Bilderbuch"argumentation"

Zu "Kaisers Zeiten" waren die Grosskirchen Staatskirchen. Als dies nach der Revolution von 1918 nicht mehr der Fall war, trauerte man noch lange "den guten alten Zeiten" nach. Mehr noch. Man war auch politisch interessiert, teilweise auch aktiv. Und es war für diese ewig Gestrigen selbstverständlich - streng rechtskonservativ. Ein Hitler hätte nie ans Ruder kommen können, hätte es diesen geistesgeschichtlichen Hintergrund nicht gegeben.

Aber machen wir eine Rückblende. Noch war der Zeitpunkt der 1918-er Revolution nicht erreicht. Noch waren die Staatskirchen vermeintlicherweise von "Gottes Gnaden" eingesetzt. Nur ärgerlich für diese vermeintlichen Gottesvertreter, dass schon damals die Bibelforscher an ihre, Firnis herumknapperten. Es verstand sich für jene Staatsvertreter mit dem Etikett "Christlich" von selbst, dass man drohend den Zeigefinger erhob. Und was wäre besser dazu angetan als wie eine reißerische Überschrift? Gesagt, getan. So fühlte sich denn der Flugschriftenverlag des Evangelischen Pressverbandes im Jahre 1917 dazu berufen, ein Flugblatt massenhaft verbreiten zu lassen, mit der Überschrift: "Mitchristen, wir warnen euch vor der Vereinigung Ernster Bibelforscher!"

Aus der dortigen Bilderbuch"argumentation" sei nachstehend einiges zitiert:

"Der junge Fremde kramte aus und legte dem Pfarrer vor. Da lagen 6 Bücher 'Schriftstudien' nannten sie sich. ... Daneben wurden andere Schriften, die wie Zeitungsblätter aussahen, ausgebreitet, auch die hatten alle schöne Namen: 'Der Schriftforscher', 'Der Bibelforscher', 'Die Volkskanzel', 'Der Wachtturm und Verkündiger der Gegenwart Christi.'

Der Pfarrer sah darauf hin. Nicht lange tat ers. Dann stand er auf, und seine Augen waren in sichtlicher Erregung auf den Gast gerichtet, als er sprach: 'Da kommt Ihr in unschuldigem Gewand und bringt unter diesem Deckmantel gefährliche Irrlehren unter das Volk und verwirrt die Köpfe und verwirrt die Seelen! Packt ein, was da liegt! Ich will nicht, dass Ihr das in meiner Gemeinde herumtraget! Das ist Gift für die Seelen!' Der andere packte und ging. Das Verbot des Pfarrers war aber zu spät gekommen. Der Fremde war schon von Haus zu Haus gegangen, bevor er zum Pfarrer kam. Und manch frommer Christ, der fleißig seine Bibel las, hatte die Bücher und Schriften gekauft, deren Namen alle so schön klangen, als wollten sie weiter nichts als recht tief einführen in das Verständnis der Heiligen Schrift, und die der Pfarrer doch für so gefährlich hielt.

Vor diesen Schriften müssen wir dich warnen! Achte darauf, ob sie einen der oben genannten Namen tragen! Achte vor allem aber darauf, von wem sie herausgegeben sind! Sie stammen von der 'Internationalen Vereinigung Ernster Bibelforscher', die sich auch 'Wachtturm Bibel- und Traktatgesellschaft' nennt.

Auch diese Namen hören sich so an, als handle es sich hier um einen frommen Verein, der weiter nichts will, als schlicht und einfach die Heilige Schrift fleißig betrachten und auslegen. Das sagen sie auch selbst von sich. Man kann zum Beispiel häufig in ihren Schriften lesen:

'Die Vereinigung Ernster Bibelforscher ist ein völlig zwangloser Zusammenschluss christlich gesinnter Männer und Frauen zur Erlangung tieferer Erkenntnis der in der Bibel geoffenbarten Wahrheiten.' Und auf einem ihrer Werbeblätter steht in großen Buchstaben geschrieben: 'Wir glauben der Bibel.' Diese Worte liest manch frommer Christ und vermeint, daraufhin könne und müsse er der Vereinigung sein ganzes Vertrauen schenken und nimmt nun alles, was in den Schriften der Ernsten Bibelforscher geschrieben steht, hin als Gottes Wort und glaubt es unbesehen. Davor aber müssen wir warnen! Denn in Wahrheit ist nicht alles, was die Ernsten Bibelforscher lehren, aus der Bibel geschöpft, ja, vieles steht so sehr in Widerspruch mit den Lehren der Bibel, dass einer, der, wie die Ernsten Bibelforscher, streng der Bibel glauben will, sich hüten sollte, es zu lehren.

... Die Vereinigung Ernster Bibelforscher vertritt die Ansicht, die staatlichen Obrigkeiten, die nationalen Reiche stammten vom Satan her, und ihre Zeit sei nun zu Ende. In einer großen Revolution würden sie alle vernichtet werden. Mit dem Weltkrieg habe der große Zusammenbruch begonnen.

- Abgesehen davon, dass diese Anschauungen geradezu staatsgefährlich sind - sind sie etwa biblisch? Wir kennen doch das Pauluswort: 'Es ist keine Obrigkeit ohne von Gott; wo aber Obrigkeit ist, die ist von Gott verordnet' (Röm. 13, 1). Sind das wirklich ernste Bibelforscher, die so offenbar das Gegenteil von dem Lehren, was Paulus sagt?"

Angesichts dieser Bilderbuch-Argumentation, fühlt man sich unwillkürlich an Gerhart Hauptmann's "Emanuel Quint" erinnert. In einer dortigen Szene "brlliert" ein nicht untypisch dargestellter Pfarrer auch mit den Sätzen:

"Jetzt erhob sich der Pfarrer in seiner ganzen Länge und Breite vom Stuhl, auf dem er gesessen hatte, sah Emanuel scharf an und sagte mit Ernst und Gewicht: "Bete und arbeite, heißt es, mein lieber Sohn. Gott hat die Menschen in Stände geteilt. Er hat einem jeden Stand seine Last und einem jeden Stand sein Gutes gegeben. Er hat einen jeden Menschen nach seinem Stand und seinem Bildungsgrad in ein Amt gesetzt. Das meinige ist, ein berufener Diener Gottes zu sein.

Nun, als ein berufener Diener Gottes sage ich dir, daß du verführt und auf Irrwegen bist. Ich sage es dir als berufener Diener Gottes. Verstehst du mich? Als einer sage ich das, der in die Pläne und Absichten Gottes durch Amt und Beruf einen tieferen Einblick hat als du. Soll ich vielleicht deinen Hobel führen, mein Sohn, und wolltest du etwa an meiner Statt auf die Kanzel treten? Nun sage mir doch: was hieße denn das? Das hieße Gottes Ordnung mit Füßen treten.


Gerhart Hauptmann's Emanuel Quint"

 

1917er Rückblick zur Zeugen Jehovas-Geschichte

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