Die "kurz bevorstehende Verwandlung"

Der "Wachtturm" notierte im Jahre 1923 (S. 374): Die "Bibelforscher glaubten allgemein, dass das Jahr 1914 das Ende aller Bemühungen der Kirche auf dieser Seite des Vorhangs sein, und das ihre Verwandlung dann stattfinden würde. Manche waren hiervon so gründlich überzeugt, dass sie Vorkehrungen trafen, am letzten Tage des Monats September alles und jedes hinter sich zu lassen und einzugehen mit dem Herrn. Manche hielten Ansprachen, worin sie sagten: 'Dies ist das letzte Mal, dass ich zu den Freunden sprechen werde. Morgen gehen wir heim.'

Jedoch der Herbst 1914 kam und ging vorüber, und viele der Heiligen, die noch auf dieser Seite in dem Fleische sind, wunderten sich, wann ihre Verwandlung stattfinden würde. Seitdem haben sie vorausgeblickt und gefragt: Wann dürfen wir erwarten, dass wir heimgehen werden?

In dem Watch Tower vom 1. November 1914 sagte Bruder Russell:

'Wir können aber von unserer Verwandlung nicht weit entfernt sein, und wir raten dazu, dass alle vom Volke des Herrn Tag für Tag gerade so leben, als ob dies der letzte Tag auf dieser Seite des Vorhangs sein, und das der heutige Abend oder der morgige Tag uns in die herrlichen Dinge jenseits des Vorhangs einführen würde."

Die Glut dieser Erwartung glimmte in der Asche weiter. Sie wartete nur darauf neue Sauerstoffzufuhr zu bekommen um alsdann als neue Stichflamme in Erscheinung zu treten. Symptom dieser Sachlage ist auch jene Fragenbeantwortung im "Wachtturm" (1923 S. 208):

"Frage: Ist es wahr, dass vor acht Monaten den Pilgerbrüdern der Auftrag zuging, aufzuhören, über 1925 zu predigen? Haben wir mehr Grund oder ebenso viel um zu glauben, dass das Königreich 1925 errichtet werden wird, als Noah hatte, um zu glauben, dass eine große Flut kommen würde?

Antwort: Es ist überraschend, wie Berichte in die Welt hinausgehen. Den Pilgerbrüdern ist niemals zu irgendeiner Zeit auch nur ein Wink zugegangen, dass sie aufhören sollten, über 1925 zu predigen. Irgend jemand, der die Behauptung aufgestellt hat, dass eine solche Instruktion ausgesandt wurde, hat dies ohne irgendwelche Ermächtigung oder Entschuldigung oder Ursache getan. Unser Gedanke ist der, dass der Zeitpunkt 1925 endgültig von der Schrift festgelegt ist als ein Markstein des Endes der vorbildlichen Jubeljahre."

Offensichtlich erwies sich die Bibelforscherführung als ein gelehriger Schüler der Phytia. Jener "Seherin" des Altertums, der schon Lukian von Samosta (120 bis 180 u. Z.) ein bleibendes Denkmal gesetzt hatte. Lukian referiert jenen zweideutigen Spruch dem sie dem König Krösus (560-546 v. u. Z.) zu Protokoll gab: "Wenn er den Halys (Fluss zwischen Lydien und Persien) überschreite, werde er ein großes Reich zerstören". Der Kommentar von Lukian:

"Sprich mir nicht von den Orakeln, mein Bester, oder ich werde dich fragen, an welches du dich am liebsten erinnern lassen willst: ob an das, dass der delphische Apollo dem Könige von Lydia gab und das so doppelgesichtig war wie gewisse Hermon, die einem das Gesicht zuwenden, man mag sie nun von vorne oder von hinten betrachten - denn wie wusste nun Krösus, ob er nach dem Übergang über den Fluss Halys das Reich des Cyrus oder sein eigenes zugrunde richten würde? Und gleichwohl bezahlte der unglückliche Fürst diesen doppelsinnigen Vers mit vielen Tausenden." Indem nach Anfangserfolgen sein eigenes Reich zerfiel und somit zerstört wurde.

An jene historische Reminiszenz wird man erinnert, wenn man im "Wachtturm" Jahrgang 1923 (S. 131) auch lesen konnte:

"Manche sind geneigt, zweifelhaft mit Bezug auf 1925 zu werden, und darum werden sie lauwarm. Aber, Geliebte im Herrn, was für einen Unterschied macht es, ob die Dinge, von denen erwartet wurde, dass sie sich im Jahre 1925 zutragen würden, sich wirklich zutragen oder nicht? Gott wird seine Pläne nicht ändern. Er machte seine Pläne vor langen Zeiten. Er hat keine Fehler gemacht. Er wird seine Pläne ausführen und genau das herbeiführen, was er vorher angeordnet hat. Haben wir uns nicht vor langer Zeit bereit erklärt, seinen Willen zu tun? Dann sollten wir jetzt, und zwar freudigen Herzens sprechen: 'Ich will mich in alles und jedes schicken, was immer dein Wille ist und deine eigene, gute Zeit abwarten, es zuwege zu bringen.

Angenommen aber, dass das Jahr 1925 die ganze Brautklasse jenseits des Vorhangs vorfindet. Wenn ihr auch im Geiste fest an dem Glauben gehalten habt und in eurem Eifer für den König und das Königreich nicht nachgelassen habt, dann werden eure Freuden völlig und vollständig sein. Es ist sicherer, jetzt kein Risiko zu laufen, indem man müde wird, das Rechte zu tun."

Bereits im Jahre 1922 hatte Rutherford auf einer spektakulären Bibelforscherveranstaltung die Parole ausgegeben ("Wachtturm" 1923 S. 27):

"Das Königreich des Himmels ist nahe gekommen; der König regiert; Satans Reich bricht zusammen; Millionen jetzt Lebender werden niemals sterben.

Glaubt ihr es? Glaubt ihr, dass der König der Herrlichkeit gegenwärtig ist, dass er seit 1874 gegenwärtig gewesen ist? Glaubt ihr, dass er während dieser Zeit einen treuen und klugen Knecht gehabt hat, durch welchen er sein Werk leitete und den Haushalt des Glaubens mit geistiger Speise versorgte? Glaubt ihr, dass der Herr jetzt in seinem Tempel ist, die Nationen der Erde richtend? Glaubt ihr, dass der König der Herrlichkeit seine Herrschaft begonnen hat? Dann zurück in das Feld, o ihr Söhne des höchsten Gottes! … Geht mutig vorwärts in dem Kampfe, bis jede Spur Babylons wüst und öde gemacht ist!"

Nicht all und jeden war diese Umstrukturierung der Bibelforscher zu einer Kampforganisation recht. Symptom dafür ist auch jene im "Wachtturm" (1923 S. 134) wiedergegebene Klage:

"Von Zeit zu Zeit hören wir Klagen und Murren von einigen, die dagegen protestieren, dass das Werk von der Gesellschaft nach dem Prinzip der Tüchtigkeit und Leistungsfähigkeit reguliert wird, und die unzufrieden sind, weil immer und immer über den Dienst zu den Freunden gesprochen wird. Um ihre eigenen Worte zu gebrauchen: 'Immerfort ist die Rede vom Dienst und noch einmal Dienst und noch einmal Dienst, und wir haben die Sache satt."

Auch Rutherford selbst sah sich genötigt mal in einem Nebensatz auf diese Sachlage einzugehen. Etwa mit seiner Bemerkung ("Wachtturm " 1923 S. 26):

"Es ist zu einem deutlich ausgeprägten Wechsel im Charakter des Werkes der Herauswahl seit 1918 gekommen. Hier entsteht die Frage. War dieser Wechsel gerechtfertigt? Diejenigen, die einst mit uns gegangen sind, die aber jetzt nicht mehr mit uns gehen, sagen: 'Nein'.

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