Abrechnung mit Andersen

Deutschland ist philosophisch gesehen, das "Land der Religionskritik". Namen wie David Friedrich Strauß oder Ludwig Feuerbach, belegen diese These. Es war den Großkirchen nicht "angenehm", sich auch mit dieser Art von Religionskritik auseinandersetzen zu müssen. Sie taten es letztendlich doch, wenn auch widerwillig. Die "theologische Welt" sah im Anschluss daran nicht mehr so aus wie vorher. "Liberale Theologie" war jetzt dass "Geheim" und Stichwort. Nur indem man den Religionskritikern allerhand Zugeständnisse machte, gar die Religionskritik ins eigene System "entschärft" integrierte, meinten - namentlich gewisse Universitätstheologen - die Sachlage im "Griff" zu haben. Ob sie dieses Ziel wirklich erreichten, erscheint indes zweifelhaft. Denn es formierte sich auch die Opposition dazu. Warf man der Universitätstheologie, Verweltlichung, und das aufgeben "unaufgebbarer" Prämissen vor, so kanalisierte sich die Opposition dazu in Sonderheit beispielsweise auch in den sogenannten "Landeskirchlichen Gemeinschaften" in Deutschland. Das waren dann vielfach - aus der Sicht der Universitätstheologie - Sektenkreise, die die Nabelschnur zu den Großkirchen noch nicht gekappt hatten. Insbesondere aus jenen "Landeskirchlichen Gemeinschaftskreisen" rekrutierten sich auch die ersten Anfänge der Bibelforscherbewegung in den Jahren vor 1914 in Deutschland. Man meinte bei den Bibelforschern etliches klarer vorzufinden als wie bei den "Landeskirchlichen Gemeinschaften", die wegen ihrer Nichtkappung der Verbindung zu den "Großkirchen", doch immer wieder zu ungeliebten Kompromissen gezwungen wurden.

Der Erste Weltkrieg hatte den Siegeszug der "liberalen Theologie" fürs erste mal gestoppt. Jene "liberale Theologie" - identisch mit dem Zeitgeist, und der war deutschnationalistisch - hatte die Katastrophe des Weltkrieges nicht verhindert. Im Gegenteil, sie hatte ihn ihrerseits mit heraufbeschworen. Jetzt setzte eine erneute - verschärfte - Polarisierung ein. Einerseits der ideologische Sieg, konservativer theologischer Positionen, für die stellvertretend der Name Karl Barth steht (sogenannte "dialektische Theologie"). Auf der anderen Seite jene kirchlichen Kreise, die nun gar über die "liberale Theologie" hinausgingen, und ihr Heil in einer "Deutschkirche" oder gar "Deutschglauben" suchten. Es gab da eine Persönlichkeit in kirchlichen Kreise, die diese Sachlage in besonders pointierter Weise kanalisierte. Das war ein gewisser Hauptpastor namens Friedrich Andersen, der im Jahre 1932 eine überarbeitete Auflage seiner Programmschrift "Der deutsche Heiland" im Verlag der Deutschkirche, erscheinen lies. Vorangegangen war dem eine 1921 in einem gleichfalls nationalistischen Verlag erschienene Auflage der gleichen Schrift. Ursprungsschrift davon war wiederum seine 1907 erschienene Schrift "Anticlericus. Eine Laientheologie auf geschichtlicher Grundlage". Wie gesagt, Andersen hat seine Schrift verschiedentlich noch überarbeitet. Aber die Grundgedanken, die schon in der Auflage von 1907 nachweisbar sind, blieben im Prinzip erhalten. Jene Schrift (offenbar in der Auflage von 1921), gelangte nun auch zur Kenntnis der Bibelforscher. Und zu recht registrierten sie, dass bei Andersen all jene Aspekte in konzentrierter Form vorhanden sind, die sie meinten bei anderen Kirchen usw. kritisieren zu müssen. Wohl kaum eine "theologische" Schrift ist von den Bibelforschern je so im Detail und so relativ ausführlich kritisiert worden, wie eben jene Schrift von Andersen. Zu recht hatten sie offenbar das Gefühl, dass darin eine Art "Gegenentwurf" zu ihrer eigenen Art und Weise die Dinge sehen zu wollen, zu Papier gebracht worden ist. Die Bibelforscherkritik an Andersen ist noch heute lesenswert, weil sie zugleich in der Form des Umkehrschlusses einiges über ihr philosophisches Weltbild aussagt. Wer die frühe Bibelforscherideologie verstehen will, der sollte auch einmal die Andersen-Kritik aus ihrer Feder zur Kenntnis nehmen. Sie ist im "Goldenen Zeitalter" (1928 S. 9, 10) veröffentlicht worden und sei nachstehend in einigen wesentlichen Passagen wiedergegeben:

"Schänder des Namens Gottes, des Namens Jesu und der Bibel im Amtsgewande!

Hauptpastor Andersen aus Flensburg in seinem Buche: 'Der deutsche Heiland' nennt die Tatsache, dass Jesus dem Blute nach der jüdischen Rasse angehöre, 'fatal'; aber, so sagt dieser 'Geistliche' (?) dann weiter, 'dass mache doch wohl nichts, denn es könne ja eine Blume auf einem 'Mistbeet wachsen'! Ist nicht der von Rassenhass erfüllte Geist dieses Menschen, der die Geburtslinie des Sohnes Gottes (Matthäus 1: 18-25) indirekt mit einem 'Mistbeet' vergleicht, und der noch dazu Hauptpastor an einer evangelischen Kirche ist, fast einer Verhöhnung des Namens Jesu gleich zu achten? Auf Seite 41 seines Buches sagt er weiter: 'Und die Rechtfertigung aus Glauben ist für uns eine bloße, von Paulus formulierte und von den Reformatoren unbesehen aufgenommene theologische Lehre.'

Geradezu empörend aber wirkt es, wenn dieser Theologe das Alte Testament, auf welches sich selbst Jesus berief (Matth. 24:15) und den Namen Jehovas, des Schöpfers Himmels und der Erden verlästert mit dem auf Seite 60 seines Buches niedergelegten Worten: 'Er, Jehova, sei parteiisch und ungerecht, gebiete den Massenmord anderer Völker, werfe ihnen große Steine auf den Kopf, freue sich über nichts mehr, als über die Abschlachtung von Menschen, halte mit übelberüchtigten Weibern, wie der Hure Rahab zusammen' usw. usw. Dieser Schriftgelehrte, der ja eigentlich seiner Stellung nach, für die er bezahlt wird und ein Gehalt empfängt, ein Verteidiger der Bibel sein sollte, zitiert dann endlich - um seiner Meinung als Theologe über einen wesentlichen Bestandteil der Bibel Ausdruck zu verleihen - auf Seite 65 seines Buches die Worte Saladins als Werturteil zum 5. Buche Mose wie folgt: 'Keines der Bücher, die die Welt je gesehen, war so tödlich und unheilbringend wie dieses. - Jede Seite ist zum Erzeugen von Entzweiung, Schisma und Hass geworden; jede Zeile wurde eine Reihe von Drachenzähnen, aus der die Saat bewaffneter Männer hervorspross; jedes Wort war ein Amboss auf dem 10 000 Schwerter geschmiedet wurden; jeder Buchstabe war Feuer und Schafott, Kerker und Todesqual. Aus Liebe zur Menschheit sage ich: Verwünscht sei die Hand, die das Gesetzbuch schrieb.' Indem Andersen dieses Zitat anführt, flucht er selber dem Geber des Gesetzes, Jehova, dem Schöpfer Himmels und der Erden. Niemand braucht sich wundern, wenn angesichts solcher Gotteslästerungen von seiten eines angeblichen Dieners Gottes das Volk durch solche blinden Blindenleiter tiefer und tiefer ins Elend hineingeführt wird.

Wie es dieser Mann in seinem Buche mit der Wahrheit hält, beweist er auf Seite 73, wo er die oft zurückgewiesene Unwahrheit (die dadurch, dass er diese Zurückweisung ignoriert, unter seiner Feder zur Lüge wird) auftischt, Pastor Russell, der Gründer der Internationalen Bibelforscher-Vereinigung sei Jude gewesen, und die Arbeit der Bibelforscher sei jüdische Weltherrschafts-Agitation. Herr Hauptpastor Andersen! Wir beschuldigen bezüglich dieser Behauptungen Sie, wie auch Ihre Bundesgenossen Fetz usw., der Verbreitung von Unwahrheiten!

Dieser Mann ist zweifellos ein Feind des Evangeliums und der Wahrheit der Bibel, denn auf Seite 74 wirft er den Bibelgesellschaften im allgemeinen vor, sie hätten durch Verbreitung der Bibel, namentlich des Alten Testamentes viel Unglück angerichtet, dass er auf Seite 160, 161 sogar die Auferstehung Jesu und alles was das Neue Testament über Erweckung und Wunder Jesu sagt, als zwar nicht 'absichtliche Täuschung', aber als 'fromme Dichtung der ersten Christenheit' bezeichnet.

Wer so die Bibel zerpflückt, ist einfach ein Feind des Evangeliums, ein Feind der Bibel, ein Feind der Religion und ein Prediger für verkapptes Heidentum und Gottentfremdung."

Exkurs:

Noch einige weitere Details in Sachen Andersen

Siehe zu Andersen auch den ihn betreffenden Artikel in der Wikipedia.

http://de.wikipedia.org/wiki/Friedrich_Andersen

Das Herr Andersen  ein Buch publizierte mit dem Titel „Der deutsche Heiland" (Die erste Ausgabe davon, 1907 erschienen hatte noch den Titel „Anticlericus") wurde bereits notiert.
Nun erregte besagter „Deutscher Heiland" gar die Aufmerksamkeit der zeitgenössischen Bibelforscher, die ihn dieserhalb in ihrer Zeitschrift „Das Goldene Zeitalter" attackierten. Was den Wutkamm der Bibelforscher so besonders anschwellen ließ, war der Umstand, dass Andersen sich auch bemüßigt fühlte einen sinnigen Vergleich mit anzuführen.

Und dieser Vergleich lautete (sinngemäß).
Auch in einem Mistbeet könne noch eine schöne Blume erstrahlen.
Mistbeet - wie was - mag die weitere Frage sein.

Nun wer Andersen mal tatsächlich gelesen, dem bleibt diese Frage nicht unbeantwortet.
Das Mistbeet sei das Alte Testament, dem er und Gleichgesinnte (und die sammelten sich dann noch besonders in der NSDAP) dem Garaus besorgen wollte.
Zur Motivation des Andersen mag eine von ihm selbst geschilderte Episode aus seinem „Anticlericus" zitiert werden;

„Am Himmelfahrtstag 1906 war Schreiber dieses mit seinem Amtsbruder in einer sozialdemokratischen Versammlung, wo ein Dr. Weiß aus Kiel über „Kirche und Schule" redete. Es war die Zeit, wo angesichts des neuen Schulgesetzes der „Massenaustritt" aus der Kirche mit Hochdruck betrieben wurde.
In diesem Sinne redete denn auch der genannte Herr. Die Kirche wurde dargestellt als eine Anstalt der Heuchelei und Verdummung, und der Beweis hierfür wurde natürlich in erster Linie mit dem Hinweis auf alttestamentliche Geschichten wie die sechstägige Schöpfung und Sündflut. In bezug auf letztere wurde der Redner besonders eingehend.
„Meine Herren und Damen, bedenken Sie: 15 Ellen ist das Wasser nach der Angabe der Bibel über die höchsten Berge gegangen; wer von uns kann das glauben? Aber das ist noch nichts gegen das, was nun kommt!
Nachher heißt es: Das Wasser verlief sich und nahm ab nach 150 Tagen. Ich frage Sie: ja - wohin ist denn das Wasser gelaufen, wenn doch die ganze Erde davon derartig bedeckt war?!" -
Natürlich lachte die Versammlung laut auf, aber es leuchtete diesen Leuten zugleich der ehrliche Grimm aus den Augen darüber, daß solche Dinge ihnen von der Kirche als „Religion" aufgehalst werden. Nachher haben meine Amtsbrüder und ich nach Kräften die Leute aufzuklären und den Herrn Jesu als die Hauptsache des Christentums hinzuweisen gesucht, vielleicht auch bei manchen Zuhörern damit Erfolg gehabt, aber was half das, wenn auf der andern Seite die Gemüter nicht befreit wurden von all den Nebeln und Dunkelheiten, mit denen das Alte Testament ihre Vorstellung über das Christentum trübte?
Da habe ich vor mir selbst im stillen das heilige Gelübde abgelegt, zu tun, was in meinen Kräften steht, damit unser Volk loskommt von seiner „erblichen Belastung" mit dem Alten Testament, das jedes wahre Verständnis des Evangeliums trübt und erstickt."


Das war dann quasi - wenn man so will - sein „Damaskuserlebnis".
Ein weiteres „Damaskuserlebnis" war für ihn die nicht bewiesene Tendenzthese, das Judentum sei schuld an dem für Deutschland misslichen Kriegsausgang des ersten Weltkrieges. Mit dem AT war er ja ohnehin schon „fertig". Und da auch andere Deutschnationalistische Heißsporne die Juden als „Schuldigen" dem unterbelichteten Michel präsentierten, verfestigte sich seine skizzierte Abneigung gegen das AT noch zusätzlich.

Und da auch Universitätstheologen, die er in seinem „Der deutsche Heiland" wörtlich beim Namen nennt, wie Julius Wellhausen und Friedrich Delitzsch, auch das Alte Testament (wie ein C. T. Russell formulieren würde) im Sinne der höheren Textkritik „zerpflückten", war dann sein Weltbild quasi komplett. Aber weder Wellhausen noch Delitzsch pflegten ihre Auch-Aversionen gegen das AT mit den Hetzparolen zu verbinden, den Ausgang des Weltkrieges betreffend. Das war wiederum das besondere „Event" das auch ein Andersen sich auf seine Fahne schrieb.

Noch ein Zitat aus seinem „Der deutsche Heíland" die seine „Argumentationslinie" in etwa verdeutlichen kann;

„Alles aber ist auf Konto des Judentums zu setzen, von dessen Geist die Kirche sich im Lauf der Jahrhunderte vollgesogen hatte. Noch bis zum 30jährigen Kriege hin wurde die Vernichtung des Gegners gestützt mit Gründen aus dem Alten Testament; Raub und Plünderung z. B. Mit dem Raub der Juden gegenüber den Ägyptern, Tortur und Verstümmelung mit der Bestrafung des Agag; das Schlachten von Kindern mit Psalm 137;
Verrat und Meuchelmord mit Gestalten wie Pinehaas, Jael, Judith, Ermordung von Priestern mit der Abschlachtung der Baalspfaffen durch Elias ... Nur so sind auch Vorkommnisse wie die Pariser Bluthochzeit und ähnliche Greuel zu erklären. Der Stifter des Methodismus, John Wesley, behauptete noch 1761:
Wer das Dasein von Hexen leugnet, der widerspreche der ganzen Bibel. Natürlich, denn es steht ja schon 1. Sam. 28 von Sauls Besuch bei der Hexe von Endor geschrieben.
Der furchtbare Cromwell ließ dann, das Alte Testament in der Hand im Kopf, die Irländer massenweise als „Amdekiten" abschlachten."


Trotz vorzitierter Erkenntnispositionen wollte jener Herr, mit dem Titel Hauptpastor, aber weiterhin, auch für sich persönlich, die Religionsindustrie als materiellen Brötchengeber ausnutzen. Auf den Gedanken, nunmehr vielleicht den Pfarrerberuf an den Nagel zu hängen. Diesen Gedanken schloss er prinzipiell aus.

Er musste aber auch zur Kenntnis nehmen, dass die offizielle Amtskirche, einer so rigoristischen Ad acta Legung des Alten Testamentes eben nicht zustimmte.
Damit ergaben sich dann auch gewisse Innerkirchliche Spannungen.

Meines Erachtens kann man Andersen als den Prototyp von „Christen" bezeichnen, die sich insbesondere weiterhin als „Christen" bezeichneten, und in der NSDAP ihre politische Heimat sahen; wie auch immer dieses „Christentum" dann in der Praxis auszusehen pflegte.
Und dann vergesse man die Programmatik der NSDAP nicht.

Rückgangigmachung des Versailler Vertrages (als wenn das so einfach möglich gewesen wäre - es denn, um den Preis der bewussten Orientierung auf einen weiteren militärischen Waffengang).

Dem unterbelichteten Michel einen Buhmann präsentierend namens Judentum (mit wissenschaftlich ernst zu nehmender Begründung dafür hielt man sich selbstredend nicht auf.
Getreu dem Hitlermotto beim späteren Überfall auf Polen:
Es wird propagandistischer Anlass gegeben werden ... Der Sieger wird später nicht danach gefragt, ob jene Anlässe zu „recht bestanden" oder eben nicht). Und anderes mehr.

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