Berliner Waldbühnenkongress

Ende Juli 1949 inszenierten die Zeugen Jehovas, unter bewusster Einschaltung der Presse, in der Berliner Waldbühne einen Kongress, der zugleich auch eine öffentliche Abrechnung mit den bis dahin schon sichtbaren DDR-Massnahmen darstellte. In der Reihe der diesbezüglichen Presseberichterstattung ragt besonders, die der „Die neue Zeitung" aus Berlin hervor. Letztere war ursprünglich mal ein Organ der amerikanischen Militärregierung in Deutschland. In ihr schrieben aber auch viele unabhängige deutsche Journalisten. Und in dem hier interessierenden Kontext ist es besonders beachtlich, dass sie keine billige „Hofberichterstattung" veranstalteten, sondern auch deutlich kritisch akzentuierte Beiträge zum Thema vortrugen. Am 2. 8. 1949 brachte „Die neue Zeitung" gleich zwei Artikel zum ZJ-Kongress. In ihnen konnte man auch lesen:

Hans Schwab-Fehlisch unter der Überschrift "Sie leben vom Gruseln der anderen"

"Als am 17. März die Welt untergehen sollte ...
All das hat nicht nötig gehabt (und hat es auch in Zukunft nicht nötig gehabt), wer zur Gemeinde der Auserwählten, zu den "Zeugen Jehovas" gehört.
Aber auch sie leben von dem Gruseln der anderen. Und dass nicht nur als passive Beobachter und nicht nur in vorübergehenden Momenten, sondern als aktive Wegbereiter, als Prediger der Psychose und in Permanenz. Wie jeder exklusive Orden, machen sie es sich dabei nicht leicht. Sie verweigern zum Beispiel den Kriegsdienst in jeder Form. Das hat sie unter den Nationalsozialisten Tausende von Opfern gekostet und unzählige von ihnen ins Konzentrationslager gebracht. Das macht sie symphatisch und umgibt sie mit einem unangreifbaren ethischen Pathos. Das aber tauschen sie gegen diese Reibereien mit der weltlichen Ordnung ein:
Von dem Untergang der Welt bleiben sie verschont. Das ist immerhin ein lohendes Ziel.

"Auserkorene Werkzeuge"
"Sie flüchteten vor der Verantwortung, die ihnen der Kampf ums Dasein auferlegt hatte, in die Märtyrerrolle eines 'Zeugen Jehovas'", schreibt Margarete Buber-Neumann in ihrem Bericht über das Konzentrationslager Ravensbrück.
"Sie eiferten in dessen Namen gegen die 'ungläubigen Weltmenschen'. Seit sie Bibelforscher geworden waren, hatte sich ihre Stellung im Leben mit einem Schlage gewandelt: aus unterdrückten, dienenden, mit dem Schicksal unzufriedenen Menschen wurden sie zu 'Auserwählten', erhoben sie sich über die gesamte Menschheit. Ihr einstiger Groll gegen die ihnen widerfahrenden Ungerechtigkeiten verwandelten sich in Haß gegen alles, was nicht zu ihrer Glaubensgemeinschaft gehörte. Jeder einzelne fühlte sich als auserkorenes Werkzeug des rächenden Gottes Jehovas und schwelgte in der Vorstellung vom baldigen Sturz der Menschheit in der Verdammnis, von dem nach ihrer Meinung nur einige tausende Bibelforscher ausgenommen wären.'

Gott ist mit seinem Plan, diese Welt zu vernichten, völlig im Recht, konnte man von dem Magdeburger Prediger Frost der Zeugen Jehovas am Sonntag in der Waldbühne lernen. Er hat der Menschheit 2520 Jahre Zeit gegeben, ihre Angelegenheiten zu ordnen. Wenn er sie nun vernichtet, nicht nur Individuen, sondern ganze Völker, nachdem er trotz des Aufruhrs gegen ihn Geschlecht um Geschlecht hat weiterleben lassen, so ist das eigentlich nur recht und billig.
Er wird nicht 'mit sich reden lassen.' Der Beginn der Endzeit hat unwiderruflich seit 1914 eingesetzt, und an unserem Geschlecht noch wird sie sich erfüllen. Alle Versuche, die Welt doch noch zu ordnen, der Weltstaat, ein Weltbund der Nationen, alles, alles ist nichtig. Es steht nicht im Einklang mit dem Vorhaben Gottes.

Der Unterschied zwischen Diktaturen und Demokratien besteht nur darin, daß die einen den Zeugen Jehovas Schwierigkeiten in den Weg legen, ja sie verfolgen, die anderen sie aber wirken lassen. Das aber ist nicht genug, und deshalb ist eine Teilnahme der Zeugen Jehovas an den Entscheidungen dieser Welt sinnlos und ausgeschlossen.

Wirklich eine sonderbare Art der Auserwähltheit, die erst die Zerstörung braucht, ehe sie die Herrschaft antritt. Sie ist totalitär, sie ist unmenschlich. Sie spekuliert mit der Angst, wie das im Mittelalter üblich war und wie es heute wieder attraktiv zu werden scheint.

"Es ist später, als du denkst" hat die Veranstaltung geheißen. Dieser apokalyptische Titel hat Tausende angelockt. Hätte sie doch "und Frieden auf Erden" geheißen oder doch ähnlich, kein Mensch wäre gekommen außer denen, die ohnehin wußten, daß dieser Friede nicht ohne die Vernichtung "der anderen" zu erkaufen ist. Die "Zeugen Jehovas" stehen nicht allein da. Sie haben mehr Geistesverwandte, als sie vielleicht selbst glauben mögen."


In der gleichen Ausgabe der "Die Neue Zeitung", gab es noch einen zweiten thematischen Artikel, welcher im nachfolgenden auch noch dokumentiert sei:

"Tagung der Zeugen Jehovas.
Seit Tagen schon stand Berlin im Zeichen der "Zeugen Jehovas". Am Sonntag hatte die beschworene Weltuntergangsstimmung soviel Menschen in die Waldbühne gelockt, daß es angesichts solch massiver Lebendigkeit schwer fiel, an das Ende der Welt zu glauben.
Das gewaltige Rund der Tribünen war nicht nur gefüllt, es quoll auch über alle Gänge und die umgebende Landschaft.
Fliegende Händler mit Getränken, Zigaretten und den (in Millionenauflage vertriebenen) Goldschriftbüchern des Dogmas hatten ihr einträgliches Geschäft. Die Ordner ordneten die Anströmenden mit einem orientierendem Blick als "Schwestern" und "Gäste". Unklar woran sie sie erkannten.

Ein Wald von aufrüttelnden Schildern säumte die Auffahrtstraße. Im Rund der Zuschauer hoch aufgepflanzt, die Hinweise auf den Standort der Hergereisten: Eberswalde, Bautzen, selbst Aue.
Es war ein Treffen der Zeugen Jehovas aus der gesamten Ostzone. 'Es ist später als du denkst!' stand in weißer Schrift auf dem Rasen unten. 'Es ist später als du denkst!' hieß das Referat des Redners Frost aus Magdeburg. Jeden Tag kann nach der Deutung der Bibelforscher die moderne Sinflut, diesmal durch Feuer, wie es den Zeugen sicher scheint, über die Menschheit kommen. Seit 1914 regiere Jehova der rächende Gott, auf dieser sündigen Welt. Deutliche Zeichen in Gestalt all der politischen Unruhen und Wirrnisse dem Sehenden aufzeigend. Darum erkenne jeder Zeuge Jehovas die Unzulänglichkeit aller internationaler Bemühungen, verachte alle Regierungs- und Parteisysteme, um bereit zu sein für das Ende und bereit für die eigene belohnende Aussparung aus dem allgemeinen Desaster. Den genauen Zeitpunkt der Vernichtung wußte allerdings auch der Redner nicht.

"So wenig, wie sie die Nazis fürchteten, fürchten sie auch die Drangsale der Ostzone nicht, und mutig konnte der Magdeburger Frost fragen: 'Ist der Bolschewismus schöner als andere Systeme? Glaubt die SED, dass das, was Hitler begann, von ihr zum Ziel gebracht werden müsste? Wir fürchten die SED genau so wenig, wie wir die Nazi gefürchtet haben.'
Er rechnete mit Kreikemeyer ab der schikanös die bestellten Sonderzüge zurückhielt und nicht einmal die vereinnahmten Fahrgelder herausgab."


Als Kontrast, sei dann noch aus der in Ostberlin erscheinenden "Berliner Zeitung", ebenfalls die Ausgabe vom 2. 8. 1949, zitiert. Letztere schrieb:

"Falsche Propheten
Die Zeit nach einem verlorenen Kriege ist reich an harmlosen und weniger harmlosen Narreteien aller Art. Religiöse Sekten sprießen wie Pilze aus dem Boden. Im allgemeinen sollte man ihnen die Missachtung schenken, die sie verdienen. Wenn sie aber, wie die 'Zeugen Jehovas', getarnt durch einen Schwall religiöser Phrasen, eifrig die Geschäfte der Kriegstreiber und der Feinde der Einheit Deutschlands besorgen, darf es nicht bei dieser Missachtung bleiben.

Das Oberhaupt der "Zeugen", ein gewisser Frost, behauptete kürzlich, die "Endzeit der Welt sei angebrochen", womit er offenbar seine Anhänger von der Teilnahme am Wiederaufbau unserer Heimat abhalten will. Frost hetzte dann in bekannter Manier gegen die demokratischen Parteien und Institutionen der Ostzone.

Bei den Wahlen zum Volkskongress und beim Volksbegehren für die Einheit Deutschlands haben die 'Zeugen Jehovas' durch ihre Wühlereien deutlich genug gezeigt, dass sie gar nicht beabsichtigten, sich nur als 'Zeugen Jehovas' zu betätigen. Jehova hat sie bestimmt nicht beauftragt, gegen die Beteiligung am Volksbegehren und an den Wahlen zum Volkskongress aufzutreten oder die Durchführung des Zweijahresplanes so sabotieren. Solche konkreten Aufträge pflegen nicht aus dem himmlischen Jenseits zu kommen, wohl aber aus einem gewissen Lande jenseits des Atlantik und von einigen seiner Einwohner, deren oberste Gottheit nicht Jehova, sondern Mammon heißt.

Von diesen Leuten werden die leitenden "Zeugen" jedenfalls nicht schlecht bezahlt. Sie erhalten so reichliche Zuwendungen, daß sie einen riesigen Reklameapparat finanzieren, die größten Versammlungsräume mieten und ohne jedes Eintrittsgeld auskommen können. Die Geldgeber der "Zeugen" bleiben im Dunkeln. Sie haben allen Grund dazu. Man geht nicht fehl, wenn man sie in den Kreisen sucht, die das Ostbüro der SPD sowie andere Spionage- und Sabotagetruppen finanzieren.

Die Mitläufer der "Zeugen" können nicht eindringlich genug davor gewarnt werden, diesen falschen Propheten nachzulaufen. Den Initiatoren dieses Schwindelunternehmens sollte man wachsam auf die Finger sehen und man wird dabei manche überraschende Entdeckung machen."

Der 1949er Waldbühnenkongress in der Sicht des "Uraniabuches"

Wer sich an dem Umstand stossen sollte.
Das Uraniabuch vertritt parteiisch die Interessen des Ostens, und zudem sei ja 1949 die Hochzeit des kalten Krieges gewesen.
Der sei daran erinnert.
Auch ein Raymond Franz fand deutlich kritische Worte zum agieren der WTG etwa in Malawi und Mexiko.

Einer Ikone wie Raymond Franz mögen nun die Ostkritiker alles zugestehen, dessen Beispiele liegen ja so „schön weit weg von der eigenen Haustür". Da kann man dann ja „billig schwätzen". Nur im Falle des Ostens, soll das dann nicht mehr gelten.
Springer-Bild-Zeitung hat ja es gesagt .. Und die ist dann für diese Leute offenbar gleich das zweite „Evangelium" nach dem vorangegangenen „WTG-Evangelium" ...
So etwa, wie Wallraff das mal dokumentiert hat.

Im Prinzip weisen die Fälle Malawi, Mexiko und Ostdeutschland durchaus gewisse (relative) Gemeinsamkeiten auf.

Der Berliner "Tagesspiegel" schrieb am 2. 8. 1949:


"Protestversammlung der Zeugen Jehovas
Mehr als 30 000 'Zeugen Jehovas' versammelten sich am Sonntag in der 'Waldbühne', um gegen die Unterdrückung ihrer Organisation in der Ostzone zu protestieren.
'Wir fürchten die Gewalt der Kommunisten ebenso wenig, wie wir die Nationalsozialisten gefürchtet haben', sagte Erich Frost der leitende Prediger der 'Zeugen Jehovas', der wie viele seiner Glaubensfreunde von den Nationalsozialisten in ein Konzentrationslager gebracht worden war. Die 'Zeugen Jehovas' - die man auch unter dem Namen Ernste Bibelforscher kannte - hatten es abgelehnt, die Hakenkreuzfahne zu grüßen und am Kriege teilzunehmen.
Die kommunistischen Staatsorgane, so sagte Frost, hätten durch undemokratische und verfassungswidrige Verbote die Abhaltung von Gottesdiensten behindert, und sie hätten Versammlungen der Organisation mit Holzknüppeln auseinandergetrieben. Frost warnte die SED, dass sie ein ähnliches Schicksal wie die
Nationalsozialisten erleiden könnte.

Mit scharfen Worten protestierte er gegen die Willkürmaßnahmen des Generaldirektors der ostzonalen Eisenbahn, Kreikemeyer, der bereits versprochene und bezahlte Sonderzüge zur Berliner Bezirksversammlung der 'Zeugen Jehovas' unmittelbar vor der Abfahrt abgesagt hatte. Die zu Unrecht kassierten Fahrgelder seien von der Eisenbahndirektion bisher nicht zurückerstattet worden. Nach Ansicht der Zeugen Jehovas' ist die 'Endzeit der Welt' angebrochen, die das Reich Gottes einleite.

'Wahlveranstaltungen dieser Welt seien ein Anachronismus.' An der Veranstaltung nahmen auch russische Gläubige teil. Bereits am Sonnabend hatten 1050 'Zeugen Jehovas', die zum Teil aus der Ostzone gekommen waren, im Spandauer Stadtbad die Erwachsenentaufe erhalten."

Quasi als „Ausläufer" gab es in der im Westtteil Berlins damals erscheinenden Wochenzeitung „Das Freie Wort" am 5. 8. 1949 auch noch einen Bericht bezüglich des Waldbühnenkongresses der Zeugen Jehovas, über welchen die Mehrheit der Blätter bereits am 2. 8. 1949 berichtet hatten.
 
Genanntes „Freie Wort" schrieb:

„Es ist später, als du denkst"
von Alois
Jehovas Zeugen tagten in der Waldbühne.
8 Sonderzüge nicht gestellt.
Die diesjährige Bezirksversammlung der Zeugen Jehovas für die sowjetische Besatzungszone hat vom 29. bis 31. Juli in der Waldbühne stattgefunden. Der Transportfrage war rechtzeitig für die vielen Tausende von Teilnehmern Aufmerksamkeit geschenkt worden. 8 Sonderzüge waren bei den jeweiligen Eisenbahndirektionen bestellt und zugesichert worden. In Leipzig wurden zwei Tage vor der Tagung die Fahrkarten für den Sonderzug gegen Zahlung von rund 16.000 Ostmark ausgehändigt. Zehn Stunden später teilte man telefonisch mit, daß auf Anweisung der Reichsbahndirektion der Sonderzug 'wegen Wagonmangels' nicht gestellt werden könne. Das Fahrgeld wurde in diesem Fall wie für die anderen Sonderzüge nicht zurückgezahlt. Insgesamt etwa 100.000,-DM. In Magdeburg wurde den Zeugen Jehovas erklärt, für die Rückzahlung benötige man 14 Tage. Die gelösten Sonderzugfahrkarten wurden zum größten Teil auch nicht für normale Fahrten in Zahlung genommen und die Benutzung der D-Züge Jehovas Zeugen verboten.

Trotzdem sind rund 18.000 Zeugen Jehovas nach Berlin gekommen. Sie waren nicht alle pünktlich zur Stelle wie vorgesehen. Sie hatten oft große Umwege zu machen. Es wurde ihnen nicht nur von Herrn Kreikemeyer, sondern auch von Seiten der Polizei die größten Hindernisse in den Weg gelegt. Die Polizeistationen am Stadtrand Berlins hatten Anweisung erhalten, alle Verkehrsmittel, insbesondere LKWs und Omnibusse zu kontrollieren. Die Polizei hatte den Auftrag bekommen, nicht nur die Personalien der Zeugen Jehovas festzustellen, sondern auch die Fahrzeugbesitzer und die Dienststellen, die die Fahrpapiere ausgestellt haben. Alle diese Schikanen haben die Zeugen Jehovas nicht abhalten können.

Aus dem Erzgebirge waren sie gekommen und von der Ostsee, aus Thüringen und Frankfurt a. d. Oder, Barth in Pommern und Görlitz, aus den entlegensten Dörfern und allen Städten der Ostzone.

Für viele war es schon schwer gewesen, das Fahrgeld für den Sonderzug aufzubringen. Als sie das Fahrgeld dann nicht zurückhielten, haben sie oft ihr letztes Geld genommen, um nach Berlin zu kommen. Ganze Karwawanen, mit Mundvorrat, einer Schlafdecke und der Eintrittskarte am Rock, sind am zweiten Tag der Bezirksversammlung noch eingetroffen. Die Solidarität, in den nazistischen Kzs erprobt, war so groß, daß auch die fahrgeldlosen Zeugen Jehovas wieder nach Hause gekommen sind. Die Tagung fand ihre Krönung mit dem Vortrag „Es ist später als Du denkst".

Und die Kommunisten, die jetzt die Bibelforscher drangsalieren, stellten erneut unter Beweis, daß sie die Fortführer des Naziregimes unter anderem Namen sind.


Damit hatten die Zeugen Jehovas ihren politischen Marktwert unter Beweis gestellt.
"Ein stilles Leben führen" gemäss einer Bibelaussage, war noch nie ihr Anliegen.
Schrille Thesen, den Osten demaskierend, das war es doch was im Westen gefragt, gesucht - und wie gelesen - geliefert wurde!
Von der Bibelaussage in 1. Timotheus 2:2, war und ist die WTG-Religion „Lichtjahre" entfernt!

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1949er Rückblick zur Zeugen Jehovas-Geschichte