Bereits im Jahre 1991 lag als sogenannte "graue Literatur" eine deutsche Übersetzung der Schrift von Jerry Bergman "Jehovas Zeugen und die Bluttransfusionen" vor. Übersetzt von Marc W. Smith und über Walter Krappatsch von der Selbsthilfegruppe "Artikel 4" erhältlich. Jetzt gibt es auch eine Online-Version dieses Textes auf der Webseite "Glaubensstimme". Offenbar nochmals unabhängig von der vorgenannten Printausgabe, neu übersetzt. Unter Ausmerzung einiger erkannter Schwächen, nachstehend auch hier dieser Onlinetext.
Jerry Bergman Bluttransfusionen
Dr. Jerry Bergman:
"Jehovas Zeugen und Bluttransfusionen"
Einer der auffallendsten Glaubenssätze der Zeugen Jehovas ist ihre strikte Ablehnung von Bluttransfusionen. Wegen dieser Ansicht gibt es gegenwärtig eine stärkere Opposition gegen sie als zu irgendeiner anderen Zeit; davon ausgenommen ist lediglich die Zeit des 2. Weltkrieges, als viele Zeugen inhaftiert wurden, weil sie es ablehnten, zum Militär zu gehen und die amerikanische Flagge zu grüssen.
In dem Buch Aid to Bible Understanding fasst die Wachtturmgesellschaft ihre gegenwärtige Position zum Essen von Blut zusammen (S. 584) (1):
"Gott verfügte unter Androhung der Todesstrafe, dass sein Volk, bevor es das Fleisch eines Tieres aß, sein Blut auf den Boden strömen lassen und es mit Staub bedecken musste, vorsichtig darauf bedacht, das Blut nicht zu essen (5. Mo. 12:23-25; 3. Mo. 7:27). Die leitende Körperschaft der frühen Christenversammlung hat dieses Verbot wieder eingesetzt, indem sie das Essen von erwürgten oder nicht ausgebluteten Tieren verbot."
Das Verbot von Bluttransfusionen ist mehr als nur ein übertriebener und unpopulärer Glaube. Gegner werfen den Zeugen vor, dass ihre Enthaltsamkeit zu Mord führen könne. Die Medien beleuchten Fälle, in denen kleine Kinder in der Gefahr stehen, sterben zu müssen, da ihre Eltern die Erlaubnis für die lebenrettende Transfusion verweigern. Es ist nicht bekannt, wieviele Personen jährlich deshalb sterben, weil sie eine benötigte Bluttransfusion verweigern. Aber wenn es auch nur eine einzige Person wäre, sollten mitfühlende Menschen daran interessiert sein, die Glaubensüberzeugung hinter einer solchen Tragödie zu verstehen. Es ist nicht das Ziel dieser Schrift, die dieses Thema betreffenden medizinischen Argumente zu diskutieren. Vielmehr sollen die biblischen "Beweise", die die Wachtturmgesellschaft anführt, um ihren Standpunkt zu verteidigen, untersucht werden. Da es ihrer Lehre entspricht, dass das mosaische Gesetz für Christen heute keine Anwendung hat, werden wir uns auf diejenigen Verse konzentrieren, die von der Wachtturmgesellschaft angeführt werden und nicht zum mosaischen Gesetz gehören. In dem Buch Gottes "ewiger Vorsatz" jetzt zum Wohl des Menschen glorreich verwirklicht sagt die Gesellschaft auf der Seite 158, dass der alte "Gesetzesbund verschwunden war. Er war aufgehoben worden, da ihn Gott selbst gewissermassen an den Stamm genagelt hatte, an dem Jesus Christus am Passahtag als Fluch für die Nation Israel gehangen hatte." Übrig bleiben 1. Mose 9:4 und Apostelgeschichte 15:20,29, die einzigen Verse ausserhalb des mosaischen Gesetzes, welche angeführt werden könnten, um Bluttransfusionen zu verurteilen.
1. Mose 9:4
Beim aufmerksamen Lesen von 1. Mose 9:4 wird deutlich, dass der hebräische Text nicht das Essen von Blut verbietet, wie es der Wachtturm lehrt, sondern das Essen von Fleisch, welches Blut enthält. Fast alle Übersetzungen von 1. Mose 9:4 (einschliesslich der Neuen Welt Übersetzung) geben diesen Text in ähnlichen Worten wie die King James Version wieder: "Aber Fleisch mit seinem Leben (noch in ihm), welches sein Blut ist, sollst du nicht essen." Oder, wie es die Anchor Bible sagt: "Nur Fleisch, welches noch sein Lebensblut in sich hat, sollst du nicht essen." Eine Fussnote übersetzt diese Verse wörtlich mit "dessen Blut noch in dem Lebewesen ist". Die nach Ansicht einiger derzeit genaueste Bibelübersetzung, die New International Version, sagt: "Aber du darfst kein Fleisch essen, welches sein Lebensblut noch in sich hat."
Mit anderen Worten: Das Essen von Blut war nicht ausdrücklicher verboten als das Essen von Fleisch. Es wurde vielmehr das Essen einer bestimmten Art von Fleisch sowie das Essen einer bestimmten Art von Blut verboten. Es war nur Fleisch in Verbindung mit Blut, oder Fleisch, das Blut enthält, verboten. Wenn jemand, ausgehend von 1. Mose 9:4, schlussfolgert, dass es falsch ist, Blut zu essen, dann muss er ebenfalls schlussfolgern, dass es falsch ist, Fleisch zu essen. Das würde jedoch 1. Mose 9:3 widersprechen, wo dem Menschen die Erlaubnis gegeben wird, Fleisch zu essen. Da in diesem Text das Wort "Blut" das Wort "Fleisch" einschränkt, kann man diesen Vers nicht verwenden, um zu zeigen, dass das Essen von Blut als solches verboten ist.
Das hebräische Wort "basar" bedeutet "Fleisch" oder "Kadaver" bzw. bezeichnet in weiterem Sinne eine Person. Demnach sagt 1. Mose 9:4 noch nicht einmal, dass Fleisch, welches Blut enthält, verboten ist, sondern Fleisch oder "Kadaver", welche Blut enthalten, sind verboten. Falls der Schreiber sich nur auf das Fleisch hätte beziehen wollen, dann hätte er das hebräische Wort "mazown" verwendet, welches normalerweise Nahrung oder Fleisch bedeutet. In diesem Vers sind die Worte "Blut" und "Seele" synonym. Die Aussage ist, dass man zwar Tierkadaver essen darf, aber nur solche, welche ihre Seele oder ihr Leben nicht mehr in sich haben.
Bruce Waltke schrieb mir 1976 folgendes:
"Ich hoffe, dass meine Betrachtung von 1. Mose 9:4 hilft. Tat sächlich ist die grammatische Konstruktion ziemlich eindeutig. Der hebräische Text sagt wörtlich: "Nur Fleisch mit seinem Leben, seinem Blut, darfst du nicht essen.
Wie Sie richtig annehmen, ist "Fleisch" auf solches Fleisch beschränkt, welches sein Leben (nephesch) enthält. Grammatisch gesprochen wird das Wort "Fleisch" eingeschränkt durch den adjektivischen Ausdruck "mit seinem Leben".
Das Wort "Leben" ist nun näher bestimmt durch "sein Blut"; d. h., dass die Worte "Blut" und "Leben" gleichgesetzt werden. In diesem Fall wird die Einschränkung oder nähere Bestimmung durch eine Apposition angezeigt. Das heisst, "Blut" (dam) ist eine Beifügung zu "Leben" (nephesch)."
Aus der Betrachtung von 1. Mose 9:4 geht hervor, dass Gott dem Menschen zwar die Erlaubnis gegeben hat, Fleisch von Tieren zu essen, nur musste das meiste von dem Blut des Tieres ausgelaufen sein, um sicherzustellen, dass das Tier tot war, bevor es gegessen wurde. 1. Mose 9:5 wiederholt die Tatsache, dass der Mensch keine lebenden Tiere essen durfte, aus Respekt vor dem Leben. Aber wenn das Tier tot war, wurde die Heiligkeit des Lebens nicht entweiht, da das Tier kein Leben in sich hatte. Tausende von Jahren hindurch aßen die Menschen Tiere, während diese noch am Leben waren dieser Vers ist also dazu bestimmt, diese Grausamkeit zu verhindern (2). In heidnischen Kulturen dachte man, dass die "Kampeslust" lebendig gegessener Tiere sich auf die essende Person übertragen würde. Auch könnten andere Eigenschaften des Tieres, wie Stärke, Kraft und Weisheit gleichzeitig über tragen werden, so meinte man.
Dieses Verständnis des Verbotes aus 1. Mose 9:4 war die ganze Geschichte hindurch sowohl den Juden, als auch den Christen zu eigen. Man beachte die Worte Martin Luthers (Vol. One, The Complete Works of Martin Luther):
"In diesem Vers nun verbietet der Herr das Essen eines Körpers, welcher noch eine funktionierende, wirkende und lebende Seele innehat, in der Art, wie ein Falke Küken und ein Wolf Schafe verschlingt, welche nicht erst getötet worden sind, sondern lebendig sind. Diese grausame Handlung verbietet der Herr in diesem Vers und Er schränkt die Erlaubnis zu töten ein. Es darf nicht in der unmenschlichen Art durchgeführt werden, bei der lebende Körper oder Teile lebender Körper verzehrt werden; sondern eine gesetzmässige Weise des Tötens muss befolgt werden, welche an dem Altar und bei den Opfern stattfand, wo das Tier ohne jede Grausamkeit getötet wurde und zu guter letzt Gott dargebracht wurde, nachdem sein Blut sorgfältig weggewaschen worden war.
Dies halte ich für die einfache und wahre Bedeutung, welche auch einige jüdische Lehrer unterstützen, dass wir nämlich keine Stücke von rohem Fleisch und Körperteilen, die noch zucken, essen dürfen, was die Praxis der Lästrygonen oder der Zyklopen war."
Die Absicht von 1. Mose 9:4
Aufgrund der grammatischen Konstruktion im Hebräischen kann nichts anderes mit 1. Mose 9:4 gemeint sein, als es auch die Neue Welt Übersetzung sagt: "Nur Fleisch mit seiner Seele seinem Blut sollt ihr nicht essen."
Wir haben gezeigt, dass 1. Mose 9:4 höchstwahrscheinlich lehrt, dass der Mensch kein Blut essen soll, während es noch im Fleisch ist, weil Gott barmherzigerweise sicherstellen möchte, dass das Tier tot ist, bevor es gegessen wird. Mit welcher Absicht hat Gott diese Einschränkung gemacht? Offenbar nicht, um die Gesundheit der Menschen zu schützen, da nicht gesagt wird, dass es ungesund sei, das Fleisch eines Tieres zu essen, während es noch lebendig ist. Die Erklärung des Wachtturms, dass der Text einen Schutz vor künftigen gefährlichen Transfusionen darstelle, ist nicht zulässig, weil obwohl es Missbräuche gegeben hat, deren Ergebnisse unerwünschte Nebeneffekte waren die Medizin im grossen und ganzen in der Lage ist, durch vernünftigen Gebrauch von Bluttransfusionen die Gesundheit eines Menschen wesentlich zu verbessern. Noch einmal: Die Absicht des Gesetzes kann nur sein, die Ehrfurcht und den Respekt vor dem Leben von Mensch und Tier sicherzustellen, da es von Gott kommt und durch ihn aufrechterhalten wird.
Eine wörtliche Interpretation von 1. Mose 9:4 ist wegen des offensichtlichen Symbolismus und der bildlichen Sprache des Kontextes nicht möglich. Zum Beispiel sagt 1. Mose 9:5, "Euer Blut, das eurer Seelen, werde ich zurückfordern." Fordert Gott uns hier wörtlich dazu auf, unser Blut einzupacken und es ihm zurückzugeben? Natürlich nicht. Der Text sagt aus, dass Gott uns unser Leben unter bestimmten Bedingungen nehmen mag, wobei das Wort "Blut" in diesem Zusammenhang synonym mit "Leben" ist.
Wenn man nun in 1. Mose 9:4 ebenfalls das Wort "Blut" als gleich bedeutend mit dem Wort "Leben" ansieht, könnte man diesen Vers auch wie folgt übersetzen: "Nur Fleisch, welches noch Leben in sich hat, darfst du nicht essen." 1. Mose 9:6 definiert "Blut" genauso: "Wer Menschenblut vergiesst, dessen eigenes Blut wird durch Menschen vergossen werden, ". Dies bedeutet offenbar nicht, dass, wenn jemand bei einem anderen eine Blutung verursacht, er ebenfalls bluten muss! Es bedeutet vielmehr: Wenn jemand einem anderen das Leben nimmt, ist die Bestrafung, die Gott fordert, dass der Mörder sein Leben ebenfalls einbüssen muss "derjenige, der einem anderen das Leben nimmt, muss sein eigenes Leben lassen." Das "Blutvergiessen" bezieht sich offen sichtlich auf das "Töten", genauso wie das Wort "Blut" in Vers 4 sich auf das "Leben" des Tieres bezieht.
Der Standpunkt der Juden gegenüber Bluttransfusionen
Sogar die Juden, die noch heute an dem Kanon des hebräischen Alten Testaments festhalten, sehen Bluttransfusionen als mit ihren strengen jüdischen Gesetzen vereinbar an. Sie haben das Verbot des Essens von Blut niemals auf Transfusionen angewendet, und dies, obwohl einige orthodoxe Juden das mosaische Gesetz in schon übertriebener Weise beachten.
Gemäss der modernen Interpretation der Juden verbietet das jüdische Gesetz in erster Linie das Essen von Blut derjenigen Tiere, die normalerweise für die Opfer genommen wurden. Aus diesem Grund war es niemals Brauch bei den Juden, das Blut von Tieren wie Insekten, Fischen und vielen anderen auslaufen zu lassen, obwohl sie Blut enthalten. Es gibt kein Gesetz, dass einem Juden verbietet, das Blut von bestimmten Tieren wie z.B. Fischen usw. zu essen, da diese nach dem jüdischen Gesetz niemals zu Opferzwecken verwendet wurden. Es gibt kein Zeugnis in den Schriften oder in der Geschichte, welches anzeigt, dass das Blut oder die Körper bzw. Gewebsflüssigkeit von Fischen oder Insekten nicht gegessen werden durfte. Sogar die Wachtturmgesellschaft hat niemals verboten, das Blut von Insekten, Fischen, Bakterien, Molusken, etc., zu essen, obwohl sie lehrt, dass das Verbot von Blut auch Vögel betrifft (siehe Hilfe zum Verständnis der Bibel, S. 1527). Auch gebietet die Bibel nirgendwo, das Blut oder die Sauerstoff transportierende Substanz von Fischen oder Insekten auslaufen zu lassen. In Matthäus 3:4 heisst es, dass Johannes der Täufer Heuschrecken aß. Kurz gesagt verbot das jüdische Gesetz nicht das Essen jeglichen Blutes, sondern nur des Blutes bestimmter Tiere.
Die Juden selber unterscheiden zwischen dem Gesetz, welches ausschliesslich ihnen gegeben wurde, und dem Gesetz des Noah, welches sowohl den Heiden (Nichtjuden) als auch den Juden gegeben wurde. Es wird das Gesetz des Noah genannt und umfasst all diejenigen an Noah gerichteten Bestimmungen, die Anwendung auf alle Menschen finden. 1. Mose 9:4 wird von den Juden als ein "Verbot, ein abgerissenes Körperglied eines lebenden Tieres oder Vogel zu essen", interpretiert. Wenn dieses Gesetz, obwohl der Zusammenhang diese Interpretation nicht eindeutig erfordert, nicht nur auf die Juden Anwendung finden würde, wäre es Teil des Bundes, welcher Noah für alle Menschen gegeben wurde.
Der Wachtturm lehrt, dass sich 1. Mose 9:4 auf ein Verbot des Essens von Blut bezieht und auf alle Menschen, Juden und Heiden, Anwendung findet. 5. Mose 14:21 sagt jedoch, dass ein Israelit den Kadaver eines nicht ausgebluteten Tieres an einen Heiden verkaufen durfte. Dies scheint der Wachtturm-Interpretation von 1. Mose 9:4 zu widersprechen. Sowohl die Schrift als auch die jüdische Geschichte zeigen, dass es für einen Heiden nicht verkehrt war, Blut zu essen, welches sich in einem erwürgten Tier befindet (siehe 5. Mose 14:21), dass es aber für einen Juden falsch war, dies zu tun. Demnach kann sich aber 1. Mose 9:4 nicht auf das Essen von Blut beziehen, sondern nur auf das Essen lebendiger Tiere. Der Wachtturm vom 15. Januar 1965, S. 43, sagt in Übereinstimmung mit der Interpretation, dass ein Heide Blut essen darf, dass es dem Gewissen eines Arztes, der ein Zeuge ist, überlassen sei, zu entscheiden, ob er einem Nichtzeugen eine Bluttransfusion verabreichen dürfe. Die Wachtturmgesellschaft hat immer gelehrt, dass die Israeliten Tierkadaver an Nichtjuden verkaufen durften, auch wenn diese nicht richtig ausgeblutet waren, mit der Begründung, dass die Einschränkung bezüglich des Essens von Blut den Israeliten auferlegt war, und von anderen Nationen nicht verlangt wurde, dieser nachzukommen.
Wenn 1. Mose 9:4 das Essen von Blut verbietet, kann das also nicht für Heiden bindend sein. Da es sich hierbei aber wohl um ein Gesetz handelt, welches sich sowohl an Juden als auch an Nichtjuden richtete, muss die Aussage des Textes sein, dass Gott verhindern möchte, dass Juden oder Nichtjuden Tiere essen, die noch am Leben sind, weil er das Leben als heilig ansieht. Es kann sich nicht auf das Essen von Blut schlechthin oder auf Bluttransfusionen beziehen.
Der Wachtturm wendet 1. Mose 9:4 nur auf Gläubige, nicht auf Nichtgläubige an, wegen 5. Mose 14:21
Die Wachtturmgesellschaft wurde direkt befragt, wie ihre Interpretation von 1. Mose 9:4 mit 5. Mose 14:21 in Übereinstimmung zu bringen sei. Diese Frage wurde abgedruckt im Wachtturm vom 1. November 1950, S. 335, und lautet wie folgt:
"Warum gestattete das mosaische Gesetz den Israeliten, dem Fremdling etwas zu geben, das verendet war, auch wenn sie es selbst nicht essen durften?
Eine Ungerechtigkeit war nicht damit verbunden; es war einfach eine Einschränkung, die den Israeliten auferlegt war und die andere Nationen damals nicht beobachteten. Der Grund, weshalb die Israeliten die Sache anders als andere Nationen ansehen mussten, wird in den Worten gezeigt: "Denn ein heiliges Volk bist du Jehova, deinem Gott.""
Wie wir schon gesehen haben, ist das Gesetz aus 1. Mose 9:4 ein universelles Gesetz, welches sich auf jeden bezieht, ob Jude oder Nichtjude. Die Interpretation des Wachtturms ist also nicht vereinbar mit seiner eigenen Aussage, 1. Mose 9:4 sei Bestandteil des Gesetzes Noahs. Der Wachtturm vom 1. November 1951 fügt hinzu:
"Jehovas Zeugen bekämpfen nicht die Verwendung von Transfusionen bei Menschen, sondern lassen jedem das Recht, für sich zu entscheiden, was er seinem Gewissen gemäss tun kann. Die Israeliten fühlten sich an Gottes Gesetz gebunden, das ihnen das Essen von Fleisch mit geronnenem Blut darin verbot, erhoben aber keinerlei Einspruch, wenn Personen ausserhalb der Organisation Gottes es taten, ja lieferten den Fremden unausgeblutetes Aas, da diese sowieso regelmässig solches aßen."
Diese Ansicht wurde im Wachtturm vom 15. August 1957, S. 511, weiterdiskutiert:
"Dennoch sah Jehova als der höchste Gesetzgeber die Israeliten als Klasse für sich an, und so auferlegte er ihnen gewisse Einschränkungen, die nur ihnen galten, und liess sie entsprechen de Vorteile haben, die er anderen nicht zukommen liess. So wurde ihnen nicht gestattet, das zu essen, was von selbst verendet war; "denn ein heiliges Volk bist du Jehova, deinem Gott"."
In derselben Ausgabe des Wachtturm wurde die folgende Frage gestellt:
"Wie ist es wohl zu erklären, dass der vorübergehend Ansässige wohl vielen Gesetzen und Vorschriften Jehovas in gleicher Weise wie die Israeliten gehorchen musste, jedoch irgendein "Aas" essen konnte, während die Israeliten dies nicht tun durften, ferner dass "Aas" einem Fremden verkauft werden durfte, wie es in 5. Mose 14:21 erwähnt wird? Wenn es für die Israeliten unrein war, weshalb nicht auch für den Fremden?"
Die Wachtturmgesellschaft antwortete, dass das Verbot von Blut, oder zumindest des Essens von Blut, welches in Tieren vorhanden war, die eingegangen waren, bzw. in Tieren, die nicht richtig ausgeblutet waren, nur Bestandteil des Gesetzes der Israeliten (mosaisches Gesetz) war und nicht des Gesetzes, welches "den anderen" (Nichtisraeliten) gegeben worden war. Der Text aus 5. Mose 14:21 ist entscheidend für unsere Betrachtung, da er die Wachtturm-Interpretation von 1. Mose 9:4 widerlegt. Wie erwähnt, erkennt die Gesellschaft aufgrund 5. Mose 14:21 an, dass ein Jude einem Nichtjuden nicht richtig ausgeblutetes Fleisch verkaufen durfte. Davon leitet sie dann ab, dass ein Zeuge einem Nichtzeugen Blut geben darf. Im Wachtturm vom 15. Januar 1965, S. 4043, wird 5. Mose 14:21 zitiert und dann gesagt:
"Wenn also ein Christ, der in einem Geschäft arbeitet, das Blutwurst oder andere bluthaltige Artikel führt, weltlichen Kunden, die solche Waren kaufen möchten, diese verkauft, so ist das seine Sache. Ein anderer Christ arbeitet vielleicht in einer Drogerie und verkauft Weltmenschen Präparate, die Blutbestandteile enthalten, oder er streut vielleicht auf Wunsch seines weltlichen Arbeitgebers bluthaltige Düngemittel. Ein Christ darf einen anderen Christen in dieser Beziehung ebensowenig kritisieren, wie ein Israelit einen anderen Israeliten kritisieren durfte, wenn dieser einem Ausländer ein verendetes, nicht richtig ausgeblutetes Tier verkaufte. Manche Ärzte, die Zeugen Jehovas sind, haben bei weltlichen Patienten auf deren Wunsch schon Blutübertragungen vorgenommen. Bei einem Gott hingegebenen Zeugen Jehovas würden sie das jedoch nicht tun. Nach 5. Mose 14:21 bleibt es dem Gewissen des christlichen Arztes überlassen, ob er bei einem weltlichen Patienten eine Blutübertragung vornehmen möchte oder nicht. Er befindet sich in einer ähnlichen Lage wie ein christlicher Fleischer oder Lebensmittelhändler, der sich entscheiden muss, ob er es mit seinem Gewissen vereinbaren kann, weltlichen Kunden Blutwurst zu verkaufen."
Das Hilfe-Buch fügt hinzu: "Bei dem als Fremdling Ansässigen, dem der Körper eines eingegangenen Tieres gegeben werden konnte, handelte es sich offensichtlich um jemanden, der kein vollwertiger Anbeter Jehovas geworden war (5. Mo. 14:21)." (Seite 425, Stichwort: "Fremdling"). Auf der Seite 593 (engl. Ausgabe, Stichwort: "Foreigner") wird hinzugefügt: "In wirtschaftlichen Angelegenheiten war es legal, ein verendetes Tier, welches nicht ausgeblutet war, an einen Ausländer zu verkaufen (5. Mo. 14:21)." Auf der Seite 517 (Stichwort: "Gesetz") wird bemerkt: "Ein verendetes Tier durfte einem unbeschnittenen ansässigen Fremdling oder einem Ausländer gegeben werden, da ein solcher kein Anbeter Jehovas war; sein Gewissen wurde daher nicht verletzt, wenn er davon aß." Zusammengefasst kann man sagen, dass die Wachtturmgesellschaft den Text aus 5. Mose 14:21 konsequent wie folgt interpretiert: Das Verbot Blut zu essen findet keine Anwendung auf Nichtjuden.
Die Seele und das Blut: Inwiefern das Leben im Blut ist
Die Gesellschaft vertritt keine klare Aussage, inwiefern die Seele "im" Blut ist (1. Mose 9:4). Auf der Seite 1341 wird im Hilfe-Buch gesagt (Stichwort: "Seele"):
Die Bibel spricht " davon, dass die néphesch ("Seele") "im Blut" ist (1. Mo. 9:4; 3. Mo. 17:11,14; 5. Mo. 12:23). Dies ist offensichtlich nicht buchstäblich zu verstehen, da die Bibel auch vom "Blut eurer Seelen" spricht (1. Mo. 9:5; vgl. Jeremia 2:34) und die vielen bereits besprochenen Punkte logischerweise nicht ausschliesslich auf das Blut oder seine lebenerhaltenden Eigenschaften angewendet werden können."
Die hauptsächliche Funktion des Blutes ist, Nahrung zu den Zellen des Körpers zu transportieren und Abfallprodukte von ihnen wegzunehmen, die durch den Stoffwechsel der Zellen entstehen. Alle 23 Sekunden bringen ungefähr 5,7 Liter Blut Nährstoffe und Sauerstoff zu jeder Zelle des menschlichen Körpers und transportieren die Abfallprodukte jeder einzelnen Zelle hinweg. Wenn eine Zelle länger als eine Minute kein Blut bekommt, stirbt sie ab. Die häufigste Todesursache bei Mensch und Tier ist das Abschneiden einer bestimmten Anzahl von Körperzellen (insbesondere lebenswichtiger Zellen, wie Gehirnzellen) vom Blutkreislauf über eine bestimmte Zeitspanne.
Könnte sich 1. Mose 9:4, wo gesagt wird, dass das "Leben in dem Blut ist", auf die lebenerhaltenden Eigenschaften des Blutes (Transport von Nährstoffen und Sauerstoff) beziehen? Man beachte, dass nicht gesagt wird, dass das Blut das Leben ist, sondern dass das Leben im Blut ist. Tatsächlich machen Nahrung und Sauerstoff das Leben einer Person aus (siehe den Ausdruck in 1. Mose 2:7: "Odem des Lebens"), und diese sind im Blut. Daher ist nicht das Blut das "Leben", sondern Nährstoffe und Sauerstoff. Dieser Gedanke ist in Übereinstimmung mit dem jüdischen Glauben, dass das Verbot aus 1. Mose 9:4 gegeben wurde, um sicherzustellen, dass jemand, der Fleisch isst, nicht ein lebendiges Tier isst. Die Bedingung, das Blut auslaufen zu lassen, garantiert, dass das Tier tot ist.
Das Tier ausbluten zu lassen, war nahezu die einzige erlaubte Möglichkeit für die Israeliten, ein Tier zu töten. Die meisten Arten des Schlachtens verursachten entweder innere Blutungen oder stoppten bzw. verlangsamten die Blutzirkulation, was eine Gehirnschädigung hervorrief. Asphyxie (= drohende Erstickung infolge Lähmung des Atemzentrums) beispielsweise, eine übliche Tötungsmethode, macht das Blut nutzlos, da es den Transport von Nährstoffen zu den Körperzellen beeinträchtigt. Das Blut zirkuliert, aber es ist kein Sauerstoff im Blut, um die Zellen am Leben zu erhalten.
Das Blutverbot unter dem mosaischen Gesetz wie strikt?
Jehovas Zeugen glauben, dass es falsch ist, jemandem das Leben zu nehmen, und auch, dass es falsch ist, einer Bluttransfusion zuzustimmen. Man verlangt von ihnen, in einer Situation, in der die Ablehnung einer Transfusion den Verlust des Lebens bedeutet, das Verbot von Bluttransfusionen sogar über das Gesetz bezüglich der Heiligkeit des Lebens zu stellen.
In der Broschüre Jehovas Zeugen und die Blutfrage (1977, Wachtturm Bibel und Traktatgesellschaft, Seiten 22-25) fasst die Organisation ihre Position zusammen:
"Verständlicherweise sind einige Personen schockiert darüber, dass jemand Blut verweigert, wenn dies doch gefährlich sein oder sogar tödliche Folgen haben kann. Viele sind der Ansicht, das Leben sei das Wichtigste; es müsse um jeden Preis bewahrt werden. Es stimmt: Die Bewahrung des Lebens ist eine der wichtigsten Auf gaben der Gesellschaft. Doch sollte das bedeuten, dass die "Bewahrung des Lebens" höher steht als alle anderen Grundsätze?"
Danach zitiert die Wachtturmgesellschaft Norman Canto, Juristische Fakultät der Rutgers Universität (New Jersey), der sagte:
"Die Menschenwürde wird dadurch erhöht, dass man den einzelnen für sich entscheiden lässt, für welche Überzeugungen es sich lohnt zu sterben. Im Laufe der Jahrhunderte ist so manche edle Sache, sowohl auf religiösem als auch auf weltlichem Gebiet, eines Selbstopfers für wert erachtet worden. Gewiss halten die meisten Regierungen und Gesellschaften, einschliesslich unserer eigenen, die Heiligkeit des Lebens nicht für den höchsten Wert."
Dann schlussfolgert die Gesellschaft:
"Ist es daher nicht offensichtlich, dass Jehovas Zeugen und die ersten Christen nicht als einzige bereit gewesen sind, um gewisser Ideale willen Gefahren auf sich zu nehmen? Tatsache ist, dass eine solche Grundsatztreue von vielen Personen hochgeachtet wird."
Da der Wachtturm impliziert, dass das "göttliche Verbot" von Bluttransfusionen bindender ist als das Gesetz der Heiligkeit des Lebens, verhalten sich die meisten Zeugen in einer Weise, die den Verlust des Lebens bedeuten kann. Die Zeugen werden argumentieren, dass sie nicht des Selbstmordes oder (im Falle von Eltern, die eine Bluttransfusion für ihre Kinder ablehnen) des Mordes beschuldigt werden können, da der Verlust des Lebens lediglich die Folge des Gehorsams gegenüber dem göttlichen Blutverbot ist. Doch viele Personen in den westlichen Ländern sehen dies als unvernünftig und sehr wohl gleichbedeutend mit Selbstmord oder Mord bzw. Totschlag an.
Die Wachtturmgesellschaft versucht ihren Standpunkt mit 1. Chronika 11:1719 zu verteidigen. In diesen Versen wird davon berichtet, dass drei von Davids Männern ihr Leben riskierten, um David einen Trunk aus der Zisterne von Bethlehem zu bringen. David lehnte diesen Trunk ab, indem er erklärte: "Es ist im Hinblick auf meinen Gott für mich undenkbar, dies zu tun! Sollte ich das Blut dieser Männer trinken, die ihre Seele eingesetzt haben? Denn unter Einsatz ihrer Seele haben sie es gebracht. Und er wollte es nicht trinken." Das Argument der Wachtturmgesellschaft ist, dass das Leben der Menschen für David weniger wichtig war als sein Gehorsam gegenüber dem Verbot, Blut zu essen.
Freilich ist diese Interpretation unter Berücksichtigung des Kontextes nicht einleuchtend. David demonstrierte lediglich das Prinzip, dass das Leben in diesem Fall das Leben seiner Freunde und Soldaten für ihn wichtiger war als sein eigenes Wohlbefinden. David zeigte aufrichtig, dass er diese Art von Opfer (das Riskieren des Lebens) nicht wollte. Der Bericht bezieht sich nicht auf das Essen von Blut oder auf Bluttransfusionen.
Strafen des Judentums für das Essen von Blut
Dass die Behauptung, das Verbot des Blutessens sei wichtiger gewesen als das Verbot zu töten, unrichtig ist, erkennt man, wenn man die Texte des Alten Testaments untersucht, die sich auf beide Gesetze beziehen. Die Israeliten sahen das Essen von Blut nicht als eine schwerwiegende Sünde an, ausser in Verbindung mit Tieren, die für Opferzwecke bestimmt waren. In 1. Samuel 14:31 ff. wird beschrieben, dass die Israeliten nichtausgeblutetes Fleisch einfach deshalb aßen, weil sie müde waren. Obwohl Saul dies auch als falsch ansah, wird in der Schrift nicht berichtet, dass diejenigen, die dieses Fleisch gegessen hatten, in irgend einer Weise bestraft worden seien. Es ist schwierig, den Standpunkt des Wachtturms in Bezug auf Blut zu verstehen, da er sogar noch schärfer ist als der des strengen jüdischen Gesetzes. Im mosaischen Gesetz bestand die Strafe für die Verletzung des Blutverbotes einfach darin, sich zu baden und dann bis zur Nacht zu warten, wodurch man wieder "rein" war. In 3. Mose 17:15 wird diese Strafe aufgeführt: "Was irgendeine Seele betrifft, ob Einheimischer oder ansässiger Fremdling, der einen (bereits) toten Körper oder etwas von einem wilden Tier Zerissenes isst, er soll in diesem Fall seine Kleider waschen und sich im Wasser baden und unrein sein bis zum Abend; und er soll rein sein."
Falls das Essen von Blut ein schwerwiegender und nicht zu vergebender Fehler ist (welcher immerwährende Abschneidung nach sich zieht), wie es die Wachtturmgesellschaft behauptet, warum war dann die Bestrafung von Juden, die Blut aßen, wenn dies nicht in Verbindung mit Opfern geschah, so geringfügig? Wenn die Bestrafung selbst unter dem jüdischen Gesetz so geringfügig war, wie kann dann der Wachtturm eine solch harte Strafe rechtfertigen, wenn doch den Gläubigen gleichzeitig gesagt wird, sie seien befreit von dem Gesetz? Das Argument des Wachtturms, dass sich 3. Mose 17:15 nur auf einen Menschen bezieht, der versehentlich Blut isst, wird durch den Kontext nicht unterstützt. Nichts in dem Kontext unterscheidet zwischen jemand, der das Gesetz versehentlich bricht und jemand, der vorsätzlich dagegen verstösst. Der Vers sagt aus, dass die Bestrafung jeden betrifft, der dieses Gesetz bricht.
Die Wachtturmgesellschaft bezieht sich bei keiner ihrer Betrachtungen von 3. Mose auf das Blutverbot. Dieser Text wird erwähnt im Hilfe-Buch auf den Seiten 525, 1229 und 1341. Doch in keiner dieser Bezugnahmen wird versucht, das obige Argument zu erklären. Die einzigen anderen Erwähnungen von 3. Mose 17:15 sind auf der Seite 142 des Buches Dinge, in denen es unmöglich ist, dass Gott lügt, dem Wachtturm vom 15. Januar 1965 auf der Seite 41 und im Anhang der Grossdruckbibel (engl. Ausgabe; 1963, S. 3555), sowie in der deutschen Bibelausgabe von 1971, S. 1574. In keiner dieser Bezugnahmen werden die Folgen dieses Textes für das Blutverbot erklärt. In den meisten Fällen wird der Vers angeführt, weil daran gezeigt werden kann, wie im Hebräischen das Wort "nephesch" gebraucht wurde.
Sogar unter dem mosaischen Gesetz war es einem Juden unter bestimmten Umständen erlaubt, religiöse Verordnungen zu verletzen, ausgenommen die folgenden drei: die Verbote von Mord, Gotteslästerung und Inzest. Selbst wenn Bluttransfusionen als Essen von Blut interpretiert werden könnten, würde das strenge jüdische Gesetz daher Transfusionen zur Rettung von Leben erlauben. Ethisch gesehen war den Juden das Retten von Leben wichtiger als der Gehorsam gegenüber dem Blutverbot.
Mit dem Verbot von Bluttransfusionen hat die Wachtturmgesellschaft viele Zeugen in ethische und moralische Probleme gestürzt. Zum Beispiel: Was soll man in einem Fall tun, in dem man sich entscheiden muss, entweder ein oder zwei "Gesetze" zu brechen? Die folgende Situationsbeschreibung soll das Problem illustrieren. Bei einer Zeugin wurde Krebs diagnostiziert. Die Behandlung der Krankheit erforderte umfassende chirurgische Eingriffe: eine Ileostomie, eine Kolostomie und eine Hysterektomie. Nachdem die Patientin viele Doktoren, die Zeugen sind, konsultiert hatte, war deutlich geworden, dass diese Eingriffe ohne Transfusionen unmöglich sind. Nun sah sie sich der Entscheidung gegenübergestellt, entweder das Blut und damit die Erhaltung des Lebens zu akzeptieren (ihre Chancen, falls sie die Operation überleben würde, wieder zu gesunden, waren sehr hoch, wie ihr sowohl Doktoren, die Zeugen waren, als auch solche, die keine Zeugen waren, sagten) oder das Blut abzulehnen und sicher zu sterben. Sie war seit einiger Zeit schon in Behandlung bei einem Psychologen, da sie selbstmordgefährdet war und nur geringen Lebenswillen hatte. Sie sah den Tod durch Krebs als einen Weg an, sich ihre Todeswünsche zu erfüllen. Die Ältesten erklärten ihr jedoch, dass sie, falls sie die Transfusion ablehnen würde, um ihren eigenen Tod zu bewirken (mit anderen Worten: Selbstmord begehen würde), nur geringe Chancen hätte, aufzuerstehen. Um Gottes Zorn zu vermeiden, entschied sie sich dann für das Leben. Aber um leben zu können, musste sie eine Bluttransfusion haben, was nach der Lehre der Wachtturmgesellschaft ebenfalls ein Grund ist, für ewig vernichtet zu werden. Sie befand sich in einem Konflikt. Schliesslich akzeptierte sie eine "Eigenbluttransfusion", eine Transfusionsart, von der die Ältesten ihrer Versammlung nicht wussten, dass sie ebenfalls von der Wachtturmgesellschaft verboten war. Diejenigen, die von diesem Verbot wussten, schwiegen, weil sie mit ihr fühlten.
Für die Juden konnte es die Verdammnis bedeuten, wenn sie am Passahfest Sauerteig aßen. Das Essen von Blut war nach dem jüdischen Gesetz ein Vergehen, aber es wurde nicht als so schwer wiegend angesehen, dass es mit ewiger Verdammnis geahndet würde.
Blut als Nahrung
Die Wachtturmgesellschaft verbietet in erster Linie Blut als Nahrungsmittel. Der Wachtturm vom 15. November 1958 sagt auf der Seite 703: "Jedes Mal, da in der Schrift ein Verbot gegen den Blutgenuss erwähnt wird, geschieht es in Verbindung mit dem Genuss des Blutes als Speise, und somit interessieren wir uns für dessen Verbot als Nährstoff." (Siehe auch Wachtturm vom 1. September 1974, S. 541, 542).
Blut, welches für eine Transfusion benutzt wird, wird gewöhnlich aus den Venen des Spenders genommen und enthält daher sehr wenig Sauerstoff oder Nährstoffe. Anstelle dessen enthält es in erster Linie Abfallprodukte wie Kohlendioxid, Harnstoff etc. Durch eine normale Bluttransfusion werden dem Empfänger nur sehr wenige Nährstoffe übertragen, da dies nicht ihr Zweck ist. Vielmehr ist der Sinn einer Transfusion, fehlende Flüssigkeit und Sauerstoff transportierende Bestandteile zu ersetzen, so dass das körpereigene System den Körperzellen durch die transfundierten Flüssigkeiten weiterhin Nährstoffe und Sauerstoff zuführen kann. Daher ist das Wachtturm-Argument gegen Bluttransfusionen als "Essen von Blut", also Nahrungsaufnahme, nicht passend.
Die Wachtturmgesellschaft überlässt die Frage der Injektion bestimmter Blutbestandteile dem Gewissen jedes einzelnen Zeugen. Wenn dies zulässig ist, könnte man dann nicht die wesentlichen Blutflüssigkeiten und Bestandteile separat in den Körper transfundieren? Wann ist Blut "kein Blut zu Nahrungszwecken"? Da Blut in der Hauptsache aus Wasser besteht, ist Wasser dann die Substanz, die wir Blut nennen? Falls die weissen und roten Zellen das Blut sind, wie können sie dann mit Billigung der Wachtturmgesellschaft injiziert werden? Falls es wie offiziell gelehrt wird dem eigenen Gewissen überlassen ist, ob man sich Antikörper und andere Blutderivate injizieren lässt, um Krankheiten zu bekämpfen (Wachtturm, 15. Januar 1962, S. 63), wie kann es dann verkehrt sein, sich rote Blutbestandteile injizieren zu lassen, um Sauerstoff zu den Körperzellen zu transportieren? Wäre es richtig, alle wesentlichen Bestandteile des Blutes zu trennen und diese dann gleichzeitig dem Körper zuzuführen? Falls dies erlaubt ist, ist dann der ganze Prozess nicht lediglich ein bedeutungsloses Ritual? Wenn nämlich die Bestandteile des Blutes dem Körper separat transfundiert werden, erhält er dennoch richtiges Blut, da sie im Körper des Empfängers zusammengeführt werden.
Apostelgeschichte 15:20, 29
Die einzige andere Schriftstelle, die die Wachtturmgesellschaft legitimerweise anführen kann, um ihren Standpunkt zu verteidigen (da sie erklärt, dass Christen nicht dem mosaischen Gesetz unter liegen), ist Apostelgeschichte 15:20, 29. Dieser Text, der die Christen auffordert, sich "frei" von Blut zu halten (3), fordert ebenfalls dazu auf, sich "von Dingen zu enthalten, die Götzen geopfert wurden." Die Wachtturmgesellschaft argumentiert, dass diese Verse ein Rechtsspruch für alle Christen sind, damit sie u.a. nicht Blut in irgendeiner Form zu sich nähmen, auch nicht durch eine Bluttransfusion. Jedoch erkannte sogar Paulus an, dass es Ausnahmen für diese Verordnungen gab (siehe zum Beispiel 1. Korinther 8:4,7,8). In 1. Korinther 10:2530 erklärt er, dass es nicht wichtig ist, woher das Fleisch, welches man zu Nahrungszwecken verwendet, kommt, sondern ob das Essen von Fleisch jemand anderen verletzen würde:
"Alles, was auf dem Fleischmarkt verkauft wird, esst weiterhin, ohne um eures Gewissens willen nachzuforschen; denn Jehova gehört die Erde und das, was sie erfüllt. Wenn euch jemand von den Ungläubigen einlädt und ihr hingehen möchtet, dann esst alles, was euch vorgesetzt wird, ohne um eures Gewissens willen nachzuforschen. Wenn aber jemand zu euch sagen sollte: "Dies ist etwas, was als Opfer dargebracht worden ist", so esst nicht um dessentwillen, der es enthüllt hat, und um des Gewissens willen. "Gewissen", sage ich (und meine) nicht dein eigenes, sondern das des anderen. Denn warum sollte meine Freiheit von dem Gewissen eines anderen gerichtet werden? Wenn ich mit Danksagung teilhabe, warum soll bezüglich dessen, wofür ich Dank sage, über mich lästerlich geredet werden?"
Hier erklärt Paulus den Zweck der Verordnungen aus Apostelgeschichte 15. Diese Dinge wurden nicht wegen des Alten Testaments oder aus religiösen Gründen verboten, sondern um zu demonstrieren, dass sich die Christen von Götzendienst fernhielten. Alle Verbote aus Apostelgeschichte 15 betreffen offensichtlich götzendienerische Praktiken der Heiden. Diese boten die Dienste von Prostituierten in den heidnischen Tempeln an, verwendeten das Blut von Tieren bei bestimmten Ritualen, und selbst das Erwürgen war ein religiöser Ritus. Deshalb gebot das Konzil Enthaltsamkeit "von Dingen , die Götzen geopfert wurden, sowie von Blut und von Erwürgtem und von Hurerei" (Apostelgeschichte 15:29). An solchen Aktivitäten teilzuhaben, hätte bedeutet, sich des Götzendienstes schuldig zu machen.
In der Zeitschrift Erwachet! vom 22. Juni 1976, S. 27, wird deutlich, dass die Wachtturmgesellschaft glaubt, die Verse aus Apostelgeschichte 15 seien dem mosaischen Gesetz zuzuordnen. Wir haben schon erwähnt, dass die Gesellschaft bekräftigt, das mosaische Gesetz sei nicht für die Zeugen bindend. Demnach ist es aber ein Widerspruch, zu sagen, dass Apostelgeschichte 15 für Zeugen bindend ist. Im Erwachet! wird erklärt: "Aber die grundlegende Frage war, ob nichtjüdische Bekehrte das ganze "Gesetz Mose" halten müssten." Der Ausdruck "Mose" wird von den Schreibern des Neuen Testaments gebraucht, um das mosaische Gesetz zu bezeichnen. Dies scheint auch in Apostelgeschichte 15:20, 29 der Fall zu sein. Ein weiteres deutliches Beispiel dafür findet sich in Apostelgeschichte 21:21.
Blut zu Nahrungszwecken nicht verboten
Die frühen Christen verboten das Essen keiner Nahrung. Jesus sagte: "Nicht was in (seinen) Mund hineingeht, verunreinigt einen Menschen; sondern was aus (seinem) Mund herauskommt, das verunreinigt einen Menschen" (Matthäus 15:11). Jesus fügte in den Versen 17 und 18 hinzu:
"Merkt ihr nicht, dass alles, was in den Mund hineingeht, in die Eingeweide wandert und in den Abort ausgeschieden wird? Was dagegen aus dem Mund herauskommt, kommt aus dem Herzen, und dieses verunreinigt einen Menschen."
Jesus sorgte sich also nicht um die Ernährung eines Menschen, sondern um dessen Herzenseinstellung. Paulus bezog sich ausführlich auf dieses Problem in Römer 14. Nachdem er gesagt hatte, dass es falsch für einen Christen sei, in Hurerei, Streit und Eifersucht zu wandeln, wandte er sich denjenigen Dingen zu, die nicht an sich falsch sind, sondern die vom Gewissen jedes einzelnen Gläubigen abhängen:
"Der eine hat den Glauben, alles essen zu können, der Schwache aber isst vegetarische Kost. Der Essende blicke nicht auf den Nichtessenden herab, und der Nichtessende richte den nicht, der isst, denn Gott hat diesen willkommen geheissen. Wer bist du, das du den Hausknecht eines anderen richtest? Warum aber richtest du deinen Bruder? Oder warum blickst du auch auf deinen Bruder hinab? Denn wir werden alle vor dem Richterstuhl Gottes stehen; Darum lasst uns nicht mehr einander richten, sondern vielmehr sei dies eure Entscheidung: dass nichts an sich verunreinigt ist; Denn das Königreich Gottes bedeutet nicht Essen und Trinken, sondern (bedeutet) Gerechtigkeit und Frieden und Freude mit heiligem Geist. Hört auf, das Werk Gottes bloss der Speise wegen niederzureissen. Allerdings sind alle Dinge rein." (Röm. 14).
Da also sowohl Paulus als auch Jesus erklärten, dass alle Nahrung rein sei, scheint es damit unvereinbar, das "Essen" von Blut zu verbieten.
Jemand mag die Ansicht vertreten, in dem Begriff "Nahrungsmittel", den Jesus und Paulus benutzten, sei Blut nicht enthalten, und dass das alttestamentliche Verbot, Blut zu essen, davon nicht betroffen sei. In den betreffenden Versen wird Blut jedoch nicht ausgeschlossen, obwohl es doch zu der üblichen Nahrung von Nomadenvölkern gehörte. Tannahill (Food in History), die mehr als zehn Jahre lang die Essgewohnheiten der Erdbevölkerung studierte, erläuterte: "Eines der charakteristischsten Nahrungsmittel von Nomaden (und semitische Völker waren unbestreitbar Nomaden, schon seit ihrer frühen Geschichte) war Blut." Der Vorteil bei der Verwendung von Blut als Nahrungsmittel war für viele nicht sesshafte Völker, "dass es keinen speziellen Transport, Zubereitung oder Kochen erforderlich machte. Es war oft schwierig für die Menschen der Steppe, Feuer zu machen, entweder weil das Brennmaterial rar war, oder weil die Flammen der Kochstellen viele Meilen weit gesehen werden konnten." Sie sagt weiter, dass "das Trinken von Blut in der einen oder anderen Form bei Hirtengemeinschaften die ganze dokumentierte Geschichte hindurch üblich gewesen zu sein scheint."
Gibt es in den Schriften eine spezielle Billigung von Bluttransfusionen?
Einige Zeugen haben argumentiert, dass man keine Bluttransfusionen akzeptieren sollte, da die Bibel obwohl sie Transfusionen nicht verurteile sie nicht billige. Eine kurze Untersuchung der Bibel und der Schriftstellen, die sich auf Blut beziehen, bestätigt, dass in ihr weder ein Verbot noch eine Billigung von Transfusionen zu finden ist. Heisst das, dass wir alle Dinge vermeiden sollten, die nicht ausdrücklich in der Bibel gebilligt werden? Es gibt in der Bibel keine direkte Billigung von Automobilen, Radios, Druckerpressen, Elektrizität, Telefonen und den meisten anderen modernen Neuerungen. Sogar Zeugen Jehovas benutzen diese Hilfsmittel des modernen Lebens für gewöhnlich, wenn nicht täglich.
Die Geschichte des Verbotes von Bluttransfusionen bei den Zeugen Jehovas
In den frühen Jahren der Wachtturmgesellschaft glaubte man, das Verbot des Essens von Blut finde nur auf die Juden und ersten Christen Anwendung, um eine Beleidigung der Judenchristen zu vermeiden (siehe Zion's Wachtower vom 15. November 1892, S. 351). Dies blieb die Einstellung der Wachtturmgesellschaft die meiste Zeit ihrer Geschichte hindurch, wie es auch von Timothy White aufgezeigt wird (A People for His Name, New York 1968):
"Pastor Russell wusste natürlich von dem Befehl (aus Apostelgeschichte), und dennoch hätte er kein schlechtes Gewissen beim Essen einer Blutwurst gehabt. Er sah die betreffende Verordnung lediglich als vorläufigen Behelf an, dem die Heiden nachzukommen hatten, um Gemeinschaft mit Juden haben zu können, die gerade erst Christen geworden waren; als einen Behelf wegen der starken Vorurteile, die in jüdischen Gemeinden gegen solche Gemeinschaft vorherrschten. In Bezug auf den Erlass über Götzen und über das Blut sagte er: "Es wäre fast unmöglich für Menschen gewesen, die als Juden grossgezogen worden waren, diese drei Punkte zu ignorieren, und falls bekehrte Heiden sie nicht beachtet hätten, wäre dies eine ständige Barriere für ihren sozialen Umgang gewesen. Es war zu dieser Zeit unter Heiden üblich, dass das Fleisch, welches auf ihren Märkten verkauft wurde, zuerst irgendwelchen Götzen als Opfer dargebracht wurde. Der Apostel Paulus zeigt jedoch, (1. Korinther 8:4) dass, da ein Götze eigentlich ein "Nichts" ist, das Darbringen von Fleisch in Gegenwart von diesem "Nichts" für diejenigen, die in der Lage waren, die Situation richtig zu verstehen, nichts Böses darstellen konnte; anderen mag es jedoch als Gotteslästerung erschienen sein.
Das Zitat aus Korinther war der Schlüssel für seine Sichtweise, da dies zeigt, dass einer der Befehle, nämlich der bezüglich des Essens von Götzen geopfertem Fleisch, vom heiligen Paulus nicht als bindend für alle angesehen wurde. Er wies die Christen nur an, solches Fleisch zu vermeiden, wenn ein anderer Christ mit einem "schwachen" und "befleckten" Gewissen dies möglicherweise gesehen hätte (1. Korinther 8). Die leitende Körperschaft ist nie auf diese Argumentation eingegangen, sondern hat sie nur barsch mit den Worten abgewiesen: "Es ist nicht richtig, dieses Dekret als nur von zeitlich begrenzter Gültigkeit anzusehen, um zu vermeiden, dass die bekehrten Juden des ersten Jahrhunderts zum Straucheln gebracht würden, wie einige spekuliert haben.""
Die erste Bezugnahme auf das Blutverbot nach Russell ist im Wachtturm vom 15. Januar 1928 auf der Seite 20 erschienen, wo 1. Mose 9:4 zitiert wird und man dann folgendes erklärt: "Gott sagte Noah, dass jedes lebende Wesen Speise für ihn sein sollte, dass er jedoch nicht das Blut essen dürfe, weil das Leben in dem Blut ist." Die Organisation gibt hier den Text aus 1. Mose 9:26 frei wieder, wobei sie sich nebenbei auf das Essen von Blut bezieht. Der Artikel behandelte aber nicht das Verbot des Blutes oder des Essens von Blut, sondern hatte das Töten zum Thema. Die Gesellschaft fasst darin ihren diesbezüglichen Standpunkt wie folgt zusammen: "Noah weist deutlich darauf hin, dass niemand unterschiedslos Tiere oder irgendwelche anderen Geschöpfe schlachten darf, nur weil er eine Laune zu töten befriedigen mag. Er darf jedoch einem Tier auf anständige Weise das Leben nehmen, für notwendige Nahrung und für die Erhaltung des Lebens seiner Familie."
Einige mögen sich auf diesen frühen Artikel als auf einen Beweis beziehen, dass die Wachtturmgesellschaft Bluttransfusionen schon 1927 verboten hat, obwohl in diesem Artikel Bluttransfusionen noch nicht einmal erwähnt werden. Es wird zwar erklärt, dass 1. Mose das "Essen von Blut" verbietet, doch wurde dies nur deshalb erwähnt, weil 1. Mose 9:4 Teil der betrachteten Verse war, nicht weil es das Thema des Aufsatzes war. Die Zeugen haben aus der damaligen Erörterung jedenfalls nicht mehr herausgelesen, als dass das Leben heilig ist und nur im Rahmen der Verordnungen Gottes genommen werden darf.
Die nächste Bezugnahme auf Blut in den Publikationen der Wachtturmgesellschaft ist im Watchtower vom 15. März 1939 auf der Seite 94 zu finden. Die Gesellschaft sagt dort, indem sie auf die Frage antwortet, ob man als Zeuge Schweinefleisch essen darf, und in diesem Zusammenhang einen Bezug zu 3. Mose 22:3,8,9 herstellt: " es wird darin ausdrücklich gesagt, dass ein Tier, das von sich aus verendet ist oder von einem anderen zerrissen wird, nicht gegessen werden soll, aus dem offenkundigen Grunde, dass sein Blut nicht ausgegossen worden ist. Das Gewicht bei der Erörterung dieser Texte liegt darauf, dass das Leben im Blute ist und dass das Blut nicht gegessen werden darf." Die Person, der die Wachtturmgesellschaft antwortete, hatte offensichtlich versucht, den Gesetzesbund auf heutige Gläubige anzuwenden. Um diesen Standpunkt zu widerlegen, zitierte Rutherford Kolosser 2:14,16 und 17. Dann sagte er, dass es einen Unterschied zwischen diesen beiden Geboten gibt. Das eine, welches das Essen von Schweinefleisch verbietet, war den Juden gegeben worden, während das Verbot des Essens von Blut der ganzen Welt gegeben worden war. Um dies zu unterstützen, zitierte die Wachtturmgesellschaft 3. Mose 17:11 und 12 und kommentierte dies wie folgt: "Du wirst sehen, dass, während die Fremdlinge zu keiner Zeit unter dem Gesetzesbunde standen, ihnen doch verboten war, Blut zu essen, und das macht den Unterschied klar zwischen den Juden unter dem Gesetzesbund und der Welt im allgemeinen. Blut zu geniessen oder Schweinefleisch zu essen ist etwas durchaus Verschiedenes."
Unglücklicherweise unterschied Rutherford nicht klar zwischen einem Nichtjuden, der in Israel ständig ansässig war, und einem, der Israel einfach nur besuchte. Wie wir zuvor gesehen hatten, war ein ständig als Fremdling ansässiger Nichtjude in Israel verpflichtet, viele, aber nicht alle Gesetze der Juden "wie ein Jude" zu befolgen, und Besucher waren lediglich verpflichtet, den zivilgesetzlichen Bestimmungen nachzukommen, wie dem Verbot zu morden.
Rutherford bestätigte, dass es einem Zeugen nicht erlaubt sei, Blut zu essen, erwähnte aber Bluttransfusionen in diesem Zusammenhang nicht; zu diesem Zeitpunkt akzeptierten die Zeugen Bluttransfusionen.
Die erste Verurteilung von Bluttransfusionen in den Publikationen der Wachtturmgesellschaft ist in der Ausgabe der Zeitschrift Consolation vom 22. Dezember 1943, S. 23, zu finden. Jedoch wurden sie nur in Verbindung mit Impfstoffen verdammt, als ein Teil der Kampagne der Wachtturmgesellschaft gegen das Impfen.
Die erste direkte Erwähnung von Transfusionen und Blut im Wachtturm findet sich in der Ausgabe vom 1. Februar 1947, S. 63(4). Zitat:
"Nicht allein als Nachkommen Noahs, sondern auch als einem, der durch Gottes dem Volke Israel gegebenes Gesetz gebunden ist, das den ewigen Bund der Heiligkeit des lebenserhaltenden Blutes einschloss, war dem Fremdling verboten, Blut zu sich zu nehmen, sei es durch Blutübertragung oder durch den Genuss von Speisen (1. Mo. 9:4; 3. Mo. 17:1014). Auch das Berühren und Essen eines Aases, das von einem Menschen nicht der Ernährung halber getötet wurde, machte es erforderlich, dass er sich dem Gesetz Gottes gemäss einer Reinigung unterzog (3. Mo. 17:15,16; 4. Mo. 19:1012)."
Die nächste Bezugnahme auf Blut erschien in der Ausgabe der Zeitschrift Watchtower vom 1. Juli 1945 auf den Seiten 198-201 (5). Dieser Watchtower verweist den Leser zuerst auf den Watchtower vom 15. Dezember 1927 (6) und behandelt dann das Thema Blutschuld. Später macht der Schreiber einen plötzlichen Wechsel hin zum Thema "Essen von Blut", einem völlig anderen Gegenstand. Obwohl man sich Mühe gibt, den Leser denken zu machen, dass das Verbot von Bluttransfusionen schon alt ist, behandelt der Artikel von 1927 nicht das Thema Bluttransfusionen, sondern er spricht vielmehr vom Töten. Dann findet man in der Ausgabe vom 1. Juli 1945 einen Verweis auf den Watchtower vom 15. Februar 1939 (7), der sich auch nicht mit Bluttransfusionen beschäftigt. Im Artikel von 1945 wird geschlussfolgert: "Indem sie sich darauf bezogen, haben einige Wachtturmleser gesagt, dass ein solches Verbot des Essens und Trinkens von Blut nur für die Juden unter dem mosaischen Gesetzesbund gilt, nicht aber für Christen, die unter dem Neuen Bund stehen." In dem Artikel heisst es dann aber weiter, dass das Blutverbot Gültigkeit für Christen hat und dies bedeutet, dass niemand, der Zeuge Jehovas ist, Blut essen darf. Jedenfalls findet sich bis 1945 keine direkte Aussage, dass es verkehrt sei, eine Bluttransfusion zu erhalten.
Die gleiche Ausgabe des Watchtower erwähnte auch Apostelgeschichte 10, wo Petrus befohlen wurde, "alle Arten vierfüssiger und kriechender Tiere der Erde und Vögel des Himmels" zu töten und zu essen. Auf den Einwand, Petrus sei nicht befohlen worden, die Tiere vor dem Essen ausbluten zu lassen, erwiderte die Wachtturmgesellschaft, dass Petrus ein Christ war und somit wusste, dass das Essen von Blut falsch war und dies daher nie getan hätte. Dies ist ein klassischer Zirkelschluss: Man will hier beweisen, dass Christen kein Blut essen dürfen, und erklärt dies damit, dass Petrus auch kein Blut essen durfte, weil er ja Christ war! Ob er nun das Blut der Tiere aß oder nicht (und da es sich hierbei lediglich um eine Vision handelte, ist diese Frage so wieso irrelevant), jedenfalls hat dieser Text nichts mit dem Essen von Blut oder mit Bluttransfusionen zu tun.
Der Artikel führt weiterhin Apostelgeschichte 15:620 an, wobei die Worte "von Blut" in Grossbuchstaben geschrieben sind, um ihnen Nachdruck zu verleihen. Apostelgeschichte 15:2229 und Apostelgeschichte 21:25 werden ebenfalls zitiert, wiederum indem die Worte "von Blut" grossgeschrieben sind. Für den Ausdruck "von erwürgten Dingen" führt die Wachtturmgesellschaft als gleichberechtigte Übersetzung "nicht beim Schlachten ausgeblutet" an. Dann wird in dem Artikel die Bedeutung von 1. Chronika 11:1719 (siehe oben) hervorgehoben, wo David das Wasser ablehnte. Wie wir schon gesehen haben, hat dieser Text nichts mit dem Trinken von Blut zu tun.
Danach wird 1. Samuel 14:32-34 zitiert, um zu zeigen, dass Saul das Essen von Blut oder von Tieren, die nicht richtig ausgeblutet waren, missbilligte. Der Watchtower erwähnt jedoch mit keinem Wort, dass die Konsequenzen für diejenigen, die das Gebot brachen, sehr geringfügig waren, jedenfalls sicher nicht so schwer wiegend wie die Strafe der Wachtturmgesellschaft heute, d.h. der Gemeinschaftsentzug.
Schlussfolgernd wird in dem Artikel gesagt (Seite 200): "Falls das Blut in Verbindung mit seinem Fleisch gegessen oder getrunken wurde, wurde derjenige, der das Blut zu sich genommen hatte, von Gott als jemand angesehen, der mutwillig das Leben solcher Geschöpfe nahm, und als solcher brach er den Bund." Und da es den Menschen erlaubt war, Fleisch zu essen, machte man sich nicht schuldig, mutwillig Leben zu nehmen', wenn man das Blut heraus laufen liess. Dies war eine neue Lehre, die in den Wachtturmveröffentlichungen nie mehr auftauchte. Ins Extreme weitergeführt hiesse das, dass jemand sich des absichtlichen Totschlags schuldig machte, wenn er einen Menschen töten würde und sein Blut nicht herauslaufen liesse, dass er aber unschuldig wäre, wenn er das Blut auslaufen liesse!
Als nächstes wird eine Verbindung zwischen dem Blut von Tieren und dem von Menschen hergestellt: "Diese Bestimmung findet Anwendung auf das Blut von Tieren, die geringer als der Mensch sind, dann wurde das Blut des höherstehenden Geschöpfes, des Menschen, sicher nicht als weniger kostbar angesehen. Unter den barbarischen, wilden und grausamen Völkern, wie z. B. den Skythen, Tartaren, den in der Wüste lebenden Araber, den Wikinger etc., die hauptsächlich von tierischem Blut lebten, gab es einige, die sogar das Blut ihrer Feinde tranken, nachdem sie deren Schädel zu Tassen gemacht hatten." Schliesslich stellt man einen Bezug zu Bluttransfusionen her, wobei jedoch immer noch kein ausdrückliches Verbot ausgesprochen wird. Der Watchtower zitiert eine Erörterung über Bluttransfusionen aus dem 4. Band der Encyclopedia Americana (Ausgabe 1929). Dieses Zitat wird in keiner Weise kommentiert. Daran anschliessend wechselt er abrupt das Thema und wendet sich dem Sühnopfer Christi zu. Obwohl man aufgrund dessen, dass das Zitat der Encyclopedia Americana in der Betrachtung enthalten ist, folgern mag, dass die Wachturmgesellschaft somit Bluttransfusionen verboten hat, wurde doch kein direktes Verbot ausgesprochen. Die meisten Zeugen sahen dies damals auch nicht als ein solches an. Folglich wurde dieses Thema bis zu den fünfziger und sechziger Jahren nie zu einem Problem.
Die erste klare Verurteilung von Bluttransfusionen erschien in der Erwachet! Ausgabe vom 22. Dezember 1948 (Seite 13). Dieser kurze Artikel sagt mit bestimmten Worten aus, dass "Gemäss dem göttlichen Gesetz [die Menschen] nicht das Blut von anderen in ihren Körper aufnehmen" sollen. Dann zitiert man 3. Mose 7:27 und 5. Mose 12:25 (beide Schriftstellen sind Bestandteil des mosaischen Gesetzes), und danach wird gesagt: "Ausser der Gefahr, Gottes Gesetz zu übertreten, bestehen bei der Blutübertragung auch gesundheitliche Risiken." Die Augustnummer (1948?) von Science Illustrated wird herangezogen, um auszusagen, dass Hepatitis "ein sehr ernstes Problem" bei Bluttransfusionen darstellt. Die Gesellschaft leitet also über zu einer völligen Verurteilung von Bluttransfusionen und Menschen, die sie sich geben lassen. Aber es wird noch immer nicht gesagt, dass jemand, der sich eine Bluttransfusion verabreichen lässt, in der Gefahr steht, ausgeschlossen zu werden und das ewige Leben zu verlieren. Der gesamte Prozess vollzog sich sehr langsam. Es dauerte über 20 Jahre von der anfänglichen Verurteilung des Essens von Blut bis zur Verurteilung von Transfusionen und dann, wie wir unten sehen werden, bis zur Verurteilung derjenigen, die solche Transfusionen nehmen.
Die nächste Behandlung des Blutverbotes in den Wachtturm-Publikationen findet man im Wachtturm vom 1. November 1951. Dies ist das erste Mal, dass eine direkte und spezifische Aussage in der Wachtturm-Literatur gemacht wird, dass es einem Zeugen nicht gestattet ist, Bluttransfusionen zu nehmen. Diese Aussage wurde veranlasst durch einen `kürzlichen Gerichtsfall' in "Chicago, welcher Jehovas Zeugen und ihre Stellungnahme zur Frage von Bluttransfusionen betraf". Bis zu diesem Zeitpunkt hatten die meisten Zeugen öffentlich Bluttransfusionen akzeptiert. Der Fall betraf die kleine Tochter von Rhoda und Darrell LaBrenz, die seit einem Jahr Zeugen waren. Rhoda hatte einen positiven Rhesusfaktor in ihrem Blut, der ihr erstes Kind, einen Sohn namens Kit, nicht angegriffen hatte, wohl aber ihr zweites. Das Kind benötigte dringend eine Transfusion. Die Eltern lehnten diese ab und wurden wie folgt in der Zeitschrift Time (Ausgabe vom 30. April 1951) zitiert: "Die Heiligkeit des Blutes ist etwas, das wir nicht verletzen können. Jedermann weiss, dass das Blut die Lebenskraft ist, und auf das Leben haben wir keinen Einfluss. Nur Jehova hat das. Eine Transfusion, die eine Form des Trinkens oder Essens von Blut ist, ist uns als Zeugen Jehovas verboten." Die Eltern wurden wegen Fahrlässigkeit angeklagt und es wurde ihnen die Vormundschaft für ihre Tochter Cheryl entzogen, wonach sie die notwendige Transfusion bekam. Frau LaBrenz erklärte: "Diejenigen, die das Verbot gebrochen haben, sind für die Sünde verantwortlich."
Der Wachtturm von 1951 beantwortete die Frage "Was gibt es für schriftgemässe Gründe zu einem Einwand gegen Bluttransfusionen?", indem er 1. Mose 9:4 zitierte (siehe oben) und entsprechende Teile des mosaischen Gesetzes (worauf die meisten Argumente basieren). Der Artikel wiederholte, dass das Verbot sich sowohl auf tierisches als auch auf menschliches Blut bezöge, indem er nachdrücklich den Teil des mosaischen Gesetzes hervorhob, in dem es heisst, "Blut jeder Art von Fleisch" sei verboten.
Obwohl die Zeitschrift von 1951 verfügte, dass es falsch für einen Zeugen sei, Bluttransfusionen zu nehmen, wurde bis 1961 kein Zeuge ausgeschlossen, wenn er es dennoch tat (Wachtturm vom 15. März 1961, S. 190, 191). Bis dahin oblag es dem Gewissen jedes einzelnen Zeugen, wenngleich jemand, der eine Transfusion akzeptierte, oft dafür kritisiert wurde. Nach 1961 wurden jedoch Zeugen dafür häufig ausgeschlossen, ohne Hoffnung auf Gottes Gnade bis zum Zeitpunkt ihrer Wiederaufnahme.
Wenn dies Gottes ewiges, für alle Menschen gültiges Gesetz ist, wieso war es dann für Tausende von Jahren für so viele unbekannt? Lebten die gläubigen Zeugen, die von dem Verbot nichts wussten, von 1850 bis 1950 in Sünde, ohne es zu wissen? Wenn die Übertretung des Verbotes zur göttlichen Verdammnis führt, warum hat er dies seinem Volk dann nicht eher offenbart? Warum nahmen Russell oder Rutherford als Gottes speziell ausgewählte Führer diese Interpretation nicht an? Es ist eine Tatsache, dass Russell die Schriftstellen aus Apostelgeschichte und 1. Mose genau so verstanden hat, wie wir sie hier erklärt haben.
Warum hat die Wachtturmgesellschaft Bluttransfusionen verboten?
Es gibt keine biblische Stütze für den Standpunkt der Wachtturmgesellschaft, und ein Blick in ihre Geschichte hat gezeigt, dass sie ihn auch selbst viele Jahre hindurch überhaupt nicht vertreten hat (tatsächlich wurden unterschiedliche biblische Interpretationen gelehrt). Warum stellt sie aber heute ein solches Verbot auf? Vielleicht hat dies nicht nur einen Grund. Im folgenden führen wir verschiedene mögliche Hypothesen auf:
1. Das Verbot war ein Versuch, die Loyalität der Zeugen unter dem neuen Präsidenten, Nathan Knorr, zu vergrössern. Um dies zu erreichen, nötigte man die Anhängerschaft, in bezug auf eine problematische Frage Stellung zu beziehen. Als Knorr nach dem Tod von Richter Rutherford Präsident wurde, gab es einige Mitglieder, die (1) nicht völlig die Glaubensinhalte der Gesellschaft verinnerlicht hatten, (2) Vorbehalte gegen den neuen Präsidenten Knorr hatten und sich ihm als Nachfolger Rutherfords nur widerwillig unterordneten, und die (3) zwar die Glaubensstrukturen der Wachtturmgesellschaft übernommen hatten, sich ihr selbst gegen über aber nicht verpflichtet fühlten.
Diejenigen Mitglieder, die schwankten, würden sich entweder völlig der "Organisation Jehovas" anschliessen oder ausgeschlossen werden bzw. von sich aus gehen. Die Überlegung könnte gewesen sein, dass es besser sei, weniger Mitglieder zu haben, die sich dafür aber völlig unterordnen, als viele Mitglieder mit fragwürdiger Loyalität.
Man muss hier jedoch bemerken, dass die Wachtturmgesellschaft unter Knorr zehn Jahre brauchte, bis sie Bluttransfusionen öffentlich verdammte. Zwar hat eine Anzahl von Zeugen die Gesellschaft wegen des Verbotes von Bluttransfusionen verlassen (und verlässt sie noch), aber das scheint dennoch der Annahme zu widersprechen, dass eine Verbindung zwischen diesen Austritten und einer beabsichtigten Festigung der Herrschaft Knorrs besteht.
2. Das Verbot von Bluttransfusionen war eine Folge der Gegnerschaft gegen die Medizin, die sich bei den Herausgebern der Zeitschriften Das Goldene Zeitalter und Trost zeigte. Beide Herausgeber, Woodworth und Van Amburgh, sowie auch viele andere Menschen in dieser Zeit, lehnten die Auffassung ab, dass Bakterien Krankheiten verursachen. Anstelle dessen dachten sie, Krankheit sei eine Folge falscher Ernährung, ungehöriger Gefühle oder von Sünde. Die neue Theorie, dass Bakterien Krankheiten verursachen können, wurde als blasphemisch angesehen; man dachte, Satan wolle die Menschen irreführen, indem er sie glauben mache, Sünden hätten nichts mit Krankheiten zu tun. Pasteur und seine Theorien wurden wiederholt verspottet, sowohl im Golden Age, als auch in der Zeitschrift Consolation (siehe z.B. Golden Age, Vol. 17, S. 444, 23. September 1936, S. 814) (8). Da Impfungen eine direkte Folge der "Bakterientheorie" waren, sahen Van Amburgh und Woodworth sie als verkehrt an.
In den dreissiger Jahren waren viele Menschen gegen das Impfen. Sie empfanden den Gedanken als abstossend, dass injizierte Impfstoffe aus geschwächten Bakterien bestehen, und die Vorstellung, sich "Eiter" in den Körper spritzen zu lassen, war ekelhaft. Auf der Suche nach einer Möglichkeit, das Impfen anzugreifen, fand Van Amburgh einen wie er fand perfekten Grund in den Schriften. Da die Bestandteile der Impfstoffe oft aus dem Blut gewonnen wurden, konnten die Verbote des Alten Testaments von der Wachtturmgesellschaft modifiziert und benutzt werden, Impfungen zu verbieten. In der Zeitschrift Golden Age (Ausgabe vom 24. April 1935, S. 471) wurde erklärt, dass, " da Impfungen eine direkte Injektion tierischen Eiters in den Blutkreislauf sind, Impfungen eine direkte Verletzung des Gesetzes Jehovas sind." Die Wachtturmgesellschaft benutzte dieselben Verse gegen das Impfen, die sie heute gegen Bluttransfusionen verwendet.
Mit der Zeit wurde es offensichtlich, dass die Gegnerschaft sowohl gegen die Bakterientheorie als auch gegen das Impfen unbegründet war. In den frühen Fünfzigern revidierte die Gesellschaft ihren Standpunkt und bestimmte, dass es dem Gewissen jedes einzelnen überlassen sei zu entscheiden, ob er sich impfen lässt oder nicht. Da jedoch die Vorschrift gegen das "Nehmen von Blut" seit einigen Jahren betont worden war, konnte es nicht plötzlich ignoriert und das Verbot des Essens von Blut aufgehoben werden. Es war nur deshalb möglich, Impfungen vom Blutverbot auszunehmen, da für Impfungen kein vollständiges Blut benötigt wird. So konnte die Wachtturmgesellschaft argumentieren, dass das Impfen nicht "Zu Sich Nehmen von (vollständigem) Blut" bedeute. Echte Bluttransfusionen müssten jedoch weiterhin verurteilt werden. Wenn jemand einmal einige Jahre hindurch etwas als falsch dargestellt hat, ist es schwer, dies über Nacht oder sogar über den Zeitraum mehrerer Jahre zu revidieren.
3. Die Haltung der Wachtturmgesellschaft bezüglich des Blutes wurde von gutmeinenden Führungspersönlichkeiten in der Organisation entwickelt bzw. angenommen, die über nur unzureichende Kenntnisse der Schriften und der Medizin verfügten. Möglicherweise hat ein Wachtturmmitarbeiter aufgrund seines Forschens in der Bibel geschlussfolgert, dass, wenn das Essen von Blut falsch ist und Transfusionen intravenöse Ernährung sind, Bluttransfusionen ebenfalls falsch sein müssen. Davon ausgehend könnte man zu einer aufrichtigen, aber naiven, oberflächlichen und falschen Schlussfolgerung kommen und standhaft an dieser festhalten.
In gewisser Weise sind die Gründe für den Standpunkt der Gesellschaft irrelevant. Vielleicht sind einige Faktoren genannt worden, die Knorr veranlasst haben, seinen Standpunkt zu beziehen; vielleicht sind die wahren Gründe aber auch unerwähnt geblieben. Wir haben gesehen, dass die Beweise gegen die Auffassung der Wachtturmgesellschaft überwältigend sind; aber es ist schwer, eine einmal eingenommene Position aufzugeben. Besonders schwer ist es hingegen, wenn einige ihr Leben gelassen haben, Familien zerbrochen und Tränen vergossen worden sind wegen eines so kompromisslosen Standpunktes. Gäbe die Gesellschaft ihre Einstellung auf, würden viele ihrer Mitglieder erbitterte Gegner derjenigen werden, die sie einst als "Gottes heutigen Kanal" ansahen.
Da die Führungspersönlichkeiten der Wachtturmgesellschaft trotz ihres prophetischen Fehlschlages im Jahre 1975 lehren, Harmagedon stehe "unmittelbar vor der Tür", mögen sie denken, die klügste Handlung sei, das Problem sich selbst zu überlassen. Sie meinen, dass die Zeugen, die ihr Leben in glaubensvoller Weise geopfert haben, im "Neuen System der Dinge" auferstehen werden, wozu auch die gehören, die ihr Leben verloren haben, weil sie eine Bluttransfusion verweigerten.
Zusammengefasst kann gesagt werden, dass der Standpunkt der Wachtturmgesellschaft in bezug auf Bluttransfusionen biblisch nicht zu verteidigen ist. Die hier aufgelisteten Argumente können von der Gesellschaft nicht widerlegt werden. Ausgiebige Auseinandersetzungen mit prominenten Mitgliedern der Gesellschaft haben keine befriedigenden Antworten auf die hier aufgeführten Fragen gebracht. Weder die Gesellschaft noch ihre Publikationen können den Tod glaubensvoller Zeugen auf der Basis rechtfertigen, die die Gesellschaft als biblischen Beweis zu präsentieren versucht (9).
Anmerkungen:
1. Anm. d. Ü.: Diese Passage ist nicht in der deutschen Ausgabe enthalten.
2. In Popular Commentary of the Bible (Vol. 1, von Paul E. Kretzmann, Concordia Publishing House, 1923) wird die Interpretation von 1. Mose 9:4 wie folgt zusammengefasst: "Diese Bestimmung wurde hinzugefügt, um die Entartung des Menschen hin zu grober und brutaler Barbarei, oder sogar Wildheit, zu verhindern" (S. 21). Siehe auch Dr. J. H. Hertz, "The Pentateuch and Haftorahs", London, 1950, S. 32.
3. Man weiss eigentlich nicht sicher, was es heisst, sich "frei von Blut" zu halten. Einige Bibelausleger glauben, dass diese Aussage sich auf das Baden in Blut oder auf Mord bezieht.
4. Anm. d. Ü.: In den Jahren 1946 u. 1947 gab es drei verschiedene deutschsprachige Wachtturmausgaben mit unterschiedlicher Seitenzählung. Der zitierte Artikel stammt aus der Ausgabe "Magdeburg" und findet sich ebenfalls im WT vom 15. Dez. 1946, Ausgabe "Bern", S. 380 und im WT vom 15. Jan. 1947, Ausgabe "Magdeburg/Wiesbaden".
5. Anm. d. Ü.: Dieser Artikel erschien nicht in deutscher Sprache. Eine kurze Bezugnahme findet sich jedoch im Jahrbuch von 1975 auf der Seite 222.
6. Anm. d. Ü.: Entspricht dem Wachtturm vom 15. Januar 1928.
7. Anm. d. Ü.: Entspricht dem Wachtturm vom 15. März 1939.
8. Anm. d. Ü.: Nicht in deutscher Sprache erschienen.
9. Anm. d. Ü.: Die Gesellschaft erklärt in der neueren Broschüre Wie kann Blut dein Leben retten? bezüglich des Apostelkonzils (Apg. 15): "Das Konzil sandte seine Entscheidung an alle Versammlungen " (S. 5). Diese Aussage ist durch den Kontext nicht hinreichend verifizierbar. Interessanterweise ist in der Bibel aber eine Bezugnahme des Apostels Paulus auf dieses Konzil enthalten. Er erklärt in Gal. 2:6 ff. : " mir haben die, die das Ansehen hatten (gemeint sind die Apostel), nichts weiter auferlegt. Im Gegenteil, " (nach der Luther- Übersetzung). Die Gesellschaft bezieht diesen Vers ebenfalls auf das Apostelkonzil (siehe Hilfe, S. 442 unter II. A.), löst den offenkundigen Unterschied aber nicht auf. (Die Gesamtproblematik wird u.a. kurz erläutert in Einleitung in das Neue Testament von Feine, Behm, Kümmel; Heidelberg 1965,14)