Der neue Name

Am 26. Juli 1931 war es soweit. Rutherford lies seine Bibelforscher in "Jehovas Zeugen" umbenennen. Euphorisch notiert der "Wachtturm" dazu (1931, S. 296) bezugnehmend auf die entsprechende Proklamation in den USA: "Der Name 'Jehovas Zeugen' wurde von den Versammelten mit größter Freude angenommen, und gleich nach Annahme des Beschlusses begannen des Herrn Gesalbte die Buchstaben I. B. S. A. von ihren Automobilen zu entfernen und an Stelle davon die Buchstaben J. W. anzubringen."

Der Hintergrund dieser Namenszäsur wird mit den Worten umschrieben:

"Es gibt aber auch eine Zahl von anderen Gruppen, die ähnliche Namen führen, die als 'Vereinigte Bibelforscher' oder als 'Wahrheitsfreunde' bekannt sind und die Zeugnisarbeit, die zur Rechtfertigung des großen Namens Jehovas gegen Satans Organisation getan wird, öffentlich bekämpfen" ("Wachtturm" 1931 S. 323).

Letztendlich wollte man sich mit dieser Umbenennung, auch von ihnen optisch absetzen.

Markant kommt dies auch in der Rutherford-Broschüre "Das Königreich - die Hoffnung der Welt" zum Ausdruck, in der bezüglich der Umbenennungs-Resolution ausgeführt wurde, dass "im Laufe der Zeit die erwähnte Schar Christen unter dem Namen 'Russelliten', 'Tagesanbruch-Leute', 'Internationale Bibelforscher-Vereinigung und anderen Namen bekannt ist! Und weil kurz nach dem Tode Ch. T. Russells unter denen, die mit ihm im genannten Werke verbunden waren, eine Spaltung entstand, wobei sich eine Anzahl von der Wachtturm Bibel- und Traktat-Gesellschaft getrennt und sich seither geweigert haben, mit der genannten Gesellschaft und ihrem Werke zusammenzuwirken, und es abgelehnt haben, mit der durch die Wachtturm Bibel- und Traktat-Gesellschaft im 'Wachtturm' und den anderen kürzlich erfolgten Publikationen der genannten Korporationen veröffentlichten Wahrheit übereinzustimmen, vielmehr das Werk der genannten Gesellschaft, bestehend in der Verkündigung der gegenwärtigen Botschaft vom Königreich Gottes und vom Tage der Rache unseres Gottes an allen Teilen der satanischen Organisation bekämpft haben; und die erwähnten Gegner sich in verschiedenen und zahlreiche Gruppen zusammengetan haben und Namen wie 'Bibelforscher', 'Vereinigte Bibelforscher', 'Russelliten', 'Lehrer der von Pastor Russell ausgelegten Wahrheit', 'Standhafte' und andere Benennungen angenommen haben und tragen, die alle dazu angetan sind, Verwirrung und Missverständnisse zu veranlassen."

In der Tat, man wird Rutherford bescheinigen können, dass er eine völlig neue Art von Religion zu gründen im Begriff war. Seinen Vorgänger Russell erwies er zwar in Lippenbekenntnissen noch seine Reverenz und das zusehends auch immer weniger, aber in der Sache setzte er auf eine "Kampfreligion". Symptomatisch kommt dies auch in seinem 1931/32 erschienenen Wälzer "Rechtfertigung" zum Ausdruck. Da sind denn auch prompt inmitten des vielen Wortgeklingels, auch ein paar bemerkenswerte dogmatische Zäsuren mit eingebaut. Etwa, wenn er gegen die von Russell beförderte sogenannte "Charakterentwicklung" mit den Worten polemisiert: "Gleicherweise hatte auch Gottes Volk auf der Erde einige Zeit nach 1914 noch nicht wertzuschätzen gelernt, was das wichtigste Werk ist, dass Jehova durch sein Volk zu tun hat. Es war ihnen gelehrt worden und sie glaubten es, ihre hauptsächlichste Arbeit und Pflicht wäre die sogenannte 'Charakterentwicklung'. Später lernten die Treuen, dass die uneigennützige Ergebenheit Jehova Gott gegenüber im halten seiner Gebote von weit größerer Wichtigkeit ist als irgendwelche Selbstentwicklung. In den Himmel zu kommen, ist lange nicht so wichtig wie die Rechtfertigung des Namens Jehovas" (Bd. III S. 130, 131).

Nicht zu übersehen auch jener Klagegesang von Rutherford: "Wir dachten einmal, der Herr würde vielleicht die Herzen einiger weltlich Reichen berühren, und sie würden eine Menge Geld beisteuern und so die finanzielle Kraft zur Ausbreitung seiner Botschaft der Wahrheit mächtig vergrößern. Nun aber sieht Gottes Volk, dass eine solche Erwartung unrichtig war" (Bd. II S. 277).

Eine weiterhin beachtliche Zäsur in jenem Buch ist das ad acta legen des bisherigen Philosemitismus, der bis dahin ja das "Markenzeichen" der Bibelforscher war. Auch diese Änderung verkauft Rutherford in einer beiläufigen Bemerkung, etwa wenn er äußert:

"Bis zum heutigen Tag haben die Juden die von ihren Vorvätern begangene Missetat nicht bereut. Viele Juden sind nach Palästina zurückgekehrt, aber sie gingen dorthin nur aus selbstischen und sentimentalen Beweggründen. Die Juden haben während des langen Zeitraumes seit ihrer Austreibung bis zum heutigen Tage weder um Jehovas Willen noch für den Namen Christi 'die Schmach der Nationen getragen'. … Im Gegensatz hierzu wurden die Juden während des Weltkrieges von den heidnischen Nationen anerkannt. … Bei diesem Schritt übernahm das siebente Weltreich die Führung. Das Großgeschäft und andere Zweige der Satansorganisation reihen nun die Juden Seite an Seite mit den Nationen und in dieselbe Kategorie wie die Nichtjuden ein. Bis dahin hat selbst das Volk Gottes die Tatsache übersehen, dass die Angelegenheiten des Volkes Gottes in Verbindung mit den Dingen auf der Erde von weit größerer Wichtigkeit sind als die Rehabilitierung (Wiederherstellung in frühere Rechte) jenes kleinen Streifen Landes an der Ostküste des Mittelländischen Meeres. Gottes Volk hat den Juden mehr Aufmerksamkeit gewidmet, als sie wirklich verdient haben" (Bd. II S. 259).

Um das Maß vollzumachen, findet sich darin auch noch eine müde Apologetik bezüglich der bisherigen Endzeitdaten:

"Gottes ergebenes Volk auf der Erde betonte die Wichtigkeit der Daten 1914, 1918 und 1925. Es hatte viel über diese Daten auszusagen und was an diesen Zeitpunkten eintreten würde; aber es traf nicht alles ein, was es vorausgesagt hatte. … Was da geschah, konnte im voraus nur unvollständig gesehen werden. Das Ausbleiben etlicher der vorausgesagten Dinge hat den Satansdienern in der Christenheit … eine willkommene Gelegenheit geboten, die treuen Knechte des Herrn zu verspotten, sie zu schmähen und von ihnen und ihren Voraussagen zu erklären: 'Alle ihre Visionen und Prophezeiungen haben sich nicht erfüllt; und das beweist, dass sie im Unrecht sind, und dass alle ihre Voraussagen über die Zukunft zunichte werden müssen.' … Gewiss, kein Mensch kann sagen, an welchem bestimmten Tage oder in welchem Jahre Harmagedon ausgefochten werden wird; aber es ist leicht zu sehen, dass die Zustände unter den Menschen jetzt derartig sind, dass eine große Krisis nahegekommen ist." (Band I S. 143, 144).

Das_Koenigreich_-_die_Hoffnung_der_Welt_(Rutherford,_1931).pdf

ZurIndexseite

1931er Rückblick zur Zeugen Jehovas-Geschichte