„Keine Tragik"

Der Zweite Weltkrieg war zu Ende. Das von den Zeugen Jehovas erwartete „Harmagedon" war er jedenfalls nicht. Dennoch unterschwellig kursierten in Zeugenkreisen diesbezügliche Erwartungen. Immer, wenn die Menschheit gravierende Katastrophen ereilt, wird in der religiösen Weltsicht versucht, Kapital daraus zu schlagen. So auch in diesem Fall. Dass Gottes vermeintliches „Eingreifen" wieder einmal ausgeblieben war, passte nicht so recht in die Weltsicht gewisser Zeugen Jehovas. Nicht unbedingt auf der hautamtlichen Funktionärsebene, wohl aber in den darunter befindlichen Ebenen. Symptom für diese Sachlage ist der Artikel „Harmagedon ist nahe" den die Schweizer Zeugen Jehovas-Zeitschrift „Trost" in ihrer Ausgabe vom 1. Juni 1945 (Nr. 545) veröffentlichte. Darin wurde ausgeführt:

„In einem Gespräch, an dem sich ... Zeugen Jehovas beteiligten, wurde die Frage besprochen: 'Ist Harmagedon nahe?' Wer hat wohl recht, jene, die sagen, Harmagedon komme sehr bald, oder jene, die meinen es komme noch nicht so bald?"

Als Quintessenz wurde dann dazu gesagt:

„Selbst wenn die Schlussabrechnung von Harmagedon noch um zehn oder zwanzig Jahre verziehen sollte - es wurde (aber) nicht gesagt, dass es wirklich so sein wird."

Noch deutlicher ist der zusammenfassende Kommentar:

„Welchen Eindruck dieses Gespräch auf einen Kongress-Besucher machte und was er daraus lernte, vermitteln uns die nachfolgenden Zeilen.

Hat es etwas Beängstigendes, wenn die Möglichkeit besprochen wird, bis zur Schlacht von Harmagedon könnten noch 10 oder 20 Jahre vergehen? Ganz gewiss nicht. Von den Kongressteilnehmern jedenfalls wird eine solche Möglichkeit nicht als tragisch empfunden, was man aus der Reaktion im Saale feststellen konnte.

Ob man bei 20 Jahren Zeitspanne noch von 'bald' reden dürfe? Natürlich. Hätte 1918 jemand erklärt: 'Ein weiterer Weltkrieg schrecklicher als der beendete, ist sehr nahe', wäre das nicht ganz richtig gewesen? Trotzdem liegen zwischen 1918 und 1939 immerhin 21 Jahre."

Dozierend wurde dann noch ausgeführt: „Dauert es jemand zu lange, dann sei daran erinnert, dass Zeit niemals lang wird, wenn man alle Hände voll zu tun hat. Haben wir etwa nichts mehr zu tun? Die Errichtung der Theokratie ist etwas so wunderbares, dass man leicht ein ganzes Leben darauf warten kann. ... Bist du im Königreichsdienst vielleicht über deine Kräfte gegangen, weil du die Zeitspanne zu knapp eingeschätzt hast? Dann sei dein Trost, dass, wenn auch deine Kräfte dahin sein mögen, dein Lohn doch nicht dahin ist."

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1945er Rückblick zur Zeugen Jehovas-Geschichte