Annotationen zu den Zeugen Jehovas

Abwehr

Wer einmal das Buch von William J. Schnell (Dreißig Jahre Sklave des Wachtturms) gelesen hat, der weiss, wie Schnell als Augenzeuge berichtet, dass in den dreißiger Jahren in den USA, die dortige Bevölkerung bewusst durch die Zeugen Jehovas provoziert wurde. Rutherford hatte es so organisieren lassen, dass bestimmte Städte oder Gebiete, zu festgelegten Zeitpunkten von den Zeugen Jehovas förmlich "überschwemmt" wurden. Dazu reichten selbstverständlich die ortsansässigen Zeugen Jehovas nicht aus. Fast Generalstabsmäßig geplant, wurden auch aus anderen Versammlungen Zeugen Jehovas zum Einsatz an den vorgesehenen Orten gebracht. Wenn sie sich dann gar rühmten, wie "Heuschrecken" über solche Orte hergefallen zu sein; dann waren das aus der Sicht der belästigten Bürger, keine leere Drohungen.

In abgeschwächter Form wurde diese Strategie noch bis Anfang der 1950er Jahre, auch in Deutschland praktiziert.

Bayern, vor 1945 weitgehend katholisch, war nach 1945 ein bevorzugtes Angriffsgebiet der Zeugen Jehovas im vorgenannten Sinne. Man darf bei der Bewertung dessen nicht vom heutigen Stand ausgehen. Damals trimmte die WTG auf eine weit größere Aggressivität, als wie das heutzutage der Fall ist.

Man braucht deshalb auch nicht darüber verwundert zu sein, dass die katholische Kirche sich bemühte, entsprechende Gegenmaßnahmen zu forcieren. Mag der "Erfolg" dieser Gegenmaßnahmen auch gering veranschlagbar sein. Es gab aber solche Anstrengungen.

Ein Dokument diesbezüglich ist auch eine Zeitschriftenbeilage zu Heft 20/1954 der Zeitschrift "Klerusblatt".

Diese separate Beilage trug den Titel: "Schach dem Sektentreiben. Zur Abwehr der staats- und religionsfeindlichen öffentlichen Propaganda der Zeugen Jehovas."

Daraus mal nachstehend ein paar Sätze:

Abgesehen von den Gefahren und Auswüchsen des Straßenverkehrs ist das öffentliche Treiben der Sekten bemerkenswert. Wer unsere Städte, die Großstädte und Kleinstädte, ja sogar Märkte, Vororte und verschiedene Dörfer am Samstag besucht, dem muß auffallen, daß auf den Straßen in zunehmendem Maße die Wachtturmanbieter der Sekte der "Zeugen Jehovas" herumstehen. In manchen Städten und Märkten hat dies einen derartigen Umfang angenommen, daß Fremde glauben könnten, diese Sekte sei in diesem Ort besonders heimisch geworden. In Wahrheit handelt es sich zum Teil um wohlvorbereitete Aktionen dieser Sekte. Sie ziehen ihre Anhänger vielfach von auswärts - zum Teil in großer Zahl - an einem bestimmten Ort oder Ortsteil zusammen, so daß für die Bevölkerung der Eindruck entstehen soll, ihre Anhängerschaft sei an diesem Ort bereits sehr zahlreich.

Sie steigern auch ihre Misslonierungsversuche von Haus zu Haus manchmal derart, daß nicht nur zwei, sondern mitunter ganze Rudel in Häusern vorsprechen, um auf die Bevölkerung mehr Eindruck zu machen.

Diese "Missionäre" gehen sogar soweit, vor Kirchen, besonders an Vortagen von kirchlichen Festen ihre Wachtturmschrift den offensichtlich uninteressierten, ja gegnerisch bekannten Kirchgängern vorzuhalten, wenn sie sie nicht gar ansprechen.

Es ist schon wiederholt vorgekommen, daß sie sich sogar in der Nähe von Wohnhäusern von Geistlichen aufgestellt, ja diese selbst aufgesucht haben.

Besonders in der kleinen Bischofsstadt Eichstätt haben diese Wachtturmposten begreiflicherweise ganz besonderen Unwillen der katholischen Bevölkerung und der Stadtbehörden erregt, so daß es zu polizeilichem Einschreiten kam.

Damit steht fest, daß die Zeugen Jehovas sich in aller Öffentlichkeit gegen die öffentliche Ordnung stellen und es darauf abgesehen haben, die Straßen zu beherrschen, wo und wann sie es nach ihren Missionierungsplänen sich in den Kopf gesetzt haben. Es ist weiterhin auch klar, daß sie nicht bereit sind, irgend jemand anderen über sich zu respektieren. Vor allem sind sie nicht bereit, auf die religiös Andersdenkenden irgendwie Rücksicht zu nehmen, ja sie scheinen es sich gerade zum Vorsatz gemacht zu haben, diesen ihre Erzeugnisse ins Gesicht zu halten. Damit fordern sie die Andersdenkenden geradezu heraus!

Die Sektenwerber spielen sich in der Öffentlichkeit zum Richter über die Gewissen Andersdenkender auf, indem sie ihnen an jeder Straßenecke ihren "Unglauben" vorhalten und sie der Anhängerschaft an eine "Religion der Unwahrheit" zeihen.

Mitunter schließt sich dann eine Art moralische Nötigung des Widerstrebenden an, indem diesem die 'Verdammnis in Aussicht gestellt wird, wenn er die "Wahrheit" der Sekte nicht annimmt.

Indem die Zeugen Jehovas die althergebrachte Sitte, auf öffentlichen Straßen und Plätzen religiöse Kämpfe und Werbungen nicht auszutragen, um die Gewissen anderer zu achten, verletzen, handeln sie schon allein dadurch dem Gemeinwohl zuwider und stören den religiösen Frieden im Volk. Durch die Bedrängung Andersgläubiger in Gestalt von mehr oder weniger unerwünschten Hausbesuchen, die mitunter sogar die Formen des Hausfriedenbruches annehmen - denn schon das Betreten einer Wohnung unter einem falschen Vorwand kann ein solcher sein - stören sie auch den häuslichen Frieden der Bewohner und werden zu Urhebern von Zank und unter Umständen auch zu Anstiftern oder Unternehmern strafbarer Handlungen.

Aus diesem Grund ist es dringend nötig, daß den durch das öffentliche Treiben der Angehörigen der Sekte der Zeugen Jehovas entstandenem Mißständen auf den öffentlichen Straßen und Plätzen nunmehr die volle Aufmerksamkeit der Staatsbehörden und der Parlamente geschenkt wird.

Eine derartige "Weltanschauung" wie diejenige der Zeugen Jehovas verdient nicht nur keinen Schutz des heutigen christlich-demokratischen Staates, sondern die Staatsbürger sind vor der Verbreitung einer solchen anarchistischen Lehre durch die Staatsgewalt zu schützen.

Aus diesem Grund wird es Zeit, daß die Verantwortlichen für Staat und Gesellschaft sich der Gefahr für Volk und Staat durch diese Irrlehre bewußt werden und auch alles, was zu unternehmen möglich ist, tun, damit dementsprechende neue Gesetze zum Schutz der Demokratie gegen diese Bedrohung von Seiten der zersetzenden Pseudo-Religion, die nur anderen Weltzersetzungskräften Vorschub leistet, erlassen werden.

Denn diese Sektenmissionäre haben es ganz besonders darauf abgesehen, aus dem Formalismus der Gesetzesauslegung Nutzen zu ziehen. Sollte das Jugendschutzgesetz nicht auch gegen Belästigung Jugendlicher durch Sektenwerbung anwendbar gemacht werden können? Gehören zu Schmutz- und Schundschriften nicht auch Traktate, die religiöse Wahnvorstellungen über "Satanskirchen und Satansregierungen" verbreiten?

Zu einer derartigen Verharmlosung der Rechts- und Sachlage durch Polizeiorgane, Staatsanwaltschaften und sonstige Behörden kann es nur auf Grund der mangelhaften Aufklärung dieser Dienstellen über das Wesen und das 'I'reiben dieser Sekte kommen. Es wird sich somit vor allem darum handeln, daß den Vertretern der Staatsbehörden wie der Parlamente das notwendige Wissen über die fanatische Sektenmissionierung im Volk geschaffene Lage vermittelt wird.

Das die WTG über dieses Votum nicht sonderlich erfreut war, liegt auf der Hand. Und so versäumte sie es denn auch nicht, in ihrer Zeitschrift „Erwachet!" vom 8. 2. 1955 einen Pressebericht zu zitieren, der sich zu dieser katholischen Initiative kritisch äußerte. In der genannten „Erwachet!"-Ausgabe liest man unter anderem:
„Die 'Stuttgarter Zeitung' schreibt darüber in der Ausgabe vom 11. November 1954:
'Der neueste (dieser Fälle) dürfte der des katholischen Klerusblattes in Bayern sein, das in einer juristischen Beilage die Behörden 'zur Abwehr der staats- und religionsfeindlichen öffentlichen Propaganda der Zeugen Jehovas' aufgefordert hat. Strafgesetze werden verlangt, um das öffentliche Werben für diese Sekte zu verhindern, weil diese Werber 'dem Gmeinwohl zuwider handeln und den religiösen Frieden im Volke stören.'
Man kann das schwerlich als religiöse Toleranz bezeichnen.'
Dieses und andere Beispiele der Unduldsamkeit geben vielen freiheitsliebenden Menschen Anlaß zu ernsthafter Besorgnis. Auf einer Mainzer Veranstaltung bezeichneten Universitätsprofessoren, evangelische Geistliche und FDP sowie SPD-Politker diese Methoden wie auch die Schulpolitik als unchristlich, intolerant und grundgesetzwidrig. Wie ein evangelischr Dekan erklärte, dürfe der nationalsozialistische Totalitarisms nicht durch einen neuen abgelöst werden, auch nicht durch einen 'christlichen Totalitarismus'".

1954er Rückblick zur Zeugen Jehovas Geschichte

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