesichts dessen da! Während sie sich selbst als "Obrigkeitliche Gewalt" ausgab in den Jahren 1929 bis 1963, erklärte sie z. B. im Jahre l948 von sich: "Der Herr handelt jetzt nicht mit einzelnen. Er handelt mit einer Organisation, mit seiner theokratischen Organisation, und er handelt nur mit denjenigen Personen, die sich innerhalb oder unter dieser Organisation befinden". (WT 1. 4. 1948, S. 101/11). Die bibelwidrige WTG-Haltung in solchen Grundsatzfragen wie der Autorität und der Haltung zur menschlichen Ordnung, in der Jehovas Zeugen leben müssen, zeigt indessen, daß in oder unter der Organisation niemand ein göttliches Handeln erfahren kann. Denn dies könnte nicht bibelwidrig sein.

Liebe Brüder und Schwestern. Psalm 109:105 sagt: "Dein Wort ist meines Fußes Leuchte und ein Licht auf meinem Wege". Die WTG-Organisation dagegen schiebt sich ungebührlich in unsere Gottesanbetung hinein. Wir kennen die wiederholten Erklärungen, daß nur durch sie das Licht komme. Ihr Apparat ist übermächtig geworden. "Die Gesellschaft" ist heute die letzte Instanz.

Wir möchten nun den Ausweg zeigen, der beschritten werden muß. Es beginnt damit, ständig bereit zu sein wie die Beröer (Apg. 17:11), unsere Auffassungen in allen Fragen und zu jeder Zeit wieder zu prüfen. Wenn wir unser Denken in einer starren Form festlegen und uns damit zufriedengeben, ich glaube, das würde die größte Gefahr sein. Wir verzichten oft auf unser eigenes Forschen in der Schrift. Wir sind bequem geworden im eigenen Denken und Verantworten. So sollte es aber unter uns, die wir nach der Schrift Bibelforscher sein sollten, nicht sein. Was unsere Brüder und Schwestern in der Organisation betrifft, so gilt das Wort: "In der Bruderliebe seid herzlich zueinander, in Ehrerbietung einer dem anderen vorangehend" (Rö. 12:10). Nur so dürfen wir handeln, auch wenn sie uns zufolge unserer nun wahrgenommenen christlichen Verantwortung nicht mehr so behandeln, ja, uns sogar als Feinde betrachten, die wir wahrlich nicht sind. Wir sollten uns in solchen Situationen mit dem Wort Christi stärken: "Wenn ihr (nur) die liebt, die euch lieben, welchen Lohn habt ihr davon? Und wenn ihr nur eure Freunde grüßt, was tut ihr da besonderes? (Aus dem Gebot der Feindesliebe in Matth. 5:46, 47). Diese Grundsätze sollten unser Verhalten zu den Brüdern und Schwestern in der Organisation unbedingt bestimmen Die Autorität in Glaubensfragen jedoch ist allein das geschriebene Wort Gottes. Möchte dies helfen, als ersten Schritt den Sinn bereit zu machen für die eigene christliche Verantwortung.
Mit diesen gutgemeinten Ratschlägen grüßt herzlich
Bruder Willy Müller, 65 Gera,
Lutherstraße 16, und Mitverbundene

Erwartungsvolles Hoffen - in bezug auf 1975 - ist dies biblisch begründet?
(3. Fortsetzung)
Dialog in Gestalt eines Briefwechsels
- Wie ein Zeuge Jehovas heute die Hoffnung auf 1975 vertritt:

Liebe Brüder!
Es ist schon wahr, daß der Wachtturm, insbesondere Bruder Franz (WTG-Vizepräsident, CV) in seiner Ansprache in Baltimore sagte: "Was ist nun mit dem Jahr 1975? Was wird es bedeuten, liebe Freunde? Bedeutet es, das Harmagedon vorüber und Satan bis zum Jahre 1975 gebunden ist? Es könnte das bedeuten! Es könnte das bedeuten Alle Dinge sind bei Gott möglich. Doch wir sagen das nicht. Und möge auch niemand von euch sich irgendwie bestimmt äußern und etwas sagen, was zwischen der Gegenwart und dem Jahre 1975 vor sich gehen soll. Doch der wichtigste Gedanke bei all diesem, liebe Freunde, ist der: Die Zeit ist kurz. Die Zeit läuft ab, darüber besteht keine Frage". (Wachtturm 1. Jan. 1967, S. 23).

Diese Wachtturm-Ausführungen können natürlich als etwas Unbestimmtes ausgelegt werden, wie dies auch manche Brüder tun. Aber nun ist noch ein Erwachet erschienen, in dem noch einmal die chronologische Seite dargelegt wird. Unter der Überschrift "Wann laufen die 6000 Jahre ab?" heißt es in Erwachet vom 8. April 1969, S. 14:

"Nach der zuverlässigen biblischen Chronologie wurden Adam und Eva im Jahre 4026 v. u. Z. erschaffen.
Vom Herbst des Jahres 4026 v. u. Z bis 1 v. u. Z. - 4025 Jahre
1 v. u. Z. bis 1 u. Z. -1 Jahr
1 u. Z. bis 1969 u. Z. - 1968 Jahre
Bis Herbst 1969 (insgesamt) 5994 Jahre
Das würde bedeuten, daß es vom Herbst 1969 bis zum Ablauf der 6000 Jahre Menschheitsgeschichte nur noch sechs Jahre sind. Diese Zeitspanne von sechs Jahren wird offenbar im Herbst 1975 ablaufen.

Kann man aus dieser Zeitrechnung mit Bestimmtheit schließen, daß im Jahre 1975 das endgültige Ende dieses Systems der Dinge kommen wird? Da die Bibel das nicht ausdrücklich erklärt, kann kein Mensch sagen, daß dem so sei. Eines ist jedoch sicher: Die 1970-er Jahre werden die kritischsten Jahre sein, die die Menschheit je durchlebt hat". (Erwachet 8. April 1969, S. 14).

Ich müßte an der Glaubhaftigkeit der Gesellschaft (WTG, CV) zweifeln, wenn ich diese Darlegungen nicht für zuverlässig halten sollte. Ich gebe natürlich zu, daß es mir nicht ohne weiteres möglich ist, die ganze Chronologie bis in jede Einzelheit, bis in das kleinste Kettenglied, selbst zu überprüfen. Ich gebe auch zu, das selbst das kleinste Kettenglied in dieser Chronologie von entscheidendster Bedeutung ist, denn bekanntlich reißt eine Kette immer bei ihrem kleinsten oder schwächsten Glied. ich möchte sagen, daß ich in dieser Sache der Gesellschaft vertraue. Ich möchte auch einen anderen wichtigen Teil aus dem schon erwähnten Erwachet zitieren, der mir sagt, daß wir unbedingt in den letzten wenigen Jahren leben müssen, so daß mir 1975 durchaus glaubhaft erscheint.

Unter der Hauptüberschrift "Was werden die 1970-er Jahre bringen?" sagt Erwachet:
"Wenn wir annehmen, daß fünfzehnjährige Jugendliche genügend Verständnis hatten, um die Bedeutung dessen zu begreifen, was 1914 geschah, wären die Jüngsten "dieser Generation" heute ungefähr siebzig Jahre alt. Die meisten der Generation, von der Jesus sprach, sind somit bereits gestorben. Die anderen, die noch leben, nähern sich dem Greisenalter. Und man denke daran, daß Jesus sagte, für diese böse Welt werde das Ende kommen, ehe alle, die zu dieser Generation gehören, gestorben seien. Das allein zeigt schon, daß es bis zu dem vorhergesagten Ende nicht mehr viele Jahre sein können". (Erwachet, 8. April 1969, S. 13/14).

Schauen wir uns in der Organisation um, wieviel alte Zeugen noch da sind, die 1914 bewußt erlebt haben. Ganz, ganz wenige nur. Bald wären alle tot. Bald ist wirklich "diese Generation" von 1914 "vergangen". Es ist wirklich der allerletzte Zeitpunkt. Es muß um 1975 unbedingt soweit sein. Sollte bis Mitte der siebziger Jahre nichts eintreten, was Harmagedon und das endgültige Ende betrifft, so muß ich zugeben, und das wäre furchtbar, daß alles eine Illusion gewesen ist. Aber das kann natürlich nicht sein. Sollte das ganze Werk der Zeugen Jehovas umsonst sein? Ich bin überzeugt, daß dies nicht der Fall ist. Wir haben die Beweise in Form der Zeichen der Zeit. So möchte ich jeden Gedanken zurückweisen, die Gesellschaft nehme ihre eigenen Berechnungen nicht ernst.
Werner Gründlich, Wiesbaden

- Wie einem Zeugen Jehovas, der diese Hoffnung von 1975 vertritt, geantwortet werden muß:
Lieber Bruder Gründlich!
Unsere Antwort soll unter dem Bibelwort stehen: "Vergewissert euch aller Dinge, haltet an dem fest, was vortrefflich ist". 1. Thessalonicher 5:21 NW. In Apg. 17:11 werden Christen gelobt, weil sie die Aussagen der Apostel an den Maßstäben des Wortes Gottes prüften. Wieviel mehr sollten wir bereit sein, alles einer gewissenhaften Überprüfung zu unterziehen, ehe wir etwas glauben. Kann die Wachtturmgesellschaft hiervon ausgenommen sein? Nach Apg. 17:11 kann sie das nicht, wie die Apostel selbst hiervon nicht ausgenommen waren.

Sicher ist die Wachtturm-Formulierung bekannt, wonach es stets auf eine "genaue Erkenntnis" ankommt. So laß uns die Äußerungen des Wachtturm oder der Gesellschaft auch auf ihre Genauigkeit überprüfen.

Betrachten wir ihre Ausdrucksweise oder ihre Formulierungen mit Bezug auf 1975 genauer. Bruder Franz betont wiederholt, es könnte das Ende bedeuten. Die Formulierung "könnte" ist eine Möglichkeitsform, die besagt, es kann sein und es kann aber auch nicht sein. Die Aussage von Franz oder vom WT ist also höchst ungenau. Franz sagte auch, niemand solle sich bestimmt äußern für die Zeit bis 1975. Das läßt sich später ohne weiteres so auslegen, als ob der WT vor jeder Bestimmtheit gewarnt habe. Was ist hier also genau? Genau ist allein die Ungenauigkeit dieser Aussagen!

Nach der chronologischen Berechnung von 1975, zu der noch etwas Besonderes gesagt werden muß, sagt Erwachet oder die Gesellschaft wieder "das würde bedeuten". Auch dies ist eine Möglichkeitsform und heißt sowohl es kann das bedeuten als auch es kann das nicht bedeuten. Auch hier ist in Wirklichkeit nichts genau. Dann heißt es, die Zeitspanne von sechs Jahren ab 1969 entsprechend der Rechnung von 5994 Jahren "wird offenbar im Herbst 1975 ablaufen". Auch hier ist ein Hintertürchen eingebaut. Es heißt nicht, es wird ablaufen, denn das wäre eine bestimmte oder genaue Äußerung. Es heißt, es würde offenbar ablaufen. Beachte den Sinn des Wortes offenbar, der lediglich eine Annahme zum Ausdruck bringt, also nicht Gewisses. Beachte auch die Einräumung, die Bibel würde das mit 1975 "nicht ausdrücklich erklären, kein Mensch könne deshalb sagen, das dem so sei. Allerdings ist die Stimme des Wachtturm nicht die Stimme eines Menschen, sondern es soll ja Licht von Gott sein. Aber das möchte der Wachtturm bzw. Erwachet hier wohl gar nicht meinen.

Wir möchten also sagen, daß die Formulierungen der Gesellschaft, wenn sie genauer betrachtet werden, doch sehr sehr bedenklich und ungenau sind. Sie können in jedem Fall auch dazu dienen, sich eines Tages von der 1975 Voraussage auch wieder zu distanzieren, wobei die Gesellschaft obendrein gar nicht einmal etwas verdrehen müßte, da sie überall Hintertürchen eingebaut hat. Muß da nicht jeder, der den Grundsatz von der "genauen Erkenntnis" wirklich ernst nimmt, die ganze 1975-Voraussage als höchst vage und ungenau zurückweisen? Doch wie schlagen überall in den Versammlungen die Wellen der Hoffnung auf 1975 in die Höhe! Das wird eine furchtbare Ernüchterung geben.

Wir möchten nun etwas näher auf die Chronologie eingehen Wie schon gesagt, ist dies eine Kette, bei der jedes einzelne Glied in Ordnung sein muß. Ist nur ein einziges Glied schwach, so ist die ganze Kette unhaltbar.

Zuerst eine interessante Feststellung. jetzt wird erklärt, im Jahre 1969 seien 5994 Jahre seit Adam vergangen. Bis zur Wachtturm-Ausgabe vom 1. Oktober 1928 wurde auf jeder Außentitelseite des WT die Zeit seit Adam ganz anders angegeben. So lautete die Angabe auf Nummer 19 des 33. Jahrgangs des WT: "l. Oktober 1928, seit Adam: 6056". Ab WT-Ausgabe vom 15. Oktober 1928 verschwand plötzlich die Jahreszahl 6056, ohne dazu eine Erklärung zu geben. Unmerklich wurde so eine erwartungsvolle Hoffnung nach und nach beseitigt, obwohl sie auf "Gottes geoffenbartem Worte der Wahrheit" beruhte, wie damals in jedem WT unter der Überschrift "Diese Zeitschrift und ihre heilige Mission" erklärt wurde. Wir stellen also fest: Nach dem "geoffenbarten Worte Gottes" bis 1928 müßten bis zum Jahre 1969 insgesamt 6097 Jahre seit Adam vergangen sein. Jetzt sollen es nur 5994 Jahre sein. Soll sich Jehova in seinen Offenbarungen bis 1928 um 103 Jahre geirrt haben? Das kann wohl schlecht sein.

Wir haben in CV Nr. 26 einen Artikel veröffentlicht "Ist die biblische Chronologie zuverlässig?" Es wurde darin nachgewiesen, daß die biblische Chronologie sehr ungenau ist. Es wurden u. a. folgende Feststellungen getroffen: Bei den Richtern sind die Zahlen teils genau, teils abgerundet (40, 80), teils nebeneinanderlaufend. Die Zahlen der Geschichte Judas und Israels stimmen nicht überein. Die Ursachen sind: Verwechslung der hebräischen Zahlbuchstaben- und Wörter sowie der Eigennamen. CV 26 zitierte dann den WT vom 1. Mai 1953, Seite 287, der über die Bibelübersetzungen, auf die sich die WTG-Chronologie stützt, folgendes zugibt:

"Die Septuaginta ist eine Übersetzung, die im zweiten und dritten Jahrhundert v. Chr. gemacht wurde und der Teil über den Auszug wurde zweifellos während des dritten Jahrhunderts vollendet und stützt sich auf hebräische Manuskripte, welche älter waren als jene des anerkannten masseoretischen Textes. Aus diesem Grunde mag sie in vielen ihren Wiedergaben genauer sein als der massoretische Standardtext".
Eine Übersetzung mag genauer sein als die andere - was ist das für eine Genauigkeit?

Da braucht sich niemand zu wundern, wenn die WTG ihre Chronologien immer wieder geändert hat. Das Jahr 1928 als 6056 beruhte z. B. auf der Berechnung, daß schon 1874 die 6000 Jahre um sein sollten, wie in der WTG-Chronologie in Schriftstudien Band 2 von 1889, letzte Ausgabe 1926, genauso "nachgewiesen" wurde, wie jetzt 1975 "nachgewiesen" wird. Nur erklärte WTG-Präsident J. F. Rutherford nach einer Reihe vergeblicher Versuche, eine sichere Chronologie zu erstellen, freimütig: "Jehovas Getreue wurden in ihren Erwartungen für die Jahre 1914, 1918 und 1925 enttäuscht. Später lernten die Treuen, daß sie keine Daten mehr festsetzen sollten." (Rechtfertigung I, S. 332, Magdeburg 1932). Wir haben in CV Nr. 21 unter der Überschrift "N. H. Knorr mißachtet die Warnung von J. F. Rutherford" dies im Hinblick auf 1975 vor Augen geführt.

Ist es nicht bedeutend, daß weder Christus noch irgendein Apostel irgendeine Endzeit-Chronologie aufstellte? Christus selbst warnte sogar davor, Zeit und Stunde berechnen zu wollen, wann etwas geschehe! Matth. 24:36; 42; 44; Apg. 1:7. Wie kommt die WTG dazu, das nicht mehr zu beachten? 1. Kor. 4:6.

Wir fragen nun: Sind diese unsere Ausführungen als Antwort auf 1975 nicht wohlbegründete Argumente? Die WTG ist wirklich in einer schwierigen Lage. Sie hat die äußerste Grenze der Zeit erreicht, die man eine Generation mit Versprechungen oder Voraussagen hinhalten kann. In wenigen Jahren sind die letzten "dieser Generation" seit 1914 wirklich alle gestorben. Dann muß alles vorbei sein. Aber es ist gewiß, daß die Rechnung der WTG mit 1975 wieder nicht stimmt. Man kann sich also ausmalen, was vorbei sein wird.

Es muß selbstverständlich noch mehr zu 1975 gesagt werden Wir können aber schon feststellen, daß das Kernstück dieser neuen erwartungsvollen Hoffnung, die 1975-Rechnung, unhaltbar ist. Es müßte jedoch auch noch auf die Erfüllungen angeblicher Zeichen der Zeit für 1975 eingegangen werden. Dann sollte auch noch etwas zur politischen Bedeutung gesagt werden, weil die WTG diese neue erwartungsvolle Hoffnung wieder mit Antikommunismus verbindet. Dies sollte in weiteren Ausführungen geschehen. Lieber Bruder Werner Gründlich, stelle bitte auch gleich mal fest, bei Deiner sorgfältigen Überprüfung der von uns angeführten Hinweise, in der Zeitschrift "Erwachet", ob der auf Seite 2 angeführte Grundsatz unter dem Titel "Der Zweck der Zeitschrift": "Sie ist politisch ungebunden, auch ist sie nicht durch überlieferte Glaubensbekenntnis behindert", immer grundsätzlich eingehalten wurde und wird. Deine Antwort würde uns interessieren.

Lieber Bruder Gründlich. Wir hoffen sehr, daß Du unsere Antworten beherzigen möchtest und keine Mühe scheuen wirst, zu prüfen, ob das Jahr 1975 wirklich im Worte Gottes als Endzeitdatum festgelegt ist. Wir erwarten gern Deine Antwort, weiches Resultat Du nun gefunden hast.
Mit recht herzlichen Grüßen
Deine Brd. D. und W. M.
Fortsetzung folgt

Was können wir von dem Jahre 1975 erwarten?
Kostbar und groß sind die Verheißungen, die der allmächtige Gott Jehova denen geschenkt hat, die ihre Herzen ungeteilt auf ihn gerichtet halten, Menschen, bei denen der Glaube den stärksten Einfluß auf ihr Leben ausgeübt hat, so daß sie durch Wiedergeburt in das Kindschaftsverhältnis zu Gott gekommen sind. Ihnen ist eine Fülle von Leben versprochen. Der Apostel bringt es zum Ausdruck in 1. Kor. 15, 51-54. Angesichts der Größe dieser Verheißung ist es leicht verständlich, daß Gotteskinder immer wieder Ausschau gehalten haben, wann sich diese herrliche Hoffnung an ihnen verwirklichen wird. Der Zeitpunkt ist in der Schrift aufs engste verknüpft mit dem Wiederkommen Jesu Christi. Wir lesen ein Wort im 1. Johannesbrief Kap. 3, Verse 1-3.

Zunächst sei darauf hingewiesen, daß in diesem Schriftwort klar zum Ausdruck kommt, daß Gotteskinder, wenn sie Jesu gleich gemacht werden, auf die höchste Daseinsstufe des Lebens erhoben werden sollen. Es liegt in diesen Worten ein Hinweis auf die Zeit der Erfüllung mit den Worten Joh. 14:1-3. Wir sehen daraus, daß sich mit dem Kommen Jesu Christi die Verheißung der ersten Auferstehung erfüllen wird. Nicht nur wahre, getreue Nachfolger Jesu Christi (Gottes Kinder) haben während des ganzen Zeitalters nach der Wiederkunft Jesu Christi sehnsuchtsvoll ausgeschaut, sondern es gab in den letzten Jahrzehnten auch noch Andersgläubige, die sich nicht bereitgefunden haben, den Weg des Herrn über Leiden und Sterben getreulich zu befolgen, sondern die gerade dem Tod auszuweichen wünschten und hofften, wenn der Tag des Herrn und damit seine Regierung auf Erden beginnen würde, dem Tode zu entgehen und ewiges Leben auf Erden zu erlangen Auch diese haben höchstes Interesse, wenn möglich den Zeitpunkt zu erreichen, wann der Tag des Herrn beginnen könnte.

In der Annahme, das die Herrschaft Jesu Christi, die in der Schrift mit tausend Jahren angegeben ist als der siebente Tag buchstäblich tausend Jahre lang wäre, rechnete man damit, daß die vorangehenden sechs Tage auch je tausend Jahre lange Perioden wären. Infolgedessen versuchte man, aus der Schrift das Alter der Menschheit festzustellen und sagte, wenn die sechstausend Jahre der Zulassung der Sünde und des Todes um sind, das, dann die tausendjährige Herrschaft Jesu Christi ihren Anfang nehmen würde.

Vor mir liegt ein Buch, betitelt "Ewiges Leben in der Freiheit der Söhne Gottes", aufgeschlagen Seite 32 und 33, in welchem die Chronologie der Menschheitsgeschichte aufgezeichnet ist. Nach dieser Berechnung würden die sechstausend Jahre im Jahre 1975 um sein. Wer diesen Zeitpunkt erreichen würde, hätte die Möglichkeit, dem Tode zu entgehen und ewiges Leben auf Erden zu erlangen.

Doch bei sorgfältiger Prüfung ergibt sich, daß in den Berechnungen ein offensichtlicher Fehler vorhanden ist, und zwar geht es um die 430 Jahre der Wohnzeit der Kinder Israel in Ägypten. Wir lesen in 2. Mose 12, 40-41: "Und die Wohnzeit der Kinder Israel, die sie in Ägypten zugebracht haben, ist vierhundert und dreißig Jahre. Und es geschah am Ende der vierhundert und dreißig Jahre, und es geschah an diesem selbigen Tage, daß alle Heere Jehovas aus dem Lande Ägypten auszogen.'

Damit steht eigentlich die Zeitperiode vom Einzug Israels (Jakobs) mit seinen Söhnen und Enkelkindern in Ägypten bis zum Auszug des Volkes unter der Führung Mose unzweideutig fest. Es waren 430 Jahre. Dennoch nahm Pastor Russel für die Wohnzeit der Kinder Israels (Kinder Jakobs) in Ägypten nur zweihundertfünfzehn Jahre an. Den Anlaß dazu gab der Brief des Apostels Paulus an die Galater im 3. Kapitel, Vers 17:

"Ich meine das aber so: Eine von Gott bereits früher vollgültig (oder rechtskräftig) gemachte Verfügung kann durch das Gesetz, das erst 430 Jahre später gekommen ist, nicht außer Kraft gesetzt (= für ungültig erklärt) werden, so das es die Verheißung aufhöbe (Menge).

Da die Festsetzung bestimmter Zeitpunkte nach der einheitlichen Meinung der Altertumsforscher bisher nur schätzungsweise möglich war, wurde die Zeitangabe Paulis in obiger Stelle als zuverlässige Brücke benützt. Sie reichte nach der Annahme der Brüder von der dem 75-jährigen Abraham gegebenen Verheißung (l. Mose 12, 1-4) bis zur Gesetzgebung. Auf diese Weise gelangte man zu dem Resultat, daß 1874 sechstausend Jahre der Menschheitsgeschichte um waren. Zu diesem Zeitpunkt sei der Herr wiedergekommen, um nach einer 40-jährigen Erntezeit im Jahre 1914 sein Reich aufzurichten. Die nun bereits 90-jährige Überschreitung dieses Zeitpunktes hat denkenden Kindern Gottes den Irrtum dieser Rechnung leicht erkennbar gemacht.

Von der in 1. Mose 12 berichteten Verheißungsgebung bis zum Einzug Jakobs mit seiner 70 männliche Nachkommen zählenden Familie in Ägypten waren 215 Jahre vergangen. Von Pharao befragt, gibt Israel (Jakob) sein Alter mit hundertdreißig Jahren an (l. Mose 47, 8-9). Sein Vater Isaak war 60 Jahre, als sein Sohn Jakob geboren wurde. (l. Mose 25 Vers 26) und Abraham mußte vom Geben der ersten Verheißung noch 25 Jahre warten, bis Isaak geboren wurde. Dies ergibt: 130 Jahre + 60 Jahre + 25 Jahre = 215 Jahre.

Demnach verstrichen vom Geben der Verheißung bis zum Einzug in Ägypten 215 Jahre. Damit verbleiben für die Wohnzeit der Kinder Israel in Ägypten nur 215 Jahre, zusammen ergibt dies 430 Jahre.

In diesem Sinne habe es Paulus in Galater 3, 17 geschrieben Mit dieser Auslegung legt man aber einen offensichtlichen Widerspruch in die Bibel hinein. Paulus würde 215 Jahre und 2. Mose 14, 40 430 Jahre als Wohnzeit der Kinder Israel in Ägypten angeben. Nebenbei bemerkt, die im 2. Band der Schriftstudien gegebene Erklärung über diesen Widerspruch bedeutet eine zu Irrtum führende Beugung der klaren Aussagen der Heiligen Schrift.

Bei Überprüfung der Gedanken Paulis in Galater 3, 15-18 ist zu ersehen, daß der Apostel gar keine Zeitangabe machen will. sondern sich bemüht, zu zeigen, daß die Verheißung durch das Gesetz nicht außer Kraft gesetzt wurde. Die angegebenen 430 Jahre sind ein Zitat aus 2. Mose 12, 40. Paulus ist dabei auch gar kein Fehler unterlaufen. denn die abrahamische Verheißung wurde allein Abraham fünfmal ausgesprochen. Wir finden sie in folgenden Schriftstellen.
1. Mose 12, 1-3
1. Mose 13, 14-16
1. Mose 15, 4-5
1. Mose 17, 2-6
1. Mose 22, 16-18.

Nach 1. Mose 26, 3-4, wurde sie auch Isaak und dem Stammvater Jakob dreimal wiederholt (l. Mose 28, 13-14; 1. Mose 35, 11-12). Die letzte Begebenheit wird uns berichtet, als Jakob schon auf der Reise nach Ägypten war und an der Grenze Kanaans in Beerseba Gott noch Opfer darbrachte. Gott ermunterte Israel (Jakob), unbesorgt nach Ägypten hinabzuziehen, er wolle ihn dort zu einem großen Volk machen. (1 Mose 46, 1-4). Mose bestätigt die Zusage Gottes an alle drei Patriarchen in 2. Mose 32, Vers 13, wenn er für das Volk Israel Gnade erwirkend spricht.

Nach dieser Feststellung durfte Paulus nicht den Zeitpunkt, da die Verheißung das erste Mal, sondern vielmehr, als sie das letzte Mal gegeben wurde, im Auge gehabt haben, als er von dem 430 Jahre später gegebenen Gesetz sprach. Wir haben doch absolut keinen Grund zu einer Auslegung, die sich mit einer klaren Aussage des Wortes Gottes an anderer Stelle in Widerspruch setzt. Pastor Russel meinte sicher, einen Grund zu haben, in seinen chronologischen Berechnungen auf das von Barbour übernommene Jahr 1874 als das vollendete Jahr 6000 zu kommen. So kam es zu der unmöglichen Erklärung im 2. Band der Schriftstudien und zu der durch die Zeit längst widerlegten Annahme, daß unser Herr 1874 unsichtbar wiedergekommen sei und nun schon über 90 Jahre dabei sei sein Reich aufzurichten.

Es ist auch nicht schwierig, zu überprüfen, ob die Israeliten in Ägypten 215 oder 430 Jahre gelebt haben. Man braucht sich nur die ungeheure Vermehrung der Israeliten von den mit Namen genannten 70 Seelen, deren einige sogar erst in Ägypten geboren sind, auf 603 550 gemusterte streitbare Männer von 20 Jahren und darüber gut zu überlegen, um zu der Feststellung zu kommen: Unmöglich kann dies in 215 Jahren geschehen sein. In der Zahl 603 550 Männer sind die Leviten als 13. Stamm noch unberücksichtigt geblieben. Der Stamm Levi wurde gesondert gemustert, und zwar nicht für den Heeresdienst, sondern für den Gottesdienst. Wir lesen dies in 4. Mose 3, 14-39. Nach neuesten Statistiken vermehrt sich die Menschheit in ca. 50 Jahren um das Doppelte. Wenn wir annehmen, daß das Volk Israel auf Grund der Verheißung Gottes in seiner Vermehrung besonders gesegnet war, so daß eine Verdoppelung der männlichen Nachkommen schon in 30 bis 35 Jahren vor sich gegangen sein könnte, dann würden wir bei der Annahme, daß das Volk Israel 215 Jahre in Ägypten gewohnt habe, auf ungefähr sechs Generationen kommen. Würde man die Zahl 70 - und so viele waren es, die mit Vater Jakob nach Ägypten zogen - sechsmal verdoppeln, dann kommen wir auf eine Zahl von 4 480 männlichen Nachkommen. Es waren aber nach 4, Mose 1 Vers 46: 603 550. Beim Vergleich dieser beiden Zahlen ist leicht ersichtlich, daß es unmöglich ist, in 215 Jahren eine Vermehrung von 70 Seelen auf 603 550 auf natürliche Weise zu erreichen. Würden wir aber, wie es richtig ist, nicht mit 215, sondern mit 430 Jahren rechnen können, dann wären es ca. 13 Generationen, die auf diesen Zeitraum kämen, und nach einer dreizehnfachen Verdoppelung würden wir auf eine Zahl von 573 440 männliche Nachkommen kommen. Es ist leicht zu sehen, daß diese Zahl von den genannten 603 550 sich verhältnismäßig wenig unterscheidet, so daß wir darin einen klaren Beweis erblicken, daß es tatsächlich nicht 215, sondern, wie wir in 2. Mose 12: 40-41 gelesen haben, 430 Jahre waren, die das Volk Israel in Ägypten verbrachte.

Bei dieser Beweisführung wird uns von eifrigen Verfechtern der Chronologie entgegen gehalten, daß ja in 2. Mose 12, 38 davon die Rede ist, daß außer dem Volke Israel noch viel Mischvolk mit den Israeliten das Land verließen. Wir finden aber in dem Bericht der Musterung des Volkes Israel in 4. Mose, Kapitel 1 und 2, daß Mose die männlichen Nachkommen der einzelnen Stämme mit genauen Zahlen nennt, so daß es unmöglich ist, daß man vielleicht mit 5 000 echten Israeliten rechnen könnte und alles andere unter das Mischvolk zu rechnen wäre.

Als Beweis dafür nehmen wir die Vermehrung des Stammes Levi an. Bei den Leviten wurden die Knaben von einem Monat und darüber gezählt. Ihre Musterung ergab die Zahl 22 000. Manchem Schriftforscher mögen die Angaben der Geschlechtsregister einige Schwierigkeiten bereiten, doch es ist ganz offensichtlich, daß diese unvollständig sind. Ich will nur ein Beispiel anführen.

In 4. Mose 26, 57-59, wird uns berichtet, daß Jochebed, eine Tochter Levis, die Mutter von Aaron und Mose war. Ihre drei Brüder, Gerson, Kehath und Merari hatten zusammen acht Söhne. Gleichwohl ergab die Musterung nach 4. Mose 3, 21-22, 7 500 männliche Nachkommen von einem Monat und darüber allein von den beiden Söhnen Gersons, Libni und Simei. Von den vier Söhnen Kehaths-Amram, dem Vater Mose, Jizhar, Hebron und Ussiel - wurden nach 4. Mose 3, 27-28 allein 8 600 männliche Nachkommen gezählt. Von den beiden Söhnen Meraris, des jüngsten Sohnes Levis, mit Namen Machli und Muschi wurden nach den Versen 33-35, 6200 Nachkommen gezählt. Wir fragen uns mit Recht, wenn Moses der Enkelsohn Kehaths ohne Zwischengliederung gewesen wäre, wo kommen dann die über 22 000 männlichen Nachkommen von den drei Söhnen Levis her?

Daß es sich bei diesen Angaben nicht nur um Knaben handelt, sondern auch um Männer, können wir aus der weiteren Auswahl zum Dienst am Zelt der Zusammenkunft sehen. Wir lesen dazu 4. Mose 4, 34-37 (nach Menge):

"So musterten denn Mose und Aaron samt den Stammesfürsten der Gemeinde die (Söhne der) Kehathiten nach ihren Geschlechtern und nach ihren Familien von 30 Jahren an und darüber bis zu 50 Jahren, alle, die zum Dienst tauglich waren, so daß sie Verwendung bei den Verrichtungen am Offenbarungszelt finden konnten. Und es belief sich die Zahl derer, welche aus ihnen nach ihren Geschlechtern gemustert wurden, auf 2750. So viele waren die (= dies war die Zahl der) aus den Geschlechtern der Kehathiten Gemusterten, alle, welche Dienste am Offenbarungszelte zu leisten hatten und welche Mose und Aaron nach dem durch Mose übermittelten Befehl des Herrn gemustert hatten."

Aus diesen Versen können wir sehen, daß die Zählung der Nachkommen Kehaths 2 750 Männer im Alter von 30 bis 50 Jahren ergab. Wir stellen uns noch einmal die Frage: Wenn Kehath über seinen Sohn Amram der Großvater Moses oder über seine Schwester Jochebed der Onkel Moses war, wo kommen dann für den 81-jährigen Mose 2 750 Vettern her? Aus den Geschlechtern und Familien der Gersoniten waren 2 630 Männer im Alter von 30 bis 50 Jahren gemustert (4. Mose 4, 38-41). Von Merari, dem dritten Bruder der Jochebed, wurden 3 200 Männer in diesem diensttauglichen Alter gezählt (4. Mose 4, Verse 42-45).

Aus dieser Untersuchung ergibt sich, daß in den Geschlechtsregistern nur die wichtigsten Glieder zur Anführung gelangt sind. Unter den Begriffen Sohn und Tochter ist nicht immer die unmittelbare Nachkommenschaft zu verstehen (Jesus war der Sohn Davids). Mitunter hört man auch die Erklärung für die zahlreiche Nachkommenschaft den Hinweis, daß mit den Israeliten viel Mischvolk ausgezogen ist. Die Leviten wurden von Gott an Stelle der Erstgeburt Israels als Eigentum angenommen. Wir lesen darüber 4. Mose 3, 11-13 (n. Elberfeld):

"Und Jehova redete zu Mose und sprach: Und ich, siehe, ich habe die Leviten aus der Mitte der Kinder Israel genommen, anstatt aller Erstgeburt, welche die Mutter bricht unter den Kindern Israel; und die Leviten sollen mir gehören. Denn mein ist alle Erstgeburt: an dem Tage, da ich alle Erstgeburt im Lande Ägypten schlug, habe ich mir alle Erstgeburt in Israel geheiligt vom Menschen bis zum Vieh, mir sollen sie gehören, mir, Jehova."

Es ist doch ein Ding der Unmöglichkeit, daß Mose unserem himmlischen Vater einige Männer zweifelhafter Abstammung ausgemustert haben könnte.

Wir sehen nach einer sorgfältigen Überprüfung der Vermehrungsverhältnisse, daß für die Wohnzeit der Kinder Israel in Ägypten 430 Jahre berechnet werden müssen.

Als Bestätigung sei noch angeführt, was in 1. Mose 15, Vers 13, geschrieben steht: "Gewißlich sollst du wissen, daß dein Same ein Fremdling sein wird in einem Lande, das nicht das ihre ist; und sie werden ihnen dienen, und sie werden sie bedrücken 400 Jahre."

Wir möchten auch noch auf ein Zitat in der Predigt des Stephanus aufmerksam machen. Wir finden sie in Apg. 7 Verse 6-7: "Gott aber sprach also: Sein Name wird ein Fremdling sein in fremdem Lande, und man wird ihn knechten und mißhandeln 400 Jahre. Und die Nation, welcher sie dienen werden, werde ich richten, sprach Gott,
und danach werden sie ausziehen und mir dienen an diesem Orte."

Wenn wir also sehen, daß Israel 430 Jahre in Ägypten gewohnt hat, so bedeutet das, daß in Wirklichkeit die Menschheit schon 215 Jahre älter ist, als in der Chronologie angegeben. Das würde aber bedeuten, wenn die Chronologie Pastor Russels richtig wäre, daß nicht 1874, sondern 1659 die 6000 Jahre um waren. Würde aber jemand auf die Chronologie in dem angeführten Buche fußen, dann wären auch die 6000 Jahre nicht 1975, sondern 1760 um gewesen. Daraus ist aber klar zu ersehen, daß sich Gott nicht an Tausendjahrtage hält, sondern daß dies nur Fehlschlüsse der Menschen sind. So brauchen wir uns auch nicht zu wundern, daß die chronologischen Berechnungen immer zu Enttäuschungen führten und auch in Zukunft immer führen müssen. Im Gegenteil, es wird sich erfüllen, was unser Herr Jesus in Matth. 24, Vers 42, sagt:
"Wachet also, denn ihr wisset nicht, zu welcher Stunde euer Herr kommt."

Wir verstehen sehr wohl nach den Enttäuschungen der vergangenen Jahrzehnte, daß sich die Wachtturmgesellschaft wiederum einer chronologischen Angabe bedient, um ihre Anhänger bis zum Jahre 1975 durch diese trügerische Hoffnung zu höchster Leistung anzuspornen. Aber auch dieses Jahr wird vorübergehen, ohne daß sich die darauf gesetzten Hoffnungen erfüllen werden. Alle Menschen tun uns leid, die sich durch solche ungerechtfertigten Machenschaften zu dein intensiven Dienst der Wachtturm-Gesellschaft verführen lassen.

Wir bitten jeden Leser, diesen Gegenstand aufs sorgfältigste nachzuprüfen, um vor dieser bewußten Irreführung bewahrt zu bleiben.
A. F. O., Dresden

Zwölf Jahre meines Lebens
von Gerhard Peters (4. Teil)
Zum Schluß des 3. Teiles:
Eines Sonntags nachmittags hatte Gerhard Peters zum ersten Mal vor dem Brüderkomitee der Versammlung Hamborn gestanden. Es erhob Anklage gegen ihn, er würde seine Frau daran hindern, in den Felddienst zu gehen - faktisch eine Gottesdienstbehinderung, eine der schwersten Anklagen unter Zeugen Jehovas.

In Wahrheit hatte er aber nur von seiner Frau gefordert, nicht mehr mit dem Bruder Sylvi in den Felddienst zu gehen, sondern mit einer Schwester. Ihr Felddienst mit einem anderen verheirateten Mann, diesem Sylvi, hatte zu unsittlichen Nachreden in der Siedlung geführt. In Entstellung des Sachverhalts hatten seine Frau und seine Schwiegermutter vor dem Komitee behauptet, er würde seine Frau am Felddienst hindern.
Das Komitee verhängte zwar keine Sanktionen - glaubte ihm aber im Grunde genommen nicht . . .

Die Organisation gegen gesundes soziales Denken
Meine berufliche Tätigkeit und Weiterbildung erwies sich immer mehr als Gegensatz zu den ständig steigenden Forderungen der Organisation nach mehr Dienst. Schon das Brüderkomitee hatte keinerlei Verständnis für meine beruflichen Belastungen gehabt. Sie hatten meine beruflichen Interessen nicht verurteilt, aber es war doch zu merken, wie mich meine geringeren Felddienstleistungen als die meiner Frau in ihren Augen unglaubwürdig machten. Weniger Felddienststunden zugunsten weltlicher oder beruflicher Arbeit ist kein gutes Zeugnis vor einem solchen Komitee.

Ich wurde dann auch bald entsprechend belehrt. Vor allem mein Studium zur beruflichen Weiterbildung paßte der Organisation nicht, und ein Bruder versuchte, mich sogar eines Tages davon zu überzeugen, daß ich besser diese Weiterbildung aufgeben sollte. Auch er sei durch das Studium zur beruflichen Weiterbildung nicht zurecht gekommen. Um mehr und unbelasteter in den Felddienst gehen zu können, habe er das Studium dann aufgegeben. Auch von der Versammlung ging dieser Einfluß aus. Es wurden laufend Demonstrationen gemacht, die dieses Thema zum Inhalt hatten.

Ich kann mich noch sehr gut an ein junges Ehepaar erinnern, das zu jener Zeit auf einem Kongreß eine Demonstration durchführte, und in der sie zum Ausdruck brachten, daß sie beide noch vor verhältnismäßig kurzer Zeit Studenten waren, und daß sie beide sehr wenig Zeit zum Felddienst aufbringen konnten. Sie seien damals sehr unglücklich gewesen, weil sie laufend Kompromisse zwischen den weltlichen Dingen und der Wahrheit schließen mußten. Inbrünstige Gebete zu Jehova hätten ihnen aber die Erkenntnis gebracht, in nur "einem Herrn" dienen kann, und so hätten sie dann kurz entschlossen ihr Studium aufgegeben, um ihre ganze Freizeit in den Dienst der "Wahrheit" stellen zu können. Selbstverständlich brachten sie am Schluß ihrer Demonstration noch zum Ausdruck, daß sie erst jetzt richtig glücklich geworden seien.

Immer wieder stellte ich mir damals die Frage: "Sollst Du nun Dein Studium aufgeben oder nicht?"
Doch ich kannte meine Frau zu gut, um zu wissen, was für Folgen so ein Entschluß für meine Ehe gehabt hätte. Im Grunde genommen konnte ich meine Frau nur mit einer dicken Lohntüte beeindrucken, und ich wußte darum auch zu genau, was geschehen würde, wenn ihre Träume von der schönen Dienstwohnung, dem großen Gehalt und dem Dienstmädchen nicht in Erfüllung gehen würden.

Vier Jahre Schule hatte ich bereits hinter mir, und es galt jetzt, nur noch ein Jahr durchzuhalten, um mit allem fertig zu sein, und so entschloß ich mich dann doch, meine berufliche Ausbildung zum Abschluß zu bringen. Alles sollte sich aber als ein großer Selbstbetrug offenbaren.

Ich begriff damals noch nicht, daß die Forderungen der Organisation nach möglichst geringster weltlicher Arbeit als ein Hauptgrundsatz für Christen in der Welt eine sozialpolitisch verantwortungslose Sache sind. Wo würden zum Beispiel Wirtschaft und Industrie hingeraten, wenn sich keiner mehr weiterbildet, nur um Jehova zu dienen? Darüber denkt bloß keiner nach. Ich natürlich damals auch noch nicht, und die Herren in New York und Wiesbaden täten gut daran, einmal darüber nachzudenken, was wohl für ein Chaos auf der Welt herrschen würde, wenn alle Christen ihre Ratschläge befolgen würden.

Wieder und wieder: Kein Geist Gottes - alles nur menschlich, allzu menschlich .
Es muß erst eine ganze Menge passieren, bevor man wirklich kritisch und nachdenklich wird. Wir war ich doch gutgläubig und arglos - sehr, sehr lange, ungeachtet vieler Vorkommnisse. Zwölf Jahre lang wehrte ich mich gegen die letzte Konsequenz, um sie dann doch schmerzlich und bitter zu ziehen.
Trotz aller guten Vorsätze und Versuche meinerseits wurde mein Eheleben nicht besser. Ich blieb auch weiterhin nur der "Geldverdiener".

Eines Tages brachte mein Schwiegervater das 131. Gesetz für sich durch, und das heißt, er erreichte seine Rehabilitierung als Beamter der Nazizeit. Gleichzeitig erreichte er dadurch einen Lohnausgleich für all die Nachkriegsjahre (neun Jahre), und er kam auch gleich wieder im Amt und Würden mit Dienstwohnung und allem Komfort.

Ich war natürlich nun nicht mehr standesgemäß. Früher als er noch in der DDR wohnte - als ehemaliger Beamter hatte er für körperliche Arbeit zwei linke Hände - da war ich in der Familie mit meinen beruflichen Aussichten eine gute Partie -, doch jetzt war ich nur noch ein "billiger Kumpel". Besonders meine Frau gebrauchte diesen Ausdruck nun immer häufiger.

Bei jeder sich bietenden Gelegenheit wurde mir nun mein Schwiegervater als Vorbild hingestellt, was der alles in seinem Leben schon geleistet hat, und welches Ansehen er bereits wieder erlangt hat usw.

Wenn ich dann versuchte, ihnen klarzumachen, wie hoch die Verantwortung ist, die ein Steiger zu tragen hat, dann erntete ich nur spöttische Bemerkungen: "Was ist denn schon so ein Steiger? Im Grunde genommen ist er doch auch nur ein dreckiger Kumpel, der nur deswegen diesen Beruf ergriffen hat, weil er zu etwas anderem nicht taugt." Was mir jetzt fast täglich geboten wurde, war in wahrstem Sinne des Wortes Hochmut, Dünkel und Dummheit in höchster Potenz, und das alles unter Zeugen Jehovas, muß man wissen.

Als nun meine Schwiegereltern ihre neue Wohnung bezogen hatten, war auf einmal meine Frau kaum noch zu Hause.
An sich hatte ich nichts dagegen, daß sie sich während der drei Tage, die ich in jeder Woche außerhalb arbeiten mußte (zu jener Zeit hatte ich bereits eine Anstellung als Lehrsteiger auf der Zeche Neunkirchen erhalten - 20 km von meinem Wohnsitz entfernt) bei ihren Eltern aufhielt. Womit ich aber nicht einverstanden war - und da wird mir gewiß jeder beipflichten -, war die leere und ausgekühlte Wohnung, die ich oftmals vorfand, wenn ich Mittwochnachmittags nach Hause kam.

Besonders gut kann ich mich noch an so einen Tag erinnern An jenem Tage war es grimmig kalt, und ich war völlig steifgefroren, als ich nach 20 km Fahrt vom Moped stieg, und voller Vorfreude auf die Familie und auf die warme Stube, klingelte ich an der Wohnungstür. Leider ohne Erfolg; denn meine Frau war mal wieder ausgeflogen und hatte nicht daran gedacht, an diesem Tage rechtzeitig nach Hause zu kommen.

Ich war gerade dabei Feuer zu machen, als sie kam. Selbstverständlich war meine Stimmung nicht gerade rosig, und so blieb es auch nicht aus, daß ich ihr einige Vorhaltungen machte wegen der kalten Wohnung und wegen ihrer Gleichgültigkeit mir gegenüber. Aber das war schon wieder zuviel, was ich da gesagt hatte.

"Ich bleibe, so lange es mir paßt, bei meinen Eltern", schrie sie mich daraufhin an, und wenn Du mir noch öfter Vorhaltungen machst, bleibe ich ganz bei meinen Eltern und komme gar nicht wieder." Scheinbar hatte sie nur auf diese Auseinandersetzung gewartet; denn sie hörte mich nicht mehr weiter an, sondern verließ, indem sie die Tür krachend hinter sich zuschmiß die Wohnung.

Kaum eine Stunde später ist sie wieder da, aber diesmal in Begleitung ihres Vaters. Ohne überhaupt zu grüßen, fährt er mich gleich an: "Hör mal, ich erfahre eben gerade von Hannelore, das Du ihr für die Zukunft jeglichen Besuch bei uns untersagt hast?"

"Ich habe ihr das gar nicht untersagt", erwiderte ich, "sondern ich habe ihr nur gesagt, daß sie mittwochs zu Haus sein - soll, wenn; ich heimkomme!" Ich wollte noch einiges hinzufügen; aber dazu ließ es mein Schwiegervater gar nicht mehr kommen, indem er geifernd schrie: "Ich lasse es mir einfach nicht mehr bieten, daß Du meine Tochter wie eine Sklavin behandelst, und ich möchte Dir darum heute mitteilen, daß meine Tochter nichts mehr mit Dir gemein hat. Entscheide Dich also bitte, welches Zimmer Du ab heute bewohnen willst."

Zunächst war ich sprachlos, und ich wußte gar nicht, was ich sagen sollte, so ungeheuerlich war mir diese Eröffnung. Wie vom Donner gerührt stand ich da, und nun fiel es mir plötzlich wie Schuppen von den Augen. Diese Auseinandersetzung war schon lange eingeplant, und man hatte nur noch auf einen günstigen Moment gewartet.

Trotz allem versuchte ich, meinen Schwiegervater auf theokratischer Basis davon zu überzeugen, wie sehr er im Unrecht ist; denn ich konnte es einfach nicht fassen, daß so etwas unter Zeugen Jehovas überhaupt möglich ist. Aber statt einer Antwort winkte er nur hämisch grinsend ab. Scheinbar war er sich damals seiner Sache bereits ganz sicher; denn anders konnte ich mir sein Verhalten nicht erklären.

Schon lange hatte man mich wie einen dummen Jungen behandelt; doch nun platzte mir endgültig der Kragen.
Ich ging also zur Tür - öffnete sie und sagte dann zu meinem Schwiegervater: "Höre nun meine Entscheidung: Hier hat der Maurer für Dich das Loch gelassen, und wenn Du noch einmal unter ähnlichen Umständen meine Wohnung betrittst, dann fliegts Du achtkantig raus!"

Jetzt war es an ihm, wie vom Donner gerührt dazustehen; denn so eine konsequente Reaktion hatte er bei mir nicht erwartet. Das einzige, was er nur noch sagte, war: "Komm, Hannelore, wir haben hier nichts mehr verloren."

Wenig später, als ich mich wieder ein wenig gefangen hatte, wurde mir erst richtig klar, was hier geschehen war. Hier schlug mir von seiten meiner Schwiegereltern eine unüberbrückbare Feindschaft entgegen, und da nützte auch der gemeinsame Glaube nichts. Damals stieg in mir zum ersten Mal die bange Frage auf: "Sollte die Eintracht der Zeugen Jehovas nur eine äußere Tünche sein?"

Ja, die Grundsätze der Bibel waren wirklich gut. Nur in der Organisation der Zeugen Jehovas erlebte ich sie nicht. Vieles fiel mir nun plötzlich auf, worüber ich mich bisher nie Gedanken gemacht hatte. Zum Beispiel hatten sich in der Versammlung schon richtige Cliquen gebildet, sorgsam getrennt voneinander nach Rang und Namen. Und diese Cliquen hatten im Königreichssaal bereits ihre Stammplätze, damit sie nicht mit jemand zusammen sitzen brauchten, der ihnen nicht genehm war. -

Während ich noch dasaß und voller Verzweiflung über alles nachdachte, öffnete sich plötzlich die Tür, und meine Frau war wieder da. Zuerst nahm ich an, sie sei nur wiedergekommen, um etwas zu holen, was sie vergessen hatte; aber sie tat nun so, als ob nichts geschehen war, kochte Essen, deckte den Tisch und sah mich mit treuherzigen Augen an. Sie kannte genau ihre Waffen und wußte sie auch gut einzusetzen.

Ich beruhigte mich damit, daß sie noch jung war - es würde sich gewiß noch alles zum Guten ändern. Sie ist noch zu eigensinnig wie ein ungezogenes Kind. Es wird schon werden. In jenen Tagen habe ich oft an die Ermahnungen in der Bibel gedacht, daß die Liebe geduldig ist, vieles erträgt und verzeiht . . .

Ja, die Grundsätze der Bibel waren wirklich gut. Nur in der Organisation der Zeugen Jehovas erlebte ich sie nicht. Der Studienleiter Sylvi Neumann kam mir in den Sinn. Auch das Brüderkomitee beargwöhnte mich nur. Und dann die Feindschaft in der eigenen Familie, obwohl alle Zeugen Jehovas sind. Ich fürchtete mich förmlich, hierüber nachzudenken. Es sollte noch viele Jahre dauern, bis die Wirklichkeit unter den Zeugen Jehovas meinen guten Glauben an den göttlichen Charakter dieser Organisation vollends zerstörte.

Ich mußte schließlich zu der Erkenntnis kommen, daß in dieser Organisation nur das geschieht, was menschlich möglich ist, im Guten wie im Bösen. Nichts Übernatürliches Das berührt den Gedanken der Überwaltung dieses Werkes durch Gott. Leider sind in dieser Frage die Zeugen Jehovas nicht konsequent. Wieviele schwärmen davon, daß der Herr dieses oder jenes in ihrem Leben bewirkt habe, weil sie es sich irgendwie nicht erklären können Entweder kam es plötzlich wider Erwarten oder auf eine unvorstellbare Weise. Sogleich schiebt man es dem Herrn zu, sofern es positiv war. Aber haben nicht mit dem Tode der urchristlichen Apostel alle übernatürlichen Wirkungen aufgehört? Hat uns nicht auch der Wachtturm so belehrt? ich frage mich also, wie soll da in dieser Organisation etwas vom Herrn, von Gott sein, wenn es keine übernatürlichen Gaben des Geistes mehr gibt? Meine Lebenserfahrungen in der Organisation der Zeugen Jehovas haben mir bewiesen, daß es dort nichts übernatürliches gibt. Ich glaube, bei einer ehrlichen Selbstprüfung kann das jeder auch für sich bestätigen. Was mich betrifft, so schließen meine bitteren und bösen Erlebnisse, die ich weiter schildern werde, jedes Wirken eines Geistes Gottes, wie es nach der Bibel sein müßte, völlig aus. Nicht einmal Bruder Franke, der Zweigdiener in Wiesbaden, fand auch nur eine Minute Zeit, meine Probleme wenigstens anzuhören. Erbarmungslos schritt er über alles hinweg. Wirkliche Diener Gottes können so nicht handeln . . .
Fortsetzung folgt

Interessante Mitteilungen
Leben ist Politik. Was sagt die WTG dazu?
In einer Abhandlung Von der Meisterung des Lebens' (1957) erklärte der Leiter für ökumenische Aktivität und beigeordnete Generalsekretär beim Weltkirchenrat
in Genf, Pfarrer Ernst Lange, unter anderem:
"Zwei Menschen lieben sich und heiraten. Das ist ein Vorgang, der zunächst einmal nur diese beiden Menschen betrifft Und doch geschieht er in einer größeren Gemeinschaft von Menschen, inmitten einer Öffentlichkeit, und darum hat er politische Bedeutung. Das geht die Öffentlichkeit an, denn in irgendeiner Form muß sie die Konsequenzen tragen. Das Ehepaar wird Kinder haben. Diese Kinder müssen gesundheitlich und sozial geschätzt werden, sie müssen eine Schulbildung erhalten, sie werden einen Arbeitsplatz brauchen. Die Öffentlichkeit wird sich für diese Kinder und ihre Eltern also in mannigfacher Hinsicht engagieren müssen. Wenn man den Dingen in Gedanken etwas nachgeht, wird man entdecken, daß das ganz persönliche Ereignis einer Ehe tatsächlich durch tausend, fast unentwirrbare Fäden mit der größeren Gemeinschaft verknüpft ist, in der es stattfindet. Und diese Verknüpfung gibt ihm eine politische Bedeutung. Die Politik hat ihren Ursprung in der Tatsache, daß der Mensch nicht allein leben kann, sondern sich von Anfang an in einer größeren Gemeinschaft vorfindet.'

Was sagt die WTG dazu?
Sie sagt einfach, "in der Welt" mag das schon so sein. Aber Jehovas Zeugen sind ja nicht von dieser Welt".
Welch eine Bibelverdrehung!
Welch eine soziale Verantwortungslosigkeit!
Heiraten Jehovas Zeugen nicht? Bekommen sie keine Kinder, die eine weltliche Schulbildung haben müssen?
Brauchen die Zeugen Jehovas keinen weltlichen Arbeitsplatz Natürlich! So verursachen auch sie Politik, so ist auch ihr Leben Politik!

Sollen sie auf 1975 warten?
Lima (ADN). Eine Agrarreform für das ganze Land hat der Präsident von Peru, Südamerika, angekündigt. In einer "Botschaft an das Volk" erklärte er über den Rundfunk, der Boden solle in Zukunft denjenigen gehören, die ihn bearbeiten. Die Regierung hat die Arbeiter, Studenten, Bauern, Landarbeiter und das ganze Volk aufgerufen, die Pläne der Reaktion zu vereiteln und bei der Entwicklung des Landes zu helfen. Der Minister für Landwirtschaft gab bekannt, daß die Regierung den Bauerngenossenschaften Kredite, Landmaschinen und Dünger zur Verfügung stellen wird. Nach der Verkündigung der Agrarreform hat die Regierung auch den unentgeltlichen Grund- und Mittelschulunterricht eingeführt. Die Maßnahmen wurden von der Bevölkerung mit Begeisterung aufgenommen. (Aus ND vom 26. und 28. 6 1969).

In CV 4 "Großes Neuausrichten auf eine weitere Generation im Gange" und in CV 9 "Harmagedon sollte 1965 geschlagen sein- 1975 Neues WT-Endzeitdatum!" wurde nachgewiesen, daß die WTG schon verschiedene Male - 1914, 1925, 1938, 1945, 1962 und nun 1975 - im Namen Jehovas Harmagedon als einzige Lösung aller sozialen Fragen auf Erden festgesetzt hat. (5. Mose 18:20-22).

Wie soll da eine Regierung oder ein Volk, das unter Hunger, Analphabetentum und Ausbeutung zu leiden hat, die WT-Verkündigung ernst nehmen können? Dennoch konzentriert die WTG ihre Verkündigung zur Zeit in außerordentlichem Maße auf Südamerika. Soll man sich da wundern, wenn die dortigen Regierungen diese unglaubwürdige WT-Verkündigung zurückschlagen?

Aus eingegangenen Briefen
Ein Bruder schreibt unter der Überschrift:
"Aufmunterung durch apokalyptische Trompetenstöße".
Für die Leitung der theokratischen Organisation ist es lebensnotwendig, die apokalyptische Erwartung immer ,wieder zu erhitzen und auf Hochspannung zu bringen. Zahlreich sind die errechneten Endtermine und kurzfristigen Voraussagen. Es ist schon Methode bei der WTG, in inneren und äußeren Krisensituationen der verschiedensten Art immer mit irgendwelchen "aufrüttelnden" Schlagworten hervorzutreten, um aus der Lage herauszukommen und dabei die Organisation erst recht zu vermehren.

Auch 1966 war wieder eine Krisensituation entstanden. Ermüdungserscheinungen waren unübersehbar. Damals hatten 3 449 Verkündiger ihren Dienst aufgegeben. Darum mußte man wieder anfeuernde Botschaften und Losungen haben. So errechnete man das Jahr 1975 als neuen Endtermin Das hat sich bereits rentiert. Die Zugänge stiegen überdurchschnittlich. Die Ausgabe von "Erwachet", in der das Thema: "Was werden die 1970-er Jahre bringen?", behandelt wurde, ist in großer Auflage verbreitet worden Aber insgeheim dürfte die Leitung der WTG schon darüber brüten, wie die sich aus ihren Prophezeiungen herauswinden kann, wenn 1975 nichts passiert . . .

Aus dem Bezirk Erfurt:
Zu dem Artikel in CV: "Die Untergrundorganisation ein gefährlich unkontrollierbarer Apparat" wäre folgendes zu sagen: Von vielen Seiten wird begrüßt, daß man in CV die Mißstände in der Versammlung Eisenach bekanntmachte unter den Brüdern und Schwestern, damit diese wissen, worum es eigentlich geht. Daß daraus für jeden einzelnen der Gruppe Eisenach gefährliche Folgen entstehen können, ist wahrscheinlich noch nicht jedem bewußt. Wenn P. S..., der kurz nach seiner Taufe schon ein hohes Dienstamt erhielt so ist dies biblisch nicht tragbar. Er war ja wenig bekannt und hatte auch nichts Besonderes für die Gruppe getan. Über sein Vorleben stellte man auch keine Nachforschungen an und so kam, was kommen mußte. P. S... wollte wohl seine Agententätigkeit mit einem christlichen Mantel zudecken, um nicht so leicht erkannt zu werden und bei seiner Verhaftung wegen seiner Spionagetätigkeit nach außen den Anschein zu erwecken, als sei er wegen seines Glaubens verhaftet und nicht wegen seiner dreifachen Tätigkeit für die Agentenzentralen Das ist die eine Seite.

Die andere Seite ist die, daß man ihn nach seiner Haftentlassung wieder in ein Dienstamt einsetzte, wo doch einigen von den Brüdern etwas bekannt geworden war, daß S... wegen seiner Spionagetätigkeit verurteilt worden war und nicht wegen seines Glaubens. Dies ist unverantwortlich von den Brüdern, der Versammlung Eisenach zuzumuten, einem Gesetzesbrecher Gefolgschaft zu leisten und seine Belehrungen und Anordnungen zu befolgen: So etwas ist untragbar. Durch solche Elemente kam ja leider das Verbot zustande und die leitenden Brüder fördern das noch, indem sie nach Bekanntwerden solche "Brüder" wieder in ihre Reihen aufnehmen und ihnen sogar noch ein Dienstamt geben. Daß sich hier alle ehrlichen Brüder der Versammlung Eisenach und darüber hinaus auch alle anderen ehrlichen und aufrichtigen Brüder und Schwestern auflehnen, weil es untragbar und nicht zumutbar ist, mit diesem Menschen noch eine Gemeinschaft in einer christlichen Organisation zu pflegen. Alle Eisenacher Brüder und Schwestern sollten laut und öffentlich protestieren, um zu zeigen, daß sie das ablehnen Auch die Eisenacher Brüder und Schwestern wollen ein ruhiges und stilles Leben führen und nicht immer wieder in Gewissenskonflikte gebracht werden von leitenden Brüdern.

Ich schrieb diesen Brief, weil mir einige Eisenacher Brüder bekannt sind, um ihnen dadurch behilflich zu sein, denn sie sind mir als gute und ehrliche Brüder in Erinnerung, die diese Sachen verwerfen und sich davon absondern.
Möchten sie die Schlußfolgerungen ziehen.

A 6014-70 V 7 1 194

ZurIndexseite