Kommentare zu den eingescannten CV-Ausgaben

CV 250
Im Mai 1990, zu diesem Zeitpunkt erschien diese CV-Ausgabe, bestand die DDR zwar noch, indes ihre Tage waren schon im buchstäblichem Sinne gezählt.
Nun muss man ja sehen, dass die CV am Brotkorb der DDR hing. Insofern war ihr Spielraum für etwaige Eskapaden, sicherlich eingegrenzt.
Dennoch muss die Frage gestattet sein, ob man das wirklich als „akzeptablen" Grund für die Wiederholung, nicht ausreichend differenzierender Holzschnittsthesen, die man ja bereits von früher kannte, „akzeptieren" soll.
Man verweist auf ähnliche rückblickende Betrachtungen der CV bis 1950, und will das in dieser Ausgabe für die Zeit bis 1959 fortschreiben.
Da fällt einem als Kommentar dazu nur der eine Satz ein:
Gewogen - und als zu leicht befunden!


CV CHRISTLICHE VERANTWORTUNG

MONATSSCHRIFT DER STUDIENGRUPPE CHRISTLICHE VERANTWORTUNG

NR. 250 GERA MAI 1990

Liebe Brüder und Schwestern!

Nachdem in der CV-Nr. 234 die Geschichte der Zeugen Jehovas in der DDR von 1945 bis 1950 behandelt wurde, möchten wir uns nun den Ereignissen bis 1959 zuwenden. Selbstverständlich können wir keinen Anspruch auf lückenlose Darlegung der Ereignisse im genannten Zeitabschnitt erheben. Trotzdem werden sicher die Widersprüche in der Lehre und dem Handeln der WTG deutlich, die sie nur als ein "Menschenwerk" ausweist.
CV-Studiengruppe

DIE WTG UND IHRE ZEUGEN JEHOVAS IN DER DDR VON 1950 BIS 1959
Nach dem Verbot der Organisation der Zeugen Jehovas in der DDR vom 30. August 1950 trieb die Wachtturmgesellschaft ein doppeltes Spiel.
Einerseits versuchte sie, sich vor der Weltöffentlichkeit als völlig harmlos und unschuldig darzustellen: als eine Organisation mit rein religiösen Zielen, die über jede politische Aktivität erhaben sei. So liest man in dem Traktat "Jehovas Zeugen, Kommunisten oder Christen?";

"Das einzige 'Verbrechen', das diesen unschuldigen Christen zur Last gelegt wird, ist das 'Verbrechen', die frohe Botschaft, daß Gottes Königreich die einzig wahre Hoffnung für die leidende Menschheit ist, zu verkündigen. Indem sie im Gehorsam gegen Jesus Christus dieses lobenswerte Werk durchführen, bewahren sie in allen politischen Angelegenheiten strikte Neutralität." (S. 3)
Doch selbst West-Zeitungen kamen nicht umhin, die politischen Aktivitäten der WTG zu schildern, in einem Artikel, der am 18.9.1950 in der "Stockholm Tidningen" erschien, heißt es:

"Die Prediger der Sekte (der ZJ; Anm. d. CV-Red.) haben nie gezögert, offen zu sagen, was sie vom Kommunistenregime halten. Sie haben die Wahlen in der Ostzone als einen Trug gebrandmarkt und das kommunistische Regime selbst als 'eine satanische Herrschaft' ... Für die Widerstandsbewegung wider das Kommunistenregime in der Ostzone sind sie wegen ihrer kompromisslosen Haltung der Sammelpunkt geworden."

ANDERERSEITS MOBILISIERTE DIE ORGANISATION ZUM KAMPF GEGEN DEN KOMMUNISMUS!
Mit Blick auf die damalige politische Lage in den USA, die von einem beinahe schon "neurotisch" zu bezeichnenden "Kommunistenkomplex" geprägt war (siehe CV-Nr. 234, S. 4,5), biederte sich die Brooklyner ZJ-Führung wiederum den dort herrschenden Kreisen an,
"Die amerikanische Regierung hat schon seit dem Jahre 1919 die Bedrohung durch den Kommunismus wachsam ins Auge gefaßt, und während dieser ganzen Zeit haben ihre offiziellen Nachforschungen bewiesen, daß zwischen Jehovas Zeugen oder der Watch Tower Society und dem gottlosen Kommunismus nicht die geringste Verbindung besteht. Die amerikanische Bundespolizei (FBI), der Kommandant des Marine-Korps und andere Regierungsinstanzen kommen alle zum selben Schluß, daß Jehovas Zeugen mit dem Kommunismus nichts gemein haben. Sie sympathisieren auch nicht mit irgendeiner Form desselben, sei sie nun dunkel- oder hellrot ... Wer in den offiziellen Publikationen der Zeugen Jehovas nachforscht, wird finden, daß sie von den ersten waren, die den Irrtum des Kommunismus erkannten und die Menschen vor dessen Gefahren warnten."
("Jehovas Zeugen, Kommunisten oder Christen?", Seite 3)

Tatsächlich, den "Ruhm", mit als erste in der Welt den Kommunismus bekämpft zu haben, kann die WTG auf ihre Fahnen schreiben. Doch genügte dies ihr in den 1950er Jahren keineswegs. Buchstäblich von Zeitschrift zu Zeitschrift steigerte sie sich in ihren Ausfällen gegen den Kommunismus. Vergleichsweise noch harmlos liest

es sich im WT Nr. 3/51 auf Seite 35:
"KOMMUNISTEN MÖGEN DIE BIBEL HASSEN, DOCH BEWEISEN SIE DADURCH NUR DIE WAHRHEIT IHRER PROPHEZEIUNGEN. IHRE HEFTIGEN ANGRIFFE. AUF JEHOVAS ZEUGEN SIND EIN TEIL DER ERFÜLLUNG DER WORTE JESU AN SEINE NACHFOLGER: 'IHR WERDET VON ALLEN NATIONEN GEHASSTWERDEN UM MEINES NAMENS WILLEN.' (Matth. 24:9) IN IHREM AUSBRUCH WIDER DIESE NACHFOLGER CHRISTI BEWEISEN DIE KOMMUNISTEN, DASS SIE SELBST FUSSTAPFENNACHFOLGER DER NAZI SIND. DIE ROTEN ZÜNDEN DIE FEUER DER VERFOLGUNG WIEDER AN, DIE EINST VON HITLERS HORDEN GESCHORT WURDEN. UND GLEICH DEN NAZI SUCHEN DIE KOMMUNISTEN IHREN TIEFEN HASS GEGEN DAS WAHRE CHRISTENTUM UNTER EINER FLUT VON LÜGEN ZU VERBERGEN."

Wer nun dachte, daß derartige Ausfälle die Ausnahme für eine religiös und neutral sich betitelnde Organisation seien, sah sich bei weitem getäuscht, schon ein Jahr später donnerte es aus Brooklyn;
"DER KOMMUNISMUS WURDE MITTELS VERDERBTER RELIGION UND ERBARMUNGSLOSER POLITIK DURCH SATAN DEN TEUFEL GEZEUGT, GENÄHRT UND ZUR REIFE GEBRACHT. OB DIE GROSSEN RELIGIONEN DER WELT ES GERN HÖREN ODER NICHT. BESONDERS JENE, DIE SICH CHRISTLICH ZU SEIN BEKENNEN, SIND SIE DOCH FÜR DEN KOMMUNISMUS VERANTWORTLICH. ER IST IHR SPRÖSSLING - DIESE CHRISTUSLOSE, GOTTENTEHRENDE UND TEUFLISCHSTE RELIGION VON ALLEN. DA IHR EIGENER SPRÖSSLING. DER NUN AUFSTEHT, .UM SIE ZU VERNICHTEN. WELCHES RETTUNGSSYSTEM SUCHT DENN DER KOMMUNISMUS DER GANZEN ERDE AUFZUZWINGEN : UND DAS VOLK ZU DESSEN SKLAVEN ZU MACHEN? DEN BEFREMDENDEN, UNSINNIGEN WAHN, DASS EINE GOTTLOSE, CHRISTUSLOSE, MATERIALISTISCHE GESELLSCHAFTSORDNUNG, DIE DEN SCHÖPFER UNSERES PLANETEN UND DIE VON IHM FESTGELEGTEN GESETZE ZUR LEITUNG SEINER GESCHÖPFE VÖLLIG AUSSER ACHT LÄSST, DEM VOLKE FRIEDEN, SICHERHEIT UND RETTUNG BRINGEN KÖNNE. GLEICH UNGEZÜGELTEN WILDEN TIEREN ZWINGEN SIE DEM VOLKE HINTER DEM EISERNEN VORHANG IHRE IDEEN UND WILDEN TRÄUME AUF. UND DIE ANDEREN NATIONEN UND VÖLKER DER ERDE HABEN DAMIT ZU KÄMPFEN. HITLER WAR VON EINEM ÄHNLICHEN WAHNSINN BESESSEN." (WT l. 6. 1952)
Sicher kann ein unbefangener Leser nur noch mit dem Kopf schütteln. Wo findet man in solchen Texten noch christliche Demut, geschweige denn christliche Liebe? zwar religiös verbrämt, stehen diese Äußerungen in nichts den Angriffen der "kalten Krieger" im behandelten Zeitabschnitt nach. Im Gegenteil!
Da diese Auffassungen unter dem Deckmantel angeblich biblischer Lehren erfolgten, hatten sie zumindest auf unkritisch denkende, religiös eingestellte Menschen eine große Wirkung. Deshalb kommt man nicht umhin, sich zumindest zwei WTG-Dogmen näher anzuschauen.

DIE WTG-AUFFASSUNG ÜBER RELIGION
Der Begriff "Religion" wurde durch die Wachtturmgesellschaft 1950 auf dem internationalen Kongreß in New York für die ZJ neu definiert und vor allem in dem Buch "Was hat die Religion der Menschheit gebracht" 1951- in englisch (1953 in deutsch) publiziert. Eine Lehre übrigens, die bis heute ihre volle Gültigkeit für die Zeugen Jehovas behielt. Da wir uns damit schon in unserer CV-Nr. 234 auf Seite 7 beschäftigten, hier nur noch die wichtigsten Aussagen zu diesem Thema in Stichpunkten:
a) Differenzierung in wahre und falsche Religion
b) Organisation der ZO die einzig wahre Religion
c) alle anderen Kirchen, Glaubensgemeinschaften usw. gehören zur falschen Religion, die in Harmagedon vernichtet wird
d) Kommunismus - die teuflischste Religion von allen; erhielt direkt von Satan die Macht; wird in Harmagedon natürlich vernichtet

Abgesehen von der eindeutigen antikommunistischen Stellungnahme wird der egozentrische Charakter der WTG deutlich. Gab es doch im Jahre 1950 gerade eine Verkündigerhöchstzahl von 373 430 Zeugen Jehovas (lt. "Jahrbuch der ZJ 1951"), die nach dem Willen Brooklyns eine Chance hatten, ein Harmagedon zu überleben. Der "Rest der Welt" stand (und steht!) in den Augen der leitenden Körperschaft eigentlich unter dem Wert von Tieren, da von diesen sicher nicht alle umkommen werden.

DIE WACHTTURMLEHRE VON DEN 'OBRIGKEITLICHEN GEWALTEN'09
Der Apostel Paulus beschrieb in seinem Brief an die Römer (Kapitel 13:1-7) auch das verhalten eines Christen zur Obrigkeit. Den Grundgedanken (Vers 1,2) zitieren wir aus der Luther-Bibel:
"Jedermann sei Untertan der Obrigkeit, die Gewalt über ihn hat. Denn es ist keine Obrigkeit ohne von Gott; wo aber Obrigkeit ist, die ist von Gott verordnet. Wer sich nun der Obrigkeit widersetzt, der widerstrebt Gottes Ordnung; die aber widerstreben, werden über sich ein Urteil empfangen."

Es ist auch für einen Laien nicht schwer zu erkennen, daß der Begriff "Obrigkeit" mit der Regierung (und ihren Behörden) eines Staates gleichzusetzen ist. somit wird einem Christen geboten, die Regierung anzuerkennen und die von ihr erlassenen Gesetze zu achten, da dies im Einklang mit Gottes Willen ist. Soweit, so gut - nur nicht für die Wachtturmgesellschaft! Zwar hatte sie gerade am 2. August 1950 im Yankee-Stadion von New York auf dem schon erwähnten internationalen Kongreß die "Neue-Welt-Übersetzung der Christlichen-Griechischen Schriften", in englisch herausgegeben und lobte sich selber:

"Seit den Tagen der Urkirche hat das gewöhnliche Volk die Worte Jesu nicht mehr in einer spräche lesen können, die so genau den ursprünglichen Gedanken und Sinn wiedergeben... Für den Rest des Mittwochs war diese epochemachende Freigabe der allgemeine Gesprächsgegenstand des Kongresses. An jenem Abend zeigte F. W. Franz, Vize-Präsident der Watch Tower Society, in einer gelehrten Besprechung des alten Griechisch an Hand manch praktischer Beispiele die Überlegenheit dieser neuen Übersetzung, was Genauigkeit und Ausdrucksweise betrifft." (WT 15. 11. 1950, Seite 349)

Nur hatte die ganze Sache einen Haken. Obgleich die neue "epochemachende" Bibelübersetzung angeblich "so genau den ursprünglichen Gedanken und Sinn" wiedergibt und sie anderen Bibelübersetzungen "überlegen" ist, "was Genauigkeit und Ausdrucksweise betrifft", dauerte es noch ganze 13 Jahre, bis die WTG auch ihre eigene Bibelübersetzung in bezug auf die "Obrigkeitsfrage" verstand. Um die damals gültige Lehre zu veranschaulichen, zitieren wir aus dem Wachtturm vom 15.1.1951, Seite 28,29:

"Sein (Gottes; Anm. D. - CV-Red,) feuriges "Gericht wird in ihrer gänzlichen Vernichtung in der Schlacht von Harmagedon an ihnen (den Nationen; Anm. d. CV-Red.) vollzogen werden. aus diesem besonderen Grunde könnten die weltlichen, politischen Herrscher nicht die 'höheren Obrigkeiten' sein, denen christliche Seelen in allem Untertan sein sollen. Wenn wir uns ihren Ideen im Interesse ihrer weiteren politischen Beherrschung der Erde unterzögen, so würden wir uns selbst mit ihnen wider Jehovas Königreich und seinen Christus stellen. Mit ihnen würden wir dann selbst ein Gericht empfangen .und in Harmagedon mit ihnen Vernichtung erleiden... Die größte gute Tat, die jemand verrichten könnte, ist Dienst für Gott gemäß seinen Geboten und Betätigung als ein Diener seines Wortes, . indem man Zeugnis ablegt für seinen Namen, sein vorhaben und seine universelle Oberhoheit. x Doch in Ländern hinter dem eisernen Vorhang und in sogenannt demokratischen Ländern, wo faschistische Diktatoren und totalitäre Hierarchien die Gewalt innehaben, wird es Jehovas Zeugen verboten, eine solch gute Tat zu tun."

"Jehova Gott hat eine universelle Organisation seiner treuen Geschöpfe im Himmel und auf Erden aufgebaut, und verschiedene Geschöpfe setzt er in Stellungen von besonderer Autorität. Diese vertreten ihn, und aus diesem Grunde sind sie zu respektieren, sie haben sich diese Autorität nicht selbst angemaßt. Sie haben sie .von Gott auf theokratischem Wege erhalten. Wir sollen daher die 'Autorität', das Amt, achten, das der Diener Gottes bekleidet, auch wenn wir persönlich über den Diener im Amt Einwendungen machen möchten. Gott hat die theokratische Organisation der christlichen Versammlung errichtet."

"Ja, man trachte vielmehr nach Gerechtigkeit, Demut und gottgefälliger Hingabe, weil Jehovas autorisierter Herrscher der neuen Welt, Jesus Christus, auf dem Throne ist und inmitten seiner Feinde herrscht. Er ist der Rächer und der Rechtfertiger seiner universellen Oberhoheit... in Harmagedon wird er die politischen Mächte dieser Welt nicht als die 'höheren Obrigkeiten' anerkennen, welche die absolute Gewalt über jede Menschenseele innehätten. Nein, er wird sie vernichten... Dann wird es keinen Cäsar mehr geben, dem etwas zu zahlen ist. Alle Dinge werden Gott gehören und ihm zurückbezahlt werden müssen. 1. Korinther 15:24-28."

Damit stellte die Wachtturmgesellschaft folgende Dogmen auf:
a) als bibelgemäße "Obrigkeiten" verstand man Jehova und Jesus Christus;
b) ZJ-Älteste (damals "Diener" genannt) galten als von Gott eingesetzt und mußten daher von den übrigen ZJ als "sichtbarer Teil der Obrigkeit auf Erden" geachtet werden;
c) Regierungen oder politische Herrscher waren keine "obrigkeitlichen Gewalten";
ZJ brauchten deshalb ihnen auch nicht Untertan zu sein;
d) Regierungen werden in Harmagedon mit denen zusammen, die sich ihnen unterordnen, vernichtet.

Vergleicht man nun die WT-Religionslehre mit der WT-Lehre über die "Obrigkeitlichen Gewalten", erkennt man die schrecklichen Konsequenzen, die diese zusammengenommen für jeden Zeugen Jehovas in den fünfziger Jahren haben mußten. Und dies auch in der DDR, wo bekanntlich ab 1952 ein sozialistischer Weg eingeschlagen wurde. Jeder Zeuge Jehovas mußte demnach

1. streng auf die WTG und ihre Ältestenschaft ausgerichtet sein und deren Anordnungen widerspruchslos ausführen
2. die geltenden staatlichen Gesetze nur soweit befolgen, wie es die WTG und ihre Ältestenschaft zuließen (eine vollständige Unterordnung unter staatliche Gesetze würde Tod in Harmagedon bedeuten!)
3. den Untergang von Staat, Regierung und "Weltmenschen" verkündigen
4. den Kommunismus als "teuflischste aller Religionen" propagieren.

Und das taten dann auch eine Reihe von Zeugen, namentlich ein Großteil jener, die in den Versammlungen als "Diener" eine besondere Verantwortung trugen. Aufgehetzt und fehlgeleitet in ihrem Haß gegen die bestehende Gesellschaftsordnung und die Regierung in der DDR, kannte ihre Wut keine Grenzen, sie waren sich ja des Brooklyner und Wiesbadener Beifalls sicher. Und obendrein meinten sie in ihrer WT-Hörigkeit noch, damit ihren "Obrigkeiten", Jehova und Jesus Christus, wohlzugefallen.

Anmerkung;
Mit "dem "Wachtturm" vom 1. Januar 1963 wurde - als ob es nie anders gewesen wäre - das Gegenteil verkündigt. Ein Wort der Entschuldigung fand die WTG nicht. Bei wem muß sie sich denn auch als „sichtbarer Vertreter Gottes" entschuldigen?l
"Der Ausdruck 'obrigkeitliche Gewalten' bedeutet politische Regierungen oder Gewalten... Gemäß dem, was der Apostel Paulus vor und nach diesen Versen (Römer 13:1,2) schreibt, ist es leicht verständlich, daß er nicht 'Gewalten' innerhalb der 'Versammlung Gottes' meint, sondern außerhalb der Versammlung und dabei die politischen Regierungsgewalten."
An dieser Stelle sei daran erinnert, in welch schwieriger Lage sich unsere Republik in den 1950er Jahren befand. Der "kalte Krieg" gegen die DDR verschärfte sich. Man prophezeite ihr nur eine kurze Lebensdauer. Die "Befreiung der Menschen in der Sowjetzone", wie es bestimmte Kräfte in der BRD nannten, das heißt der Sturz der Arbeiter- und Bauern-Macht, sollte der erste Akt zur Wiederherstellung des untergegangenen deutschen Staates in den Grenzen von 1937 sein, in Brandenburg, Mecklenburg und Sachsen-Anhalt wurden Banden zerschlagen, die zum
Teil bewaffnet waren und sich aus früheren Angehörigen faschistischer Organisationen rekrutierten. In der Landesregierung Sachsen-Anhalt konnte einer Agentengruppe das Handwerk gelegt werden, deren Verbindungen bis in den Landesvorstand der SED reichten. Diese Gruppe hatte im Auftrag von Monopolen der BRD Volkseigentum im Werte von über 100 Millionen Mark in die BRD verschoben. Eine ähnliche Schädlingstätigkeit verrichteten Beauftragte des IG-Farben-Konzerns und des Solvey-Konzerns sowie leitende Angestellte landwirtschaftlicher Handels- und Kreditgenossenschaften in Mecklenburg.

Im Februar 1950 verhängten die westlichen Besatzungsmächte ein Verbot der Stahllieferungen aus der BRD in die DDR. Von einem Tag zum anderen wurden dadurch der Volkswirtschaft der DDR lebenswichtige Ausgangsmaterialien entzogen.
Die Anschläge gegen die Volkswirtschaft der DDR waren von einer hemmungslosen Hetze der bürgerlichen Parteien und sozialdemokratischer Führer in der BRD, westliche Massenmedien und auch einiger Kirchenführer begleitet. Die ideologischen Attacken richteten sich besonders gegen die sozialistische Staatsmacht, die als "totalitär" und undemokratisch verleumdet wurde (vgl. WTG-Literatur jener Zeit). Dieser unvollständige. Abriß verdeutlicht die dramatische Situation, vor der sich die DDR Anfang der fünfziger Jahre gestellt sah, in die Reihen jener Kräfte, die gegen die DDR staatsfeindlich auftraten, ordnete sich auch die WTG ein. Ihre illegal eingeschleuste Literatur vom politischen Inhalt her antikommunistisch, antisozial und wider die DDR gerichtet sowie der umfangreiche Devisenschmuggel zwangen die Behörden, entsprechende Maßnahmen zu ergreifen. Daß eine solch ideologische Beeinflussung in den Köpfen vieler ZJ nicht ohne Wirkung blieb, wird im nächsten Abschnitt bewiesen. Hinzu kam noch eine äußerst merkwürdige konspirative Tätigkeit, die von den staatlichen Organen mit wachsender Besorgnis festgestellt wurde.

VOR DEN SCHRANKEN DES GERICHTS
Vor den Schranken der Gerichte der Deutschen Demokratischen Republik wurde in überaus erschreckender Weise deutlich, welcher Zustand durch die jahrelange Einimpfung pseudoreligiöser und antikommunistischer Lehren in vielen ZJ-Köpfen entstanden war. Entsprechende WT-Gerichtsberichte aus jener Zeit geben einen fast makaberen Einblick in das gängige Denkschema einiger damaliger leitender Zeugen.

"Nachdem Jehovas Zeugen verurteilt sind, drücken sie in ihren Schlußworten oft rückhaltloses Vertrauen und Zuversicht aus, daß ihr gerechter Lauf durch den höchsten Richter aller, durch Jehova Gott, gerechtfertigt werde, zuversichtlich rief einer aus: 'Wir werden euch überleben, gleichwie wir die Nazi überlebten!' Ein anderer Angeklagter warnte: 'Ihr habt mich zu zwölf Jahren verurteilt, Jehova aber wird euch für immer verurteilen!' Unter begeistertem Beifall durch die Zuhörerschaft im Gerichtssaal wies ein anderer Zeuge auf den Titel eines der öffentlichen Vorträge hin, den die Zeugen gehalten hatten, und sagte; 'Das Königreich Gottes ist aufgerichtet, und die gerechte Rache von Harmagedon ist nahe - Frau Staatsanwalt, es ist näher, als Sie denken!' ... Als schließlich am Schluß des Prozesses die Angeklagten weggeführt wurden, nachdem sie ihr Urteil erhalten hatten, das auf viele Jahre, ja bis auf lebenslängliche Gefängnisstrafe lautete, bildeten die Zeugen unter den Zuschauern beim Ausgang Spalier und sangen theokratische Abschiedslieder. 'Es war wie bei einer Kreisversammlung', so tönte es vom Munde aller anwesenden Zeugen.".
(Wachtturm Nr. 17/51, Seite 269,270)

Mit dem zeitlichen Abstand von fast vierzig Jahren wird hier auch die haltlose Endzeitverkündigung der WTG beleuchtet. Zwar diente sie der leitenden Körperschaft kurzzeitig für ein antikommunistisches Märtyrertum; viele der Verurteilten mußten aber später die Unhaltbarkeit solcher Prophezeiungen erkennen.
Nicht zu übersehen sind aber auch die WT-Widersprüche in dieser für einen Zeugen Jehovas damals so bedeutsamen Frage. Behauptet man im WT 3/51 auf Seite 35

"... sucht sie (die Volkspolizei; Anm. d. CV-Red.) nun gründlich überall nach sämtlichen Mitgliedern dieser so starken Widerstand leistenden Sekte, um sie als solche endgültig zu liquidieren. ... und man muß der Möglichkeit ins Auge blicken, daß, solange die Kommunistenregierung an der Macht ist, alle Zeugen Jehovas in Gefängnisse verschwinden werden."

Dies hätte die WTG sicher gern gesehen. Somit war hier wohl der Wunsch Vater des Gedanken. Da muß man im WT Nr. 17/51 auf Seite 270 aber zugeben:
"Während eines Prozesses in Ch. wurde der Gerichtssaal massenweise mit Jehovas Zeugen überflutet." Oder:
"Unterdessen bildeten die Brüder von E. und Umgebung, die vor dem Gerichtsgebäude und auf den Treppen und in Gängen, auch im Gerichtssaal, waren, Sprechchöre." Von etwaigen Verhaftungen konnte selbst der sensationshungrige "Wachtturm" nichts berichten.

An diesen Zitaten kann man deutlich erkennen, daß es der WTG in dieser für ihre Anhänger so problematischen Situation nur darauf ankam, die Stimmung weiter anzuheizen. Sowohl die DDR-Behörden wie auch die Zeugen Jehovas sollten zum Äußersten getrieben werden. Vor keiner Verleumdung schreckte der "Wachtturm" zurück:

"UNTER DIESEM SYSTEM BRAUCHEN RICHTER UND STAATSANWÄLTE NICHT FACHJURISTEN ZU SEIN. IN DER TAT, DIE MEISTEN VON IHNEN SIND NICHTS WEITER ALS FANATISCHE MITGLIEDER DER KOMMUNISTISCHEN PARTEI. SELBST DIE WENIGEN BERUFSANWÄLTE, DIE IMMER NOCH PRAKTIZIEREN, STEHEN UNTER EINER SOLCH STRENGEN KONTROLLE DES SSD (Staats-Sicherheits-Dienst; Anm. d. CV-Red.), DASS IHNEN IHRE PATENTE ZU IRGENDEINER ZEIT WEGGENOMMEN WERDEN KÖNNEN, WENN SIE DEN VORSCHRIFTEN DER PARTEI NICHT NACHKOMMEN." (Wachtturm Nr. 17/51, Seite 269) Ebenso frech wurde auf S. 270 behauptet:

"Auch gibt es gegen diese Urteile tatsächlich keine gerechte, wirkliche Berufung, sondern nur eine formelle Überprüfung durch ein weiteres politisch beherrschtes und von Dämonen Inspiriertes Gericht. Doch was soll man hinsichtlich Gerechtigkeit unter einer gottlosen Totalherrschaft erwarten?"
Beklagte die WTG hier noch provokant das angebliche Fehlen einer "gerechten, wirklichen Berufung", zeigt sie ein paar Zeilen weiter selber, daß es ihr in ihrem Wahn, Märtyrer zu schaffen, darauf gar nicht ankam.

"Als der Schauprozeß in E. stattfand und die Brüder alle zu vielen Jahren Zuchthaus verurteilt waren, wurde ihnen noch gesagt, sie dürften Berufung einlegen. Da stand der erste Bruder auf, und alle schlossen sich an. Er sagte: Auf Berufung verzichten wir; wir brauchen keine Gnade von Menschen; wir erwarten unsere Gnade von dem höchsten Richter, auf dessen Urteil wir uns heute schon freuen."

Welch grenzenloser Fanatismus wird in diesen Äußerungen deutlich! Der WTG vollends hörig, nutzte sie ihren Einfluß auf ihre Anhänger auf grausame Weise aus. Nicht nur, daß die Brooklyner leitende Körperschaft ihren Haß gegen den Kommunismus in die Köpfe der Zeugen einhämmerte und sie in Widerspruch zu staatlichen Gesetzen zwang. Gleichzeitig wurden die ZJ nach dem Motto "Bist du nicht willig, dann brauch ich Gewalt" in die vorgeschriebenen WTG-Bahnen gezwungen. Und das liest sich dann so:

"Unheil wird über die kommen, die den Weg Jehovas kennen, sich am Tisch des Herrn ernährt haben und dann die Schulter widerspenstig zurückziehen. Ihre Verantwortung ist groß, denn sie sind der Organisation Gottes gegenüber nicht loyal und führen andere in die Illoyalität, hinein." (Wachtturm Nr. 22/52, Seite 345)

Und des "Unheil" wird dann auch im WT Nr. 21/51, Seite 335 näher definiert:

"Für willentliches Sündigen, wobei Jemand mit offenen Augen die unleugbare Wirksamkeit des heiligen Geistes oder der wirksamen Kraft Gottes sieht, gibt es keine Vergebung, und wir sollten nicht für die Vergebung der Sünden solcher Sünder beten."

Mit nicht weniger als dem "zweiten Tod", d. h., der ewigen Vernichtung, wird dem ZJ gedroht, der sich nicht streng der WTG-Richtlinie unterordnet. Damit aber nicht genug. Das ganze Ausmaß brutaler Unterdrückungsmethoden wird auf Seite 103 des Wachtturms Nr. 7/52 deutlich:

"Wenn Harmagedon losbricht, werden alle minderjährigen Kinder, die nicht unter einer solchen 'Familienverdienst'-Vorkehrung stehen, Vernichtung erleiden, ohne die Hoffnung einer Auferstehung zu haben." (Vgl. auch WT Nr. 13/51, Seite 207.) Mit anderen Worten: Kinder von "ungläubigen" Eltern (geschweige denn von jenen, die der WT-Organisation den Rücken kehrten) werden in Harmagedon vernichtet. Ein zusätzliches Druckmittel, um einen Zeugen Jehovas "bei der Stange zu halten"!

DEN BRÜDERN EINEN „BÄRENDIENST" ERWIESEN
im Jahre 1951 wurden von der WTG die Kongresse "Reine Anbetung" veranstaltet. Neben dem deutschen Austragungsort in Frankfurt/Main hatte das an Bedeutung gewinnende "Ostbüro" in Westberlin wiederum "in aller Stille" einen eintägigen Kongreß im "Waldbühnen"-Stadion organisiert.
"In bezug auf die Tagung in Berlin war von der Gesellschaft aus keine öffentliche Ankündigung ergangen, um die kommunistische Volkspolizei nicht vorher davon zu benachrichtigen, und so unsere Brüder in der Ostzone in Gefahr zu bringen. Eingeladen waren natürlich nur die Brüder und Berliner Freunde. Dennoch ließ die amerikanische Radiostation RIAS in Berlin an jenem Dienstagmorgen eine Ankündigung ergehen, wodurch die ganze Ostzone ebenfalls unterrichtet war, daß Jehovas Zeugen in der Waldbühne eine Versammlung abhalten würden. Auf jeden Fall ein Zeugnis!" (Wachtturm Nr. 7/52, Seite 110)

Man stelle sich diese Falschheit einmal vor: Da wurde von der WTG im geheimen ein Kongreß organisiert und DDR-ZJ eingeladen, obgleich man wußte, daß jene bei ihrer Rückkehr mit rechtlichen Konsequenzen in der DDR zu rechnen hatten. Kaum wären die Zeugen Jehovas aber in Westberlin, ließ die WTG durch den "RIAS"-Sender diese Tatsache ausplaudern und schickte dadurch die eigenen "Brüder" und "Schwestern" ins "Feuer". Der Zweigdiener Erich Frost mit seinem Vortrag "Furchtlos bleiben bis zum vollendeten Ende" hatte gut lachen. Flog er doch danach ins sein trautes Bethel-Heim nach Wiesbaden zurück und brauchte sich nicht den DDR-Behörden gegenüber verantworten.
Auf diesem Kongreß gab man die Erweiterung des Wiesbadener Zweigbüros bekannt. Durch die zusätzliche Bereitstellung einer Druckpresse wurde ab 8.1.1953 dort auch der "Erwachet!" in. deutsch gedruckt.

GELD UND ZAHLEN MÜSSEN STIMMEN
In jenen Jahren bahnte sich eine Tendenz an, die die WTG sehr beunruhigte. Das "Jahrbuch der Zeugen Jehovas 1974" gibt darüber Auskunft:

"Es wurde auch eine andere Änderung offenbar. Die Zahl der aktiven Versammlungsverkündiger wuchs weiterhin von Jahr zu Jahr, aber die Zahl der Vollzeitprediger der guten Botschaft hielt nicht schritt, im Gegenteil, 1955 gab es 200 Pioniere weniger als 1950, während es 21.641 Verkündiger mehr gab, fast zweimal soviel wie 1950. Der Tiefstand in dieser Entwicklung wurde 1956 erreicht; während 1950,4,4 Prozent aller Verkündiger im Vollzeitdienst standen, waren es jetzt nur noch 1,6 Prozent." (Seite 234)

Und wo lagen die Ursachen?
Darüber schweigt die WTG. Müßte sie hier doch die Auswirkungen ihrer unchristlichen
Endzeitprophetie eingestehen. Denn in der 1938 erschienenen WTG-Broschüre "Schau den
Tatsachen ins Auge" ist zu lesen:
"Jonadabe, die jetzt (1938! Anm. d. CV-Red.) ans Heiraten denken, würden, wie es scheinen will, besser tun, einige wenige Jahre zu warten, bis der feurige Sturm Harmagedons vorüber ist, ..." Harmagedon wurde demnach in der Zeitspanne 1939/45 erwartet.

Einen Zeugen Jehovas hatte man zur Geduld erzogen, somit wartete er auch noch ein paar Jahre länger. Aber selbst Anfang der fünfziger Jahre ließ sich ein Harmagedon noch nicht einmal erahnen. Sollte er sich da den wirtschaftlichen und sozialen Risiken eines Vollzeitpredigtdienstes aussetzen?
Natürlich konnte die leitende Körperschaft eine solche Einstellung nicht dulden. Hielten doch gerade die Vollzeitverkündiger (einschließlich der Sonderpioniere) die meisten Heimbibelstudien ab, woraus sich der so dringend benötigte Nachwuchs für die WTG rekrutierte.

BEISPIEL AUS "INFORMATOR" MÄRZ 1955
Monatlicher Felddienstbericht Januar 1955 Quote für Westdeutschland

Nachbesuche Heimbibelstudien (Durchschnitt)

 Sonderpioniere        61,9           5,2

Pioniere                    39,5          3,8

Versammlungsverkündiger

                                4,0            0,4

Also begann die WTG, die Zügel straffer zu halten.

Die erste Maßnahme leitete sie am 1. September 1953 ein. Man begann mit einem großen "Von-Haus-zu-Haus-Schulungsprogramm", welches jeden Versammlungsverkündiger betraf. Des weiteren wurde jeder Kreisdiener verpflichtet, nach einem regulären Arbeitsplan monatlich mindestens 100 Stunden „Im Dienst von Haus zu Haus, Nachbesuche-und Studientätigkeit inbegriffen", tätig zu sein. Ebenso sollten Bezirksdiener zwei Wochen im Jahr jeden ihrer Kreisdiener begleiten, um deren "Grad der Tüchtigkeit" zu erfahren. ("Jehovas Zeugen in Gottes Vorhaben", Seite 271)

Fortan wurde den Verkündigerzahlen eine besondere Aufmerksamkeit geschenkt. Nachdem im Dezember 1954 der Versuch, eine um 10 % höhere Verkündigerzahl zu erreichen, scheiterte, ging die WTG aufs Ganze. Großartig kündigte WTG-Präsident Knorr im "Informator" (März 1955) eine neue Broschüre an, die weltweit ab dem 3. April verteilt werden sollte. Die Schrift "Christenheit oder Christentum - was ist 'das Licht der Welt'?" legte den schon bekannten Standpunkt Brooklyns zu diesem Thema dar. Es ging dem Präsidenten auch nicht so sehr um den Inhalt der Broschüre; vor allem sollte eine 20prozentige Höchstzahl an Verkündigern dabei herausspringen. Zitate aus dem "Informator":

"Sämtliche 50 912 Verkündiger (der BRD und Westberlin; Anm. d. CV-Red.), von denen in den - Versammlungskarteien eine Karte vorhanden ist, werden nicht nur ermuntert, im April am Zeugnisgeben teilzunehmen, sondern es wird ihnen auch besonders Hilfe geboten. Verkündiger, die bis zum 10. April noch keinen Bericht haben, erhalten im Einklang mit dem unter der Rubrik 'Eure Dienstversammlung' gesagten Hilfe ... Und woher werden die zusätzlichen Verkündiger kommen? Nun aus den Tausenden von Menschen guten Willens in den über 23.500 verschiedenen Wohnungen, in denen Heimbibelstudien durchgeführt werden!"

Es ging einzig und allein darum, das WTG-Werk weiter anzukurbeln und dabei neue Vollzeitpioniere zu werben. Den Blick richtete man besonders auf die noch "Interessierten"; kannten sie doch das 1939/45-Dilemma aus eigener Anschauung nicht mehr. Das Buch "Jehovas Zeugen in Gottes Vorhaben" auf Seite 273 bestätigt das hier Geschriebene.

"Tausende Neuinteressierte halfen zum erstenmal bei der Verbreitung mit. Demzufolge ergab sich während des Monats April eine neue Höchstzahl von 625.256 Königreichsverkündigern." (Weltweit; Anm. d. CV-Redaktion.)
Keineswegs vergaß man zu erwähnen, daß die Broschüre auch in der DDR verbreitet wurde. - Am Rande dazu noch folgender interessanter Aspekt:

Die Kosten einer Broschüre lagen lt. "Informator" bei 2 Pfennig. - Und weiter:
"... aber in jeder Wohnung geben wir diese neue Broschüre ab, wobei ein freiwilliger Beitrag, seien es 20 Pf oder auch nur 5 Pf, entgegengenommen werden kann." Und die "uneigennützige Großzügigkeit" der Wachtturm-Gesellschaft spricht dann im nächsten Satz:

"Wenn uns ein Wohnungsinhaber verspricht, die Broschüre zu lesen und sagt, wir dürften wieder vorbeikommen, können wir sie ihm sogar kostenlos überlassen."
Nun möge man mal nachrechnen. 21 Millionen Exemplare wurden gedruckt a 2 Pf = 42 Millionen Pfennig oder 420 000 Mark Druckkosten.

Nehmen wir großzügig an, daß an 6 Millionen Interessenten die Publikationen verschenkt und die 'restlichen 15 Millionen für nur 5 Pfennig verkauft wurden. Dann ergibt dies trotzdem noch einen Verkaufserlös von 750 000 Mark.
Damit war - so ganz nebenbei - die WTG um 330 000 Mark reicher. (1955) Den ZJ aber gaukelte sie im "Informator" vor:
"Jehova liebt den Armen und Bedürftigen ebenso wie wir."

STRAFFE ORGANISATION SORGT FÜR UNTERORDNUNG
Mit Wirkung vom 1. September 1955 erhielt das Westberliner "Ostbüro" den Status eines Zweigbüros (Jahrbuch der ZJ 1974, Seite 228). Damit war es unmittelbar für die Anleitung der Zeugen Jehovas in der DDR und den sozialistischen, osteuropäischen Staaten verantwortlich. Auch der illegale Literaturvertrieb und der berüchtigte Devisenschmuggel wurden über dieses Büro abgewickelt. Gleichzeitig sah sich Präsident Knorr gezwungen, sowohl Erich Frost als BRD-Zweigdiener wie auch, Ernst Wauer als Ostbüroleiter abzusetzen. Während Konrad Franke neuer Chef in Wiesbaden wurde, setzte Brooklyn den Deutsch-Amerikaner Will Charles Pohl als Zweigdiener in Westberlin ein.

Um auch die Zweigbüros einer strengeren Kontrolle zu unterziehen, wurde von Brooklyn 1956 die Erde in zehn Zonen unterteilt, die von Zonenaufsehern "betreut" wurden (WT 15. Juni 1956. Seite 360). Im selben Jahr nahm man auch eine Neuorganisierung des illegalen Apparates in der DDR vor.

"Danach wurden die bisherigen Bezeichnungen der Dienstämter der Zeugen Jehovas, wie Gruppendiener und Hilfsgruppendiener, aufgehoben und durch Tarnbezeichnungen ersetzt.
Gleichzeitig erfolgte eine Zusammenfassung in Ortsgebieten, denen Ortsgebietsdiener vorgesetzt wurden. Die Versammlungen erhielten neue Schlüsselnummern, unter denen sie Berichte und lnformationen zu liefern hatten. Auch die monatliche Berichterstattung wurde nach einem neuen Verschlüsselungssystem vorgenommen". (Die Zeugen Jehovas; Eine. Dokumententation über die WTG, Seite 267)

AB MITTE DER FÜNFZIGER JAHRE
IST EINE ZUNEHMENDE "GEISTIGE MILITARISIERUNG". IN DER WTG-LEHRE NACHWEISBAR

So reichte es dem "treuen und klugen Knecht" nicht mehr, einen ZJ "nur", als "Christen" zu bezeichnen. Nein, plötzlich war er ein "Kämpfer", ein "Soldat".

"Dann wird Jehova durch seinen Feldmarschall Christus Jesus zum Rachevollzug schreiten ..."
"Ja, die Kriegsausrüstung, ferner Kenntnis vom Feinde, dann Kraft und Mut vorzurücken - das alles hat Jehova uns in seiner Weisheit gegeben. Doch müssen wir unseren Teil tun. Gleichwie Drill und Training jeder buchstäblichen Schlacht vorausgehen, so verhält es sich auch beim geistigen Kampf."

"Im Heere darf ein Soldat nicht nach eigenem Kopfe handeln. Er bedarf der Hilfe anderer, was Material und Unterstützung im Kampfe betrifft. Er blickt zu seinen Offizieren auf, um Führung und Anweisungen zu erhalten. Ebenso arbeiten Christen heute auf organisierte Weise zusammen. Sie erkennen die Führung an, die Gott durch seine sichtbare Organisation und durch die von ihm eingesetzten Diener gibt ..."

"Kein Heer zieht in die Schlacht, ohne zuerst den Feind beobachtet und seine Schwächen ermittelt zu haben ... Daher tun wir gut, den Aufbau und die Verfahrensweise der Organisation Satans zu untersuchen."
Die WTG kennt nun in ihrem "Kriegswahn" keine Grenzen mehr.

"Wenn ein Soldat zu den Waffen gerufen wird, läßt er alles andere liegen und folgt dem Rufe. Ebenso gilt dies für den christlichen Kriegszug, selbst auf Familienbande wird nicht zuerst Rücksicht genommen, wenn der Anwerbungsruf ertönt, „Folge mir ...".
(WT 15.8.1956, Seite 504, 497, 499, 503). Ja, was bedeuten der WTG schon Familienbande, wenn es um ihren Vollzeitpredigtdienst geht ... Wie heuchlerisch, wenn im WT vom 1. April 1959 behauptet wird:
"Es ist eine Organisation (die WTG; Anm. d. CV-Red.) ..., frei von der Furcht vor irgendeiner grimmigen Bestialität unter ihren Gliedern.". (Seite 211) WTG-Pioniere werden zu Helden gemacht; schäme sich ein jeder, der diesen Dienst nicht aufnimmt.

"Diese Vollzeitarbeiter stehen in diesem geistigen Kriegszuge tatsächlich in den Frontreihen der Kämpfer und ertragen oft die volle Wucht des Angriffes, während sie den Kampf in neue Gebiete vortragen." (Wachtturm 15.8.1956, Seite 503) Gleichzeitig mit der "geistigen Mobilmachung", wurde auf dem Kongreß „Triumphierendes Königreich" (1955) mit dem Vortrag "Vorsichtig wie Schlangen inmitten von Wölfen" eine unchristliche "theokratische Kriegslist" kreiert. Unterm strich wurden die ZJ aufgefordert, im Interesse des WTG-Werkes den Staat bzw. dessen Behörden zu belügen und betrügen.

"In Kriegszeiten ist es angebracht, den wölfischen Feind auf falsche Fährte zu lenken."

"Es ist angebracht, die Vorkehrungen, die wir für das uns von Gott aufgetragenen Werk treffen, zu verdecken, wenn die wölfischen Feinde falsche Schlußfolgerungen aus unseren Überlistungsmanövern ziehen, wird ihnen doch durch die harmlosen Schafe, die in ihren Beweggründen so arglos wie Tauben sind, kein Leid angetan.". (Wachtturm 15.4.1956, Seite 241, 256). Nun, ganz überzeugt davon, daß "Überlistungsmanöver", so harmlos wären, waren die Schreiber des WT offensichtlich selber nicht. Denn sie beeilten sich zu erklären, daß natürlich diese Verfahrensweise innerhalb der WT-Organisation nicht angewandt werden dürfte.

"Wir wollen lauter und wahrhaftig sein gegenüber seinem Geist, indem wir ihn nie durch ein falsches, heuchlerisches Benehmen innerhalb seiner Organisation auf die Probe stellen, sondern uns durch ihn vor allen seinen Schafen zu einem der Wahrheit geziemenden Betragen antreiben lassen.", (Seite 250)

Somit verstand sich auch ein Zeuge Jehovas in der DDR als ein "Soldat," der bedingungslos zu seinen "Ältesten-Offizieren", aufblickte und auf ihren "Befehl", hin Staat, Regierung und Partei verleumden und betrügen mußte.
Ein Soldat für Jehova, welche Ehre! Gewissermaßen half jeder Zeuge Jehovas mit, den göttlichen Vorsatz in die Tat umzusetzen. Kann es da noch ein edleres Ziel geben?

"Deine Sicherheit und deine ganze Zukunft wie auch diejenige deiner Angehörigen hängt davon ab, daß ihr jetzt die Bibel studiert, euch mit der theokratischen Gesellschaft der Zeugen Jehovas verbindet, euch eurem Schöpfer, Jehova Gott, hingebt und für ihn Zeugnis ablegt". ("Siehe! Ich mache alle Dinge neu", 1959)

DAS NEUTRALITÄTS-VERSTÄNDNIS DER WTG
An dieser Stelle sei daran erinnert, daß sich die Angriffe der WTG nicht nur auf die DDR beschränkten, Ziel ihres Kampfes war der Kommunismus. - So wurde im Wachtturm vom 15.4.1957 eine Petition an den Ministerpräsidenten der UdSSR, Nikolai Bulganin, veröffentlicht, die der vom 10.7.1950 an die Regierung der DDR erinnert.

Von besonderem Interesse aber das dazugehörige Begleitschreiben der WT-Organisation, welches die von der Wachtturm Bibel- und Traktat-Gesellschaft so oft beteuerte politische Neutralität ab absurdum führt.

AMNESTIE FÜR JEHOVAS ZEUGEN
Auf der 28. Tagung des Zentralkomitees der SED (27. bis 29. Juli 1956) wurde bekanntgegeben, daß frühere Urteile, Entscheidungen und Maßnahmen nochmals nachgeprüft wurden. "VON DEN JUSTIZORGANEN WURDEN DIE BISHERIGEN ANORDNUNGEN ÜBER DAS STRAFMASS KORRIGIERT UND EINE HERABSETZUNG DER STRAFMASSE ANGEORDNET!"
In diesem Zuge wurden auch die Urteile mit z. T. langjährigem Freiheitsentzug für Zeugen-Jehovas bedeutend gemildert oder sogar ausgesetzt.

In den Jahren 1945 bis 1947 sammelten sich in der damaligen sowjetischen Besatzungszone etwa 800 ehemalige Mitglieder der Zeugen Jehovas, die mit dem Kurs des damaligen US-amerikanischen Leitens der Organisation nicht mehr übereinstimmten in ca. 40 örtlichen Gemeinden. Diese Kreise schlossen sich unter dem Vorsitz des ehemaligen ZJ-Zweigdieners Paul Balzereit sen. in Magdeburg zur "Allgemeinen Bibel-Lehrvereinigung" zusammen, d. sich als ein Teil der internationalen Opposition gegen die ZJ verstand, sie fielen in der DDR 1950 unter das gerichtlich verfügte ZJ-Verbot und wurden erst 1957/58 als bis dahin einzige organisierte Abspaltung von den ZJ unter dem Namen "Vereinigung freistehender Christen", (VfC) wieder zugelassen. Die Lehrauffassungen der VfC beinhalten ausschließlich Ideen des ZJ-Gründers Russell. Örtliche Gemeinden bestehen in Dresden, Karl-Marx-Stadt und Leipzig. Von 1957 bis 1963 wurde von ihnen die Druckschrift "Nachdenkliches aus Leben und Christentum" herausgegeben, zur Zeit der Wiederaufnahme der Tätigkeit der VfC in den Jahren 1957/58 kam es zur Abspaltung einer größeren Gruppe, zunächst in der Gemeinde Dresden unter Alfred Diener, sie dehnte sich auf weitere Orte aus und konstituierte sich als "Bund Freier Christengemeinden" (BfC). Ursache für die Trennung von der VfC waren Differenzen in der Bewertung Russellscher Lehren. Die Anhänger Dieners sahen in dem verbindlichen Festhalten am Erbe des ZJ-Gründers, wie es von der VfC praktiziert wurde, eine Einschränkung ihres Glaubenslebens. - Gemeinden gibt es in Dresden, Karl-Marx-Stadt und Leipzig. Eine wichtige Funktion für den Zusammenhalt der Gemeinden bildete in den 60er Jahren die von der Dresdener Gemeinde herausgegebene Zeitschrift "Unser Glaube - Schrift zur Verbreitung biblischer Erkenntnisse".

Später nahm diese Funktion die durch die Leipziger Gemeinde herausgegebene Zeitschrift "Weggefährte", wahr.
Im Juli 1959 wendete sich Willy Müller mit einem OFFENEN BRIEF an die Wachtturmgesellschaft. Der sollte gleichzeitig die Geburtsstunde der Studiengruppe und Zeitschrift "Christliche Verantwortung" sein. Setzte sich Bruder Müller in seinem ersten Brief an die WTG noch "für eine reine Anbetung innerhalb der Neuen-Welt-Gesellschaft der Zeugen Jehovas" ein, mußte er bald die Illusion eines solchen Vorhabens erkennen. CV entwickelte sich zu einem "MENETEKEL" für die Wachtturmgesellschaft. Vielen Zeugen Jehovas wurden dadurch die Augen geöffnet.

VON DEM EINEN GELIEBT, VOM ANDEREN GEHASST - STUDIENGRUPPE UND ZEITSCHRIFT CV WERDEN IHRE ARBEIT FORTSETZEN.
CV-Studiengruppe, G.R./1990

"Christliche Verantwortung": Herausgeber Henry Werner; DDR 6500 Gera; Straße der Republik 46; Tel.: 51109; Jahresabonnement: 2.— M; Versand auch kostenlos Konto-Nr.: 4564-30-1952; Genossenschaftskasse für Handel und Gewerbe Gera

V 7 1 /823/90 N2

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