Annotationen zu den Zeugen Jehovas

Die Kaiser'sche Wertung von "Hauptirrlehren"

In Heft 43/1908 von "Licht und Leben" liest man die nachfolgende Buchbesprechung bezüglich der Schrift von Friedrich Kaiser: "Die Hauptirrlehren des Millenium-Tagesanbruchs":

Schon seit Jahren entfaltet die Russellsekte eine rührige Propaganda, durch welche nicht nur viele in unangenehmster Weise belästigt, sondern auch manche in ihr Netz gelockt werden.

Der Verfasser hat sich in sehr dankenswerter Weise der Aufgabe unterzogen, eine solche zu schreiben, und beleuchtet darin klar und allgemeinverständlich die Hauptirrlehren des amerikanischen Schwärmers: vor allem seine verkehrten Behauptungen in Bezug auf Christi Person und sein Werk. Ferner die Lehre, daß die menschliche Seele ebenso sterblich sei wie die Tierseele, und also mit dem Tod eigentlich alles aufhöre; zwar wurden im tausendjährigen Reich alle Menschen auferweckt, aber dann werde jedem das Seligwerden ganz leicht gemacht, denn es gebe dann nicht bloß zwei Wege, einen breiten und schmalen, sondern noch einen bequemen Hochweg, auf dem auch die Toren nicht irren könnten. Wer aber auch dann noch widerstrebe, der käme nicht etwa in die ewige Verdammnis, sondern werde vernichtet. Also eine Hölle und ewige Qual gibt es nicht, das ist eine Satanslehre. Ein recht passendes Evangelium für den fleischlichen Sinn! -

Endlich weist der Verfasser auf die Torheit der Russell'schen Rechnereien hin:

1872 sind 6000 Jahre seit Erschaffung der Welt vergangen und hat das 7. Jahrtausend begonnen. 1874 ist Christus wiedergekommen und ist nun durch Russell und seine Sekte gegenwärtig! 1878 hat Er die Aufrichtung seines himmlischen Königreichs begonnen, die Apostel und alle Ueberwinder sind auferstanden als Geistwesen! 1881 ist die Gnadentüre so ziemlich geschlossen und die Kirche verworfen worden. 1914 wird das Tausendjährige Reich völlig aufgerichtet; bis dahin muß die letzte große Trübsal vorüber und alle Geweihten d. h. Anhänger der Sekte, müssen gestorben und in Geistwesen verwandelt sein.

Doch genug dieser Torheiten von denen man nicht denken sollte, daß ein vernünftiger Mensch ihnen glauben schenken könnte. Aber es ist kein Irrtum so groß, er findet seine Anhänger.

So sehr wir dem Verfasser für die Schrift danken, so ist sie doch nach unserer Meinung zu umfangreich (107 Seiten), dabei nicht frei von Wiederholungen. Auch bedauern wir, ihm nicht in allen seinen eschatologischen Ausführungen folgen zu können. In der Hauptsache aber stehen wir ganz auf seiner Seite und können seine Broschüre nur empfehlen.

Um dem erstgenannten Fehler abzuhelfen, hat der Verfasser noch einen Auszug aus dieser Schrift verfertigt unter dem Titel: 'Zions Wachtturm- oder Millenium-Tagesanbruchslehren'. ... Kurz (28 Seiten), und dabei doch das Hauptsächlichste enthaltend kann das Schriftchen zu weiter Verbreitung empfohlen werden. Möchte es vielen gefährdeten Seelen die Augen öffnen."

Soweit "Licht und Leben".

Nun mag es angebracht sein, die größere (107 Seiten) Schrift von Kaiser, etwas näher zu betrachten. Nachstehend einige kommentarlose Auszüge der dort wesentlichen Thesen:

S. 3:

In den letzten Jahren ist in Deutschland eine Anzahl Bücher mit der Ueberschrift "Millenium Tagesanbruch" verbreitet worden.

In diesem Werk sind viele falsche Lehren enthalten; und mancher hat durch das Lesen dieser Bücher Schaden genommen an seiner Seele. Das ganze Werk umfaßt (damals) 5 Bände, und das gefährlichste ist, daß die Irrtümer aufs ganze verteilt und so zwischen bestimmte Wahrheiten eingestreut sind, daß ein jeder sie nicht sogleich entdeckt. Dann findet auch der fleischliche Sinn an manchen dieser Lehren Gefallen und was dem Werke bei vielen noch einen besonderen Sinn verleiht, ist, daß darin alles zugespitzt wird auf die letzten Dinge.

S. 5:

Im Herbst 1874 ist seiner Meinung der Herr wiedergekommen, von da ab ist auch der Ruf erschallt: "der Bräutigam kommt, geht aus, ihm entgegen."

Die Lehre von Christus, wie sie Russell in seinen Büchern vorträgt, ist nicht biblisch

a) Christus ist nach ihm nicht die zweite Person in der Gottheit, eine göttliche Dreieinigkeit gibts nicht (Band V, S. 55).

S. 6:

Obwohl das Wort "Dreieinigkeit Gottes" nicht in der Bibel steht, so ist sie doch nicht unbiblisch.

S. 27:

Wie schon eben angedeutet lehrt R(ussell) auch im Widerspruch mit der heiligen Schrift und dem innersten Bewußtsein der Seele, den Seelenschlaf oder besser den Seelentod.

Was R(ussell) hier lehrt, ist eine Lüge, die vom "Vater der Lüge" stammt. Daß die Menschen nach dem Tode noch existieren, sehen wir deutlich in der Geschichte vom reichen Mann (Luk. 16, 23 ff.).

S. 37:

Für unser Gefühl scheint es freilich hart zu sein, daß die Gottlosen eine ewige Qual erdulden sollen; und der Gedanke, daß solche Bestimmung mit dem Gott der Liebe nicht gut in Einklang zu bringen sei, steigt wohl auf in unserer Seele. Indessen gilt auch hier: "Meine Gedanken sind nicht eure Gedanken." Seine Liebe übersteigt all unsere Erkenntnis, so groß ist sie; aber andererseits ist er auch nicht so sentimental, wie wir ihn uns nach unseren weichen und darum die Sünde irregeleiteten Gefühlen wohl vorstellen. Wenn wir auch nicht verstehen können, wie seine Einrichtungen und Verordnungen im einzelnen mit seiner Barmherzigkeit und Liebe in Übereinstimmung zu bringen sind, so gebührt er uns doch, daß wir uns vor ihm beugen und sein Tun als richtig und gut anerkennen.

S. 38:

R(ussell) irrt sehr darin, daß er meint, die Leute würden sich mehr dem Christentum und der Bibel zuwenden, wenn man die Lehre von der ewigen Qual preisgäbe und an ihrer Statt die Vernichtung der Gottlosen predigte. Seine Auffassung in dieser Beziehung zeugt davon, daß er weder den Menschen noch die Kirchengeschichte richtig kennt. Da, wo man verkündet, daß die Seele nach dem Tode nicht mehr existiert und alle ungerechten und Sünder endlich vernichtet werden, schwindet auf die Dauer alle Furcht vor Gott und der Sünde.

Vor dem kurzen Vernichtungsprozeß werden sich die Menschen, welche die Sünde und das Vergnügen lieben, nicht viel fürchten. Es läuft für die Unbekehrten dann ziemlich auf das hinaus, was die Mehrzahl der Sozialdemokraten und alle Materialisten in dieser Hinsicht von allen Menschen behaupten. Das Sündenleben ist dann nicht mehr so schlimm, und die Folge davon wird sein, daß Unordnung, Zuchtlosigkeit und gottloses Wesen überhand nehmen.

Welch gewaltig erzieherisches Moment in Bezug auf Gottesfurcht, Ordnung und Sitten liegt hingegen im Calvinismus mit seiner Lehre von der Gnade und ewigen Verdammnis!

In Genf, den Niederlanden, England, ja wo die reformierte Lehre besonders Eingang gefunden hat, ist bis auf diesen Tag noch vielfach eine fast mustergültige Zucht und Ordnung zu finden, und die Leute haben im allgemeinen große Ehrfurcht vor Gott und seinem Worte.

Wo aber die Vernichtung der Gottlosen verkündigt wird, werden die Menschen lax und fleischlich und nehmen Schaden dadurch an ihrer Seele, aber wenn man ihnen sagt, daß sie des ewigen Feuers Pein leiden müssen, wenn sie dem Evangelium nicht gehorchen werden, so liegt darin ein Ansporn für sie, etwas, das mächtig auf ihren Willen einwirkt und sie antreiben kann, dem zukünftigen Zorn zu entfliehen.

S. 65:

Und darum ist es nur Torheit, wenn man es macht wie Russell und bestimmt behauptet, daß im Jahre 1872 n. Chr. 6000 Jahre nach Erschaffung der Welt abgelaufen seien.

Dächsel behauptet (dasselbe) im Jahre 1995 1/2

S. 67:

Uebrigens stammt diese Berechnung der Zeit nicht von Russell; schon lange vor dem Erscheinen seiner Bücher hatte man dasselbe gelesen.

G. Guinneß und andere geben auch die Zeiten der Heiden auf 2520 Jahre an und lassen sie ebenfalls bei Nebukadnezar und der Wegführung der Kinder Israels in die babylonische Gefangenschaft beginnen.

Das alles sind aber menschliche Gedanken und Vermutungen; die Heilige Schrift sagt über diese genannten Zeitpunkte und Perioden gar nichts. Nach G. Guinneß fallen die Schlußjahre der sieben Zeiten zwischen 1915 und 34 n. Chr.

S. 87:

Seine große Rechenkunst hat Russell rasend gemacht; Gott möge sich über ihn erbarmen, daß er nüchtern werde, ehe der Zeitpunkt kommt, an dem es offenbar wird, auf welches Fundament er seine Lehren und Thesen gebaut hat. Fast alle, die ähnliche Berechnungen gemacht haben wie Russell, sind damit hereingefallen. Die Adventisten hatten in der ersten Zeit ihre Erwartungen an das Jahr 1844 geknüpft; aber sie wurden ganz und gar damit zu schanden. Sogar der große Bengel hat sich in dieser Beziehung geirrt. Dächsel, G. Guinneß u. a. bezeichnen das Jahr 1897 als die Zeit, in welchem die Zertretung Jerusalems durch die Heiden ihr Ende erreicht haben soll. Dächsel meint freilich, der eigentliche Antichrist würde erst im Jahre 1992 in dem aus dem Totenreich wiederkehrenden Napoleon I. auftreten. Das alles sind unsichere Theorien.

Seit 1897 hat sich schon herausgestellt, daß sie teilweise nicht richtig sind. Die Welt ist nach Dächsels Berechnung im Jahre 4005 v. Chr. erschaffen und 1995 n. Chr., 6000 Jahre nach ihrem Bestehen werde der Weltsabbat anbrechen.

S. 106:

Ich muß sagen, ich habe keine Bücher gelesen, in denen ich so viel Irrtum und Schriftwidriges gefunden habe, wie in diesen. Es ist meine Ueberzeugung, daß die Schriften und Bücher, in denen Gott und Christus öffentlich geleugnet wird, nicht so gefährlich sind wie diese. Es ist Gift darin. Sie haben den Schein der Geistlichkeit aber das Wesen des wahren Christentums verleugnen sie.

1908er Rückblick zur Zeugen Jehovas Geschichte

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